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Ashes to Ashes – 3

Was hier passiert: Man gewöhnt sich an die Selbstversorgung

Teil 3.1
Der Rauch wickelt sich um meine Kehle, streicht sanft über meinen Hals zu meinem Gesicht hinauf. Komm zurück, säuselt er. Ich könnte mich an den Geruch gewöhnen. Es ist besser als die ständige Fäulnis, von der ich geflohen bin.
Die Flammen streicheln über meinen Rücken. Komm her, flüstern sie. Es wäre hell. Es wäre warm. Das Feuer scheint, als gäbe es gute Umarmungen. Ich könnte sie gebrauchen.
Bleib bei mir, schreit das Feuer. Es kreischt in meinen Ohren.

Blendendes Licht lässt mich zusammenzucken. Ich blinzle verwirrt auf meine Schuhe hinunter, auf die hellbraune Erde, die saftig grünen Pflanzen. Zögerlich strecke ich meine Hand aus, drehe meine Finger hin und her, beobachte, wie das Licht über die Brandnarben gleitet. Meine Knöchel sind dunkelrot, meine Finger angeschwollen. Unter der Haut pulsiert mein Blut, schickt Stoßweise Schmerzen durch meine Hand, die ich erst jetzt spüre. Erst spät verstehe ich, dass ich mir wahrscheinlich die Finger gebrochen habe, als ich Samael ins Gesicht geschlagen habe.
Mit der linken reibe ich mir die Augen, und sehe mich um. Ich bin weit gelaufen, und kann mich an keinen Schritt erinnern. Über mir hat sich das Blätterdach so verdünnt, dass es Löcher hat, durch die die aufgehende Sonne fallen kann. Hinter mir, viel zu nah, frisst sich das Feuer durch das Geäst. Rauch steigt in dunklen Wolken in den Himmel. Um mich herum wartet der Wald auf mich, totenstill, dunkel, und kalt. Es scheint, als wäre alles Lebende vor dem Feuer geflohen.
Mir läuft eine Gänsehaut über die Arme. Ich ziehe meine Jacke enger um mich.

Das Adrenalin flaut langsam ab, die Trance löst sich. Ich stakse weiter durch den Wald, und mein Körper meldet sich zu Wort. Mein Gesicht und meine Handflächen stechen, meine rechte Hand puckert. Mein Skalp schmerzt. Mein Mund schmeckt nach Eisen, und die Schnitte, wo die Glasscherbe meine Wangen und meine Zunge geritzt hat, brennen höllisch. Meine Füße sind müde, doch ich halte nicht an, um Pause zu machen. Die Flammen würden mich innerhalb von Minuten einholen.
Während der Wald als undeutliches Band an mir vorbeizieht, kreisen meine Gedanken. Ich gehe durch, was in dem Rucksack an meinem Rücken ist, ob es reicht. Vorsichtig betaste ich geistig das, was ich Samael angetan habe, doch ich spüre keine Trauer wie bei Olivias Tod. Etwas in mir weigert sich, die Schuld dafür anzunehmen.

Als meine Fußsohlen plötzlich auf Asphalt treffen, bleibe ich verwirrt stehen und stiere das Grau an. Ich stampfe mit dem Fuß auf, um mich davon zu überzeugen, dass ich mir die kleine Straße, die durch den Wald verläuft, nicht bloß einbilde. Dann betrete ich sie, und folge ihr weiter Richtung Westen.
Ein Windstoß bringt den Geruch von Rauch und eine Welle Hitze mit sich, die mir in den Nacken schlagen. Obwohl ein ordentlicher Abstand zwischen mir und dem Waldbrand liegen, fühlt es sich so an, als würde er jederzeit meine Haare packen und mich zurückreißen können.

Um mich klären sich die Bäume langsam. Mit der Zeit wird der Wald zu einem Feld, und das Feld wird von einem Maschendrahtzaun begrenzt. Ich sehe auf meinen Rucksack, dann auf meine gebrochene Hand hinunter, dann entlang des Zaunes, ob es einen einfacheren Ausgang gibt. Als ich nichts finde, lasse ich geschlagen den Rucksack von meiner Schulter rutschen und greife den Gurt mit der Linken. Ich hole aus, und schleudere ihn nach oben. Beim ersten Mal knallt er mit einem metallischen Scheppern gegen den Zaun, beim zweiten Mal sieht es für einen panischen Moment so aus, als würde er am Stacheldraht festhängen. Erst beim dritten Mal schaffe ich es, ihn darüber zu bugsieren. Er kommt mit einem dumpfen Knall auf der anderen Seite auf, der Flachmann fällt dabei aus der Seitentasche.
Kurzerhand ziehe ich meine Jacke aus und hänge sie über meinen Arm. Mit einer Hand über den Maschendraht zu klettern stellt sich als schwieriger heraus, als ich angenommen habe. Ich bringe meine Füße auf dem Zaun in Position, hieve mich mit der Linken ein Stück nach oben, und greife schnell nach, bevor ich nach hinten kippe. Als ich endlich oben angekommen bin, bleibt immer noch der Stacheldraht. Ich hänge die Jacke darüber, um die schlimmsten Kratzer abzuhalten, und wälze mich darüber hinweg auf die andere Seite des Zauns. Am Weg nach unten greife ich den Ärmel und reiße sie mit mir. Dieses Mal lande ich auf den Füßen. Der harte Aufprall hallt durch meine Knöchel bis in mein Kiefer. Ich greife den Rucksack, den Flachmann, und gehe weiter.

Die Skyline der Stadt ist das Schönste, was ich in meinem Leben jemals gesehen habe. Irgendwann wird die kleine Wegstraße neben mir zu einer Kreuzung, und statt einem Feld sehe ich nur noch Gebäude. Ich lege den Kopf in den Nacken und blicke über den Horizont der Großstadt hinweg. Unverständlich starre ich auf Glas und Beton, Straßen, geparkte und fahrende Autos, Straßenlaternen und Leute.
Es ist vorbei.
Die Erkenntnis trifft mich so schwer, dass sie sich in meinen Knochen festsetzt und an mir zerrt, bis ich auf die Knie falle.
Es ist vorbei.
Ich falle auf alle Viere und weine.

Teil 3.2
Alvahs Beschreibung, was die verlassene Fabrik angeht, stimmt großteils. Sie ist ein massives Gebäude, graue, gestapelte Betonklötze, riesige, teilweise eingeschlagene Fenster, gewaltige Schornsteine. Das Gelände ist mit einer Schicht Staub und Bauschutt überdeckt, und sieht nicht so aus, als wäre es in den letzten Jahren oft betreten worden. Nur bei einem liegt Alvah daneben: En hat behauptet, es gäbe keine Zäune. Anscheinend ist renoviert worden, seitdem en das letzte Mal hier war.
Langsam habe ich Maschen- und Stacheldraht satt.
Ich schlurfe um das Gelände herum. Das Eingangstor ist mit einer Kette und einem Vorhängeschloss abgesichert. Der Zaun ist in Beton geankert, und es sieht so aus, als wären die Stacheln oben mit einem Alarmsystem verbunden. Ich kann nicht riskieren, darauf zu vertrauen, dass es ins Leere geht.
Während ich die Grenze weiter abgehe, setzt sich eine Idee in meinem Kopf fest. Allein bei dem Gedanken komme ich mir dumm vor, aber ich muss es wenigstens versuchen.
Ich suche mir einen Teil des Zauns aus, der im Schatten zweier Gebäude liegt. Dann lege ich den Rucksack und die Jacke ab, setze mich vor den Maschendraht, falte die Hände und denke an Feuer.
Nach einigen Sekunden ohne Ergebnis wird es mir zu blöd. Kurz überlege ich mir, einfach in den sauren Apfel zu beißen und über den Zaun zu klettern, mich zu verstecken und hoffen, dass mich niemand findet, und zwinge mich selbst dann zur Ruhe. Ich bin dieser Kraft so lange ausgewichen. Wenn ich nicht anfange, mich damit anzufreunden, wird sie für mich immer unerreichbar bleiben.
Anstatt die Handflächen zusammenzudrücken, halte ich sie offen aus. Ich suche nach dem Funken, dem Lagerfeuer in meiner Hand, das immer wieder in meinen Träumen auftaucht, ich denke an das Jugendheim und an den Übungskampf mit Alvah und an das, was ich Samael angetan habe.
Ich spüre es, bevor ich die Augen öffne. Eine kleine, schwache, rote Flamme flackert in meiner Hand. Aufgeregt stelle ich mir ein Inferno vor, eine riesige Feuerwolke, die alles verschlingt, und als Antwort blitzt die kleine Flamme kurz auf, bevor sie zu einer Rauchwolke verpufft.
Okay. Kleine Schritte.
Ich hole das Feuer wieder ans Leben zurück, und statt einem Inferno lasse ich es nur zur Kerzenflamme wachsen. Sie wird immer heller, bietet mehr Licht, mehr Hitze. Dann, vorsichtig, lasse ich sie noch größer werden, bis meine Handfläche komplett ausgefüllt ist.
Innerlich bin ich aufgeregt, äußerlich versuche ich, ruhig zu bleiben, um die Flamme nicht wieder zu ersticken. Langsam strecke ich die Hand aus, und richte das Feuer auf den Draht des Zauns. Die Plastikhülle wirft Blasen, wird schwarz und stinkt höllisch, und tropft dann in dickflüssigen Fäden zu Boden. Ich kneife die Augen zusammen, und lasse das Feuer abermals heißer werden, bis es zischt und faucht und Funken spuckt. Kaum dass die ersten Drähte mit einem Schnalzen reißen, beginnt mein Arm zu krampfen. Es überfordert meinen Körper komplett, das kleine Feuer am Leben zu halten. Ich ziehe eine zittrige Linie durch den Zaun. Als der Schlitz groß genug ist, dass er mir hockend bis zum Scheitel reicht, muss ich aufhören.
Ich packe meinen Arm und muss mir auf die Zunge beißen, um einen Schrei zu unterdrücken. Meine Finger schmerzen schlimmer als vorhin. Um mich dreht sich alles, und eine hartnäckige Übelkeit macht sich in meinem Magen breit.

Als die Welt wieder halbwegs stillsteht, packe ich den Rucksack und die Jacke, drücke den Spalt im Zaun auf, schiebe sie hindurch und krieche hinterher. Ich mache mir nicht mehr die Mühe, den Rucksack auf den Rücken zu schwingen, und zerre ihn hinter mir durch den Dreck.
Das Gelände war vielleicht einmal gepflastert, aber jetzt sprießt so viel Unkraut aus den Ritzen, dass es mehr oder weniger ein Garten ist. Efeu räkelt sich die Wände nach oben. Das Eingangstor der Fabrik ragt hoch über mich hinaus. Ich stemme mich dagegen. Für einen Moment scheint es so, als wäre das Tor verschlossen, doch die Scharniere sind bloß verrostet und die Tür höllisch schwer. Das tiefe, metallische Ächzten vibriert in meinem Schädel, Staub und Schutt rieseln auf meinen Kopf.
Sobald gerade genug Platz ist, um den Rucksack durchzustecken, höre ich Sirenen näherkommen. Panik macht sich in mir breit. Habe ich trotz allem den Alarm ausgelöst? Ich quetsche den Rucksack und die Jacke durch den Spalt und zwänge mich bis zur Schulter durch. Dann sind die Sirenen direkt neben dem Gelände der Fabrik auf der Straße, und ich sehe, dass es keine Polizei ist, sondern ein Feuerwehrauto. Mein Blick schweift zu der massiven Wolke Rauch, die ihren Ursprung in einer Flammenwand hat, die sich langsam durch den Wald frisst.
Oh. Richtig.
Ich quetsche mich durch den Spalt und klopfe Dreck von meiner Kleidung.

Die Fabrik ist von innen noch schwindelerregender als von außen. Direkt nach dem Eingang erstreckt sich eine riesige Halle. Außer einigen Säulen, großen Brocken Beton, Müll und einigen Teilen von Maschinenleichen ist sie leer. Meine Schritte hallen laut wieder. Die Wände sind mit allerhand Graffiti bedeckt, das Dach ist löchrig, und erlaubt es einzelnen Sonnenstrahlen durchzufallen. Ein Durchgang, der beinahe so hoch und breit ist wie die Halle selbst, schließt an ein höheres Gebäude an. Kurz erlaube ich mir, die Kühle der Schatten zu genießen, dann gehe ich es durchsuchen.
Ein Treppenabsatz führt dort in die nächsten Stockwerke, die alle nur die Hälfte des Bodens überspannen und in einer Terrasse enden. Manche der Barrieren sind herausgebrochen und liegen vor mir am Boden.
Ich gehe die quietschenden Treppen hoch. Ich stelle mir vor, wie das braune, rostige Metall unter meinen Füßen wegbricht, und schüttle heftig den Kopf, um den Gedanken wieder zu vertreiben. Die oberen Stockwerke sind weniger verdreckt als das unterste. Im dritten führt eines der Fenster, vor dem der Boden mit Glasscherben bedeckt ist, auf ein flaches Dach, neben dem die Schornsteine sitzen. Die Fensterscheiben, oder das, was von ihnen noch übrig ist, sind mit Ruß verschmiert.
Das vierte Stockwerk besteht bloß aus einem Balkon, der den gesamten Turm, wie ich das höhere Gebäude getauft habe, umringt. Ich gehe nach oben, um sicherzugehen, dass ich alleine bin, doch ein Blick nach unten reicht, um den Schwindel wieder auf Hochtouren zu bringen, also mache ich es mir auf dem dritten Stockwerk gemütlich. Zwar stecke ich hier oben fest, falls jemand die Fabrik betritt, doch hoch oben zu sein und einen Ausblick zu haben beruhigt mich.

Ich wische den gröbsten Dreck vom Boden, lege den Rucksack hin, und verwende ihn als Kopfkissen und die Jacke als Decke. Kaum dass ich mich hinlege und mich zum ersten Mal seit Wochen wirklich ausruhe, fesselt mich eine tonnenschwere Erschöpfung an den Boden und lässt nicht mehr los. Meine Muskeln entspannen sich alle auf einmal, und der Muskelkater von der ständigen Anstrengung trifft mich in einer Welle aus stumpfem Schmerz. Alle Wunden, selbst die alten, die fast verheilt sind, machen sich wieder bemerkbar.

Teil 3.3
Ich weiß nicht, wie lange ich so liege.
Tage und Nächte ziehen vorbei. Nur selten, wenn ich mich dazu zwingen kann, etwas zu trinken, oder wenn ich pinkeln muss, bewege ich mich. Ich habe keinen Appetit, und esse selbst als mein Magen schmerzt und krampft und mich anfleht, etwas zu essen, nichts.
Ich schlafe viel.
Wenn ich schätzen müsste, vergehen drei oder vier Tage.

Teil 3.4
Als ich mich wieder dazu zwingen kann, mich aufzusetzen, ist der Hunger nur noch purer Schmerz. Ich reiße den Rucksack auf, greife das erste Essbare, das ich finden kann, und stopfe mir den Mund damit voll. Die ersten Bissen verschlimmern den Schmerz bloß, und mir wird sofort schlecht, aber jetzt wo ich angefangen habe, zu essen, kann ich nicht mehr aufhören. Ich schaffe es durch fünf Müsliriegel und eine Packung Trockenfleisch, bevor sich mir der Magen umdreht und ich gegen die Wand gelehnt alles wieder auskotze.
Einige Minuten lang kann ich nichts machen als gekrümmt auf dem Boden zu knien, die Stirn an die raue Wand gelehnt, und langsam meinen Atem wiederzufinden. Die Galle auf meiner Zunge bringt mich beinahe wieder zum Spucken, also nehme ich den Flachmann, und wasche mir mit dem Wasser, was übrig ist, den Mund aus. Ich trinke den Rest. Erst dann wird mir bewusst, dass ich somit den Großteil meiner Vorräte aufgebraucht habe.
Ich setze mich weit entfernt von der Sauerei hin, bis die Übelkeit und der Schwindel nachlassen. Dann esse ich einen Müsliriegel Stückweise, damit mein Magen nicht leer bleibt, und stehe dann vorsichtig auf. Ich warte, bis die Welt sich aufhört zu drehen, und setze den Weg nach unten an.

Beim zweiten Durchlauf kommt mir das Gebäude noch riesiger vor, als es ohnehin war. Als ich hoch zum dritten Stocks des Turms sehe, vergleiche ich die Höhe mit dem, wie es oben ausgesehen hat, und stolpere beinahe über meine eigenen Füße.
Turm, denke ich, Wie bei einem Schloss.
Die Fabrik ist zwar alles andere als das, aber ich drehe mich trotzdem im Kreis, als wäre das niedrigere Gebäude ein Ballsaal, wenn ein Ballsaal mit Graffiti von Schwänzen beschmiert wäre.
Ich quetsche mich durch das leicht offen stehende Eingangstor. Draußen liegt die Welt bereits im Halbdunkel, und die Sonne verschwindet dort, wo vor ein paar Tagen noch der Wald gebrannt hat. Wenn ich die Augen zusammenkneife, kann ich die geschwärzten Stümpfe der Bäume hinter dem gesunden Grün erkennen. Ich gehe zu dem Teil des Zaunes zurück, den ich aufgeschmolzen habe, und krieche durch den Spalt. Weil ich die Stadt nicht kenne, in der ich bin, gehe ich einfach darauf los. Irgendwann muss ich ein Geschäft finden, aus dem ich stehlen kann.
Die wenigen Leute, die noch auf den Straßen sind, werfen mir seltsame Blicke hinterher. Eine Dame bleibt sogar stehen und zückt ihr Telefon, um ein Foto oder ein Video von mir zu machen. Erst versuche ich es zu ignorieren, doch als eine Dame ihre Freundin am Arm packt und die Straße zu überquert, um mir auszuweichen, wird es mir zu viel, und ich ziehe die Jacke an, die Kapuze weit in mein Gesicht, auch wenn es dafür eigentlich zu warm ist.
Nach einer Ewigkeit gehe ich an einer Drogerie vorbei, die Zeitungen in einem Zeitungsständer ausgelegt hat. Ich überfliege eines der Titelblätter und mir bleibt das Blut in den Adern stehen. Ich ziehe die Zeitschrift heraus. In einer Ecke ist ein Bild von mir abgedruckt. Mein Gesicht ist blutüberströmt, manches davon läuft meinen Hals hinunter und in mein Shirt hinein. Meine kurzen Haare sind in dem Bild verfilzt und fettig und teilweise mit Blut verklebt, und mein Blick, wenn auch nicht in die Kamera gerichtet, sieht irre aus. Der Titel des Artikels lautet bloß:
Kennen Sie dieses Mädchen?
Ich sehe am Zeitungsstand vorbei in das Glas des Schaufensters, um mein Spiegelbild darin zu betrachten. Ich sehe dem Mädchen in dem Foto besorgniserregend ähnlich, nur ist das Blut mittlerweile getrocknet. Der Besitzer im Laden sieht verdächtig auf mich herunter, also zerre ich mir die Kapuze weiter ins Gesicht und gehe hastig weiter, ohne für die Zeitschrift zu zahlen.

Im Gehen überfliege ich den Artikel. Anscheinend hat mich jemand dabei beobachtet, wie ich am Stadtrand die Fabrik gesucht habe. Anfangs wollte die Polizei die Meldung als Scherz einstufen und ignorieren, bis mehrere Leute dasselbe gemeldet haben, und einer davon sogar ein Video hergezeigt hat.
Meinen Spitznamen, „No-Name”, verwenden sie im Artikel nicht. Ich hoffe, sie machen nicht die Verbindung zu mir.

Ich sehe von der Zeitung auf und weiß nicht mehr, wo genau ich bin. Vor mir liegt eine Sackgasse, die in einem offenen Tor endet. Der Turm der Kapelle, der über die Mauern ragt, lässt mich schon von außen wissen, dass dahinter ein Friedhof liegt. Anfangs will ich umkehren und weitergehen, entscheide mich dann aber trotzdem, einen Blick hineinzuwerfen.
Reihen um Reihen stehen Grabsteine. Nur zwei Leute sind auf dem Gelände, trauern still vor sich hin und sagen in gedrückter Stimme ein Gebet auf. Kaum einige Meter nach dem Eingang liegt das, was ich gesucht habe: ein Wasserhahn, unter dem einige blecherne Gießkannen stehen. Ich stelle mich vor ein Grab, falte die Hände, obwohl ich nicht religiös bin, und tue so, als würde ich beten, obwohl ich die vergrabene Person nicht kenne. So warte ich mit gesenktem Kopf, bis die beiden Trauernden den Friedhof verlassen, und gehe dann zum Wasserhahn.
Erst wasche ich mir gründlich den Mund aus, dann das Gesicht. Braunes, getrocknetes Blut läuft von meiner Haut. Das kalte Wasser brennt angenehm in den verschorften Wunden an meinen Händen, Wangen und meiner Stirn. Ich trinke, fülle den Flachmann an, und riskiere es dann, die Jacke auszuziehen, um meine Arme zu waschen. Dann schöpfe ich mit den Händen Wasser auf meine Haare und und kämme sie so gut es geht mit den Fingern aus. Mittlerweile sind sie wieder einige wenige Zentimeter lang. Ich kratze das Blut aus den Strähnen, stubble dann durch sie, um etwas von dem Wasser abzuschütteln, und verlasse den Friedhof wieder. Leise entschuldige ich mich bei dem Toten, dessen Grab ich als Ausrede verwendet habe.

Mit der Kapuze über die nassen Haare ins Gesicht gezogen wandere ich wieder ziellos drauf los. Ich komme an keinem Laden vorbei, aus dem ich etwas zu Essen stehlen könnte, und kann mich auch nicht wirklich orientieren, sodass ich nach Kurzem wieder vor dem Fabriksgelände stehe. Dieses Mal passe ich auf, wo ich langgehe, und gehe gezielt in die Stadt hinein.
Es dauert nicht lange, bis ich über eine Einkaufsstraße stolpere. Ich gehe an den Boutiquen und Schuhgeschäften vorbei, an den Elektronikgeschäften und Drogerien, bis ich ein Lebensmittelgeschäft finde. Er ist relativ groß, was mich beruhigt. Ich will nicht von Verkäufern verfolgt werden, die mir in den Nacken atmen.
Ich gehe die Regale ab und stopfe Haltbares in den Rucksack. Müsliriegel, getrocknetes Obst, Studentenfutter, alles, was nicht gekocht werden muss und nicht schnell abläuft. Dabei versuche ich eher, mich zu beeilen, als unschuldig auszusehen. Mir läuft glücklicherweise kein Verkäufer über den Weg, also bin ich nach einigen Minuten bereits wieder beim Ausgang. Kurz davor beginne ich zu rennen. Ich warte darauf, dass der Alarm anschlägt, doch nichts passiert. Trotzdem höre ich nicht auf zu laufen, bis mehrere Straßen Abstand zwischen mir und dem Supermarkt liegen.
Das Ganze war viel zu einfach. Die Nervosität nagt sogar noch dann an mir, als ich wieder am Fabriksgelände angekommen bin, und durch den Spalt im Zaun krieche. Selbst auf der kurzen Strecke zwischen Zaun und Tor drehe ich mich immer wieder um, doch es geht nur eine Passantin vorbei, die mich kaum beachtet.

Ich verlege meinen Schlafplatz aufgrund der Sauerei am dritten Stock auf den zweiten Stock des Turms. Mit dem Fuß wische ich einige Brocken und Glasscherben über den Abgrund und sehe zu, wie sie fallen und im Erdgeschoss zerschmettern, und lege dann meinen Rucksack hin. Ich setze mich daneben, ziehe die Jacke aus und fahre mir durch die immer noch nassen Haare. Ich wische mir die Hände an der Hose ab, und ziehe dann das Foto aus meiner Hosentasche. Dieses Mal ist der Stich in meinem Herzen ein wenig schwächer, beinahe erträglich.
Wir sind alle so schön für das Bild angezogen. Papa in seinem besten Hemd, sogar Ishan hat sich herausgeputzt. Irgendjemand hat mir vor dem Fotografieren die Haare hinter die Ohren gestrichen, damit die Ohrringe, die ich damals getragen habe, zum Vorschein kommen. Mama trägt Schmuck, der zu ihnen passt; zwei Ohrringe, die mit einer Kette von der Ohrmuschel zum Ohrläppchen verbunden sind, und von dort aus zu einem Ring an der Nase, am anderen Ohr eine größere Version meiner Ohrringe. Ich frage mich, wohin das alles verschwunden ist.
Ich betrachte den Hintergrund auf der Suche nach etwas, das mir Teile meiner Vergangenheit wieder vor Augen führen könnte, jetzt wo mein Zuhause nur noch in Asche und in Bildern existiert. Weiße Wände, ein Fenster mit zugezogenen Vorhängen, eine Topfpflanze in der Ecke. Nichts bringt Erinnerungen zurück. Ich senke seufzend die Stirn gegen das Bild und kneife die Augen zu, um Tränen zurückzuhalten.

Das metallische Ächzen des Eingangstores reißt mich aus den Gedanken. Ich falte das Foto vorsichtig und stecke es zurück in die Tasche.
„Polizei!”, ruft eine tiefe, müde Stimme. Sie hallt von den Wänden des Ballsaales wieder, bis in den Turm hinauf. Ich packe meinen Rucksack und stehe auf, weiß aber nicht, wohin ich soll.
„Das ist Privatgelände! Haben Sie das Schild nicht gelesen?”, ruft eine andere Stimme.
Ich sehe mich auf dem zweiten Stock nach einem Versteck um, erfolglos. Hastig laufe ich einige Schritte in Richtung der Treppe, bemerke, wie laut ich dabei bin, und schleiche stattdessen. Zu den Stimmen aus dem Ballsaal gesellen sich Schritte, die fast am Turm angekommen sind. Ich gehe auf Zehenspitzen in den dritten Stock hoch und wage einen Blick nach unten. Zwei uniformierte Männer gehen auf die Treppe zu und unterhalten sich murmelnd.
Ich suche zwischen den Maschinenleichen nach Verstecken, doch sie stehen zu weit auseinander, um genug Schatten zu werfen. Erst als ich die Schritte der Polizisten bereits im zweiten Stock des Turmes höre, finde ich eine lose Platte an einer der Maschinen, und biege sie aus dem Weg. Ich schiebe den Rucksack zuerst hinein, klettere hinterher, verhindere, dass die Platte gegen das Metall der Maschinenhülle donnert und zwicke mir die Finger dabei ein.
Ein einziger Streifen Licht fällt über meine Schuhe, der Rest von mir liegt in Dunkelheit. Die beiden Beamten gehen den zweiten Stock ab, dann höre ich ihre schweren Stiefel auf der Treppe, dann im dritten Stockwerk.
„Ich sag dir, der hat es nie hier reingeschafft.”
Die tiefere Stimme schnaubt, „Ja, aber wenn die Besitzerin sagt, dass hier ein Penner drin ist…”
„Ja, ja.”
Ich halte den Atem an. Zwei Schatten durchziehen den Lichtstreifen. Leise ziehe ich meine Beine an, und bemerke erst dann dass meine Schuhe in einem Spinnennetz stecken, und die Bewohnerin verwirrt über meine Schuhspitzen krabbelt. Ich beiße mir auf die Zunge und halte den Atem an, obwohl mir vor Ekel eine Gänsehaut aufläuft.
„Was hab ich dir gesagt?”, fragt die höhere Stimme.
„Schon verstanden, du hast immer recht”, brummt die Tiefere sarkastisch. Die beiden Polizisten gehen an meinem Versteck vorbei, die Treppe ächzt, ihre Schritte entfernen sich. Ich zwinge mich dazu, versteckt zu bleiben, bis ich sie im Ballsaal hören kann, und biege dann die Platte weg. Beim herausklettern bleibe ich irgendwo hängen, falle über die Platte, und lande unsanft am Boden. Panisch schüttle ich mein Bein, doch die Spinne sitzt immer noch darauf und krabbelt mein Hosenbein hoch. Ich hole aus, um sie zu erschlagen, und halte inne. Sie hat mir nichts getan, und sieht auch eigentlich ziemlich harmlos aus. Stattdessen halte ich ihr meine flache Hand hin. Sie krabbelt hinauf.
„Tut mir Leid, dass ich dein Netz zerstört habe”, murmle ich. Etwas seltsam komme ich mir schon vor, wenn ich mit einem Insekt rede, aber ich sehe es als Ausgleich für das, was ich mit der Spinne in Quinns altem Zimmer angestellt habe.
Ich setze sie zurück in die Maschinenleiche. Sie trippelt zurück in ihre Ecke.
„Viel Glück beim Netzbauen”, verabschiede ich mich, und schiebe die Platte wieder zurück.

Teil 3.5
Den Tag verbringe ich damit, die Fabrik nach Verstecken zu durchsuchen. Ich werde reichlich fündig, denn sie ist voll davon, wenn man weiß, wonach man sucht. Einige Maschinenhüllen sind groß genug, um hineinzukriechen, eine Menge Rohre, die aus den Wänden stehen, werfen günstige Schatten, manche Räume sehen aus, als könnte man sie von außen komplett einsehen, haben jedoch blinde Winkel. Als die Sonne untergeht und den Himmel hinter den riesigen, kirchenähnlichen Fenstern des Ballsaales in ein gleißendes Rot taucht, kenne ich alle Ecken und Winkel des Gebäudes.
Sobald es draußen dunkel genug ist, schleiche ich mich wieder raus. Ich brauche frische Luft, und ich will die Stadt besser kennenlernen, ohne angestarrt zu werden.

In der kühlen Nachtluft und dem schummrigen Halbdunkel zwischen den Lichtkegeln der Straßenlampen fällt es weniger auf, dass ich seltsam aussehe. Nur wenige Leute sind in der späten Sommernacht auf den Straßen, und die meisten sind mir sehr ähnlich; gesenkte Blicke, verdeckende Kleidung, hastige Schritte.
Je tiefer ich in die Stadt komme, desto mehr passiert um mich herum. Mehr Autos fahren auf den Straßen, aus Pubs und Bars hallt freudiges Gerede. Irgendwann gehe ich durch die Art von Straßen, die überhaupt nicht mehr leise werden; entweder dringt bassschwere Musik durch die Wände eines Clubs, oder Leute, die vor Gasthäusern rauchen, lachen und unterhalten sich laut, oder eine Gruppe Betrunkener torkelt grölend vorbei. Ich bin jedoch auf Suche nach etwas anderem, und werde erst tief im Zentrum fündig.
Das Obdachlosenheim erkenne ich nur, weil vor dem Eingang eine kleine Gruppe von Leuten sitzt. Sie reden leise untereinander und rauchen, und sehen ähnlich aus wie ich; praktische Kleidung, Taschen und Rucksäcke voll Habseligkeiten, um auf den Straßen zu überleben.

Ich springe über die drei Stufen zum Eingang und rüttle an der Tür, doch sie ist verschlossen.
„Zu spät dran, Kurze”, murrt einer der Obdachlosen. Ich zucke zusammen. „Sperrstunde ist um neun. Was glaubst du, warum wir da sind?”
Ich nicke, „Danke.”
„Zigarette?”, fragt er, und hält mir eine Packung hin.
Ich schlucke und schüttle den Kopf. „Nein danke”, murmle ich, und gehe schnell weiter die Stadt erkunden, bevor jemand hinterfragt, wieso ich meinen Kopf nicht hebe und mein Gesicht nicht zeige.

Teil 3.6
Ich starre geistesabwesend in die Flamme, die in meiner Handfläche knistert, und halte ein Stück getrocknete Mango lose zwischen den Zähnen. Eigentlich wollte ich zu Mittag essen, aber bei der Hälfte einer Packung Trockenfrüchte hat mich ein gewaltiger Appetit nach Pizza gepackt. Mir läuft das Wasser im Mund zusammen. Langsam lasse ich das Feuer wachsen und schrumpfen, und überlege mir, ob ich damit eine Tiefkühlpizza auftauen und kochen könnte. Dauert das nicht normalerweise eine Weile?
Ich lasse die Flamme wachsen, schlucke die Mango, und nehme die zweite Hand dazu. Das kleine Lagerfeuer knistert fröhlich, und je länger ich es kontrolliere, füttere und wachsen lasse, desto vertrauter fühlt es sich an. Mein Appetit weitet sich auf Marshmallows aus, die ich mit so einer Flamme bestimmt braten könnte. Ich schüttle den Kopf; Essen ist nicht das, was mir sofort in den Sinn kommen sollte, wenn ich es schaffe, Feuer ins Leben zu rufen. Ich sollte trainieren, Ausdauer üben, und es irgendwie schaffen, die Flammen größer zu machen als bloß ein kleines Feuerchen in meinen Händen.
Entschieden richte ich meine Hand auf einen kleinen Stapel Bauschutt in der Nähe. Es raucht, funkt, dann lodern Flammen daraus, obwohl der Beton und die Steine nicht brennbar sind. Meine Arme beginnen zu krampfen, meine verletzte Hand zu pochen, und ich verliere ziemlich schnell den Atem. Entschieden zwinge ich mich dazu, langsam zu atmen, das Feuer zu speisen. Bald schon wird es leichter. Lange kann ich es nicht erhalten, aber ich fühle mich danach nicht so, als wäre ich zusammengeschlagen worden.
Ich könnte damit definitiv Pizza kochen.

Das Zuschlagen von Autotüren unterbricht mein kleines Experiment. Eine klare, laute, viel zu freundliche Stimme kommt von der Straße, und ein schneller Blick aus dem Fenster bestätigt meinen Verdacht: Eine junge Dame schließt das Vorhängeschloss am Zauntor auf, im Schlepptau ein Mann, der ihren Worten aufmerksam zuhört. Ich sehe ihnen zu, bis die Frau das Tor zur Fabrik aufschiebt, und gehe dann auf leisen Sohlen zu einem meiner liebsten Verstecke, eine massive Röhre, die in einer Ecke aus der Wand ragt.
„Wie Sie sicher in ihrem Folder gelesen haben, beträgt die Fläche etwa vierzigtausend Quadratmeter, also reichlich Platz für Ihr Vorhaben.”
Sie durchqueren den Ballsaal, was ich anhand ihrer Schritte hören kann. Währenddessen redet die Frau weiter, „Da das Gebäude erst überprüft und renoviert worden ist, müssen Sie sich nicht einmal um Bauvorschriften viele Gedanken machen.”
„Das ist sehr freundlich, aber ich bin nur am Gelände interessiert. Sehr wahrscheinlich werde ich das Gebäude abreißen lassen müssen…”, murrt der Mann, eher desinteressiert an ihrer Werbung. Sie steigen gemächlich die Treppen hoch. Ich greife nach unten in den Rucksack und ziehe noch ein Stück Trockenobst heraus.
„Natürlich können Sie das auch tun”, sagt die Frau, und hat scheinbar nichts anderes mehr beizutragen.

Die beiden schlendern in den zweiten Stock, dann an meinem Versteck vorbei. Ich beobachte sie aus dem Schatten der Röhre, und rate, dass die Frau wahrscheinlich die Fabriksbesitzerin, oder Maklerin ist.
„Als Sie hier renoviert haben, konnten Sie einen Parkplatz für die Bauarbeiter mieten?”, fragt der Mann.
„Natürlich!”, sagt die Frau, aber bei ihrer folgenden Erklärung verliere ich das Interesse. Was mich an ihrer Unterhaltung stört, ist dass, falls sie es wirklich schafft, das Gelände zu verkaufen, ich hier nicht bleiben kann. Und nicht nur das; langsam wird mir bewusst, in was für einer zerbrechlichen Situation ich lebe.
Falls die Maklerin das Gelände verkauft, sitze ich auf der Straße. Wenn es kälter wird, erfriere ich. Falls ich mich verletze, kann ich in kein Krankenhaus. Wenn ich keine Vorräte mehr stehlen kann, könnte ich verhungern. Falls ich beim Stehlen erwischt werde, werde ich verhaftet.
Das Essen schmeckt plötzlich schal. Ich könnte jederzeit in eine unlösbare Situation abrutschen, und ich habe keine Ahnung, was ich dagegen tun soll.

Teil 3.7
Die Kälte frisst sich durch meine durchweichte Kleidung. Ich sehne mich zurück zum trockenen Inneren der Fabrik, und überlege für einen Moment, Feuer in meine Hände zu rufen, um mich aufzuwärmen. Als ich es versuche, prasselt der Regen fröhlich in die Flammen, und entzieht mir so schnell die Energie, dass ich sofort zu keuchen beginne. Ich lasse die Flamme wieder ausgehen, und überlasse mich stattdessen der Kälte.
Ich erinnere mich nur noch vage an den Weg zum Obdachlosenheim, und renne deshalb schon seit Ewigkeiten durch die Straßen. Meine Füße klatschen schwer durch Pfützen, die spritzenden Tropfen benässen meine Hosenbeine bis zum Knie. Der Regen, der unablässig auf meine Kapuze prasselt, lässt den Rest meiner Kleidung an meinem Körper kleben.
Nach einer gefühlten Ewigkeit finde ich zur Hauptstraße zurück. Von dort aus ist der Weg klar, doch ich habe nicht mehr viel Zeit. Ich renne über die Straße, ignoriere die hupenden Autos, die vor mir quietschend zum Stillstand kommen und die wütenden Fahrer, die mir Beleidigungen hinterherrufen, und komme so drei Minuten vor Sperrstunde klitschnass am Obdachlosenheim an. Der Arbeiter, der gerade abschließen möchte, bedenkt mich mit einem missbilligenden Blick, seufzt aber schließlich und tritt zur Seite. Ich nicke ihm dankend zu, lasse den Kopf jedoch dabei gesenkt.
Eine Welle aufgebrauchter, stickiger Luft schlägt mir entgegen, der Geruch von Zigarettenrauch und Alkohol und Körpern. Die Menschenmasse ist in einem riesigen Saal versammelt, manche stehend, manche sitzend, die meisten in kleinen Gruppen zusammen. Manche Einzelgänger haben sich an die Ränder verzogen, in sich gekehrt oder schlafend mit den Mützen oder Kapuzen über die Augen gezogen. Das monotone Summen der dutzenden Gespräche bringt die Luft zum vibrieren. Ich suche mir einen leeren Platz am Rand und wringe die Kapuze aus, ziehe sie dann tiefer ins Gesicht. Für den Moment will ich einfach so wenig Aufmerksamkeit auf mich ziehen wie möglich.
„Zig?”, fragt ein grauhaariger Obdachloser mit rauer Stimme, der knapp vor meinen Füßen mit dem Rücken zu mir sitzt. Sein Freund, ein jüngerer Mann mit schwarzen Haaren, schüttelt den Kopf. „Hab noch.”
Einen Moment schweigen die beiden. Der schwarzhaarige öffnet seinen Rucksack, zieht eine Flasche Wasser heraus und trinkt. „Wie läufts?”, fragt er danach.
Der grauhaarige zuckt mit den Schultern, murrt, „So wie immer.”
„Wieso hab ich dich nicht gesehen?”
„Wie meinst du?”
Der Schwarzhaarige lacht auf. „Du schläfst immer in derselben Nische. Vorm Buchgeschäft? Komm schon, ich sieh dich jeden Tag dort.”
Der Graue schnaubt. „Haben Stacheln hingepackt.”
„Oh.”
Einen Moment lang verstehe ich nicht, wovon er redet, dann klickt es. Er meint wahrscheinlich die defensive Architektur, die in der Stadt so verbreitet ist. Unnütze Armstützen auf Bänken, Stacheln unter öffentlichen Dächern, alles nur, damit sich dort niemand hinlegt und das ach so schöne Bild der Stadt zerstört.
„Hast du schon was neues gefunden?”
Der Grauhaarige schüttelt den Kopf. Er lacht freudlos, „Vielleicht mach ich’s dem Wahnsinnigen nach, der sich in der Fabrik eingenistet hat.”
Der Schwarzhaarige lacht, nur ist seines echt. „Entweder er ist scheiß naiv oder hat Eier aus Stahl. Ich gib ihm drei Tage, bis er verhaftet wird. Wie zur Hölle ist er überhaupt reingekommen?”
„Ich wüsste da was”, summt der Grauhaarige freudig.
„Und zwar?”
Er hält die flache Hand auf und grinst.
Der Schwarzhaarige legt heimlich eine Zigarette hinein. „Ich muss mir von dir öfter welche schnorren. Und jetzt raus damit”, murrt er.
„Enterhaken.”
Es ist so lächerlich, dass mir ein kurzes Kichern entkommt. Die beiden Fremden drehen sich für einen Moment zu mir um. Mir fällt erst jetzt auf, dass ich ein fremdes Gespräch gebannt belauscht habe. Mir steigt die Hitze ins Gesicht. Panisch überlege ich, welche Ausrede glaubwürdig wäre, doch während ich mit gesenktem Kopf überlege, drehen sich die beiden schon wieder weg. Wahrscheinlich sieht es für sie aus, als wäre ich eine Wahnsinnige. Schönes Cover.
„Ich mein’s ernst!”, fährt der Grauhaarige die Unterhaltung fort
„Bullshit. Gib mir meine Zigarette zurück.”
„Bei den Preisen? Vergiss es.”

Ich verliere schnell das Interesse an der Unterhaltung, als ich eine Dame in eine Seitentür verschwinden sehe. Hastig packe ich meinen Rucksack und folge ihr, und finde, wofür ich eigentlich hergekommen bin: die Duschkabinen.
Glücklicherweise stehen in der Frauendusche Garderoben, wo ich den Rucksack und meine Kleidung ablegen kann. Anfangs halte ich es für keine gute Idee, alle meine Habseligkeiten einfach liegen zu lassen, bis ich realisiere, dass ich sowieso nichts habe, das es wert ist, zu stehlen. Ich gehe hinter einen der Vorhänge und atme erleichtert auf.
Das Wasser ist kalt, doch ich bin es längst gewöhnt. Ich schrubbe mich von Kopf bis Fuß, überrascht, wie viel Asche noch an mir klebt.
Ein Blick an mir herunter bietet ein ungewohntes Bild. Über meinen Körper verteilt sind Narben, die ich nicht erkenne, Schnitte, Schürfwunden, Brandnarben, alles Konsequenzen meiner Flucht aus dem brennenden Jugendheim und der Zeit in Aarons Hütte. Mein Körper selbst sieht gesünder und kräftiger aus, hat sich aber noch nicht wirklich von dem Koma erholt. Ich bin immer noch schlaksig.
Ich überprüfe all die übergebliebenen Wunden und finde freudig, dass die Wunden an meinen Händen, Füßen und meiner Schulter verheilt sind. Die Schnitte in meinem Gesicht wiederum brennen noch unter dem eiskalten Wasser, genauso wie meine gebrochene Hand, die mittlerweile eine dunkelviolette Färbung angenommen hat. Ich gurgle mit dem kalten Wasser und spucke Schorf aus. Die Ritze in meinem Mund scheinen langsam zu verheilen.

Als ich fertig bin zerre ich eines der Handtücher, das ich Aaron gestohlen habe, vom Boden des Rucksacks heraus und mache eine geistige Notiz, ihn einmal aufzuräumen. Viel Unterschied macht es nicht, dass ich mich abtrockne, denn meine Kleidung ist immer noch feucht. Zum ersten Mal seit langem fühle ich mich richtig sauber, ohne den Geruch von vermodertem Fleisch oder Asche oder Blut. Ich fülle den Flachmann an einem der Waschbecken, kämme mir vor einem der Spiegel mit den Fingern die Haare, verstecke mein Gesicht und gehe wieder in den Hauptsaal hinaus.

Eigentlich war das alles, was ich hier wollte. Jetzt sollte ich eigentlich wieder zurück zur Fabrik laufen, damit ich im dritten Stock schlafen und morgen neue Vorräte besorgen kann. Doch der Anblick des schweren Regens draußen verbittert mir den Plan, also setze ich mich zurück an den Rand, nicht weit weg von den beiden Freunden, die ich belauscht habe. Ich ziehe die Kapuze über die Augen, lehne mich zurück, verwende den Rucksack als Kissen.
Nur bis der Regen aufhört, rechtfertige ich mich. Insgeheim weiß ich, dass es nur eine Ausrede ist. Egal, wie dick die Luft ist, oder wie unangenehm warm es hier ist, es fühlt sich gut an, einmal nicht alleine zu sein.

Teil 3.8
Es gibt drei Dinge, die ich in den Wochen lerne, während ich in der Fabrik lebe.
Erstens, die Polizei muss sich ankündigen, bevor sie das Gebäude betreten. Sie rufen entweder „Polizei!” oder „Hallo?”, und gehen dann dieselbe Route ab; den Ballsaal entlang, an all den Nebenzimmern vorbei, den Turm hinauf und wieder raus, bevor sich ihre Arbeit in die Mittagspause zieht. Insgesamt passiert es mir drei Mal, dass ich mich vor ihnen verstecken muss.
Zweitens, die Besitzerin hat eine sehr laute Verkaufsstimme, die sie für Investoren verwendet. Ich kann sie, wenn sie auf der Straße aussteigt, bis in den vierten Stock des Turmes hören, wie sie das Gebäude schmackhafter klingen lässt, als es wirklich ist.
Drittens, niemand parkt vor der Fabrik außer diese beiden Besucher. Das Gebäude liegt am Stadtrand, zu weit weg für die Bewohner der Apartments und nicht nah genug am Wald für die Camper. Normalerweise weiß ich, wer es ist, sobald vor dem Gebäude ein Motor ausgeht und sich eine Stimme erhebt.

Vor dem Gelände gehen mehrere Motoren aus, und niemand sagt etwas.
Ich laufe zum Fenster und sehe im Halbdunkel der Straßenlaternen gerade noch so die Umriss zweier gewaltiger Autos. Es kommt mir seltsam vor, dass Polizisten so spät noch vorbeikommen, bis ich die Leute sehe, die sich dem Gelände nähern.
Zum einen sind es zu viele. Ich zähle etwa fünf, doch da ich nur das schwache Schimmern auf ihren Helmen sehe, ist es schwer zu bestimmen. Dadurch fällt mir auf, dass sie auch nicht wie Polizisten gekleidet sind; Helme gehören nicht zur Uniform eines Beamten, der einen Obdachlosen vertreiben soll. Zum anderen bewegen sie sich einfach nicht wie Polizisten. Ihr Gang ist zu organisiert. Sie gehen in Formation, jeder füllt den blinden Winkel eines anderen aus. Während einer von ihnen das Vorhängeschloss am Tor aufbricht, halten die anderen Ausschau.
Geistig gehe ich alle möglichen Verstecke ab, und entscheide mich, dass der zweite Stock am sichersten ist. Eine der Fliesen an der Wand lässt sich verschieben, und obwohl die Dämmwolle dahinter dazu neigt, einem unter die Kleidung zu kriechen und höllisch zu jucken, ist es immer noch das beste Versteck im ganzen Turm. Gerade als ich die Fliese aus der Wand kippe, knarrt das Eingangstor. Die Schritte, die sich verräterisch durch den Ballsaal anschleichen, sind für Polizisten zu leise.
Niemand kündigt sich an. Die Stimmen, die stattdessen von ihnen kommen, schicken einen Schauer meinen Rücken hinunter. Sie sind schrecklich verzerrt, als würde jemand etwas aus einem alten Radio vorspielen. Noch kann ich keine Worte ausmachen, aber von der Art, wie die Geräusche lauter und leiser werden, nehme ich an, dass sie auf ihrem Weg jedes einzelne Zimmer durchforsten.
Langsam entpuppen sich in dem Rauschen Wörter.
„Korridor Rechts, zwei Zimmer.”
„Zimmer links.”
Ich wische mir die Handflächen an der Hose ab, presse eine Hand gegen den Mund, lege den Kopf in den Nacken und drücke mich weiter in die kratzige Dämmwolle hinein.
„Gesichert. Moby?”
„Weitergehen. Tor am Ende.”
Die Geräusche echoen stärker und lauter. Sie müssen vom Ballsaal in den Turm gegangen sein.
„Sicher?”
„Sicher.”
Metallenes Pochen ertönt. Sie gehen die Treppen zum ersten Stock hoch, wiederholen ihr Gesuche, überprüfen jeden Zentimeter strategisch, und erklimmen dann die Treppen zum zweiten Stockwerk.
Sie gehen direkt an meinem Versteck vorbei, murmeln sich Kommandos zu. Ich halte den Atem an, warte darauf, dass jemand die Fliese zur Seite schiebt, mir einen Lauf ins Gesicht hält und abdrückt.
Peng, sagt Aaron in meinem Kopf. Ich starre in den Lauf hinein, hoch zu seinem Finger am Abzug, zu seinem sadistischen Grinsen.
Sie gehen vorbei. Ich atme auf. Langsam drücke ich die Platte aus der Halterung, um zu sehen, ob ich mich an ihnen vorbeischleichen kann, solange sie die zweite Etage absuchen.

Es sind wirklich keine Polizisten, und im ersten Moment sehen sie auch nicht wie Menschen aus. Drei bewaffnete, gesichtslose Soldaten marschieren in Formation, mir den Rücken zugekehrt, überprüfen alle Ecken und Enden der Fabrik auf Lebenszeichen. Sie tragen alle dieselben kugelsicheren Westen, Schutzkleidung, und Helme, die ihre Gesichter komplett verdecken. Die Waffen, die sie bei sich tragen, sind bestimmt nicht nur zur Selbstverteidigung gedacht; jeder von ihnen hält ein Kampfgewehr in Anschlag, und an dem Gürtel desjenigen, der mir am nächsten steht, kann ich ein Holster für eine Handwaffe erkennen.
Vorsichtig strecke ich ein Bein aus meinem Versteck und krieche heraus. Ich zerre meinen Rucksack zu mir, und versuche rückwärts zu schleichen. Beim ersten Schritt knirscht der Bauschutt unter meiner Schuhsohle, und der Soldat am Ende der Gruppe dreht sich zu mir um.
Einen Moment lang starren wir uns in die Augen. Er hebt sein Gewehr.
Peng.
„DA!”
Ich renne zur Treppe. Im unteren Geschoss jagen zwei weitere Soldaten die Stufen hoch, also schlage ich die andere Richtung ein und fliehe aufwärts. Hinter mir höre ich Geschrei und wirre Kommandos.
„Stopp! Hände hoch, auf den Boden!”
Der Kegel einer Taschenlampe jagt mir hinterher, doch gerade als er meine Fersen erreicht, verschwinde ich im oberen Geschoss. Ich steuere das Fenster an. Irgendwie muss ich von außen nach unten kommen.
„Letzte Warnung! Hände hoch, auf den Boden!”
Ich stelle mir Gewehre vor, die alle auf meinen Rücken gerichtet sind.
Ein Befehl reicht, und ich sterbe.
Ich schüttle den Gedanken ab, kneife die Augen zu und beiße meine Zähne zusammen, und werfe mich mit voller Wucht mit der Schulter gegen den Fensterrahmen.

Das morsche Holz des Rahmens knackt und bricht unter meinem Gewicht, das Glas bricht aufwandslos weg. Einiges bleibt in meinen Haaren hängen, manches zerschneidet mein ohnehin bereits wundes Gesicht, aber ich spüre das warme Blut kaum. Ich pralle auf Ziegeln auf, rolle durch Scherben, und spüre, wie meine Beine über den Rand des Daches rutschen. Ich wage einen Blick nach unten. Der Abgrund direkt unter meinen Füßen hebt mir den Magen aus.
Ich kreische und strample, schaffe es irgendwie, zurückzukriechen, zerschneide meine Hände an den Glasscherben. Durch das Fenster sehe ich die Soldaten in meine Richtung rennen, Gewehre im Anschlag. Ich komme hastig auf die Beine. Links werde ich von einem der Schornsteine eingekesselt, vor mir von einem Abgrund, also laufe ich nach rechts. Unter mir hebt sich ein weiteres, niedrigeres Dach aus der Fabrikwand ab, kein Fenster, durch das ich wieder zurück hineinklettern könnte. Trotzdem lasse ich mich fallen. Der Aufprall schießt durch meine Fußgelenke hoch bis in meine Zähne. Schwankend komme ich auf und renne bis zum Rand des Daches.
Ich sehe hinunter und zögere. Ich schätze etwa fünf Meter.
Das Licht der Taschenlampe holt mich ein, streicht über die staubigen Dachziegel, tastet sich vor, nein, krabbelt, sucht nach mir wie ein Spürhund. Es umfasst mich, scheint auf mich nieder wie ein Scheinwerfer. Wie ein Reh vor dem anfahrenden Auto zuckt mein Blick zum Ursprung des Lichts, ich werde geblendet, hebe den Arm zum Schutz.
„Waffen runter! Fuck, das ist ein Kind!”
Der Schrei ist schmerzhaft laut und verzerrt. Mein erster Impuls ist, mir die Ohren zuzuhalten. Niemand senkt die Waffe.
„Taschenlampe runter, Charger!”
„Aber-”
„Sofort! Runter!”
Das blendende Licht zieht sich zurück. Meine Augen passen sich an die Lichtverhältnisse an. Die Soldaten halten immer noch ihre Waffen auf Anschlag. Nur der, der mir am nächsten ist, hat sein Gewehr auf den Boden gerichtet.
„Fuck, Dispatch hat nichts von einem Kind gesagt! Was soll das?!”
Soweit ich es beurteilen kann, spricht der Soldat an der Spitze. Er lässt das Gewehr am Gurt an seiner Schulter baumeln, klappt den Sichtschutz im Helm hoch, und zieht das Mundstück weg, unter dem ein Mundschutz aus Stoff zum Vorschein kommt. Das Licht der Taschenlampe zeichnet seine Gesichtsmerkmale viel tiefer, als sie sein sollten, seine Augen zwei dunkle, eingesunkene Schatten.
Er hockt sich an den Rand des Daches.
„Hey, Kleine.”
Zum ersten Mal klingt eine der Stimmen menschlich. Er streckt langsam die Hand aus, als könnte er mich von dort, wo er steht, vom Rand wegziehen.
„Moby, was soll das?”, schnauzt ihn derjenige mit der Taschenlampe an, und rückt sein Gewehr unruhig hin und her. Moby ignoriert ihn.
„Geh da weg, okay? Ganz ruhig”, sagt er vorsichtig, und lässt sich vom höheren Dach auf das niedrigere fallen. Seine Augen reflektieren hier mehr Licht. Es macht ihn nicht minder bedrohlich. Meine Fersen rutschen über den Abgrund.
„Moby, bist du wahnsinnig?!”, kreischt eine der verzerrten Stimmen. Dieses Mal presse ich wirklich die Hände auf die Ohren.
„Sei leise, verdammt!”, faucht Moby.
Mein Rucksack fühlt sich doppelt so schwer an, jetzt, wo er über dem Abgrund hängt. Mit nur noch den Zehen am Dach ist es wirklich ein schrecklicher Moment, um schwindelig zu werden.
„Ist okay. Wir tun dir nichts.”
Moby geht zwei weitere Schritte auf mich zu, macht aber halt, weil ich mich weiter von ihm weg, und somit über den Abgrund lehne.
Er zieht den Mundschutz hinunter, wobei eine mindestens zweimal gebrochene Nase, ein dunkler Stoppelbart, und ein brüchiges Lächeln zum Vorschein kommen.
„Geh von der Kante weg.”
Sein nächster Schritt ist es, der ihn nah genug bringt, um mich die Angst vor dem Fallen kurz vergessen zu lassen.
Ich werfe den Rucksack vom Dach und springe hinterher.

Ich falle weitaus länger, als ich erwartet habe, und komme mit einem gewaltigen Knall am Boden auf. Schmerz schießt mein linkes Bein hoch, das den Großteil der Wucht abgefangen hat, dann in den Rest meines Körpers, und ich wünsche mir, ich hätte mich einfach erschießen lassen.
Ich will aufstehen, doch mein Körper gehorcht mir nicht. Ich liege wie eine Leiche, bis der Schmerz wenigstens aus meinen Fingerspitzen schwindet, erst dann kann ich mich dazu zwingen, auf die Knie zu gehen. Meine Lungen brennen, während ich verzweifelt nach Luft schnappe.
Ich muss weg.
Sobald ich mein linkes Bein belaste, knickt es nutzlos ein und schickt eine neue Welle Schmerz in meine Hüfte und mein Knie. Ich schreie auf, fange mich ab, zwinge mich wieder hoch. Die folgenden paar Schritte sind nicht mehr als ein erbärmliches Hinken. Bis ich am Zaun angekommen bin, höre ich bereits Schritte und Stimmen innen im Ballsaal, und muss mich an den Maschen anklammern, um nicht zusammenzubrechen.
Feuer.
Mir schwirrt der Kopf, doch ich produziere eine Flamme. Rot, dann Gelb, dann schmelzendes Plastik und zerspringender Draht. Ich biege den Zaun auf und zwänge mich durch, und renne in das Labyrinth von Straßen hinein.

Es dauert nicht lange, bis das Hinken zum Humpeln wird. Beinahe zeitgleich höre ich die Soldaten mich einholen. Ich hoffe, dass sie nicht gesehen haben, wo ich hingelaufen bin, und dass ich sie so verlieren kann. Alles, was ich habe, ist Vorsprung.
Ich überrasche einen Betrunkenen, der es sich am Bürgersteig bequem gemacht hat. Er schreit mir hinterher, nachdem ich über ihn stolpere, und schrickt auf, als er die Soldaten näherkommen hört. Anfangs bemerke ich nicht einmal, welchen Weg ich nehme, bis ich realisiere, dass meine Beine mich automatisch in Richtung des Obdachlosenheims geführt haben.
Nur ein paar Gassen weiter, und ich komme auf die Hauptstraße. Es gibt hunderte Möglichkeiten, von dort aus zu fliehen. Wenn ich es bis dorthin schaffe, und dann wieder in die Nebenstraßen verschwinde, ist es für Fußsoldaten beinahe unmöglich, mich zu finden. Der Gedanke gibt mir Kraft. Ich nehme den Schmerz in kauf und lege einen Zahn zu.
Gebäude ziehen nahtlos an mir vorbei. Vage bekomme ich mit, dass die Stimmen hinter mir immer leiser werden, aber es könnte genauso gut sein, dass das Blut, das in meinen Ohren rauscht, sie einfach übertönt. Ich biege um die Ecke und sehe zwischen zwei Gebäuden die hell beleuchtete Hauptstraße. Tränen der Erleichterung laufen über mein Gesicht, und ich sprinte, bis ich am anderen Ende der Gasse wieder herauskomme.

Scheinwerferlichter schlagen auf mich herab. Zwischen ihnen starren mir Gewehrläufe wie dunkle Augen entgegen, mehr als die, vor denen ich weggelaufen bin. Die gesamte Straße ist verstellt, Einsatzwägen und Sperren schneiden mir den Weg ab. Eine der verzerrten Stimmen schreit etwas, doch ich höre es nur gedämpft.
Die Welt besteht aus Licht und Lärm. Ich stolpere zwei Schritte zurück, drücke die Hände auf die Ohren. Mein Bein knickt ein für alle mal ein, ich kann nicht laufen, mich nicht wehren, noch nicht einmal das Geschrei ausblenden. Mir wird speiübel. Jemand setzt einen Schuss in den Boden vor mir, und der Knall ist einfach zu viel, zu laut, es Kreischt in meinem Kopf.
Als ich die Augen öffne, flimmert die Luft.
Mein Blick streift über den Asphalt zu den Einsatzwägen. Einer der Soldaten kommt mit erhobenem Gewehr auf mich zu.
Feuer.
Ich konzentriere mich auf den Fleck unter einem der Reifen, bis Funken sprühen. Es ist um uns so hell, dass keiner von den Soldaten das Feuer bemerkt, bis es bis zum Tankdeckel gewachsen ist. Einige der Flammen zwängen sich hinein.
Der Einsatzwagen ruckt zur Seite, als die Gase des Benzins Feuer fangen, den Tankdeckel aus dem Sockel reißen, und in einer Stichflamme nach draußen schießen. Die Soldaten lassen sich nur für einen Moment ablenken, dann ertönt das Rattern von Metall, als sich mehrere Gewehre gleichzeitig auf mich richten.
Feuer. JETZT.
Ich reiße die Arme vor mein Gesicht, als würde es mich vor den Geschossen schützen, vor dem Knall und der Schwärze danach. Stattdessen rauscht ein ohrenbetäubender Wind an mir vorbei, der eine Welle Hitze mit sich bringt, die mich glauben lässt, ich würde verbrennen. Das Feuer schlägt aus, verbreitet sich in einem Kreis am Boden entlang nach außen, krallt sich an die an die Einsatzwägen und die Soldaten. Ich kneife die Augen zu, meine Augenlider leuchten orange. Ihr verzerrtes Geschrei geht im Rauschen der Flammenwolke unter, der penetrante Geruch von schmelzendem Plastik sticht in meiner Nase.
Zögerlich öffne ich die Augen einen Spalt und zwinkere gegen die blendende Helligkeit an. Rauch erhebt sich in einer dunklen Wolke über uns. Das Feuer verbiegt Blech und entzündet Benzin, und erst als das erste Leck entsteht, komme ich wieder zu Sinnen, und laufe.
Die Flammen weichen zwar zurück, doch nicht genug, um zu verhindern, dass meine Kleidung angesengt wird und Wunden in meine Haut brennt. Ruß drängt sich in meine Kehle und trocknet sie in einem Atemzug aus, ein Hustenanfall raubt mir die Luft, die ich zum weglaufen gebraucht hätte. Ich setze meinen ersten Schritt außerhalb des Flammenkreises in dem Moment, in dem die erste Explosion die Luft zerreißt.

Die Druckwelle reißt mich von den Füßen. Als ich auf dem Boden aufschlage, verschwindet alles.
Vor meinen Augen erstreckt sich bloß endlose Schwärze, und eine dumpfe Stille hat die Hände über meine Ohren gelegt. Der Geschmack von Eisen klebt an meiner Zunge.
Ich kann meine Arme nicht spüren. Ich rolle mich schwerfällig auf die Seite, strecke meine Hände aus, bis sie Asphalt berühren, und komme so auf alle viere. Alles ist verschwommen. Unter mir leuchtet der blutnasse Asphalt, gelbes Flackern in dunkelroten Schemen auf schwarzem Grund, und zwei abgeschürfte Arme, die sich von selbst bewegen. Einige Fetzen Haut hängen vom Asphaltausschlag, Blut sickert zwischen ihnen heraus und läuft in dickflüssigen Fäden hinunter. Ich spüre meine verletze Hand nicht mehr. Mein linkes Bein puckert bloß noch taub. Ich kann es kaum belasten, und schaffe bloß einige wenige Schritte, bevor die zweite Druckwelle mich erwischt.
Als mein Kopf zum zweiten Mal auf den Asphalt donnert, legt sich etwas Schweres, Zähes auf mein Bewusstsein, das wie heißer Teer in meine Augenhöhlen und meine Ohren läuft und sie versiegelt.

Die letzten Trümmer fallen. Ich bin zwar noch bei Bewusstsein, weiß aber nicht, worauf ich warte. Mein Körper gehorcht mir nicht mehr, mein Blick schärft sich nicht mehr. Vor meinen Augen bilden sich formlose, tanzende Gestalten, rot und grau, gelb und schwarz. Ich sehe ihnen reglos zu.
Unter den Tinnitus und die Taubheit mischen sich das Knistern von Flammen, das Rauschen von Wind, das Rattern von Rädern auf Asphalt und das Brummen von Motoren. Die Geräusche sind gedämpft, leise, schüchtern.
Die zähflüssige Schwärze gewinnt an Gewicht. Sie greift zu mir herunter, streicht mir über den Kopf, verschleiert meine Augen, legt mir die Hände über die Ohren und den Finger an die Lippen. Sie zieht mich von der Welt weg, und legt mich mit einem Kuss auf die Stirn sanft in die Bewusstlosigkeit.

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