Kurz

Colorado: 2. Geisterstadt

Ryan O’Donald hatte eine neun stünidge Autofahrt hinter sich. Und bis Ryan endlich Zuhause war, dauerte es noch einmal weitere sieben Stunden. Er war zwar nur knapp zwei Stunden von Phoenix entfernt, aber bis dahin hätte er kaum noch durchgehalten.

Er war jetzt schon kurz vor dem Einschlafen. Daher wollte Ryan die restliche Fahrt für heute nicht mehr auf sich nehmen und am Ende noch irgendwo im Straßengraben verunglücken. Hier her verirrten sich sicherlich nicht all zu viele Fremde, die ihn dann helfen könnten.

Ryan hatte zudem ja gar keinen Zeitdruck. Noch nicht einmal irgendwelche wichtige Termine, die er in den nächsten paar Tagen wahrnehmen musste. Er hatte nicht oft die Zeit dafür einfach einmal zu entspannen. Die Zeit konnte und würde er sich nun hier nehmen.

Vielleicht gab es hier auch den ein oder anderen schönen Fleck, den er genießen konnte. Wann hatte man als Großstädter schon die Möglichkeit, auf dem Land abzuspannen. Ryan konnte sich nicht daran erinnern, wann er das letzte Mal Urlaub genommen hatte.

Schließlich lag hinter ihm eine anstrengende und lange Woche. Es waren harte Verhandlungen mit ihren Geschäftspartnern gewesen, die sich am Ende aber gelohnt hatten. Und nun freute sich Ryan einfach nur noch auf sein Zuhause, in dem seine Frau und seine beiden Kinder auf ihn warteten.

Jedoch brauchte er erst einmal ein ruhiges Plätzchen, an dem er sich entspannen konnte. Am Ende würde Ryan noch hinter dem Steuer einschlafen. Nicht das er hier noch einen schrecklichen Unfall baute. Wer wusste schon zu sagen, wie und ob er dann überhaupt Hilfe bekommen würde.

Ryan konnte sich einen wesentlich besseren Ort vorstellen, an dem er sterben würde. Er konnte sich auch einen schöneren Tod vorstellen, als ein Autounfall. Aber über so etwas wollte Ryan gar nicht nachdenken, wie und wann er einmal sterben würde.

So hatte er die nächste Ausfahrt nach Claypool genommen. Durch das Ortseingangsschild war Ryan keiner guten Dinge. Es war ein fünfhundert Seelendorf, in dem wohl kaum etwas los war. Was nichts Schlechtes zu bedeuten hatte, da Ryan die Ruhe gebrauchen konnte.

Für Ryan hatten solche kleinen Örtchen einen gewissen Charme. Hier war die Welt noch in Ordnung und es schien, als würde hier die Zeit stillstehen. Jedoch gab es hier wohl so einige völlig degenerierte Einwohner, mit denen er nicht viel zu tun haben wollte.

Das war wohl der isolierten Lebensweise und dem daraus folgenden, geringen Genpool zu tun hatte. Ryan war froh, nicht in solch einer ländlichen Gegend zu wohnen. Auf seinen Reisen hatte er schon genug solcher rückständigen Käffer gesehen.

Auf seinem Weg durch das kleine Kaff, sah er kaum jemanden auf den Straßen. Aber die wenigen Menschen, die der hier sah, genügten ihm schon. So stellte sich Ryan ein Dorf vor, das die Hauptrolle in einem Slasher Film spielte.

Innerlich lachend hoffte Ryan doch Inständig, das ihm das Schicksal hold war und kein metzelnder Psychopath auftauchte. Selbst die Bewohner könnten Statisten des Bösen sein und ihm ans Leder wollen. Er wollte schließlich noch immer nicht hier sterben und lachte innerlich über diesen Witz.

Laut auflachend schüttelte er den Kopf, um diese unsinnigen Gedanken los zu werden. Diese Leute waren solche Hinterwäldler, die sicherlich niemandem ein Haar krümmen konnten. Und wenn Ryan Glück hatte, ließen sie ihn in Ruhe, solange er hier war.

Wenn er ganz viel Glück hatte, gab es eine hübsche junge Dame, mit der er sich angeregt unterhalten konnte. Aber das durfte wohl eher schwierig werden. In dieser Umgebung konnte er froh darüber sein, wenn er einen halbwegs vernünftigen Menschen zum reden fand.

Zielstrebig steuerte Ryan den Parkplatz des wohl einzigen Hotels. Es war aber mehr eine Herberge, aber für eine Nacht würde es schon reiche. Nachdem er den Wagen abgestellt hatte, schnappte sich Ryan seinen Koffer und begab sich in das Foyer.

„Einen schönen guten Tag, werter Herr“, wurde Ryan überschwänglich begrüßt. „Sie wünschen sicher eines unserer Zimmer für die Nacht?“

„Wenn sie für mich noch ein Zimmer erübrigen können“, erwiderte Ryan freundlich. „Es scheint in ihrem kleinen, beschaulichen Etablissement, gerade nicht sehr viel los zu sein.“

Ryan war mittlerweile an die Rezeption getreten und hatte seinen Koffer abgestellt. Das Foyer stammte sicher noch aus den 60ger oder 70ger Jahren, war aber dennoch gut gepflegt. Die Einrichtung war stilgerecht und passte mit ihrem Retro Charm, wieder in diese Zeit.

Es war irgendwie normal für diese ländlichen Gegenden, wo alles noch so rückständig wirkte. Immer wieder kam Ryan durch seine Arbeit, an solchen Dörfern vorbei. Hin und wieder hatte er dort auch einen Stop eingelegt, so wie er es nun tat. n den meisten Fällen sahen die Dörfer genauso aus wie hier.

„Wir haben Nebensaison“, antwortete die Dame am Empfang. „Und selbst dann haben wir nicht alle Zimmer belegt. Dieses Jahr im Frühling, hatten wir so schönes Wetter und alles hat so wunderbar geblüht. Und erst der Herbst im letzten Jahr, …“

„So gerne ich mir auch ihre Geschichten anhören würde“, unterbrach Ryan die Empfangsdame höflich, aber dennoch bestimmt. „Ich hatte einen langen Tag und würde mich nun gerne frisch machen und ausruhen, bevor ich zu Abend esse.“

„Entschuldigen sie, aber es kommen nicht allzu viele …“

Während sie sprach, hatte sich die Frau umgedreht, um einen Zimmerschlüssel zu holen. Aber der Blick von Ryan ließ sie erneut verstummen, nachdem sie sich wieder zu ihm herumgedreht hatte. Die Rezeptionistin gab Ryan den Schlüssel und ließ ihn in das Kondolenzbuch eintragen.

„Heute Abend gibt es im Dorf ein großes Festessen“, fing die Frau wieder an. „Sie können sich gerne dazu gesellen, wenn sie es möchten.“

„Danke, ich werde es mir überlegen. Aber nun will ich mich erst einmal hinlegen und für einige Minuten die Augen schließen.“

„Achso, entschuldigen sie mich und meine Plapperei. Hier verirren sich nicht …“

Den Rest bekam Ryan dann auch schon gar nicht mehr mit. Denn er war mit dem Zimmerschlüssel und seinem Gepäck schnellstmöglich verschwunden. Er fand diese Frau dermaßen anstrengend und Ryan hoffte, dass nicht jeder aus dem Dorf so drauf war wie sie.

Da es hier sowieso keinen einzigen Aufzug in dem Gebäude gab, benutzte Ryan notgedrungen die Treppe. Sein Zimmer lag auf der rechten Seite, im zweiten Stockwerk. Nachdem Ryan die Tür aufgeschlossen hatte, trat er in ein sehr schlicht eingerichtetes Zimmer ein.

Anschließend stellte er seinen Koffer ab und zog zu aller erst einmal seine Schuhe aus. Nach dieser langen Autofahrt, taten ihm doch schon die Füße weh. Daher war Ryan sehr froh über den Umstand, die Schuhe endlich los zu sein.

Völlig abgespannt, warf er sich auf das Bett und schloss für einen kurzen Augenblick seine Augen. Mit hinter dem Kopf verschränkten Armen, lag er nun einfach nur so da. Ihm war es dabei völlig egal, dass er noch seine durchgeschwitzte Straßenkleidung an hatte.

Als er wieder aufwachte, war Ryan zu aller erst einmal irritiert. Ryan wusste im ersten Moment nicht, wo er hier überhaupt war. Nachdem er richtig wach war und aufgestanden war, überkam ihm eine Idee, wo er war. Nach einem kurzen Rundumblick machte sich Ryan anschließend frisch.

Nachdem sich Ryan umgezogen hatte, ging er nach unten in die Eingangshalle. Auch jetzt war es äußerst seltsam, das Ryan niemanden sah. Es war hier doch ziemlich ruhig, so wie vorhin schon, als er auf sein Zimmer gegangen war.

Jedoch fehlte jegliche Art von menschlicher Anwesenheit. Dann erinnerte sich Ryan an die Feier, die heute Abend im Dorf stattfinden sollte. An der Rezeption heilt er an und dachte kurz nach. Daraufhin entschied er sich dafür, doch auf dieses Fest zu gehen, oder was auch immer das sein sollte.

Also trat Ryan aus dem Hotel hinaus und sah sich davor auf der Straße kurz um. Anschließend lief er nach rechts, aus der die Musik kam. Zumal Ryan ja vor einigen Stunden aus der entgegengesetzten Richtung gekommen war.

Nach einigen Minuten war er am Marktplatz angekommen, der gleichzeitig auch das Dorfzentrum zu sein schien. Wenn er sich hier so umsah, war das Dorf in der Zeit stehen geblieben. Ryan konnte sich nicht vorstellen, wie es war hier zu leben.

Von dort kam laute Musik und angeregte Gespräche. Schon bald war Ryan am Marktplatz angekommen, was die Einwohner verstummen ließ. Alle Einwohner drehten sich zu ihm um und blickten Ryan erwartungsvoll an.

Es war Ryan völlig unangenehm, von so vielen Leuten gleichzeitig angestarrt zu werden. Auch wenn er es durch seine Arbeit gewohnt war, vor vielen Leuten zu sprechen. Und von diesen angestarrt zu werden. Genau hier in diesem Moment, war es ihm doch äußerst unangenehm.

Nachdem er die Dorfbewohner gegrüßt hatte, wurden Becher erhoben und die Menge grunzte ihm zu. Die Musik wurde wieder lauter und es die Menge sprach weiter angeregt miteinander. Nur ein älterer Mann kam auf ihn zu gelaufen, soweit es sein Alter und der Gehstock zuließen.

„Kommen sie und setzen sie sich zu uns. Wir haben genug für alle.“

„Entschuldigen sie meine Neugierde. Ich wollte sie nicht bei dem stören, was auch immer sie hier gerade feiern“, entschuldigte sich Ryan verlegen. „Mich hat es doch einfach nur interessiert, was sie hier zu feiern haben und anschließend schlafen gehen.“

„Sie brauchen sich doch nicht zu zieren“, winkte der Alte ab. „Wir freuen uns immer über Fremde, die an unseren Festen teilnehmen. Schließlich lassen wir ihnen auch keine andere Wahl.“

Da der Mann ihm keine Alternative ließ, fügte sich Ryen einfach. Er bekam einen Platz, direkt neben der alten Dame, die ihm vorhin das Zimmer gegeben hatte. Innerlich stöhnte er auf, als sie ihn auch noch mit diesem überbreiten, freundlichen Lächeln ansah.

„Schön sie wieder zu sehen, Herr O’Doneld“, freute sie sich überschwänglich. „Sie werden es nicht bereuen, hier her gekommen zu sein.“

Ryan nickte der Frau lächelnd zu und dachte sich nur seinen Teil. Er war einmal gespannt, was ihn bei dem Fest noch alles passieren würde. Also hielt er sich die erste Zeit zurück und beobachtete die Leute um ihn herum. Eher zögerlich nahm er sich von dem Essen und probierte erst einmal.

Ryan musste zugeben, dass das dargebotene Essen doch wesentlich besser schmeckte, als es auf den ersten Blick aussah. So etwas leckeres hatte sein Gaumen noch nie gekostet. Es überraschte ihn doch sehr, das diese Hinterwäldler so etwas vorzügliches hinbekamen.

Ryan musste sich zusammen reißen, um sich nicht vollzuschlagen und somit den Magen zu verderben. In den letzten Jahren hatte sich Ryan hauptsächlich nur von Fast Food und dergleichen gegessen. Zuletzt hatte er so gegessen, da hatte er noch bei seiner Mutter gelebt.

Schon bald hatte er sich fast überfressen und genoss den Wein, den man hier darbot. Es wurde nach dem Essen viel gelacht und es wurde eher ländliche Musik gespielt. Aber auch wenn man ihn hin und wieder zum Tanzen aufforderte, lehnte er immer wieder ab.

Als die Turmuhr fast Mitternacht schlug, verabschiedete sich Ryen. Was jedoch nicht ganz ohne Proteste von statten ging. Nach einer etwas längeren und hitzigen Diskussion, ließen sie ihn dann doch ziehen. Todmüde ließ sich Ryan ins Bett fallen und war kurz darauf eingeschlafen.

Nach einem unruhigen Schlaf, fühlte sich Ryan immer noch nicht besser. Wie gerädert stand er auf und machte sich erst einmal frisch. Als Ryan seinen Koffer nehmen und nach unten gehen wollte, wurde ihm plötzlich schwindelig. Es war seltsam, da Ryan eigentlich nichts Falsches gegessen hatte.

Unten an der Rezeption angekommen, war niemand zusehen. Er fand es schon äußerst seltsam, dass die ältere Dame nicht hier war. Oder das zumindest jemand anderes hier unten an der Rezeption saß. So legte Ryan den Zimmerschlüssel einfach auf den Tresen und trug sich einfach aus.

Ryan ging also nach draußen, lief zu seinem Auto und verstaute dort seine Sachen auf dem Rücksitz. Er zögerte kurz und überlegte, am Dorfplatz nachzusehen. Schlussendlich entschied sich Ryan dafür und machte sich auf den Weg dorthin.

Auf halbem Wege wurde ihm wieder schlecht, aber er schleppte sich trotzdem zu seinem Ziel. Auf dem Parkplatz angekommen, stützte sich Ryan erst einmal an sein Auto. Sein Magen rumorte immer mehr, bis er sich schließlich vor seine Füße erbrach.

Was er auf auf dem Dorfplatz jedoch zu sehen bekam, ließ ihn zutiefst erzittern. Der Dorfplatz sah genauso aus, wie Ryan ihn vor einigen Stunden verlassen hatte. Es gab jedoch einen drastischen Unterschied zu dem Abend zuvor.

Die Tische waren mit einer dicken Staubschicht bedeckt. Das Essen war verdorben und verfault und als solches nicht mehr zu erkennen. Auf den Stühlen saßen teils mumifizierte und teils nur noch skelettierten Menschen. Ryan verstand jedoch nicht, was hier überhaupt los war.

Völlig perplex stand Ryan nun da und verschaffte sich einen Überblick. Er konnte sich ganz und gar nicht erklären, was hier überhaupt los war. Über Nacht konnte sich die Szenerie doch nicht so katastrophal entwickelt haben.

Der sonst so abgeklärte Ryan, musste sich sehr zusammen reißen, um nicht hysterisch aufzulachen. Das war doch eine äußerst seltsame Situation, in der er noch nie gewesen war. Ryan hatte keine Idee, wie er überhaupt darauf reagieren sollte.

Es gingen ihm Dutzende von Theorien durch den Kopf, von denen eine unglaubwürdiger war, als die andere. Was jedoch noch merkwürdiger war, das sich seine Hand mit einem Mal aufzulösen schien. Oder sie wurde aus irgendeinem anderen Grund durchsichtig.

„Willkommen in der Familie“, ertönte eine weibliche Stimme hinter ihm. „Wir freuen uns immer über neuen Zuwachs.“

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