Creepypasta

Anrufe [German Creepypasta]

Das Telefon klingelt

 

Ein nervtötendes Geräusch reißt mich unsanft aus meinem Schlaf. Mein Kopf, der immer noch im Halbschlaf steckt, versucht es angestrengt irgendwo einordnen zu können. Es dauerte eine halbe Ewigkeit bis ich endlich realisierte, dass es sich um mein Telefon handelt. Genervt drehe ich mich zu meinem Wecker. 4:30 Uhr. Wer zur Hölle ruft mich denn um diese Uhrzeit an? Ich beschließe es zu ignorieren. Der Anrufer, so lange es nicht bloß so ein aberlustiger Bastard war, der sich einen Scherz erlaubte, würde Verständnis dafür haben, dass ein vielbeschäftigter Mann wie ich um diese Zeit auch mal etwas Schlaf verdient. Zuerst scheint es nicht wirklich aufhören zu wollen. Geschlagene drei Minuten lässt der Anrufer das Telefon klingeln, bis er schließlich Ruhe gibt. Hoffentlich erinnere ich mich morgen noch daran, die scheiß Melodie umzuändern; Hält ja keiner aus, dieses elektronische Gedudel.
Ich drehe mich noch einmal auf die Seite, um nicht an die Decke starren zu müssen und döse langsam wieder ein.

Eine Stunde später klingelt mein Wecker. Ein mindestens gleichwertig nerviger Ton wie gestern Nacht schleudert mich aus meinen Träumen direkt wieder in den Alltag eines Vollzeitangestellten.
Halb sechs aufstehen. Ins Bad gehen. Fertig machen. Auf dem Weg zum Bahnhof noch beim Bäcker um die Ecke noch ein mageres Frühstück für die Fahrt besorgen. Kurz vor sieben den Zug erwischen und meine letzte halbe Stunde Ruhe genießen, die ich bis zur Mittagspause haben werde.
Jeden Morgen, von Montag bis Freitag, sehe ich, abgesehen von ein paar wenigen Reisenden oder Pennern, immer wieder die selben Personen am Bahnsteig stehen. Sie existieren gerade so neben sich her und keiner traut es sich, den anderen anzusprechen, geschweige denn eines Blickes zu würdigen. Zwei Männer in schwarz grauer Uniform, eine Frau mittleren Alters mit tief hängenden Tränensäcken, die sie vergebens versucht mit übertrieben viel Schminke zu überdecken und ein dicklicher Polizist, jeden Tag mit seiner Packung Donuts unter dem speckigen Arm. Die verdammte Packung ist jedes Mal schon vom Schweiß, den er in seiner Achsel auch schon früh am Morgen mit sich rumträgt, aufgeweicht und ich kann mir nur schwer vorstellen, wie einem bei diesem Gedanke, der Appetit auf das süßliche Gebäck nicht vergehen kann.

Drei Minuten vor Sieben trifft der Zug mit einem lauten Quietschen an meinem Gleis ein und fährt mich innerhalb einer knappen halben Stunde zu meiner Arbeitsstelle.
Ich sitze in einem leeren Abteil und versuche mich bei voll aufgedrehter Musik, die durch meine Kopfhörer in mein Gehörgang dringt, zu entspannen. Mich ein letztes Mal von dem Rest der Welt abzugrenzen und zu isolieren, bevor ich gleich wieder meinem Chef in den fetten Arsch kriechen durfte. Okay, ich muss zugeben, dass ich morgens doch noch etwas schlecht gelaunt bin. Aber wenn man nun seit über zehn Jahren in dem selben Beruf hängt und man sich einfach nicht von der Stelle bewegt, kann einem auch mal morgens die Motivation und der Optimismus abhanden kommen.
Meist legt sich dieses Gefühl der Ausgebranntheit so gegen Mittag. Circa zwei Stunden bevor ich meine Pause habe bin ich wieder besser drauf. Jedenfalls meistens. Dann kaufe ich mir was zu essen in der Cafeteria unserer Firma und verdrücke mich nach draußen, auf irgendeine Bank im städtischen Park.  Genieße die Ruhe, die um diese Zeit dort herrscht, rauche eine oder zwei Zigaretten, je nachdem wie der Tag bis dahin verlaufen ist und mache mich nach dreißig Minuten wieder auf den Weg zurück ins Büro. Ausgelassener und besser gelaunt als noch vor wenigen Stunden zuvor. Meine Kollegen haben über die Jahre, die ich nun schon mit einigen von ihnen zusammenarbeite, dieses Schema erkannt und wissen genau, wann sie mich ansprechen dürfen und wann sie besser einen großen Bogen um mich herum machen sollten.

Neun Uhr Abends. Wieder im Zug. Auf dem Weg nach Hause. Ich komme an und öffne die Haustür. Werfe die Schlüssel in die dafür vorgesehene Schale und kicke meine Schuhe in die Ecke. Meine Frau würde das wahrscheinlich rasend machen, wenn sie das sehen würde, aber Gott sei Dank war sie nun schon seit vier Tagen in einem Spa-Hotel. Nicht, dass ich sie nicht lieben würde, sie ist mein Ein und Alles und genau aus diesem Grund habe ich ihr letzten Monat diesen Gutschein für eine Erholungswoche geschenkt. Wir sind uns in so vielen Dingen ähnlich. Wären wir nicht zufällig in zwei völlig unterschiedlichen Städten geboren. hätte der liebe Gott uns wahrscheinlich zu Zwillingen gemacht. Fast unheimlich.
Nun hatten wir aber das Glück und sind keine Zwillinge geworden. Haben uns während unseres Studiums in Heidelberg kennengelernt und uns ziemlich schnell in einander verliebt. Danach ging es ganz schnell. Ein paar Dates. Der erste Sex und dann nach dem Studium sind wir in eine gemeinsame Wohnung gezogen und haben geheiratet.

Plötzlich reißt mich eine altbekannte Melodie aus meinen schönen Gedanken und ich schaue auf einen kleinen Zettel, der neben der Schüssel mit den Schlüsseln liegt: “Klingelton am Telefon umstellen!”.
Ich seufze kurz auf und folge dem Klang bis in die Abstellkammer. Hier, in diesem kleinen Raum, vollgestellt mit alten Kisten, klingt das Telefon schon ganz anders. Hier herrscht kein Hall, der sich in einem Flur von Wand zu Wand schwingen kann. Die Töne kommen direkt auf dich zu und hämmern unaufhörlich auf dein Trommelfell ein, bis es schließlich eine Art hypnotischen Sound auf dich ausübt. Gefühlte Stunden stehe ich vor der Ladestation und starre gedankenverloren ins Nichts. Eigentlich starre ich auf das Telefon, dessen kleiner Bildschirm ein leichtes Licht in die Dunkelheit abgibt, aber das realisiere ich im Moment gar nicht. Schließlich hört das Klingeln auf und mit ihm der Tranceartige Zustand in dem ich mich befand. Irgendwas hat mich davon abgehalten, nach dem Telefon zu greifen und den Anruf entgegenzunehmen. Mir läuft ein kalter Schauer über den Rücken, bei dem Gedanken daran, dermaßen die Kontrolle über meinen Körper verloren zu haben. Und allmählich, ohne bestimmten Grund, fühle ich mich beobachtet in diesem kleinen Raum, ganz ohne Fenster oder Licht. Ich entscheide mich dafür, dass es wohl besser wäre, wenn ich mich für heute einfach ins Bett lege und versuche einzuschlafen. Die Melodie des Telefons stelle ich wieder nicht um.

Es ist Nacht und ich blicke angestrengt in die Dunkelheit. Irgendwas hat mich geweckt und ich weiß nicht was. Totenstille. Mich beschleicht wieder das unangenehme Gefühl des Beobachtung, also rücke ich auf die andere Seite des Bettes, wo jetzt normalerweise meine Frau schlafen würde. Hier habe ich die Wand im Rücken, deren Kühle mich ein wenig beruhigt und mich nach kurzer Zeit wieder einschlafen lässt.

Am nächsten Tag überlege ich was mich in der letzten Nacht geweckt haben könnte. Es ist Samstag, so muss ich wenigstens nicht zur Arbeit und kann den heutigen Tag für meine privaten Angelegenheiten nutzen. Zum Beispiel darüber nachzudenken, was mich geweckt hatte, oder das Telefon umstellen… Das Telefon. Schnell bewegte ich mich wieder in die kleine Abstellkammer und schaue mich im Dunklen nach dem Apparat um. Und tatsächlich, ein kleines rotes Lämpchen, dass unaufhörlich vor sich her blinkt, verrät mir, dass mich gestern jemand versuchen haben musste anzurufen. Schon wieder. Ein Blick auf das Display und ich konnte die Uhrzeit ablesen: 5:00 Uhr. Wieder mitten in der Nacht. Und während ich gedankenverloren auf das Telefon starre, fängt es plötzlich an zu vibrieren. Fast wie ein Schlag trifft es mic und ich lasse es vor Schreck auf den Boden fallen. Jetzt setzt auch wieder diese nervtötende Melodie ein. Ich schaue nach unten, wo sich das Ding wild um sich selbst dreht, angetrieben von den Vibrationen, die offensichtlich viel zu stark eingestellt waren. Immer noch der gleiche Klingelton.
Allmählich spüre ich Wut in mir aufkommen, die sich langsam zu einer Aggression ausbildete. Ich balle meine Fäuste unbewusst zusammen und spüre, wie meine Ader am Hals heftig beginnt zu pulsieren.
“FUCK!” Ein Aufschrei direkt gegen die Wand vor mir. Ich schlage dagegen und fühle etwas in meiner Hand brechen. Kurz darauf ein kalter, zuckender Schmerz, der sich bis zu meiner Schulter hochzieht. Ich fluche erneut und versuche mit der anderen Hand das Telefon zu greifen.
Ein höllisches Echo breitet sich währenddessen in meinem Kopf aus, welches versuchen zu schien mich davon abzuhalten nach dem Hörer zu greifen. Ich lasse mich schließlich auf die Knie fallen und presse meine Hand auf das immer noch vibrierende Gerät. Es raubte mir mehr Kraft, als es so ein einfacher Akt eigentlich sollte und ich bin kurz davor den Anruf einfach ein weiteres Mal vorrübergehen zu lassen.
Aber was wenn es etwas wichtiges war? Es musste etwas wichtiges sein. Warum sonst sollte man mich ununterbrochen versuchen anzurufen; Selbst spät in der Nacht.
Schließlich gelingt es mir meinen Daumen auf die grüne Taste zu drücken und den Anruf endlich entgegenzunehmen.
Völlig außer Atem flüstere ich in die plötzliche Stille ein leises “Ja?”.

Angespannt warte ich auf eine Antwort, doch es kam keine. Fünf Minuten vergehen, bis ich letztendlich das Telefon kraftlos fallen lasse und beginne zu weinen. Tränen der Erschöpfung rinnen mir unkontrollierbar das Gesicht herunter und ich beginne mich für mein kindisches Verhalten zu schämen.

Das Telefon klingelt. Das Telefon klingelt und ich spüre wieder die Wut in mir aufsteigen. Irgendjemand will mich da verarschen und macht sich einen Spaß daraus mich in den Wahnsinn zu treiben. Ich reiße das Telefon an meinen Kopf und schreie in den Hörer “Was?!”.
Zu meinem Erstaunen meldet sich diesmal eine Stimme. Aufgebracht und ängstlich stottert sie in mein Ohr: “Daniel? Ich spreche doch mit Daniel Bruch, oder?” Verwirrt stimme ich zu. “Es tut mir leid ihnen das mitteilen zu müssen, aber ihre Frau… Ihre Frau ist leider gestorben. Ich habe sie versucht anzurufen, aber bestimmte Umstände hatten es etwas verkompliziert, sodass es mir erst jetzt gelingt mit ihnen zu sprechen.” Ich bin sprachlos. Sage kein Wort. “Daniel? Daniel?” Die Stimme kommt mir so bekannt vor. Ich habe sie schon viele Male gehört, nur will mir nicht einfallen wo. “Mister Bruch?” Meine Frau soll gestorben sein? Ich lege auf, ohne auch nur etwas zu erwidern und wähle die Handynummer meiner Frau. Ich lasse es vier Mal klingeln. Ich will gerade auflegen, als ich eine warme, feminine Stimme höre: “Hier Linda, wer spricht da?” Mein Herz blieb für einen kurzen Augenblick stehen. Ein Lachen entgleitet mir aus dem Hals und ich kann es nicht verhindern. Will es nicht verhindern.
“Daniel?”, höre ich meine Frau verwirrt zu mir sagen. Ich erhole mich langsam von meinem Anfall und wische mir mit meiner zertrümmerten Hand die Tränen aus dem Gesicht.
“Geht es dir gut, Schatz?”, frage ich sie erleichtert.
“Ja, natürlich. Ich packe gerade meine Sachen. Morgen früh geht mein Flieger. Was ist denn passiert?” “Ach, nichts. Nur ein Missverständnis.” Ich lege auf mit dem Wissen sie vielleicht etwas verwirrt, oder gar besorgt gemacht zu haben, aber das war mir jetzt egal.
Aus irgendeinem Grund hatte der Anruf von vorhin in mir eine so große Panik in mir ausgelöst, dass ich jetzt nur noch erleichtert zu Boden sacke.

Ich denke nach. Über den Anruf. Über die Stimme. Als mir auf einmal was auffällt.
Erschrocken fahre ich hoch und starre auf den Bildschirm des Telefons. Eingegangene Anrufe: 31. 4. 15:12 Uhr. Ich schaue auf die kleine Datumsanzeige, oben rechts am Display: 30. 4. Mir wird schwarz vor Augen. Ich höre plötzlich die gleiche Stimme die mich vorhin noch angerufen hatte… Wie sie ein ächzendes Stöhnen von sich gibt, kurz bevor ich in Ohnmacht falle.

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