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Ashes to Ashes – 2

Was hier passiert: Man ernüchtert von einer guten Welt

Teil 2.1
Der Geruch trifft mich als erstes; ein metallenes, fauliges Aroma, das sich in meine Kehle setzt und mich beinahe zum Würgen bringt. Langsam kommt das Gefühl in meine Glieder zurück, und ich spüre jede einzelne Verletzung an meinem Körper.
Meine Fußsohlen stechen, meine Knie brennen, die gesamte rechte Seite meines Körpers pulsiert mit jedem Herzschlag schmerzhaft. Meine Hände und meine Schulter sind zerschnitten, und mein Kopf pocht dumpf.
Kaum schlage ich die Augen auf, springen mir eine Handvoll Details entgegen. Die schwach brennende, nackte Glühbirne, die von der Decke hängt; die rötlich-braunen Flecken auf der Tapete und Decke; das Hirschgeweih über dem ausgebrannten Kamin.

Schwere Schritte schlagen hinter mir auf dem Boden auf. Hastig rapple ich mich auf, nehme den Schmerz dafür in Kauf, und versuche, gleichzeitig von den Schritten weg- und vom Sofa herunterzukommen.
„Ganz ruhig, ganz ruhig. Wenn ich dich tot haben wollte, hätte ich dich einfach liegen lassen.”
Er spricht rau, tief, und langsam. Ich will aufstehen, bin aber in keinem Zustand dafür. Meine Beine zittern, ich stolpere und falle nach hinten, und starre vom Boden aus den Mann an, der mit mir spricht.
Er ist mindestens einen halben Meter größer, und etwa doppelt so breit wie ich. Schwarze Haare mit grauen Strähnen, sonnengegerbte Haut, müde Augen. In seiner Linken hält er eine Schrotflinte locker am Lauf.
„Und jetzt was?”
Er sieht mit einem müden, unbeeindruckten Blick auf mich herunter. Langsam hebt er die Schrotflinte, ladet nach, und richtet sie an meine Stirn. Eingefroren starre ich in den Lauf hinein, dann auf seinen Finger, der den Abzug halb durchgedrückt hat. Mein Kopf schreit mich an, ich soll mich bewegen, weglaufen, aber ich bin wie festgefroren.
„Peng”, sagt der Mann amüsiert. Er lässt die Schrotflinte wieder sinken, und legt den Kopf schief.
„Nein, wirklich. Was jetzt? Was hat dir das gebracht?”, fragt er, und winkt mit der Schrotflinte von mir zum Sofa. „Jetzt sitzt du am Boden statt auf der Couch. Kommst du deshalb besser gegen mich an? Nö. Du brauchst nur länger, um von deinem Arsch hochzukommen.”
Er schüttelt den Kopf, bricht die Schrotflinte auf, und entladet sie. Mit zitternden Händen komme ich wieder auf die Beine, und schaffe es, gegen das Sofa gelehnt stehenzubleiben. Das Bild des Schroflintenlaufs direkt zwischen meinen Augen geht mir nicht mehr aus dem Kopf.
„Was ist überhaupt passiert, hm? Deine Füße sind im Arsch, dein Bein ist im Arsch, deine Hände sind im Arsch. Dafür, dass das ein heftiges Feuer war, hätte ich frische Brände erwartet.”
Ich sehe an mir herunter. Meine Füße und Hände sind verbunden, die Schnitte an meiner Schulter sind gereinigt. Bei dem Gedanken, dass mich der Fremde angefasst hat, während ich ohnmächtig war, läuft es mir eiskalt den Rücken hinunter.

„Hey! Zunder! Hier oben spielt die Musik!”
Er schnippt mir vor der Nase herum. Ich zucke zurück.
„Kannst du reden?”, fragt er.
Ich nicke.
Er lacht laut auf, geht an mir vorbei in die Küche, die an das Wohnzimmer angrenzt, und knallt die Schrotflinte auf den Küchentisch.

Ich suche nach einem Ausgang. Die Tür nach draußen ist direkt rechts von ihm in der Küche, und mit den ganzen Wunden werde ich nicht weglaufen können.
„Aaron”, stellt der Mann sich vor, und hält mir eine Hand hin, rau und schwielig. Ich lege meine Hand hinein. Sie füllt nicht einmal seine Handfläche aus.
„Wo-?”
„Glaubst du, dass ich dir das sagen würde?”
Er lässt sich mit einem tiefen seufzen in den Sessel nieder, legt die Füße hoch, und fängt an, die Schrotflinte zu putzen.
„Denk einmal nach. Wieso sollte ich dir sagen, wo du bist?”
„Also haben Sie mich gekidnappt?”, frage ich leise. Aaron legt den Kopf zurück und lacht laut auf.
„Gott, du siezt mich sogar! Ja, so kann man das ausdrücken.”
Ich presse die Lippen zusammen. Meine Handflächen werden schwitzig.
„Was wollen Sie von mir?”, frage ich, ohne zu wissen, ob ich die Antwort hören will.
Er sieht nicht einmal von seiner Flinte auf. „Ich will gar nichts.”
„Warum bin ich dann hier?”
Aaron hält inne, besieht das Metall des Laufs.
„Wenn Sie Geld haben wollen, gibt es niemanden mehr, der für mich Lösegeld zahlen würde”, sage ich. Aaron greift wortlos nach einem Tuch und streicht andächtig über den Bolzen. Seine Stille lässt mich Schreckliches vermuten.
„Oder bin ich hier, damit Sie mich-”
Mit einer ruckartigen Bewegung ist die Flinte wieder auf mich gerichtet.
„Du redest zu viel”, sagt Aaron knapp. Ich beiße mir auf die Zunge. Langsam lässt er seinen Arm wieder sinken. „Setz dich. Und bleib leise.”

Ich setze mich zurück auf das Sofa und verschränke meine Finger ineinander, um meine Hände vom Zittern abzuhalten. Vor meinem geistigen Auge lege ich mir zurecht, wie lange ich vom Sofa bis zur Tür brauchen würde. Wie lange Aaron brauchen würde, um aufzukommen und mir nachzulaufen. Wie schnell er ist, und ob ich schneller sein könnte.
Zweifelnd sehe ich auf die Verbände auf meinen Füßen hinunter. Ich stelle einen auf die Seite, und sehe blutrot in den Fasern. Ich zwinge meine Finger dazu, sich aus den Fäusten zu rollen, die ich krampfhaft geschlossen habe; ebenfalls rot. Dumpfer Schmerz begleitet die Farbe.
Vielleicht, wenn ich schnell genug bin. Vielleicht, wenn er abgelenkt ist.
Und dann was?
Eigentlich sollte ich mich fragen, wie ich durch den Wald kommen soll. Die Vorhänge im Fenster hinter Aarons Kopf sind zwar zugezogen, doch die Dunkelheit dahinter verrät mir, dass es Nacht ist. Stattdessen bohrt sich eine tiefere Frage durch meinen Kopf: Was soll ich machen, wenn ich zurück in eine Stadt finde? Ich habe kein Geld, nichts zu Essen oder zu Trinken, nicht einmal Kleidung, ich bin verletzt, und ich werde gesucht. Wenn nicht als Brandstifter und Mörder, dann als Vermisste. Selbst wenn ich Glück habe, und sie nicht wissen, dass ich das Feuer gelegt habe- wenn sie mich finden, werden sie wissen wollen, wieso ich weggelaufen bin, und wieso ich kaum Brandwunden habe, obwohl ich im brennenden Gebäude war, und was mit Olivia passiert ist-
Olivia.
Das Bild einer verbrannten, atmenden Leiche drängt sich mir auf. Das pfeifende Zischen aus ihrer Lunge, der Geruch, und ihre Augen, die mir gefolgt sind, nach Hilfe gebettelt haben, und ich habe sie liegen lassen.
Tränen steigen in meine Augen, meine Kehle wird eng. Ich beiße mir auf die Zunge, aber das Schluchzen ist trotzdem hörbar. Ich kneife die Augen zu und presse meine Hand gegen meinen Mund.
Minuten streichen vorbei. Aaron und ich sitzen in stiller Abmachung; ich tue so, als würde ich nicht weinen, und er tut so, als könnte er mich nicht hören.

Teil 2.2
„Quinn. Warte”, murrt Aaron.
Irgendwie sind die Schmerzen schlimmer geworden. Meine Zunge ist trocken. Der raue Stoff des Sofas drückt sich in meine Wange. So stark war der Geruch von Blut und Fäulnis noch nie.
„Was?”, fragt eine andere Stimme.
„Du bist dran. Pass auf sie auf, bis ich wieder da bin.”
Jemand seufzt.
„Quinn hat gestern schon auf sie aufgepasst. Acht Stunden lang”, sagt eine höhere, monotone Stimme.
„Und er wird es heute wieder machen”, sagt Aaron.
„En”, sagt die monotone Stimme betont, „ist müde.”
„Wieder mit dem Blödsinn…”
„Thana, lass es”, sagt die Stimme, die zu Quinn gehört.
Ein Moment der Stille vergeht. Dann knarzt der Sessel, und schwere Schritte gehen in Richtung Ausgang.
„Wenn ich wieder zurückkomme, will ich, dass die von meiner Couch runter ist”, knurrt Aaron. Die Tür öffnet sich quietschend, und fällt mit einem Knall ins Schloss.

Vorsichtig öffne ich mein gutes Auge. Zwei Schatten werden über den Wohnzimmerboden geworfen. Sie tuscheln.
„Er ist so schon sauer genug”, sagt Quinn.
„Du hast ihm gesagt, dass es dich glücklich machen würde. Wenn er das nicht respektiert, dann ist er ein beschissener Vater.”
„Sag das nicht.”
Ein langer Moment Stille verstreicht. Der kleinere der zwei Schatten geht an mir vorbei. Er gehört einem Kind in meinem Alter, mit schwarzen Haaren mit einem weißen Streifen in der Mitte. Er- En stellt sich ans Fenster.
„Ich will nur, dass er ruhig bleibt”, sagt en.
„Ich weiß.”
Kurz ist es still.
„Wenigstens nennt er dich beim Namen”, sagt sie mit einem Schulterzucken.
„Ja. Weil ich ihn ignoriert hab, solang er meinen toten Namen verwendet hat”, murrt en, „Und er braucht mich zum arbeiten.”

Einige lange Sekunden vergehen, in denen keiner von beiden etwas sagt, und niemand sich bewegt. Quinn seufzt.
„Ich mach das schon. Geh ruhig”, sagt en. Thana zögert, verschwindet aber schließlich durch die Tür, durch die sie gekommen ist.

Langsam lasse ich meine Beine vom Sofa gleiten und komme hockend auf die Füße. Ich schleiche rückwärts, und lasse meinen Blick dabei auf Quinn am Fenster gerichtet. Ich setze den Weg in die Küche an.
Meine Schritte hören sich in der Stille ohrenbetäubend laut an. Ich wünschte, die Küche und das Wohnzimmer wären durch eine Wand getrennt, aber sie verlaufen offen ineinander. Langsam greife ich nach einem der Messer im Block und ziehe es millimeterweise heraus. Ich halte den Atem an und schleiche auf die Tür zu. Soll ich en attackieren, solange ich den Überraschungsmoment noch auf meiner Seite habe? Oder soll ich einfach sofort weglaufen, und hoffen, dass ich schneller bin?
Quinn reibt sich müde die Augen und dreht sich zum Sofa um. Ens Augen weiten sich.
Ruckartig springe ich vor, das Messer auf Quinns Nacken gerichtet, doch bevor meine Klinge überhaupt in die Nähe von ens Haut kommen kann, hat en sich umgedreht, mein Handgelenk gepackt, und den Stich abgelenkt. Ich kann nicht reagieren, und werde sofort gegen die Wand geknallt, die Klinge eines Taschenmessers gegen meine Pulsader gedrückt. Ich kann kaum die Hand vor ens zwängen, um den Stich abzufangen.
Quinns Gesicht ist viel zu nah an meinem, ich kann ens Atem an meiner Wange spüren. Ens Gesichtsausdruck ist ruhig, entspannt, geradezu mühelos. Zwischen der Klinge und ens geweiteten Augen fällt mir bloß auf, dass ens Hände schmutzig sind.
Es sticht an meiner Kehle. Etwas Warmes läuft meine Haut entlang.
„Schreckhaft?”, fragt en mit einem provokativen Grinsen.
Ich beiße die Zähne zusammen, kralle meine Fingernägeln in ens Haut, und drücke dagegen. „Ich werde bald vergewaltigt und getötet, also ja. Etwas”, presse ich durch die Zähne heraus, „Bring’s endlich hinter dich.”
Quinns Grinsen weicht. En lässt langsam mein Handgelenk los, und löst die Klinge von meinem Hals. „Wirst du nicht.”
Ich schnaube. „Ich weiß nicht, wie viel Wert ich auf das Versprechen von dem Kind meines Entführers lege.” Meine Stimme zittert. Die Wut, die die Angst unterdrückt hat, erstickt. Meine Hand zittert, als ich mir an die Wunde an meinem Hals greife.
„…tut mir Leid”, murmelt en.
Was ist schon eine Wunde mehr unter all den anderen.
„Setz dich. Ich hol den Kasten”, sagt en schuldig, und steht auf.
Sobald en im selben Flur verschwindet wie Thana, renne ich zur Tür und drücke die Klinke. Abgeschlossen. Ich laufe durch die Küche und versuche es an der Hintertür, mit demselben Ergebnis, genauso wie alle Fenster.

Als Quinn zurückkommt, erwischt en mich dabei, wie ich nach etwas Schwerem suche, um eine Fensterscheibe einzuschlagen. Geschlagen setze ich mich aufs Sofa. En legt den Erste-Hilfe-Koffer auf den Tisch und zieht ein Pflaster heraus, aber als en versucht mich anzufassen, zucke ich zurück. En legt das Pflaster vor mich.
Einige Minuten vergehen, in denen ich es vorziehe zu bluten, als Quinns Hilfe anzunehmen. Erst als das Blut durch meine Finger fließt und mein Pyjamatop erreicht, gebe ich nach, und klebe das Pflaster dort hin, wo ich die Wunde vermute.

„Dad hat dir ein Zimmer ausgeräumt”, sagt Quinn nach einer Weile angespanntem Schweigen.
Wie großzügig, denke ich.
„Komm mit”, sagt en.

En führt mich in den Flur, der den Rest der Hütte beinhaltet. Sechs Zimmer, zwei links, drei rechts, eines am Ende des Flurs. Entlang der Wände steht eine groteske Ansammlung an Gerümpel: verschiedenste Jagdköder, einige Geweihe und Knochen, Kisten voll Leder, Pelzen und Fellen, einige Handvoll Munition, Feuerstarter, sogar ein ausgestopfter, von Motten angenagter Hirschkopf.
En macht die Tür des zweiten Zimmers auf der rechen Seite auf. Offensichtlich ein Abstellraum, der ausgeräumt wurde. Die Wände sind karg und mit rötlich-braunen Flecken bespritzt, ebenso der Boden. Die Luft ist stickig warm, in jeder Ecke sind Spinnweben gespannt. Eine Glühbirne, die an offenen Kabeln an der Decke hängt, spendet Licht. Ein winziges Fenster mit verdreckter Fensterscheibe ist die einzige andere Lichtquelle. Sonst nimmt bloß eine fleckige Matratze den Großteil des Bodens ein.
„Besser als die Couch?”, fragt en mit einem schiefen Grinsen. Ich sage nichts, gehe in das Zimmer, und schließe die Tür zwischen uns.

Zwei Atemzüge lang gebe ich mir Zeit, zu lauschen, dann hechte ich zum Fenster. Es lässt sich Widerstandslos öffnen. Ich hake meine Fingernägel unter die Klammern des Fliegengitters, hebe es aus dem Rahmen, und klettere kopfüber aus dem Fenster; ich passe gerade noch so durch den Rahmen. Der Aufprall ist hart, aber erträglich. Ich lande in kaltem, nassem Gras, und zwinge mich sofort wieder auf die Beine.
„Sehr elegant.”
Quinn steht am Fenster und sieht mit einem amüsierten Grinsen auf mich herunter. Ich suche mit den Augen auf dem Waldboden nach einem großen Stein oder einen besonders schweren Ast, irgendetwas, mit dem ich zuschlagen könnte. Quinn zieht die Augenbrauen hoch und schwingt sich aufwandslos durch den Fensterrahmen.
„Wenn ich du wäre, würde ich nicht einfach wegrennen. Aber ich bin nicht du, also was soll ich sagen.”
„Und du willst mich aufhalten?”
Quinn lacht auf. „Nö. Ich warte einfach, bis ich dich schreien höre, und hol dich dann ab”, sagt en, greift sich einen Stock, und schleudert ihn gezielt einige Meter ins Dickicht. Ein dumpfes Pochen ertönt, sofort gefolgt von einem metallischen Knall, als eine Bärenfalle zuschnappt und den Ast zu Kleinholz zerschmettert.
„Ich glaube, du willst deine Beine eher ungebrochen lassen”, sagt en viel zu scherzhaft, und hantelt sich hoch zum Fensterbrett. En tut zwar so, als würde en mir die Wahl lassen, wartet aber trotzdem am Fenster und beobachtet mich. Ohne Zweifel würde en mir hinterherlaufen, falls ich trotzdem versuche zu fliehen.

Ich klettere mit Quinns Hilfe wieder hinein. Das Zimmer wirkt noch kleiner als zuvor.
„Siehst du? Ist doch gar nicht so schlimm!”, sagt en mit ausgebreiteten Armen. Dass ens Fingerspitzen dabei beide Wände gleichzeitig berühren, scheint an en vorbeizugehen.
En grinst, aber es fühlt sich fehl am Platz an. Ich setze mich schweigend auf die Matratze und ziehe die Knie an die Brust. Ens Grinsen erstirbt.
„Sag was, falls du hungrig bist”, murmelt en, und verlässt die Kammer.

Teil 2.3
Der Knall, als die Tür gegen die Wand prallt, bringt das Klingeln in meinen Ohren auf ein neues, schmerzhaftes Hoch. Ich zucke zusammen und drücke meine Handflächen auf die Augen, als das Licht vom Korridor die kleine Kammer durchflutet.
„Aufstehen!”, ruft jemand, und knallt seine Faust mehrmals gegen den Türrahmen, „Dad braucht dich heute auf den Beinen.”
Ich blinzle gegen die Helligkeit und kann die Umrisse des Gesichts von jemandem erkennen, der aussieht wie Quinns älterer Bruder. Er bleibt in der Tür stehen und starrt mit einem seltsamen Grinsen auf mich herunter. Mir läuft es eiskalt den Rücken hinunter. Mir wird sehr schnell bewusst, dass ich noch immer nur meinen Pyjama trage. Hastig rapple ich mich auf und verschränke die Arme vor der Brust.
„Warum so schüchtern?”, fragt er und legt den Kopf schief. Er stellt sich breitbeinig in den Türrahmen, sodass er den Großteil des Lichts abschirmt. Ich mache den Mund auf, um etwas zu antworten, obwohl ich nicht einmal weiß, was. Dann hallt die raue Stimme von Aaron aus der Küche.
„SAMAEL!”
Er zuckt zusammen, verzieht das Gesicht.
„Komme schon!”, ruft er zurück, geht, und lässt die Tür dabei offen stehen. Der Lichtstreifen fühlt sich wie Scheinwerferlicht an.

Ich gehe auf leichten Füßen auf den Flur. Sobald ich das Zimmer verlasse, winkt mich Aaron, ohne dabei hochzusehen, zu sich herüber. Mit ihm am Tisch sitzen Quinn, Samael, und Thana, von der ich nur annehmen kann, dass sie die älteste von allen dreien ist. Sie ist hochgewachsen, hat ähnlich schwarze Haare wie Quinn, und dieselben durchdringenden, hellgrauen Augen. Aaron sieht von seinem Frühstück hoch; seine dreckig blauen Augen hat er anscheinend an Samael vererbt.
Ich setze mich auf einen Stuhl, der nicht zu den anderen passt, und starre dabei auf die Tischplatte. Während alle andern am Tisch etwas zu Essen vor sich stehen haben, ist mein Platz leer.
Aaron räuspert sich und schluckt einen Bissen hinunter. „Es wird Zeit, dass du dafür arbeitest, hier zu leben.”
„Ich will nicht mal hier sein”, murmle ich.
Er bedenkt mich mit einem Blick, der nach einem Flintenlauf zwischen den Augen aussieht. Ich beiße mir auf die Zunge.
„Du wirst heute auf einen Rundgang mitgehen”, sagt er, leert sein Glas in einem Zug, und steht auf. Er greift seine Schrotflinte, die neben ihm an der Wand lehnt, und ladet sie.
„So soll ich rausgehen?”, frage ich kleinlaut, und sehe auf das dünne, blutdurchtränkte Pyjamahemd herunter, das ich immer noch trage.
Aaron mustert mich einen Moment lang von oben bis unten, und seufzt. „Quinn. Hol ihr was zum anziehen.”
Quinn, halbfertig mit dem Essen, steht ohne Protest auf und kommt kurz darauf mit einer zerschlissenen Arbeitshose, einem übergroßen Shirt, einer Jacke und einem Paar Stiefel zurück. Ich verkneife mir, nach neuer Unterwäsche zu fragen, und gehe mich umziehen.

Kaum habe ich die Tür der Abstellkammer hinter mir geschlossen, klopft jemand leicht dagegen. Ich bleibe einen Moment mit der Hand an der Klinke stehen- was, wenn es Samael ist?
Es klopft wieder. Ich öffne die Tür einen Spalt, bereit, sie wieder zuzuknallen, und sehe Thana dahinter. Ich setze zum sprechen an, aber sie schüttelt den Kopf, reicht mir Unterwäsche und ein Sport-Top, und legt kurz den Finger an die Lippen. Ich nicke. Sie schließt die Tür.

Aaron wartet an der Tür und wippt ungeduldig seine Flinte in der Hand hin und her. Er nickt mir bloß wortlos zu und geht voran.
Sobald ich die Hütte verlasse, schlägt mir ein ranziger, feuchter Geruch entgegen, der scheinbar keine Quelle hat. Aaron reagiert nicht darauf, oder er bemerkt ihn nicht, denn er wandert schnurstracks ins Dickicht, sein Blick stur ins Grün gerichtet. Er geht scheinbar ohne Anzeichen, wo er seine Schritte setzen soll.
Ich humple ihm hastig hinterher. Bereits nach wenigen Schritten schmerzen die Schnitte und Kratzer an meinen Fußsohlen wieder. Es dauert nicht lange, bis die Hütte hinter uns inmitten von Gestrüpp aus meinem Sichtfeld verschwindet, und der Wald uns ins schummrige Halbdunkel taucht. Das Gestrüpp ist noch voll Tau, die Luft ist noch kalt, kriecht schnell meine Ärmel hoch und verpasst mir eine Gänsehaut.
Ich bin mir nicht einmal sicher, wieso wir einen Rundgang machen, bis vor uns ein brauner Fleck in der Luft auftaucht. Beim Näherkommen erkenne ich zwei Ohren, dann eine Schnauze.
Der Hase hängt etwa auf Aarons Kopfhöhe in der Luft. Sein Genick ist gebrochen und liegt unbequem in der Schlinge. Blut ist an Mund und Nase getrocknet, tropft von dem Fell an seinem Kinn und weicht die Erde unter der Schlinge. Seine Augen sind glasig.
Aaron vermischt die blutige Erde, löst die Schlinge, und wirft mir den toten Hasen zu. Die Haut unter seinem Fell ist eiskalt und fühlt sich wachsartig an. Mein erster Instinkt ist, das Ding fallen zu lassen.
Aaron setzt die Falle neu auf und geht weiter. Ich versuche, den Hasen so wenig wie möglich anzufassen, und den Würgereiz zu unterdrücken, der sich in meiner Kehle festsetzt.

Bis wir die nächste Falle erreichen, sind die Beine meiner Hose bis zum Knie durchnässt und der Stoff klebt an meiner Haut. Aaron löst die Schlinge, setzt die Falle, und gibt mir den Kadaver. Wir gehen weiter durchs Dickicht, und mir wird bewusst, dass wir alleine sind, dass er eine Schrotflinte mithat, und dass niemand mich suchen würde.
Die Hasen riechen streng. Fast tut es mir Leid, wie ich sie bei den Ohren gepackt herumzerre, aber sie spüren es nicht mehr, also denke ich, es macht ihnen nichts aus.

Aaron geht, als läge ein Pfad vor ihm. Ich verstehe nicht, wie er so einfach durch den Unterbusch spaziert, ohne zu stolpern oder in eine Falle zu tappen. Ich stiere ins Grün, suche nach den Zähnen der Bärenfallen, doch ich finde nichts. Auch mein Versuch, die Drähte zu erkennen, geht leer aus. Ich sehe die Fallen nur, wenn etwas Totes in ihnen hängt.
Die nächste Falle ist leer. Die folgende ist zwar ausgelöst und blutig, aber ohne Beute. Wir finden einen weiteren Hasen, und müssen dann bei der folgenden innehalten, weil etwas den Draht zerrissen und den Auslöser aus der Erde getreten hat. Aaron brummt missmutig, und zieht eine Spule aus der Tasche. Ich warte still, während er die Falle neu spannt.
Der Hase danach hängt nicht am Genick, sondern am Bein. Die Schlinge hat seinen Knochen aus der Haut getrieben. Als Aaron nach dem Draht greift, fängt das Vieh zu zappeln an.
Seine Augen sind weit aufgerissen und blutunterlaufen. Es tritt und kratzt um sich, verzweifelt, aus der Falle zu kommen, und dann kreischt es. Ich höre es kaum, eher fühlt es sich an wie eine Nadel, die durch meine Trommelfelle getrieben wird.
Aaron bleibt unberührt. Er hält die Hand in meine Richtung aus, zuckt mit den Fingern; ich lege verwirrt die Kadaver hinein. Er nickt in Richtung des Tiers. „Brich ihm das Genick.”
Ein bitterer Geschmack breitet sich auf meiner Zunge aus. Ich weiche einen Schritt zurück, schüttle den Kopf. Aaron packt mich am Arm und schubst mich vor das verängstigte Vieh.
„Wenn du heute essen willst, dann tötest du ihn.” Sein Griff um die Schrotflinte verengt sich.
Meine Hände zittern. Ich weiß nicht, wie ich hinfassen soll, wie ich ihn stillhalten muss. Ruckartig greife ich den Rumpf des Tiers. Es zerkratzt meine Haut in wilder Panik, sein Fleisch fühlt sich warm, lebendig an, und es bewegt sich unter meinen Fingern, also greife ich es fester, damit es aufhört. Die Wärme ist schrecklicher als das tote, kalte Fleisch der Kadaver, und ich kann das Kreischen in meinen Zahnwurzeln spüren, also presse ich meine Hand gegen sein Maul und verdrehe seinen Hals.
Es knackt.
Stille folgt.

Aaron löst die Schlinge. Er legt die Leiche zu den anderen, drückt sie mir wortlos in die Arme, dann fährt er seinen unbeirrten Weg durch das Dickicht fort. Ich stakse ihm hinterher, der Geschmack von Galle im Mund.
Aus meinen Armen starren mich die toten Tiere aus hohlen, glasigen Augen anklagend an, ihre Münder leicht offen. Ihr Fell ist rau und unnachgiebig. Ich streichle sie trotzdem.

Wir kommen nur noch an leere, unausgelöste Fallen, also nehme ich an, dass wir auf dem Rückweg sind. Geistesabwesend starre ich auf meine Füße hinunter, wie meine Schritte mich durch Gebüsch und über Wurzeln und Steine führen, wie Erde und Gestrüpp unter mir vorbeizieht.
Ich sehe die Schlinge erst dann, als ich in ihr stehe. Mein Zeh stupst gegen den Auslöser in der Erde, den ich Aaron immer und immer wieder neu setzen gesehen habe, und dann brennt mein Knöchel. Einen Wimpernschlag später schlage ich auf dem Boden auf, einer der Hasen schmiert Blut quer über mein Gesicht, und dann liege ich rücklings mit meinem Fuß einen halben Meter über dem Boden und kann nicht atmen. In einem Moment der Panik zerre ich an dem Draht, der sich bloß verengt und sich tiefer in mein Fleisch gräbt.
„Stopp”, sagt Aaron, und sein Ton ist so befehlend, direkt, ruhig und kontrolliert, dass ich sofort stillliege. Ich bekomme ein wenig mehr Verständnis, wieso Aarons Kinder widerspruchslos auf ihn hören.
„Was bringt dir das, wenn du herumzappelst?”, fragt er. Er macht keine Anstalten, mir zu helfen, er lacht mich nicht aus, er steht einfach ein paar Schritte von mir entfernt, und starrt.
„Bist du das Vieh?”, fragt er, und deutet auf den zerstreuten Haufen von Hasenkadavern, den ich fallengelassen habe. „Bist du Beute?”
Ich atme durch. Der Schmerz von dem Fall ist längst vergangen, und mein Fuß hängt bloß in einem Stück Draht fest. Der Größte Schaden kommt davon, dass ich daran gezogen habe. Ich setze mich auf, und löse die Schlinge.
„Jetzt setz die Falle neu”, brummt Aaron, während er sich bereits wieder zum gehen wendet, „und heb das Wild auf.”

Teil 2.4
Mein Magen krampft bereits, als ich Erlaubnis bekomme, etwas zu essen. Ich mache mir nicht einmal die Mühe, meine Hände zu waschen, und reiße die Kühlschranktür auf, nur um von dem widerlichsten, ranzigsten Geruch der Welt überwältigt zu werden- hätte ich etwas im Magen gehabt, hätte ich es wieder hochgewürgt. Im untersten Regal liegen Kadaver von Kleintieren, manche älter, manche frischer. Ich knalle die Kühlschranktür wieder zu und entscheide mich, dass Trockenfleisch und Brot reichen.
Am liebsten würde ich mir alles so schnell wie möglich in den Mund stopfen, aber ich zwinge mich zur Geduld. Ich will nicht eine Art von Übelkeit gegen eine andere eintauschen.
Es ist mir nur recht, dass ich alleine am Tisch sitze. Jeder andere im Haus hat sein Abendessen bereits hinter sich, also darf ich in Ruhe meine erste Mahlzeit seit Tagen genießen, und dem Mond beim Aufgehen zusehen, zumindest so lange, bis er hinter Wolken verschwindet. Ich halte Ausschau nach Sternen, aber die Wolkendecke ist dicht und dunkel. Während ich die letzten Bissen nehme, beginnt es zu regnen.

Ich gehe in das winzige Badezimmer, um mich bettfertig zu machen. Das kalte Wasser bin ich bereits gewöhnt, also macht es mir nichts aus, länger unter der Dusche zu stehen. Die Zeit brauche ich, um das Blut von unter meinen Fingernägeln wegzukratzen, und um die Wunden zu überprüfen.
Meine Fußsohlen bluten zwar nicht mehr, zeigen aber von dem Rundgang einige Blasen. Meine Knie sind verschorft, meine Handflächen zeigen, neben Brandnarben, bloß dünne, rote Linien, wo früher Kratzer von dem Stacheldraht waren. Die rechte Seite meines Körpers, insbesondere mein Oberschenkel, ist von langsam heilenden Blutergüssen bedeckt, die glücklicherweise kaum noch schmerzen.

Meine Kleidung will ich so lange wie möglich frisch halten, also schlafe ich in dem dreckigen, blutigen Pyjama, mit dem ich aus dem Jugendheim geflohen bin.
Den Spiegel vermeide ich, aber mein Spiegelbild bleibt trotzig hinter der Glasscheibe sitzen und starrt mich an. Ich kneife die Augen zu und beiße mir auf die Zunge, bis es schmerzt, um die Erinnerungen zu unterdrücken, die wieder ihre grässlichen Augen und Mäuler aufreißen. Ob der Geschmack von Eisen echt ist, oder von dem Monster in meinem Schädel kommt, weiß ich nicht.
Ich lasse die Augen zugekniffen und taste Blind nach dem Waschbecken. Dort angekommen lasse ich meine hohlen Handflächen mit Wasser anfüllen, und schrubbe mir das Gesicht. Zwar bin ich mir sicher, dass das Hasenblut bereits abgewaschen ist, aber ich fühle mich immer noch dreckig. Als ich die Augen wieder öffne, starre ich bestimmt auf meine Hände herunter.
Ich habe ein Muttermal auf meinem linken Ringfinger. Meine Fingernägel sind sauber, aber lang, und spröde. Meine Finger selbst sind drahtig. Zu dünn. Abgemagert. Und von bleichen Brandnarben bedeckt.
Das Bild von Flammen und einer verkohlten Leiche drängt sich vor mein inneres Auge. Mir läuft es eiskalt den Rücken hinunter, und ich kneife schon wieder die Augen zusammen, aber es funktioniert nicht. Hinter meinen Augenlidern wütet ein Inferno, und in der Mitte liegt ein Mädchen, das nichts getan hat, dort liegt Olivia, die mir vertraut hat.
Heiße Tränen laufen über mein Gesicht, bevor ich dagegen ankämpfen kann. Aus Angst davor, gehört zu werden, presse ich die Hand gegen meinen Mund und schluchze leise. Meine Knie treffen den kalten Boden, und ich trauere still dem Mädchen nach, das ich getötet habe.

Teil 2.5
Ich sehe dem Regen zu, wie er eine Wolke gelber Pollen von dem winzigen Fenster in der Abstellkammer wäscht. Ich weiß nicht genau, wie lange ich bereits wach liege, aber es müssen Stunden sein. Insgeheim bin ich dankbar dafür, nur ein einziges, winziges Fenster zu haben. Der Sturm hat mittlerweile zugelegt; Wind zerrt an der Hütte, Tropfen donnern unablässig auf das Dach und klatschen gegen die Wände. Es wäre mir so bereits schwer gefallen, einzuschlafen, doch der Sturm macht es bloß schwerer.

Die Nacht fühlt sich seltsam an, und ich brauche lange, um zu verstehen, warum: Es ist das erste Mal seit Wochen, dass ich wirkliche Ruhe habe. Die Stille im Sturm passt nicht zu dieser Hütte, in der jeder mich tot sehen will. Und weil ich nicht weiß, was Aaron von mir will, kann ich mich auf nichts vorbereiten.
Die Ruhe währe perfekt, um etwas Schlaf zu bekommen, doch jedes Mal, wenn ich die Augen schließe, tauchen Bilder auf. Egal, in welche Richtung ich meine Gedanken wandern lasse, sie kommen immer auf eines von zwei Dingen zurück: Der Unfall, der kein Unfall war, oder Olivia und das Feuer. Es fühlt sich an, als würde ich meine geistige Hand auf etwas glühend heißes legen, aber egal wie oft ich zurückzucke, ich kann nicht davon wegbleiben.
Jedes Mal, wenn ich gedanklich zum Jugendheim zurückkomme, setzt sich eine Idee fester und fester in meinem Schädel fest. Obwohl ich weiß, dass sie dumm ist, kann ich sie nicht mehr loslassen: Wenn ich das Heim in Brand gesteckt habe, ohne Streichhölzer, ohne Feuerzeug, wieso kann ich es nicht wieder?
Verloren halte ich die Hand vor mir aus, und weiß bereits dann nicht mehr, wie ich weitermachen soll. Ich öffne und schließe meine Finger, schüttle meine Hand. Schließlich stoße ich meine Handfläche von mir, sage laut, „Feuer!”, und komme mir dabei unglaublich blöd vor. Nicht einmal ein Funke springt.
Ich sinke zurück gegen die Wand und schließe die Augen.
Das ist sinnlos. Ich stecke hier fest.

Ich höre dem Regen eine Weile lang zu, und versuche, meine Gedanken im Zaum zu halten. Ein besonders schwerer Regentropfen klatscht gegen die Fensterscheibe. Der Wind rüttelt am Fensterrahmen. Ein weiterer Tropfen. Erst nach dem dritten bemerke ich, dass sie von der falschen Seite kommen, der vierte hört sich an wie ein Schritt, der fünfte wie eine quietschende Tür.
Die Silhouette zeichnet sich kaum gegen die Dunkelheit im Korridor ab. Eine Klinge reflektiert das wenige Licht, das durch das Fenster fällt, und mir schnürt es die Kehle zu.

Die Silhouette betritt den Raum, schließt die Tür hinter sich und verschmilzt mit den restlichen Schatten im Raum.
Feuer, denke ich, Jetzt. Ich krieche rückwärts, bis ich die Wand im Rücken spüre, und stelle mir vor, wie meine Hände Flammen sprießen, aber nichts passiert. Ich hole Luft, um zu schreien- aber wer würde mich hören?
Ich spüre eine Hand, die gegen meinen Mund gedrückt wird. Automatisch greife ich nach dem Handgelenk dahinter und versuche, es von mir wegzudrücken. Der Schatten flüstert.
„Shh. Ich will dir nicht wehtun”, flüstert Quinn.
Ich kann nicht atmen, Arschloch.
„Ich nimm jetzt meine Hand weg”, sagt en leise. Langsam passen sich meine Augen an die Dunkelheit an, und ich erkenne ens Gesichtszüge. „Versprich mir, dass du nicht schreist. Du würdest uns beiden Probleme machen.”
Ich nicke, aber nur, weil mir langsam die Luft ausgeht. En nimmt die Hand weg, und obwohl ich sehr gerne aus voller Lunge kreischen würde, halte ich mein Versprechen. Ich presse meine Lippen zu einem dünnen Strich zusammen und beiße mir auf die Zunge, bis ich Eisen schmecke.

Es klickt. Die Glühbirne über uns wirft dumpfes Licht. Quinn hält die Kordel in der Linken, und dreht scheinbar geistesabwesend ens Messer in der Rechten hin und her.
„Schreckhaft?”, echot en mit einem provokanten Grinsen.
„Nein. Das Messer sieht kuschelig aus”, zische ich, bevor ich darüber nachdenken kann. Quinn sieht auf die Klinge hinunter, macht den Mund auf, zögert, und klappt ihn wieder zu. En faltet das Messer und setzt sich in die gegenüberliegende Ecke des Zimmers. Unsere Zehen berühren sich trotzdem beinahe.

„Was willst du?”, frage ich. Quinn zieht ein zweites, weitaus abgenutzteres Messer aus der Tasche und schiebt es über den Boden zu mir.
„Ich will dir Messerkämpfen beibringen.”
Skeptisch beäuge ich en, dann das Messer. Ich falte es auf; die Klinge ist zerkratzt, aber scharf, und der hölzerne Griff ist durch den Verschleiß bleich geworden. In zittrigen, ungeraden Buchstaben wurde QUINN ins Holz eingeritzt.
„Wieso?”, frage ich.
„Wo bist du gerade?”
Ich lege unverständlich den Kopf schief.
„Hast du den Eindruck, dass du hier sicher bist?”, fragt en, „Wenn du das hast, würde ich dir vorschlagen, zu einem Augenarzt oder einem Psychologen zu gehen.”
„Ich war schon bei zwei…”
„Augenärzten oder Psychologen?”
Ich ziehe eine Augenbraue hoch. Quinn grinst.
„Wieso interessiert es dich, ob ich sicher bin?”, frage ich.
„Spielt das eine Rolle?”
„Ja.”
En lehnt den Kopf zurück und seufzt. „Selbst wenn ich dir die Wahrheit sagen würde, würdest du mir nicht glauben.”
„Als würdest du die Wahrheit sagen.”
„So oder so”, unterbricht en, „Du musst dich verteidigen können.”
Ich schnaube. „Als wär’s so kompliziert”, sage ich, und durchschneide mit der Klinge einige Male die Luft vor mir.
„Weißt du was? Du hast recht. Immerhin warst du ja in deinem ersten Kampf umwerfend“, spottet en.
„Du hast mich überrascht!”, protestiere ich.
Ich soll dich überrascht haben? Du wolltest mir in den Rücken stechen!”
Ich setze zur Antwort an, doch im Atemzug höre ich Schritte am Flur. Quinn und lauschen beide angespannt; ich will nicht, dass jemand weiß, dass ich noch wach bin, und Quinn sollte nicht hier sein.
Jemand betätigt die Klospülung, dann wird es wieder leise. Quinn und ich werfen uns einen einzigen, verstehenden Blick zu. Wir senken unsere Stimmen wieder zu einem Flüstern.
„Egal was ich will, du willst kämpfen können, richtig?”, fragt en leise.
Ich beiße mir auf die Zunge. Selbst wenn Quinn mir nur zum eigenen Zweck hilft, wäre es immer noch hilfreich. Schließlich nicke ich.
„Gut. Dann steh auf. Lektion eins: Haltung.”

Quinn stellt sich mir gegenüber und entfaltet ens Messer. Ich tue dasselbe mit meinem.
„Wie du dein Messer hältst kommt darauf an, was dein Ziel ist. Wenn du dein Gegenüber umbringen willst, ziehst du das Messer zurück”, sagt en und hält das Messer mit der Spitze zu mir, seitlich von ens Körper, ens freier Arm schräg vorgehalten.
„Ich will niemanden umbringen”, murre ich.
„Wirst du auch nicht.”
En ändert die Position, sodass die Klinge quer zu mir zeigt, quer vor ens Körper gehalten. „So ist es schwerer, jemanden zu töten, aber einfacher, jemanden zu entwaffnen.”
En stupst mich an, und ich spiegle ens Haltung. Meine Ellbogen berühren dabei fast die Wände.
„Verteidigung heißt, dass du nicht attackierst. Du antwortest auf eine Attacke.”
Quinn imitiert langsam einen Schnitt gegen meinen Hals, hält jedoch das Messer mit der stumpfen Seite zu mir. En kann in dem winzigen Zimmer nicht einmal wirklich ausholen.
„Ziel auf alles, was die Waffe hält. Unterarm, Oberarm, Schulter- deine erste Priorität ist, zu lähmen”, erklärt en. „Wenn das nicht schnell genug ist, eine Hand aufs Handgelenk, die andere auf die Schulter um zu blocken. Dann aufschlitzen.”
Ich blocke Quinns Übungsstich und fahre leicht mit der stumpfen Seite der Klinge über ens Schulter. En nickt geistesabwesend. Aus der Nähe fällt mir auf, dass en kaum älter sein kann als ich- woher weiß en so viel?
„Man sticht nicht, man schlitzt”, erklärt Quinn selbstverständlich.
„Wieso weißt du das alles?”
En zögert, fällt aus der Haltung. Antwortet nicht. En dreht das Messer zwischen den Fingern. In ens Augen spiegelt sich Bitterkeit. En scheint taub dagegen zu sein, und einen schmerzhaften Moment lang wird mir bewusst, wie alt dieses Gefühl sein muss. Würden wir nicht in einer winzigen Abstellkammer eine Messerstecherei nachspielen, wäre ich nie nah genug gewesen, um es zu bemerken.
„Stell dich wieder hin”, sagt en bestimmt. Ein Wimpernschlag später, und alles ist verschwunden. „Lektion zwei.”

Teil 2.6
Das Frühstück ist überraschend leise. Ich beiße mir die Zähne an einem alten Stück Brot aus, während der Rest der Tischrunde frisches Essen bekommt- großteils Fleisch.
Quinn und ich tun so, als hätte das Training nie stattgefunden. Gedanklich gehe ich alles durch, was en mir beigebracht hat: Haltung, Griff, Ziel, Geschwindigkeit, Genauigkeit, schlitzen, nicht stechen, Rückzug, Angriffe voraussehen… Es ist alles ein bisschen viel, um es in einer Nacht zu lernen, aber etwas sagt mir, dass Quinn nicht fertig mit mir ist.
Das Messer habe ich behalten. Ich habe versucht, es Quinn zurückzugeben, aber en hat darauf bestanden, dass ich es behalte. Welchen Sinn macht Messertraining, wenn ich kein Messer zum Kämpfen habe?

„Quinn, du bist heute für den Rundgang zuständig. Thana, du übernimmst heute Werkzeugpflege”, sagt Aaron, als sein Teller geleert ist. „Zunder, du putzt draußen die Schlachtstätte.”
Ich mache dasselbe wie Quinn und Thana und nicke stumm. Widersprüche bringen einen hier nicht weit.

Samael ist der erste, der den Tisch verlässt. Er hat scheinbar Freizeit, denn er verschwindet in einem der Zimmer und bekommt keine Arbeit zugeteilt. Quinn erhebt sich als zweites, hängt eine Lasche an ens Gürtel und verlässt die Hütte. Sobald en weg ist, wird die Stimmung am Tisch unerträglich, und ich folge ens Beispiel.

Beim Verlassen der Hütte schlägt mir zuerst die Hitze, dann sofort wieder dieser unerträgliche Geruch entgegen. Ich folge ihm hinter das Haus. Er wird mit jedem Schritt stärker, bis ich weiß, woher er kommt. Zwischen den Ästen von Bäumen sind Wäscheleinen gespannt, auf denen halb geputzte Felle trocknen. Manche von ihnen modern, die meisten sind blutbefleckt. Ein kleiner Stapel ausgenommener Hasen liegt auf einem Baumstumpf, und in einem Haufen neben ihnen liegen ihre Eingeweide. Der Größe des Haufens nach sind einige Wochen von Abfällen angesammelt.
Mir treibt der Geruch Tränen in die Augen. Ich halte mir den Ärmel über die Nase und atme langsam, um die Übelkeit zu unterdrücken. Es riecht in der gesamten Hütte nach Moder und Fäulnis, aber das hier übertrifft alles.
Neben den Innereien liegt ein halb voller Müllsack umgekippt auf dem Boden. Mir wird schnell bewusst, was „putzen” bedeutet. Ich sehe mich nach einer Schaufel um, wenigstens Handschuhen, finde aber nichts. Kurz überlege ich, zu Aaron zu gehen und ihn danach zu fragen. Ich entscheide schnell, dass mir die Innereien lieber sind.
Ich atme tief durch, nehme den halb vollen Müllsack, und zerre ihn zu dem Haufen. Einige Fliegen flüchten aufgerührt, und ich vermeide es meiner geistigen Gesundheit zuliebe, in den Müllbeutel zu sehen.
Ich zupfe eines der Eingeweide mit zwei Fingern von dem Haufen, aber sie sind so ineinander verhakt, dass ich sie unmöglich einzeln aufheben kann. Ich beiße mir auf die Zunge, kneife die Augen zusammen, greife eine Handvoll Innereien und stopfe sie in den Müllsack. Das Gefühl ist dem lebendigen Hasen schrecklich ähnlich, aber es bewegt sich nicht, also ist es erträglicher. Wäre der Gestank nicht, hätte ich vielleicht nicht einmal gewürgt.

Langsam aber sicher arbeite ich mich durch den Haufen. Bis ich endlich fertig bin, bin ich verschwitzt, meine Arme sind bis zum Ellbogen blutverschmiert, der Müllbeutel ist gefüllt, und ich bin das Gefühl von Gedärmen unter meinen Fingern gewöhnt. Es ist kein netter Gedanke, kommt mir aber angesichts meiner Arbeit nur recht. Der Geruch, fürchte ich, wird immer unerträglich bleiben.
Ich stelle mich in den Schatten eines der Felle und sehe mich um, wohin ich den Müllsack bringen soll. Mir fällt bloß ein Pfad ins Auge, der ins Dickicht hineinführt, was seltsam ist. Im Rest des Waldes habe ich bis jetzt keine einzigen Weg gefunden, es ist alles bloß dichtes Gebüsch.
Ist das mein Weg hier raus?
Ich sehe zur Hütte zurück, um sicherzugehen, dass mich niemand durch die Fenster beobachtet, dann gehe ich den Pfad entlang. Vor mir liegt nichts als weiteres Grün, kein sichtbares Ziel, aber immerhin kann ich sehen, wo ich hintrete, und in den Schatten der Bäume ist es angenehm kühl.

Der Geruch hat sich am weitesten verbreitet. Die Frischluft löst sich mehr und mehr in eine intensivere Version von dem auf, vor dem ich geflohen bin: Feuchtigkeit, Moder, Schimmel, Fäulnis, Fleisch. Als nächstes folgt das Brummen, das ich für eine ganze Weile nicht deuten kann. Erst als sich der Pfad unter mir langsam löst, und immer verwachsener wird, erkenne ich es als das Summen von hunderten von Fliegen.
Der Pfad wird immer ausgefranster, bis er in eine bewachsene Lichtung ausbricht, die die Quelle des Geruchs ist, und mir gleichzeitig verrät, wo ich die Eingeweide hinbringen soll.
Auf der Lichtung liegen Fetzen von Eingeweiden verteilt, teilweise von Schimmel überzogen. Die größte Ansammlung liegt in der Mitte, und ist so alt, dass sich hunderte Maden darin tummeln. Die Erde um den Hügel rundherum ist von Blut getränkt.
Ein Fuchs tapst dahinter vor, zerrend an einem Strang Innereien. Schließlich löst er ihn aus der Masse, frisst einen Bissen, knurrt mich leise an, und verschwindet mit seiner einfachen Beute ins Dickicht.
Ich halte mir die Nase zu und muss mich anstrengen, um nicht wieder zu würgen. Hastig mache ich mich wieder auf den Weg zurück, um den Müllsack zu holen. Je schneller ich das alles hinter mich bringe, desto besser.

Im Vergleich zu dem, was hinter mir liegt, ist der Geruch an der Hütte angenehm. Ich packe den Müllsack und schultere ihn mit einigem Aufwand. Ich zwinge mich selbst dazu, nicht darüber nachzudenken, was darin ist, und gehe den Pfad entlang zur Lichtung zurück. Auf halbem Weg muss ich Pause machen, weil meine Arme sich weigern, den Müllsack noch länger zu tragen.
Ich halte den Atem an, während ich die Eingeweide zum Rest kippe, wünsche dem Fuchs und all den anderen Raubtieren eine gute Mahlzeit, überlege mir scharf, Vegetarier zu werden, und setze den Rückweg an.

Teil 2.7
Ich hebe eine Kiste Felle von dem Gerümpel am Flur und finde endlich, wonach ich suche: einen Staubwedel. Mir ist aufgefallen, dass eines der Spinnweben, die in den Ecken der Abstellkammer prangern, das Zuhause von einem ungewünschten Mitbewohner ist. Gegen die Ratten im Jugendheim konnte ich nichts ausrichten, aber hier wäre es mir lieber, alleine in dem kleinen Zimmer zu schlafen.
Ich beeile mich, wieder in die Abstellkammer zu verschwinden. Nach dem Putzen draußen hatte ich kaum Zeit, mir die Hände zu waschen, bis die Vordertür aufgegangen ist und Aarons unverwechselbare, schwere Schritte über den Boden gedonnert sind. Lieber verstecke ich mich in der Kammer, als eventuell noch mehr Arbeit aufgetragen zu bekommen.
Ich nehme mir die unbewohnten Spinnweben zuerst vor, und staube dann die linke untere Ecke ab, wo die Spinne panisch ihr Zuhause verlässt, und über den Boden flieht. Einen Moment lang überlege ich, sie auf die Hand zu nehmen und aus dem Fenster klettern zu lassen, entscheide mich dann, dass ich heute schon genug widerliches erlebt habe, und erschlage sie mit zwei Hieben des Staubwedels.
Die Diele knarzt unter dem Druck und wackelt. Verwirrt fege ich die Spinne von der Holzdiele weg, und drücke mit den Fingern dagegen; wieder wackelt sie.
Erst versuche ich, sie mit bloßen Händen hochzuheben, doch sie liegt zu eng in ihrer Fassung. Ich ziehe Quinns Messer aus der Hosentasche und schiebe die Klinge in die Ritze, und heble die Planke aus dem Boden.
Unter der Diele kommt ein kleiner, verstaubter Hohlraum zum Vorschein, der nichts als ein Notizbuch und eine Geburtstagskarte enthält. Neugierig nehme ich beides, und schlage die Karte auf.

Alles Gute zum 17-ten, Quinn!
Find dich damit ab, dass du jetzt alt wirst.
– Thana

Wieso würde en so etwas verstecken?
Ich schlage das Notizbuch auf. Mehr als die Hälfte der Seiten wurden ausgerissen, auf manchen der Überbleibsel verbleiben einzelne Buchstaben. Die erste Seite ist mit zufälligen Mustern und Kringeln beschmiert, scheinbar, um einen Kugelschreiber zu testen.
Die zweite Seite ist weitaus interessanter. Das Alphabet, mit Ausnahme von „A”, wurde mit großen Abständen aufgeschrieben, einige der Buchstaben sind durchgestrichen.
Seite drei beherbergt bloß Namen, manche davon ebenfalls übermalt, einige eingekringelt oder unterstrichen. Der erste Name ist besonders oft durchgestrichen worden.

Kevin – Kelvin? Fahrenheit, Celsius – Cäsar?
Evan, Eli, Eire, Ella, Ellis, Elis, Elise
Lizzie, Liz, Lizz
Xen, Zen, Yen

Die letzte Zeile ist so stark durchgestrichen, dass ich eine Weile brauche, um die Namen darunter zu erkennen. Ich blättere um.

Quin. Quinn.
Quin – Quinn
Quinn – Quin
Quinn!!

Das letzte Wort ist mehrere Male unterstrichen und eingekreist. Ich verstehe endlich, was ich in den Händen halte, und lege Quinns Tagebuch, sowohl auch die Geburtstagskarte, hastig wieder zurück in die Nische unter dem Boden.

Teil 2.8
Ich weiß, dass es dir leidtut, sagt der Hase in der Schlinge, und spuckt dabei Blut auf den Boden, Aber du wirst hier sterben, wenn du mich nicht tötest.
„Ich will niemanden umbringen”, wiederhole ich trotzig das, was ich schon Quinn erklärt habe.
Und ich will nicht sterben, sagt der Hase, So leiden wir beide.
Er dreht sich in der Schlinge. Kurz finde ich es seltsam, dass er zwei Mäuler hat, dann wird mir bewusst, dass ich meinen Körper nicht spüren kann. Ich sehe an mir herunter, und starre dem Nichts entgegen. Als ich wieder hochsehe, sind der Hase und die Schlinge verschwunden, und ich falle ins Nichts hinein. Jemand bohrt mir in die Seite.

„Hey. Zunder.”
Ich biege mich vor Quinns Stupsen weg.
„Verpiss dich. Und nenn mich nicht so”, murre ich, und drehe mich auf die andere Seite.
„Steh auf, Dornröschen.”
„Das ist noch schlimmer.”
Quinn bohrt ens Finger wieder in meine Rippen, und ich stehe nur auf, weil es verdammt kitzelt.
„Ja, ja, bin schon wach…”, murre ich, und reibe mir den Sand aus den Augen.
„Gut, dann komm mit.”

Quinn steht von ens kniender Haltung auf und streckt sich durch. En hat dieses Mal nicht einmal das Licht angeschalten. Ich stiere verwirrt zu en herüber, als en die Tür aufmacht und mich zu sich winkt.
Wir gehen bloß zur anderen Seite des Flurs zu Quinns Zimmer. Dadurch, dass man im Abstellraum kaum Atmen kann, ohne irgendwo anzustoßen, macht es mehr Sinn, dort zu trainieren, doch sobald sich die Tür hinter mir schließt, fällt mir auf, dass es kaum besser ist. Es ist fast so klein wie der Abstellraum, in dem ich schlafe. Quinn bemerkt meinen Blick.
„Ist besser als das, was ich vorher hatte”, sagt en schulterzuckend. Auf meinen fragenden Blick erklärt en, „Ich war vorher in der Abstellkammer. Dann hat sich Dad entschieden, dass er ein größeres Zimmer will, und hat die Hütte erweitert. Samael hat sein altes Zimmer bekommen, Thana Samaels, und ich-“, en breitet die Arme aus und dreht sich im Kreis, „bin aus dem Stübchen raus.”
Ich verkneife mir die Frage um die Karte und das Tagebuch, das ich unter der Bodendiele gefunden habe, und ziehe mein Messer. Ich schnappe es auf und unterdrücke ein Gähnen. Langsam sollte ich mich daran gewöhnen, nicht viel Schlaf zu bekommen.
Quinn lässt ens Messer für den Moment noch eingesteckt. „Woran erinnerst du dich noch?”, fragt en. Ich gehe in Position und wiederhole alles, was hängen geblieben ist- Haltung, Griff, Rückzug, Reaktionszeit…
En nickt geduldig. „Das ist der Großteil.”
„Und jetzt?”, frage ich.
„Jetzt üben wir’s, bis es automatisch geht”, sagt en mit einem breiten Grinsen, zückt ens Messer und geht in Stellung. Ich spiegle en, bis hin zu dem Grinsen.

Teil 2.9
Als ich zum ersten Mal aufgewacht bin, hat das Feuer gekreischt. Hier, im Nichts, höre ich es zum ersten Mal flüstern.
Die Funken in meinen Händen scheinen gegen etwas anzukämpfen. Sie flackern, verglühen, richten sich wieder auf, so lange, bis eine Kerzenflamme in meiner Handfläche sitzt. Das winzige, gelbe Licht müht sich damit ab, am Leben zu bleiben. Ich lehne mich näher heran.
Was flüsterst du?
Die Worte werden nicht klarer. Zwei Stimmen überschneiden sich und wispern Konfuses in die Dunkelheit hinein. Als die Worte anfangen, Sinn zu machen, durchschneidet ein Knall die Luft.

„Aufstehen!”
Das Licht aus dem Flur brennt in meinen Augen, aber ich weigere mich, sie wieder zu schließen, solange Samael noch im Türrahmen steht. Meine Finger jucken danach, das Messer von unter der Matratze zu zücken. Stattdessen stiere ich ihn feindselig an und frage, „Was willst du?”
„Dad ist schon draußen, also hörst du heute auf mich”, sagt er selbstgefällig, „Ein paar Felle draußen gehören ausgeschabt, und das machst du.”
Ich gebe ihm keine Antwort, und starre ihn schweigend an, bis er mich endlich alleine lässt. Wieder lässt er die Tür weit offen stehen.

Als ich müde auf den Flur tapse, sehe ich durch eines der Fenster, dass es draußen noch dunkel ist. Ich bin scheinbar die einzige außer Samael, die bereits aus den Federn ist. Innerlich beschimpfe ich ihn. Ich bekomme so schon nicht viel Schlaf, und die Stunden, die er mir gerade genommen hat, bekomme ich nie wieder zurück.
Widerwillig mache ich mich für den Tag fertig, und sehe nach, welche Felle Samael meint. Wie erwartet finde ich sie am selben Schlachthof, den ich gestern geputzt habe. Sie weichen in einem Bottich Wasser, der neben einem schrägen Holzbalken steht. Der Geruch ist nicht besser geworden.

Kurz überlege ich, einfach zu laufen. Wenn ich durchhalte, in keine Bärenfalle trete, und die Schlingenfallen vermeide, könnte ich vielleicht genug Abstand zwischen mich und die Hütte bringen, damit weder Aaron noch keines seiner Kinder mich einholen können, sobald sie bemerken, dass ich weg bin.
Aber was mache ich dann? Ich weiß nicht, in welcher Richtung die nächste Stadt liegt, noch weiß ich, was ich überhaupt machen soll, sobald ich aus dem Wald bin. An die Polizei kann ich mich nicht wenden, falls sie wissen, dass ich hinter dem Feuer im Heim stecke. Sie würden mir nie glauben, wenn ich ihnen die Wahrheit erzählen würde, und egal ob es ein Unfall war oder nicht, ein Mädchen ist gestorben.
Mindestens.
Also müsste ich mich auf eigene Faust durchkämpfen. Unvorbereitet, ohne Geld, Essen oder Unterschlupf, nur mit den Kleidern, die ich am Leib trage, und einem geschenkten Taschenmesser.
Ich verwerfe die Idee, und gehe an die Arbeit, solange es draußen noch kühl ist.

Die Felle, die in dem Fass liegen, sind alles andere als sauber. Fleisch und Fett hängen noch an der Innenseite, und die Haare sind mit Wasser vollgesogen. Mühsam entwirre ich eines von dem Rest und wringe es naserümpfend aus. Samael spaziert in dem Moment mit einer Tasse Kaffee aus der Hintertür, immer noch im Pyjama, und setzt sich auf die Veranda.
„Was soll ich damit machen?”, frage ich.
„Du legst es auf den Block, und dann nimmst du das Messer, was danebenliegt, und schrubbst so lange, bis das sauber ist”, ruft er, und lehnt sich in seinem Sessel zurück, „Und wehe, ich finde einen einzigen Riss.”
Ich breite das Fell über dem Holzbalken aus und suche darunter nach dem Messer. Dann setze ich die stumpfe, zweigriffige Klinge oben an, und fange an, zu schaben.

Als ich mit dem ersten Fell fertig bin, geht hinter mir bereits die Sonne auf. Die ganze Zeit hat Samael keinen Finger gerührt und mich bloß angestarrt. Ich tue so, als würde ich es nicht bemerken, obwohl mir das Gefühl, beobachtet zu werden, eine Gänsehaut verpasst. Bis ich das zweite Fell aus der Menge gelöst habe, kommt Thana ebenfalls aus der Hütte, nur hat sie keinen Kaffee dabei, sondern einen Rucksack, und statt Schlafklamotten trägt sie Arbeitssachen und feste Stiefel.
„Wieso macht sie das?”
Ich höre Samael lachen, halte aber den Blick auf meine Arbeit gerichtet. Jedes Bisschen Aufmerksamkeit würde mich zu einem noch größeren Ziel machen, als ich ohnehin schon bin.
„Was meinst du? Ist doch ihre Arbeit.”
„Das ist deine Arbeit. Dad hat dir gestern gesagt, dass du mit dem Schaben dran bist.”
„Ich hab bloß meine Pflichten delegiert”, sagt Samael gleichgültig.
Ich beiße mir auf die Zunge und verkneife mir einen Kommentar.
„Dann mach wenigstens was”, murrt Thana, und schultert mit Schwung ihren Rucksack.
„Ich mach was! Ich genieße die Aussicht.”
Mein Gesicht brennt vor Scham. Mein Griff um das Messer wird enger, und meine Bewegungen ruckartiger. Ein Riss wird im Fell sichtbar.
„Du bist ekelhaft. Schluck solche Kommentare runter”, zischt Thana, und geht an mir vorbei ins Dickicht hinein.
„Was? Ich meins doch nur als Kompliment.”
„Deine Komplimente kannst du dir hinten reinschieben!”
Mir wird erst bewusst, was ich gesagt habe, als die Worte bereits weg sind. Nach der brennenden Wut, die den Satz aus mir gezwungen hat, bleibt nur noch eine eiskalte Welle Panik.
Samael steht auf und stampft auf mich zu. „Gerade du brauchst jedes Kompliment, das du kriegen kannst”, bellt er. Ich weiche einige Schritte zurück, aber bevor ich laufen könnte, schließt sich sein eiserner Griff um mein Handgelenk. Ich lasse das Schabmesser notgedrungen fallen.
„Bild dir nichts darauf ein. Ich würde dich nicht mal ficken, wenn du die letzte Frau auf der Welt wärst.”
Messer. Ich brauch mein Messer. Jetzt.
Ich taste meine Hosentasche ab, aber sie ist leer. Ich greife zu der anderen, aber bevor ich meine Finger um den Griff schließen kann, packt Samael mein Gesicht, reißt meinen Kopf herum und zwingt mich dazu, zu ihm hochzusehen.
„Entweder du hältst dich für mehr, als du bist, oder du hast in letzter Zeit nicht in den Spiegel geschaut.”
Ich spüre, wie er seinen Daumen über die Narbe zieht, von meiner Wange bis zur Nasenbrücke. Überall wo seine Haut meine trifft, fühle ich mich dreckig. Meine Rippen scheinen sich enger um meine Lungen zu ziehen. Sie quetschen mein Herz, das rapide schlägt, schneiden mir die Luft ab, zwingen ein Wimmern aus mir. Meine Kehle brennt.
Der Pfad, den sein Daumen hinterlässt, fühlt sich zu vertraut an. Die Erinnerungen regen sich, in ihrem Schlaf gestört, aber ich kann mich nicht wegreißen, nicht die Augen zukneifen, mich nicht ablenken.

„SAMAEL!”
Ich zucke zusammen. Für einen Moment denke ich, dass Aaron zurück ist; die Stimme ist bestimmt, befehlend, fast totalitär.
„Das reicht.” Thana quetscht sein Handgelenk, bis er loslässt.

Ich stolpere zurück und schnappe panisch nach Luft. Die beiden Geschwister streiten lautstark, aber es geht in dem Klingeln in meinen Ohren unter. Jede Narbe auf meinem Körper beginnt gleichzeitig zu brennen, und ich kann das Metall des Autowracks spüren, wie es mich gegen den Boden drückt.
„Zunder.”
Ruß brennt in meiner Kehle. Verzweifelt versuche ich, zu unterdrücken, was Samael geweckt hat.
„Zunder!”
Die Welt steht in Flammen, und das Feuer kreischt.
„No-Name!”
Ich zucke zusammen. Thana hat sich vor mir hingehockt und die Hand auf meine Schulter gelegt. Ich reiße mich von ihr weg.
„Atmen”, sagt sie leise. Erst dann bemerke ich, dass mein Atem nur noch in hastigen, zittrigen Stößen geht. Energisch schüttle ich den Kopf. Sie zögert.
„Geh”, stoße ich heraus.
Sie richtet sich auf, ihre Hand auf halbem Weg zu mir ausgestreckt. Dann flüstert sie, „Pass auf dich auf, okay?”
Mein Blick bleibt auf meine Schuhe fixiert. Ihre Schritte entfernen sich, bis sie ins Dickicht eintauchen und schließlich verstummen.
Taumelnd setze ich mich hinter den Balken, auf dem immer noch das halbfertige Fell hängt. Ich ziehe die Knie an die Brust und schlinge meine Arme darum. Zögernd greife ich mir an die brennende Wange, wo sich Samaels Daumennagel in meine Haut gegraben hat. Erst dann kommen die Tränen.

Teil 2.10
Bis ich mit dem Rest der Felle fertig bin, sind meine Finger aufgeweicht und schrumpelig. Katatonisch zupfe an einem Stück loser Haut, die sich um meinen Fingernagel herum löst. Angefroren warte ich zwischen Küche und Flur, weil ich nicht weiß, so Samael gerade ist.

Schatten tauchen in dem winzigen Fenster in der Tür auf. Ich schaffe es gerade noch so, aus der Sichtlinie zu hechten, bevor sie aufschwingt und zwei Personen die Hütte betreten.
„Ich versteh nur nicht, wieso er so geheimnistuerisch sein muss”, brummt Aaron.
„Wahrscheinlich, weil alles, was er bis jetzt getan hat, illegal ist”, antwortet Thana.
Mit der Hand an der Klinke zu dem kleinen Abstellraum halte ich inne, und lausche.
„Trotzdem. Er hat mir von einem Kind erzählt, keinem Feuermonster. Wenigstens hätte er mir sagen können, was los ist, damit ich den Preis anpassen kann.”
„Wahrscheinlich hat er es genau deshalb nicht.”
Aaron seufzt tief. Jemand raschelt mit einem Stapel Papier. „Und warum genau muss er mich am Arsch der Welt dafür treffen?”
Ein Moment der Stille vergeht. Dann sagt Thana, „Vielleicht hat er sich in etwas verwickelt? Kann sein Gesicht hier nicht zeigen?”
„Würde mich nicht wundern…”
Ich halte den Atem an.
„Nicht nur, dass er mir nicht sagt, was unser Ziel wirklich ist, dann besteht er noch drauf, dass ich die Kurze nach dem Brand abfange!”, brummt Aaron. „Das war nicht so ausgemacht. Dafür hätte ich ihm eine reinhauen sollen.”
„Es war einfacher, als sie aus dem Jugendheim zu holen.”
„Für die Menge Geld hätte ich sie aus dem verdammten Alcatraz geholt.”
Mir schnürt es die Kehle zu.
„Es ist sowieso bald vorbei”, beruhigt Thana ihren Vater. Aaron schnaubt bloß ungehalten.

Ich bleibe viel zu lange an die Wand gedrückt stehen und warte auf weitere Worte. Als wieder Schritte aus dem Wohnzimmer ertönen, brummt Aaron, „Bleib nicht zu lange draußen. Ich pass nicht alleine auf sie auf.”
Die Tür öffnet sich, schließt sich. Stille tritt ein. Ich linse ins Wohnzimmer.
Aaron kniet vor dem schwelenden Kamin. Er stochert mit dem Kamineisen in der glühenden Asche herum, und wendet sich dann etwas zu, das er vor sich ausgebreitet hat. Bei näherem Hinsehen erkenne ich einen Haufen Papiere. Er überfliegt einige der Zettel, sortiert einige von ihnen aus, fasst die größere Menge zu einem Stapel zusammen, und wirft den Rest ins Feuer. Funken stieben unter den Papieren hervor, Asche wirbelt auf. Gierig klammern sich die Flammen an das neue Fressen.

Als er ächzend wieder auf die Füße kommt, öffne ich geräuschlos die Tür zur Abstellkammer, und verstecke mich, bis es vor der Tür still wird. In meinem Schädel rasen hunderte Fragen. Wer wollte mich kidnappen? Weiß er, dass ich abnormal bin? Wer weiß es noch? Weder Aaron noch Thana scheinen groß davon überrascht zu sein.
Wie lange habe ich noch Zeit, bevor er mich holt?
Die Stille im Flur erinnert mich an etwas Dringenderes. Dort draußen im Kamin verbrennen vielleicht gerade die Antworten auf meine Fragen.

Dringende Panik macht sich in mir breit. Ich vergesse alle Vorsicht und reiße die Tür auf, laufe zum Kamin, und falle davor auf die Knie. Bevor ich darüber nachdenken kann, was ich tue, stecke ich beide Hände in die Flammen und ziehe so viele Zettel aus dem Kamin, wie ich kann. Hastig schlage ich das Feuer aus, bis die Papiere in einem Haufen Asche vor mir liegen.
Der Kamin knistert friedlich.
Verzweifelt zupfe ich die angebrannten Dokumente auseinander. Große Flächen sind zu Asche zerfallen, oder verschwärzt. So viel ist in den Flammen verschwunden…
Ich staple, was noch übrig ist, und finde ganz unten einen braunen Umschlag. In schwarzer Tinte sitzt ein Stempel in der rechten unteren Ecke. Er zeigt die Buchstaben S.C.P., sowie ein Symbol, bestehend aus einem umrandeten Kreis mit drei Pfeilen, die ihn durchkreuzen und in dessen Mitte deuten. In roter Tinte wurde „Zur Überprüfung eingereicht – Veraltet” quer über die Akte gekritzelt. Ich packe alles, was überlebt hat, in die Mappe, und wische dann die Asche weg, die damit aus dem Kamin gefallen ist.

Befremdet starre ich auf meine Hände hinunter. Habe ich nicht gerade ins Feuer gegriffen? Sollte ich nicht Brandwunden, oder wenigstens Schmerzen haben?
Für einen Moment hält die Glut meinen Blick fest. Langsam strecke ich meine Hand aus, und stelle mir vor, wie das Feuer vor mir zurückweicht.
Vor der Tür ertönen Schritte.
Ich reiße mich von den Flammen los. In dem kleinen Fenster in der Tür taucht ein Schatten auf, der Samael sehr ähnlich sieht. Ich greife die Mappe, presse sie gegen mich, obwohl das Papier noch heiß ist, springe auf, und lasse die Asche im Kaminbett in Ruhe kalt werden.

Teil 2.11
Als sich die Tür zum ersten Mal öffnet, kann ich gerade noch die Akte unter die Matratze schieben, und mich schlafend stellen. Das Licht bleibt einen Moment auf mir ruhen, dann schließt sich die Tür wieder. Ich ziehe die Akte heraus, hebe die Matratze an, ritze mit dem Taschenmesser einen Schlitz in die Naht an der unteren Seite, und stecke die Mappe längsweise hinein.
Es vergehen kaum zehn Minuten, bis wieder jemand die Tür öffnet. Fünf Minuten, und wieder überprüft jemand, ob ich weggelaufen bin. Sieben Minuten. Fünfzehn Minuten. Im vorgespielten Schlaf kann ich nichts tun, außer die Sekunden zu zählen.
Die Abstände zwischen den Besuchen werden langsam immer größer, bis ich mich nach einer Weile irgendwo im im Bereich einer halben Stunde verliere, und niemand mehr am Flur zu hören ist. Der Vorsicht zuliebe warte ich noch einmal etwa zehn Minuten, bevor ich meine Charade einstelle. Als in den folgenden fünf Minuten immer noch nichts passiert, werde ich unruhig.
Wo bleibt Quinn?

Sachte gehe ich auf den Flur, bedacht, die quietschenden Bodendielen zu vermeiden. Ich schleiche zu Quinns Zimmer, öffne die Tür einen Spalt, und werde von lautem Schnarchen begrüßt. Ich schließe die Tür leise hinter mir und schalte das Licht an, aber Quinn reagiert nicht einmal darauf.
Seufzend lehne ich mich zu en hinunter, und klatsche en so lange mit der Flachen Hand ins Gesicht, bis en erschrocken hochzuckt, und mich schlaftrunken anstiert.
„Du-”
„Fühlt sich unangenehm an, oder?”, unterbreche ich en, „Ich hab auf dich gewartet. Fällt das Training heute aus?”
Innerhalb von Sekunden scheint en plötzlich hellwach. „Nein, ich wollte dir heute was zeigen!”, sagt en aufgeregt und springt aus dem Bett. Erst jetzt bemerke ich, dass en voll angezogen ist, und sogar Schuhe im Bett anhat.
„Geh dich umziehen”, sagt en, und greift ens Taschenmesser aus dem Nachtschank, „Wir gehen heute raus.”

Ich treffe Quinn draußen. En geht unruhig auf der Veranda auf und ab, und geht sofort schnurstracks ins Dickicht, als ich aus der Hütte komme.
„Warte!”
Ich laufe en hinterher, aber während en leichtfüßig durchs Unterholz geht, bleibe ich ständig hängen und stolpere über ungeraden Boden.
„Gott, du bist lahmarschig!”, spottet en.
„Wie soll ich bitte durch das Gebüsch durchkommen?”
En läuft zu mir zurück und zerrt an meiner Hand. „Wie schwer kann es denn sein?”, fragt en, und zerrt mich direkt mit dem Gesicht in einen niedrig hängenden Ast. En lacht, während ich Grünzeug ausspucke.
„Schau weit in den Wald hinein”, erklärt en schließlich, „Such nach offenen Wegen. Heb die Beine mehr an, und dann geh einfach, und zwar schneller!”
En läuft wieder voraus, und mit ens Tipps kann ich endlich mithalten. Weiters kann ich, wenn ich so weit in den Wald hinausschaue, die dünnen Drähte der Schlingenfallen sehen, die frei in der Luft hängen.
„Ich will dir ja nicht die Laune verderben, aber wenn jemand in der Hütte nach mir sieht, fliegen wir beide auf”, rufe ich.
„Ja, ja, die schlafen alle. Solange wir vor Sonnenaufgang zurück sind, geht das schon.”

Wir hechten eine Ewigkeit durch das Gebüsch, bis ich vor uns eine Lichtung erkenne, auf die Quinn zusteuert. Flaschen hängen auf den Ästen der umgebenden Bäume, stehen auf den Baumstümpfen, die die Lichtung begrenzen, und an manchen Stellen auf dem Boden. Erst denke ich, dass sie fürs Zielschießen gedacht sind, bis Quinn eine von ihnen hochhebt, und eine Kerze darunter anzündet.
Ich sehe mich um. Es müssen dutzende von selbstgemachten Laternen sein.
„Steh nicht nutzlos herum und hilf mir”, sagt Quinn, und zieht eine gaze Handvoll Feuerzeuge aus der Hosentasche. „Probier, welches davon funktioniert.”
Gemeinsam gehen wir mit den Flammen herum, bis die gesamte Lichtung erhellt ist. Quinn grinst stolz. „Alles meine Arbeit! Ich hab tagelang Dads Bierflaschen gesammelt.”
„Ich muss zugeben, das ist echt cool”, murmle ich, und drehe mich im Kreis. Das grün, braun und weiß der verschiedenen Flaschen vermischt sich in seltsamen Formen, und wirft ein hypnotisierendes Muster ins Gras.
„Fangen wir an, bevor wir noch mehr Zeit verschwenden”, wirft Quinn ein, und geht in Stellung. Automatisch wiederhole ich alles, was ich bis jetzt gelernt habe. En nickt, bis en mitten im Wort zu mir hechtet und ohne Warnung zusticht. Es ist offensichtlich, dass en sich absichtlich langsam bewegt. Ich weiche einen Schritt zurück, fange ens nächsten Stich ab, drücke die stumpfe Seite des Messers zuerst in ens Schulter, dann in ens Bein, und stoße en zurück. Anstatt sich zurückzuziehen, als wäre en wirklich verletzt, sticht en von unten zu, von allen Seiten, um meine Verteidigung zu testen. Wenn ich es kann, schlitze ich mit der stumpfen Seite des Messers. Falls nicht, blocke ich. Wenn keins von beidem möglich ist, weiche ich zurück.

Schließlich stoße ich Quinn von mir.
„Gut gemacht”, lobt en mit einem Grinsen, „Ich hab gehofft, dass du den Dreh raus hast. Wir üben heute etwas Neues.”
En zieht das Messer zurück und dreht die Spitze zu mir. Ich stocke.
„Du willst, dass ich lerne, wie ich töte.”
Quinn lässt die Haltung fallen und dreht verlegen das Messer zwischen den Fingern. „Immerhin hörst du mir zu.”
„Ich bringe niemanden um!”, zische ich. Ein Leben auf meinem Gewissen reicht.
„Verdammt, denkst du wirklich, dass dir diese kleinen Tricks helfen werden?”, platzt Quinn heraus, „Wie weit denkst du, bringt dich das? Wie lange dauert es, bis du jemanden verletzt, der dich später einholt? Bis du gegen jemanden kämpfst, gegen den die beste Verteidigung Angriff ist?”
„Ich will gegen niemanden kämpfen!”, schreie ich.
„Dann hättest du das verdammte Jugendheim nicht anzünden sollen!”
Mir bleiben jegliche nächste Worte im Hals stecken. Wir starren uns an, wortlos, trotzig. Dann ziehe ich langsam das Messer zurück, und schwenke die Spitze zu Quinn.

En bringt mir bei, wie ich einen Menschen töte. Wo ich einsteche, um den meisten Schaden zu verursachen. Wo weiche Stellen sind, wo die Klinge widerstandslos durch Fleisch gleiten kann, und wo Rippen im Weg sind. Wo ich mit meiner freien Hand hinschlagen kann, um Zeit, oder Abstand, oder die Überhand zu gewinnen.
En zeigt mir, wie ich Schaden hinterlasse. Wir üben stundenlang.

Dann, ohne Vorwarnung, sticht en zu. Ich weiche zurück, denke an das, was ich kenne, aber die Art, wie Quinn kämpft, gibt mir keine Öffnungen. Das ist kein Test mehr, für den en langsamer wird. En hält sich nicht mehr zurück.
Weiter und weiter weiche ich nach hinten. Es gibt keine Gelegenheit, die Schwünge zu blockieren und in ens Gelenke zu stechen. Stattdessen werden die Schnitte immer knapper, mein Atem immer schwerer, und das Zurückweichen immer panischer.
Anfängerhaft suche ich nach Gelegenheit. Wo ich stechen könnte. Wie ich en verletzen könnte. Ich weiche zur Seite aus, und nutze die Zeit, in der sich en zu mir dreht, um mich unter ens Arm zu ducken. Ich steche zu, doch Quinn lehnt bloß leicht den Kopf zurück und zieht einen roten, langen Kratzer über meinen Arm.
Blut füllt meinen Mund, als ich mir auf die Zunge beiße, um einen Schrei zu unterdrücken. Mein Arm brennt höllisch, doch ich lasse das Messer nicht fallen; im Gegenteil, ich umklammere es krampfhaft, bis meine Knöchel bleich hervortreten. Mein Herz donnert gegen meine Rippen, und Quinn und ich verfallen wieder in denselben, hässlichen Tanz: Zustechen und Zurückweichen.
Feuer, flüstert die Stimme in meinem Kopf, Du brauchst Feuer, oder en bringt dich um.
Die Kerzenflammen um mich herum flüstern zu mir. Mit jedem frischen Keuchen, jedem Schnitt, der zu nah an meinem Gesicht oder meiner Kehle entlanggeht, werden sie lauter.
Als ich ins Stolpern komme, schreien sie.
Quinn erhebt das Messer, und zuckt verwirrt zusammen, als auf der windstillen Lichtung plötzlich alle Flammen in ihren Laternen auf ein mickriges, flackerndes Orange hinunterbrennen. Der Moment reicht mir, um auf die Beine zu kommen, und mich mit meinem gesamten Gewicht gegen Quinn zu werfen.
Wir landen keuchend auf dem Boden.
Wenn ich en jetzt töte, kann ich weglaufen. Ich bin aus dem Wald, bevor mich jemand vermisst. Niemand wird mich finden.
Ich ramme meine Klinge in ens Kehle.

Einen Moment starren wir uns an, dann ziehe ich das Messer aus der Erde neben Quinns Kopf. Meine Hände zittern unkontrolliert.
Das war nur ein Übungskampf.
Ich falle rücklings von Quinn herunter. En dreht sich zur Seite und schnappt nach Luft.
Wie habe ich das vergessen?
„Wenigstens weiß ich, dass du mir zugehört hast”, keucht Quinn, und atmet tief durch, „Nicht schlecht, Zunder. Nicht schlecht.”
Ich stehe auf und klopfe mir die Erde von der Hose. „Nenn mich nicht so.”
Mein Herzschlag beruhigt sich wieder, und Schwere setzt sich in meinen Gliedern fest. Mit einer Hand über der Wunde an meinem Arm setze ich mich auf einen der abgesägten Baumstämme. Blut sickert durch meine Finger.
„Hab ich dich erwischt?”, fragt Quinn reuevoll. Ich zucke mit den Schultern. „Ich verbind das, wenn wir zuhause sind.”
„Lass es”, murre ich.

Für einige Sekunden steht Quinn verloren da, bis en sich schließlich neben mir niederlässt. Es scheint nicht so, als würde en es selbst bemerken, aber en greift sich immer wieder an die Kehle.
„Ich versteh nicht, wieso du nicht kämpfen willst. Ich weiß, was dir mit Samael passiert ist.”
Unwillkürlich spanne ich mich an. Quinn lässt nicht locker.
„Du bist nicht dumm. Du weißt, dass du kämpfen können musst. Egal, wo du bist.”
Sagt en alles das, in dem Bewusstsein, dass ich bald geholt werde? Will en mich darauf vorbereiten?
„Und du bist gut! Du lernst schnell!”, beharrt Quinn, „ Ich hätte mir nicht gedacht, dass du nach ein paar Tagen training schon mal gewinnen kannst. Selbst mit dem ganzen-“, en zeichnet in der Luft mit den Händen Kreise, “Feuer-Dings, meine ich.”
Mein Mund schmeckt nach Eisen. Ich drücke meine Zunge an den Gaumen, wo ich sie zerbissen habe. Falls en mir wirklich helfen will, kann ich en einweihen, dass ich abhauen will, oder verrät en mich? Kann ich en fragen, wie lange ich noch habe, oder würde en Aaron sagen, dass ich weiß, was mir bevorsteht?
Wie weit kann ich Quinn vertrauen?
„Zunder, du musst aufhören-”
„Ich hab ein Mädchen umgebracht.”
Mein Blick bleibt auf den Dreck unter meinen Schuhen fixiert, aber ich höre Quinn ens eigenen Atem schlucken.
„Ihr Name war Olivia”, murmle ich. „Ich glaube, sie hat mich als Freundin gesehen. Sie hat mich als einzige normal behandelt, als ich ins Jugendheim gekommen bin.”
Taub kratze ich Erde von meinen Handflächen. Jetzt, wo ich endlich darüber rede, fühlen sich die Erinnerungen weniger schrecklich an, als wenn ich sie in Stille wieder hochhole.
„Ich kann mich nicht daran erinnern, wie ich das Feuer gelegt habe. Ich bin an meinem letzten Tag eingeschlafen, und als ich aufgewacht bin-” Die Worte sterben auf meiner Zungenspitze. „Ich weiß, dass ich es war. Es sind immer so seltsame Dinge passiert…”
Quinn schweigt. Ich weiß nicht einmal, welche Antwort ich erwarte.
„Sie ist am Flur gelegen”, murmle ich, „Verbrannt. Aber sie hat geatmet.” Der Geschmack von Eisen auf meiner Zunge weicht dem von Asche. „Ich hab sie liegen lassen.”
Ich spüre eine vorsichtige Hand auf meiner Schulter. Erst als ich versuche, Quinn in die Augen zu sehen, bemerke ich, dass meine eigenen verschleiert sind. En hat keine tröstenden Worte für mich. Stattdessen zieht en mich zu sich, und ich falle en in die Arme.
Ich spüre kaum, wie Quinn mich hält. Jetzt, wo ich endlich sicher weinen könnte, weigern sich die Tränen. Alles was bleibt, ist eine gähnende, kalte Leere.
„Machen wir weiter…”, sage ich, und drücke Quinn weg.
„Vergiss es”, schnaubt en, „Du hast mir fast die Rippen gebrochen. Ich brauch eine Pause.”
Ich zucke mit den Schultern und gehe unruhig auf der Lichtung auf und ab. Ich bin zwar immer noch erschöpft, kann mich aber nicht dazu zwingen, stillzustehen, oder gar zu sitzen.

Hinter mir ertönt ein Knistern, und als ich mich umdrehe, hält mir Quinn eine angebrochene Tafel Schokolade entgegen.
„War eigentlich als Belohnung gedacht”, sagt en mit entschuldigendem Grinsen.
„Was? Dafür, dass ich gelernt habe, wie man Menschen umbringt?”
En schnaubt. „Genau dafür. Aber wenn du sie nicht willst…”
Bevor en den Satz beenden kann, schnappe ich die Tafel und breche eine Ecke mit den Zähnen ab. Ich lasse sie auf meiner Zunge zergehen und seufzte genießerisch.
„Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal Schokolade gegessen habe.”
„Schon so lange her?”
„Ich mein das wörtlich”, sage ich, und tippe gegen meine Schläfe.
Quinn kichert. Ich gebe en die Tafel zurück und setze mich neben en auf den Boden. Wir teilen uns die Schokolade Stück um Stück.

Ich könnte en fragen, wie lange ich noch habe, bis ich geholt werde. Theoretisch könnte ich morgen bereits von einer Gefahr einer Größeren übergeben werden. Vielleicht weiß en, wer es ist, und wieso er hinter mir her ist. Vielleicht würde en mir sogar helfen, vorher zu fliehen.
Ich beiße eine letzte Ecke ab und stehe auf.
„Wir sollten weitermachen”, sage ich, „Ich will noch üben, bevor wir zurückmüssen.”

Teil 2.12
Essen. Trinken.
In meinem Kopf stelle ich langsam eine Liste von allem zusammen, das ich brauche, bevor ich weglaufen kann.
Essen. Trinken. Kleidung.
Mit zusammengekniffenen Augen liege ich auf der Matratze, und versuche, mich zum Einschlafen zu zwingen. Bis jetzt hat es nicht funktioniert.
Essen. Trinken. Kleidung. Hygieneartikel.
Mit dem Bewusstsein, dass die Akte unter mir in der Matratze steckt, schlafe ich etwa so gut wie die Prinzessin auf der Erbse. Meine Hände jucken danach, sie herauszuziehen, und durchzulesen, doch Quinn und ich sind gerade noch vor Sonnenuntergang zurückgekommen und ich brauche so viel Schlaf, wie ich kriegen kann.
Essen. Trinken. Kleidung. Hygieneartikel. Der Rest der Akte, den Aaron versteckt hat.
Seufzend gebe ich auf, rolle mich von der Matratze, und hebe sie hoch. Vielleicht beruhigt mich ein kleiner Blick genug, um mich schlafen zu lassen.

Die erste Seite fehlt. Seite zwei beginnt am Ende eines Absatzes. Der Anfang eines roten Stempels zeigt die Buchstaben ZURÜ quer über die Seite.

woraus geschlossen werden kann, dass sie nicht immun gegen Feuer ist, selbst, wenn es von ihr selbst erschaffen wurde.
Weitere Effekte, die sich durch ihre Kräfte ausdrücken, sind:
1. Erhöhte Körpertemperatur, sowie starke Schwankungen dieser;
2. Starke Kälteempfindlichkeit;
3. Leichte euphorische Reaktion auf Wärme- und Lichtabgaben (bspw. Sonnenlicht, Infrarot-Lampen)
4. Erhöhte Resistenz gegen

Der Rest der Seite ist entweder in Asche zerfallen, oder von Ruß so verschmiert, dass der Text unlesbar ist, doch durch die wenigen Zeilen Text bestätigt sich eine schreckliche Vermutung: Die gesamte Akte beschreibt, wer ich bin und was meine Kräfte sind. Aaron hat von jemandem, der bezahlt hat, mich zu kidnappen, eine gesamte Mappe voll Details über mich bekommen.
Mir läuft es eiskalt den Rücken hinunter. Sofort male ich mir aus, wer mich sucht; ein Sammler, der mich bloß als exotische Kreatur sieht, ein wahnsinniger Forscher, der mich auseinandernehmen und untersuchen will. Erst ist er in meinem Kopf Sektenführer, dann ein Sklavenhändler, dann ein Serienmörder.
Energisch schüttle ich den Kopf und reibe mir die Augen. Ich habe seit mehreren Tagen nur wenige Stunden geschlafen, es ist mitten in der Nacht ,und meine Phantasie spielt verrückt. Nichts von alldem ist wahrscheinlich.
Aber nicht unmöglich.

Ich versuche die nächste Seite zu entziffern, doch die einzelnen Buchstaben zwischen den Brandschäden verraten mir kaum etwas. Die Seite darauf ist kaum beschädigt, doch an manchen Stellen hat das Feuer sich durch das Papier gefressen. Auch hier sitzt ein Stempel, und zeigt das Wort ZURÜCKGEZOGEN in großen Lettern. Zusätzlich ist der Text darunter von Hand geschrieben worden, und die Handschrift macht es nicht einfacher, die Wörter zu entziffern.

Ich schlage mehrere Tests vor, um ihre Grenzen zu finden. Wir müssen wissen, wie heiß sie ihr Feuer machen kann, falls wir sie isolieren müssen. Ich schlage vor, sie bis zur körperlichen Erschöpfung zu treiben, um genaue Ergebnisse zu gewährleisten. Darüber hinaus müssen die Kapazität und Entfernung, in der sie Flammen beschwören kann, getestet werden, sowie wie Sauerstoffgehalt, bereitgestellte Materialien, Feuchtigkeit und ihr eigenes körperliches Wohlbefinden dazu beitragen.
Weiters sollten emotionale Trigger festgestellt werden, die einen Ausbruch verursachen könnten. Wir können nicht riskieren, dass sie zufällig in eine Flammenwolke platzt, weil sie unglücklich ist.

Unter einer Signatur, von der ich nur das „Dr.” entziffern kann, befindet sich ein zweites Statement, dieses Mal in schwarzem Kugelschreiber, anstatt in blauem.

Wenn Sie einen Testantrag stellen wollen, nehmen Sie das mit dem Supervisor auf, nicht mit uns. Das ist nicht unser Department.
Hören Sie auf, uns unvollständige Reports zu schicken. Das gesamte Department kennt bereits Ihren Namen, und nur deswegen, weil wir ständig Ihre Arbeit machen müssen. Es liegt nicht an uns, aus Schwesternreporten die Daten herauszuholen, die Sie eintragen müssten.
Weiters schlägt das gesamte Department vor, Ihre Testvorschläge einmal jemandem von der Ethik-Kommission zu zeigen. Nehmen Sie sich das Feedback, was sicher sehr ausführlich sein wird, gerne zu Herzen.
Wenn so etwas noch einmal passiert, schreibe ich eine Beschwerde. Das wäre weitaus weniger Arbeit, als Ihre Lücken zu füllen.
Bericht zurückgezogen.
Dr. Evie-Rose Searle

Die beiden Statements lassen mich stocken, und den Umschlag der Akte suchen. Das Zeichen und die drei Buchstaben; anfangs dachte ich, sie sind die Initialen einer Person, und deren Logo. Sie stehen für eine Organisation.
Wenn das der Fall ist, dann ist die Existenz der Akte umso bedrohlicher. Die Existenz des wahnsinnigen Forschers hat sich mehr oder weniger bestätigt; dort draußen lauert eine ganze Ansammlung von Menschen, die anscheinend kaum darauf warten können, mich zu vivisezieren. Und wahrscheinlich waren es auch sie, die Aaron bezahlt haben.

Ein leises Quietschen lenkt meine Aufmerksamkeit von den Papieren zum Fenster, hinter dem gerade die Sonne aufgeht, und Vögel zu zwitschern beginnen. Schwerfällig rolle ich mich von der Matratze und hebe sie, und bereue es jetzt bereits, nicht geschlafen zu haben.
Die Papiere sind zu wenig, um eine Fallakte auszumachen, also müssen nach dem handschriftlichen Statement noch Seiten fehlen. Ich vermute, dass Aaron sowohl die erste Seite, und den Rest der Akte bei sich hat.
Ich fasse alle übriggebliebenen Papiere zusammen und stecke sie zurück in die Mappe. Auf der Innenseite des Aktendeckels ist eine kleine Papiertasche, aus der die Ecke eines Zettels hervorragt. Ich ziehe ihn heraus. Derselbe Stempel wie auf der Vorderseite der Akte prangt in der Mitte, darunter einige verblasste Zahlen. Ich drehe den Zettel um. Mein Körper fühlt sich an, als hätte mir jemand in den Magen geschlagen.
Mama steht links, Papa rechts. Vor ihnen steht mein Bruder, um dessen Schulter mein jüngeres Ich ihren Arm gelegt hat. Mama und Papa haben die Arme um uns gelegt. Papa muss sich etwas hinunterbeugen, um ins Bild zu passen. Wir lächeln in die Kamera.
Ich erinnere mich an Gelächter. An Stimmen, and Ich hab dich lieb und Ich hab dich auch lieb, an sinnlose Ausschnitte, die ich nicht verstehen kann, die ich versuche zu greifen, und die mir jedes Mal durch die Finger fallen. Reihenlos, sinnlos, gnadenlos.
Gewaltsam drängt sich ein Schluchzen über meine Lippen.
Ich sehe aus wie Mama. Wir haben dieselben dunkelbraunen Haare, dieselben Gesichtszüge, dieselbe Hautfarbe, dasselbe Lächeln. Nur unsere Augen sind unterschiedlich; meine grau, ihre braun. Dafür ist mein Bruder Papa wie aus dem Gesicht geschnitten, von der Nase bis zum Grinsen bis zu den gleichen, blauen Augen. Nur seine Haare sind nicht schwarz wie Papas, sondern genauso braun wie meine.
Im Bild fehlt ihm ein Zahn.
„Ishan…”, flüstere ich, bevor ich weiß, was es bedeutet, und senke meine Stirn zum Foto.
Er war zu jung.
Trotzdem ist er tot.
Ich halte das Bild in meiner Handfläche beschützt, verfluche Aaron, der es beinahe verbrannt hätte, und flüstere den Namen meines Bruders wie ein Gebet.
Ich werde euch nie wieder vergessen.

Teil 2.13
Ich entferne taub und müde das leere Magazin aus der Schrotflinte, und lege es auf den Tisch. Wie Aaron es mir erklärt hat, tropfe ich etwas von dem Mittel, das er mir gegeben hat, auf den Pfeifenreiniger, und fange an, den Lauf der Schrotflinte zu putzen.
Ich weiß nicht, wo Samael, Thana oder Quinn sind. Als Aaron erklärt hat, wer heute welche Arbeit zu tun hat, war ich zu beschäftigt, nicht einzuschlafen oder in Tränen auszubrechen, um zuzuhören. Dass ich verstanden habe, wie ich seine verschiedenen Waffen reinigen soll, grenzt an ein Wunder.
Gähnend schraube ich das Mittel zu, lege die ölige Bürste weg, und nehme stattdessen ein sauberes Tuch, mit dem ich die Mündung schrubbe. Ich wische den Lauf außen ab, dann poliere ich den hölzernen Bereich am hinteren Ende der Flinte, und nehme mir dann die nächste vor.

Ich arbeite wie auf Autopilot. Die ganze Zeit bin ich mit den Gedanken bei Ishan, bei Mama und Papa, bei dem Foto, das in der Matratze steckt. Stumm murmle ich den Namen meines Bruders vor mich hin, suche nach Mamas Namen oder nach Papas, und finde nichts.
Erst als ich die letzte Waffe weglege, bemerke ich, dass es Abend ist, dass Thana, Samael und Quinn zurück sind, und dass ich Hunger habe. Ich esse das Abendessen, schmecke es nicht, und gehe wortlos in die Abstellkammer zurück.
Ich ziehe die Akte aus der Matratze, nur um das Foto herauszunehmen. Dann studiere ich so lange die Gesichter der Toten darin, bis ich sie im Schlaf erkennen könnte. Die Müdigkeit holt mich nur wenige Minuten später ein.

Es fühlt sich an, als wären kaum zehn Minuten vergangen, als Quinn mich an der Schulter wach schüttelt.
„Raus aus den Federn, Dornröschen.”
Murrend vergrabe ich mein Gesicht in die Matratze. En erhebt sich seufzend, greift meinen Knöchel, und zerrt mich mit einem Ruck auf den Boden.
„Arschloch!”
„Hab dich auch lieb. Komm jetzt, wir haben nicht die ganze Nacht Zeit.”

Wir schleichen durchs Haus und hinaus ins Grün. Die kalte Nachtluft peitscht mir ins Gesicht und weckt mich etwas auf. Quinn läuft wieder vor, und ich renne en hinterher durchs Gebüsch. Wie gestern gehen wir auf der Lichtung im Kreis und zünden die selbstgemachten Laternen an, bis sie wieder seltsame Muster auf die Erde werfen.
Während Quinn noch die letzten Kerzen entzündet, entscheide ich mich dafür, en eine Dosis von ens eigener Medizin schmecken zu lassen, und attackiere en ohne Vorwarnung. Entweder en hört meine Schritte im Gras, oder hat Augen am Hinterkopf, denn meine Klinge kommt nicht einmal in ens Nähe.
„Hören wir einmal auf zu spielen!”, ruft en vorfreudig, „Ich halt mich nicht mehr zurück. Und wehe, du tust es!”
Ich jage auf en zu, lasse meine Klinge in die Nähe von ens Arm kommen, nur um abzulenken und nach ens Torso zu stechen. Dann ziehe ich das Messer nach oben, ziele auf ens Kehle, dann ens Seite. Jede Attacke geht daneben, und jedes Mal weicht en mit einem selbstgefälligen Grinsen aus.
„Ich dachte, du hältst dich nicht mehr zurück”, sage ich.
„Mach ich auch nicht. Es ist nur sehr lustig, dir zuzusehen.”
Ich schnaube und setze mehrere Stiche an, die en mühelos abblockt. Ens erste Attacke kommt aus dem Nichts, die Klinge blitzt kaum einen halben Zentimeter vor meiner Nase, und noch bevor ich eine Beschwerde herausbringe, dass en gefälligst vorsichtig sein soll, schlägt en mit Wucht gegen meinen Arm. Die Stichwunde darunter brennt, und ich lasse mein Messer fallen.
„Du bist so ein-”
„Was habe ich dir beigebracht?”
Ich verdrehe die Augen. „Wenn dein Gegner eine Schwäche hat, nutzt du sie aus”, zitiere ich eine der Regeln, die Quinn mir in unseren vielen Stunden Übung vorgebetet hat.
„Genau. Also beschwer dich nicht, sondern heb das Messer auf.”

Wir gehen zurück in Position. Ich versuche, ens Taktik zu kopieren, doch en hat keine Wunden, kein Hinken, kein Zögern und schon gar kein blindes Auge wie ich, was ens Tiefenwahrnehmung auslöschen würde. Im letzten Moment, bevor Quinn zum Angriff ansetzt, fällt mir auf, dass obwohl unser Kampf kurz war, ens Atem schwer geht.

Ich übe mich in Geduld und Verteidigung. Ich blocke, lenke ab, weiche aus und zurück, und lasse en sich austoben. Bereits nach wenigen Schnitten und Stichen keucht en, und muss sich zurückziehen. Ens Angriffe werden langsamer. Ein letztes Mal lasse ich en zustechen, und sich zurückziehen, dann blocke ich ens Arm und steche zu. En greift mein Handgelenk, zerrt meinen Arm unter ens Achsel und rempelt mich mit der Schulter an, sodass ich seitlich in die Erde falle.
Das Adrenalin des Übungskampfes lässt nach. Ich stöhne genervt und erschöpft auf, und werfe halbherzig das Messer von mir.
Quinn stellt sich mit einem Grinsen breitbeinig über mich.
„Komm schon, auf mit dir.”
Ohne mich vom Fleck zu bewegen schiele ich Quinn vom Boden aus an. „Kann nicht.”
„Wieso nicht?”
„Bin tot.”
En lacht auf. „Du siehst auch so aus!”
„Dafür seh ich nicht aus wie ein Stinktier”, schieße ich zurück, „Du stinkst sogar wie eines.”
En beugt sich zu mir herunter und stupst mir gegen die Nase. „Und du stinkst, als wärst du verwest, und siehst aus wie eine Leiche.”
Ich schiebe ens Hand weg und lege meinen Arm über meine Augen. „Kein Wunder. Ich arbeite tagsüber für Aaron und muss mich nachts von dir verprügeln lassen. Da ist nicht viel Zeit für Schlaf.”
Quinn sagt für eine Weile nichts. Als ich wieder zu en hochsehe, ist en in Gedanken versunken.
„Was? Hat dich die erste Runde so erschöpft, dass du Runde zwei nicht durchhältst?”, frage ich zweideutig.
„Wir machen keine. Du gehst jetzt schlafen.”
Ich strecke en bloß die Zunge heraus.
„Ich meins ernst”, sagt en und hält mir die Hand aus, „Wir gehen zurück, und du gehst ins Bett.”
„Dafür hab ich keine Zeit!”
„Wir können morgen immer noch trainieren.”
Ich setze mich auf und beobachte Quinn vom Boden aus. Kann ich en genug vertrauen, um en zu sagen, dass ich weiß, dass meine Zeit begrenzt ist?
Ich lege meine Stirn auf meine Knie. „Ich kann sowieso nicht schlafen.”
„Wieso nicht?”
Ich schnaube, „Ohne beleidigend zu sein, ich hab von der Hütte Alpträume während ich wach bin.”
Quinn zögert für einen Moment und setzt sich dann auf einen der Baumstämme. En patscht auf den Platz neben sich. Ich stehe nur widerwillig auf. Als ich mich neben en setze, deutet mir en, dass ich mich hinlegen soll. Ich lege meinen Kopf in ens Schoß.
„Schlaf ein bisschen”, sagt en und legt unbeholfen ens Hand auf meinen Kopf.
„Würde ich gerne.”
„Wie wärs mit Schafe zählen?”
Ich verdrehe die Augen, und überlege. Die Stille zwischen uns dehnt sich, bis ich murmle, „Erzähl mir was Schönes.”
Quinn braucht einige Sekunden, bis en leise zu sprechen beginnt.
„Weißt du, was außerhalb vom Wald liegt?”
Ich schüttle leicht den Kopf.
„Im Süden sind Felder. Kilometer um Kilometer nur Mais. Thana und ich klauen manchmal davon.”
Ich lächle müde. Quinn scheint langsam in Gedanken zu versinken.
„Du bist von Südosten hergekommen. Du bist ziemlich weit gelaufen, und Dad hat dich noch weiter getragen. Die nächste Stadt liegt im Westen. Wenn du die Sonne im Rücken behältst, bist du am kürzesten Weg.”
Ich gähne, drehe mich auf die Seite.
„Wir waren ein paar Mal dort. Dad und ich. Einmal hat uns die Polizei gejagt. Da gibts eine leere Fabrik, ganz am Rand von der Stadt, in der wir uns versteckt haben. Keine Zäune, keine Alarmanlagen, nichts. Sie haben uns nie gefunden.”
Es gibt nur einen Grund, wieso en mir das alles sagt.
„Du weißt, dass ich nicht mehr lange bleiben kann, oder?”
Einige Sekunden lang reagiert Quinn nicht, dann flüstert en, „Du weißt es auch.”
„Und du weißt, was mit mir passieren wird, wenn ich geholt werde.”
Quinn streicht mir über die Haare. „Nein. Keine Ahnung.”
Ich lasse endlich meine schweren Augenlider zufallen. Der Baumstamm ist zwar härter als die Matratze, aber die Luft ist frisch, und ich habe das Zirpen von Grillen und Quinns Atem, die mich in den Schlaf begleiten.
„Ich weiß nicht, was er von dir will”, flüstert en, als ich bereits im Halbschlaf schwebe, „aber ich schwöre dir, ich lasse es nicht dazu kommen.”
“Schwör mir nichts,” murmle ich, “Schwüre sind teuer.”

Teil 2.14
Im Topf neben mir klirren Gläser aneinander. Ich stopfe zwei neue Einmachgläser mit Karotten und Gurken voll, fülle sie mit Wasser an, und drehe den Deckel so fest zu, wie ich kann. Die Küchenuhr zu meiner linken klingelt, also ziehe ich die fertig eingekochten Gläser aus dem Wasser. In den folgenden Momenten Stille höre ich genau auf jegliche Geräusche hinter mir.
Thana hat die Hütte bereits seit langem durch den Hintereingang verlassen. Aaron und Samael sind noch im Wohnzimmer, und suchen ihre Habseligkeiten zusammen. Quinn läuft im Flur herum.
Ich wage einen Blick nach hinten. Samael steht mit dem Rücken zu mir gegen die Wand gelehnt und wartet auf Aaron, der langsam seine Flinte reinigt. Als ich mir sicher bin, nicht beobachtet zu werden, öffne ich langsam den Küchenschrank neben mir, und lasse einen der Müsliriegel darin in meinen Ärmel verschwinden. Dann stecke ich meine Hand in die Jackentasche, und lege ihn zu den drei anderen, die ich bereits gestohlen habe.
Ich stelle vier neue Gläser ins Wasser. Sie schlagen geräuschvoll aneinander, und geben mir die Gelegenheit, die Schublade vor mir aufzumachen, und eine Packung Trockenfleisch in meine Innentasche zu stecken, ohne dass Aaron oder Samael das Knistern der Verpackung hören können.
„Hast du alles?”, fragt Aaron hinter mir. Samael antwortet mit einem Brummen. Zwei schwere Paar Schritte gehen durch die Vordertür, entfernen sich, und verstummen schließlich ganz.

Ich stopfe mir die Taschen voll. Anfangs scheint es leichtsinnig, so eine große Menge an Essen zu stehlen, die sofort bemerkt wird. Aber da ich heute Nacht weglaufe, kann es mir egal sein. Kurz überlege ich, ob ich von dem eingekochten Essen auch etwas mitnehmen soll, aber die Gläser brauchen Stunden, um abzukühlen, und ich will spätestens heute Mittag bereit sein.
Ich stopfe weiteres Gemüse in die Einmachgläser, stelle die Küchenuhr neu, und wechsle wieder die vier Gläser aus, die in den Topf passen. Da sie eine halbe Stunde im Wasser sitzen müssen, macht es keinen Sinn, dass ich mich beeile, aber die Nervosität zwingt mich dazu.

Meine Arbeit zieht sich weit bis in den Nachmittag hinein. Ich verbrühe mir die Fingerspitzen, als ich die letzten vier Gläser aus dem Topf ziehe, drehe den Herd ab, lasse aber den Topf darauf stehen, und laufe zurück zur Abstellkammer. Eigentlich wollte ich noch etwas zu Trinken mitnehmen, aber es scheint nicht so, als würde Aaron Wasserflaschen aufbewahren.
Ich sehe gerade noch, wie die Tür zur Abstellkammer ins Schloss fällt, und Quinn in ens Zimmer geht.
Mein Magen sinkt. Ich hätte Quinn niemals so viel verraten sollen. Entweder, ich laufe jetzt, oder ich riskiere, aufgehalten zu werden.

Mit bitterem Geschmack im Mund öffne ich die Tür zur Abstellkammer. Am Boden, am Fuß der Matratze, liegt ein abgenutzter, schwarzer Rucksack. In der Seitentasche steckt ein Flachmann voll Wasser. Ich ziehe den größten Reißverschluss auf; mehrere Sets Kleidung stecken darin. In der kleineren Tasche steckt Essen, zu dem ich das Gestohlene gerne dazulege. Zuallerletzt hole ich die Akte aus der Matratze und lege sie dazu. Gegen das Foto drücke ich kurz meine Lippen, bevor ich es in die Hosentasche stecke.

Das einzige, was jetzt noch fehlt, sind Hygieneartikel. Wenn ich mich nicht an die Polizei wenden kann, kein Geld und keinen Ausweis habe, muss ich auf den Straßen überleben. Ich muss mich damit abfinden, längere Zeit keinen Zugang zu einer Dusche zu haben.

Ich schleiche mit dem offenen Rucksack in das Badezimmer, und krame durch die Schubladen.
Kamm, Zahnbürste, Zahnpasta, Tampons, Seife, Handtücher…
Ich hoffe, dass niemand bemerkt, wie viel fehlt.
Jemand nähert sich dem Bad. Ich rufe laut, „Besetzt!”, aber es ist bereits zu spät; für einen Moment suche ich panisch nach einer Ausrede, bis ich Thana im Türrahmen erkenne. Ihre Hände sind bis zum Ellenbogen mit Blut bedeckt.
Vergiss eine Ausrede. Ich sterbe heute.
Sie sieht für einige nervenzerreißende Momente still auf mich hinunter, und geht dann kommentarlos an mir vorbei zum Waschbecken. Kurz darauf läuft das Wasser, dann verfärbt sich das Becken rot.
Einige Sekunden lang kann ich mich nicht dazu bringen, mich wieder zu bewegen, aber als klar wird, dass ich Thana egal bin, durchforste weiter das Bad. Einige Dinge finde ich nicht, und erst als ich jeden einzelnen Schrank durchsucht habe, öffnet Thana den Spiegelschrank, in dem alles liegt, was noch gefehlt hat.
„Danke”, flüstere ich.
„Stirb dort draußen nicht”, murmelt sie zurück, trocknet sich die Hände, und verlässt dann wortlos das Zimmer.

Hastig stopfe ich den Rucksack voll, schließe ihn, und werfe ihn über die Schulter. Das war alles, was ich noch gebraucht habe.
Und der Rest der Akte?
Es wäre dumm von mir, jetzt noch die fehlenden Papiere zu holen. Es würde mich nur zurückhalten.
Ich könnte mir selbst noch stundenlang einreden, dass es keine gute Idee ist, aber in Wahrheit habe ich meine Entscheidung bereits vor langem getroffen.

Ich verstecke den Rucksack in der Ecke hinter der Tür der Abstellkammer. Meine Beine wollen gleichzeitig schleichen und rennen, und so haste ich gleichzeitig zu laut und zu langsam den Flur entlang zu Aarons Zimmer. Ich öffne die Tür, schließe sie hinter mir, und taste nach dem Lichtschalter.
Als Licht das Zimmer flutet, starren mir aus jeder Richtung Augen entgegen. Hirsch- und Rehköpfe bedecken die Wände, ausgestopfte Kleintiere füllen die Regale. Zwischen ihnen liegen Schädel, Zähne und Knochen, gut angeschossene Zielscheiben, sowie einige Jagdwaffen, die scheinbar nur noch als Dekor dienen. Meine Schritte werden von dicken Fellteppichen gedämpft, die mit jedem Auftritt Staub atmen. Es riecht, als wäre nichts davon richtig gereinigt worden. Die Luft in dem Zimmer bringt meine Haut zum jucken.
Man kann nirgendwo stehen, ohne das Gefühl zu haben, von etwas Totem beobachtet zu werden.

Mein Blick wandert von einem eingerahmten Foto, dass eine jüngere Thana mit tränenverschmiertem Gesicht zeigt, die mit gezwungenem Lächeln neben einem toten Reh kniet, zu Aarons Schreibtisch. Ein Bündel verschiedenster Vogelfedern, ein neues Projekt aus Fell, und einem Notizbuch, aber keine Papiere.
Ich suche die Schränke genauer ab, öffne Türen und durchforste Regale, doch meine Suche bleibt erfolglos. Nervosität legt sich um meine Brust und schnürt sich enger; ich bin schon viel zu lange hier drin. Ich verschwende meine Zeit.
Hastig mache ich einige Schritte zur Tür, und verharre dann. Mir fallen Quinns Tagebuch und die Karte wieder ein.
Unentschieden sehe ich von der Tür zum Zimmer und wieder zurück, und fange dann an, die Bodendielen wie ein Seiltänzer ein Fuß vor dem anderen abzugehen. Unter einem der dicken Teppiche knarrt es leise. Ich rolle das Fell vom Kopf her auf, bis das Holz frei liegt, und zwänge dann die Klinge meines Taschenmessers in die Ritze neben der losen Diele. Mit einem Ruck löst sie sich aus dem Boden.
In einem leicht staubigen Compartment liegen zwei goldene Ringe an einer Kette, ein weiteres Notizbuch, und ein einziger Zettel mit demselben schwarzen Stempel, der auf der Akte war. Ich durchblättere das Notizbuch, doch es sind keine gefalteten Zettel darin versteckt. Ich nehme den Zettel aus dem Versteck, schiebe die Diele zurück, und rolle den Teppich wieder aus. Erst dann entfalte ich ihn und überfliege die Zeilen.

Objekt-Nr.: Ausstehend
Klassifizierung: Ausstehend
Sicherheitsmaßnahmen: Ausstehende Zustimmung

In Handschrift wurde darunter geschrieben:

Ich schlage vor, sie im standard 5x5x5-Würfel einzusperren, aber aus dem richtigen Material. Wenn sie die Stahltür einfach schmelzen, und aus ihrer Zelle spazieren kann, macht es keinen Sinn, sie überhaupt zu fangen.

Ich verziehe unwillkürlich das Gesicht. Sie schreiben über mich, als wäre ich eine Mischung aus Tier, Schwerverbrecher und Zirkusattraktion.

Beschreibung: SCP-[Objekt-Nr] ist ein Mädchen von gemischter Abstammung. Ihre Mutter ist von indischer, ihr Vater von schottischer Abstammung. SCP-[Objekt-Nr] hat dunkelbraune Haaren und graue Augen. Zu einem gewissen Ausmaß kann sie Feuer kontrollieren, sei es das Erschaffen, Manipulieren oder Löschen. Spekuliert wird, dass sich die Kontrolle ebenso auf Rauch, Funken, und andere feuerbedingte und feuerbasierte Erschaffenheiten ausweitet.

SCP-[Objekt-Nr] weist mehrere Brandnarben auf ihrem Körper auf, die weiters benutzt werden können, um sie zu identifizieren, insbesondere auf ihren Händen und Armen. Genauere Beschreibung ist noch ausstehend.
Besagte Narben stammen von mehreren Bränden, sowohl von fremden, und auch selbst gelegtem Feuer,

…woraus geschlossen werden kann, dass sie nicht immun gegen Feuer ist, selbst, wenn es von ihr selbst erschaffen wurde, vervollständige ich den Satz im Gedanken.
Das wäre die erste Seite. Wo ist der Rest? Nach der vierten Seite müssen noch welche fehlen, dafür war der Stapel, den Aaron mitgenommen hat, zu groß.
Ich durchblättere das Notizbuch auf dem Schreibtisch, durchsuche die Regale ein weiteres Mal. Nichts. Erst als ich den Mülleimer neben dem Bett bemerke, finde ich, wonach ich suche. Aaron hat sie alle zerrissen.
Ich schiebe Taschentücher zur Seite, die aus einem Grund, den ich mir nicht vorstellen will, feucht sind, ziehe genervt die einzelnen Fetzen hinaus, und lege sie auf dem Boden vor dem Mülleimer auf. Ich finde zwei Fetzen, die zusammenpassen.

Entdeckungsprotokoll

Gerade fange ich damit an, den Rest der Seite zusammenzusetzen, als ich die altbekannten, schweren Schritte von Aaron in der Stille höre.
Ich packe die Fetzen mit beiden Händen und stopfe sie zurück in den Eimer. Bei der Hälfte höre ich Aaron bereits am Flur. Ich schiebe den Eimer dorthin zurück, wo er war, werfe zwei Taschentücher über die Papiere, und krabble unter das Bett.
Panisch presse ich meine Hand auf meinen Mund und zerre meinen Fuß in die Schatten, gerade als sich die Tür öffnet. Still schicke ich Gebete zu jeder Gottheit, die mir einfällt, und beobachte Aarons Füße, die vor das Bett treten, und Halt machen.
Man kann eben nur so oft Glück haben.
Ich kneife die Augen zusammen. Was auch immer jetzt kommt, ich will es nicht kommen sehen.

Etwas metallisches trifft den Boden. In meinem Kopf ist es ein Messer, oder seine Flinte, bis ich die Augen einen Spalt öffne und sehe, dass es seine Gürtelschnalle ist. Seine Hose trifft den Boden einen Moment später, und dann Quietscht das Bettgestell. Sein Gewicht drückt die Latten so weit durch, dass die Matratze mich gegen den Boden quetscht.
Ich nehme meine Hand vom Mund und zwinge mich dazu, nicht laut nach Luft zu schnappen. Mein Herz hämmert gegen meinen Brustkorb.
Zu eng, zu eng, zu eng, zu eng-
Ich hänge irgendwo zwischen den Trümmern und dem Bett, kralle meine Fingernägel in den Boden und kämpfe um jeden Atemzug. Ob Minuten oder Stunden vergehen, und wie laut ich wirklich währenddessen bin, kann ich nicht sagen.

Aaron schnarcht. Die Flammen an meinen Haaren klammern sich noch immer an mich, doch sie sind weiter entfernt, kühler. Ich zerre mich am Bettrahmen über den Boden, spucke Staub und den Geschmack von Asche, und gehe auf die Knie. Das Kreischen in meinen Ohren ist zum Brüllen geworden.
Steh auf.
Ich drücke beide Handflächen fest auf das raue Fell auf dem Boden, und komme schwankend auf die Beine. Schritt um Schritt taumle ich zur Tür, drücke die Klinke langsam, um Geräusche zu vermeiden, die ich über den Tinnitus nicht hören kann, und stolpere auf den Flur. Ich schließe die Tür und lehne mich dagegen. Erst dann erlaube ich mir wieder, zu atmen.
Geh.
Es ist viel zu spät. Ich wollte viel früher losgehen. Jetzt ist es bereits stockdunkel, und ich habe mehrere Stunden verschwendet.
Geh endlich.
Ich haste zur Abstellkammer, hole den Rucksack, und werfe ihn über die Schulter. Langsam verhallt das Kreischen, gerade rechtzeitig, dass ich die Klospülung hören kann. Die Tür öffnet sich, und Samael und ich starren uns in die Augen. Er holt Luft.
„DAD, SIE-“, schreit er, aber bevor noch ein einziges Wort über seine Lippen kommen kann, knalle ich meine Faust in sein Gesicht. Sein Kopf zuckt zur Seite, der Rest seines Körpers folgt der Bewegung, und er fällt mit einem ohrenbetäubenden Krachen auf den Boden.
Ich nutze den Moment aus, in dem er noch betäubt ist, und haste über ihn hinweg zur Tür. Hinter mir höre ich Chaos ausbrechen. Stimmen überschlagen sich, schreien nach mir, doch ich wage keinen Blick zurück und renne nach draußen, springe über die Veranda, und laufe ins Dickicht hinein.
Hinter mir knallt die Tür gegen die Hüttenwand, dann bricht das Unterholz, kaum einige Schritte von mir entfernt. Samaels wütendes Knurren und Keuchen jagen mir hinterher. Ich hebe die Beine, um Wurzeln und Fallen zu vermeiden, und senke den Kopf, um den Ästen auszuweichen, die nach meinem Gesicht schlagen, doch egal wie schnell ich bin, Samael fällt nicht zurück. Die ganze Zeit spüre ich seinen Atem in meinem Nacken. Jeder seiner Schreie spornt mich nur dazu an, schneller zu laufen.

Im Zwielicht erkenne ich den Weg kaum. Ich verlasse mich auf meinen Instinkt, bin mit den Gedanken zu sehr bei meinem Verfolger als dass ich wirklich mitbekomme, wohin ich laufe. Erst als ich in der Mitte davon stehe, bemerke ich, dass ich bis zu Quinns und meiner Lichtung gelaufen bin.
Die Kerzen flüstern mir zu.
Feuer.
In meinen Fingerspitzen kribbelt es. Ich denke nicht darüber nach, hole aus, und schlage nach Samael.
Mein Schlag trägt zwar keine Flammen, und geht in die Leere, doch die Lichtung entfacht in den altbekannten Mustern der Laternen, als alle Kerzen gleichzeitig angehen.
Samael schreit auf, drückt die Hände gegen seine Augen, und krümmt sich. Es verschafft mir gerade genug Zeit, um das Messer zu zücken, und einen Stich anzusetzen. Samael hebt den Arm. Ich schlitze durch den Stoff seines Shirts. Er knurrt wild, packt mein Handgelenk. Ich reiße daran, trete nach ihm, doch es ist sinnlos.
Er verdreht meinen Arm bis es knirscht. Der Schmerz zwingt einen Schrei aus mir. Der Rucksack rutscht von meiner Schulter ins Gras.
„Du beschissener kleiner Feigling!”, brüllt Samael und zerrt an meinen Haaren. Es klingelt in meinen Ohren. Mein Schädel brennt, es treibt mir Tränen in die Augen. Ich spüre einen harten Tritt an meinem Rücken, der mir alle Luft aus den Lungen jagt, dann die Glasflasche, die an meinem Gesicht zerbricht, und dann den Boden. Ich versuche mich trotz der Schmerzen aufzurichten, doch Samael packt mich abermals an den Haaren, und knallt mein Gesicht in die Glasscherben.
Blut läuft in meinem Mund zusammen.
„Ich bind dich auf wie Beute, und dann schmeiß ich dich in die Gartenhütte”, faucht Samael, „Und dort lass ich dich verrotten, bis Dad’s Kunde kommt, und dich endlich mitnimmt!”
Sein Griff in meinen Haaren hat sich nicht gelockert. Er zerrt daran, bis ich notgedrungen auf die Knie, dann auf die Füße komme. Selbst dann lässt er nicht locker. Er knallt meinen Kopf gegen einen Baumstamm. Das Klingeln in meinen Ohren explodiert zu einem neuen Hoch. Ich spüre, wie warmes Blut in meinen Nacken läuft.
„Vielleicht schlachtet er dich endlich”, höre ich Samael gedämpft. „Dann wären wir dich endlich los. Wie klingt das, hm?”
Ich lehne den Kopf zurück, reiße die Augen auf, und starre in seine. Ich zerfetze mein Gesicht mit einem krankhaften Grinsen. Das Blut in meinem Mund läuft mein Kinn herunter. Ich spucke die Glasscherbe in meine Hand, und schlitze ihm damit das Gesicht auf.

Samael schreit auf und presst sich beide Hände gegen sein Gesicht. Ich lande unsanft auf dem Waldboden und betrachte verwundert meine blutige Hand. Die Glasscherbe ist irgendwo in Samaels Fleisch abgebrochen, und der Rest, der in meiner Hand liegt, spiegelt unschuldig die Flammen, die um uns schlagen.
Die Kerze in der Flasche, die zerbrochen ist, hat sich im trockenen Gebüsch vergraben und dort Feuer gelegt. Rauch sammelt sich bereits von den Bäumen, die entlang der Lichtung verbrennen.
Ich kann spüren, wie das Feuer langsam größer wird. Es streckt seine Hände nach mir aus, fleht mich an, zu ihm zu kommen und zurück zur Asche zu gehen, wie es mich gerufen hat, als mein Zuhause in Flammen gestanden ist. Es breitet seine Arme zu einer warmen Umarmung aus.
Komm zu mir, säuselt es.
Ich lasse den Rest der Scherbe in den Dreck fallen und starre gebannt in die Flammen. Das Bild von Olivia drängt sich vor mein inneres Auge, doch ich kann nicht mehr dagegen ankämpfen. Ich erinnere mich an Feuer, die Matratze als erstes, wie die Ratten daraus geflohen sind. Wie die Flammen mir gefolgt sind, die Flure entlang durch das gesamte Jugendheim.
Ich kann es doch, denke ich, Ich habe es schon einmal getan.

Samael richtet sich stöhnend wieder auf. Blut sickert durch seine Finger. Sein Gesicht zeigt unkontrollierbare Wut. Ich hebe die Hand, dann den ganzen Arm, und fühle, wie das Feuer sich an meine Bewegung anschmiegt, sich zu einem Monster aufbaut.
In seinen Augen spiegelt sich Furcht.
Ich lasse das Monster auf ihn einbrechen.

Sein Schrei hält nicht lange an. Das Feuer frisst sich durch Haut und Haare, durch sein Fleisch hindurch bis an seine Knochen. Es ist ein schneller Tod- innerhalb der Flammenwolke überlebt nichts für lange Zeit- doch gnädig ist er nicht.
Das Feuer löst sich. Samael ist von dem veraschten Dickicht nicht mehr zu unterscheiden. Der Boden um ihn qualmt und brennt, und auch hier verbreitet sich das Feuer langsam in den Wald hinein.

Ich hebe den Rucksack auf, wende mich zum Gehen, und behalte dabei die untergehende Sonne im Rücken. Die Flammen tanzen spielerisch auf mich zu, doch sie fühlen sich nicht mehr bedrohlich an.
Mit einer ausladenden Geste befehle ich ihnen, sich vor mir zu teilen. Sie gehorchen widerstandslos. Hinter mir lasse ich sie wieder zusammenschlagen, und mache keine Anstalten, sie zu löschen.
Der Wald ist jetzt ihr Fressen.

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