ExperimenteKreaturenMittel

Brandherd – 2

Teil 2

Die Tests finden regelmäßig statt. Sie bieten mir Abwechslung vom eintönigen Alltag in meiner Zelle, und sind auch meist schmerzfrei. Was weh tut ist, wie offensichtlich ihre Funktion ist.

Die Forscher übertreiben gerne etwas mit der Geheimhaltung des Zwecks der Experimente, aber wirklich, es ist schrecklich einfach, ihn zu erkennen. Wie heiß kann ich mein Feuer machen? Erschaffung einer Zelle, die mich halten kann. Wie schnell kann ich es produzieren, gibt es Grenzen? Erforschung meiner Fähigkeit, zu kämpfen. Als hätte ich ein Schusslimit. Als wäre ich ein Stück fremder Artillerie, die sie mit Reverse-Engineering versuchen zu entschlüsseln.

Es ist lächerlich, aber leider in derselben Weise, wie jemandem zuzusehen der versucht, mit einem einzigen Eimer einen Waldbrand zu löschen. Lächerlich wie das Flehen des Serienkillers auf dem elektrischen Stuhl. Lächerlich in der Weise, dass ich mir auf die Zunge beißen muss und meinen Kiefer anspannen muss.

Lächerlich, weil ich außer Lachen nichts als weinen kann. 

Lächerlich auf die hilflose Weise.

Meine Zelle ist das Pünktchen auf dem i wenn es zur Schlichtheit kommt. Sie ist großzügig mit einem Regal, einem Bett, einem Nachtschränkchen und sogar vier Wänden und einem Boden ausgestattet. Dass das Badezimmer eine Dusche, eine Toilette und ein Waschbecken hat, grenzt bereits an Luxus. 

Mein Interesse ist schrecklich einfach zu wecken, und deshalb überrascht es mich nicht, dass die Begeisterung, die ich fühle, als sie mir von Dr. Ciaran Quinn erzählen, mit meinem Acid-Trip in meinem dritten Jahr UNI vergleichbar ist. 

Wie es sich herausstellt, ist Dr. Ciaran Quinn wie ich eine Kreatur, die Feuer kontrollieren kann. Einige der Doktoren haben hoch über ihn geredet, seine Arbeit und seinen Fortschritt, und darüber, dass er seit Wochen versucht, die Leitung in meinem Fall zu übernehmen. Funktioniert das, wird er mein Supervisor, und ich darf ihn treffen. Natürlich bin ich aufgeregt. Er ist der lebende Beweis dafür, dass ich doch eine Chance habe, mehr als eine Gefangene zu sein.

Seitdem ich von ihm gehört habe, bin ich vor Aufregung nachts wach dagelegen, und habe mir vorgestellt, wie es sein würde, ihn zu treffen. Mama und Lekha sind die einzigen, die ich kenne, die noch am Leben sind, und dieselben Kräfte haben wie ich. Papa konnte es auch, aber weil weder er noch Mama ihre Kräfte verwendet haben, hat die SCP nie Wind von ihnen bekommen. Sie konnten es auch kontrollieren, gegensätzlich zu mir…

Ich habe mich fast kindisch gefühlt, wie ich phantasiert habe. Ich habe mir einiges erwartet, dass er mir etwa etwas über mich verrät, das ich nicht weiß. 

Jetzt sitze ich ihm gegenüber, und meine Handflächen schwitzen. 

„Priya Al-Shah, nett, Sie kennenzulernen.“, sagt er, und hält die Hand aus. Ich wische mir die Rechte unbemerkt an meiner Jeans ab, und schüttle seine Hand. 

„Schön Sie mal persönlich zu treffen, Dr. Quinn.“

„Bitte, nennen Sie mich Ciaran.“ Er lächelt ehrlich. Beim schnellen Hinsehen könnte man ihn mit einem normalen Menschen verwechseln. Schwarze, strubblige Haare und graue Augen, die nichts über ihn verraten. Was Bände über ihn spricht sind die zahllosen Brandnarben auf seinen Händen.

Ich treffe auf etwas Kaltes, als sich unsere Hände berühren. Ein eleganter Ring steckt an seinem Ringfinger, ein von Silber umschlungener schwarze Kristall. Ist er verlobt? Verheiratet?

„Priya- Darf ich Priya sagen?“

Ich nicke.

„Ich denke, Sie wissen, wieso ich hier bin.“ Er hält seine Hand auf, und eine rote Flammenzunge schießt aus seiner Handfläche. Ich spiegle seine Bewegung, und als ich unsere Hände nebeneinander sehe, beide vernarbt und beide abnormal, kann ich nicht umhin als zu lächeln. Ich sehe von den beiden Feuern hoch, und sehe dass Ciaran ebenfalls lächelt. 

„Offiziell bin ich noch nicht Ihr Supervisor, aber ich denke, das wird sich bald ändern. Es steht mehr oder minder nichts mehr im Weg, und die offiziellen Dokumente sind bereits in Bearbeitung. Nur noch eine letzte Zustimmung von den 05- äh, den Leuten ganz oben.“, sagt er, und deutet symbolisch zur Decke. 

Er ist definitiv Engländer, oder vielleicht Ire, nach seinem Akzent zu urteilen, denn er spricht 05 als „Oh-Five“ aus. Ich habe keine Ahnung, wer oder was die 05 sind, aber anscheinend soll ich nicht von ihnen wissen. Wenn die 05 schon “die Leute ganz oben” sind, frage ich mich ehrlich, welche Titel und Worte sie noch mit geläufigeren Ausdrücken ausgetauscht haben. Aber ich will ihn nicht unterbrechen, ich will dass er weiterredet, also verkneife ich mir die Frage. 

„Ich habe einige Fragen an Sie. Und ich nehme an, Sie haben einige an mich.“

„Wie kontrollieren Sie ihre Kräfte?!“, platze ich heraus. „Sie haben genug Kontrolle darüber, dass sie bei der Foundation arbeiten können, die mich einsperren will. Wie?“

Er grinst, während ich spreche, und lacht dann sanft. 

„Ich dachte mir, dass das eine Ihrer ersten Fragen sein würde.“ Er seufzt, streckt sich, als würde er gleich anfangen, mir seine Lebensgeschichte zu erzählen.

„Aggressionsbewältigunstherapie.“, sagt er, und lässt das Wort kurz sitzen. „Wie sich herausstellt, ist es entweder weiter verbreitet, Aggressionsprobleme zu haben, sollte man Feuerkräfte haben- wie passend- oder es fällt einfach mehr auf, weil bei einem Wutausbruch gleich einmal ein Gebäude in Flammen aufgeht.“

Ich lache auf. Das Wohnzimmer des Wichsers, der vor Isaac versucht hat mich zum Heiraten zu zwingen, wurde zwei Mal renoviert. Möge der Bastard in Frieden Ruhen, und langsam in der Hölle schmoren.

„Natürlich kann man auch daran arbeiten, seine Emotionen von seinen Kräften zu trennen. Beide Methoden helfen.“

Ich nicke.

„Ein weiterer zentraler Teil der Kontrolle ist Angst vor dem Feuer selbst, die reduziert werden sollte. Angst produziert mehr Feuer. Darüber kann ich aber nicht viel reden, denn-“ Er beschwört eine Stichflamme, und lässt seine eigene Hand brennen. Aber das Feuer schadet ihm nicht im geringsten. 

„Wie-?“

Er grinst, und zieht den Ring ab. 

„Probieren Sie‘s.“

Er hält mir den Ring auf flacher Hand entgegen. 

Ich frage mich, ob er gerade den zweiten Fehler seit dem Beginn unserer Konversation macht. Ich stecke mir den Ring an, auch wenn er für meinen Ringfinger eigentlich zu groß ist, und spüre sofort einen Schauer von Kälte, der über mich hinwegzieht. Ich bekomme eine Gänsehaut, dann ist das Gefühl vorbei.

Zögernd drehe ich meine Handfläche nach unten und lasse Feuer aus ihr sprießen. Die Flammenzungen schmiegen sich an meine Hand, winden sich um meine Finger und lösen sich über meinem Handrücken auf, aber ich spüre keinen Schmerz. Es kribbelt gerade einmal, die Wärme ist irgendwie angenehm. Meine Hand wird von Ruß bedeckt und ich spüre den Luftzug, den das Feuer mit sich bringt, aber sonst bleibt das kleine Experiment komplett ohne Konsequenzen. 

Ich drehe meine Hand hin und her, sehe den Flammen beim wiegen zu, und wünsche mir, ich könnte diesen Ring behalten.

„Ich könnte für Sie ein gutes Wort einlegen. Vielleicht kann die Foundation Ihnen die Therapie zur Verfügung stellen.“

Ich bekomme wieder eine Gänsehaut, aber diesmal ist sie weitaus weniger angenehm. Ich darf mich auf so etwas nicht einlassen, ich will mich auf so etwas nicht einlassen. Nachdem sie ihre Tests durchgeführt haben und ich endlich hier herauskomme will ich in meinem Leben nichts mehr mit der SCP zu tun haben. 

„Danke, aber…“ Ausrede. Ich brauche eine Ausrede. „Ich habe bereits eine Therapeutin. Ich gehe seit meiner Kindheit hin. Es wäre mir lieber, sie würde das einrichten.“

Technisch gesehen keine Lüge. Nicht wahr, aber überzeugend genug. Ciaran nickt.

„Erzählen Sie etwas von sich.“, sagt er erwartend. Das ist wahrscheinlich der Teil der Untersuchungen, in dem sie wollen, dass ich mich verplappere.

„Ich wurde mit den Kräften geboren. Seit meiner Kindheit hatte ich Probleme damit, sie zu kontrollieren. Je älter ich geworden bin, desto mehr Kontrolle hatte ich. Aber im Endeffekt war es nie genug.“

„Sie sagen, sie wurden damit geboren. Heißt das, Ihre Eltern sind auch anormal?“

Scheiße. Scheiße, Scheiße, Scheiße.

„Nein.“

Was jetzt? Fuck. 

„Nur mein Vater.“

Bitte schluck es. Bitte nimm es einfach für bare Münze und lass es sein.

„Er ist verstorben, richtig?“, fragt er. Ich nicke, und tue so, als würde es mir immer noch ans Herz gehen, und ich verstecke kurz mein Gesicht in meinen Händen, um die Röte der Lüge zu verstecken. 

„Mein Beileid.“

Und jetzt die nächste Frage. Und nichts über Mama.

„Bitte, erzählen Sie weiter.“

Die Erleichterung ist so befreiend, dass ich fast hörbar seufze.

„Die- meine rebellische Phase war am schlimmsten. Ich habe immer wieder kleine Feuer gesetzt, nichts großes, aber es war problematisch. Als ich erwachsen wurde habe ich natürlich damit aufgehört, aber hin und wieder… Sie wissen, wie es ist. Man verliert sich. Verliert die Kontrolle.“

Ciaran nickt. Es ist so viel einfacher, mit jemandem zu reden, der wirklich versteht, was ich meine.

„Ich habe versucht, es zu unterdrücken. Es mit Meditation und Gleichgültigkeit und gegen den Wind Schreien versucht. Nichts funktioniert permanent.“

Es bleibt einige Momente still zwischen uns. 

„Bitte, reden Sie weiter.“

„Das war‘s. Mehr gibt es nicht zu wissen.“

Er scheint sich Worte zurechtzulegen, in Gedanken zu überprüfen, wie sie sich anhören würden, wenn er sie laut sagen würde.

„Verstehen Sie mich nicht falsch, aber… ich… möchte Sie persönlich kennenlernen.“

Insgeheim habe ich gehofft, dass er es wollte, denn genau dasselbe will ich. Ich will mehr über ihn wissen, außerhalb des erdrückenden Kontextes der SCP-Foundation. Wie er es formuliert hat: Ich will ihn persönlich kennen.

“Was wollen Sie wissen?”

Ciaran lächelt breit, anscheinend freut es ihn, dass sein Interesse auf Gegenseitigkeit beruht. 

“Wie wäre es mit einer Frage gegen eine Frage? Klingt fair, oder?”

Ich lege den Kopf etwas schief. 

“Was ist Ihr Lieblingsessen?”

Er sieht mich für einen Moment überrascht an, macht den Mund mehrmals auf und wieder zu, und bricht in Gelächter aus. 

“Alle Fragen der Welt? Und damit fangen Sie an?”

Ich erlaube mir ein freches Lächeln. 

“Es ist eine wichtige Frage! Oder ist es zu persönlich? Stochere ich hier in Staatsgeheimnissen herum?”

Er sieht so aus, als würde er ernsthaft darüber nachdenken. Er braucht ein bisschen, bevor er kleinlaut zugibt, “Ich glaube, ich habe seit Monaten nur Instant-Nudeln gegessen und Kaffee getrunken.”

“Ernsthaft?”

Er hebt abwehrend die Hände, “Gegensätzlich zu was manche glauben- die Arbeit wartet nicht auf mich! Aber jetzt wo Sie es erwähnen- es gibt ein Restaurant, bei dem ich bei einigen Feiern war, und das Roast Beef dort?”

Er macht die Typische “Kuss vom Koch” Geste, und kommt sofort wieder auf das Thema zurück.

“Haben Sie sich schon einmal gewünscht, keine Kräfte mehr zu haben?”, fragt er. Anscheinend hat er lange darauf gewartet. Was geht in seinem Kopf vor? Jemand, der in voller Kontrolle seines Feuers ist und sich nicht einmal damit verletzen kann? Will er seine Fähigkeit loswerden, oder will er mein Wollen infrage stellen? 

“Ständig.”, seufze ich, “Wenn ich ein stinknormales Leben haben könnte, ich würde nicht einmal darüber nachdenken.”

“Wieso?”

Ich antworte ihm nicht. Ihm, und allen anderen hinter den Kameras, reibe ich lieber nicht unter die Nase, was ich von ihrer Anstalt hier halte. 

“Was ist, wenn Sie sie akzeptieren würden? Interessiert es Sie nicht, welches Potential sich dahinter verbirgt?”

Potential? Wovon redet er? Das Potential von Schmerz und Asche, ist es das, was er meint?

Ist er so weltfremd, dass er die Nachteile aus den Augen verloren hat? Oder ist das alles willige Ignoranz?

Ich will ihn fragen, aber unsere Zeit ist vorbei. Der Buzzer im Lautsprecher unterbricht uns, bevor ich das Gespräch fortsetzen kann, und Ciaran wird woanders gebraucht. Das lässt zumindest der gestresste Gesichtsausdruck des Assistenten vermuten, der Ciaran aus der Interviewzelle abholt. Er senkt die Stimme und zeigt ihm etwas auf seinem Telefon. Ciaran zögert aber noch einen Moment. 

„Es hat mich gefreut.“, sagt er, und lächelt ehrlich und breit. „Ich hoffe- und glaube- wir sehen uns bald wieder.“

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