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Brandherd – 6

Teil 6

Es sind beides Mädchen.

Lekha hat ein paar Tage nachdem mich die SCP endlich gehen hat lassen ein Mädchen zur Welt gebracht. Prisha. 

Vor zwei Tagen, vier Monate nachdem ich freigelassen wurde, hat ein Ultraschall bestätigt, dass ich die Mutter eines gesunden Mädchens bin. Im fünften Monat schwanger. 

Es braucht kein Genie, um nachzurechnen. Isaac weiß bereits seit langem, dass das Kind nicht seines sein kann. Nachdem ich mich erholt habe, eine Woche lang, in denen mich Isaac nicht ein einziges Mal nach Details gepresst hat, bin ich auf Knien vor ihm zusammengebrochen und habe ihm alles gebeichtet. Ich wollte, dass er mich abweist. Ich wollte, dass er mir nicht vergibt. Es hätte dem ganzen irgendeinen Sinn, irgendeine Bedeutung gegeben außer dem, was Quinn mir angetan hat.

Er hat mir vergeben. Mehr noch. Er hat mir gesagt, immer wieder, dass es nicht meine Schuld ist. Hat gesagt, ich bräuchte keine Vergebung.

Er hat mir gegeben, was ich stattdessen brauchte. Hilfe. Unterstützung. Eine Therapeutin, eine Schulter, um mich auszuweinen. Einen Schwangerschaftstest, dann Vitamine.

Als die Morgenübelkeit angefangen hat, hat er mir über der Toilette die Haare gehalten. Hat mir Schokolade und Käse und Silberzwiebel mit Kakaopulver gebracht, ohne mich auch nur ein einziges Mal so anzusehen, als hätte ich es nicht verdient.

Er hat mir alle Optionen angeboten, die ich hatte, obwohl ich mich von Anfang an dazu entschieden habe, dieses Kind auf die Welt zu bringen. Von den zwei roten Strichen an habe ich bereits gewusst, dass ich dem kleinen Mädchen so viel Liebe geben werde, wie ich Quinn Hass gegenüber empfinde.

Gleichzeitig habe ich mich für eine Hausgeburt entschieden, denn sollte dieses Kind Kräfte haben, und ich bete täglich, dass das so nicht ist, werde ich mich schlichtweg weigern, der SCP davon zu berichten.

Mama hat zwei Hausgeburten hinter sich, Lekha ist Krankenschwester. Es wird schon alles gut gehen. Was danach passiert… ich weiß es nicht.

Isaac redet davon, den Keller zu renovieren. Redet und denkt und nimmt mir all die Arbeit ab, die ich durch den Nebel in meinem Kopf einfach nicht machen kann. Er arbeitet, wenn ich manchmal reglos dasitze und durch eine Glasscheibe starre. Er hat geschwiegen, als wir unsere erste Therapiesitzung zusammen großteils damit verbracht haben zu warten, bis ich mit dem Weinen aufhöre und spreche.

Obwohl er schlecht mit Worten umgehen kann, redet er meinetwegen mit der Therapeutin. Er redet, weil er denkt, es würde mir helfen, und Gott, es hilft mir. 

Und er hält mich.

Ständig, immer sind seine Arme um mich gelegt, oder er hat meine Hand in seiner, er hält mich fest, damit ich nicht ausrutsche und von der Welt verschluckt werde. Wenn ich Heulkrämpfe habe, wenn ich schreie, wenn ich an schreckliche Dinge denke und sie ihm erzähle, weil sie mich von innen auffressen würden, wenn ich auf meine Therapiesitzung warten würde- er hält mich. 

Die Welt würde ohne ihn miserabel und unerträglich sein. Ich würde es nicht aushalten. Keinen Tag lang. Aber weil er da ist, darf ich daliegen, meine wachsende Babykugel anschauen, auf die er schützend seine Hand gelegt hat, und einfach nur atmen. Warten. Leben.

Weil er da ist, legt er meinen Kopf gegen seine Brust, und streicht mir sanft durch die Haare. Weil er da ist, hat er mir heute schon vier Mal eine Massage angeboten, mich drei Mal gefragt, ob es mir und dem Baby gut geht, mir neun Mal Snacks gebracht, nach denen ich nicht gefragt habe, und scrollt schon zum zweiten Mal durch eine Baby-Namen-Website. 

Wir lassen den Tag in Stille eingelegt vorbeistreifen. Dann hebt und spreizt er die Finger seiner Hand, die auf meinem Bauch liegt, und ich verschränke unsere Finger ineinander.
„Priya?“, fragt er leise.
„Hm?“, antworte ich. 

Er braucht ein bisschen, bis er die richtigen Worte gefunden hat. So ist er. So war er schon immer. Will immer etwas sagen, und weiß nie wirklich, was, weiß nie wirklich, wie.

„Egal was passiert ist, oder was passieren wird…“, sagt er mit tränenbedeckter Stimme und schluckt schwer, „…ich werde dieses Baby immer als mein eigenes sehen. Immer. Ich werde für sie der Vater sein, den sie verdient. Sie…“ 

Er schnieft, atmet durch. Lasst sich Zeit. 

„Ich kann es kaum erwarten, mit dir unsere Tochter großzuziehen.“

Tränen verschleiern meine Sicht, dann quält sich ein Schluchzen aus meiner Kehle, und ich ziehe Isaac so nah an mich wie ich kann.

Wenn du wüsstest, wie viel du mir bedeutest, will ich schreien, Ohne dich wäre mein Leben nicht lebenswert. Danke, und es tut mir Leid, und ich will dich nie verlieren, und bitte, bitte, lass mich nie wieder alleine, aber geh wenn du willst, aber bitte bleib. 

Es kommt heraus als „Ich liebe dich.“

Und natürlich sagt er es zurück, mit einem Schniefen und Tränen in den Augen und in seiner Stimme, „Ich liebe dich auch.“

Wir verharren für eine Weile genau so. Wir stützen einander und sind da für einander. Und als wir beide damit fertig sind, zu weinen, nehme ich seine Hand. 

„Ich will, dass du ihr einen Namen gibst.“, sage ich. Die Therapeutin hat es vorgeschlagen, hat lange davon geredet, dass es ein Symbol wäre, dieses Kind teilweise zu „seinem“ zu machen. Anfangs klang es absurd, aber… er hat so lange recherchiert, so viele Namen angesehen, Listen erstellt…

„Surya.“, flüstert er. Ich lächle, und lege meine und seine Hand stattdessen flach auf meinen Bauch. 

„Hallo, Surya.“, flüstere ich, und wir spüren es gleichzeitig- ein kleiner Tritt.
„Ich glaube, sie mag den Namen auch.“

Vielleicht ist nicht alles perfekt. Vielleicht ist auch nicht alles gut, vielleicht ist sehr, sehr wenig gut. Aber es gibt kein „alles“ in der Wirklichkeit. Also kann auch nicht alles schlecht sein. Und für diese Momente- diese kleinen, wunderschönen Momente- dafür lebe ich. Das ist es, was mein Leben lebenswert macht.

Das Kleine. 

Surya tritt.

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