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Brandherd – 5

Teil 5

„Priya Yashica Al-Shah?“

Ich zucke zusammen. Für einen Moment denke ich, dass Dr. Quinn es tatsächlich wagt, mich ein paar Tage nach seiner Schändung zu einem Interview zu holen. Dann lächelt die Doktorin schwach, und deutet mit ihrem Kopf den Flur hinunter. 

„Packen Sie Ihre Sachen. Sie werden entlassen.“

Drei Monate lang habe ich all das hier aushalten müssen. Drei Monate. Dafür, dass ich nichts getan habe.

Die Erleichterung, die sich in mir ausbreitet, ist so überwältigend, dass ich weine. Die Doktorin nickt und lächelt verständnisvoll. 

„Wir kümmern uns um die letzten Papiere. Wahrscheinlich ist es morgen soweit.“

So glücklich war ich nicht, seitdem ich hier hergebracht wurde. Nur noch ein paar Stunden, und ich kann Isaac endlich wiedersehen. Dann bin ich wieder frei. 

Ich habe kaum etwas mitgenommen, und muss nichts packen. Dann warte ich, schlaflos, besser die Nacht verbringend weil ich weiß, dass ich bald nach Hause komme.

Und dann kommt der Tag. 

Ich unterschreibe Dokumente, die mir vorgeben, was mit mir passieren wird. Dass ich meine Kräfte nicht verwenden darf, dass ich überwacht und überprüft werde… 

Es interessiert mich nicht. Ich suche nach dem Schlimmsten im Kleintext, finde mich damit ab, und unterschreibe. 

Irgendjemand Wichtiges entlässt mich. Ein Lächeln, ein Händeschütteln. Alles, was mir abgenommen wurde, wird mir wieder zurückgegeben. Ich bekomme seinen Namen nicht einmal mit.

„Viel Glück dort draußen“, sagt er, als würde er mich aus einem Gefängnis entlassen.

„Meinen Dank an Dr. Quinn. Ich nehme an ohne ihn würde ich nicht entlassen werden dürfen“, sage ich. Ich will, dass ihm bewusst ist, dass ich ihre korrupte, von Individuen kontrollierte Scheiße durchschaut habe. 

„Dr… Quinn? Er war doch bloß ihr Aufseher. Er hat mit ihrer Entlassung nichts zu tun.“

Es schnürt mir den Hals zu. Für einen unendlich langen Moment vergesse ich, wie man atmet. Ich schaffe es gerade noch so die Tränen, die sich in meinen Augen sammeln, wegzublinzeln.

„Schönen Tag“, presse ich heraus. Dann werde ich aus dem Gebäude geführt, während ich spüre, wie ich mich von meinem Körper löse. Ich sehe meinen Beinen beim Gehen zu. Ich bemerke, dass sich der Kopf bewegt, aus dem ich herausstarre. Dann treten die Füße auf Erde, auf karges Gras und Steine und eine Straße, und dann sitzt der Körper wieder in dem Kofferraum des Wagens, und das Brummen des Motors erfüllt die Abstände zwischen allen anderen Wahrnehmungen. 

Der Körper wird aus dem Wagen geführt. Jemand will ihm beim Aussteigen helfen, aber die Arme und Hände bewegen sich nicht. Mir ist schwindelig. Ich bin mir nicht sicher, wieso. Dann fährt der Wagen wieder weg, und ich starre auf das Haus, auf das sich der Kopf gerichtet hat- es sollte mir bekannt vorkommen, aber das tut es nicht. 

Die Tür öffnet sich, und jemand, den ich ebenfalls kennen sollte, rennt durch den Vorgarten zu mir. Er schließt die Arme um den Körper, der regungslos dasteht, starrt, eine kleine Tüte Habseligkeiten hält, und dann atme ich Isaac’s Eigengeruch ein, und ich verstehe endlich, wo ich bin und was passiert ist und wieso ich in genau dem Moment zu weinen beginne. 

Zuhause.

Ich kralle mich an Isaac. Ich halte ihn fest, und er hält mich, und wir fallen im Dreck auf die Knie und halten einander so lange, bis ich nichts außer ihn mehr kenne. Und dann ist endlich alles wieder gut. 

Vorheriges Kapitel: https://creepypasta-wiki.de/brandherd-4-creepypasta

Nächstes Kapitel: https://creepypasta-wiki.de/brandherd-6-creepypasta

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