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Black Rabbit 666

“Papa, erzählst du mir die Geschichte vom Osterhasen?”
“Vom Osterhasen?”
“Jaaaaa!”
“Nun, mein Liebling, wo soll ich da denn anfangen? Es gibt nicht nur eine einzige Geschichte über den Osterhasen. Nein, mein Schatz. Es gibt sogar etliche. Genau genommen 666 Geschichten über den Osterhasen und eine schlimmer als die andere, das kannst du mir glauben.”
“So viele? Dann will ich sie alle hören!”
“Bist du dir da wirklich sicher, meine Kleine? Bist du dafür nicht etwas zu jung?”
“Nein. Ich will sie hören, Papa. Erzähl mir die Geschichten vom Osterhasen!”
“Naaaaaaa, ich weiss ja nicht. Papa sollte dir solche Geschichten nicht erzählen. Papa will nicht wieder eine neue Mama suchen gehen, weil die kleine Prinzessin ihren unanständigen, süssen, bezaubernden Mund nicht halten kann.”
“Neeeeein, ich verrate doch keinem was. Pfadfinderehrenwort!”
“Mmmh… die kleine, hinterlistige Prinzessin weiss einfach, wie sehr Papa Geheimnisse liebt. Das wird wieder eins von vielen. Lass mich das nicht bereuen.”
“Du kannst mir vertrauen, Papa.”
“Gut. Genau das wollte ich von meiner Prinzessin hören. Also, lass mich überlegen. Kennst du die Geschichte schon vom Osterhasen, der für einen bösen Dämon arbeitet?”
“Nein.”
“Nicht? Die kennt doch jedes Kind. Aber du warst halt schon immer ein ganz besonderes Mädchen, nicht wahr? Nicht so wie die anderen. Nicht so wie jedes Kind.”
“Ganz genau, Papa, ich bin was besonderes!”
“Ja, das bist du. Wo waren wir stehengeblieben? Ach ja, beim schaurigen Dämonenosterhasen. Eine dunkle hasenartige Kreatur, direkt aus der Unterwelt, gesandt vom Teufel höchstpersönlich und unterstellt dem mächtigsten und bösesten aller Dämonen. Man nennt ihn auch Black Rabbit. Und dieser Osterhase kommt immer einmal im Jahr, ganz genau zu Ostern. Und er kommt nicht alleine. Er bringt sogar etwas mit. Und weisst du, was er den Kindern mitbringt?”
“Was denn, Papa?”
“Ostereier. Aber nicht gewöhnliche Ostereier. Nicht die bunten und auch nicht die süssen. Nein, nein, das ist nicht so der Stil von unserem bösen Dämonen-Osterhasen. Seine Ostereier sind ganz, ganz, ganz besondere Ostereier. Fast so besonders, wie du. Denn seine Ostereier sind sogenannte Seelenfänger und weisst du, was ein Seelenfänger ist?”
“Nein Papa, was ist ein Seelenfänger?”
“Ein Seelenfänger ist etwas, das seine klebrigen und schmierigen Fingern nach den schmackhaften, unschuldigen Seelen der Kinder ausstreckt und sich an diesen genüsslich labt und vollfrisst. An der süssen Unschuld knabbert, sie Stück für Stück auseinander bricht und seine abscheulichen Klauen tief, unendlich tief und bis zum Anschlag in sie hinein wetzt. So wie andere Körperteile, aber das möchte ich nicht genauer ausführen, dafür bist du dann doch noch zu jung. Jedenfalls, hat sich dieses Osterei erstmal an der Seele des Kindes den Bauch vollgeschlagen, ist am Ende von dieser nicht mehr viel übrig. Und mit nicht mehr viel meine ich so gut wie gar nichts mehr. Das Kind ist kaputt, leer, von jeglicher Unschuld beraubt und unwiderruflich verdorben. Und, was denkst du, was passiert mit diesen seelenlosen Kindern, wenn der Osterhase erstmal mit ihnen fertig ist?”
“Was denn, Papa?”
“Tja, meine kleine Prinzessin, hat der Dämonen-Osterhase erstmal ein Kind so richtig kaputt gemacht, dann bleibt diesem Kind nichts mehr anderes übrig, als sich der schaurigen Armee des Osterhasens anzuschließen. Eine Armee aus seelenlosen Kindern, so verdorben und dunkel im Innern wie finster die Nacht. Und diese Kinder streifen fortan durch die Welt, getrieben von einer Gier, die sie bisher nicht kannten. Ein Trieb, der in ihnen Jahr für Jahr umso mehr heranreift und gedeiht und nur gestillt werden kann, wenn die Herzen anderer noch unschuldigen Kindern aufhören zu schlagen. Wenn das Bumbumbum ein letztes Mal erklingt und der geschändete und leblose Leib unter ihren vom Teufel höchstpersönlich gelenkten Körpern erschlafft und warmes, heisses Blut das weisse Bettlaken ziert. Sowie andere Flüssigkeiten, auf die ich nicht genauer eingehen sollte.”
“Was für Flüssigkeiten denn, Papa?”
“Nicht der Rede wert, mein Schatz.”
“Aber ich will es doch wissen!”
“Du bist so neugierig, das liebe ich so sehr an dir. Aber nein, diesmal muss Papa passen. Manche Dinge sollten unausgesprochen bleiben, besonders dann, wenn du süsse kleine Maus auf meinem Schoss sitzt, nicht stillhalten kannst und Onkel Horst Karl Helmut Peter später noch vorbei kommt. Habe ich dir eigentlich schon einmal die Geschichte von Onkel Horst Karl Helmut Peter dem Ersten erzählt, die sich ereignet hat, als ich ungefähr so alt war wie du? Der hat sich an Ostern nämlich auch ganz gerne als Osterhase verkleidet und weil sich das über die Jahre irgendwie zur Tradition entwickelt hat, bemalen wir heute die Eier von Onkel Horst Karl Helmut Peter bunt.”

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