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Die vermeidbare Katastrophe

Eigentlich bin ich zu schwach, um die letzten Momente meines Lebens hier draußen in der Hitze zu verbringen. Dennoch bin ich bereit, diese Tortur auf mich zu nehmen, denn ich möchte mir, bevor ich ablebe, ein Bild vom Ausmaß der Katastrophe machen. Nach dem Tod meiner Frau vergangene Nacht hält mich sowieso nichts mehr zu Hause

Gezeichnet von Krankheit, Durst und Hunger schlurfe ich über den heißen Asphalt, der mittlerweile mehr wie ein Friedhof aussieht als ein für Autos ausgelegter Weg. Leblose Körper, egal ob Mensch oder Tier, liegen verwesend auf der Straße und in Vorgärten. Es ist ein furchtbarer Anblick, und der widerliche Gestank, der von diesen Kadavern ausgeht, ist kaum zu ertragen.

Langsam schleppe ich mich voran, wohl wissend, gleich einer von ihnen zu sein. Die Sonne brennt schonungslos auf die Erde nieder und versengt alles, was sich unter ihr befindet. Resigniert schüttele ich meinen Kopf, den ich kaum noch oben halten kann. Die Zeichen waren doch eindeutig. Wieso wurde so wenig getan, um das Vermeidbare zu verhindern?

Ich würde am liebsten heulen, doch fehlt meinem Körper dazu die Kraft und das Wasser. Noch nicht mal Schweiß will sich bilden, der meine faltige, ausgetrocknete Haut ein wenig abkühlen könnte. All meine Bemühungen, ein gutes Vorbild zu sein, waren nutzlos. Ich fuhr, so oft es ging, mit dem Fahrrad und kaufte meine Lebensmittel weitestgehend unverpackt. Ich pflanzte im Garten sogar mein eigenes Gemüse an. Doch anstatt es mir gleichzutun, belächelten mich die Menschen um mich herum und bezeichneten mich als Ökofritze.

Aber auch Politik und Medien haben es nicht geschafft, die Katastrophe abzuwenden. All die Klimakonferenzen, Talkshow-Debatten und wissenschaftlichen Studien haben nichts gebracht. Wie hätten sie auch? Das Geld regierte die Welt und der Traum von Macht und Reichtum vernebelte die Köpfe der Menschen wie Zigarettenqualm. Wir lebten in Saus und Braus, vermehrten uns wie die Karnickel und schindeten unseren Planeten. Letzten Endes waren wir selbst für unseren Untergang verantwortlich. Der CO2-Gehalt stieg schneller an, als es die Forscher vorhergesagt hatten, und die Sommer wurden jedes Jahr wärmer. Das Schmelzen der Polarkappen trieb diesen Effekt immer weiter voran und ließ den Meeresspiegel ansteigen. Die vielen Großstädte an den Küstenregionen boten nicht zuletzt dadurch keine sichere Zukunft. Tropische Stürme, die durch die steigenden Temperaturen immer stärker wurden, bedrohten die Einwohner zusätzlich. Deshalb zogen sie nach und nach ins Landesinnere. Dadurch gab es immer weniger Platz für immer mehr Menschen.

Und dann kam auch noch diese schreckliche Krankheit, die Jahrtausende im Eis eingefroren war und so schleichend kam, wie sie tödlich war. Über die Ozeane gelangte sie ins Grundwasser und über das Plankton und die Fische in unsere Nahrung. Sie verbreitete sich rasend schnell und raffte Mensch wie Tier dahin. Ein Gegenmittel gab es nicht, und für die Forschung war viel zu wenig Zeit. Diese Krankheit, die sie die Pest aus dem Eis nannten, wurde uns zum Verhängnis.

Ich mache einen allerletzten Schritt, dann falle ich auf die Knie. Ich huste und spucke einen großen Klumpen Blut auf den Asphalt. Der Geschmack von Metall breitet sich in meinem Mund aus, während ich auf allen Vieren Richtung Boden schaue. Dann verlässt mich meine Kraft und ich klatsche auf den Asphalt. Wie ein Steak in einer Pfanne ohne Öl, bleibt mein nackter, mit Pestbeulen übersäter Oberkörper darauf kleben. Er ist unerträglich heiß, doch das ist mir egal. Ich habe es gleich überwunden. Ich schließe meine Augen und warte, dass es vorbei ist. Ich habe versagt. Wir alle haben versagt.

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