CreepypastaEigenartigesRituale

Chanting in the Woods (Übersetzung)

Ich schlafe nicht mehr mit offenem Fenster. Ganz egal, wie heiß es ist, dieser Bastard ist mir auf den Fersen. So ist es seit langer Zeit. Schon als ich noch ein kleiner Junge war. Besonders in der Sommerzeit kommt das nicht gut bei den Damen an. Für gewöhnlich empfehlen mir die Leute eine Klimaanlage und ich gehe für gewöhnlich denke ich darüber nach, für den Fall, dass ich Gesellschaft habe. Aber wenn sie drin wäre, schliefe ich trotzdem nicht gut, weil ich immer daran denken müsste, wie einfach es für jeden wäre, diese zu umgehen.

Neben der Erleichterung von der warmen, stickigen Luftfeuchtigkeit, bringt eine Klimaanlage einen weiteren Vorteil mit sich. Und zwar das beständige Summen, das die Stille durchbricht. Ich mag die Stille nicht, weißt du? Es gab eine Zeit, da brachte sie mich in einen Zen-artiges Level von Frieden und Ruhe, aber jetzt finde sie bedrängend und gefährlich. Die Stille kommt aber niemals allein. Von Zeit zu Zeit kann ich immer noch die Gesänge aus meiner Jugend hören. Ich kann sie alle hören, wortlos, und das noch immer mit einer außerordentlichen Synchronizität und Harmonie zueinander. Die vereinigten Echos ihrer Stimmen, die aus dem Wald heraus hallen, wie eine sanfte, aber dennoch bedrohlichen Brise, die zu einem gewaltigen Hagelsturm heranwachsen. Rhythmisch, doch gleichermaßen sinnlos. Es hörte nie auf, obwohl sie alle weitergezogen oder gestorben sind. Das weiß ich das sehr gut.

Als ich um die 9 Jahre alt war, lebten mein Dad und ich zur Miete in diesem 2-Familien-Haus, in einer Kleinstadt, namens Bridgewater, in Massachusetts. Wir lebten im Erdgeschoss, die Wohnung über uns war unbewohnt. Die früheren Mieter waren kurz zuvor ausgezogen. Es war eine sehr ruhige Nachbarschaft, sehr vorortlich mit vielen Wäldern. Hinter unserem Haus war ein Hinterhof, der direkt in einen großen Wald hineinführte, der sich über einige Meilen hinwegzog. Ich spielte dort.

Mein Dad ließ sich kürzlich scheiden, deswegen lebten nur wir dort. Dad, ich und unser Hund Cash, den wir nach dem Country-Sänger benannten. Er war ein alter schottischer Terrier. Du kennst sie, diese Knöchelbeißer mit den hässlichen, bärtigen Gesichtern Sie kauften ihn, als er noch ein Welpe war und ich noch in den Windeln lag. Er war mein lebenslanger Freund. Er mag sowas wie ein Idiot gewesen sein, aber zu dieser Zeit war er alles, was ich hatte. Ich weinte und weinte, als Mom versuchte ihn uns im Zuge der Scheidung wegzunehmen. Zum Glück wurde er aber in die Obhut meines Vaters übergeben.

Cash und ich verbrachten viel Zeit damit im Wald zu spielen. Wenn du klein bist, ist deine Fantasie eine kraftvolle Sache und die Wälder hatten fast schon eine magische Qualität, was die Ergänzung meiner Vorstellungen anbelangte. Ich spielte Soldat, baute Forts, kletterte auf Bäume…und eines Tages entfernten Cash und ich uns so weit, dass ich mich verlief. Das Tageslicht schwand schneller, als ich dachte, da wir schon Oktober hatten, und ich bekam Panik und hatte Angst, hier draußen, in der Dunkelheit gefangen zu sein. Es geschah, als wir umherstreiften und hektisch nach Grenzsteinen oder irgendetwas Bekanntem suchten, als ich sie dann sah. Die Lichtung mit dem großen Felsbrocken in der Mitte.

Es war genaugenommen nicht unüblich, Graffiti und Zeichen von Vandalismus in den Wäldern zu sehen. Ein öffentlich zugänglicher Wald ist bekannt für seine Bäume, in die Nachrichten eingeschnitzt waren, Namen, Hakenkreuze, Brad und Jen 4ever, umrahmt von einem Herzen. Solche Sachen eben. Nicht zu schweigen von den Pseudo-Gangnamen, die auf Felsen gemalt wurden. Das ist der Eindruck, den ich von diesem Ort hatte. Ein Platz, an dem älter Kids herumhängen. Aber irgendetwas stimmte nicht. Ich war 9 und mein Verstand war nicht wirklich in der Lage, die Assoziation der Symbole und anderer Dinge zu begreifen. Dennoch war irgendetwas seltsam an diesen Zeichen. Ich hatte so etwas zuvor nie gesehen. Auf den Bäumen rundherum waren primitive Bilder von etwas, das wie ein Mensch-Ziegen-Mischwesen aussah. Wie ein Strichmännchen mit unnötig detaillierten Ziegenkopf dort, wo man normalerweise ein normales Gesicht eines Strichmännchens erwartet.

Diese Bilder waren immer und immer wieder an die Bäume gemalt, die die Lichtung umsäumten. Es wirkte schon obsessiv. Dazu kommt, dass sie nicht nur in der gewöhnlichen Reichweite eines Menschen lagen. Einfach überall, als hätte, wer auch immer die Bilder dort hinein geschnitzt hat, eine Leiter benutzt. Der Felsbrocken selbst hatte überall rote Markierungen, Buchstaben, die ich nie zuvor gesehen hatte. Darunter war aber noch eine Nachricht, die mit schwarzer Sprühfarbe darauf gesprüht wurde. „Siehe die Weisheit des Gehörnten“ las ich und darunter waren 5 Linien aufgemalt. Sie hatten alle dieselbe Höhe, bis auf die beiden Äußeren, die doppelt so hoch waren und sich spiralförmig nach oben erstreckten. Was mich aber wirklich ängstigte, an diesem Ort, waren die Puppen. Sie hingen von den Ästen rund um die Lichtung herab. Sie schienen aus Reisig geflochten zu sein und sahen schlecht aus. Als ich genauer hinsah, realisierte ich, was genau mich an ihnen beunruhigte. Während die Reisig-Puppen der beschissenen Kunst von Studenten zugrunde lagen, waren die Köpfe trockene und saubere Schädel von Tieren.

Ich weiß nicht, von welchen Tieren sie stammten, aber sie wurden weiß gebleicht, getrocknet und gesäubert. Und ihre leeren Augenhöhlen…ich kann sie nicht nachvollziehbar beschreiben, ohne dabei verrückt zu klingen, aber sie schienen irgendwie empfindsam, wachsam und flehend. Ich konnte ihren Blick auf mir spüren, auch wenn sie keine Augen mehr hätten. Ich spürte Angst, nicht meine eigene, wohlgemerkt, aber eine Art emotionale Aura, die absolut keinen Sinn machte. Warst du jemals auf einer Party von Minderjährigen, in die die Polizei rein stürzt? Diese Angst meine ich. Die Angst, die dich überkommt, wenn Ärger in der Luft liegt.

Ich kann nicht erklären, warum ich es tat, aber ich langte nach oben und berührte eine von ihnen. Vielleicht war es die wissbegierige Natur eines Kindes, die mich dazu nötigte, vielleicht auch Faszination oder einfach das intensive Verlangen, meine Angst zu überwinden und mich davon zu überzeugen, dass es einfach nur Puppen waren und keine wachsamen Geister, für die ich sie schließlich hielt. Als ich sie aber berührte, fiel der Schädel ab und die Puppe löste sich in ihre Bestandteile auf. Nur ein Stück von ihr blieb an dem ungegerbten Lederseil, an der sie hing. Der Schädel zerschellte, als er auf dem Boden auftraf. Als das passierte, kam ein Gefühl der Gewissheit in mir auf. Aber so naiv, wie ein 9-Jähriger auch sein kam, kam eine weitere Gewissheit in mir auf, an diesem Tag. Ich gehörte nicht hier her.

Cash begann sofort zu bellen, als die Puppe herunterfiel und erschreckte mich so, dass mir ein Schrei entfuhr. Ich sah in den Himmel und dessen glühendes Rot, dass nicht weit entfernt war. Die Sonne ging unter und ich musste hier raus. Cash starrte mich mit seinen geweiteten schwarzen Augen an und wedelte dabei heftig mit dem Schwanz. Er bellte, beharrend. Dann knurrte er etwas an. Vielleicht die Luft, vielleicht Geister. Als ich mich ihm näherte, drehte er sich um und rannte. Cash war mein einziger Verbündeter, an diesem unnatürlichen Ort und ich wollte verdammt sein, wenn ich mich von ihm verraten ließe, also jagte ich ihm hinterher. Ich rannte um mein Leben.

Das Letzte, dass ich sah, bevor ich Cash hinterherrannte, war etwas, das mich ziemlich durcheinanderbrachte. Alle Puppen, die dort hingen, als ich ankam, schwangen hin und her. Einige trudelten nur faul in der wehenden Brise. Und noch in dem Moment, als ich Cash hinterherrannte, sah ich, dass sie mich alle komplett statisch anstarrten, die Gesichter direkt zu mir gewandt. Dies brachte mich noch mehr aus der Fassung, als die Angst davor allein zu sein.

Ich ließ Cash nicht aus den Augen. Er führte mich direkt Nachhause. Ich habe meinen Hund noch nie so sehr geliebt, wie in dem Moment, in dem mir klar wurde, was er für mich getan hat. Hunde verirren sich nie. Sie kennen immer die richtige Richtung.

Bevor ich ins Bett ging, erzählte ich meinem Dad, was ich gesehen hatte. Er lachte es aber nur weg und sagte, es sei nur Teenager-Blödsinn gewesen und ich solle nicht weiter darüber nachdenken. Ich fand es beruhigend und willigte schon ein, es zu vergessen. Ich schlief sogar ohne Probleme ein.

In dieser Nacht hörte ich es zu ersten Mal. Das Geräusch, das mich bis zum heutigen Tag verfolgt. Ich wachte auf und konnte es durch das Fenster kommen hören und ich setzte mich auf, um genauer hinzuhören. Da erkannte ich, dass es Gesang war. Stimmen, vielleicht Dutzende, die aus den Wäldern kamen. Ich konnte sie laut und rhythmisch hören. Ich wusste nicht, was sie sagen, aber denke, es ist etwas zeremonielles, wie eine Hymne, die man Leute in Kirchen singen hört, mit dem Unterschied, dass sich das düsterer und drohender anfühlte.

Ich dachte sofort an die Lichtung und den Felsbrocken. Die Puppen. Die Angst. Ich spürte es in meinen Knochen, dass die Gesänge von dort kamen. Was mir aber am meisten Angst machte war, dass es nicht einmal weit weg war. Die Gesänge zogen sich über Stunden hin und ich lag nur da, in meinem Bett, mit geweiteten Augen und in Angst lauschend. Ich betete, dass es aufhört. Aber das tat es nicht. Es ging bis 4 Uhr morgens, als die frühen Vögel begannen zu singen.

Von da an spielte ich nicht mehr in den Wäldern. Mein Dad bemerkte das sofort und fragte mich, ob alles in Ordnung wäre. Ich erzählte ihn von den Gesängen, aber zuckte mit den Schultern und sagte, dass es vermutlich nur Teenager waren, die eine Party feierten und Bier tranken. Da fragte ich ihn, warum sie Bier tranken und 5 Stunden lang immer wieder dasselbe singen. Er antwortet aber nur, dass das kein Gesang war. Ich hätte es mir nur eingebildet und sollte von nun an die Fenster schließen. Ich sollte einfach nicht hinhören, aber ich hörte nicht. Die Neugier hatte überhandgenommen.

In der folgenden Nacht begann das Singen wieder um genau 11 Uhr und es schien lauter als zuvor. Ich konnte nicht schlafen, während ich es hörte, aber ich konnte mich dazu überwinden, das Fenster zu schließen. Ich weiß nicht, warum ich so dachte. Vermutlich, weil ich ein Kind war. Aber dummerweise dachte ich, wenn ich das Fenster schließe würde ich sie nicht kommen hören, falls sie sich dazu entschließen, in unser Haus einzubrechen. Dem Gedanken mangelte an Logik, ich wusste, dass sie trotzdem singen würden, wenn sie den Wald verließen und über den Hof kamen, und dass sie nicht nett und leise sein würden, aber so dachte ich, als Kind. Das ist es, weshalb ich das Fenster nicht schließen konnte. Weil ich wissen musste, wenn sie kommen.

So ging das viele Tage. Jede Nacht, punktgenau von elf bis 4. Manchmal konnte ich im Wald, weit, weit draußen, ein schwaches Glühen sehen, wie der Schein eines Feuers. Aber es war so schwach, dass ich nicht sicher war, ob es wirklich da war oder ich es als Streich meiner Augen abtun sollte. Manchmal schaffte ich es aus der Erschöpfung heraus einzuschlafen, jedoch nur um einige Stunden später wieder aufzuwachen und sie immer noch zu hören. Ich fragte meinen Dad nach der zweiten Nacht, ob Cash mit in meinem Zimmer schlafen dürfe und er sagte, es wäre okay. Es fühlte sich besser an, wenn der Hund mir Gesellschaft leistete, während ich die Stimmen hörte. Und noch besser: Wenn ich sie kommen hörte, würde er es auch und würde, wie ein Hund das so macht, beginnen, sie aus dem Fenster heraus anzubellen. Ich erwartete gut zu schlafen und fühlte mich dumm, weil ich nicht schon früher auf die Idee kam. Gegen 8 Uhr schlief ich dann ein, mit Cash am Fuß meines Bettes.

Um Viertal nach 11 wachte ich wegen Cash´s Bellen auf. Auf seinen Hinterbeinen stehend, spastisch mit dem Schwanz wedelnd und mit aufgestellten Ohren, bellte, knurrte und heulte er aus dem Fenster. Ich stand sofort auf und blickte aus dem Fenster, in Richtung des Waldes. Nichts, rein gar nichts. Cash sah mich aufgebracht an und knurrte, dann blickte er wieder aus dem Fenster und bellte weiter, während die Gesänge weiter gingen, wie in den vorigen Nächten. Ich erinnere mich, dass ich mich unwohl fühlte, weil Cash den Gesängen entgegenkläffte und dass er gefahrlaufen würde, ihre Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, also versuchte ich ihn zu beruhigen.

Das war der Moment, in dem mein Dad rein kam. Er stapfte benommen zum Hund herüber, nahm ihn und ging dann aus dem Zimmer, während er murmelte, dass er doch endlich das Maul halten sollte. Ich rief ihm nach, aber er war so verschlafen, dass er völlig taub war. Ich schrie ihn an „Dad, der Wald!“ und diesmal bekam ich seine Aufmerksamkeit. Er drehte sich um, lief zu mir rüber und sah aus dem Fenster.

Das schon wieder?“, murmelte er. „Schau, Junge, das ist nur eine Einbildung.“

Nein, hör zu. Deshalb spielt Cash so verrückt, da sind Leute im Wald, die singen! Hör doch hin!“

Er blickte aufmerksam aus dem Fenster, während Cash in seinen Armen knurrte. Und auch ich lauschte, aber da war nichts. Nicht ein Geräusch. Totenstille. Ich konnte es nicht glauben. Sollte das wirklich ein Zufall sein?

Mein Dad sagte mir dann, ich solle mich schlafen gehen und verließ mein Zimmer, wobei er Beleidigungen gegenüber Cash vor sich hin murmelte.

Die Stille ließ mich noch mehr erschaudern, als es die Gesänge es konnten. Immerhin schienen sie eine gewisse Distanz zu halten, solange sie ihre boshafte Hymne sangen, aber jetzt wusste ich nur, dass sie da draußen waren. Ich wusste nur nicht wo. Ich hatte auch keinen Anhaltspunkt oder irgendetwas in der Art. Was noch schlimmer gewesen ist und was mein Entsetzen nur noch anfachte war, dass keine der üblichen nächtlichen Geräusche aus dem Wald zu hören waren. Keine Grillen. Der Abend brachte sie gewöhnlich in Scharen hervor, um diese Jahreszeit und sogar wenn ich die Gesänge hörte, war daneben immer noch ihr Zirpen zu hören. Aber jetzt war es stiller, als eine schaudererregende Winternacht. Pure Stille. Wie lange hatte ich aus dem Fenster, zu den Wäldern herübergestarrt, ich wusste es nicht. Aber als ich am nächsten Morgen aufwachte, saß ich immer noch im Stuhl, direkt neben dem Fenster.

Während des Frühstücks an diesem Morgen, beharrte ich darauf, dass dort draußen Gesänge zu hören waren, aber mein Dad wollte mir nicht zuhören, was er mir auch sagte, als er sein Essen niederlegte. Er sagte, ich müsse erwachsen werden, Verantwortung übernehmen und nicht ständig verängstigt sein. Du weißt schon, das übliche harter Kerl-Gerede eines Vaters. Dabei hatte ich ihm noch nicht einmal von den Grillen erzählt, weil ich wusste, dass er auch dafür eine Erklärung finden würde. Also blieb ich stumm und aß mein Frühstück.

Später an diesem Tag wartete ich, dass meine Mom mich von unserer Einfahrt abholte und zum Haus meiner Grandma brachte, wo sie vorübergehend wohnte. Es war Freitag und meine Mom hatte mich immer an Wochenenden. Als ich wartete, näherte sich ein großer, schwarzer Pickup-Truck langsam unserem Haus. Er kam genau vor mir zum Stehen. Darinnen saßen 2 ältere Männer, etwa in Dad´s Alter. Ich dachte, dass sie vielleicht Freunde von ihm wären, aber diesen Gedanken verwarf ich schnell wieder. Der Fahrer kurbelte sein Fenster herunter. Er hatte eine Glatze und sah mich durch seine unnatürlich schmale Sonnenbrille hindurch an.

Eine dünne Zigarette oder einen Zigarillo rauchte, ich kann mich noch an den strengen Geruch erinnern. Er sah mich an, als würde er mich abschätzen, mich untersuchen, bis er schließlich lächelte, seinem Freund auf die Schulter klopfte und mir wies, zu ihm zu kommen. Auch er hatte eine Glatze und trug dieselbe Sonnenbrille. Sie sprachen kurz miteinander und der Fahrer wandte sich mir mit einem schrecklichen Grinsen wieder zu. Dann fuhren sie weg und winkten mir dabei langsam zu. Sie kamen noch 3 Mal an mir vorbei, bevor meine Mom mich abholte. Ich verschwendete keinen weiteren Gedanken mehr an die beiden und beruhigte mich damit, dass ich die nächsten Nächte sowieso woanders schlafen würde.

Das Wochenende verlief ohne Auffälligkeiten und das Übernachten in Grandma´s Haus war eine ziemliche Erleichterung für mich. Als ich ihr und Mom von den Stimmen erzählte, sahen sie einander an und sagte, ich solle Dad davon erzählen. Frustriert beteuerte, dass ich das tat, aber es war zwecklos, da auch sie behauptete, es wäre nur meine Einbildung gewesen, derselbe Mist, wie von Dad. Nicht ein Mal, während dieses Wochenendes, gingen mir die beiden Männer und die Gesänge aus dem Kopf und bald musste ich zurückkehren.

Sonntagnacht stand bevor und ich wurde wieder bei Dad´s Haus abgesetzt, wo ich den ganzen Tag damit verbrachte, mich vor dem unvermeidlichen Anbruch der Nacht zu fürchten. Aber auch vor der Antwort auf die Frage, ob ich die Gesänge aus dem Wald und den Einklang der Stimmen der seltsamen Leute, wieder hören würde. Ich flehte meinen Dad an, Cash in der Nacht wieder mit in mein Zimmer nehmen zu dürfen, aber er sagte nein und ließ mich mit dem, was als Nächstes passieren würde, allein. Die Nacht brach an und ich saß in meinem Stuhl neben dem Fenster, bis die Stunde kam. Ich stand um 11 Uhr auf und erwartete es zu hören, aber was ich bekam, war Stille. Kein Singen, keine Grillen. Einfach nur reinste Stille. Ich konnte nicht sagen, ob ich erleichtert oder verängstigt war. Vielleicht waren sie weitergezogen. Vielleicht gingen sie woanders hin, um ihre unheimlichen Spielchen zu spielen. Es kostete mich einiges an Überwindung, aber ich schaffte es schließlich mich zu beruhigen und einen Geisteszustand zu erreichen, in dem ich, im Wissen um meine Sicherheit, Schlafen konnte. Widerwillig kroch ich in mein Bett und schloss meine Augen.

Ich wachte zu der abgefucktesten Sache auf, die ich je gesehen hatte. Das Bild war so surreal, jedes Mal, wenn ich schlief.

Mein Hirn lief sofort auf Hochtouren, in völligen Kampfmodus, als eine raue Hand sich über meinen Mund legte und meinen Kopf in die Matratze drückte. Ich spürte, wie ein Körper, viel schwerer als der Meine, mich niederdrückte. Ich fühlte, wie eine gezackte Kniescheibe sich direkt in meinen Bauch rammte, als ich dann aus meinem Bett gezogen wurde und in einer stehenden Position festgehalten wurde. Die kalte Hand hielt mir immer noch den Mund zu. Die Andere wendete einen Polizeigriff bei mir an und ein unerträglicher Schmerz überkam mich. Ich dachte, mein Arm würde gleich abfallen.

Shhh!“, flüsterte eine Stimme in mein Ohr. Ihr Atem war eisig.

Ja“, sagte eine weitere Stimme auf der anderen Seite meines Zimmers. Meine Augen passten sich der Dunkelheit, die herrschte, an und ich konnte im Mondschein, der durch das nun geöffnete Fenster schien, einen Mann mit einer fürchterlich unheimlichen Maske erkennen. Erst dachte, ich er hätte den Kopf einer Ziege, aber ich wusste es besser. Die Ziege starrte mit leblosen Murmeln, an der Stelle, an der die Augen sein sollten. Ihr Kopf war die Maske, die aus dem abgetrennten Kopf einer Ziege oder eines Widders gemacht war. Nicht richtig ausgestopft und halb verrottet. Ihre Hörner ragten spiralförmig hervor und einzelne Teile des Felles fehlten, sodass die blanke, glühende Haut zu sehen war. Ich versuchte zu schreien, aber die Hand vor meinem Mund festigte ihren Griff und mein Arm wurde hinter meinem Rücken so weit hoch gedrückt, dass er gleich zu brechen schien.

Schrei, und wir machen dich kalt“, flüsterte die Stimme in mein Ohr. Meine Augen konnten nicht, nein, sie wollten nicht ihren Blick von dieser unheimlichen Person mit der Ziegenkopfmaske abwenden. Sein Oberkörper war nackt und trug eine Kette um seinen Hals, die aus Knochen gemacht zu sein schien. Er war unheimlich dürr und trug Zeichnungen am ganzen Körper. In einer seiner Hände trug er ein Messer, das mindestens so lang war, wie mein Unterarm. Jedoch sah es wie keines der Messer aus, die ich bis dahin gesehen hatte. In der anderen Hand hielt er eine einfache Kerze. Er kam einen Schritt auf mich zu und drückte es mir an meine Kehle. Der Stahl war furchtbar kalt und die Spitze sehr scharf. Schärfer als alles, dass ich kannte. Es wäre nicht viel Druck nötig gewesen, um mir den Hals aufzuschlitzen und sie wussten, dass ich es wusste. Ich war so paralysiert, dass ich weder weinen, noch atmen konnte.

Morgen“, sprach die Stimme dumpf durch die leblose Ziegenmaske. „Morgen wirst du dein Haus verlassen, um Mitternacht. Du wirst diese Kerze anzünden und sie in die Mitte eures Hofes stellen. Du setzt dich mit gekreuzten Beinen dahinter, den rechten Fuß auf das linke Knie, und umgekehrt. Tust du es nicht“, flüsterte die Stimme weiterhin drohend in mein Ohr, „Wird das Blut all deiner Geliebten an deinen Händen kleben.“

Der Ziegenmann zog das Messer schnell von meinem Hals weg. Was danach geschah, weiß ich nicht.

Ich erinnere mich nur, dass ich schwer atmend und tränenüberströmt am nächsten Morgen aufwachte. Mein Dad kam, um zu sehen, was mit mir los war und als es ihm erzählte, sagte er mir, es sei nur ein Albtraum gewesen. Dabei saß er am Fuße meines Bettes und wirkte sehr vorsichtig, als hätte er nicht sagen wollen, was er gesagt hatte. Er rieb sich die Augen mit seinen Fäusten und erklärte mir sehr engherzig, dass es nur der Stress durch die Scheidung wäre und dass ich vielleicht mit einem Therapeuten über diese Stimmen und Halluzinationen sprechen sollte, die ich hatte.

Ich fühlte mich betrogen und alleingelassen, nachdem er dies sagte. Ich beharrte darauf, dass alles, was ich sah und hörte, real war, aber es war zu spät. Er und meine Mom sprachen sich darüber aus, über mein Verhalten und meine Behauptungen. Sie dachten, ich würde wegen der Trennung meinen Verstand verlieren. Ihre Meinung stand felsenfest. Nichts von dem, was ich sagte, hätte sie vom Gegenteil überzeugen können. Rückblickend war es verständlich. Wer glaubt schon einem 9-Jährigen, wenn er sagt, er würde Stimmen hören…

Ich war den ganzen Tag still. Cash saß neben mir, in meinem Zimmer, als ich das Tageslicht verschwendete und Videospiele spielte. Ich sprach auch nicht nochmal mit meinem alten Herren. Ich konnte seinen besorgten Gesichtsausdruck sehen und er wirkte einfach nur niedergeschlagen, als er in mein Zimmer kam. Er hatte viel Zeit am Telefon verbracht.

Erst später an diesem Tag erinnerte ich mich an die Worte die der Ziegenmann sagte, bevor alles schwarz wurde. Dass ich um Mitternacht die Kerze anzünden sollte. Als ich aber am nächsten Morgen aufwachte, war alles wie immer. Ein kleiner Schimmer Hoffnung keimte in mir auf, weil keine Kerze zu finden war, als ich in meinem Zimmer danach suchte. Ich hatte noch nie so sehr versucht, etwas zu finden, wie an diesem Tag, um am Ende verzweifelt zufrieden zu sein.

Sie war weg. War ich nun von der Forderung dieser fremden Eindringlinge entbunden? Die Erleichterung war unglaublich. Als wäre ich von einer unheimlichen Bürde befreit worden. Allein der Gedanke, gezwungen zu werden, zu einem Klapsdoktor zu gehen, schien im Vergleich zu diesen beiden Angreifern, weniger hart. Es war nur ein schlechter Traum. Ein realistischer Traum, wohlgemerkt, aber trotzdem nur ein Traum. Vielleicht, ja, vielleicht war die ganze Sache nun wirklich vorbei. Vielleicht sind diese unheimlichen Leute weitergezogen und der Ziegenmann war nur eine einfach eine Projektion meiner eingebildeten Vorstellung von dem, was diese unnatürlichen Vorgänge außerhalb meiner Sicht auch immer waren. Du weißt schon, Spekulation.

Die Nacht brach herein und für das erste Mal seit einer Woche, verspürte ich keine Angst durch die Voraussicht darauf. Ich lag aber falsch…so falsch.

Als ich meinen Kopf auf mein Kissen legte und schon dabei war die Augen zu schließen, um in die Besinnungslosigkeit hinein zu driften, spürte ich etwas Hartes unter meinem Kissen. Neugierig griff ich unter das Kissen und fühlte etwas Langes, Dünnes, dass sich als Kerze entpuppte. Eine dünne Wachskerze mit einem langen Docht. Sie war einfach nur rot, wie die, die der Ziegenmann hatte. Mein Herz rutschte mir in die Hose, mein Mund wurde trocken und Tränen rannen über meine Wangen. In diesem Moment durchlebte ich die komplette letzte Nacht noch einmal, bis zu dem letzten Detail, wo der Kerl, der mich festhielt, mir ins Ohr flüsterte, dass das Blut all meiner Geliebten an meinen Händen kleben würde. Plötzlich war ich zurück in der Hölle. Ich war zurück im Reich des Schreckens. Wie gelangte die Kerze unter mein Kissen? Hatte ich sie die ganze Zeit übersehen?

Ich lag bis Mitternacht in meinem Bett und wagte es nicht die Augen zu schließen, aus Angst, dass mir wieder ein Messer an die Kehle gehalten wird und ich wieder diesem schrecklichen Ziegenmann gegenüberstehe. Die Nacht war still. Keine Grillen, keine Vögel, nichts. Totenstille. Ich sah auf die Uhr. Es war 0:01 Uhr und die Erinnerungen an die Ziegenmaske und deren Instruktion wiederholten sich wieder und wieder. „Geh nach draußen, zünde die Kerze an, setze dich hinter sie oder das Blut deiner Lieben klebt an deinen Händen.“ Damals wusste ich nicht, was es bedeutet, Blut an seinen Händen zu haben. Aber ich lernte es am darauffolgenden Tag.

Etwa 10 Minuten später brachte ich den Mut auf, zum Fenster zu gehen und nach draußen zu schauen. Was ich sah, verschlug mir auf der Stelle den Atem. Am Eingang des Waldes standen Männer, Seite an Seite, überschattet von der Nacht. Es müssen 20 gewesen sein. Keiner von ihnen sagte etwas. Sie alle waren totenstill und ich konnte ihre Blicke auf mir spüren. Sie waren genauso stark, wie die Blicke der Puppen, auf der Lichtung. Es fühlte sich wie dieselbe Präsenz, dieselbe Intelligenz an. Ich kann es nicht erklären….Und dann sah ich ihn. Den Ziegenmann. Oder besser gesagt, seine Silhouette, die in der Mitte der Gestalten stand. Er war ruhig. Ruhig, wie ein Stein. Aber ich konnte die Form seines Gesichtes ausmachen und auch die gewundenen Hörner. Ich konnte alles erkennen.

Ich traute mich nicht nach draußen zu gehen. Ich konnte einfach nicht. Ich versteckte mich in meinem Bett, unter der Decke. Ich schloss meine Augen und weinte die ganze Nacht. Ich schlief nicht ein, bis ich die ersten Vögel zwitschern hörte.

10 Minuten nach halb 12 wachte ich auf. Kurz nach dem Frühstück hörte ich meinen Dad um Vorhof fluchen. Ich stand auf, um nachzusehen, was los ist, warum er so außer sich war. Als ich dann nach draußen ging, verstand ich ihn deutlicher und hörte den Schmerz in seiner Stimme. Ein Kloß formte sich in meinem Hals und eine Gänsehaut machte sich auf meiner Haut breit. Ich war noch nicht bereit für das, was ich gleich zu sehen bekommen sollte. Und das war wirklich der gruseligste Teil, der Moment, bevor ich es realisierte. Diese Leute erwähnten Blut an meinen Händen, ich wusste nicht, was es hieß, aber ich bekam die vage Vorstellung, dass damit gemeint war, meine Familie würde zu Schaden kommen. Ich dachte, sie hätten meinen Dad.

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Als ich zu ihm kam, sah ich, dass er kniete und weinte. Cash wurde getötet. Er wurde von einem Auto angefahren. Er lag da mit schlappen Ohren, seinem absurd blöden Hundebart, schwarzen, starrenden Augen und einer für immer leblos heraushängenden Zunge. Ich sah seinen zusammengefallenen Brustkorb und seine herausragenden Rippen und Eingeweide.

„Junge!“, schrie mein Dad und drehte sich um, um mich in den Arm zu nehmen. „Es ist okay!“ Er brachte mich schnell ins Haus, weg von Cash´s leblosen Körper, weg von meinem besten Freund, tot und verstümmelt, am Rande der Straße. Das letzte, woran ich mich erinnere, als ich nach drinnen gebracht wurde, war langsam vorbeifahrende Pickup-Truck. Ich sah dieselben beiden glatzköpfigen Männer, die durch ihr seltsam schmalen Sonnenbrillen hindurch starrten. Ich sah Blut an ihrem Kühlergrill…und ich sah den Fahrer, der mich direkt ansah.

Cash´s Tod war meine Schuld. Als ich dies laut sagte, umklammerte mein Dad mich fest und sagte mit felsenfester Sicherheit, dass es nicht meine Schuld wäre und das manchmal solche Dinge passieren. Er hielt mich genau so, wie man es von einem Vater erwarten würde, wenn das eigene Haustier bei einem, als Zufall erscheinenden Unfall, ums Leben kommt. Aber ich wusste es genau. Diese Leute aus dem Wald haben Cash getötet. Und das nur, weil ich nicht tat, was sie mir sagten. Nur, weil ich so ein Feigling war. Sein Blut haftete an meinen Händen, genauso, wie sie es androhten.

Als ich in mein Zimmer ging, um zu weinen, sah ich einen Mann in der Mitte unseres Hofes. Ein Mann ohne Shirt. Er trug eine Maske aus einem abgetrennten und ausgehöhlten Ziegenkopf. Bei Tageslicht war es noch verstörender anzusehen, weil ich beinahe riechen konnte, dass es an der nötigen Hygiene fehlte. Ich konnte sehen, dass er von Fliegen umschwärmt war. Aber noch schlimmer war die Nachricht für mich, die er hochhielt. Ein Blatt Papier mit einem einzigen Wort daraufgeschrieben. MITTERNACHT.

Ich konnte damit nicht umgehen. Ich rannte nach draußen, um ihm nachzujagen, aber als ich auf den Hof ankam, war er weg. Mein Hass und meine Wut lösten meine Schuldgefühle und die Trauer ab, denn ich rannte in den Wald, ohne daran zu denken, dass, wenn ich mich dieses Mal verlaufe, ich Cash nicht hätte, der mir den Weg zurück zeigt. Ich wäre allein. Nein. Was auch immer hier draußen lauerte, wäre bei mir. Ich konnte seinen Blick spüren, überall, jede Bewegung, die ich machte beobachtend. Aus den Bäumen und den Büschen heraus. Ich wusste, ich war hier umzingelt und als meine Sinne sich von der Adrenalin angefüllten Wut die ich durchlebte, wieder klärten, bemerkte ich, dass das Gefühl stärker und stärker wurde.

Dann bemerkte ich den Geruch, den Gestank. Zu dieser Zeit fand ich, es roch noch verdorbener Milch oder Bolognese, die zu lange im Kühlschrank stand. Es roch streng, zu streng. Meine Augen begannen zu tränen und ich fühlte, wie sich mir der Magen umdrehte. Wie konnte ein Geruch so schmerzlich zu ertragen sein?

Dann wurde mir klar: Sie hatten meinen besten Freund getötet. Es gab nur noch 2 weitere Leben, die sie nehmen konnten. Die meiner Eltern. Die Präsenz wurde so kraftvoll, dass ich Wispern im Wind hören konnte und der Geruch wurde ebenfalls mit jedem Atemzug stärker. Ich war mir sicher, dass mich jeden Moment, Gott weiß was, mich überwältigen würde. Mir wurde klar, dass, wenn ich nicht tun wollte, was sie von mir verlangten, sie mich schnappen würden. Hier und jetzt. Was hätte ich schon tun können? Ich schüttelte mit dem Kopf und begann zu schreien. „Okay, ich mache es….“

Zu meiner Erleichterung heiterte sich um mich herum alles. Der Geruch verschwand und das Gefühl beobachtet zu werden, wurde ersetzt, das nur als eine Sirene beschrieben werden kann. Der Wald wandelte sich von einem Ort unsagbaren Schreckens, wieder zu einem….naja, einem einfachen Wald. Das, was er immer war.

Ich lief zurück, Nachhause und half Dad bei Cash´s Grab. Wir sagten ihm Lebewohl und beerdigten ihn. Wir machten ihm einen süßen Grabstein, in Form eines Knochens, aus übriggebliebenem Holz aus der alten Werkstatt. Meine Mom kam an diesem Tag auch vorbei und wir gingen aus, um im „Undisclosed“ zu Abend zu essen. Es war das beste Essen, dass ich je gegessen hatte. Wir stießen auf Cash an und das war es auch schon. Im Hinterkopf hatte ich nur „Mitternacht….Mitternacht….“

Ich verbrachte eine weitere stille Nacht damit auf die Uhr zu schauen und zu beobachten, wie die nächsten 60 Sekunden anbrachen. Das Warten war quälend. Jede verstrichene Minute, war in dieser Nacht eine Minute, die von meinem Leben verloren ging. Ich war mir sicher, dass ich sterben würde. Und ich war gefangen. Würde ich irgendetwas versuchen, würden sie meine Eltern töten. Cash´s tot machte mir das unweigerlich klar.

11:55…11:56…11:57…11:58…11:59….Ich blickte aus dem Fenster. Sie alle waren da, Seite an Seite. Die Schatten von Leuten und der Ziegenmann in ihrem Zentrum. Sie alle blickten zu mir und ich blickte auf die Uhr – Mitternacht.

Ich sah wieder aus dem Fenster, alle waren verschwunden. Sie wussten es. Sie wussten, ich würde heute Nacht rauskommen. Sie töteten meinen Hund und drohten mir gleich danach. Ich folgte ihnen in den Wald. Sie wussten, sie hatten mich gebrochen, meinen Geist zerstört und ich hatte mehr Angst vor dem, was passieren würde, wenn ich nicht nach draußen gehen würde, als vor dem, wenn ich gehen würde.

Ich schnappte mir die Kerze und ging auf den Hof, hinter dem Haus. Die Finsternis war dicht, dichter als sonst. Und dann war da wieder der Geruch. Saure Milch, verdorbenes Fleisch, Blut, Verrottetes, Verwestes, Scheiße, Kotze, Galle, Tod….Gänsehaut und Zittern überkam mich wieder. Das Atmen fiel mir schwer. Der Wald vor mir war kaum zu erkennen. Es war nicht nur ein Eingang oder eine Grenze. Es war ein lebender, atmender Organismus, der jede Bewegung voraussah. Als ich den Hof betrat, durchstieß mich eine woge des Todesangst, als ich durch den Bewegungssensor ging und das Hoflicht anging. Da war eine Erlösung in dem Licht, Sicherheit, für eine Weile zumindest.

Ich benutze Dad´s Feuerzeug, um die Kerze zu entzünden, stellte sie in das kalte, feuchte Gras und setzte mich hin, bereit meine Beine zu übereinander zu schlagen. Ich saß in genau der Position da, die mir befohlen wurde, denn noch während ich mich setzte, sah ich sie – 2 grüne Augen.

Hast du jemals in der Nacht, aus der Entfernung mit einer Lampe direkt in die Augen eines Tieres geleuchtet? Aus einer Entfernung, aus der es zu schwer ist, zu erkennen, wie es aussieht, aber nicht weit genug, dass ihre Augen das Licht reflektieren? Das war exakt, was ich sah. Abgesehen davon, dass sie weit über dem Boden zu sein schienen. Höher als bei einem Kojoten und sogar höher, als ein Mensch.

Es schien sich im Wald vor und zurückzubewegen. Ich konnte bei jedem Schritt das Laub rascheln hören. Immer wieder waren sie zu sehen, die leuchtenden Lichterscherben, diese grellen Augen, und dann wieder nicht, wegen der Bäume, die mit der Dunkelheit verschmolzen, die sie verdeckten. Sie mussten das Licht des Hofes reflektieren. Ich konnte es auch atmen hören. Es klang so schmerzvoll für mich. Sporadisch kam immer wieder ein Luftzug seines Atems zu mir herüber und wenn es das tat, fühlte ich, wie mir diese frostige Luft, die mit dem Geruch von Verwestem rang, mir entgegenschlug. Ich weiß nicht, wie lange es so hin und her lief, ohne den Wald auch nur einmal zu verlassen, den Augenkontakt mit mir nicht abbrach. Hin und wieder hielt es an und seine Augen kamen dem Boden näher, bis es mit mir auf einer Höhe war. Dann verharrte es in dieser Position, wie eine Katze, da am Boden kauert, und sich bereit macht zuzuschlagen. Es blieb aber nur für 10 Sekunden in dieser Position, bis es begann sich weiter hin und her zu bewegen. Nachdem es dies mehrere Male tat, bemerkte ich, dass es von etwas aufgehalten wurde – dem Licht.

Ich war sprachlos und auf meinem Platz wie eingefroren. Mein Hals schnürte sich so zu, dass ich kaum atmen konnte. In meine Seele hatte sich ein Sinn hinein geätzt, sodass jede plötzliche Bewegung, die dieses unaussprechliche Wesen machte, mir einen Rausch über mich schickte. Egal ob das Licht brannte oder nicht. Ich wusste nicht, ob es mich gleich hier auf dem Hof töten würde oder ob es mich in den Wald hineinzerren wurde, um mich dort bei lebendigem Leib zu verspeisen. Ich wusste auch nicht, in welcher Verbindung dieses Wesen und die Psychopathen standen, die mir befahlen hier heraus zu kommen. Was ich aber wusste war, dass es mit jedem Moment, den es mich nicht bekam, wahnsinniger wurde.

Ich konnte es mich nicht einfach so kriegen oder mich verschleppen lassen. Theoretisch war ich im Licht sicher, aber Tatsache war, dass der Bewegungssensor einen Timer hatte und ich wusste, die Zeit wäre bald abgelaufen und wenn das passierte, würde nichts mehr dieses Ding stoppen, mich zu bekommen. Mit all meinem Mut und meiner Willenskraft zwang ich mich aufzustehen und schnaubte und die Augen hielten sofort an, als es sah, dass ich stand. Ich konnte es nicht mit Sicherheit sagen, aber ich glaube, sie verengten sich. Der Gedanke daran, dass ich flüchte, machte es so wütend, dass es begann mich anzustarren. Ich konnte sehen, dass es sich drohend nach vorn bewegte, um zu zeigen, dass es Willens war, dem Licht zu trotzen und ich ging einen Schritt zurück. Als ich dies tat, bewegte es sich rasch noch einen weiteren Schritt nach vorn. Ich konnte beinahe seine Umrisse erkennen. Groß, hager, knochig, aber zu dunkel, um besondere Merkmale zu erkennen. Abgesehen von den Hörnern. Große, spiralförmige Hörner. Oder zumindest sah es so aus.

Ich kann mich nicht daran erinnern, zum Haus gerannt zu sein. Ich kann mich auch nicht daran erinnern, es hineingeschafft zu haben oder an sonst irgendetwas, das geschah, nachdem das Licht ausging. Es war so plötzlich, als hätte der Tod mich gepackt. Der Timer war abgelaufen, das Licht ging aus und ich war von Dunkelheit umhüllt. Ich weiß aber noch, dass ich einen Schrei hörte. Es klang wie ein Kind, dem man sein Spielzeug verweigerte. Oder war ich es? Egal, denn als das Licht aus ging, rannte ich nur noch!

Erst Stunden später kam ich wieder zu mir. Mein Dad hielt mich in den Armen und auch meine Mom war da. Ich weinte. Sie erzählten mir später, dass ich immer und immer wieder schrie: „Lasst nicht zu, dass es mich kriegt! Lasst bitte nicht zu, dass es mich kriegt!“, aber ich kann mich nicht daran erinnern.

Ich sah die Kreatur nie wieder. Auch nicht den Mann mit der Ziegenmaske oder die beiden alten Männer mit dem Pickup-Truck. Keinen von ihnen. Seit diesem Tag schlafe ich immer mit geschlossenem Fenster.

Am nächsten Tag Namen meine Eltern mich mit nach draußen, um mir zu erklären, dass nichts passiert ist. Wir sahen niedergetrampeltes Gras, vermischt mit Schlamm und wir sahen sogar Markierungen aus Blut an den Bäumen. Ich dachte, es wären genug Beweise um meine Behauptungen zu stützen, aber das war es nicht. Mein Dad lachte sofort und erklärte, dass er alles auflösen könnte. Er sagte, ich wäre einem Reh begegnet und diese Spuren an den Bäumen stammen von seinem Geweih, dass es auf mich richtete, weil es sich bedroht fühlte. Seine Erklärung war so glaubhaft, dass ich wünschte, sie wäre wahr. Aber ich wusste, das war sie nicht.

Einige Wochen später hörte ich, dass eine Person vermisst wurde, und das man nach dieser im Wald suchte, aber ich habe zu dieser Zeit davon weder etwas gehört, noch gesehen. Mein Dad und mein Therapeut bestanden darauf, dass dieses Wissen meine Tendenz zu Schizophrenie unterstützte, also hielten sie mich davon ab, dem nachzugehen.

Ja, mir wurde paranoide Schizophrenie diagnostiziert. Sie sagten mir, dass die Ursache darin läge, dass ich nicht mit der Scheidung meiner Eltern umgehen könnte. Sie erklärten auch, ich hätte mich in meine Wahnvorstellungen zurückgezogen, weil ich mich wegen dem Auseinanderbruch meiner Familie schuldig fühle, mein jugendlicher unterentwickelter Verstand dies nicht verarbeiten könne und dass diese Kultisten und ihr Biest, Vertreter meiner persönlichen Symbolik sind. Irgendsowas eben. Eine Weile lang glaubte ich alles, was sie mir sagten, weil mich diese Lügen sicher fühlen ließen.

Ein paar Jahre danach sagten sie mir, ich wäre völlig genesen. Das war auch leicht, nachdem ich keine weitere Begegnung dieser Art hatte und ich ihnen aus der Wut heraus einfach sagte, was sie hören wollten.

Als ich alt genug war, brach ich jeglichen Kontakt zu meinen Eltern ab und zog in einen anderen Bundesstaat. Ich war nun auf mich allein gestellt und blickte in das Stadtarchiv, um so viele Informationen wie möglich, aus der Zeit als ich 9 war, zu bekommen. Die vermisste Person, die Fahndung dauerten mehrere Tage lang an und alles was sie fanden, war ein Mann. Er wurde zerrissen. Seine Gliedmaße und seine Organe fehlten. Sie fanden ihn mit einer sonderbaren Maske. Der Kopf eines Widders. Aber sein Inneres wurde sorgfältig ausgehöhlt, um über den Kopf eines Menschen zu passen. Als sie ihm diesen „Helm“ abnahmen, entdeckten sie, dass er mit einem Gesichtsausdruck des blanken Entsetzens starb. Ich fand Zufriedenheit darin.

Ich würde gerne glauben, dass diese Männer Kultisten waren, dass sie versuchten jemand unsichtbaren, einen namenlosen Gott, zu beschwichtigen. Einen Gott den es absolut nicht hätte geben sollen, der kein Recht auf dieser Erde zu wandeln. Und dass ich während ihres Versuchs ihn zu befriedigen, ihr Ritual an einem wichtigen Punkt der Prozedur verpfuscht habe, in dem ich die Puppe zerstört haben. Und sie versucht das Ritual zu retten, in dem sie mich zwangen, mich selbst als Opfer darzubringen. Aber sein Fehler, bei was auch immer es mit mir in dieser Nacht tun wollte, ruinierte die ganze Operation. Ich bevorzuge es auch zu glauben, das Ding sich im Namen der Vergeltung gegen seine eigenen Gläubiger wendete. Es töte alle und zog mit, wo immer es auch herkam. Das ist das einzige, das für mich Sinn macht.

Jedoch ist da eine Sache, die ich bis heute nicht herausfinden konnte. Warum kann ich sie noch immer ihre unheiligen Psalmen singen hören, wenn ich Nachts allein bin, egal wo ich bin? Warum höre ich immer noch dieselben Gesänge, wie damals, im Wald, als ich 9 war?

Original: http://creepypasta.wikia.com/wiki/The_Chanting_in_the_Woods
Thumbnail: https://bit.ly/2QW7FiG

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