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Das Archiv der Merkwürdigkeiten

Ich fühlte mich immer unwohl in meiner eigenen Haut.

Als Kind war ich deshalb schüchtern, einsam und ungeschickt.

Ich habe mich immer versteckt, zu Hause in Schränken oder in den verworrenen Büschen, die auf dem Brachland in der Nähe wuchsen. Ich wollte nicht, dass jemand mich, das sonderbare Kind, sehen konnte.

Nicht einmal meine eigene Gestalt mochte ich erblicken können.

Als ich zwölf Jahre alt war, drehte ich alle Spiegel im Haus meiner Eltern so um, dass sie auf die Wand gerichtet waren. Kurz darauf wurde ich zu einem Berater geschickt.

Während dieser ganzen Zeit zog ich mich gewissermaßen in Bücher zurück als eine Art persönlicher Fluchtort der Bewältigung, und mit neunzehn Jahren erzählte ich meinen Eltern, dass ich Akademiker werden wollte.

Den Anstoß dazu bot eine Geschichte, die ich in einer alten, zerfledderten Zeitschrift gelesen hatte. Darin wurde ein Professor für Literatur vorgestellt. Dieser war für eine Auszeichnung ernannt worden und wurde in einem holzgetäfelten Raum abgebildet, der mit Büchern ausgekleidet war, die sich endlos zu erstrecken schienen.

Als Teil meines neuen Ehrgeizes nahm ich an einem Tag der offenen Tür einer nahegelegenen Universität teil, aber der überfüllte Campus und die Art und Weise, wie die Dozenten in der ersten Reihe des Raumes stehen mussten, alle Augen auf sie gerichtet, war eine erdrückende Erfahrung.

Das hätte ich auf keinen Fall tun können.

Aber meine Eltern haben mich nicht aufgegeben, und es war meine Mutter, die mir vorschlug, eine Ausbildung zum Archivar zu absolvieren.

Vor zehn Jahren verstarb sie an Krebs, und sie fehlt mir jeden Tag. Obwohl mein Vater noch lebt und in einem Pflegeheim untergebracht wurde, ist ihm nicht mehr bewusst, wer ich bin. Altersdemenz.

Für vieles muss ich ihnen dankbar sein.

Nicht zuletzt für diese Anregung.

Einige Jahre lang habe ich zu Hause studiert und wurde schließlich diplomierter Archivar.

Nach einer Reihe von anderen Positionen und im Alter von 45 Jahren arbeitete ich in einer Einrichtung, in der ich eine beeindruckende und intrigante Sammlung von Gegenständen verwaltete und katalogisierte.

Für mich war das ein wahr gewordener Traum. Bis vor ein paar Tagen.

Der Betrieb lief rund um die Uhr an sieben Tagen in der Woche, und alle Mitarbeiter legten Schichten ein. Ich zog die Nächte vor, da die Straßen ruhiger waren, wenn ich die kurze Strecke vom alten Haus meiner Eltern, in dem ich immer noch wohnte, zum Archiv fuhr.

Das war der einzige Name, den ich jemals gehört hatte, und ich fragte auch nie, ob es eine individuellere Bezeichnung gab. Fragen, wie diese waren ein absolutes No-Go. Ebenso wie die Frage, wem das Archiv eigentlich untersteht und weshalb.

In meinen müßigen Momenten stellte ich mir vor, dass es sich um eine Abteilung der Regierung handelte, die sich von den Medien und den gewählten Vertretern fernhielt, aber solange ich jeden Monat großzügig bezahlt wurde und weiterhin dort arbeiten durfte, war ich mit meiner Unkenntnis durchaus zufrieden.

Das Gebäude selbst sah aus wie eine biedere Industrieanlage. Dutzende von Überwachungskameras fügten sich unauffällig in das Äußere ein, und für den Zutritt wurde eine Gesichtserkennungstechnologie eingesetzt. Außerdem gab es auch bewaffnete Sicherheitsleute, aber auch sie hielten sich sehr im Hintergrund.

Sechs Abende in der Woche ließ ich mich kurz vor 22 Uhr in einen Scanner blinken, durchquerte einen Körperscanner und atmete erleichtert auf.

In vielerlei Hinsicht war ich immer noch das verkorkste Kind, das nicht zur restlichen Welt dazugehörte. Hier drin war ich von Ordnung, Ablagesystemen, Checklisten und Routine umgeben. Das Licht war dämmrig, die Temperatur beständig und die gelegentlichen Gespräche waren knapp und sachlich und erfolgten mit leiser Stimme.

Wenn ich könnte, würde ich meine ganze Zeit dort verbringen.

Mein Bereich des Archivs war über einen Korridor zu erreichen, den ich in sechzehn Minuten durchqueren musste. Am Ende dieses Ganges befand sich ein kleines Schild an der Wand. Es lautete: Kreaturen der Mythen. Als ich die Tür zu meinem Reich öffnete, lächelte ich immer.

In der Mitte des Raumes stand ein einzelner PC, und die Wände waren mit Regalen voller Kisten gesäumt. Es gab mehr als 10.000 davon, und ich kannte den Inhalt von etwa einem Drittel von ihnen. Am Ende jeder Schicht war es mein Ziel, mindestens eine neue Kiste zu öffnen und ein neues Objekt zu untersuchen und zu katalogisieren.

Bisher entdeckte ich die geschrumpften Köpfe von Ogern, deren Haarsträhnen intakt und maßstabsgetreu waren; einen Leprechaun, der in einem Glasgefäß eingelegt war; Feen, die auf Brettern montiert waren und deren Brust von Nähnadeln durchbohrt war, die sie an Ort und Stelle hielten; die Schuppen einer Meerjungfrau, die einzeln in kleinen Glasvitrinen aufbewahrt wurden; den Kopf eines Gargoyles, der mit den Leichen von Schlangen drapiert war. Einer sogenannten Medusa.

Und das waren nur ein paar der fantastischen Dinge, die hier gelagert wurden. Sie waren Fiktionen, die über Jahrhunderte von Künstlern, Handwerkern und Schaustellern geschaffen wurden, um zu locken, zu erschrecken, zu begeistern und zu mystifizieren.

Viele von ihnen wurden aus echter Haut und Knochen hergestellt – mit Tierhaut für meinen eingelegten Freund, den Leprechaun, und Insekten, die in Feen verwandelt wurden und deren Gesichter aus Porzellan bestanden.

Nichts, was ich bisher untersucht hatte, war wirklich das, was es zu sein schien, aber jedes Mal, wenn ich eine neue Schachtel öffnete, war ich offen für Neues.

Ohne Wunder sind wir alle ärmer.

Die Kiste, die ich zu Beginn dieser Schicht öffnete, war klein. Was auch immer sich darin befand, war in Papier eingewickelt, das offensichtlich durch das Alter fragil geworden war.

Ich entfaltete es langsam und behutsam, und die Überschrift eines Werbeplakats kam zum Vorschein.

Seht und bestaunt das zweiköpfige Grauen, lautete sie. So etwas hatte ich schon einmal gesehen; es war für eine Freakshow, wahrscheinlich aus der viktorianischen Zeit, dem Design nach zu urteilen.

Ich öffnete das Plakat weiter, bis ich sehen konnte, was es enthielt.

Ich hatte diese Methode der Konservierung schon einmal gesehen. Die Mumifizierung war effektiv und relativ einfach, und ich glaubte, dass das Ding, das ich in der Hand hielt, speziell für die Freakshow hergestellt worden war. Der Körper der Ratte war bis auf den schlanken Schwanz intakt, und es war unmöglich zu erkennen, welcher der beiden Köpfe ihr eigener war und welcher nach ihrem Tod vom Hersteller dieses bizarren, aber fesselnden Exemplars hinzugefügt wurde.

Also loggte ich mich in den PC ein, wählte die nächste verfügbare Seriennummer und begann, eine Beschreibung für die Datenbank des Archivs zu verfassen.

Die Zeit verging, und ich achtete auf nichts anderes – bis es leise an der Tür klopfte.

Michael Malone war der Personalchef des Archivs. Er ist ein ruhiger Mensch, der sich nur selten außerhalb seines Büros blicken lässt, und sein Erscheinen überraschte mich.

“Darf ich mich setzen?”, fragte er, was mich noch mehr verwirrte.

Das letzte Mal, dass er mir eine Frage gestellt hatte, war, als ich mich bei ihm für die Stelle bewerben sollte.

Ohne meine Antwort abzuwarten, nahm er sich einen Platz. “Ich wollte es dir persönlich mitteilen”, so sagte er, “anstatt dir nur eine E-Mail zu schicken, wie es mir aufgetragen wurde. Du bist ein guter Mann, wie ich finde. Auf jeden Fall ein Engagierter, und deine Arbeit hier war vorbildlich. Ich sage dir das, weil …”

Hier zögerte er. Ich bemerkte, dass er Zigarettenasche auf dem Revers seines Jacketts hatte, erkannte das leichte Vergilben seiner Fingernägel.

Als er fortfuhr, konnte ich die Heiserkeit in seiner Stimme deutlich hören: “Ich möchte, dass du weißt, dass diese Entscheidung nicht deinetwegen getroffen wurde. Es ist eine Frage der Ökonomie, schlicht und einfach. Unser Budget wurde gekürzt und die Arbeit der anderen Abteilungen hat kommerzielles und – ich sage es nur ungern – militärisches Potenzial. Die Vorstellungen hier sind es leider nicht. Deshalb wird deine Abteilung geschlossen und die Objekte werden entsorgt. Es tut mir sehr leid.”

Er legte eine längere Pause ein, wohl damit ich etwas sagen konnte. Doch mir fehlten die Worte. Meine Welt lag in Bruchstücken.

Und ich begann zu weinen.

Malone räusperte sich und richtete sich auf. “Ich fürchte, das ist ab sofort gültig. Deine Sicherheitsfreigabe wurde widerrufen, und du musst gehen.” Mit einem verlegenen Blick fügte er hinzu: “Wenn du ein paar Minuten allein sein möchtest, um dich zu beruhigen, ist das sicher in Ordnung.”

Dann ging er. Ich rieb mir die Augen und wischte mir die Tränen von der Wange. Ein Gedanke begann in mir zu brennen:

Ich musste sie retten.

Als ich etwa eine Stunde später nach Hause kam, dämmerte es bereits. Ich zog alle Vorhänge zu und setzte mich dann in die Küche. Ich war schweißgebadet und zitterte, als ich die kleine Schachtel aus meiner Manteltasche holte.

Als ich den Flur hinunterging, das Gebäude verließ und zu meinem Auto lief, hatte ich damit gerechnet, jeden Moment angehalten und konfrontiert zu werden.

Aber ich hatte es geschafft.

Ich hatte sie aus dem Archiv geschmuggelt und nach Hause gebracht. Wo sie sicher sein würde.

Ich hob den Deckel der Kiste an. Darin befand sich ein zweiter Behälter. Er war aus Holz und kunstvoll verziert. Darauf befand sich eine Miniatur, ein Oval.

Ihre Augen streckten sich mir entgegen, ihr zartes kleines Lächeln.

“Meine Liebste”, flüsterte ich voller Euphorie angesichts ihres hübschen Antlitzes.

Als Erwachsener war ich immer allein. Ich glaube, es gibt ein Sprichwort, das besagt, dass du dich selbst lieben musst, bevor dich jemand anderes lieben kann. Und das habe ich nie getan.

Ist es erbärmlich, dass ich mich in eine junge Frau verliebt habe, die ich bisher nur in einem Porträt sah, das vor hunderten von Jahren gemalt wurde?

Urteile über mich, wie du willst. Mein Herz war gefangen, und ich wollte nicht mehr loslassen.

Ich legte meine Finger auf die Miniatur und schloss die Augen. Ich wusste, dass sich darunter Staub befand, als ich die Schachtel öffnete. Fragmente.

Ich konnte nie wieder ins Archiv zurückkehren, also blieb mir nichts anderes übrig. Es war an der Zeit, etwas zu tun, wovon ich geträumt, wonach ich mich gesehnt hatte.

Es war an der Zeit, herauszufinden, wohin mich meine Besessenheit führen würde.

Ich nahm das schärfste Messer, das ich in der Küche finden konnte, krempelte meinen Ärmel hoch und öffnete die Holzkiste, sodass der Staub zum Vorschein kam.

Dann zog ich die Klinge über meine Haut und beobachtete, wie mein Blut zu fließen begann.

Ein Zischen ertönte und Dampf begann aufzusteigen, graue Strähnen, die sich kräuselten und verbanden, bis ich aus ihrer Tiefe ein Lächeln, Reißzähne, eine flackernde Zunge sehen konnte.

Ich torkelte nach hinten, stürzte und kauerte mich auf den Boden. Angst schoss durch meine Venen.

Ich konnte nur zusehen, wie sie wiedergeboren wurde.

Seitdem sind zwei Tage vergangen und in meinem Kopf kreisten die Gedanken darum, was schief gelaufen sein könnte.

Hatte sich der Staub verunreinigt, nachdem ich die Kiste geöffnet hatte?

War mein Blut nicht gut genug, so wie ich selbst?

Was auch immer der Grund sein mochte, sie war nicht mehr die, für die ich sie einst gehalten hatte. Bevor ein Pfahl ihr Herz durchbohrte.

Ihre Gliedmaßen sind nicht vollständig ausgebildet, ihr Oberkörper ist verdreht und sie war blind. Ihre Augen sind schwache, nicht bemerkbare Flecken unter der Haut ihres Gesichts.

Aber ihre Zähne. Sie sind scharf und ausgeprägt.

Sie schläft jetzt, nachdem sie sich wieder einmal von mir genährt hatte. Das Haus ist still und in Dunkelheit gehüllt. Mein Hals pocht, mein Herz rast.

Ich weiß nicht, was aus mir wird, und zum ersten Mal in meinem Leben ist es mir gleichgültig.

Die Freiheit hat gesiegt.

Original: HIER

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