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Der Rote Mann

Es gab jemanden, der mich beim Schlafen beobachtet hat

Ein Mann beobachtete mich im Schlaf … jede Nacht. Seine riesigen Augen ragten aus den Öffnungen seiner Höhlen heraus. Er hatte eine faulige rote Haut, als ob sie in Blut eingeweicht und dann karamellisiert worden wäre. Ein sehr plakativer Vergleich, ich weiß, jedoch war dies der erste Gedanke, den ich ergreifen konnte, als ich diesen Körper zum ersten Mal erblickte.

Ich sah ihn zum ersten Mal, als ich sieben Jahre alt war. In jener Nacht fiel es mir besonders schwer zu schlafen, aber ich ließ meine Augen geschlossen, in der Hoffnung, dass die Müdigkeit schon bald den Rest erledigen würde. Die Kälte des Windes konnte ich auf meiner Haut spüren und ich fröstelte unter einem viel zu dünnen Bettlaken. Es war gerade Waschtag, und meine Mutter hatte keine Ersatzdecke parat, deshalb sollte sich das Laken heute Abend anbieten und als Alternative dienen. Das Fenster machte ein leises pochendes Geräusch, sobald ein Windstoß aufkam. Ich hätte es richtig schließen sollen, aber das war mir schon recht. Es machte mir nichts aus.

Die kaputte Straßenlaterne vor meiner Haustür machte ein permanentes, surrendes Geräusch, das ich sehr mochte. Aus dem Wohnzimmer konnte ich leise den Fernseher hören. Mom war wahrscheinlich wieder auf der Couch eingeschlafen.

Ich musste wirklich schlafen.

Mein Schlaf war schon immer leicht. Mich hätte beinahe alles geweckt, vermutlich sogar das Ausbleiben des Klopfens. Da der Wind nicht mehr gegen das Fenster heulte, hatte meine Mutter vielleicht das Fenster geschlossen, als ich es zuvor schließlich doch schaffen konnte, einzuschlafen. Als ich mir die Augen rieb und mich auf die andere Seite drehte, entdeckte ich einen Schatten an meiner Wand. Da war er – und lächelte. Er war das seltsamste Wesen, das ich je gesehen hatte, und ich erinnere mich, wie meine Hände anfingen zu zittern, während sich Schock und die Panik in meinem Körper ausbreitete und festsetzte. Ich erwartete, dass er mein Zimmer betreten und mir wehtun würde, oder er eventuell viel Schlimmeres mit mir oder sogar meiner Mutter vorhatte, aber überraschenderweise tat er das nicht.

Er rührte sich überhaupt nicht vom Fleck.

Auch seine Augen blinzelten nicht, keine einzige Sekunde.

Ich warf ihm einen Blick zu, aber er gab keinen Laut von sich. Die Angst hat mich überwältigt, und ich kann mich nicht mehr erinnern, wie ich in den Schlaf gefallen bin. Da war ein Mann, der mich beim Schlafen beobachtete. Erst, als ich älter wurde, fiel mir auf, dass er ein merkwürdiges Gebiss besaß. Es war, als ob jeder Zahn in den Mund eines anderen Menschen gehörte.

Als ich ihn das zweite Mal sah, wirkten seine Augen noch wulstiger und geschwollener. Er wirkte fast wie ein vollkommen anderer Mensch. Damals war ich neun. Meine Mutter ließ mich nicht mehr zur Schule gehen, ohne mir die Gründe dafür zu erläutern, aber ich hatte das ungute Gefühl, dass sich die Anderen aufgrund meines Auftretens unbehaglich fühlten. Meine Klassenkameraden unterhielten sich nur selten mit mir, aber wenn sie es taten, blieben sie auf Distanz. Man wollte mich dort nicht haben. Damit hatte ich mich arrangiert. Sie waren mir egal.

Meine Mutter engagierte einen Lehrer, der jeden Wochentag in unser Haus kam. Sein Name war Dr. Fleece und erinnerte mich, dass ich ihn sehr gut leiden konnte und sogar mochte. Er sah mir immer in die Augen, wenn er meinen Geschichten folgte. Besonders gern hörte er von dem roten Mann. An einem Nachmittag, nach der Unterrichtsstunde mit Dr. Fleece, rief meine Mutter an und sagte mir, dass ich bei meiner Cousine übernachten sollte. Der Name meiner Cousine war Yda. Sie war nur zwei Jahre älter als ich, und für mich war sie die einzige Person, die ich als meine Freundin angesehen hatte. Schnell packte ich meine Sachen und meine Mutter fuhr an diesem Nachmittag zu ihrem Haus.

Ydas Bett stand genau wie meins am Fenster. Es war ungefähr 23 Uhr, als Yda einschlief. Sie erzählte stundenlang von ihrem Schulleben, ihren Freunden und den Jungs, die sie mochte. Ich gab vor, es zu verstehen und erfand meine eigenen Geschichten. Meine Mutter mochte es nicht, wenn ich unseren Verwandten erzählte, dass ich zu Hause unterrichtet wurde, also verschwieg ich ihr diese Tatsache.

Es war nicht windig an diesem Abend. Keine Laterne war beschädigt und ließ kein Surren von ausweichender Elektrizität erklingen. Ihre Mutter schaltete den Fernseher gegen 21:30 Uhr aus. Außer dem ständigen Rauschen, wenn es still war, und dem dumpfen Ticken von Ydas Armbanduhr war nichts zu hören. Ich versteifte mich. Ich war dabei einzuschlafen. Ydas Arm auf meinem Gesicht weckte mich jedoch kurze Zeit später auf. Sogleich erkannte ich die Silhouette am Fenster, als ich einen Schatten im Schein der draußen stehenden Straßenlampen am Bett sah. Er war wieder da. Sein Grinsen war jetzt noch breiter. Ich konnte leicht erkennen, wie dunkel und schmutzig sein Zahnfleisch war. In meiner Brust pochte es. Ich war mir nicht sicher, ob es Angst oder Anspannung war. Wie damals war es mir bis heute unklar, wie ich nach diesem Anblick und Schock einschlafen konnte, doch als ich meine Augen öffnete, war es Morgen. Der rote Mann war verschwunden.

Am selben Tag nach meiner Rückkehr nach Hause berichtete ich Dr. Fleece begeistert davon, während er mir aufmerksam zuhörte. Ich schilderte ihm, wie der rote Mann zunehmend dünner wurde, und dass es unmöglich war, dass seine Augen noch intakt waren. Er fragte mich, ob ich mich fürchte. Ich erinnere mich, dass ich nickte, jedoch später Zweifel an meiner Antwort hatte.

Dr. Fleece traf an diesem Tag eine schlechte Entscheidung. Nach unserer Stunde erzählte er meiner Mutter von dem roten Mann. Seither ist er nicht mehr zurückgekommen, um mich zu unterrichten. Ich wartete auf ihn, schließlich war er mein Lieblingslehrer, doch er kam nie wieder. Vielleicht habe ich ihn verschreckt, denn immerhin passiert so etwas bei mir.

An einem Abend beschloss meine Mutter, bei mir im Zimmer zu schlafen. Ich las gerade in einem der Bücher, die Dr. Fleece mir gegeben hatte, als sie hereinkam. Es war das erste Mal, dass ich sie so gesehen habe. Vermutlich hatte sie auch Angst vor mir, zumindest habe ich ihre Entscheidung so interpretiert. Nach dem Abendessen erledigte ich meine Hausarbeit und ging ins Bett. Meine Mutter war bereits dort und sie brachte ihre eigene Decke und ihr eigenes Kissen mit. Sie blätterte in den Büchern, welche Dr. Fleece für mich hinterlassen hatte. Ich saß neben ihr, um die Seiten mit ihr zusammen zu studieren. Fortan übernachtete meine Mutter in meinem Zimmer. Dass ich eingeschlafen war, merkte ich erst, als ich plötzlich mitten in der Nacht aufwachte.

Der Rote Mann stand wieder vor meinem Fenster und sah mich an. Sein Blick haftete auf meinem Gesicht, aber er lächelte heute Abend nicht. Ich fragte mich, warum. Er erschien mir erneut sehr verändert. Diesmal war ich schon 11 Jahre alt, und ich fühlte keine Angst mehr. Ich hatte mich bereits an ihn gewöhnt. Die Anwesenheit des Roten Mannes war auf sonderbare Weise sehr erfreulich. Seitdem die Furcht vor ihm verschwunden war, konnte ich nachts immer gut schlafen. Bei ihm fühlte ich mich in Sicherheit. Ein Mann hat mich beim Schlafen beobachtet. Er bewegte sich nicht und blinzelte nicht. Er starrte mich nur an. Es vergingen zwei Jahre, in denen ich ihn nie zu Gesicht bekam, doch ich hatte immer das Gefühl, als würde jemand über mich wachen. Meine Mutter schlief immer noch neben mir, aber das machte mir nichts aus. Der Rote Mann wachte auch über sie. Es war angenehm, in der Dunkelheit Gesellschaft zu haben.

Eines Nachts wachte ich auf und verspürte einen starken Durst. Zuerst blickte ich nach draußen zum Fenster und fühlte ein Gefühl der Enttäuschung, als ich dort keinen Roten Mann auffand. Still und leise verließ ich mein Zimmer und schritt den abgedunkelten Gang entlang. Schnell gewöhnten sich meine Augen daran, und ich fand den Weg in die Küche. Ich öffnete den Kühlschrank und entnahm einen Kanister mit Wasser. Ich goss kaltes Wasser in ein Glas. Während das Licht des Kühlschranks schwächer wurde, fiel mein Blick auf die Uhr, als es bereits Mitternacht schlug. Ein Schmunzeln zeichnete sich auf meinem Gesicht ab, als ich ins Schlafzimmer zurückkehrte.

Noch bevor ich dort angelangt war, schreckte mich ein durchdringender Schrei auf. Das Glas glitt mir aus der Hand und zerschellte auf dem Boden. Ich rannte keuchend zurück in mein Zimmer. Als ich die Tür öffnete, stand meine Mutter hinter dem Bett. Sie bebte, und ihr Blick war auf mein Fenster gerichtet. Der Rote Mann stand wieder da, blutverschmierter als zuvor. Aber diesmal lächelte er. Der Rote Mann, er… Er ähnelte Dr. Fleece. Seine Haut war genauso faulig, aber die Augen waren die von Dr. Fleece. Ich erinnere mich an die Art, wie er mich ansah. Meine Mutter schrie und bat unsere Nachbarn, die Polizei zu rufen. Ich versuchte, sie zu beschwichtigen und ihr zu versichern, dass der Rote Mann uns nichts tun würde, aber sie wurde immer verzweifelter. Sie hat daraufhin den Notruf gewählt und mich mit ihm in dem Zimmer zurückgelassen.

Ich murrte dem Roten Mann eine Entschuldigung zu, als würde ich eine Antwort erwarten, und war beschämt darüber, wie meine Mutter sich verhielt. Der Rote Mann erwiderte nichts. Er grinste nur. Nach dem Anruf bei den Behörden zerrte mich meine Mutter aus dem Raum. Als ich in meinem Schlafzimmer spähte, war der Mann immer noch da. Meine Mutter umarmte mich und strich mir mit der Hand durchs Haar, um mir zu versichern, dass alles wieder in Ordnung käme. Ich begriff nicht, warum sie versuchte, mich zu trösten.

Das war doch gar nicht nötig.

Wenige Minuten später traf die Polizei ein. Von meinem Bett aus konnte ich beobachten, wie sie den Roten Mann unter die Lupe nahmen. Meine Mutter war damit beschäftigt, sich mit ihnen zu unterhalten, und so schlich ich mich hinein. Ein Polizist mit Schutzhandschuhen hielt seine Handflächen an den Kopf des Mannes. Ich riss die Augen auf. Gerade wollte ich ihn davon abhalten, als meine Mutter wieder ins Zimmer stürmte. Sie zog mich beiseite und versuchte, mir die Augen zuzuhalten, doch es war zu spät. Der Polizist zog den Kopf des Roten Mannes heraus.

Ein Kopf…

Den Kopf von einer provisorischen Pfahlstange vor meinem Fenster. Es zeigte sich, dass mein vermeintlicher und behütender Freund nicht mehr war als ein abgetrennter Kopf.

Vier abgetrennte Köpfe, um genau zu sein. Sie waren es, die mich beobachteten, während ich schlief.

Der Polizeibeamte erklärte, dass es in der Gegend seit 2006 ähnliche Meldungen gegeben habe. Nicht nur ich war betroffen. Ein Kind, das drei Jahre jünger war als ich, behauptete das Gleiche. Er hatte selbst einen Roten Mann gehabt, doch seine Mutter war der Meinung, dass er sich das nur einbildete. Nur zwei Wochen zuvor war er plötzlich verschwunden. Auch sie war eine Alleinerziehende. Nachdem das passiert war, brach meine Mutter zusammen. Wir zogen eine Woche später um. Es gab keinen Mann, der mir beim Schlafen zusah. Es stellte sich heraus, dass ich seit meiner Kindheit auf geköpfte Schädel gestarrt habe.

Mein Freund existierte nie.

Inzwischen bin ich 17 Jahre alt. Ich kann kaum noch an den Roten Mann denken, aber es geht mir gut. In der neuen Schule fand ich auch ein paar Freunde. Sie begannen mit mir zu reden, da sie mich aus den Nachrichten wiedererkannten. Sie wollten immer alles über den Roten Mann wissen.

In unserem neuen Haus schaltete meine Mutter um Mitternacht den Fernseher aus. In letzter Zeit fiel es mir schwer, einzuschlafen. Mein Therapeut sagte, dass ich versuchen sollte, meine frühesten Erinnerungen zurückzurufen. Ich denke schon seit ein paar Tagen darüber nach, und es versetzt mich immer wieder in die Zeit, als ich fünf oder sechs war.

Ich befand mich in unserem alten Haus und starrte aus dem Fenster, wobei ich meine Hand auf die Glasscheibe drückte. Es waren rote und blaue Lichter, die von außerhalb des Gebäudes hereinströmten. Ich war traurig. Ein Rattern draußen unterbrach meinen Gedankengang. Die Härchen an meinen Gliedmaßen stellten sich vor Erwartung auf. Ich starrte auf das Fenster und wartete auf…

Miau.

Enttäuscht plusterte ich mein Kissen auf und schloss die Augen. Dann träumte ich von meiner frühesten Erinnerung. Alles war immer noch beim Alten. Mein jüngeres Ich starrte auf etwas außerhalb meines Fensters, die Handfläche gegen das Glas gepresst. Aber etwas Neues geschah. Als die roten und blauen Lichter völlig verblassten, drückte eine große männliche Hand von der anderen Seite des Fensters gegen meine. Während ich lächelte, verweilte sie dort. Als sich die Hand zurückzog, winkte ich zum Abschied.

Ein Klopfen.

Ich wurde abrupt wach, als ich etwas Nasses an meinen Zehen spürte. Zuckend richtete ich mich auf dem Bett auf. Wieso müffelt es in meinem Zimmer nach Rost? Nachdem sich meine Sinne endlich an die Dunkelheit angepasst hatten, erblickte ich den Kopf eines Kindes am Fußende meines Bettes. Mein Laken war bereits mit dunkelrotem Gewebe durchtränkt. Der Junge lächelte. Aus seinen Wangen ragten Nadeln und Fäden heraus, damit dies so aussehen würde.

Es sah chaotisch aus. Also fing ich an, ihn zu richten.

Da war ein Mann, der mich beim Schlafen beobachtete. Er zerschnitt die Köpfe von Menschen und platzierte sie an meinem Fenster. Und nun ist er in mein Schlafzimmer eingedrungen und hat den Kopf eines kleinen Jungen auf das Ende des Bettes gelegt. Normalerweise hätte in diesem Moment die Angst überhand genommen, aber das ist nicht der Fall.

Die Geschenke haben mir immer gefallen.

Es klopft jemand an das Fenster.

Original: The Red Man von Jaisen Morales

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