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Brandherd – 4

Teil 4 - Inhaltswarnung: Sexueller Missbrauch

Inhibition. So hat es die Therapeutin genannt. Du hast zu viele Inhibitionen, zu viele Hemmungen. Sieh dir deine Schwester an. Dann hat sie auf Lekha gedeutet, die immer mit den Beinen gewackelt hat und nie wirklich zuhören musste. 

Die Wahrheit ist, dass es nie Hemmungen waren, sondern vorsichtig gespannte Lügen. Selbst bei ihr hat es funktioniert, und ich durfte nach einigen Monaten Übung endlich aus der Therapie, die mir nach der Schule immer eine Stunde Zeit geraubt hat. Ich habe nicht gern gelogen, ich lüge auch heute nur noch, wenn es nötig ist. Wenn ich eine Person gut genug kenne, kann ich mir Filter vorhalten, Masken, die für sie geschaffen sind, um das Netz aufrechtzuerhalten. Dinge herausfiltern, die sie wütend, oder abweisend, oder traurig machen würden. Was auch immer das Steak besser schmecken lässt. Was auch immer die Wasser ruhig haltet.

Dr. Ciaran Quinn ist in meiner Zelle, und er legt seine Hand auf mein Knie, und die Maske fällt, der Filter zerbricht, und ich zische, „Fass mich nicht an.“

Ich drücke seinen Arm weg und stoße ihn mit der anderen Hand nach hinten. Er sieht mich für einen Moment an – verletzt? Beleidigt?

Ich stehe auf. Er soll keine bequeme Fläche mehr haben, auf die er seine Hände legen kann. Leise hoffe ich, dass das vorsichtige Netz aus Lügen der Zuwendung nicht gerissen ist. 

“Ich habe einen Mann, der zu Hause auf mich wartet“, sage ich, um dem Ganzen einen Dämpfer zu geben. Ihm einen Vorwand vorzuschlagen, damit er glauben kann, ich würde ihn nicht persönlich hassen. Dass der einzige Grund, wieso ich seine Zudringlichkeit zurückweise, nicht er ist, sondern mein Mann. 

Lügen. Einwickeln. Den Strick stramm ziehen, und ihn vielleicht damit erdrosseln. Ich schaffe ein überzeugendes Lächeln, das beste, das ich seit Monaten geschafft habe, weil ich weiß, dass er mir diesmal genau ins Gesicht sehen wird. 

Dr. Ciaran Quinn schweigt.

Ich senke meinen Kopf. Ich höre ihn, bevor ich ihn spüre, seine Hände auf meinen Schultern. 

„Ich bin fasziniert von dir, und du bist fasziniert von mir. Ich kann dir alles geben, Größe, Macht… Freiheit… eine Ausrede, die du deinem – wie heißt er, Isaac, geben kannst…“, seine Hand wandert zu meiner Wange, und sein Daumen zieht sich über meine Unterlippe. „…Genuss.“

Seine Stimme wird zum Flüstern. „Lust.“

„Ich will meinen Mann nicht betrügen. Ich möchte nur nach Hause“, sage ich, und spüre, wie er dabei langsam meine Hand greift. 

“Es wird kein Zuhause für dich geben. Du wirst hier nie herauskommen.”

Ich sage nichts.

Das Netz ist gerissen. Dr. Quinn hat endlich mitbekommen, welche Position er einnimmt, welche Macht er über mich hat, und jetzt wird er sie gnadenlos ausnutzen. Ich war nicht vorsichtig genug. Alles, was jetzt kommt, ist meine eigene Schuld. 

Dr. Quinn lächelt und streicht zärtlich eine Haarsträhne aus meinem Gesicht. „Ich kann das ändern. Ich kann ein gutes Wort einlegen, dich hier herausbringen“, sagt er. „Wenn du mich lässt.“

Ich habe mich geirrt. Das Netz ist nicht gerissen. Das Netz ist zu dick. Er hat jede einzelne Lüge geschluckt. Meine Zuwendung, meine Ausreden. Und jetzt will er den Beweis, und wird alles dafür tun, dass ich mich nicht mehr herausreden kann. 

„Die Kameras sind aus, wenn du dir darüber Sorgen machst“, redet er weiter, unwissend, dass er mir nur genug Zeit zum Nachdenken gibt. „Dein Mann wird nichts davon erfahren. Wir haben einander, endlich …“, säuselt er.

Meine Gedanken rasen. Wenn er sich wirklich nicht anders dazu bringen lasst, ist das hier meine einzige und letzte Chance auf Freiheit. Aber ich will das nicht. Ich will es nicht, ich will, dass er aufhört, mich anzufassen, ich will ihn endlich aus diesem Raum, ich will nach Hause, ich will zu Isaac. 

Es geht nur durch Dr. Quinn. 

„Niemand muss davon wissen. Es wird unser Geheimnis bleiben. Nur du und ich.“

Der kalte Schauder, der mir den Rücken entlang meinen Armen hinabläuft, muss für ihn wie genießerische Gänsehaut aussehen. Ich könnte kotzen, als ich meinen Blick wieder hebe und ihn anlächle. 

Er zieht mich zu dem Bett, und ich erwarte beinahe, dass er mich nicht mehr loslässt. Ich warte darauf, dass er mich festhält, hinunterdrückt, gewalttätig auseinandernimmt. 

Stattdessen küsst er mich, und es ist tausendmal schlimmer. 

Ich muss so tun, überzeuge ich mich selbst, und bringe mich trotzdem nicht dazu, mich zu bewegen. Dr. Quinn scheint es nicht zu interessieren, denn er lächelt, als der Kuss endlich bricht. Bevor ich es genießen kann, presst er seine Lippen wieder auf meine, dann seine Zunge in meinen Mund. Ich lasse ihn. Ich hasse mich dafür.

Er drückt mich vorsichtig, beinahe andächtig, auf die Matratze hinunter. Ich spüre seine Fingerspitzen an meinem Innenarm, wie er entlangfährt und zu Handgelenk streicht, dann auf meine Handfläche. Seine Finger schließen sich um den Verlobungsring, und er zieht in langsam ab und lässt ihn auf den Boden fallen.

Ich spüre seine Hände kaum, während er mich auszieht. Es wäre mir lieber, ich würde kämpfen und verlieren. Ich will leiden, ich will ihn verletzen, ich will kämpfen, auch wenn es bedeutet, dass ich elendig verrecke. Denn ich hätte mich bis zum letzten, bitteren Moment gesträubt.

Ich wehre mich nicht, als ich nackt vor ihm liege und seinen Blick auf mir spüre. Ich wehre mich nicht, als ich seine Hände auf meinen Hüften spüre, die widerlich zärtlich über meine Haut wandern. Er stöhnt genießerisch und zieht sie über meine Seiten und meinen Bauch bis hoch zu meinen Brüsten. Ich schlucke, aber der Kloß in meinem Hals verschwindet nicht.

„Was willst du?“, fragt er.

Als wäre es nicht schon schlimm genug. Er zwingt mich zum Sprechen, dazu so zu tun, als würde ich es genießen.

„Ich weiß es nicht.“, flüstere ich. Weg will ich. Weit, weit weg, irgendwo wo Isaac mich wieder in den Arm nimmt, und wo ich mich bei Lekha entschuldigen kann, dass ich sie schon so lange nicht gesehen habe, wo ich eine Nichte oder einen Neffen habe und mich mit Mama über Tee unterhalten kann. Irgendwo, nur nicht hier. 

Einen Moment lang bin ich im Weit Weg, und dann legt Dr. Quinn seine Hand zwischen meine Oberschenkel, und ich werde ins Hier und Jetzt zurückgerissen. Ich spüre seine Finger, als er zu suchen beginnt, sie in mich hineindrückt, und muss Tränen zurückhalten. 

„So?“, fragt er. 

Ich nicke mit zusammengekniffenen Augen. Er legt wieder eine Hand an meine Wange. 

„Du bist ganz angespannt … Keine Sorge. Es gibt keinen Grund, nervös zu sein.“

Ich will schreien.

Ich sehe weg, während er sich auszieht, solange, bis er mich an den Hüften nimmt und näher zu sich zieht. Er hakt seine Hände unter meine Knie und hebt sie etwas an, dann spüre ich ihn. 

Jetzt könnte ich noch aufhören. Ihn anschreien. Ihn schlagen. Kratzen. Verbrennen. Das Schlimmste vermeiden. Ich tue nichts. Dr. Quinn drückt seine Hüften nach vorne, und sich selbst in mich hinein. Ich verliere den Kampf mit der Realität. 

Von einem Moment auf den anderen wird alles unwirklich. Ich bemerke Dr. Ciaran Quinn kaum noch. Der Glasblick ist gnädig und zieht mich für eine Weile in eine falsche Wirklichkeit, eine, wo ich nur auf den Verlobungsring starre, der auf dem Boden liegt und weggerollt ist, und von der Schändung des Körpers auf dem Bett nur das rhythmische, beschleunigenden Quietschen des Bettgestells mitbekomme.

Er kommt in mich. Das Quietschen und sein Stöhnen hört auf. Was auch immer mit dem Körper passiert ist, der auf dem Bett liegt, hat wahrscheinlich länger gedauert, als ich es mitbekommen habe. Zeit ist immer so schwammig.

„Wow, Priya …“

Dieser Name gehört mir nicht. Nicht aus dem Mund dieses Mannes. Nicht von seiner Zunge gesprochen. 

Seine Hand liegt wieder an der Wange des Körpers. Er dreht den Kopf zu sich. Er ist verschwitzt. Er lächelt. Sagt etwas, das als Kompliment gemeint ist. Es hört sich wie eine Beleidigung an. Er steht auf und legt seine Lippen an die Wange. Er geht in das angrenzende Bad und holt ein Glas Wasser, das er auf den Nachttisch stellt, zieht die Decke über den Körper, der in dem Bett liegt. Er zieht sich an. Er sagt etwas. Er verlässt den Raum. 

Es dauert sehr, sehr lange, bis der Glasblick mich loslässt, und ich wieder in die Wirklichkeit falle. Meine Innenschenkel sind klebrig.

Ich fange an, zu weinen. 

Ich presse mein Gesicht in die Kissen und weine, ich schreie bis ich heiser bin. Ich kralle meine Hände in die Matratze, bis sie aufreißt, ziehe die Knie an meine Brust, mache mich so klein wie möglich, als könnte ich dadurch verschwinden. 

Ich schluchze, bis ich zu erschöpft bin, um noch irgendetwas zu machen. Die Tränen fließen frei über meine Wangen und Schläfen. Irgendwann, zusammengekrümmt, zerbrochen, weggeworfen, verliere ich das Bewusstsein. 

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