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Brandherd – 1

Teil 1

„Bitte, tun Sie ihr nicht weh-“

„Treten Sie zurück und gehen Sie zurück ins Haus, Sir.“

Richtet die Waffen woanders hin. Oh Gott, zielt bitte nicht auch noch auf ihn. 

„Bitte!“

„Isaac, geh rein.“

„Priya-“

Ist mein Kopf nicht genug? Möchtet ihr seinen auch noch an eure Wand hängen?

„Ins Haus, Sir!“

Der Zug an den Handschellen wird stärker. Diese Beamten sind alle zu stark bewaffnet. Wieso hört er nicht einfach auf sie? Er weiß, wieso sie hier sind, wieso ich in den Laderaum eines Wagen geschoben werde, in dem noch ein bewaffneter Soldat auf mich wartet. 

„Pass auf dich auf!“

Ich sehe Isaac noch ein letztes Mal an, bevor die Tür vor meiner Nase zuknallt, und der Motor sofort gestartet wird.

„Machen Sie keine Probleme, und wir werden es auch nicht tun.“

Ich nicke nur stumm und presse die Lippen aufeinander, um die Tränen zurückzuhalten. Wie hat es Papa, möge er in Frieden ruhen, immer gesagt?
Die fressen dich bei lebendigem Leib. Kinn hoch, behalt dir deine Würde. Und wehe, du weinst.

Zurückblickend hätte ich vielleicht doch in einen Therapeuten investieren sollen…

Wir beschleunigen, aber sonst weiß ich nichts von unserer Route. Irgendwann setze ich mich, und dann bin ich Gedanklich ganz woanders, bei Isaac und im Garten und bei Mama und dann bei Papa, und dann bei dieser netten Kindertherapeutin, bei der ich mit Lekha war, als wir noch jung waren- ich habe Lekha schon lang nicht mehr besucht. Sie ist schwanger, im sechsten Monat, hat mir Mama erzählt. Wenn es ein Junge wird, nennt sie ihn Idestan. Wenn es ein Mädchen ist, nennt sie sie Prisha. Sie hat noch gewitzelt, dass sie uns verwechseln wird… Nichte Prisha und Tantchen Priya. Dass ich Tante werde, bevor ich Mutter bin…

„Aussteigen.“

Ich zucke zusammen. Wieso müssen diese Wachen immer auf mich zielen? Ich tue doch nichts. 

„Hören Sie, ich will nichts tun. Ich will keinen Ärger machen. Könnten Sie bitte woanders hinzielen?“

Die Wache schubst mich, zielt weiter auf mich. 

„Wenn Sie keinen Ärger machen, drücken wir nicht ab. Weitergehen.“

Das Gelände draußen ist karg, kalt, und steinig. Auf einem schier endlosen Feld steht ein Gebäude, das ein unkenntliches Auge als Fabrik beurteilen würde. Aber ich kenne die Funktion des Betonklotzes. Dort drin sind Monster. Monster wie ich.

Es gibt keinen Weg, der zum Eingang führt, nur einen Pfad aus gestampfter Erde. Drin überwältigen mich Reihen und Reihen von identischen Korridoren, Türen, und hin und wieder Doktoren, die mich nicht eines Blickes würdigen. Von außen ein Beispiel typischer brutalistischer Architektur, von innen die innenarchitektonische Äquivalente. Keine Dekoration, keine Details. Alles dient der Effizienz. Der Verhörraum, der das Ende des Weges darstellt, übertrifft den Rest des Gebäudes in diesen Faktoren überraschenderweise. Wände, Boden und Decke in Grau. Ein Tisch, zwei Stühle. Eine Kamera in der Ecke, deren blinkendes Licht mir wortlos versichert, dass ich beobachtet werde. 

Ich setze mich auf einen der Stühle, und es bleibt mir nichts anderes übrig, außer zu warten. Die Handschellen sitzen zu eng, und der Schmerz ist das Einzige, was mich im Hier und Jetzt behält. Sonst erlauben es sich meine Gedanken, wieder zu wandern, zurück zu Isaac, zurück nach Hause. Was wird er gerade tun? Wahrscheinlich wird er ziellos herumgegangen sein. Es gibt keine Hilfe für mich, das weiß er. Es hat einige Diskussionen gebraucht, bis er verstanden hat, wer die SCP sind, und welche Macht sie über die Welt haben, aber ich habe es doch geschafft. Ich habe ihm alle Hoffnung geraubt. Was bin ich nicht für eine gute Verlobte.

Verzweifelt an unserem Wohnzimmertisch sitzen wird er. Vielleicht weint er. Vielleicht will er stark bleiben. Vielleicht hat er Mama angerufen. Wahrscheinlich noch nicht. 

„Priya Yashica Al-Shah?“

Ich bemerke die Forscherin erst als sie mir gegenüber sitzt. „Ja.“, antworte ich ihr, und hasse, wie brüchig meine Stimme klingt.

„Ich werde Ihnen jetzt ihre Rechte vorlesen. Haben Sie das verstanden?“

„Ja.“, sage ich, diesmal fest. 

Sie klingt gelangweilt, während sie vorliest. Es scheint so, als kenne sie den Text auswendig, und würde nur zur Show so tun, als müsste sie lesen.

„Sie haben das Recht zu schweigen. Sie haben das Recht jederzeit aufzuhören, mit mir zu sprechen und aufzuhören, meine Fragen zu beantworten. Sollten Sie im Zuge dieses Verhörs vorsätzlich lügen, wird dies als Missachtung des Gerichts beurteilt und kann zur Strafe führen. Alles, was Sie sagen, wird aufgezeichnet. Sie haben aufgrund des Umstandes dieser Festnahme kein Recht auf einen Verteidiger. Verstehen Sie diese Rechte?“

Ich nicke, und wiederhole noch einmal, „Ja.“

Sie legt die Papiere weg, die sie mit der jetzigen Uhrzeit und dem heutigen Datum versehen hat, und sieht zu mir hoch. Sie dreht den Kugelschreiber zwischen Mittel- und Ringfinger hin- und her. Derselbe nonchalante Gesichtsausdruck verharrt auf ihrem Gesicht.

„Wollen Sie angesichts dieser Rechte mit mir sprechen?“

Ich presse die Lippen zusammen. Ich will nicht mit ihr sprechen, ich will hier raus und zurück zu Isaac. Aber um hier herauszukommen werde ich wohl kooperieren müssen. Also nicke ich. 

„Welche Kräfte haben Sie?“, fragt sie, und nimmt eines der Papiere. Einiges ist bereits in Druck ausgefüllt. 

Objekt-Nr.: SCP-20174

Klassifizierung: Euclid

Die Zeile mit „Sicherheitsmaßnahmen“ ist leer.

Beschreibung: SCP-20175 ist eine 29 Jahre alte, 179cm große, braunhäutige Frau indischer Abstammung mit dunkelbraunen Haaren. Das Gewicht von SCP-20175 beträgt 68 Kilogramm.

„Ich… kann Feuer kontrollieren.“

Sie nickt, und notiert sich alles, was ich sage, auf ihren Papieren.
„Feuer und Rauch. Ich kann es auch erschaffen, die Temperatur kontrollieren, es ausgehen lassen- was schwer ist…“

„Gut, gut. Weiß jemand außer Ihnen und der Foundation von Ihren Kräften?“

Isaac. Natürlich weiß er es, ich heize seit drei Jahren unseren Grill damit an, und halte unsere Gasrechnung damit bezahlbar. Und Mama und Papa natürlich, die beiden haben dieselben Kräfte.
„Nein.“

Sie nickt wieder. 

„Sollte die Foundation herausfinden, dass jemand von Ihren Kräften weiß, und sie uns nicht darüber informiert haben, behalten wir uns das Recht, besagte Person abzuführen, wenn es sein muss gewaltsam, und ihr Amnestika zu verabreichen. Haben Sie das verstanden?“

Ich schlucke schwer, und nicke.

„Weiß außer Ihnen und der Foundation noch immer niemand von Ihren Kräften?“, fragt sie eindringlich, und sieht zum ersten Mal seitdem sie den Raum betreten hat von ihren Papieren hoch. Sie macht Augenkontakt.

Isaac, ich hoffe das ist die richtige Entscheidung. 

„Nein.“

Bullshit, sagt ihr Gesichtsausdruck. Fick dich, sagt meiner. „Gut.“, sagt sie.

„Gab es einen Vorfall mit Ihren Kräften, der die Aufmerksamkeit von offiziellen oder inoffiziellen Medien erregt hat, und wenn ja, wurden Reportagen erstellt, falls ja, wie viele und welche?“

Mama und Papa hätten mich erschlagen, wenn so etwas passiert wäre. Ich brauche keine SCP Foundation, um mich in Schach zu halten. Meine Eltern reichen.

„Nein. Keine Vorfälle.“

Sie beschließt sich kurzerhand, dass ich ihre Aufmerksam nicht mehr wert bin. Stattdessen wendet sie sich ihrer Papierarbeit zu. Müßig rolle ich die Frage, ob sie den Scheiß nicht in ihrem Büro machen kann, anstatt mich hier festzuhalten, auf meiner Zungenspitze herum. Je länger sie mich warten lässt desto bitterer schmeckt sie, bis ich schlussendlich in die gefährlich verlockende Versuchung komme, sie ihr ins Gesicht zu spucken.

Meine Handgelenke bluten von den Schellen. Schreib Steno oder schreib, wenn ich endlich in meiner Zelle sitzen darf.

Genau so spontan wie sie sich entschieden hat, mich zu ignorieren, entscheidet sie sich dafür, ihre Aufmerksamkeit wieder auf mich zu richten. Würde ich es nicht besser wissen würde mein Gesicht ihr wahrscheinlich verraten, wie sauer und instabil mir ein zynischer Kommentar im Mund liegt. 

„Wir werden Ihre Aussagen überprüfen.“, sagt sie ausdruckslos, „Sind Sie bereit, Tests zu durchlaufen, die Ihre Kräfte betreffen, einschließlich derer, die zu einem geringen Grad ein Risiko darstellen? Diese Tests dienen zur Erforschung, Einstufung und Eindämmung Ihrer Kräfte.“

Meine Finger jucken, an einem losen Faden an meinem Ärmel zu zupfen, aber ich halte mich davon ab und lege meine Hände stattdessen auf meine Knie. Ich nutze die Gelegenheit um meine schweißnassen Handflächen an meiner Hose abzuwischen.

„Bedeutet das, dass ich entlassen werde, sobald diese Tests vollendet sind?“

Sie sieht mich unbeeindruckt an, „Das werden wir während der Tests feststellen. Sollten Sie sich weigern, werden grundlegende Tests trotzdem durchgeführt, und Entlassung ist keine Option mehr.“

„Ich willige ein.“

„Danke. Das wäre alles.“

Nächstes Kapitel: https://creepypasta-wiki.de/brandherd-2-creepypasta

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