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Brandherd – 3

Teil 3

Dr. Quinn ist seit eineinhalb Monaten mein Supervisor. Ich verliere langsam die Hoffnung, hier jemals wieder rauszukommen.

Die Test sind gleich geblieben. Alle in ihrer Funktion offensichtlich, alle zu einem gewissen Grad erschöpfend. Und dann wurden sie weniger und weniger. Von beinahe täglich zu höchstens vier Mal die Woche. Dann zwei Tage die Woche. Wöchentlich. Sporadisch und kaum noch. In dieser Hoffnungslosigkeit war Dr. Quinn mein letzter Lichtblick, und langsam wird auch er… seltsam. 

Mein erster Wunsch, ihn näher kennenzulernen, hat sich erfüllt. Ich wünschte, das hätte er nicht.

Ich habe herausgefunden, dass er, ähnlich wie ich, von der Foundation aufgefangen wurde. Nur war er nicht neunundzwanzig, sondern siebzehn. Er hat damals bei seinem Onkel gelebt, ist von seinem Zuhause weggelaufen, und ist nie wieder zurückgekommen. Während seinem Aufenthalt in der SCP hat er seine Ausbildung vollendet und sein Doktorat gemacht. Dann wurde ihm eine Stelle angeboten, und er hat sich langsam an die Position hochgearbeitet, an der er jetzt ist.

Weder Mama noch Papa habe ich erwähnt, zu ihrem eigenen Schutz. Was ich ihm doch verraten habe ist, dass ich mit Isaac verlobt bin, ihn in der UNI kennengelernt habe und seit siebeneinhalb Jahren eine Beziehung mit ihm führe, und aufgrund meiner Verhaftung unsere Hochzeitsplanungen verpasse. Ich habe ihm nicht gesagt, wann wir heiraten wollen. Er weiß, dass wir verlobt sind, und trotzdem flirtet er unverschämt mit mir und macht widerliche Kommentare. 

Es hat unschuldig genug angefangen. Flüchtige Komplimente, die genauso gut von meiner Schwester, einem Fremden oder meiner Großmutter hätten kommen können. Komplimente über meinen Erfolg in der UNI, über meinen Bachelor, meine Meisterarbeit. Dann wurden sie, ähnlich wie unsere Gespräche, persönlicher. Kommentare über meine Haare und Augen. Ich habe ihm schon nach seinem „unschuldigen Kompliment“ über die Schönheit meines Lächelns klar gemacht, dass ich an ihm nicht interessiert bin, und dass ich es wertschätzen würde, wenn er mit solchen Kommentaren aufhört.

Es hat zwei Meetings gedauert, bis er wieder damit angefangen hat.

Ich lehne unsere Meetings so oft ab, wie mir ermöglicht wird. Nicht immer fragen sie nach meiner Meinung, und selbst dann wird es manchmal als reine Formsache angesehen. Ich habe hier nichts zu sagen. Während sich die Tests verringert haben, von täglich zu sporadisch, haben die Meetings mit ihm die umgekehrte Entwicklung durchgemacht. Anfangs war es eine einmalige Sache, bis Dr. Quinn plötzlich persönlich Interviews mit mir durchführen wollte. So habe ich ihn kennengelernt. So habe ich herausgefunden, wie schrecklich ekelhaft dieser Mann ist. 

Der einzige Lichtblick ist der Hauch von Information, den ich über Doktor Quinn herausfinde, wenn wir sprechen. Es gibt mir den vorbeiziehenden Geschmack der Macht, die ich teilweise über ihn halte. Solange ich ihm nicht zeige, dass ich diese Informationen gegen ihn verwenden werde, wird er mir weiter über sich erzählen. Solange er nicht weiß, dass ich weiß, hat er keinen Grund, seine Macht gegen mich einzusetzen. Nämlich, mich bis zu meinem Tod hierzubehalten. Ich höre ihm zu, lerne seine Regeln kennen, um sie leise zu brechen oder vorsichtig auf Zehenspitzen um sie herumzugehen. Ich muss ihn kennen, bevor ich ihn ausnutzen kann. Also lächle ich und nicke ich, während Dr. Ciaran Quinn mit mir redet. 

„Sie wissen, wovon ich spreche, richtig?“

Ich lächle und ich nicke. Ich weiß es nicht.

„Ich dachte mir schon, dass Sie auch an anderen Menschen mit Feuerkräften interessiert sein würden. So viele von uns gibt es nicht. Ich habe geforscht, wissen Sie.“

Ich lächle und ich nicke. Es interessiert mich nicht. 

„Wenn Menschen, die beide Feuer kontrollieren können, ein Kind bekommen, hat das Kind mit hoher Wahrscheinlichkeit ebenfalls Kräfte. Laut meinen Untersuchungen- obwohl die Quellen etwas unzuverlässig waren, also entschuldigen Sie eventuelle Fehler- liegt diese Wahrscheinlichkeit zwischen 90 und 95 Prozent. Leute ohne Kräfte können so ein Kind nicht bekommen. Und ein Kräfteträger und ein Nichtkräfteträger haben- global gerechnet- eine Chance von 10 bis 5 Prozent, ein kräftetragendes Kind zu bekommen.“

Ich lächle und ich nicke. Er bemerkt nicht, dass es in eines meiner Ohren hineinschwebt, und beim anderen hinaus. 

„Dabei ist die geschlechtliche Demographie interessant. Ist die Mutter Kräfteträger, ist die Wahrscheinlichkeit weitaus höher, als wenn es der Mann ist. Wäre die Wahrscheinlichkeit wirklich so niedrig, wären wir ausgestorben.“

Nicken. Nicken, nicken, nicken.

„Ich nehme also an, dass es matrilinear vererbt wird. Etwa dreißig Prozent Wahrscheinlichkeit. Patrilinear? Etwa fünf Prozent.“

Nicken. Lächeln.

„Hier ist was mich überrascht- in lokal wärmeren Gebieten ist dieses Gen- ich nehme an, es ist ein rezessives Gen, oder eine Genkombination- dichter verbreitet. Und die Wahrscheinlichkeit liegt durchschnittlich bei etwa 20%.“

Ich habe es vor langer Zeit gelernt, das Lächeln und das Nicken. Manchmal muss man seine Ehre und Ehrlichkeit herunterschlucken und einem Idioten das Ego streicheln. Es funktioniert immer. Ich habe es perfektioniert.

„Noch faszinierender- in kälteren Regionen- ich meine, sollten die Eltern aus kälteren Regionen stammen- ist die Chance gleich null. Man sollte sich denken, dass es umgekehrt sein sollte. Ein Wunderwerk der Evolution!“

Man muss es ihm lassen, er ist wenigstens enthusiastisch. Man könnte ihn fast mit einem erträglichen Menschen verwechseln, wenn er gerade nicht seinen Ekel speit. 

„Sehen Sie, deshalb faszinieren Sie mich so sehr.“

Und es geht los. 

„Sie sind, wie wir im letzten Interview besprochen haben, indischer Abstammung, richtig?“

Ich presse die Lippen aufeinander.

„Meine Eltern sind es. Ich wurde hier geboren.“
„Südliches Indien?“
„Ja. Nahe Chennai.“

„Exotisch.“

Ich könnte kotzen. Ich lächle und ich nicke.

„Also ist die Wahrscheinlichkeit, sollten Sie mit einem Kräfteträger ein Kind zeugen, sehr hoch- sollte dieser ebenfalls aus einem wärmeren Gebiet der Welt kommen. Andernfalls wird die Wahrscheinlichkeit eher näher des originalen Prozentsatzes liegen. Also etwa 90 bis 95 Prozent…“

Ich kämpfe mit der Realität. Ich erinnere mich wieder an Lekha. Ihr Baby könnte jeden Tag zur Welt kommen. Kleiner Idestan, kleine Prisha… 

Konzentrieren. Nicht mit den Gedanken abschweifen. Nicht in alte Gewohnheiten zurückfallen. 

Es gab einen Grund, wieso Lekha und ich zu der Therapeutin geschickt worden sind, als wir Kinder waren. Lekha aufgrund ihrer „Lernprobleme“- Dyscalculia, wie sich herausgestellt hat- und ich wegen etwas, das ich damals „Glasblick“ genannt habe. Alles hat sich falsch angefühlt. Ich konnte nicht mehr denken, nicht mehr richtig verarbeiten, was um mich herum passiert ist. Alles sah aus, als würde ich es durch eine Glasscheibe beobachten. Als würde ich meinen eigenen Körper kontrollieren, aber mein Körper war nicht mehr ich. 

Es war aber kein „Glasblick“. Es war Depersonalisations-Derealisationssyndrom. Ich hatte seit Jahren keinen Vorfall mehr, und Dr. Quinn ist derjenige, der mich zu meinen Grenzen bringt.

Konzentrieren. Alte Gewohnheiten sterben lassen.

Der Stoff meiner Jeans fühlt sich rau an. Es riecht nach Desinfektionsmittel. Ich kann sehen, dass Dr. Ciaran Quinn ein Muttermal auf seinem Handgelenk hat. Ich kann das leise Summen der Kameras hören, wenn sie zoomen, oder sich an ihrer Achse bewegen. 

„Wissen Sie…“, sagt er, „Viele Leute, die hier arbeiten, sind davon Überzeugt dass Leute wie Sie und ich, besonders wenn sie unter Gefangenschaft stehen, weniger wert sind als ‚normale‘ Menschen. Sie sehen uns als Kreaturen.“

Nein, du Idiot. Sie sehen ihre Gefangenen als Kreaturen, weil sie sie so behandeln möchten, und sich nicht schuldig fühlen wollen. Sie sehen mich als Kreatur, weil ich auf der falschen Seite des Gitters sitze. Du siehst andere als Kreaturen, weil sie auf der falschen Seite des Gitters sitzen!

Ich lächle und ich nicke.

„Ich denke andersherum. Wir sind stärker“, flüstert er, halb außer Atem. Er greift nach meiner linken Hand. Ich will aus diesem Zimmer stürmen. Ich will nach Hause. Aber leider is Dr. Quinn derjenige, der bestimmt, wann ich nach Hause darf, und ihm den Arsch zu küssen ist mein einziger Weg hier raus. Also lasse ich ihn. 

„Ich finde, es sollte mehr Leute wie Sie geben. Frei. Anders. Beides gleichzeitig.“

Niemand wird sich die Aufnahmen der Sicherheitskameras ansehen, ich weiß es jetzt schon. Entweder sie werden in irgendein Regal gestellt und vergessen, oder Dr. Quinn zerstört sie, lasst sie verschwinden. Deshalb wird niemand jemals sehen, wie er meinen Verlobungsring abzieht. 

„Du begeisterst mich, Priya.“

Wann habe ich ihm das Du-Wort angeboten?

Ich lächle und ich nicke. 

„Ich bin froh, jemanden inspirieren zu können“, sage ich.

Jeden Menschen auf der Erde. Nur nicht dich. Hör auf, meinen Handrücken zu befummeln. „Vielleicht werde ich bald wieder frei sein.“

Ich werde ihn nicht danach fragen. So funktioniert das nicht. Nein, man muss ihm vorsichtig einflößen, was zu tun ist. So, dass er nicht einmal mitbekommt, was passiert. Ich muss die Idee in seinen Kopf einpflanzen, und sie langsam wachsen und gedeihen lassen. 

Also?

„Wissen Sie…“, sage ich, und bringe mich selbst sogar dazu, einmal mit dem Daumen über seine Hand zu streichen, „Mein größter Traum war es, auf eigenem Fuß meinen Stammbaum zu erforschen. Ich wollte immer schon wissen, wie weit diese Kraft in meiner Familie zurückliegt. Ich bin genauso fasziniert davon wie Sie es sind.“

Er lächelt, er schluckt die Lüge ohne Zögern, ohne auch nur ein mal darauf herumzukauen. 

„Das wird faszinierend sein. Vielleicht findest du noch andere Verwandte, die Kräfteträger sind. Und bitte, bitte, sag ‚du’.“

Ich würde mich lieber umbringen, als bewusst nach anderen wie mir zu suchen. Ich werde beten, täglich, dass alle Kinder, die ich je bekommen werde, kräftelos sind. Ich bete täglich, dass Lekha’s Kind kräftelos ist. Damit ich, wenn ich hier rauskomme, nie wieder mit der SCP-Foundation zu tun haben muss. Damit keines meiner Kinder jemals das durchmachen muss, was ich gerade durchmache, dieses Gestreichle auf meinem Handrücken.

Der Timer brummt wieder, und Dr. Quinn sieht betrübt aus, unser sehr einseitiges Gespräch beenden zu müssen. 

„Ich werde weiter Untersuchungen anstellen. Ich kann kaum darauf warten, wieder mit dir zu sprechen.“

Ich stecke meinen Verlobungsring unter dem Tisch wieder an.

Folgend kommt die Schuld. Sie ist immer da, wenn ich mir auf die Zunge beiße, und spitze Worte schlucke. 

Hätte ich etwas gesagt. Hätte ich ihm ordentlich meine Meinung gegeigt. Hätte ich, hätte ich, hätte ich, aber so funktioniert es nicht. Hier funktioniert ein großes Maul nicht, hier muss ich schlau sein, weil ich keine andere Wahl habe. 

Die Schwerste Schuld ist wegen Isaac. Ich hoffe, er kann es mir verzeihen, dass ich meine Hand habe halten lassen. 

Er wird sich Sorgen machen.

Mama wird es bereits wissen, er wird es ihr erzählt haben. Vielleicht hat sie es Lekha gesagt. Ich würde nicht wollen, dass sie davon weiß, sie hat schon genug Sorgen. Aber dann wiederum wird sie sich fragen, wo ich hin verschwunden bin. 

Es tut mir Leid, Lekha, Mama, Isaac. 

Mama wird ihm beistand leisten. Ich kann sie schon fast hören, ihre strenge, aber mitfühlende Stimme- „Sie ist stark. Sie schafft das schon.“ Fest davon überzeugt, dass es die Wahrheit ist, denn mit einer anderen Wahrheit kann und will sie nicht leben. Die Hoffnung stirbt zuletzt, und ich folge ihr ins Grab.

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