ClassicGeisteskrankheitLangMord

Ashes to Ashes – 1

Was hier passiert: Das Feuer macht seinen ersten Auftritt

Teil 1.1
Etwas Warmes fließt über mein Gesicht, in meine Augen, schneidet meinen Blick von der Außenwelt ab. Dafür kann ich hören und spüren, was um mich herum passiert: Die Welt steht in Flammen, und das Feuer kreischt.
Mein Arm klemmt unter meinem Körper fest, und mein Körper ist unter etwas Schwerem begraben. Mein Herz pocht schnell und hart gegen meinen Brustkorb. Ich will mich hochheben, mich befreien, aber meine Glieder gehorchen nicht. Stattdessen liege ich da, das Gesicht in den Boden gepresst, und höre dem Feuer beim Kreischen zu. Die Flammen klammern sich an meine Haare, meine Kleidung, alles, was brennt. Ich kann nur verzweifelt versuchen, mich zu bewegen, und den Schmerz ertragen.

Ein zweites Geräusch mischt sich unter das Kreischen. Erst ist es bloß ein dumpfes Brummen, doch ich erkenne es, während es lauter wird: Räder auf einer Straße. Es verstummt, kurz bevor es zu laut wird. Die Tür eines Wagens öffnet sich, dann ertönen gehetzte Stimmen. Etwas sagt mir, dass ich mich beruhigen kann, dass gleich Hilfe kommt.
Ich blinzle das warme Blut aus meinen Augen. Das Kreischen wird leiser, dann wieder lauter, schwillt ab und an, als würde es sich nicht entscheiden können.
Ich hebe meinen Kopf, und sehe Licht.

Teil 1.2
Ich hätte mir nie gedacht, dass ich jemals so schwer sein könnte. Meine Finger und Zehen, Arme und Beine, ich kann sie alle spüren, aber sie lassen sich einfach nicht bewegen. Sie hängen an meinem Körper wie nutzlose Gewichte, und halten mich an Ort und Stelle fest.
Zugegeben, es gibt schlimmere Orte, an denen man festsitzen kann. Ich liege weich, das Feuer ist gelöscht, jemand hat das Blut aus meinen Augen gewischt, und das Kreischen, obwohl es noch da ist, ist leiser geworden.

Während ich daliege, erwachen eine Handvoll Geräusche zum Leben. Erst ein wiederkommendes Piepen, dann Schritte, dann ein Klicken, eine leise Stimme, die Unverständliches sagt. Jemand berührt meinen Arm, meine Hand.
Ich kann meine Augenlider aufzwängen, und starre weiterer Dunkelheit entgegen, aber der Rest meines Körpers weigert sich weiterhin, sich zu bewegen. Ich will der Person sagen, dass ich wach bin, dass sie die Augenbinde von meinem Gesicht nehmen soll. Aber es passiert nichts davon; stattdessen fließt etwas Kühles in meine Venen, das mich müde macht. Ich kämpfe dagegen an, doch die Schwärze verschluckt mich schließlich trotzdem.

Irgendwann bin ich wieder wach. Ich spüre etwas unter meinen Fingern, bin mir aber nicht sicher, was. Mein Körper fühlt sich seltsam taub an, aber dafür ist die Schwere verschwunden. Das honigzähe Delirium zerrt an mir, will mich zurück in den Schlaf zwingen. Widerspenstig spanne ich alle meine Muskeln an, und schaffe es so, meinen Kopf zur Seite zu drehen. Die Dunkelheit bleibt.
Stimmengewirr erhebt sich. Anfangs ist alles zu konfus, um es zu verstehen, und das Kreischen in meinen Ohren, das immer noch nicht weg ist, macht es nicht gerade leichter. Ich hebe die Hand, um die Augenbinde abzunehmen, und die Stimmen werden lauter.
„Bleib liegen”, sagt eine davon. Die Frau hört sich an, als wäre sie Kilometer entfernt. „Du solltest dich schonen. Du hast viel durchgemacht.”
Als ich meine Finger unter die Augenbinde hake, fängt meine Haut dort an zu brennen, rau und heiß und gereizt. Ich schaffe es gerade noch so, die Augenbinde hochzuheben, bevor ein Griff mein Handgelenk umschließt. Die Welt hinter dem Stoff ist hell, es sticht in meinem Auge.
„Leg dich wieder hin”, sagt die Stimme wieder, „Ich weiß, du bist verwirrt. Wir erklären dir morgen alles.”
Sie drückt mich wieder in die Matratze zurück, und die Augenbinde schickt mich zurück ins Schwarz. Obwohl ich nichts mehr berühre, brennen meine Handgelenke und meine Fingerspitzen. Die Dunkelheit ist hartnäckig, legt ihre Hand über meine Augen, und ich sinke.

Etwas leuchtet vor mir in der Dunkelheit. Ein Funke, dann eine Kerzenflamme. Ich strecke die Hand danach aus. Sie wird größer, je näher ihr meine Fingerspitzen kommen. Die Hitze, die davon ausgeht, prickelt angenehm auf meiner Haut inmitten all der Kälte.
Die Flamme zischt, flackert, wächst. Ich halte ein Lagerfeuer in meinen Händen, das kein Holz und keine Kohle hat. Das Feuer klettert weiter, frisst sich in die Dunkelheit hinein, bis ein Inferno von meinen Fingern tropft und sich im Nichts vor mir aufrichtet.
Ein Kopf löst sich aus dem Chaos. Inmitten von Rot und Gelb lösen sich zwei Münder, und als ich verstehe, was vor mir steht, fange ich an zu schreien.

Ich zucke hoch. Meine Rippen knacken, der Schmerz drückt mir die Luft aus den Lungen. Ich keuche auf, krümme mich, bis das spitze Stechen in meinem Brustkorb vergeht.
Mein Kopf ist klar, und zum ersten Mal bemerke ich, wie verdammt eng der Verband um mein Gesicht gewickelt ist. Blut donnert in meinen Ohren, und unter dem Kreischen, das in Wellen lauter wird, ertönt zeitgleich ein hastiges Piepen.
Ich kralle mich in den Verband und zerre daran, bis ich kalte Luft an meinen Lippen spüre. Gierig und verzweifelt atme ich durch, bevor wieder jemand meine Handgelenke umfassen kann. Ich hake meine Finger, die immer noch brennen, unter den Rest der Verbände, und ziehe sie über meinen Kopf.
Das erwartete weiße Stechen kommt nicht. Stattdessen ist das Zimmer in Schwarz-, Grau- und Blautöne getaucht. Kleine gelbe Streifen sind auf den Boden gepinselt, und ich finde einen Moment später ihre Quelle als eine Straßenlampe hinter zugezogenen Jalousien. In ihrem Licht erkenne die Umrisse einer Matratze, meiner eigenen Füße unter einer Decke, und eines leeren Krankenbetts am anderen Ende des Raumes.
Als ich aufstehen möchte zieht etwas an meinem Arm. Ich kneife die Augen zusammen, und erkenne Schläuche, die zu einem Beutel IV-Flüssigkeit an einem Ständer führen. Daneben ein Herzmonitor, dessen Piepen sich mit jedem meiner Atemzüge verlangsamt.

Ich klappe das Geländer an der Seite des Bettes ein und zerre schwerfällig meine Füße über den Rand der Matratze. Der Stoff meines Shirts und meiner Hose fühlt sich an meinem Körper wie Sandpapier an. Von Knöchel zu Oberschenkel und Fingerspitze zu Schulter sind Pflaster und Verbände, und überall, wo das dunkle Bronze meiner Haut noch sichtbar ist, sind kleine Narben, alte, weiße, und neue, rötliche. Verzweifelt versuche ich mich daran zu erinnern, woher sie kommen, aber nichts antwortet in meinem Kopf.
Ich steige aus dem Bett, meine Beine zittern unter meinem eigenen Gewicht und knicken sofort unter mir ein. Schwerfällig lande ich auf allen vieren, meine Knie geschunden und meine Arme und Beine zu schwach.
Wie lange habe ich geschlafen?

Obwohl meine Muskeln dabei schreien, zwinge ich mich auf die Beine. Ich zerre den Ständer mit der IV-Flüssigkeit hinter mir her und hinke langsam zum Fenster, ziehe die Jalousie auf, und stehe einer verlassenen Straße zwei Stockwerke über dem Boden gegenüber.
Jetzt, wo das Licht das Zimmer durchflutet, kann ich zwei Türen erkennen. Ich gehe zur ersten und öffne sie leise, doch sie führt auf einen gut belichteten Flur, auf dem mehrere Krankenpfleger herumgehen, also schließe ich sie wieder und wende mich der zweiten zu. Sie führt in ein Badezimmer, und erst als ich das Waschbecken sehe, wird mir bewusst, wie durstig ich bin. Umständlich zwänge ich den IV-Ständer durch den Türrahmen, und trinke, bis mir schlecht wird.
Ich hebe den Kopf. Mir starrt ein dürres Mädchen mit dunkelbraunen Haaren entgegen, die auf kaum einen Millimeter abrasiert wurden. Getrocknetes Blut hängt an ihrem Skalp. Über ihre rechte Gesichtshälfte zieht sich eine wulstige, frisch genähte Narbe, von ihrer Wange über das Auge zum Nasenrücken. Ihre grauen Augen sind gerötet, müde, und ihr rechtes ist erblindet.
Begriffsstutzig hebe ich die Hand vor mein rechtes Auge. Das Mädchen tut es mir gleich. Die Narbe pulsiert hinter meinem geistigen Auge. Erinnerungen erwachen wie ein im Schlaf gestörtes Monster, atmen drohende, heiße Luft, und ich kneife die Augen zu, bevor sie erwachen können.
Bullshit, denke ich. Ich bin in einem Krankenhaus, der Boden ist kalt und ich habe keine Socken an.
Ich zwänge ich den IV-Ständer durch den Türrahmen, lasse absichtlich dem Mädchen im Spiegel den Rücken zugekehrt, und krieche zurück ins Bett.

Teil 1.3
„Verdammt, wieso reißen die immer ihre Verbände runter?!”
Eigentlich bin ich wach, und verstehe auch, worüber der Krankenpfleger schimpft, aber der Ton seiner Stimme überzeugt mich davon, dass ich lieber so tun sollte, als würde ich schlafen. Ich werfe einen flüchtigen Blick auf den Pfleger, der am Fußende meines Bettes steht.
„Sie war verwirrt. Sind sie alle. Ist nicht so, als hättest du ihr’s verboten”, antwortet eine Krankenschwester, die gerade die Jalousien zur Seite zieht.
Der Krankenpfleger dreht sich zu mir und erwischt mich wach. Überraschenderweise lächelt er mich an, und seine Tonlage ist freundlich.
„Guten Morgen”, sagt er, und wirft einen kurzen Blick auf den Monitor neben meinem Bett. Ich setze mich auf, doch als ich meinen Kopf von dem Kissen hebe, bleibe ich kleben. Vorsichtig schäle ich den Bezug von meinem Gesicht- ich habe ihn über die Nacht vollgeblutet.
„Hier”, sagt die Krankenschwester, nimmt mir das blutige Kissen ab und reicht mir ein neues. „Hast du irgendwo Schmerzen?”, fragt sie. Überall, denke ich, und schüttle den Kopf.
„Kannst du dich bewegen? Arme, Beine, alle Finger?” Ich nicke. „Gut. Ich sieh zu, dass heute schon der Venflon rausgenommen wird. Dann kannst du dich wieder richtig bewegen, ohne die ganzen Schläuche.”
Ich spüre eine Berührung am Arm und zucke zusammen. Der Pfleger sieht meine Verbände an, wahrscheinlich um nach anderen Blutungen zu suchen.
Mir liegt eine Frage auf der Zunge, die ich herunterschlucke. Mir war bereits bewusst, dass die Wunden von irgendwo herkommen müssen, aber ich kann mich einfach nicht erinnern, was passiert ist. Das Einzige, was in meinem Kopf antwortet, ist die verschwommene Schwärze hinter dem Verband.

„Das Krankenhaus hat dir einen Psychiater zugestellt. Du kannst wahrscheinlich heute schon mit ihm reden, damit du alles, was passiert ist, gut verarbeiten kannst”, sagt der Krankenpfleger langsam und nickt dabei übertrieben. Ich frage nicht nach, was genau ich verarbeiten soll. Stattdessen wundere ich mich nur- irritiert, möchte ich anmerken- wieso sie mit mir reden, als wäre ich entweder vier Jahre alt oder todkrank.

Teil 1.4
Der Psychiater kann sich nicht entscheiden, ob er reden möchte oder nicht. Hin und wieder holt er tief Luft, als würde er zum Sprechen ansetzen, aber dann atmet er sie wieder aus, nimmt den Kugelschreiber von seinem Schreibtisch, und macht sich Notizen in schmieriger Handschrift auf seinen Unterlagen. Es läuft bereits seit einer Viertelstunde so.
Das Tonband in der Mitte des Raumes surrt. Er hat es bereits vor einer Weile angeschalten, aber noch ist nichts passiert, das es wert wäre, aufzunehmen.
Ich zupfe an einem der Pflaster herum, die auf meiner Hand kleben. Die Ecke hat sich vor einer Weile gelöst, und seitdem kann ich es nicht mehr in Ruhe lassen.
Der Psychiater holt wieder tief Luft und legt seinen Kugelschreiber zur Seite, nur dieses Mal entscheidet er sich fürs Reden.
„Mein Name ist Dr. Whitaker. Ich bin Psychiater, und dafür zuständig, mit Patienten zu sprechen und ihre Traumata durch frühe therapeutische Sitzungen zu vermindern. Solange Sie behandelt werden, stehe ich zur Verfügung, aber nach Ihrer Entlassung ist es Ihre Verantwortung oder die eines Vormunds, die Therapiesitzungen bei einem anderen Spezialisten fortzusetzen.”
Es fühlt sich seltsam an, gesiezt zu werden. Er sagt den gesamten Paragraph in einem Atemzug, ohne dabei zu stottern oder zu überlegen. Dann sieht er mich erwartend an, seine Pupillen spähen über den Rand seiner Brille hinweg auf mich herunter. Einige Sekunden Stille streichen vorbei, dann seufzt er.
„Wenn du an den Unfall zurückdenkst, was ist das Erste, das vor deinem… inneren Auge, nennen wir’s so, auftaucht?”
Ich blinzle ihn an. „Welcher-“, krächze ich schwach. Meine Stimme bricht ab. Ich räuspere mich, und wiederhole, „Welcher Unfall?”
„Dachte ich mir schon…”, murrt er, und hakt etwas an seinen Unterlagen ab, „Während Gefahrensituationen kann das Gehirn Erinnerungen, die es nicht verarbeiten kann, unterdrücken. Ich meine, was das früheste ist, an das du dich erinnern kannst. Bist du ins Auto gestiegen, hast du mit jemandem geredet…?”
Es wird still zwischen uns, während ich überlege.
Etwas Größeres als Angst kocht in meiner Brust. Die Erinnerung will sich an die Oberfläche kämpfen, droht, sich zu einer Welle aufzutürmen, die auf mich einstürzt. Ich unterdrücke den Geschmack, der sich nicht zwischen der Bitterkeit der Asche und dem warmen Film von Blut auf meiner Zunge entscheiden kann, und zwänge die Eindrücke wieder hinunter.
„Schwärze”, sage ich langsam.
Dr. Whitaker seufzt. „Und davor?”, fragt er.
Ich schüttle den Kopf.
Dr. Whitakers genervte Langeweile verformt sich und verfliegt. Er lehnt er sich vor, Interesse auf seinem Gesicht widergespiegelt.
„Hat dich hier schon jemand nach deinem Namen gefragt?”, fragt er mich.
Ich schüttle wieder den Kopf.
„Wie heißt du denn?”
Einige hohle Momente lang starre ich auf den Boden zwischen meinen Zehenspitzen. Dann gebe ich leise zu, „Ich weiß es nicht.”
„Und ich nehme an, dass die Namen deiner Eltern oder Geschwister kennst du auch nicht.”
„Ich hab Geschwister?”
Dr. Whitaker lächelt, aber es sieht gezwungen aus. „Du hattest einen Bruder.”
„…hatte?”
Sein Lächeln bröckelt, und alles, was bleibt, ist das Mitleid.
„Du… du hattest ein schweres Schädel-Hirn-Trauma, eine gebrochene Wirbelsäule, breitflächige Verbrennungen, innere Blutungen, mehrere gebrochene Knochen, und…”, sagt er und gestikuliert vor seinem Auge herum, „Du warst zwölf Tage lang im Koma, und wir waren uns nicht einmal sicher, ob du wieder aufwachst.” Er presst die Lippen zu einem dünnen Strich zusammen. „Deine Familie hatte nicht so viel Glück.”
Inmitten des Raums, der für Bequemlichkeit zu leer ist, fühlt sich plötzlich alles unwirklich an. Ich habe das Gefühl, dass mir schwindlig sein sollte. Die Außenwelt scheint wie eine lächerliche Imitation, wie eine schlechte Fälschung, aber ich könnte nicht sagen, was anders ist.
Die Stille ist zu laut, und erst einige Sekunden später bekomme ich mit, dass Dr. Whitaker etwas gesagt hat.
„…was?”
„Du hast wahrscheinlich retrograde Amnesie. Wegen deinem Schädel-Hirn-Trauma kann es passiert sein, dass du dich nicht mehr daran erinnerst, was vor dem Unfall passiert ist.”
Ich nicke. Mein Kopf schwirrt. Ich höre zwar, was Dr. Whitaker sagt, aber es kommt nicht an. Mir ist speiübel.
Dr. Whitaker legt eine Hand auf meine, und seine Lippen formen Worte. Sie bedeuten wahrscheinlich etwas anderes, etwas Wichtiges, aber in meinem Kopf hallt bloß Deine Familie hatte nicht so viel Glück, immer und immer wieder.
Ich senke meinen Kopf und fahre mir mit der Handfläche über das Gesicht. Ich schwitze stark. Seit wann ist mir so kalt?
„Ich muss kotzen.”

Whitaker drückt auf einen Rufknopf hinter ihm, während ich versuche, mich zwischen trockenem Würgen zusammenzureißen. Eine Krankenschwester betritt das Besprechungszimmer, und Dr. Whitaker sagt etwas, und sie antwortet, und irgendjemand drückt mir einen Kübel in die Hände, und dann verliere ich das, was ich heute Morgen erst gegessen habe.
Die Krankenschwester streichelt mir über den Rücken, bis ich wieder Luft bekomme.
„Ich glaube, das ist genug für heute…”, seufzt sie.

Deine Familie hatte nicht so viel Glück.
Ich kann keine Gesichter mit ihnen verbinden, aber ich erinnere mich an Gelächter. Sie sind weg. Tot. Für einen Moment zwängt sich mir das Bild von Feuer, von Blut und Glasscherben auf. Ich kneife die Augen zusammen und schüttle den Kopf, bis es endlich weggeht. Das Klingeln in meinen Ohren wird lauter.

Die Krankenschwester hilft mir auf und führt mich zurück in das Krankenzimmer, wo sie mich auf das Bett setzt.
„Ruh dich aus. Es war ein bisschen viel auf einmal”, sagt sie besorgt. Ich nicke nur geistesabwesend. Sie verlässt den Raum.
Ich falle in die Kissen und starre passiv den Rand der Matratze an. Mein Mund schmeckt zwar widerlich, aber meine Glieder weigern sich, sich zu bewegen, also vergrabe ich meinen Kopf in den Kissen, bis mich die Erschöpfung einholt.

Teil 1.5
Die Räume des Hospitals sehen alle gleich aus. Alle mit weißen Wänden, gekacheltem Boden, und demselben, sterilen Geruch. Das einzige, was sich jedes Mal verändert, sind die Maschinen.
Bei der Ersten haben ein Arzt und ein Assistent Kabel an meinen Körper geklebt. Die Sonden waren eiskalt, und ich habe die Ergebnisse nicht verstanden, aber anscheinend wollten sie sichergehen, dass meine Amnesie das Einzige ist, was mit meinem Gehirn schiefgelaufen ist.
Die zweite Maschine war weitaus interessanter als die erste. Zuerst hat eine Ärztin die Strecke von meiner linken Schulter bis zur linken Fingerspitze des Mittelfingers gemessen; dann hat sie Nadeln an Anfang und Ende der Strecke gesteckt. Dann dasselbe bei der rechten Schulter und Fingerspitze; dann im Nacken an meinem Haaransatz und an meinem Steißbein.
Mir ist aufgefallen, dass ich viele Muttermale auf meinen Schultern und Armen habe.

Nachdem ich in mein Krankenzimmer zurückgeschickt werde, habe ich kaum Zeit, mich hinzusetzen, bevor jemand am Türrahmen anklopft und mit rauer Stimme „Hallo?” ruft.
Mit den grauen Strähnen in den Haaren würde ich ihn auf um die fünfzig schätzen. Er wird von einem der Krankenpfleger begleitet, die sich in den letzten Tagen hin und wieder um mich gekümmert haben.
„Officer Davis”, sagt er und zeigt sein Abzeichen her, „Ich soll dich eskortieren.”
Er wirft einen kurzen, fragenden Blick auf den Krankenpfleger. „Das ist doch die Namenlose, nicht?”, fragt er leise. Der Pfleger nickt.
„Wohin?”, frage ich ihn. Er verschränkt die Arme und trommelt mit den Fingern auf seinem Oberarm herum.
„Dr. Whitaker meint, es ist besser, wenn du in ein Jugendheim kommst”, antwortet der Krankenpfleger, „Außerdem können wir dich ja nicht ewig hier festhalten”, witzelt er. Officer Davis nickt zustimmend und deutet mir, aufzustehen. Ich rutsche vom Bett und folge ihm auf den Flur.
„Tschüss, Kurze!”, ruft eine der Krankenschwestern mir hinterher. Einer der Ärzte winkt mir zu. Ich winke zurück.

Die Korridore sind lang und sterilweiß, wie der Rest des Krankenhauses. Unter unseren Schritten wiederholt sich dasselbe Muster von grauweißen Fliesen, in denen sich die Neonröhren spiegeln, die immer etwas zu hell fürs Auge sind. Wir gehen an Zimmern und Pflegern und Ärzten vorbei, bis wir einem Ausgang ankommen und auf den Parkplatz gehen.
Die Sonne trifft mich wie ein Schlag ins Gesicht, die Hitze folgt gleich darauf. Nach so langer Zeit in monotonen Zimmern unter künstlichen Lichtern fühlt es sich seltsam an, draußen zu sein.
„Kommst du?”, ruft Officer Davis mir zu, an die geöffnete Autotür eines Polizeiautos gelehnt.

Für die ersten zehn Minuten ist es aufregend, zum ersten Mal- ich nehme an, zum ersten Mal- in einem Polizeiwagen zu sitzen. Zwar nicht hinten, hinter dem Gitter, wo normalerweise die Kriminellen sitzen, aber die Nahansicht der ganzen Knöpfe, des Radios mit dem Funkgerät und der verstohlene Blick in das Handschuhfach, wo Handschellen und Munition liegen, machen es allemal wett. Während Officer Davis einsteigt, drehe ich mich auf dem Sitz kniend um, und sehe durch das Gitter zur Rückbank. Der Geruch nach Kupfer und die rostbraunen Flecken auf einem der Sitze und auf dem Gitter verraten mir, wieso ich vorne sitze.

Vor dem Gelände steht eine kleine Ansammlung an Leuten mit Kameras und Mikrophonen, Schreibblöcken und Stiften. Ein Lichhagel aus Kamerablitzen schlägt auf uns ein. Jeder Lichtblitz tut mir in den Augen weh, ich halte den Arm davor und versuche, die Gesichter der Leute zu erkennen. Wieso dürfen sie überhaupt Fotos von mir machen?
„Keine Sorge. Die Scheiben sind getönt. Muss schon ein guter Schuss sein, damit die das verkaufen können”, sagt Officer Davis, und zieht aus dem Parkplatz.
„Wer sind die Leute?”, frage ich ihn.
Er sieht genervt aus dem Fenster den Personen entgegen, und hupt zwei von ihnen an, die am Fußgängerübergang stehengeblieben sind.
„Presse-Arschlöcher”, knurrt er, und beschleunigt.
Die Stadt zieht in einem nahtlosen Band an uns vorüber. Wir brauchen etwa zwanzig Minuten, bis das Auto stehenbleibt, und Officer Davis aussteigt. Ich folge ihm.

Das Jugendheim sieht unscheinbar aus, nur ein Gebäude inmitten von hunderten anderen. Würde kein Gelächter und die Stimmen von mehreren Kindern auf einmal durch die offenen Fenster kommen, wäre es nicht zu unterscheiden gewesen. Die Tür öffnet sich mit einem lauten Quietschen, und Officer Davis klopft an den Türrahmen, wie er es im Krankenhaus getan hat.
Einige der Kinder, die meisten wahrscheinlich kaum älter als sechs oder sieben, bleiben auf ihrem Weg durch die Korridore stehen und bestaunen Officer Davis’ Uniform. Einige kommen näher, aber die meisten starren aus der Ferne.

„Officer Davis?” Eine füllige, ältere Dame mit grauen Strähnen in ihren schwarzen Haaren kommt aus einem der Nebenräume, ein höfliches, aber reserviertes Lächeln auf ihrem Gesicht. Sobald sie den Flur betritt sind die Kinder aus ihrer staunenden Trance gelöst, und gehen wieder ihren tagtäglichen Aktivitäten nach.
„Wir haben telefoniert. Ms. Elsie”, stellt sich die Dame vor, und schüttelt seine Hand.
„Und wie darf ich dich nennen, Kleine?”
Officer Davis schüttelt den Kopf und antwortet an meiner Stelle, „Angeblich ein heikles Thema. Sie weiß es auch nicht.”
Ms. Elsie sieht ihn verwirrt an.
„Amnesie. Sie hat angeblich einen- oder zwei- ziemlich üble Schläge auf den Kopf abbekommen. Seitdem…”
„Oh… braucht man für so etwas nicht einen Therapeuten?”
„Eigentlich schon.”
„Muss ich das bezahlen? Die Förderungen sind so schon kaum genug.”
„Hören Sie, ich bin nur hier, um die Kleine abzuliefern.”

Der uralte, zerkratzte Holzboden, die beige verputzten Wände und die identischen Türen am Korridor schaffen es nicht lange, meine Aufmerksamkeit auf sich zu halten. Ich verliere das Interesse an ihrem Gespräch komplett, als ich bemerke, dass einer der Zuschauer geblieben ist. Ein Mädchen mit braunen Haaren, das etwa so alt ist wie ich. Sie starrt aber nicht Officer Davis an, sondern mich. Zögerlich hebt sie ihre Hand, und als ich zurückwinke, breitet sich ein riesiges Grinsen auf ihrem Gesicht aus.
Officer Davis und Ms. Elsie diskutieren immer noch über Förderungsraten, und ich entscheide prompt, dass mir langweilig ist. Ich schleiche an Ms. Elsie vorbei, aber selbst wenn ich gestampft wäre, hätte sie mich nicht bemerkt.

„Bist du die von der Zeitung? No-Name?”, platzt das Mädchen sofort heraus.
„…dir auch Hallo”, sage ich.
„Ich heiß Jenny”, sagt sie, „Bist du’s? Oder nicht?”
„Ich… No-Name?”
Sie deutet mir, ich soll ihr folgen, und geht in eines der angrenzenden Zimmer. Es ist ein großer Aufenthaltsraum, der mit kleinen Gruppen von Kindern befüllt ist. Manche sitzen an Tischen und spielen Karten- oder Brettspiele, andere sitzen auf dem Boden, einige stehen redend herum. Jenny nimmt eine Zeitung von einem der Bücherregale, die an die Wände geschoben stehen, und deutet auf einen Artikel.
WUNDERMÄDCHEN NO-NAME IST AUFGEWACHT
„Die Presse hat dich so getauft. Stimmt das, dass du dich an nichts erinnern kannst? Eine Freundin von mir hat gesagt, dass das nur in Filmen so ist…”
Ihre Worte verlieren mehr und mehr ihre Bedeutung, während ich den Artikel durchlese. Sie schreiben, als wäre ich eine Prominente. Nein, sie schreiben, als wäre ich eine Zirkusattraktion. Es wird über meine Gesundheit spekuliert, über meinen Verbleib, darüber, an was ich mich noch erinnern kann. Sie reden von „zuverlässigen Quellen”, von denen ich annehme, dass sie bestochene Pfleger oder Ärzte sind. Doch die letzten beiden Sätze des Artikels sind das, was mich zum stocken bringt.
Ob sie zu der Familie von drei gehörte, mit der sie im Unfallauto saß, ist weiterhin unbestätigt. Das Interesse an einem DNA-Test wird täglich größer, jedoch kann ohne ihre Zustimmung keiner angestellt werden.
„Was soll das heißen?”, unterbreche ich Jennys Gerede, und deute auf die letzten Zeilen.
„Was meinst…? Hat dir das noch niemand erzählt?”
Ich verziehe das Gesicht, „Ich hab das Gefühl, es will überhaupt niemand mit mir reden.”
Im Krankenhaus hat mich niemand nach meinem Namen gefragt. Niemand hat mir erzählt, was mit meiner Familie passiert ist, bis sich Dr. Whitaker verredet hat. Und jetzt ist meine Familie angeblich nicht einmal meine Familie?
„Ja, angeblich sagen die Nachbarn, dass es immer nur drei Leute waren. Vater, Mutter, Sohn. Keiner von ihnen weiß etwas von einer Tochter…”, erklärt Jenny, und sieht mich dabei verdächtigend an, als würde ich die Antwort wissen.

„Da bist du! Lauf nicht einfach weg, wenn ich beschäftigt bin”, unterbricht uns die strenge Stimme von Ms. Elsie. Sie seufzt und stemmt die Hände in die Hüften. „Hört mal, Mädels, es freut mich, dass ihr euch schon anfreundet, aber Officer Davis hätte sich gerne verabschiedet.”
Ich bezweifle es, sage aber nichts.
„Wenn du schon da bist, Jenny,”, redet sie weiter, „kannst du ihr ja gleich den Rest vom Heim zeigen, ja? Ich bin beschäftigt.” Sie wedelt mit einem kleinen Stapel Papieren herum.
„Mach ich gerne”, sagt Jenny, nimmt mir die Zeitung wieder aus der Hand und wirft sie zurück aufs Regal. Während Ms. Elsie ins innere des Gebäudes verschwindet, zerrt mich Jenny an der Hand durch die Gänge und deutet auf Türen.
„Das sind nur die Schlafstätten- wahrscheinlich kommst du in 3B, da sind noch Betten frei- da drüben sind die Badezimmer- hier drüben ist die Küche, gleich daneben die Kantine- da ist der Aufenthaltsraum, gleich daneben der Hauptsaal…”
Eigentlich sollte ich ihr zuhören, doch während sie mich durch die Flure führt, fällt mir immer wieder unangenehm auf, wie viele von den Leuten hier mich anstarren. Vielleicht sieht mein Gesicht im Moment nicht gerade perfekt aus, aber ich bin keine verfickte Zirkusattraktion. Während Jenny vor einem der Säle anhält, um mit einem anderen Mädchen darin zu reden, starrt ein kleiner Junge mich an. Ich starre mit angepisster Miene zurück, direkt in seine nervigen, glotzenden Augen. Er streckt mir die Zunge heraus, zeigt mir den Mittelfinger, und rennt weg.

Jenny tippt an meine Schulter.
„Hm?”
„Olivia wollte fragen, ob du mitspielen willst”, sagt sie.
Ein blondhaariges Mädchen gibt einen schüchternen Wink. Sie wippt auf ihren Füßen hin und her, Ferse, Sohle, Fußballen, Sohle, Ferse. Sie deutet auf eine kleine Gruppe, die an einem Tisch um etwas geschart sind, was aussieht wie eine Billigversion von Monopoly. Ich lächle, nicke, und setze mich in die Runde.

Teil 1.6
Die Nacht kommt schnell.
Jenny hatte recht, denn ich lande im Schlafsaal 3B, in einem der oberen Betten der zehn Stockbetten im Saal. Ms. Elsie hat es sich zur Verpflichtung gemacht, mich persönlich meinem neuen Bett vorzustellen. Sie bringt eine Tasche von Hygieneartikeln und kleinen Stapel Klamotten mit, den sie pflichtbewusst in mein Nachtschränkchen einsortiert. Sie behauptet, die Kleidung sei gespendet worden.
„Natürlich habe ich versucht, mit Officer Davis zu reden”, sagt sie mehr zu sich selbst als zu mir, „Aber er hat mir sehr eindringlich gesagt, dass niemand Kleidung aus deinem Zuhause holen darf. Natürlich gab es dafür keine Erklärung.”
Meine Handflächen fühlen sich bei ihren Worten seltsam verschwitzt an. Irgendwo sind vier Wände, die mein vergangenes Leben in sich halten. Mein Zuhause. Das einzige Ding auf der Welt, das mir die Chance geben könnte, mich zu erinnern, und ich bin ausgesperrt.
„Es ist ja heuchlerisch, wie die das anstellen. Erst sagen sie, dass sie dir helfen wollen, und spenden dir Kleidung-” Sie wedelt mit einem der Kleidungsstücke herum, anscheinend so in ihr Geschimpfe vertieft, dass sie nicht bemerkt, dass es Höschen sind, „und sagen dir dann, dass du dein eigenes Zuhause nicht besuchen darfst!”
Sie redet eine ganze Weile weiter, erwähnt immer wieder, wie großzügig manche Menschen sind, solange die Geschichte „fabriziert” genug ist. „Übertrieben”, „Sensationalisiert” und „Zirkusartig” sind auch schöne, lange Worte, die sie gerne verwendet. Was sie für mich damit ausdrückt, ist dass sie nicht mag, wie mit meiner Geschichte umgegangen wird, selbst wenn es ihr hilft.
Was es mir noch sagt, ist dass sie glaubt, dass ich zu der Familie gehöre, die in dem Unfall gestorben ist, selbst wenn ich es selbst nicht weiß. Ich suche nach den emotionalen Verbindungen zu einer Mutter, einem Vater, zu einem Bruder in meinem Kopf, aber nichts antwortet, und es frustriert mich, bis ich Kopfschmerzen bekomme.
Noch dazu bedeutet das, dass ich nicht weiß, was mir bevorsteht. Wenn das wirklich meine Familie war, werde ich extreme Probleme haben, mich wieder in mein Leben einzufinden. Mich daran zu erinnern wird bereits schwer genug werden, aber wenn es stimmt, dann ist der Großteil meines Lebens ohnehin bereits gestorben. Dass mich niemand erkannt hat lässt mich schätzen, dass ich entweder keine Freunde habe, die diese Lücke füllen könnten, oder das, wovor ich Angst habe: dass ich mit keiner Person in diesem Auto verwandt war, dass meine echte Familie immer noch dort draußen ist. Wenn ich zu den Toten gehöre, dann hätte ich wenigstens ein Haus geerbt. Aber wenn sie es nicht sind? Dann müsste ich meine Familie finden, meine echte Familie.
Ich war mehrere Tage lang im Koma. Meine Geschichte ist überall verbreitet worden. Dass sich bis jetzt niemand gemeldet hat, und ich bei Fremden im Auto gesessen bin, lässt mich einiges erahnen, was diese hypothetische Familie angeht.
„Und diese Hochnäsigkeit!”, quakt Ms. Elsie, und reißt mich aus meinen Gedanken. „Als wäre er besser als alle anderen!”
„Ms. Elsie?”
„Ja?”
„Sie verwenden einen BH als Flagge.”
Sie wird rot um die Wangen, legt ihn in die Schublade, und schiebt sie stärker zu, als nötig gewesen wäre.
„Sieh zu, dass du bis halb neun Bettfertig bist, dann gehen die Lichter aus”, sagt sie, richtet sich auf, streicht eine unsichtbare Falte aus ihrem Rock, und lässt mich mit Jenny, Olivia, und vier Mädchen aus der Nicht-Ganz-Monopoly Runde alleine.

Das Bettgestell quietscht laut als Jenny blitzschnell die Leiter hochklettert und sich neben mich auf das Bett setzt.
„Und? Wie fühlt es sich an?”
„Wie fühlt sich was an?”, frage ich.
„Deine erste Nacht im Heim! Wie eine Übernachtungsparty?”
Scheiße, denke ich. Ich zucke bloß mit den Schultern und lasse mich rückwärts auf die Matratze fallen.
„Du gewöhnst dich schon dran.”
Schnelle Schritte kommen aus dem Flur, dann schlittert ein Mädchen in den Schlafsaal.
„Badezimmer sind leer! Kommt schon, bewegt eure Ärsche!”
Jenny zerrt an meinem Arm und springt vom Bettgestell. Die anderen Mädchen im Saal schnappen sich ihre Badezimmertaschen und laufen auf den Flur, und Jenny deutet mir, ich soll dasselbe tun.
Für die Anzahl von Bewohnern, die ich im Heim bis jetzt gesehen habe, gibt es wirklich wenige Badezimmer. Ich bin eine der glücklichen Ersten, und schließe die Tür des winzigen Bads hinter mir ab. Die Wände sind mit Wasserschäden besprenkelt, die lauwarmen Fliesen unter meinen Füßen sind verkalkt. Eine Dusche nimmt den Großteil des Raumes ein, und der Rest wird von einem Waschbecken und einer Toilette geteilt. Der Spiegel, sowie das Glas der Dusche sind beschlagen, und jemand hat einen Smiley und ein Herz in den Nebel auf dem Spiegel gemalt.
Ich werfe meine Badezimmertasche auf den Rand des Waschbeckens, wische mit der Hand über den Spiegel, und bereue es sofort. Die wulstige, gerötete Narbe auf meinem Gesicht sieht nicht besser aus als das letzte Mal, und der Anblick stichelt dem Monster in die Seite, das aufatmet und droht, mich mit unangenehmen Erinnerungen zu bespucken.
Ich schmecke Eisen.
Ich wende mich vom Spiegel ab, beeile mich beim Zähneputzen, ziehe mich aus und fange damit an, all die Pflaster herunterzureißen, die noch auf meinem Körper kleben. Immer wieder blinken mir verschorfte Wunden entgegen, dann Narben, dann kaum verheilte Nahten, dann Brandwunden. Manchmal bewege ich mich falsch und meine Rippen schreien, oder mein linker Arm sticht, oder eines meiner Handgelenke knackt besorgniserregend laut.
Erst als ich in die Dusche steige sehe ich an mir herunter. Die Narben und Wunden stechen mir entgegen wie braunrote Neonlichter, und ich spüre wieder dieses Monster, das in meinen Nacken atmet.
Das Wasser ist eiskalt. Ich halte meine Zeit in der Dusche kurz.

Als ich in den Schlafsaal zurückgehe, wartet Jenny bereits auf mich. Sie und Olivia winken mich zu sich herüber, ein angefangenes Spiel von Nicht-Ganz-Uno zwischen ihnen. Wir spielen, sie reden, ich höre zu und schweige. Eine Weile später gehen die Lichter mit einem hohlen, metallenen Schnalzen aus, und alle gehen zurück zu ihren Betten. Olivia räumt das Kartenspiel weg, wünscht mir eine gute Nacht, und klettert in das Bett unter mir.
Die einzige Quelle von Licht, die bleibt, ist der dünne Lichtstrahl, der unter der geschlossenen Tür hindurchfällt. Ich erkenne Schemen, Silhouetten, ruhige Körper in der Dunkelheit deren Brustkörbe sich mit regulärem Atem heben und senken. Man könnte eine Stecknadel fallen hören. Statt einer Nadel sind die Geräusche das langsame Atmen meiner Mitbewohnerinnen, und das gelegentliche Ächzen des Gebäudes.

Es läuft Unchain My Heart im Radio. Der Mann im Vordersitz singt mit. Die Frau am Steuer summt leise, scheint aber dem Mann zuhören zu wollen. Der Junge neben mir übt gerade, wie man im Takt schnippt.
Dann Kreischt das Radio. Aber es war gar nicht das Radio, das gekreischt hat, sondern das Feuer. Und es war auch nicht das Feuer, sondern der Tinnitus, den ich hatte, als ich von der Hälfte vom Autowrack begraben auf der Gegenfahrbahn gelegen bin. Obwohl das Feuer leise ist, ist es immer noch schmerzhaft, und es klammert sich an meine Kleidung, dann an meine Haare, und mein Gesicht ist warm, aber nicht wegen den Flammen.
Ich hebe meinen Kopf, und sehe Licht. Ich versuche zu schreien.

Rauer Stoff zerkratzt die Haut zwischen meinen Fingern. Kalter Schweiß steht auf meiner Stirn. Plötzlich wird alles so hell, dass ich für einen Moment zusammenzucke und winsle.
„Alles okay?”
Ich erkenne die Stimme später, als ich sollte. Jenny will meine Hand nehmen, aber ich zucke zurück.
Mein Hals schmerzt. Habe ich geschrien?
„Hey. Geht’s dir gut? Wir können Ms. Elsie holen, wenn du willst.”
Ich beiße mir auf die Zunge und presse die Lippen zusammen, und schüttle den Kopf.
„Nein. Mir geht’s gut.”
„Sicher?”
Ich nicke, blinzle rapide, doch meine Augen brennen trotzdem. Sie klettert wieder die Leiter hinunter und geht zu ihrem eigenen Bett zurück. Olivia sieht fragend nach oben, oder vielleicht besorgt, aber ich sehe nicht zurück. Stattdessen zerre ich die Decke über meinen Kopf, damit die anderen endlich aufhören, mich anzustarren.
Ich höre Geflüster. Das Licht der Nachttischlampe, das durch die Fasern der Decke scheint, erlischt und taucht den Saal zurück in Dunkelheit. Einzeln verstummen die Unterhaltungen- Die Unterhaltungen über mich- und erst als ich mir sicher bin, dass niemand mehr wach ist, presse ich mein Gesicht ins Kissen und weine.

Teil 1.7
Mein Tag beginnt mit Déjà-vu. Ich liege im Bett und tue so, als würde ich schlafen.
„Vergessen Sie’s. Ich habe meine Anweisungen. Sie verschwenden hier meine Zeit, ich hätte nur Geleitschutz sein sollen, sonst nichts. Rufen Sie jemand andern an, wenn Sie diskutieren wollen.”
„Und ich sollte eigentlich auch nur Essen, Trinken und ein Dach über dem Kopf bereitstellen, aber im Gegensatz zu Ihnen schere ich mich um diese Kinder! Sie werden mich nicht dabei erwischen, wie ich mich über meine Arbeit beschwere, also kommen Sie mir nicht auf diese Tour!”
Vor dem Fenster geht gerade die Sonne auf, und wirft bleiches Licht in unseren Schlafsaal. Das Licht, das unter dem Türspalt leuchtet, ist weitaus greller, und die Stimmen dahinter lauter, als sie sein sollten. Ms. Elsie ist außer sich, und spricht mit einer Wut, die ich von ihr nie erwartet hätte.
„Hören Sie, Lady, ich kann auch nichts dafür. Anweisungen sind Anweisungen”, sagt eine gedämpfte, männliche Stimme.
Ich hebe meinen Kopf vom Kissen und höre genauer hin. Durch die Tür ist es fast unmöglich, sie zu verstehen, und ich bin froh, dass meine Mitbewohner noch schlafen.
„Dann hören Sie wenigstens zu! Und richten Sie alles demjenigen aus, der diese Anweisungen ausgegeben hat”, ruft Ms. Elsie, „Diese Nervensäge, wie Sie sie so höflich bezeichnet haben, ist ein traumatisiertes Kind mit Gedächtnisverlust! Sie hat es verdient, ihr Zuhause zu sehen!”
„Wenn sie traumatisiert ist, dann halten Sie sie davon fern oder so. Mir ist scheißegal, was der Irrenarzt sagt, das Kind kommt mir nicht in die Nähe vom- von diesem Haus.”
„Sie sind so ein- ein ignoranter, arroganter-”
„Kriegen Sie sich ein, Lady.”
Schwere Schritte entfernen sich von der Tür. Ms. Elsies leichtere folgen, und ihre Unterhaltung verstummt mit wachsender Entfernung. Hastig klettere ich aus dem Bett, schleiche zur Tür, und presse mein Ohr dagegen, doch ihre Worte sind unverständlich geworden.

„Ist was?”
Ich zucke zusammen. Olivia hat sich im Bett aufgesetzt und wischt sich den Schlaf aus den Augen.
„Dachte nur, dass ich was gehört habe”, murmle ich.
„Hey, wenn wir schon wach sind, sind wir wahrscheinlich die Ersten”, sagt sie mit einem müden Lächeln, und fischt Anziehsachen aus ihrem Schränkchen. „Wir haben bestimmt Warmwasser. Komm.”

Die Flure sind verlassen. Wäre ich alleine hier und würde nicht wissen, dass hinter jeder Tür Leute sind, hätte ich vermutet, dass es spukt. Olivia und ich laufen auf leisen Sohlen in Richtung der Badezimmer, aber auf halbem Weg höre ich wieder Ms. Elsie und den Mann, mit dem sie geredet hat. Ich bleibe stehen, um zu lauschen.
„Was ist?”, fragt Olivia. Ich lege einen Finger auf die Lippen. Einzelne Wortfetzen sind verständlich, die meisten davon Beleidigungen. Ich erkenne Officer Davis’ Stimme, dann Ms. Elsies. „Lügner”, ist eines der Worte, das sie besonders oft und besonders laut sagt.
„Wir sollten nicht lauschen”, flüstert Olivia, und zieht an meinem Ärmel. Ich zögere, aber sie lässt meinen Ärmel nicht wieder los, also folge ich ihr zu den Badezimmern.

Ich vermeide die Spiegel, beeile mich bei allem. Insgeheim hoffe ich, dass ich schnell genug bin, um Ms. Elsie und Officer Davis noch belauschen zu können, doch während am Flur draußen mehr und mehr Schritte und Stimmen aufleben, schwindet diese Hoffnung. Als ich die Tür öffne warten mehrere Dutzend schläfrige Mitbewohner darauf, dass ein Bad frei wird, und ihre Unterhaltungen ertränken jegliche andere Geräusche.

Weil ich nicht wirklich etwas zu tun habe, wandere ich ziellos durch die Korridore. Wenn ich Jenny oder Olivia wiederfinden könnte, hätte ich wenigstens Gesellschaft, aber so stecke ich einfach inmitten einer fremden Menschenmenge fest.
„No-Name!”, ruft jemand, und erst nach mehreren Sekunden fällt mir ein, dass es laut den Medien jetzt mein Spitzname ist. Ich sehe mich um, und sehe Ms. Elsie auf mich zukommen.
„Da bist du ja! Ich hab’ nach dir gesucht.” Sie besieht mich mit einem Lächeln, das zu freundlich ist, um echt zu sein. „Ich hab gestern ganz vergessen, dir zu sagen: Wir haben jeden Samstag ein Gruppentreffen, also sei bitte vor dem Mittagessen im Hauptsaal. Außerdem haben wir eine Therapeutin für dich gefunden, die angeboten hat, heute Nachmittag die erste Sitzung zu halten.”
Ich will dankbar lächeln, aber die Erinnerung an meine erste Therapiesitzung hält mich davon ab.
„Und-” sagt sie aufgeregt, „du könntest bald dein Zuhause sehen!”
Hätte ich ihre Unterhaltung mit Officer Davis nicht belauscht, hätte ich ihr vielleicht geglaubt. Sie meint es wahrscheinlich nur gut, aber ihre Lügen helfen mir nicht. Ich will keine falsche Hoffnung.
Ich lächle so überzeugend, wie ich es aufbringen kann. „Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll”, sage ich wahrheitsgemäß.
„Es wird vielleicht noch ein bisschen dauern,” redet sich Ms. Elsie aus, „aber bald. Ich versprech’s.”
Ich kann das falsche Lächeln so lange halten, bis Ms. Elsie weitergegangen ist, dann weicht es resignierter Enttäuschung.

Das Frühstück in der Kantine verläuft unangenehm. Je mehr sich der Saal füllt, desto mehr Blicke spüre ich, die an mir hängen bleiben. Einige von den Leuten um mich erwische ich beim Tuscheln. Es wäre dumm, wenn ich annehmen würde, dass alle über mich reden, aber genau so fühlt es sich an. Es hilft nicht, dass ich weder Olivia noch Jenny gefunden habe, und somit alleine sitze.
Mein Appetit meldet sich ohnehin nicht. Ich zwinge einige Bissen herunter und verlasse dann die Kantine so unbemerkt wie möglich.

Die Zeit vergeht langsam. Ich wandere durch die Flure, öffne Türen zu Räumen, in denen ich wahrscheinlich nicht sein sollte, besehe die Glasvitrinen im Vorraum. Das Jugendheim ist, wie vermutet, sehr alt, wie es die Gründungsplakette zeigt. Einige verschnörkelte Kreuze sind ausgestellt, sowie Medaillen und Fotos von Sportveranstaltungen, von Wettbewerben und Events. Ich lasse lange meinen Blick auf den lächelnden Gesichtern der Kinder ruhen, die auf den Fotos abgebildet sind. Bei dem Gedanken, dass ich lange genug in diesem Heim sein könnte, um dazuzugehören, wird mir flau im Magen.

Wie es Ms. Elsie versprochen hat, findet kurz vor dem Mittagessen ein Treffen statt. Alles, was im Hauptsaal gelagert war, wurde an die Wände geschoben, um Platz für einen Stuhlkreis zu machen. Einige Leute haben sich bereits niedergelassen, reden miteinander, um die Zeit zu vertreiben, oder starren wartend Löcher in die Luft. Ich suche nach Jenny oder Olivia, aber sie sitzen in einer Gruppe zusammen, also suche ich mir irgendeinen leeren Sessel und setze mich.
Nach einer Weile betritt eine junge Betreuerin den Saal und geht in die Mitte des Kreises. Sie räuspert sich betont laut, das Gerede verstummt, und als es leise ist, beginnt sie zu sprechen.
„Schönen Samstag. Ich hoffe, ihr habt es alle gut durch die Woche geschafft.”
Einzeln kommen gemurmelte Antworten zurück, sie nickt.
„Gut, gut. Bevor wir zu unserer Tagesordnung kommen, begrüßen wir einmal zwei neue Gesichter! Bitte, steht doch mal auf.”
Ich kann nur annehmen, dass ich damit gemeint bin, und mache, was von mir verlangt wird. Rechts im Stuhlkreis tut ein kleiner Junge dasselbe.
„Ich bin Miss Penelope,” stellt sich die Betreuerin vor, „Ich helfe Ms. Elsie aus, und bin für Veranstaltungskoordination zuständig.”
„Ich bin Mike!”, platzt der kleine Junge heraus, „Ich war vorher in ‘nem anderen Heim. Meine Mama ist Hausfrau, meinen Pa- den darf ich nicht mehr sehen. Und ich geh’ gern Skateboarden!”, rattert er herunter. Miss Penelope nickt ihm zu, er grinst und setzt sich.
Penelope wendet sich mir zu, genauso wie der Rest der Menge. Ich schlucke schwer, wische mir die verschwitzten Handflächen an der Hose ab, und beschließe es, Mike einfach nachzumachen.
„Ich bin… äh… Ich bin vom Krankenhaus hergekommen. Meine Mutter ist tot. Mein Vater ist… tot. Mein Bruder…”
Ich werde immer und immer leiser, während die Stille immer peinlicher wird. Ich verschränke meine Finger so stark ineinander, dass meine Fingernägel Blut ziehen. Meine Wangen brennen, und ich senke den Blick zum Boden.
„Also… sag’ uns mal deinen Namen, hm?”, fragt Miss Penelope.
Eigentlich sollte ich auf diese Frage keine Antwort haben. Ich sollte stottern, mich rechtfertigen, wieso ich nicht antworten kann, aber…
„No-Name.”
Penelope sieht überrascht drein, und sieht sich zwischen allen anderen Gesichtern um, als würde sie dort eine Antwort finden wollen.
„Bitte?”
Ich atme tief durch, entfalte meine Hände, und stecke sie in meine Taschen.
„Mein Name ist No-Name”, sage ich, und lächle zum ersten Mal ehrlich.

Teil 1.8
Die Therapeutin, mit der ich sprechen soll, hat zu viele Zähne. Sie stehen zu eng in ihrem Mund gereiht, ihre Lippen spannen sich darüber, wenn sie lächelt. Ihr Lächeln selbst scheint zu breit, um in ihr Gesicht zu passen. Dafür, dass sie dabei wie ein Raubtier aussieht, hätte ich erwartet, dass ihre Eckzähne schärfer sind.
„Mein Name ist Dr. Regan Makena DeWitt, du kannst mich Regan nennen. Mir wurde bereits von deinem besonderen Fall erzählt, und ich bin hier, um dir zu helfen.”
Genau. Erzählt, denke ich, Du hast es wahrscheinlich in der Zeitung gelesen, wie jeder andere. Wieso bewirfst du mich nicht gleich mit Erdnüssen.
„Dr. Whitaker hat gesagt, dass du Amnesie hast, richtig?” Ich nicke. Sie nickt ebenfalls. „Okay, dann fangen wir ganz einfach an. Erzähl’ mir alles, was so passiert ist. Alles, an das du dich erinnern kannst.”
Vor meinen Augen blitzt es rot. Ich schlucke.
„Ich bin im Krankenhaus aufgewacht”, fange ich langsam an, „Es war Nacht, und ich war alleine. Ich hab die Verbände von meinem Gesicht runtergenommen. Ich hab mit Dr. Whitaker darüber geredet, was passiert ist, und er war der erste, der bemerkt hat, dass ich mich an nichts erinnern kann.”
Regan macht sich einige Notizen, so wie es Dr. Whitaker gemacht hat. Sie nickt dabei geistesabwesend.
„Dann haben sie Tests durchgeführt. Mich aus dem Krankenhaus verscheucht. Officer Davis hat mich ins Heim gebracht, und seitdem warte ich.”
„Auf was wartest du?”, fragt Regan und sieht mich über ihre Notizen hinweg fragend an.
„Veränderung, denke ich”, murmle ich, „Erinnerungen. Nachrichten. Irgendwas.”
Regan nickt verständnisvoll, macht mehrere Male „Mhm”, aber ich glaube, sie versteht nicht wirklich, was ich sage.
Für einen Moment, der sich zu lang anfühlt, surrt zwischen uns nur das Tonband. Sie hat ein ähnliches wie Dr. Whitaker, und auch sie hat sich dazu beschlossen, unsere Sitzungen aufzunehmen.
Schließlich seufzt sie.
„Du weißt bestimmt schon, dass vertraute Dinge wichtig sind, um Erinnerungen wieder an die Oberfläche zu holen. Hast du irgendetwas, das dich an deine Vergangenheit erinnert?”
Die Narbe in meinem Gesicht juckt. Ich zwinge meine Hände dazu, nicht zu kratzen, und schüttle den Kopf.
„Nicht? Kein Zuhause?”
„Schon”, gebe ich zu, „Ich hätte eines. Wenn die Polizei mich reinlassen würde.”
„Wieso lässt die Polizei dich nicht in dein Zuhause?”, fragt sie.
„Weil sie dort Beweise sammeln. Wegen dem Autounfall…”
Während die Worte über meine Zunge fallen verhaken sie sich in meinem Kopf. Wieso zur Hölle würde mein Zuhause ein Tatort sein, wenn das ein Unfall war?
Das war kein Unfall. Wie konnte ich nur so verdammt blind sein?
Regan sagt etwas, aber ich verstehe nicht, was aus ihrem Mund kommt.
Irgendjemand hat den Zusammenstoß vorsätzlich verursacht. Aber wer? Mit wem haben sich die Leute in dem Auto so verfeindet, dass er sie umbringen wollte? Dass die Polizei in meinem Zuhause suchen schlägt eine grausamere Alternative vor. Was ist, wenn sie am richtigen Ort suchen? Wenn alle Verdächtigen im Auto gesessen sind? Was ist, wenn es Mitnahmesuizid war?

„No-Name!”
Ich zucke zusammen. Regan sieht mich mit besorgtem Blick an.
„Du warst grade woanders”, sagt sie zögerlich lächelnd.
„Mhm”, mache ich geistesabwesend.
„Hör mal, wenn dir das ganze zu viel ist, können wir jederzeit aufhören.”
Ich nicke, aber was sie sagt bedeutet nichts. Sie redet, und unsere Sitzung streicht vorbei, und alles, was ich tue, ist, ihre Zähne anzustarren.

Das Abendessen läuft verschwommen an mir vorbei. Ich stochere lustlos in meinem Essen herum und warte, bis genug Zeit vergangen ist, damit ich gehen kann. Alleine auf dem Stockbett zu sitzen ist immer noch besser, als mich anstarren zu lassen.

Meine Mitbewohnerinnen liegen allesamt bereits fertig in ihren Betten, als die Lichter mit einem Schnalzen ausgehen. Olivia kichert leise auf ihrem Bett unter meinem.
„Spät dran!”, sagt sie schadenfreudig, „Jetzt duscht du im Dunkeln!”
Die anderen Mädchen im Schlafsaal kichern ebenfalls leise, aber ich reagiere nicht darauf. Ich nehme nur leise meine Sachen.
„Hey”, ruft mir Olivia hinterher, und wirft mir etwas zu. Ich fange eine Taschenlampe.
„Steck’ die in den Handtuchhalter”, sagt sie. Ich nicke und lächle dankbar.

Ich schließe die Tür des Badezimmers hinter mir, und tauche das kleine Zimmer in komplette Dunkelheit. Ich lege Olivias Taschenlampe abgeschalten auf den Waschbeckenrand, und steige in die Dusche.
Ich setze mich auf den Boden und lasse das Wasser auf meinen Rücken prasseln. Ich will diese ganzen Narben und Wunden nicht sehen. Ich will nicht jedes Mal Kopfschmerzen bekommen, wenn ich in den Spiegel sehe.
Seufzend lehne ich meinen Kopf zurück. Ich könnte mich vielleicht daran gewöhnen, im Dunkeln zu duschen, aber ich werde immer die letzte sein, und das Warmwasser immer aufgebraucht. Ich zittere zwar schon, kann mich aber nicht dazu bringen, aufzustehen.
Ich kneife die Augen zu, um die Kälte bloß noch etwas länger aushalten zu können, und das Wasser ist plötzlich kochend heiß, jede Narbe und Wunde an meinem Körper brennt höllisch. Ich kreische auf und stolpere aus der Dusche, taste blind nach der Taschenlampe, doch als ich sie aufdrehe, finde ich nur ein leeres Badezimmer und plätscherndes Wasser.
Ich sehe an mir herunter. Meine Haut ist gerötet und brennt. Zögerlich strecke ich meine Hand aus, doch als das Wasser sie berührt, ist es wieder kalt.
Ich muss mehr schlafen.
Ich schüttle den Kopf und schalte die Taschenlampe aus, und mache mich endlich bettfertig.

Teil 1.9
Meine Handflächen pochen schmerzhaft. Ich weiß nicht, ob es von den Verbrühungen kommt, oder ob es ein Echo von dem seltsamen Traum ist, den ich hatte.
Es war eine Kerzenflamme in der Dunkelheit, die zum Inferno gewachsen ist, und alles in meiner Handfläche. Am Ende des Traums war ein Waldbrand in meinen Händen, und erst dann habe ich mich daran erinnert, dass Feuer eigentlich schmerzt.
„No-Name! Jenny! Kommt schon, nicht zurückfallen!”
Penelope winkt uns. Jenny und ich legen einen Zahn zu und holen die Gruppe ein, die uns einige Schritte vorausgegangen ist. Da das Jugendheim katholisch ist, sind wöchentliche Kirchenbesuche obligatorisch, und da die Kirche, die mit dem Heim zusammenarbeitet, bloß vier Blocks entfernt liegt, gehen wir zu Fuß.

„Wo warst du grade?”, fragt mich Jenny leise, damit uns der Rest der Gruppe nicht hört.
„Hm?”
„Mit den Gedanken. Du hast nur auf den Boden gestarrt.”
Ich zucke mit den Schultern. „Hab’ was Blödes geträumt.”
„Was denn?”
„Irgendwas mit Feuer. Viel davon.”
„Es war eine Anweisung”, sagt sie mit einem unterdrückten Lachen in der Stimme, „Du sollst die Kirche anzünden.”
Ich kichere leise. „Kein Fan von Jesus?”
„Kein Fan von scheiß Kirchenbesuchen, das kann ich dir sagen”, murrt sie und kickt einen Stein vom Bürgersteig. „Was ist mit dir? Bist du religiös?”
Ich überlege für einen Moment. „Ob ich’s jemals war, kann ich dir nicht sagen. Aber wenn du meinst ob ich jetzt gerade an irgendwas glaube?”
Mein Magen knurrt störend. Ich wünschte, ich könnte sagen, ich hätte das Frühstück absichtlich übersprungen, aber ich bin einfach zu spät aufgewacht und hatte keine Zeit mehr dafür.
„…zwei Cheeseburger und Pommes”, seufze ich träumerisch.
Jenny lacht, „Das ist ein gutes Glaubenssystem.”

Über den Dächern der Gebäude wird eine Turmspitze sichtbar, dann der Turm. Der Rest des Gebäudes kommt zum Vorschein, hohe Glasfenster mit eleganter, eingearbeiteter Kunst. Schließlich gehen wir auf ein riesiges, offenes Holztor zu, hinter dem Orgelmusik den Gottesdienst einleitet.
Jenny stupst mich mit dem Ellbogen an. Ich sehe sie fragend an, aber sie legt bloß einen Finger auf die Lippen und wird langsamer. Ms. Elsie und Penelope gehen als erste in die Kirche, der Rest der Gruppe folgt ihnen, und als die letzten durch das Tor gehen, stehen wir immer noch auf der Straße.
„Komm”, flüstert Jenny, und nimmt mein Handgelenk. Die Orgelmusik wird mit der Entfernung immer leiser, bis Jenny hörbar seufzt und den Kopf in den Nacken legt.
„Gott, ich hasse Gottesdienst. Ich schwänz’ immer”, gibt sie zu, und schließt genießerisch die Augen. Die Sonne prallt auf uns herunter während wir gehen, eine leichte Brise hält das Wetter davon ab, zu heiß zu werden. Der Tag ist wirklich zu schön, um ihn in einer Kirche zu verschwenden.
„Was machst du, wenn du schwänzt?”, frage ich sie.
„Oh, was ich will. Normalerweise gehe ich durch die Stadt, kauf mir was Gutes zum essen, oder irgendwas anderes, was die alte Elsie nicht erlaubt”, sagt sie und streckt trotzig die Zunge heraus. „Hast du schon mal Langos probiert?”
„Keine Ahnung.”
„Ich lad’ dich ein.”

Während Jenny von einem Stand zwei Langos kauft, sehe ich mich um. Der sonnengeflutete Hauptplatz bietet Platz für eine kleine Bande Straßenperformer, die ein Lied ohne Text spielen. Hinter ihnen kritzeln zwei Leute TIERE SIND KEIN ESSEN in Kreide auf den Boden vor einem Schlachthaus. Sie werden missbilligend von Leuten beobachtet, die vor einem Café unter Sonnenschirmen sitzen. Die Straßen sind lebendig, ständig bewegt.
Jenny reißt mich aus meinen Gedanken, als sie mir einen Langos in die Hand drückt. Der Geruch alleine lässt meinen Magen knurren, und der erste Bissen schmeckt wie aus dem Himmel geschickt.
Jenny und ich spazieren eine Weile ziellos durch die Straßen, bis wir beide mit dem Essen fertig sind und die Frage, die mir auf der Zunge brennt, zu schmerzhaft wird, um sie weiter unausgesprochen zu lassen.
„Jenny?”, frage ich. Sie wirft ihre Serviette in einen Mülleimer und sieht mich fragend an. „Weißt du zufällig, wo mein Zuhause ist?”
Sie blinzelt mich überrascht an. „Du willst doch nicht hin, oder?”
„Doch.”
Sie beißt sich auf die Lippe. „Es ist ziemlich weit weg. Wenn wir zu Fuß hingehen wollen und rechtzeitig wieder zurück, wird’s knapp.”
„Bitte”, sage ich hastig, „Ich will es nur von außen sehen.”
Sie zögert, verlagert ihr Gewicht hin- und her.
„Ich kann nicht so weiterleben, ohne zu wissen, wer ich bin”, flehe ich sie an, „Ich will mich nur erinnern.”
Jenny seufzt tief. „Meinetwegen. Komm mit.”
Sie führt mich vom Hauptplatz in eine der Nebengassen, die zu einer breiten Hauptstraße führt. Sie gibt ein rasches Tempo an und ich bin ihr dankbar dafür, denn jeder Moment, den ich warten muss, ist reine Folter.
Mehrere Häuserblocks ziehen an uns vorbei, und beim Anblick eines besonders auffälligen Antiquitätenladens überkommt mich eine Welle der Nostalgie, die so stark ist, dass sie keinen Zweifel übrig lässt. Ich kenne diese Nachbarschaft. Ich war hier zuhause.
Ein scharfer, erdrückender Geruch steigt mir in die Nase.
„Riechst du das?”, frage ich mehr aus Instinkt als aus wahrem Interesse. Jenny schnüffelt, und schüttelt dann den Kopf. Automatisch suche ich den Horizont ab, und als ich den Rauch sehe, fange ich an zu rennen.
Bremsen kreischen und Hupen dröhnen, als ich zwei Autos vor die Motorhaube laufe. Ich bleibe nicht stehen. Mein Blick ist auf die Rauchsäule fixiert, die wie eine widerliche Naht das Blau des Himmels durchschneidet, meine Füße bewegen sich wie von selbst.
Nein, nein, nein, nein-
Grauen wiegt schwer in meinem Magen, und ich versuche meine Vermutung verzweifelt zurückzudrängen, doch mit jedem Schritt setzt sie sich mehr und mehr in meinem Kopf fest. Der Geruch des Rauchs wird intensiver, und er stachelt das Monster an, das eines seiner grausamen Augen aufreißt.
Mein Nacken brennt. Meine Haare sind in Brand gestanden, meine Kleidung war verkohlt und geschmolzen und hat meine Haut versengt, und niemand hat geholfen. Ich habe all meinen Atem verbraucht, um nach Hilfe zu betteln, und sie haben bloß gestarrt.
Die Flammen kreischen.
Ich schmecke den Ruß, bevor ich das Feuer sehe.
Die Erinnerungen und die Wahrheit kreuzen sich. Sie pressen sich gegeneinander, eine gewalttätige Quälerei, und wo sie sich überschneiden, in dieser Falte in meinem Schädel, liege ich in einem Autowrack, und starre gleichzeitig hilflos auf mein Leben, das vor meinen Augen abbrennt. Die Flammen schmelzen ineinander. Die Hitze kommt von Feuer, von Blut, von dem Asphaltbrand und dem Kreischen in meinen Ohren.

„No-Name?”
Jemand legt seine Hand auf meine Schulter. Meine Knie brennen, und ich knie auch auf dem Boden, aber ich kann mich nicht erinnern, wie ich dorthin gekommen bin.
„No-Name? Ist alles okay…?”
Rauch verklebt meine Kehle.
Es ist weg. Mein Leben ist weg. Ich bin alleine.
Welche Farbe auch immer die Wände einmal hatten, jetzt sind sie schwarz. Flammen schlagen aus dem eingestürzten Dach, aus den Fenstern. Der Rauch brennt in meinen Augen, doch ich kann nicht wegsehen, nicht blinzeln, bloß starren.
Jemand hält mir die Hand hin, und als ich nicht reagiere, zerrt mich derjenige am Arm auf die Beine. Dann sitze ich, und jemand legt eine Hand auf meinen Rücken, und erst dann sehe ich die Feuerwehr- und Polizeiautos. Worte dringen an meine Ohren, die wahrscheinlich Fragen sein sollten, doch ich verstehe kein einziges. Ms. Elsie redet mit einem der Polizisten- seit wann ist sie hier?- und Jenny tätschelt meine Hand.
Etwas in der hohlen Ruine des Hauses spuckt eine neue Wolke Flammen. Die übergebliebenen Fenster zerbersten, der Boden bebt, und über dem überraschten Geschrei der Zuschauer brüllt das Feuer ohrenbetäubend.
Etwas baut sich aus der Wolke auf. Ein Kopf. Schultern. Zwei Münder, die den Namen rufen, den ich vergessen habe.
Komm her, sagt es. Für einen Moment genieße ich die Vorstellung, dieser Aufforderung zu folgen. Wie schön es doch wäre, in das Feuer zu laufen, zu verbrennen, zurück zur Asche zu kehren. Wie schön die Umarmung doch wäre, die die Flammen mir schenken würden. Vielleicht würden sie mir die Wärme schenken, die mir niemand sonst geben kann.

Teil 1.10
Etwas funkt in der Schwärze. Ich strecke die Hand danach aus. Der Funken fällt in meine Handfläche, beginnt zu wachsen, schmilzt durch meine Haut. Ich versuche vergebens das Feuer abzuschütteln, doch es klammert sich an mich, wächst, frisst, bis ein Inferno meine Hände verschlingt, und ich kann es nicht loslassen, ich kann es nicht loswerden, ich-
-höre, wie jemand schreit. Licht brennt in meinen Augen, und ich suche die Quelle in den Glühbirnen über mir, und finde sie stattdessen im Stockbett neben mir. Das Schreien dringt einen Moment später an meine Ohren.
Jennys Matratze brennt.
Jenny versucht panisch, das Feuer an ihrer Kleidung auszuschlagen, kriecht von den Flammen weg und lässt sich von dem Stockbett fallen. Sie schlägt mit einem dumpfen Knall und einem schweren Keuchen auf. Sie wälzt sich am Boden, eines der anderen Mädchen läuft zu ihr und wirft ihre Bettdecke über sie, aber sie brennt trotzdem noch, wieso brennt sie noch?!
Ich stoße mich von der Matratze ab, weg von dem Feuer, weg von dem Geschrei, verliere das Gleichgewicht und falle. Schmerz explodiert an meiner rechten Körperhälfte.
Hastige Schritte kommen näher. Jemand wirft die Tür auf, schreit spitz, dann höre ich etwas Metallenes zu Boden fallen. Einen Moment später sprüht Miss Penelope das Stockbett mit dem Feuerlöscher ein.
Es wird still. Jennys weinen ist das einzige, was bleibt.
„Was ist passiert?!”, kreischt Ms. Elsie, die schockiert im Türrahmen festgefroren ist.
„SIE WAR DAS!”, schreit Jenny, ihr Finger anklagend gegen mich erhoben, „SIE WAR DAS! SIE WARS!”
Miss Penelope versucht Jenny vom Hyperventilieren abzuhalten. Sie schickt ein zweites Mädchen los, um den Erste-Hilfe-Kasten zu holen, und ein weiteres um einen Krankenwagen zu rufen.
Ms. Elsie stampft auf mich zu und zerrt mich am Arm hoch, aber als ich versuche, mein rechtes Bein zu belasten, sticht mein gesamter Oberschenkel höllisch und mein Knie knickt ein.
„Her damit!”, schreit sie.
„Lass mich los!”
„HER DAMIT!”
Sie packt mein Handgelenk fester und tastet meine Taschen ab, ich will nicht, dass sie mich anfasst, ich will dass sie mich loslässt.
„Wo sind sie? Raus damit!”
„Was? Was wollen Sie?!”
„Die Streichhölzer! Das Feuerzeug! Womit hast du denn das Feuer gelegt, du blödes Gör!”
Meine Wange brennt plötzlich. Erst, als die Tränen bereits fließen, realisiere ich, dass Ms. Elsie mir eine Ohrfeige verpasst hat. Sie zerrt mich am Arm aus dem Saal. Mein Handgelenk brennt unter ihrem Griff, ihre Fingernägel bohren sich in meine Haut. Sie zerrt mich zu einem winzigen, vollgestopften Lagerraum, schubst mich hinein, und knallt die Tür hinter mir zu.

Ich lande auf derselben Stelle, wie als ich aus dem Stockbett gefallen bin. Schmerz zuckt durch meinen Körper, jagt mir den Atem aus der Lunge und zwingt mich, liegen zu bleiben.
Mir läuft eine Gänsehaut auf. Der Boden ist eiskalt, die Luft ist verstaubt und stickig. Die einzige Schlafgelegenheit ist eine durchlöcherte Matratze, doch als ich sie berühre, bewegt sich etwas darin, und ich entscheide, davon wegzubleiben.
Mein Herz hämmert gegen meinen Brustkorb. Das Zimmer ist zu winzig, zu vollgestopft, und was auch immer in dieser Matratze quietscht, ist viel zu nah. Ich entscheide mich, dass jegliche Konsequenzen dafür, wenn ich wieder unter Ms. Elsies Augen gehe, es wert sind, und versuche die Tür zu öffnen. Sie ist verschlossen.
Panik brodelt in meiner Kehle. Wieder und wieder rüttle ich and der Türklinke, klopfe an die Tür, bis ich mit den Fäusten darauf einschlage. Die Luft in dem Zimmer scheint immer dicker zu werden, und bald knie ich am Fuß der Tür und ringe angestrengt um jeden nächsten Atemzug.
„Lass mich raus! BITTE!”
Ich höre Schritte hinter der Tür, doch sie werden immer leiser. Verzweifelt hämmere ich gegen die Tür, schreie, bis ich heiser bin.
Niemand antwortet.
Niemand hilft.

Teil 1.11
Etwas Kaltes, Feuchtes an meiner Nase weckt mich auf. Als ich die Augen aufmache, sitzt eine Ratte auf meiner Brust.
Ich schreie auf, schlage nach dem Viech, und schleudere es quer durch den Raum. Es knallt mit einem dumpfen Schlag gegen eines der vollgestopften Regale, fällt zu Boden, und gibt ein Geräusch von sich, das halbwegs zwischen Quietschen und Fauchen ist. Dann trippelt es zurück zur Matratze und quetscht sich in eines der Löcher.
Es dauert, bis mein Herz sich wieder beruhigt und ich normal atmen kann. Ich stehe auf und strecke mich durch, mein Nacken ist verspannt und meine Glieder sind steif. Ich versuche, die Tür aufzumachen- unverschlossen.

Auf dem Weg zurück in den Schlafsaal bleiben mehr und mehr Blicke an mir hängen. Manche drehen sich weg, manche flüstern, andere starren mir mit purem Abscheu hinterher. Ich hole Kleidung, meine Badezimmertasche, und kann erst dann wieder normal atmen, als die Tür des Badezimmers hinter mir abgeschlossen ist.
Ich sinke zu Boden und überlege mir für einen langen Moment, einfach für den Rest des Tages hier eingeschlossen zu bleiben. Erst nach einer ganzen Weile schaffe ich es, mich selbst dazu zu bringen, aufzustehen und mich fertigzumachen.

Wieder drehen sich alle nach mir um, als ich in den Schlafsaal zurückgehe. Bis ich vor meinem Bett stehe, kann ich mich kaum noch davon abhalten, zu heulen. Selbst meine Mitbewohnerinnen werfen mir nur Blicke zu, als wäre ich eine besonders abartige Zirkusattraktion, und tuscheln hinter vorgehaltenen Händen.
Ich lasse meinen Blick auf den Boden gerichtet, und hole bloß das, was in meinem Nachtschrank liegt. Lieber schlafe ich im selben Zimmer wie eine Horde Ratten.

Während Miss Penelope und Ms. Elsie die Zimmer und Korridore durchgehen, um alle zum Frühstück zu holen, verstecke ich mich in dem winzigen Raum und bleibe ruhig. Sie gehen an der Tür vorbei, und einige Sekunden später ist es auf den Fluren totenstill. Ich habe sowieso keinen Appetit.
Ich schleiche in einen der Aufenthaltsräume und stehle einige Bücher und ein Deck Karten, um mich zu beschäftigen. Als ich die lauter werdenden Stimmen vom Speisesaal höre, schleiche ich wieder zurück in das kleine Zimmer. Der Tag vergeht so schleichend langsam. Dass weder Miss Penelope noch Ms. Elsie mich suchen, nach dem, was passiert ist, wundert mich, doch sie haben mit Jenny wahrscheinlich genug Sorge.
Während die anderen beim Mittagessen sind, ergreife ich die Gelegenheit, um die Toilette zu verwenden und Leitungswasser zu trinken. Essen finde ich keines, aber ich bin lieber hungrig, als mich in die Mitte einer Gruppe von Leuten zu setzen, die mich hassen.

Die anderen gehen erst zum Abendessen, und ich mache mich bereits bettfertig. Bei dem Gedanken an das Essen läuft mir das Wasser im Mund zusammen, vielleicht kann ich mich morgen dazu bringen, zu frühstücken. Das Wasser ist noch warm, niemand klopft ungeduldig an die Tür, also lasse ich mir Zeit. Als sie zurückkommen, sitze ich bereits im Pyjama auf dem Boden des Lagerraums und spiele meine dritte Runde Solitär. Die Ratten, die in der Matratze leben, haben sich schnell an meine Anwesenheit gewöhnt und tapsen höflich um die Karten herum. Bei der, die ich heute morgen gegen ein Regal geworfen habe, habe ich mich bereits entschuldigt, und sie scheint mir großteils vergeben zu haben.
Das Spiel endet in einer Sackgasse. Ich trete demotiviert die Karten durcheinander und lege meinen Kopf in den Nacken. Auf den Fluren kann ich die Leute hören, die sich in ihre Betten legen. Müde schließe ich die Augen; wenn das Licht ausgeht, schleiche ich mich zurück in den Schlafsaal.

Ich schmecke Asche. Rauch brennt in meiner Nase.
Die Luft, die ich keuchend einatme, trocknet meinen Mund und Rachen aus. Ich huste außer Atem, meine Augen brennen und tränen.
Schwerfällig komme ich auf die Beine. Mein Magen sinkt.
Ich bin nicht mehr in dem Lagerraum, in dem ich eingeschlafen sein muss. Ich bin in einem Teil des Heims, den ich noch nie vorher gesehen habe, und am Flur vor mir züngeln mannshohe Flammen.
Die Träume. Das Feuer im Schlafsaal. Heißes Wasser, wo keines sein sollte. Die Flammen, die mich in das Wrack meines Zuhauses gerufen haben…
Ich war das.
Das Feuer greift schnell auf alles über, das brennen kann. Ich halte mir den Ärmel vor Mund und Nase, versuche, die Tränen aus meinen Augen zu blinzeln, und sehe mich panisch nach einem Fluchtweg um, doch überall erwartet mich dasselbe.
Ich sehe wieder den Flur entlang. Wenn ich nicht elendig verbrennen will, gibt es nur eine Möglichkeit.

Ich nehme zwei Schritte Anlauf und renne auf das Feuer zu. Die Hitze knistert vertraut um mich herum, wie ein Wesen mit zwei Mäulern, wie ein Autowrack, wie ein brennendes Zuhause. Ich kneife die Augen zu, springe durch die Flammen, und warte auf den Schmerz.
Nichts passiert.
Zögerlich öffne ich die Augen, und finde mich inmitten der Flammenzungen wieder, doch sie schmiegen sich an die Wände, als würden sie von mir zurückweichen. Ich mache zwei weitere Schritte, und vor mir tut sich das Feuer wie ein Vorhang auf, und hinter mir schließt es sich wie einer.
Ich fange an, zu rennen.

Die Flure vor mir biegen in Korridore und Räume ab, die ich nicht kenne. Meine Schritte führen mich hektisch in irgendeine Richtung. Das ganze Heim ist wie leergefegt, die restlichen Bewohner sind anscheinend geflohen. Mein Rachen brennt, meine Augen tränen, ich stolpere blindlings um eine Ecke, der penetrante Geruch von Rauch immer noch in meiner Nase, und als ich das verbrannte Fleisch rieche, stehe ich bereits vor ihr.
Ihr Gesicht ist angeschwollen, ihre Haut gerötet und verkohlt, ihre Haare versengt, ihr Torso verbrannt. Olivia.
Ich würge, weiche zurück, aber ich kann meinen Blick einfach nicht abwenden, und mir wird bewusst, dass ich das war, ich habe ihr das angetan, und ein pfeifendes Geräusch zerschneidet die Stille.
Sie atmet noch.
Sie lebt noch.
Ich falle zu Boden und spucke Galle. Der Geruch von verbranntem Fleisch setzt sich in meiner Nase fest, und wieder muss ich würgen.
Mit zitternden Knien stehe ich wieder auf, und sehe mich um. Wenn ich nur den Ausgang finden könnte…
Und dann was?
Auch wenn der Rauch in meiner Kehle brennt, kann ich nicht einfach aus der Vordertür spazieren.
Ich war das.
Sie würden es wissen. Sie würden mich verhaften, für etwas, das ich nicht einmal erklären könnte. Dafür, dass ich Olivia getötet habe.
Das pfeifende Zischen holt mich wieder zurück ins Jetzt. Wieso getötet? Sie lebt noch.
Weil ich sie liegen lassen muss.
Die Übelkeit, als es mir bewusst wird, ist schlimmer als die, als ich sie gefunden habe.
Ich rede mir ein, dass es keine Hoffnung mehr für sie gibt, und gehe an ihr vorbei. Meinen Blick lasse ich in die Flammen gerichtet, obwohl es in meinen Augen sticht. Langsam komme ich wieder ins Laufen, und rede mir ein, dass Feuerwehrleute sie bestimmt retten werden. Oder, dass sie lange genug überlebt, bis sie das Feuer löschen. Oder, dass ich ihr nicht hätte helfen können.
Alles, außer Schuld.

Irgendwann sehe ich am Ende des Flurs ein Fenster hinter dem Rauch. Ich sehe hinaus, und atme erleichtert auf, als niemand in der Gasse dahinter steht. Die Straße ist zu eng für Feuerwehrwägen, und für Gaffer zu nahe am Feuer.
Ich reiße das Fenster auf und atme gierig frische Luft, mir wird schwindelig dabei. Hastig steige ich über das Fensterbrett, halte mich am Rahmen fest, doch er ist glühend heiß. Ich zucke zurück, verliere das Gleichgewicht, und falle.
Der härte des Aufpralls zu urteilen war ich mindestens im zweiten Stock. Mein Arm ächzt unter meinem Körpergewicht, und zum dritten Mal falle ich auf meine bereits geprellte Seite. Schmerzerfüllt keuche ich auf, und kann für einige nervenzerreißende Sekunden nicht mehr aufstehen.

Angestrengt stemme ich mich hoch und humple die Gasse entlang. Ich höre Stimmen und Geschrei, Weinen und Schluchzen. Sie stehen zu dutzenden vor dem brennenden Heim; besorgte Nachbarn, Kinder, Jugendliche, Aufsichten, alle mit Ruß bedeckt, und im schlimmsten Fall, mit Brandwunden.
Ich war das.
Blinzelnd unterdrücke ich Tränen. Ich mache kehrt und laufe in eine der Gassen, die vom Jugendheim wegführt. Meine bloßen Füße werden vom Asphalt zerschnitten, beginnen bald zu bluten, doch ich bleibe nicht stehen. Straßen ziehen formlos an mir vorbei. Hin und wieder wirft mir ein Passant einen besorgten Blick hinterher, oder ruft sogar nach mir, doch ich ducke mich entweder in Gassen oder laufe auf die andere Straßenseite.

Meine Kehle brennt und meine Lunge krampft bereits, als ich endlich aus der Stadt bin. Vor mir erstreckt sich eine Landstraße, beidseitig mit Feldern begrenzt. Der Mond ist hinter Wolken verdeckt, was die Dunkelheit so komplett macht, dass ich kaum die eigene Hand vor Augen sehen kann. Meine einzige Lichtquelle sind die Scheinwerfer der herankommenden Autos, die mir für ein paar Momente den Weg zeigen.
Ich gehe im Grünstreifen neben der Straße. Zwar besteht der Boden großteils aus Kieseln und sandiger Erde, und zerschneidet meine Fußsohlen mehr als der Asphalt, doch ich kann es mir nicht leisten, von einem Auto angefahren zu werden, nur weil ich mir einbilde, mitten auf der Straße gehen zu müssen.
Die Felder enden abrupt an einem Maschendrahtzaun. Dahinter stehen vereinzelt Bäume, die mit wachsendem Abstand immer dichter stehen, bis ich neben einem Waldstück hergehe. Mittlerweile bin ich schon so weit von der Stadt entfernt, dass das Feuer bloß noch ein gelber Fleck am Horizont und eine massive Rauchsäule ist.

Das Brummen eines weiteren Motors kommt auf mich zu, doch anstatt an mir vorbeizufahren, bleibt das Auto einige Meter vor mir stehen. Der Fahrer setzt den Blinker, und als ich daran vorbeigehe, kurbelt er das Beifahrerfenster hinunter.
„Wo gehst du hin?”
Ich beiße mir auf die Zunge, vermeide Augenkontakt, und gehe schneller.
„Hey! Komm her, du kannst mitfahren”, ruft der Fahrer noch einmal, und ich höre eine der Türen aufgehen. Hinter mir höre ich seine Schritte, die mir immer näher kommen.
„Was macht ein kleines Mädchen wie du mitten in der Nacht auf der Straße, hm?”
Ich kann die Panik nicht mehr unterdrücken, und fange an zu rennen.
„HEY! KOMM ZURÜCK!”
Ich lege einen Zahn zu, trotz meiner brennenden Lunge. Meine Füße stechen höllisch, als sich etwas Scharfes in sie vergräbt, und trotzdem zwinge ich mich dazu, weiterzulaufen. Hinter mir höre ich den wieder startenden Motor des Wagens, und ich weiß, dass es keinen Ausweg gibt. Die Scheinwerfer kriechen mir bereits hinterher, und dann wird der Motor lauter, kommt immer näher, und in einem Moment der Klarheit springe ich auf den Maschendrahtzaun und klettere. Ich versuche, irgendwie über den Stacheldraht zu greifen, zerschneide daran meine Hände, und als ich mich darüber wälze, reißt mein Shirt auf und meine Schulter beginnt zu bluten.
Ich lande schwer auf meinen Knien, und laufe sofort weiter. Das Scheinwerferlicht folgt mir durch die Bäume. Ich weiß nicht, ob mich der Fahrer gesehen hat, ich weiß nicht, ob er mir folgen wird, aber ich bleibe nicht stehen.

Draußen auf der Straße war es dunkel, doch unter den dichten Blättern besteht absolute Schwärze. Ich sehe Äste erst, als sie mir ins Gesicht schlagen, stolpere über unebenen Boden, pralle gegen Baumstämme.
Als ich mich durch hüfthohes Gebüsch kämpfe findet mein Schritt plötzlich keinen Halt mehr, ich knicke um, überschlage mich, und schlittere den Rest des Weges ein steiles Gefälle hinunter. Ich presse meine Hände in die Erde, um meinen Fall zu stoppen, doch sie löst sich unter meinen Fingern und ich schlage ungebremst am Fuß des Abhangs auf. Der Knall jagt mir den Atem aus den Lungen, und schwarze Punkte ziehen sich vor meiner Sicht zusammen.
Ich japse nach Luft. Mein Hinterkopf brennt höllisch, das Kreischen in meinen Ohren wird um das hundertfache lauter, alles dreht sich, meine Zunge fühlt sich taub an, ich schmecke Blut. Flach atmend schaffe ich es, mich auf den Rücken zu drehen, doch das ist alles, was ich schaffe.
Müde stiere ich in die Schwärze. Die Erschöpfung und die Schmerzen holen mich alle auf einmal ein, und ich denke nicht, dass ich nicht einmal meine Finger bewegen könnte, wenn ich wollte.
Der Tinnitus weicht, die Schwere in meinen Gliedern nicht. Ich höre dem Rascheln der Blätter, dem Flüstern des Windes zu, und schließe die Augen.

Teil 1.12
Mein Kopf liegt weich. Ich werde leicht gewiegt. Erst als ich Schritte höre, begreife ich, dass ich getragen werde.
Die Dunkelheit und die Wärme rufen mich zu sich zurück. Sanft legen sie ihre Arme um mich, und zerren mich zurück in das schöne, zähe Nichts, wo ich keine Schmerzen habe und alles ruhig ist.
Jemand pfeift eine schöne Melodie.
Ich gebe nach, und lasse mich sinken.

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