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Halber Engel

"Was sagt dein Spiegelbild?"

Halber Engel oder Was sagt dein Spiegelbild?

Disclaimer: Diese Geschichte enthält Blut, Kraftausdrücke und eventuell verstörende Inhalte. Sie soll niemanden aufgrund seiner Zugehörigkeit zu einer bestimmten religiösen Gruppe beleidigen oder diskriminieren, sondern dient lediglich der Unterhaltung. Selbstverständlich soll keiner der dargestellten Inhalte verharmlost oder gar verherrlicht werden.

Es fing alles so harmlos an. Ich war eines Morgens aufgewacht, ins Bad gegangen und hatte mich beim Umziehen im Spiegel angesehen. Ich mochte meinen Körper nie besonders, suchte jedoch häufig im Spiegel nach irgendetwas, einem kleinen Fleckchen an meinem milchweißen Körper, das ein zufriedenes Lächeln auf mein Gesicht zaubern könnte. Nur leider war da nichts. Als ich mich vor der kalten, glatten Glasbarriere zwischen meinem Bad und der Spiegelung davon etwas drehte, bemerkte ich an meinem Rücken zwei kleine Beulen. Sie waren so winzig, dass man sie leicht übersehen konnte, aber für die Schulterblätter waren sie zu groß und hatten die falsche Form. Ich wunderte mich zwar, nahm es jedoch als Einbildung hin und fuhr mit meiner Morgenroutine fort. Es war an sich ein ganz normaler Montag; aufstehen, fertig machen, Schule, heimkommen, Hausaufgaben, zum bestimmt 1000sten Mal irgendwas in der Bibel lesen und dann ab ins Bett. Zum Kotzen, aber alles in allem normal. Aber an dem Tag lief es etwas anders.

Während ich noch in der Schule saß fiel mir auf, dass das Shirt, welches mir sonst perfekt passte, auf einmal recht eng war, vor allem um die Brust herum. Ein kleiner Hoffnungsschimmer kam auf, dass sich das Flachland meines Körpers nun doch endlich entschlossen hatte, feminine Züge anzunehmen. Als ich jedoch in der Pause auf dem Klo nachsah, hatte sich doch nichts getan. Auch das tat ich anfangs als Einbildung ab. „Und wenn es das nicht ist?“, flüsterte die Stimme in meinem Kopf. Da sie mir erfahrungsgemäß keine Ruhe gönnen würde, bis ich es überprüft hatte zog ich mein T-Shirt aus und stellte mich seitlich vor den Spiegel. „Siehst du?“, murmelte ich, „Da ist ni…“ Das letzte Wort blieb mir im Hals stecken. Die Beulen auf meinem Rücken waren größer geworden! „Hoffentlich sieht man das nicht, das ist ja peinlich…“, sinnierte die Stimme vor sich hin. „Ach, halt die Klappe!“, erwiderte ich gereizt, zog mich wieder an und ging zurück in die Klasse.

Mitten in der Nacht wachte ich plötzlich auf, das Bedürfnis unterdrückend, mir die Seele aus dem Leib zu schreien. Diese Schmerzen waren unerträglich. Als ich das Licht anschaltete sah ich, dass mein einst blütenweißes Bettlaken rot war, wie eine frische Rose und getränkt mit warmem Blut. „Hat da etwa jemand seine Tage?“, spottete die Stimme. „Sei du bloß still, du Idiot!“, gab ich zurück. Das war jetzt wirklich das letzte, was ich brauchen konnte. Ich sah aus dem Augenwinkel in den Spiegel an meiner Schranktür und erstarrte. Da, wo beim Zubettgehen noch die Beulen an meinem Rücken gewesen waren, befand sich jetzt eine Mischung aus aufgerissener Haut und weißen, blutverschmierten Federn. Wuchsen mir da allen Ernstes Flügel? „Na du siehst ja aus“, begann die Stimme wieder, „Wie eine dumme kleine Taube, die im Stacheldraht hängen geblieben ist.“ „Halt den Mund.“ „Da ist das Blut wohl nicht nur im Schuh, was?“ „Halt den Mund!“ „Sonst was, hm? Wirst du mir die Augen rauspicken?“ „Ich hab gesagt, HALT DEN MUND!“, brach es aus mir heraus. Noch in dem Moment bemerkte ich, dass ich einen Fehler gemacht hatte. Aber zum Nachdenken war es jetzt zu spät, denn da ich nun einmal angefangen hatte zu brüllen, entlud sich der gesamte Schmerz und die Frustration über die Stimme in meinem Kopf, die mich schon wieder in den Wahnsinn trieb, in weiteren inhaltslosen Schreien. Sekunden später stand meine Mutter in der Tür. „Herr im Himmel, was ist denn los, mein Schatz?“, fragte sie besorgt. Ich gab keine Antwort, sondern schaute sie nur mit Tränen in den Augen an. Diese verfluchten Flügel taten so unbeschreiblich weh, dass ich den Rest meines Körpers nicht mehr spüren konnte. Sie schien das Ausmaß der Ereignisse erst nach und nach zu realisieren, denn ich sah ihr Gesicht immer rat- und fassungsloser werden. Aber als sie offenbar bemerkte, dass ich Schmerzen hatte und weinte, lief sie zu mir und nahm mich in den Arm. Ich brach schluchzend an ihrer Schulter zusammen und sie versuchte, mich zu beruhigen. „Na, na, Kleine, alles gut. Weißt du was? Wir gehen dich jetzt erstmal waschen und danach kriegst du einen Kaffee, ok? Du siehst sowieso nicht aus, als könntest du heute noch schlafen. Und du ziehst dir mal was an, du holst dir noch den Tod, Kind.“ „Oh, glaub mir, bald wirst du ihn dir wünschen, Täubchen.“, feixte die Stimme triumphierend. Meine Mutter brachte mich ins Badezimmer, wobei ihr offensichtlich auffiel, was mit meinem Rücken passiert war. Kurz nach dem Aufwachen ist sie immer etwas schwer von Begriff, das liegt in der Familie. „Oh, Schätzchen, sieh mal.“, sagte sie erstaunt und ich konnte in ihrer Stimme einen Hauch Glückseligkeit hören, der mich stutzig machte. „Der Herr hat dir Flügel geschenkt.“, „Danke, Mutter, das wäre mir fast nicht aufgefallen.“, entgegnete ich mit einem bitteren Unterton. „Nein, Kind, versteh doch. Das bedeutet, er hat dich zu einem seiner Engel auserwählt. Er hat in deine Seele geblickt und gesehen, dass sie so rein und weiß ist, wie eine Apfelblüte und da hat er entschieden, dass du die richtige bist, um die Menschen vor dem Bösen zu schützen.“ „Weiß wie eine Apfelblüte, dass ich nicht lache.“, mischte sich die Stimme spöttisch ein, „Wenn deine Seele rein ist, dann bin ich ein kleines Kuschelhäschen. Die ist so schwarz wie die finstere Nacht.“ Ich war zu müde und zu erschöpft, um einem der beiden zu antworten, deshalb ließ ich die Lobpreisungen meiner Mutter und die Schimpftiraden der Stimme in meinem Kopf über mich ergehen.

Ich war jetzt einigermaßen sauber und saß mit einer Tasse heißen Kaffees in der Hand am Küchentisch. Meine Mutter erledigte einige Dinge, wahrscheinlich bereitete sie das Frühstück vor, und als sie fertig war setzte sie sich zu mir. „Also, erzähl mal.“, forderte sie mich auf, „Hast du in letzter Zeit irgendwelche Vorzeichen bemerkt? Hattest du vielleicht Träume oder Visionen von unserem allmächtigen Herrn?“ Ich musste kurz überlegen. „Nein, hatte ich nicht.“, antwortete ich dann wahrheitsgemäß. „Das Einzige, was ich bemerkt habe ist, dass ich heute Morgen dort, wo jetzt die Flügel sind, zwei Beulen am Rücken hatte, die über den Tag größer geworden und anscheinend irgendwann in der Nacht aufgerissen sind.“ „Seltsam…“, murmelte sie versonnen. „Sonst schickt der Allmächtige uns doch immer Vorzeichen, wenn er eine wichtige Entscheidung getroffen hat.“ Nach einer kurzen Pause fügte sie hinzu: „Nun ja, egal. Liebling, siehst du, was das für eine Ehre ist? Der Erlöser und Erschaffer der Menschheit hat dich, meine kleine Marie, unter all den Menschen auserwählt und zu seinem Engel gemacht.“ Ein breites, glückliches Grinsen zierte ihr Gesicht und es tat mir fast leid, was ich jetzt sagte. Aber ich musste. „Mutter, du weißt ganz genau, dass ich nicht an Gott glaube. Wenn Gott allmächtig ist, warum unternimmt er dann nichts? Sieht er nicht, dass die Menschen leiden? Dass sie hungern, krank sind, hintergangen und verraten, von Krebs dahingerafft, oder von angeblichen Freunden hinterrücks erschossen werden?“, diese Anspielung darauf, wie mein kleiner Bruder Jakob und mein Vater Michael gestorben waren, wischte den frohen Gesichtsausdruck augenblicklich weg, aber fertig war ich noch lange nicht. „Wenn er die Macht hatte, Jesus wieder auferstehen zu lassen, obwohl niemand um ihn trauerte, warum hat er uns die beiden dann weggenommen und nicht zurückgegeben? Gott existiert nicht, Mutter.“ Sie schien den Tränen nahe, das sah ich, aber ich war zu aufgebracht, um einzusehen, dass ich zu weit gegangen war. „Aber Liebes, sag doch nicht so etwas Schreckliches.“, schluchzte sie schon fast, „Wenn Gott nicht existierte und nie existiert hätte, wer soll dann das alles hier geschaffen haben? Wer soll all das wundervolle und schöne ersonnen haben, wenn nicht unser Herr im Himmel? Und wenn er entscheidet, jemanden von uns zu nehmen, dann hat er doch sicher seine Gründe, selbst wenn wir sie nicht begreifen können. Wir sollten ihn nicht infrage stellen, sondern all das, was er an uns tut, das gute, genauso wie das vermeintlich schlechte, hinnehmen. Ändern können wir es ohnehin nicht.“ In meinem Inneren ballte sich heiße Wut zusammen. „Heißt das, es ist dir egal, dass Vater und Jakob tot sind?“, schrie ich sie an. „Heißt das, du hast nie hinterfragt, warum es ausgerechnet sie sein mussten und nicht irgendein anderer? Und selbst wenn Gott all das hier erschaffen haben sollte ist das trotzdem keine Entschuldigung dafür, was er uns antut. Vater war nicht mehr der Jüngste, ok. Möglich, dass er in seinem Leben Sünden begangen hat, für die er das verdient hatte, aber was hat Jakob denn bitte getan? Er war sechs Jahre alt, er wusste nicht einmal, was eine Sünde ist. Du sagst, Gott hat alles und jeden geschaffen? Was hat er sich dann gedacht, als er den Teufel auf die Erde setzte?“, ich verlor vollends die Kontrolle über mich. Es fühlte sich an, als würde nicht ich den nächsten Satz sagen, sondern die Stimme, die sonst nur ich hören konnte: „Es gibt nur zwei Möglichkeiten, Mutter. Erstens: Gott hasst die Menschen. Und zweitens: Gott ist tot.“ „…Und wir haben ihn umgebracht.“, vollendete die Stimme gedankenversunken, „Ich mag Nietzsche, du nicht auch?“ Während ich mich so in Rage geredet hatte, hatte ich gar nicht bemerkt, was mit meiner Mutter passiert war. Sie lag weinend und schluchzend mit dem Kopf auf dem Tisch und murmelte vor sich hin: „Nein, das ist nicht wahr. Das ist nicht wahr. Das darf nicht wahr sein.“ Ich erinnerte mich, dass sie genau dasselbe getan hatte, als die Nachricht vom Tod meines Bruders aus dem Krankenhaus kam. Langsam begann ich zu realisieren, was ich gerade angerichtet hatte. Ich stürzte um den Tisch herum und nahm sie in den Arm. „Verzeih mir, bitte. Ich wollte nicht… Ich wollte dich nicht verletzen, es tut mir leid. Bitte, Mutter, beruhige dich doch.“, flüsterte ich ihr zu.

Später war sie ein wenig heruntergekommen und ich machte mich gerade fertig für die Schule, da hörte ich sie hinter mir sagen: „Was machst du denn da?“ „Ich gehe zur Schule, wie jeden Tag, was dachtest du denn?“, antwortete ich perplex. „Du glaubst doch nicht allen Ernstes, dass ich dich in dieser Verfassung zur Schule schicke, oder?“ „Was?“ „Ich habe in deiner Schule angerufen und dich für heute krank gemeldet. Es geht dir nicht gut, da will ich mich um dich kümmern können, Liebling.“ „Oh, äh… danke Mutter.“ Ich war kurz am Überlegen, was sie wohl gesagt hatte, warum ich nicht kommen könne. Allerdings, an einer katholischen Schule wird „Wurde von Gott auserwählt“ wahrscheinlich als ernstzunehmende Ausrede akzeptiert. Bei dem Gedanken musste ich fast lächeln, aber wie so oft machte mein zweifelhafter Freund von zweiter Persönlichkeit mir die Stimmung zunichte: „Und was hast du vor, wegen dieser unpraktisch hässlichen Flügel zu unternehmen?“, ich war sofort wieder genervt. „Was soll denn das wieder heißen?“ „Naja“, argumentierte er, „wenn die so weiterwachsen, passt du bald durch keine Tür mehr. Du kannst dich weder auf einen Stuhl setzen noch ins Bett legen und das Schlimmste ist, dass du dauernd oben ohne rumlaufen musst, weil du da keine Kleidung drüberziehen kannst.“ Leider musste ich zugeben, dass er nicht ganz Unrecht hatte. „Mutter?“, sagte ich deshalb. „Ja, Schatz, was denn?“ „Meinst du, wenn ich… wenn ich kein Engel sein möchte…“ „Wenn du nicht möchtest, dann musst du es dem Herrn nur sagen. Ich denke, er wird deine Bedenken verstehen und wenn du es dir wirklich wünschst, dann wird er deine Gebete erhören und dich von deinen Flügeln befreien.“

Ich hatte eine Weile darüber nachgedacht, was meine Mutter gesagt hatte. Um die Mittagszeit herum dachte ich schließlich, es könne ja nicht schaden, das mit dem Beten einmal auszuprobieren. Ich sagte ihr also Bescheid und ging in die nahegelegene Kirche, wobei die Stimme dauernd irgendwelche spöttischen oder unangebrachten Kommentare abgab. „Ich glaube, bei der Gelegenheit werde ich Gott auch gleich bitten, dass er mich von dir erlöst.“, murmelte ich ihm verärgert zu, doch das schien ihn nicht zu kümmern. Als ich in dem Gotteshaus angekommen war fand ich es vollkommen leer. Logisch, wer ging schon Dienstag mittags in die Kirche. Als ich versuchte, mich auf eine der Bänke zu setzen fiel mir auf, dass die Stimme Recht gehabt hatte: ich konnte mich nicht mal mehr auf einen Stuhl oder eine Bank mit Rückenlehne setzen, weil die Flügel im Weg waren. In Ermangelung einer besseren Idee kniete ich mich vor den Altar, schaute zu Boden und fing mit der gewohnten Prozedur an. Selbst, wenn ich nicht der größte Fan der ganzen Geschichte bin, das Vaterunser und den ganzen Kram werde ich nie wieder aus meinem Kopf herausbekommen. Ich bat mehrfach darum, von den Flügeln und der Engelsberufung befreit zu werden. Nichts geschah, wie zu erwarten. Vielleicht dauert es eine Zeit, dachte ich. „Ach was, das funktioniert doch niemals.“, begann die Stimme wieder zu spotten. „Dein Gott will dich nicht erlösen, sonst hätte er das schon längst getan.“ Ich gab mir die größte Mühe, ihn zu ignorieren. Zuhause angekommen war noch immer nichts passiert. „Wie viel Zeit willst du ihm denn noch geben?“, fragte die Stimme ungeduldig. „Er wird dir nicht helfen, Kleine, versteh das doch. Wenn du die Flügel loswerden willst, musst du sie abschneiden.“ „Abschneiden?“, entfuhr es mir. „Bist du wahnsinnig? Ich kann mir doch nicht einfach den Rücken aufschneiden.“ „Dann lass es jemand anderes machen, aber irgendetwas musst du unternehmen.“ Bei dem Gedanken stellte sich jedes Härchen an meinem Körper auf, aber ich musste widerwillig zugeben, dass auch ich keine andere Möglichkeit sah. Ich überlegte krampfhaft, wen ich wohl um so etwas absurdes bitten könnte, denn in unserem Haus, das wusste ich, gab es nichts, was scharf genug gewesen wäre, um die Muskeln, die Haut oder gar die Knochen zu durchtrennen. Die Stimme schien von der Idee geradezu begeistert, denn er versuchte tatkräftig, mir zu helfen. „Frag doch mal Lucie. Sie kennt sich gut mit Messern und Klingen aus und interessiert sich total für diesen Okkultismus-Schwachsinn.“ „Manchmal bist du mir doch eine Hilfe…“, gab ich gedankenverloren zurück, während ich meine Freundin anschrieb, ob sie Zeit hätte und ich zu ihr kommen könnte. Zum Glück war sie zuhause und ich machte mich auf den Weg zu ihr. Meiner Mutter log ich vor, ich würde noch einmal mein Glück in der Kirche versuchen, denn ich wusste, wie sehr sie Lucie verabscheute.

Als ich bei ihr klingelte und sie mir die Tür öffnete sah ich die gleichen Stadien der Verwunderung wie bei meiner Mutter in der Nacht. Ich wusste, dass die erste Frage, die ihr auf der Zunge lag, lautete:  „Seit wann gehst du denn nur im BH vor die Tür?“. Doch bevor sie diese aussprechen konnte, realisierte sie meine Flügel. Was sie nun stattdessen sagte war: „Wow, bist du schön.“ Es klang so erstaunt und so unnachahmlich ehrlich, dass ich mir sicher sein konnte, die Aussage musste ernst gemeint sein. Meine Wangen wurden ein Bisschen rot und ich schaute verlegen zur Seite. „Danke schön.“, murmelte ich verlegen. „Darf ich bitte reinkommen?“ Überrumpelt hielt sie mir die Tür auf und bat mich herein. Als wir drinnen waren, fragte sie mich: „Also, jetzt mal eins nach dem anderen. Was ist mit dir passiert, wo kommen die Flügel her und wieso bist du auf einmal so… so… mir fällt kein besseres Wort ein, wunderschön?“ „Wie meinst du das denn?“, gab ich erstaunt und verwirrt zurück, ohne auf ihre anderen Fragen einzugehen. „Naja, du… ich weiß nicht… Du warst auch sonst echt hübsch, aber… du siehst so… so anders aus. So… perfekt, weißt du?“ „Die Kleine hat nicht ganz Unrecht. Siehst nicht ganz so Scheiße aus wie sonst.“, bekräftigte die Stimme überraschenderweise. „Äh…“, begann ich, „Naja, meine Mutter sagt, ich sei “von Gott auserwählt worden” oder so. Er soll mich zu einem Engel gemacht haben. Ich glaube zwar nicht so wirklich daran, aber ich kann mir trotzdem nicht erklären, wie das alles zustande kommt.“ Ich hatte zwar nicht erwartet, dass sie mir glauben würde, doch sie schien es nicht einmal in Betracht zu ziehen, dass es einen anderen Grund haben könnte als den, den meine Mutter angenommen hatte. „Und was hast du vor jetzt zu tun?“, fragte Lucie nachdem sie mich eine Weile lang nachdenklich angesehen hatte. „Ich weiß nicht so recht, aber eigentlich war ich ganz froh damit, wie es vorher war.“ Zu meiner Überraschung sah sie mich entgeistert an und fragte ungläubig: „Echt jetzt?“ „Ja. Wieso wundert dich das so?“ „Verflucht, Marie! Du kannst doch nicht… Das ist doch nicht dein Ernst!“ „Wieso? Natürlich meine ich das ernst, die Flügel sind mir nur im Weg und ich weiß auch gar nicht, was ich als Engel tun soll.“ „Mir helfen vielleicht?“, meldete sich die Stimme wieder zu Wort. „Wie käme ich dazu?“, gab ich gereizt und etwas zu laut zurück. „Was?“, fragte Lucie erschrocken, „Ich… ich hab doch gar nichts gesagt, wieso bist du denn so aggressiv?“ Oh verdammt. Ich hätte mich mehr zurückhalten sollen, vor allem bei ihr. Ich wusste ja, dass sie immer recht emotional und sensibel war, was mich anging. „Tut mir leid, Süße ich… ich hab nicht dich gemeint, Sorry.“, versuchte ich hastig, sie zu beruhigen. Sie legte den Kopf schief und fragte langsam und sehr leise: „Marie?“, „Ja?“, „Kann es sein, dass du…“, „Dass ich was?“, „Dass du eine zweite Persönlichkeit hast?“ Sie schien sich Sorgen zu machen, dass sie mich damit verletzen würde, denn sie stotterte ein wenig und sprach so leise, dass ich Schwierigkeiten hatte, sie zu verstehen. Aber verstanden hatte ich sie doch. Fuck, jetzt ist es raus. Ich hatte nie jemandem davon erzählt, nicht einmal ihr, meiner besten Freundin. Ich hatte immer Angst gehabt, sie würden mich auslachen, sich über mich lustig machen oder mich deswegen mobben. Die Stimme hatte mir immer gesagt, dass die anderen… Ach, Scheiße nochmal, ich war auf ihn reingefallen! „Ja, ich bin schizophren.“, sagte ich schließlich mit belegter Stimme. Lucies Augen begannen zu leuchten, wie die eines kleinen Kindes, das eine riesige Kugel Eis sieht und sie begann, aufgeregt zu fragen: „Wahnsinn! Und… und wie ist das so? Was sagt die Stimme dir für Sachen? Hat sie dir schon mal gesagt, dass du irgendwas böses oder gemeines machen sollst?“ Sie ist so süß, wenn sie sich freut. Ich musste grinsen, doch die Stimme wehrte sich: „Sag ihr bloß nichts über mich, das geht sie nichts an.“, „Bist du jetzt mein Anwalt, oder was? Ich erzähle ihr, was ich will.“, flüsterte ich trotzig zurück. An Lucie gewandt begann ich: „Naja, es ist nicht ganz so, wie du es dir wahrscheinlich vorstellst. Er sagt mir meist nicht, was ich tun soll oder so, sondern gibt einfach nur irgendwelche unangebrachten Kommentare von sich. Er ist manchmal echt gehässig.“  „Halt den Mund, verflucht!“, verlangte die Stimme leicht panisch, doch ich beachtete ihn nicht. „Aber manchmal gibt er mir auch… Tipps, wenn man das so nennen kann.“, „Bitte, sei still. Du weißt nicht, was du tust, Mädchen.“, „Er hat mir zum Beispiel geraten, wegen der Flügel zu dir zu gehen…“, „Alles klar, Kind. Wer nicht hören will muss fühlen.“, war das Letzte, was ich wahrnahm. Dann schlug ich auf einmal zwanghaft mit dem Kopf auf den Tisch vor mir. Es war so heftig, dass ich augenblicklich das Bewusstsein verlor und mein Sichtfeld schwarz wurde. Sowas war mir noch nie passiert.

Als ich die Augen wieder aufschlug brummte mir der Schädel. Ich sah direkt in das Gesicht meiner Freundin, die vor mir auf den Knien saß. Ich bemerkte, dass ich auf der Seite in ihrem Bett lag. „Bist du wieder wach?“, fragte sie mit besorgter Stimme. „Wie sieht’s denn aus?“, antwortete ich noch immer etwas benommen. Das kam gemeiner rüber als gewollt, Mist. „Sorry. Geht… geht’s dir gut?“, „Ja, geht schon, danke. Wie lange war ich denn…?“ „Sicher zwei Stunden. Marie, was machst du denn? Ich hab mir Sorgen gemacht.“ Sie schniefte ein wenig. War das normal? Ich meine, natürlich war das ein Schock gewesen, aber würde sich eine einfache Freundin so benehmen? Naja egal, es war für mich auf jeden Fall von Vorteil. „Das… das war keine Absicht.“, murmelte ich. „Ich… ich weiß auch nicht, warum ich das getan hab.“, „Natürlich weißt du das. Du willst es nur nicht wahrhaben. Du wirst ihr kein Wort mehr über mich erzählen, ist das klar? Sonst kommst du das nächste Mal nicht so einfach davon.“ Moment mal, hatte er mir gerade gedroht? Das hatte er noch nie getan. Er war ein hemmungsloser Zyniker und gehässig war er auch, aber er hatte mir noch nie gedroht oder mich verletzt. Was hatte das zu bedeuten? „Geht es dir wirklich gut, Marie?“, fragte sie noch einmal und schien wieder besorgter, als ich erwartet hätte. „Ja, es geht mir gut, danke schön. Reden wir lieber über die Flügel, deswegen bin ich ja eigentlich hier.“ „Stimmt, wieso bist du eigentlich zu mir gekommen? Kann ich dir irgendwie helfen?“ Mein Mund wurde trocken und ich hätte es beinahe nicht herausgebracht, flüsterte jedoch angestrengt: „Ich… ich will… will die Flügel wieder loswerden. Kannst du mir vielleicht helfen?“ Sie sah mich an wie ein Kalb mit zwei Köpfen. „Wie meinst du das denn?“ „Naja, ich will diese Flügel nicht mehr.“ „Willst du nur die Flügel loswerden, oder willst du kein Engel mehr sein?“ „Beides. Aber die Flügel sind ehrlich gesagt mein größtes Problem. Die sind so unpraktisch. Und ich finde sie sehen auch nicht gut aus.“ Lucie murmelte etwas wie: „Also ich finde sie wunderschön.“ Ich hatte sie nicht richtig verstanden, deshalb fragte ich: „Was hast du gesagt?“, doch sie schaute peinlich berührt zu Boden und winkte ab. „Nichts, gar nichts. Alles gut.“ Was war denn mit ihr los? In letzter Zeit war sie immer so verschlossen mir gegenüber. Ihr schien alles Mögliche total peinlich zu sein, sie wurde dauernd rot im Gesicht, wenn sie mit mir sprach und schaute mich fast nie direkt an. Was sollte das? Verheimlichte sie mir etwas? „Hey, ist irgendwas?“, fragte ich sie deshalb. „Wir haben uns doch versprochen, dass wir uns alles erzählen. Egal was es ist, ich bin dir schon nicht böse.“ Doch sie schien nicht darüber reden zu wollen. „Es ist nichts, wirklich. Ich… es ist alles gut, glaub mir.“ Ich wusste, es hatte keinen Sinn, weiter zu fragen und dass ich sie damit nur bedrängen würde, also beließ ich es dabei. „Und? Was meinst du, kannst du mir helfen?“, fragte ich stattdessen hoffnungsvoll. „Naja, wie ich dich wieder zu einem normalen Menschen machen kann weiß ich nicht, aber dafür müsste man wahrscheinlich ein Blutritual durchführen und das würde ich lieber nicht tun. Ich könnte dir aber die Flügel… abschneiden. Das… das wäre zwar nur Symptome behandeln, aber die Flügel müsstest du damit erst mal los sein. Und ich würde mich dann damit beschäftigen, eine Möglichkeit zu finden, die… naja, die Engelsberufung aufzuheben… Damit kenne ich mich nicht so gut aus, aber ich hab bestimmt ein paar Bücher, wo sowas drinstehen könnte.“ „Das klingt doch gut. Machst du das für mich, bitte?“ „Was? Die Recherche… oder die… die Operation?“, fragte sie mit zitternder Stimme. „Beides?“, gab ich mit entschuldigender Miene zurück. „Tut mir wirklich leid, Lucie. Wenn du nicht willst ist das ok, ich versteh das schon, du…“, doch sie unterbrach mich. „Ich habe kein Problem mit dem Abschneiden. Ich habe nur kein brauchbares Anästhetikum hier, das heißt, es würde echt wehtun.“ Dieses Mädchen ist der absolute Wahnsinn. „Du kannst dir nicht vorstellen, wie sehr es wehgetan hat, als die blöden Dinger mir den Rücken aufgerissen haben. Schlimmer kann das Abschneiden auch nicht sein.“, „Wow. Du… du willst echt, dass ich dir ohne Betäubung… den… den Rücken aufschneide?“, „Ja, das will ich. Bitte, Lucie, hilf mir.“ Irgendwie veränderte sich ihr Gesichtsausdruck in diesem Moment. Sie sah entschlossen aus und irgendwie… glücklich. „Du bist einfach… unglaublich.“ Ein breites, sanftes Lächeln legte sich auf ihr Gesicht. „Und wo hast du vor, das zu machen? Das wird sicher ne heftige Sauerei.“ Die Frage hatte ich mir schon die ganze Zeit gestellt, da sie sich darüber anscheinend keinerlei Gedanken machte. Doch sie lächelte nur. „Du kennst mich doch. Ich hab im Keller einen Ritualraum, da ist alles, was wir brauchen. Und wenn da Blut ist, ist das nicht so schlimm. Außerdem…“ „Außerdem?“ „Naja, du bist doch noch Jungfrau, oder?“ Wollte sie mich verarschen? „Ist das dein Ernst?“, fragte ich ein wenig gereizt. „Sorry, das… das war nur ein Spaß.“ Besser ist das. „Na dann… lass… lass es uns tun…“ Sie sah mich immer noch ungläubig an. „Ok, folg mir einfach.“ Wir gingen aus ihrem Zimmer, das im Obergeschoss lag, in den Flur in Richtung der Kellertreppe, doch bevor wir hinuntergehen blieb sie stehen und ich stieß fast mit ihr zusammen. „Was… was ist denn los?“ „Ich hab das Messer vergessen.“, gibt sie kleinlaut zu. Ohne auf eine Antwort zu warten verschwand sie in einem anderen Zimmer, das ein Bad sein musste, und kam Sekunden später mit einem kleinen Päckchen in der Hand zurück. „Was ist das?“, fragte ich verwirrt. Ich dachte, sie wollte ein Messer holen… „Das sind Rasierklingen. Die sind so scharf, dass du kaum was merken wirst.“ Rasierklingen? „Wie willst du denn damit die Knochen durchtrennen?“ „Knochen? Was für Knochen denn?“ Redeten wir überhaupt über dieselbe Operation? „Na den Knochen im Flügel natürlich.“ „Himmel, Marie. Was denkst du denn, was ich vorhabe? Ich kann doch nicht ohne Narkose einen Knochen durchsägen, das würdest du nicht überleben. Ich schneide natürlich am Gelenk, das ist viel einfacher.“ Ich war wieder vollkommen erstaunt, wie intelligent dieses Mädchen war. „Woher weißt du denn sowas?“ „Logische Schlussfolgerung. Einen Knochen bekomme ich nicht durch, also schneide ich daran vorbei. So kann man eine Leiche binnen Minuten in handliche Einzelteile zerlegen.“ Dafür, dass sie sonst so schüchtern war, hatte Lucie erstaunlich viel über dieses Thema zu sagen. Das war fast etwas gruselig, aber was solls. Ich brauchte nun mal ihre Hilfe, vor allem deswegen. Ich ließ sie also wieder vorbei und sie ging voran. Als wir an der Tür zum Keller ankamen drehte sie sich noch ein letztes Mal besorgt zu mir um. „Und du bist dir wirklich sicher, dass du das willst?“ „Ja, verdammt noch mal. Ich hab‘s dir doch schon oft genug gesagt.“ Sie nickte knapp, drehte sich um und ging vor mir die Kellertreppe hinab. Als ich hinter meiner Freundin die enge Kellertreppe herunterstieg, breitete sich ein mulmiges Gefühl in meinem Körper aus, nicht aus Angst vor dem Eingriff, sondern weil der Gang so niedrig, eng und dunkel war. Endlich kamen wir im Keller an und Lucie ging zielstrebig auf ein alt wirkendes Bücherregal zu. Was wollte sie an dem Regal? Musste sie erst etwas nachlesen? Tatsächlich nahm sie ein großes, verstaubtes Buch heraus. Doch statt es aufzuschlagen legte sie es auf den Boden und zog auch das noch heraus, welches direkt daneben stand und legte auch das weg. Was sollte das werden? In dem Moment, als ich gerade fragen wollte, steckte sie die Hand in die entstandene Lücke in der überwältigenden Wand aus Büchern und als sie sie wieder herauszog hatte sie einen beachtlichen Metallstift in der Hand. Ich stieß einen Laut der Verwunderung aus, und als sie eine Hand auf die Seite des Regals legte und es scheinbar spielend leicht zur Seite aufschwingen ließ konnte ich nicht anders. „Was zur Hölle…?“, entfuhr es mir und sogar die Stimme in meinem Kopf war erstaunt. „Respekt, das hätte ich nicht erwartet.“, murmelte er anerkennend. Hinter dem Regal tat sich eine Art Tür auf, die in einen kleineren Raum führte, als der, in welchem wir gerade waren, dessen Decke jedoch für ein Kellerzimmer überraschend hoch war, sicher 3 Meter. „Na, was sagst du?“, fragte Lucie triumphierend und deutete mit einem breiten Grinsen auf den Ritualraum. „Ein… ein Bisschen klischeehaft, vielleicht…?“, sagte ich vorsichtig, doch sie lachte nur und meinte: „Na, dann warte mal, bis du den Raum selber siehst, der ist noch viel klischeehafter.“ Dann führte sie mich hinein und ich sah, dass sie nicht gelogen hatte. Auf dem Boden prangte, mit dicken roten Strichen, ein perfekter Kreis mit einem fünfzackigen Stern darin. In der Mitte dieses Symbols stand eine Art Altar oder Tisch aus Stein, der mit Kerzen geschmückt und so groß war, dass ein Mensch problemlos mit weit abgespreizten Gliedmaßen darauf Platz hatte. Die Tischplatte war mit zahllosen Ornamenten und bedeutungsschweren Symboliken verziert, natürlich ebenfalls in der Farbe getrockneten Blutes. An einer der Wände stand ein weiterer kleinerer Altar oder eher Schrein. Auf einem niedrigen Steinsockel saß im Schneidersitz eine imposante Statue des Baphomet, hinter dessen ziegengehörntem Kopf ein weiters Pentagramm in einem Kreis an die Wand gemalt war und in dessen Schoß eine Opferschale ruhte. Wände, Boden und Decke waren über und über mit den okkulten blutroten Symbolen, deren Bedeutung ich größtenteils nicht verstand, übersäht. Erst nach einiger Zeit bemerkte ich, im dämmrigen Licht der Kammer, dass an der anderen Wand, gegenüber des Baphometen, ein kunstvoll geschnitztes Kreuz hing, mit dem Körper Jesu, jedoch auf dem Kopf. An jeder der fünf Spitzen des Sterns am Boden stand eine metallene Feuerschale mit langem Standfuß, sodass sich das Feuer ungefähr auf Brusthöhe, jedenfalls auf meiner Brusthöhe, Lucie gingen die Schalen fast bis zur Nase, befand. Auch diese waren aufwendig verziert. Sie schienen nicht gekauft zu sein, denn jede sah etwas anders aus, sie passten jedoch trotzdem zusammen. Erstaunt fragte ich, an Lucie gewandt: „Wow, wo hast du das alles her? Das muss doch wahnsinnig teuer gewesen sein.“ Wieder grinste sie zufrieden und sagte: „Teuer? Nein, kein Bisschen. Das hab ich alles selbst gemacht.“ „ALLES?“ Ich wusste ja, dass sie eine gewisse künstlerische Begabung hatte aber diese Statue war einfach… einfach atemberaubend. „Das ist doch nicht dein Ernst. Diese Statue hast du doch wohl nicht alleine gemacht.“ „Doch, ganz allein.“, sagte sie stolz und lächelte breit. „Hat ewig gedauert das ganze Zeug hier reinzukriegen, ohne dass es jemand merkt. Beim Tragen hab ich mir von ein paar netten Jungs helfen lassen, die sich wahrscheinlich Hoffnungen gemacht haben.“ Sie schmunzelte wieder. „Daraus ist natürlich nichts geworden. Aber so hab ich die zwei Steinblöcke recht einfach hier runter bekommen.“, kicherte sie und deutete auf den Baphomet und den Altar. Ich musste ebenfalls lachen, doch dann fiel mir ein, wieso wir eigentlich hier waren und ich fragte etwas ernster: „Also, legen wir los?“ Sie nickte. Dann ging sie aus dem Raum und kam kurz darauf zurück. In den Händen trug sie einen Sack Kohlen und ein Feuerzeug, womit sie die fünf Feuerschalen um den Tisch herum entzündete, sowie die Kerzen, die darauf standen. Dann verschwand sie wieder. Als sie diesmal zurückkam, brachte sie eine flache Schale mit Wasser herein. „Ich hab mir die Hände gewaschen, wegen der Kohle.“, sagte sie nebenbei. Dann schien ihr etwas einzufallen. „Hast du dein Handy dabei?“, „Ja, hab ich, wieso?“ „Das musst du draußen lassen.“ Wieso sollte ich? „Na gut, hier.“ Ich reichte ihr das Gerät, da ich ihr sowieso vertrauen musste und sie brachte es aus dem Raum. Beim Hereinkommen hatte sie eine Tasche bei sich, von der ich nicht wusste, was darin sein könnte. Als sie drin war schloss sie die Tür hinter sich. Dann stand sie vor mir und sah mich auf einmal mit solchem Ernst an, dass ich beinahe etwas Angst bekam. „Marie, vertraust du mir?“, fragte sie mit hohler Stimme. „Ja.“ „Bist du dir sicher, dass ich das tun soll?“ „Ja, Lucie, Ich bitte dich darum.“ „Gut. Dann lass uns anfangen.“ Sie ging zu dem Tisch und reinigte die Oberfläche sorgfältig mit einem Lappen, den sie aus der Tasche herausholte. Als sie fertig war, streckte sie mir ihre Hand entgegen und wandte den Blick ab. „Gib mir bitte deinen BH, der wird sonst echt dreckig.“ Ich sah, wie sie rot im Gesicht wurde und musste schmunzeln. Ich tat, was sie gesagt hatte, griff nach hinten und öffnete den Verschluss. Ich ließ das Kleidungsstück von meinen Armen gleiten und legte es in ihre geöffnete Hand. „Was soll ich jetzt tun?“ „Leg dich bitte mit dem Rücken nach oben auf den Tisch, der Kopf zur Statue, und streck die Arme, Beine und Flügel aus, soweit du kannst.“ Ich tat auch das, ohne länger nachzudenken. Der Stein fühlte sich kalt und feucht an. Es war unbequem dort zu liegen und mich verließ irgendwie der Mut. Aber ich wusste, dass ich es wollte. Es musste sein. „Bist du fertig?“, hörte ich Lucie hinter mir. „Ja, bin ich.“, antwortete ich mit einem leichten Zittern in der Stimme. Ich konnte hören, dass sie zu mir kam, sich an das Ende des Tisches, an dem meine Füße lagen, stellte und die Tasche dort abstellte. „Ich werde dich am Tisch festbinden müssen, damit du dich nicht bewegst und dir am Ende noch wehtust. Ist das in Ordnung?“ Scheiße, sie wollte mich wirklich fesseln? Musste das sein? Aber dann fiel mir auf, dass es sein musste. Ich würde um mich schlagen und zucken, wenn sie es nicht tat. „Bitte schön fest.“, flüsterte ich und schon hatte sie begonnen. Mit einem unglaublichen Geschick und schneller als erwartet band sie ein glattes Seil, wahrscheinlich eine Kletterleine oder so etwas, um mein Fußgelenk und befestigte es an der Seite des Altars. Kaum hatte ich realisiert, dass sie mit dem einen Bein fertig war, war das andere schon genauso gefesselt und sie ging um den Tisch herum. Wenige Sekunden später waren auch meine Hände gefesselt. Die Seile waren straff gespannt, doch Lucie hatte es so geschickt angestellt, dass sie weder an meinen Gliedmaßen zogen noch sich ins Fleisch schnitten. Trotzdem waren sie so fest gezogen, dass ich mich kaum bewegen konnte. Wieso konnte sie das so gut? Es schien, als habe sie das lange und oft geübt. Ich musste schmunzeln. „Das kannst du aber gut.“, lobte ich sie. „Wie hast du das denn gelernt?“ „Internet…“, meinte sie verlegen und ich konnte beinahe spüren, wie sie die Schultern hochzog und ihre Wangen rot wurden. „Ich… ich dachte, das könnte mal nützlich sein, weißt du?“ Nützlich? Wozu sollte das nützlich sein? „Na, wenn du mal einer blöden Freundin den Rücken aufschneiden musst und kein Anästhetikum da hast…“, stichelt die Stimme in meinem Kopf und mir fiel erst jetzt auf, wie lange er still gewesen war. Na toll, jetzt redete er wieder. Ich wartete darauf, dass Lucie zu schneiden begann, doch sie tat es nicht. Stattdessen schien sie irgendetwas in der Tasche zu suchen. Wenig später hatte sie es wohl gefunden, denn sie bewegte sich wieder um mich herum und hielt mir schließlich etwas vor den Mund, das wohl ein Stück Holz sein musste. „Nimm das bitte in den Mund und beiß drauf, sonst beißt du dir womöglich die Zunge ab.“, erklärte sie. Daran hatte ich gar nicht gedacht. Wieder tat ich, was sie gesagt hatte. „Ich bin zu klein um an die Flügel richtig heranzukommen, weil der Tisch so breit ist. Es wäre am besten, wenn ich mich über dich knien würde, wäre das ok?“ Ich nickte wieder etwas belustigt. Wieso war ihr das alles so peinlich? Ich konnte einen gewissen Unterton in ihrer Stimme hören, der andeutete, dass ihr diese Fragen unheimlich unangenehm waren. Sie kramte noch etwas aus der Tasche heraus und kniete sich dann über meinen Körper, die Knie rechts und links meiner Hüfte. Dann spürte ich eine kalte Flüssigkeit am Rücken und hörte Lucie sagen: „Zuerst Desinfizieren der Haut mit Alkohol.“ Es wirkte mehr wie ein Monolog, so als müsse sie sich selbst ins Gedächtnis rufen, was zu tun war. „Als nächstes die Klinge im Feuer reinigen.“ Sie hielt diese wahrscheinlich gerade in eine der Kerzen. „Und jetzt der komplizierte Teil. Das Messer ansetzen, knapp unter der Schulter, wo die Flügel anfangen, die linke Seite zuerst.“ Ich spürte das warme Metall auf der Haut und erwartete einen schneidenden Schmerz, doch es kam keiner, nur ein leichtes Ziehen. Diese Klinge musste teuflisch scharf sein. Ich bemerkte am Rande, dass ihre Stimme gedämpft klang. Wahrscheinlich hatte sie eine Atemschutzmaske aufgesetzt. Himmel, dieses Mädchen denkt auch wirklich an alles. Sie schnitt weiter und fuhr fort, es zu kommentieren und ich dachte noch, dass ich sie wahrscheinlich noch nie so viel habe reden hören, wie heute, da musste ich fast aufschreien. Nur das Holzstück in meinem Mund hielt mich zurück. Lucie hielt inne und beugte sich ein Stück vor. „Es ist kein Problem, wenn du schreien willst. Der Raum ist schalldicht, keiner wird uns bemerken.“ Sollte mir so eine Aussage nicht Angst machen? Das sah wohl auch meine zweite Persönlichkeit so, denn er begann: „Was zur Hölle machst du hier eigentlich? Du liegst halb nackt, gefesselt und geknebelt im Keller einer Verrückten, die gerade mit einem Rasiermesser an deinem Rücken herumschneidet. Und dann sagt sie, dass es egal ist, wenn du schreist, weil dich eh keiner hört. Klingt nach nem billigen Horrorfilm, wenn du mich fragst…“ „Dich hat aber keiner gefragt.“, will ich gedanklich erwidern, doch der plötzliche Schmerz schnitt – oh, was für ein Wortspiel – mir den Gedankengang ab. Sie setzte das Messer wieder ab, schnitt jedoch fast sofort weiter, diesmal auf der anderen Seite des Flügels. Zum Glück war die Stelle, die sie öffnen musste, nicht sehr groß. Die Gelenke der Flügel waren wohl ungefähr faustgroß. „So, Haut und Muskel sind größtenteils durch. Jetzt die Gelenkkapsel und das Gelenk.“, kommentierte Lucie weiter und ich gab mir die größte Mühe, jetzt nicht so laut und heftig zu brüllen, dass mir das Holz aus dem Mund fiel. Sie schien einige Probleme zu haben, denn sie fluchte leise und hörte schließlich auf, zu schneiden. „Das ist schwerer, als ich dachte. Blöde Gelenkkapseln.“ Durch das Holz versuchte ich zu sagen: „Ich dachte, du weißt, was du tust.“ Offenbar hatte das anklagender geklungen, als es sollte, denn sie sagte abwehrend und etwas zittrig: „Tu ich ja auch, natürlich weiß ich, was ich tue, aber ich hab das nun mal noch nie gemacht. Wenn ich Tiere zerlege benutze ich immer eine Knochensäge. Außerdem bluten die nicht so stark. Es tut mir so leid, Marie. Ich… ich schaffe das, versprochen.“ Sie weinte fast, während sie sich wortreich entschuldigte. Jetzt fühlte ich mich wieder schlecht und wollte gerade etwas sagen, um sie zu beruhigen, da spürte ich einen Ruck am linken Flügel. Sie drehte ihn um, zog ihn nach oben und durchtrennte mit einem schnellen und etwas brutaleren Schnitt, als vorher, das Gelenk, welches ihn an seinem Platz hielt. Dieses knirschte widerlich und dann konnte ich den Flügel nicht mehr spüren. Der Schmerz durchbohrte mich wie ein riesiger, verrosteter Speer und ich brüllte mir wie ein angeschossener Hirsch die Seele aus dem Leib. „Er… er ist…“, stotterte Lucie außer Atem, als ich mich etwas beruhigt hatte. „Er ist ab. Der Flügel ist ab.“ Es klang triumphierend und erleichtert und auch ich empfand eine solche Erleichterung, dass ich trotz der Schmerzen auf dem Tisch in mich zusammenfiel. „Jetzt muss ich die Wunde verschließen.“, teilte sie mir mit. Dann spürte ich ein leichtes Pieken am Rücken. Sie schien die Wunde zu nähen. Als sie damit fertig war, legte sie mir einen Verband an, über Schulter und Brust. „So, jetzt der andere.“, sagte sie noch, doch in dem Moment fiel mein Kopf zur Seite und ich sah den abgetrennten Flügel auf dem Boden liegen. Das zerfetzte Ende, das eben noch an meinem Rücken festgewachsen war, die durchtrennten Sehnen und der offen liegende Knochen, die blutverschmierten Federn und die Blutlache, die sich unter dem Ende des Flügels bildete… Das alles, wahrscheinlich in Kombination mit dem Blutverlust, ließ mir schwarz vor Augen werden und ich verlor das Bewusstsein, zum zweiten Mal an diesem Tag.

Endlich, ich weiß nicht genau, wie lange es dauerte, wachte ich wieder auf. Wieder lag ich in Lucies Bett, diesmal war sie jedoch nicht über mich gebeugt, sondern sie saß neben mir auf der Bettkante und sah mich an. Erleichterung breitete sich über ihr Gesicht aus und sie atmete hörbar aus. Dann, als ich meine Augen ganz geöffnet hatte, fiel sie mir um den Hals und drückte sich fest und herzlich an mich. „Oh, Marie, ich bin so froh, dass es dir gut geht. Es… es tut mir so leid.“ Was war denn passiert? Ich erinnerte mich an nichts, seit ich in Ohnmacht gefallen war. Als ich etwas genauer nachdachte bemerkte ich, dass der zweite Flügel ebenfalls weg war. „Ich danke dir, Lucie. Ich danke dir tausendmal.“, flüsterte ich und schlang ebenfalls meine Arme um sie. „Du… du hast einiges an Blut verloren. Ich dachte schon, du wärst… du wärst…“ Sie wagte es nicht, das Wort auszusprechen, welches wir beide dachten, genauso wenig wie ich. Ich durfte nicht daran denken, sonst wäre meine gute Laune gleich wieder dahin gewesen. Zwar spürte ich, dass Lucie auf mir lag, ihr kleiner, schlanker Körper hatte jedoch so wenig Gewicht, dass nicht einmal die Wunden an meinem Rücken mehr wehtaten, als vorher. Ich war so dankbar, so glücklich und erleichtert, dass ich nicht wusste, was ich tun oder sagen sollte. Sie war offenbar total aufgelöst. „Ich… ich bin so glücklich, Marie. Ich dachte schon, ich verliere dich.“ Wieder war da dieses Gefühl, dass sie sich, obwohl wir seit Jahren gute Freunde waren, ein wenig zu sehr um mich sorgte. Ich wollte sie schon beinahe danach fragen, da beantwortete sie alle Fragen, die ich hätte stellen können. Sie löste ihre Umarmung, stützte sich mit den Händen links und rechts meines Gesichtes auf dem Kissen ab und kam meinem Gesicht mit dem ihren schnell immer näher. Noch bevor ich realisieren konnte, was gerade passierte, hatte sie mir einen zuckersüßen, weichen und unendlich zögerlichen Kuss auf die Lippen gehaucht. Auch sie schien nicht ganz begriffen zu haben, was sie gerade getan hatte, denn ihr Gesicht wurde nach und nach rot wie eine Kirsche, sie zog sich zurück und ließ mir den Blick auf die Zimmerdecke frei. Was war das gerade gewesen? „Es… es tut… tut mir so leid, ich wollte nicht…“, stotterte Lucie beschämt. Ich war so perplex, dass ich nicht erkannte, wie sehr ich sie damit verletzen würde, daher sagte ich ärgerlich: „Was sollte das denn? Wieso hast du das getan?“ Sie schien sich noch mehr zu schämen. Wahrscheinlich würde sie gerade am liebsten im Boden versinken. „Ich… ich… ich weiß nicht, du…“ „Lüg mich nicht an, Lucie. Warum hast du mich geküsst?“ Meine zweite Persönlichkeit, die so lange ruhig gewesen war, schien meinen Körper zu übernehmen und Lucie auszuschimpfen, für etwas, das mir eigentlich… eigentlich sogar gefallen hatte. Ich wollte sie umarmen, sie trösten und beruhigen, doch er ließ mich nicht. Was war nur los? Sie versuchte, mir zu antworten, Tränen liefen über ihr kindliches Gesicht und sie wimmerte mehr, als dass sie sprach. „Sag mir, wieso du das getan hast.“, fuhr er sie an. Endlich gab sie eine Antwort, die sie jedoch mit größter Anstrengung herauszupressen schien: „Weil ich dich liebe.“

Jetzt war es totenstill. Weder ich noch er oder Lucie sagten ein Wort, sie weinte nur ein Wenig und hatte das Gesicht in den Händen vergraben. Sie saß jetzt wieder auf der Bettkante. Das erklärte natürlich alles. Die Komplimente, die übermäßige Sorge um mich und die Bereitschaft, so viel für mich zu tun und zu riskieren und nebenbei die Tatsache, dass ein so hübsches Mädchen wie sie keinen Freund hatte. Ich setzte mich unter Schmerzen auf, rückte an sie heran, legte die Arme um ihre Schultern und vergrub das Gesicht in ihren Haaren. Ich flüsterte ihr zu: „Seit wann denn schon?“ Sie schniefte etwas, dann hauchte sie: „Drei Jahre, vielleicht dreieinhalb.“ So lange? Verflucht nochmal. „Wieso hast du nie etwas gesagt?“, fragte ich sanft. „Ich hatte Angst, du würdest mich abweisen… Oder mich auslachen.“, fügte sie nach kurzer Stille hinzu. „Auslachen? Wie könnte ich dich dafür auslachen? Das ist doch total süß.“ Sie hob den Kopf und sah mich mit großen, verheulten Augen an. „W…wirklich?“ „Wirklich.“, bestätigte ich lächelnd und küsste sie noch einmal. Diesmal war es jedoch ein richtiger Kuss. Und es fühlte sich unbeschreiblich schön an. Das, was danach passierte, erzähle ich euch nicht. Das habt ihr euch so gedacht, was? Nein, das geht euch nun weiß Gott nichts an. Alles, was ihr wissen müsst ist, dass ich die Nacht mit ihr verbrachte. Und, dass ich nie in meinem Leben etwas Schöneres erlebt hatte. Meiner Mutter sagte ich, ich würde bei „einer Freundin“ übernachten. Lucies Namen vermied ich gekonnt, genauso wie alles, was passiert war, seit ich das Haus verlassen hatte. Überraschender Weise hatte sie kein Problem damit, meinte aber, ich solle am nächsten Morgen zurückkommen.

Als ich neben Lucie aufwachte fiel mir auf, dass mein Rücken gar nicht mehr wehtat. Ich stand auf und streckte mich ein Wenig, doch tatsächlich fühlte sich das beunruhigend normal an. Als ich die Verbände abnahm und die Wunden betastete, bestätigte sich meine Vermutung: sie waren verheilt, ohne Narben oder irgendwelche anderen Anzeichen der Operation. Es sah genauso aus wie noch am Sonntag zuvor, nur dass die Haut jetzt irgendwie glatter und reiner zu sein schien. Das konnte aber natürlich auch Einbildung sein. Ich wollte nicht länger darüber nachdenken, also zog ich mich an, setzte mich neben Lucie ans Bett und drückte ihr einen Kuss auf die Stirn. Sie wachte langsam auf und als sie mich sah, murmelte sie: „D… d… danke schön.“ Ich musste etwas schmunzeln. „Wofür das denn?“, fragte ich etwas überrascht. „Für… naja, für heute Nacht eben.“ Ach so. Das hätte ich mir denken können. Lächelnd sagte ich: „Du bist echt süß.“ Ihr Gesicht wurde wieder rot und sie schaute nach unten. „Du?“, fuhr ich fort, obwohl ich es nicht wollte, „Es tut mir leid, aber ich… ich muss nachhause.“ „Kein Problem, ich seh dich ja hoffentlich bald in der Schule.“ Ich nickte ihr dankbar zu und küsste sie ein letztes Mal, bevor ich mich auf den Weg machte. Es war ein seltsames Gefühl, sie zu verlassen. Ich fühlte mich ungewöhnlich gut, leicht und unbeschwert, doch zugleich schossen mir tausende Gedanken durch den Kopf. Wie sollte ich das irgendjemandem hier erzählen? Wie würde meine Mutter, als strenge Katholikin, reagieren, wenn sie erfuhr, dass ich… ich mit einem Mädchen zusammen war? Wie lange würde mich wohl die Stimme in meinem Kopf damit aufziehen? Seit ich aufgewacht war, hatte er nichts anderes getan, als sich darüber lustig zu machen. Doch dann fiel mir etwas anderes auf, das mir noch seltsamer vorkam, als die ganzen Fragen, die mich nicht in Ruhe lassen würden, bis ich sie beantwortet hätte. Und das war die Antwort auf alle diese Fragen: es war mir egal. Es kümmerte mich nicht, was meine Schulkameraden, meine Lehrer, meine Mutter oder meine Schizophrenie davon hielten. Es war meine Sache, wen ich liebte und wen nicht. Ich würde mir von einer Religion, der ich unfreiwillig angehörte, nicht vorschreiben lassen, was ich zu tun und zu lassen hätte. Was wollte Gott denn tun? Die Flügel zurückbringen? Es wäre mir egal. Mir den Engelsstatus aberkennen? Das wäre mir nur recht. Er hatte mir schon genug genommen, viel mehr konnte er mir nicht antun. Gleichgültig ging ich den Weg nach Hause und aus irgendeinem Grund machte sich Leere in mir breit.

Als ich ankam wurde ich von meiner Mutter so herzlich empfangen, dass ich meine Vorbehalte von vorher völlig vergaß. Sie fiel mir um den Hals und drückte mich. „Ach Marie, ich bin so froh, dass du da bist. Geht’s dir gut, mein Eng… mein Liebling?“ „Alles gut, Mutter. Ist irgendetwas passiert? Du wirkst so aufgelöst.“ „Nichts, gar nichts. Ich habe nur schlecht geträumt und es für ein Omen gehalten.“ Ein Omen? Was sollte das denn gewesen sein? „Was hast du denn geträumt, Mutter?“, fragte ich interessiert. „Nichts Großes… Jedenfalls nichts von Belang. Ich sah dich blutend auf einem Tisch oder so etwas liegen, umringt von Kerzen und…“ in diesem Moment stockte sie. Erschrocken hakte ich nach: „Und was?“ „… Und ohne Flügel.“, murmelte sie tonlos. „Marie, wo sind deine Flügel hin?“ Ich musste mir etwas ausdenken. Die offizielle Geschichte war eigentlich klar. „Sie sind verschwunden. Ich hab doch gesagt, dass ich in die Kirche gehe. Ich habe lange Zeit dafür gebetet, von ihnen befreit zu werden und bin wohl schließlich erhört worden. Sie haben sich einfach aufgelöst.“ Das schien sie mir zu glauben, denn sie atmete erleichtert auf. „Nun komm erst mal rein, mein Kind.“

Am Abend hörte ich die Nachrichten im Radio, während ich das Geschirr vom Abendessen spülte, als mir fast der Teller aus der Hand fiel, den ich gerade hielt. Der Satz, der mich aufhorchen ließ, war: „In der Anstalt [zensiert] geschah am heutigen Tag das Unvorstellbare…“ Der Satz, der mir Angst machte, war: „Der soziopathische Mörder Peter Steiner, 43 Jahre alt, tötete während der Essenszeit drei Pfleger und einen Wächter und flüchtete mit dessen Dienstwaffe.“ Der Satz jedoch, der mir den Todesstoß gab, war: „Vor 7 Jahren wurde er eingewiesen, da er seinen langjährigen Geschäftspartner Michael John vor den Augen von dessen kleiner Tochter ermordete.“ Scheiße, das war der Mörder meines Vaters! Mit meiner Zeugenaussage und indem ich die Polizei rief hatte ich ihn damals hinter Gitter gebracht, beziehungsweise in die geschlossene psychiatrische Anstalt. Ich schaltete augenblicklich das Radio aus. Inständig hoffte ich, er würde mich in Ruhe lassen und nicht versuchen, sich zu rächen. Aber den Kommentar der Stimme in meinem Kopf hätte es gar nicht gebraucht, um zu wissen, dass diese Hoffnung vollkommen gegenstandslos war. „Wärst du bloß ein Engel geblieben, dann hätte er dir nichts tun können…“, sinnierte er spöttisch. Ich hatte auf einmal schreckliche Angst. Was würde er tun? Wie würde er sich an mir rächen wollen? Würde er mich töten? Mich nur verletzen oder foltern? Ich wusste nicht, was ich tun sollte. Ich wollte nicht sterben. Sollte ich meine Mutter fragen? Sofort verwarf ich den Gedanken. Ich konnte ihr nicht davon erzählen, sie würde sich bloß unnötig sorgen und was sollte sie schon tun, um zu helfen? Ich wusste nicht, was ich tun sollte. Nachdem ich ins Bett gegangen war, konnte ich nicht einschlafen. Stundenlang lag ich im Bett und rollte mich von einer Seite auf die andere. Gedanken schossen durch meinen Kopf, an meine Mutter, meinen Vater, an Steiner und an Lucie. Immer wieder an Lucie. Wo kam nur dieser Gedanke her, sie hatte doch damit gar nichts zu tun. Als mein Freund im Kopf die schmalen Lippen öffnete, um etwas zu sagen, wollte ich ihn schon ignorieren, doch er sagte: „Wovor hast du denn Angst? Du glaubst doch nicht, dass er dich töten könnte, oder? Er ist ein erfahrener Killer, ja, aber er ist auch ein alter Mann. Und du bist fast erwachsen. Letztes Mal warst du erst 9, da hättest du nichts ausrichten können, aber jetzt soll er doch kommen.“ „Schon vergessen, dass er eine Waffe hat?“ „Schon vergessen, dass Engel unsterblich sind? Nur weil die Flügel weg sind, bist du trotzdem kein Mensch mehr.“ Da hatte er Recht. Steiner konnte mir gar nichts tun, denn ich war ein Engel. Es hatte wohl doch etwas Gutes an sich. In dem Glauben, somit sicher zu sein, schlief ich endlich ein. Im Traum erschien mir das Gesicht meines Vaters. Es schwebte über mir, während ich im Bett lag und er flüsterte mir zu: „Mariechen, komm in die Kirche. Ich muss mit dir reden.“ Noch bevor ich etwas anderes sagen konnte war er wieder verschwunden und ich war aufgewacht. Ich lag da und starrte an die Decke. Als ich nach einer gefühlten Ewigkeit auf die Uhr sah, zeigte diese 3:09. Na toll, schlafen würde ich wohl mal wieder nicht können. Was sollte ich jetzt tun? Zur Kirche gehen? Wieso sollte ich? „Weil dein Vater dich gerufen hat natürlich, du dummes Ding.“, schalt mich die Stimme. „Und du glaubst, die Kirche ist mitten in der Nacht einfach offen?“ „Wenn Michael tatsächlich da auf dich wartet, dann IST sie offen.“ Michael? Wieso nannte er meinen Vater plötzlich beim Vornamen? „Erinnerst du dich noch, dass er tot ist?“, fragte ich gereizt. „Er wird nicht da sein. Sein Tod ist der Grund dafür, dass es dich überhaupt gibt.“ „Geh hin, kleine. Tu’s einfach.“ Seine Stimme klang so gebieterisch, so befehlend, dass es gar keine andere Möglichkeit zu geben schien, als zu gehen. „Himmel, Herrgott. Dann geh ich halt in die blöde Kirche.“, murrte ich widerwillig. Ich schlüpfte leise aus dem Zimmer und zog mir Schuhe an. Eine Jacke würde ich nicht brauchen, es war Sommer und so warm, dass ich auch nachts nackt hätte rumlaufen können. „Nur, dass das niemand sehen will.“ Ich musste lachen. Anscheinend war er doch ganz der Alte. Ich ging den Weg zur Kirche schweigend und etwas schneller als sonst. Endlich kam ich an dem Gotteshaus an, das im Dunkeln noch weniger einladend wirkte als ohnehin schon. Ich drückte die Klinke der großen, eisenbeschlagenen Tür herunter, ohne zu erwarten, dass sie aufgehen würde. Doch genau das tat sie. Sie schwang auf und vor mir eröffnete sich der Kreuzgang. Ich hatte nicht erwartet, dort tatsächlich jemanden zu treffen, doch das, was ich sah, hätte ich mir weiß Gott nie erträumen können. Ein Stück vor dem Altar und ungefähr einen Meter über dem Boden schwebte eine Gestalt, gehüllt in gleißendes helles und warmes Licht. Sie war gut 2,5 Meter hoch und hatte breite Schultern, hinter denen gewaltige, weiße Flügel zu sehen waren, ähnlich wie die, die gestern noch an meinem Rücken gewesen waren und jetzt wahrscheinlich in Lucies Keller lagen. Seine, ich nahm an, es sei ein Mann, aufgrund der Silhouette, Flügel waren jedoch wesentlich mächtiger als die, die ich bekommen hatte. Ich konnte kein Gesicht erkennen und er schien eine Art Rüstung zu tragen. Er hatte die Arme vor der Brust verschränkt und eine sehr aufrechte und gerade Körperhaltung, wie ein General oder Offizier. „Marie?“, drang eine klangvolle, nicht richtig einzuordnende Stimme aus seiner Richtung. Er hatte mich also entdeckt. „Ja, hier bin ich.“, entgegnete ich trocken. „Wieso bin ich hier?“, wollte ich wissen, „Mein Vater hat mich gerufen, aber er ist nicht da.“ „Ich war es, der dich rief, Marie. Mein Name ist Michael.“ War das sein Ernst? Mein Vater war… war… ein Engel? Er schien meine Gedanken zu lesen, denn er sagte schroff: „Ich bin nicht dein Vater, Kleine. Ich bin Michael, der Erzengel. Und du bist hier, weil ich mit dir reden muss.“ Worüber sollte er mit mir reden wollen? War es nicht meine Entscheidung, ob ich ein Engel sein wollte oder nicht? Offenbar konnte er wirklich meine Gedanken lesen, denn er gab die Antwort auf eine Frage, die ich noch gar nicht gestellt hatte: „Nein, ist es nicht. Wenn der Herr dich auserwählt, hast du keine Wahl. Nimm sein Geschenk an, denn es ist eine große Ehre für ein minderwertiges Wesen wie dich, so schnell und einfach zu einem von uns aufzusteigen.“ Hatte er das gerade wirklich gesagt? Ich richtete das Wort jetzt direkt an ihn. „Danke schön, aber ich denke, ich verzichte. Ich bin es, denke ich, nicht wert, solch ein Geschenk zu erhalten.“, sagte ich mit einem sarkastischen Unterton. „Hab ein Wenig Respekt, Kind. Weißt du nicht, mit wem du sprichst?“ Es schien ihn mehr verärgert zu haben, als ich dachte. „Wenn alle Engel so arrogant und rechthaberisch sind, wie du, dann will ich kein Engel sein.“ Ich wollte mich umdrehen und die Kirche verlassen, doch die Tür schlug mit einer solchen Wucht vor meiner Nase zu, dass sie mich vermutlich verletzt hätte, hätte ich einen Schritt weiter vorn gestanden. „Was soll das? Ich will nicht mit dir reden, Michael.“ „Du wirst. Ich muss etwas mit dir besprechen. Je eher du mir zuhörst, desto eher kannst du gehen.“ „So läuft das also als Engel, ja? Du sprichst, ich höre zu und was ich denke ist egal?“ „Genau, so ist es. Du begreifst schnell, das gefällt mir.“ Er hatte wohl Schwierigkeiten mit Sarkasmus. „Also…“, begann er gebieterisch zu sprechen, ohne abzuwarten, ob ich etwas Weiteres zu sagen hatte. „Du wirst bemerkt haben, dass du auserwählt wurdest, ein Engel zu sein, statt eines Menschen. Dieses Geschenk kannst du nicht ablehnen, selbst wenn du es willst. Menschen haben nicht das Recht, vor Gott selbst Gehör zu finden. Dafür sind die Engel da. Wenn er etwas entscheidet steht es nicht im Ermessen der Menschen, ob es gut oder schlecht ist, sie haben zu folgen. Dachtest du wirklich, die Flügel abzuschneiden würde dich wieder zu einem Menschen machen?“ „Ich wollte nicht zum Menschen werden, ich wollte einer bleiben. Und die Flügel abgeschnitten hab ich, weil sie im Weg waren.“ „Du törichte Frevlerin!“, schalt er mich, „Weißt du überhaupt, was diese Flügel für eine Ehre bedeuten? Du kannst sie nicht einfach abschneiden, das ist Blasphemie. Ich war schon zornig, als du so frech warst, darum zu bitten, sie dir wieder abzunehmen, aber das dann auch noch selbst zu machen. Ich weiß auch nicht, was ich mit dir machen soll, Marie.“ „Lass mich einfach gehen. Ich hab schon ohne dich genug Probleme.“ „Zum Beispiel?“, fragte er herausfordernd. „Sag mir, was du für Probleme hast und ich kann sie aus der Welt schaffen.“ „Zum Beispiel, dass ein Soziopath hinter mir her ist, weil ich ihn ins Gefängnis gebracht habe.“ „Wer sagt denn, dass er hinter dir her ist? Und wer sagt, dass du dieses Problem auch ohne mich hättest?“ „Das ist doch nicht dein Ernst?“, erwiderte ich aufgebracht und etwas lauter. „Willst du damit sagen, dass DU dafür verantwortlich bist, dass er ausgebrochen ist?“ „Das bin ich. Du musstest bestraft werden für deine blasphemische Tat. Du hast Gottes Geschenk spöttisch verschmäht und das auch noch auf einem satanistischen Altar im Angesicht des Baphometen, des Feuerträgers. Du musstest Buße tun für deine Tat.“ In mir kochte es. „Du ignoranter, narzisstischer Idiot!“, schrie ich den Engel vor mir an, „Du widerlicher, selbstgerechter, unsensibler Arsch! Weißt du überhaupt, was du getan hast? Weißt du, was Steiner für ein Mensch ist? Dutzende, vielleicht hunderte Menschen, unschuldige Menschen, könnten sterben, nur für meine Buße? Hättest du mich nicht einfach umbringen können?“ „Du wirst bald verstehen, was der Grund für mein Handeln war. Sobald ich Steiner nicht mehr brauche, werde ich ihn unschädlich machen, damit niemand sinnlos zu Schaden kommt.“ Nach einer langen, stillen Pause fuhr er fort: „Außerdem…“ Er schnippte mit dem Finger. Ich wusste nicht, was ich genau fühlte, es war eine Mischung aus Wärme, Geborgenheit und unvergleichlichem gleißenden und schneidenden Schmerz. Aus meinem Rücken, das spürte ich, brachen wieder Flügel heraus, diesmal aber nicht klein und zierlich, wie beim letzten Mal, sondern ausgewachsene, wie sie waren, als ich sie mir abschneiden ließ. „Die wirst du brauchen.“, sagte er trocken, während ich mich schreiend auf dem Boden krümmte. „Geh nachhause, Mädchen. Dann wirst du sehen, was meine Intention war.“ Damit verschwand er einfach, ohne mich etwas weiters sagen zu lassen. Unter enormem Kraftaufwand kroch ich aus der Kirche hinaus. Die Türen, die offenbar wieder aufgeschwungen waren, ohne, dass ich es bemerkt hatte, gingen hinter mir langsam wieder zu. „Warum hast du nicht versucht, mir zu helfen?“, fragte ich die Stimme in meinem Kopf anklagend. „Ich konnte nichts sagen. Wenn er mich bemerkt hätte, dann hätten wir beide mehr Probleme bekommen, als uns lieb sein kann.“ Wieso hätten wir Probleme bekommen sollen? „Wie soll ich meiner Mutter bloß erklären, dass ich die Flügel wiederhabe?“, murmelte ich vor mich hin, doch die Stimme antwortete: „Ich habe die Befürchtung, das wirst du nicht müssen.“ „Wie meinst du das?“ „Ich weiß nicht. Es ist nur eine böse Vorahnung. Ich hab ein schlechtes Gefühl bei der Sache“ Alle Stichelei und aller Zynismus waren aus seiner Stimme gewichen. Das hatte ich noch nie erlebt. Ich ging in Richtung meines Hauses, als er mir riet: „Wie wär’s, wenn du mal probierst, deine Flügel zu benutzen? Los wirst du sie jetzt eh nicht mehr. Und fliegen fühlt sich bestimmt gut an.“ Was war nur mit ihm los? Er verspottete mich nicht, machte sich nicht über mich lustig und gab keine unangebrachten Kommentare ab. „Wieso willst du mir auf einmal helfen?“ „Ich hab dir schon öfter geholfen. Ich bin nur gehässig, nicht bösartig. Außerdem hast du mich ganz schön beeindruckt, wie du den Engel eben angeschrien hast, das hätte ich nicht besser gekonnt.“ Da war ganz klar etwas faul. Sobald er mir Komplimente machte, wurde es seltsam. „Danke.“, war das einzigen, was ich herausbrachte. Dann folgte ich seinem Rat und versuchte, abzuheben. „Du machst das falsch, Süße.“, wies er mich zurecht. „Und wie soll ich es machen?“ „Stell dir vor, du ziehst deine Schulterblätter zusammen…“ Ich tat, was er sagte. „Gut. Jetzt beugst du dich nach vorne und verlagerst diesen Impuls auf die gesamte Rückenpartie.“ Als ich auch das tat spürte ich tatsächlich, wie sich die Flügel anhoben. „Sehr gut. Jetzt musst du diese Spannung lösen und gleichzeitig die Brustmuskeln zusammenziehen, so, als wolltest du die Schultern nach vorne ziehen.“ Ich versuchte es, doch nichts geschah, außer, dass die Flügel wieder nach unten fielen. „Keine Sorge, Kleine. Das schaffst du schon, du machst das gut. Probier’s weiter, komm schon.“ Wieder und wieder wiederholte ich die Bewegungen, die er mir erklärt hatte und als ich es zum ungefähr 20sten Mal tat, hob ich ein Stück ab und sank wieder auf den Boden. „Wow, das ging schnell.“ Er schien genauso überrascht wie ich. „Super gemacht, Süße. Jetzt musst du versuchen, das gleiche zu machen, während du in der Luft bist. Aber zieh die Flügel nicht wieder bis ganz nach oben, heb sie nur ein Stück an und schlage kräftig damit nach unten, das bringt dich weiter hoch.“ Ohne groß darüber nachzudenken tat ich, was er sagte und nach nur kurzer Zeit war ich auf einer Höhe von gut 20 Metern überm Boden. „Du machst das echt super, Kleine. Jetzt hast du eine gute Höhe erreicht. Du kannst aufhören, mit den Flügeln zu schlagen. Sie sind zu groß zum Flattern, lass dich einfach tragen.“ Er hatte Recht, es funktionierte. Zwar mehr schlecht als recht, aber es funktionierte. Ich war überglücklich und der Schmerz und die Wut von eben schienen vergessen. Ich hielt Kurs auf mein Haus und als ich da war, half mir die Stimme beim Landen. „Ich weiß, ich wiederhole mich, aber ich habe kein gutes Gefühl bei der Sache.“ Ich musste ihm Recht geben, auch ich fühlte eine starke Beklemmung. Als ich an der Tür stand und sie aufschloss verstärkte sich dieses Gefühl noch und als ich die Tür öffnete, sah ich kurz etwas, das anders war als sonst. Ich hatte nicht genug Zeit, zu realisieren, was es war. Mir fiel nur auf, dass die Farbe wärmer wirkte als normal. Die Stimme jedoch rief plötzlich: „Nicht hinschauen!“, in dem Moment schlossen sich meine Augen von selbst und ich konnte sie nicht öffnen, obwohl ich es wollte. „Was zur Hölle?“, sagte ich panisch. Er antwortete: „Das kann ich dir nicht zumuten. Steiner war hier… Du wirst deiner Mutter… nichts mehr erklären müssen. Scheiße, das ist heftig. An der Wand steht, du sollst Lucie anrufen.“ „Was? Lass mich sehen, was passiert ist. Ich will sehen, verdammt!“ „Kleine, das hältst du nicht aus. Es tut mir leid, wirklich, aber das bring ich nicht fertig. An der Wand steht, du sollst Lucie anrufen.“, wiederholte er sich. Ich wurde immer panischer: „Scheiße, ich kann nichts mehr sehen. Lass mich meine verfluchten Augen benutzen!“ „Marie!“, unterbrach er mich unwirsch, „Mach die Tür zu, nimm dein Handy und ruf Lucie an. Jetzt sofort!“ Seine Stimme klang so verärgert und verstört zugleich, dass ich nicht anders konnte, als zu tun, was er sagte. Als ich die Tür geschlossen hatte, durfte ich meine Augen wieder öffnen und atmete auf. Dann zog ich mein Handy aus der Tasche und schaltete es ein. „Meinst du nicht, ich sollte die Polizei rufen?“ „Keine gute Idee. Wer weiß, was Steiner gerade mit Lucie anstellt. Das ist was Persönliches, also werden wir das persönlich klären. Wenn du die Polizei einschaltest, bevor Lucie in Sicherheit ist, werden nur unnötig Leute verletzt. Wir rufen sie, nachdem wir mit diesem Bastard fertig sind.“ Ich wollte nicht, dass Lucie verletzt wurde. Ich hatte so panische Angst beim Gedanken daran, was dieser Wahnsinnige ihr alles antun könnte, dass ich zu zittern begann und mir fast das Telefon aus der Hand fiel. „Beruhige dich, Süße. Wir kriegen das hin. Denk dran, du bist unsterblich.“ Ich nahm allen Mut zusammen, schaltete das Handy an und suchte Lucies Nummer in meinen Kontakten. Als ich sie gefunden hatte, rief ich sie an, hielt das Gerät an mein Ohr und wartete. Mit jedem Piepen stieg mein Puls um sicher zehn Schläge pro Minute an, bis endlich jemand abnahm. Eine tiefe, vom Rauchen kratzige und vollkommen emotionslose Stimme sagte: „Marie?“ „Ja?“, antwortete ich zögerlich. „Du weißt, was du zu tun hast, oder?“ „Was willst du von mir, Peter?“ „Ich habe von deinem Haus bis zu dem deiner Freundin exakt 28 Minuten und 43 Sekunden gebraucht. Wenn du in einer halben Stunde nicht hier bist, zerschneide ich ihr hübsches Gesichtchen, damit du sie nochmal lächeln siehst, bevor ich ihren Bauch aufschlitze. Es war klug von dir, keine Polizei zu rufen, meine Kleine.“ Im Hintergrund hörte ich Lucies gedämpfte Stimme, die wohl versuchte, irgendetwas zu schreien. „Scheint, als wolle sie dir etwas sagen.“, bemerkte er nebenbei. Kurz darauf hörte ich sie, wie sie durchs Telefon schrie: „Komm bloß nicht her, das ist eine Falle!“ „Ach, Schätzchen, das ist keine Falle. Marie weiß doch, dass ich sie töten werde, sobald sie hier ist.“ Ich hörte ein lautes Klatschen, wie von einer Ohrfeige und Steiner fügte an mich gewandt hinzu: „Ich verspreche dir, dass im Haus keine Fallen, Stolperdrähte oder so etwas sind. Ich will dich selbst töten. Ich bin im Ritualraum.“ Dann legte er auf. Statt der Angst, der Panik und der Unsicherheit, die ich bis eben noch gespürt hatte, füllte sich mein Magen mit zwei anderen Emotionen, die fest mit Steiner verbunden waren und die ich nur zu gut kannte: Hass und unbändige Wut. Genau wie damals, als ich von unterm Bett gesehen hatte, wie er meinen Vater erschoss. Die Gefühle verbanden sich schließlich zu einem neuen, das ich nicht kannte, welches mich jedoch von innen heraus aufzufressen drohte. „Was ist das?“, fragte ich meinen Freund. „Was ist das für ein Gefühl?“ „Das, meine kleine Marie, nennt man Blutdurst.“, säuselte er und ich konnte sein boshaftes Grinsen beinahe vor mir sehen. „Los, mein Engelchen. Lass uns dem Typen in den Arsch treten.“, flüsterte er selbstgefällig und ich schlug mit den Flügeln und hob ab. Hoch in der Luft, auf dem Weg zum Haus meiner besten Freundin… nein, halt… meiner „festen“ Freundin, fühlte ich den kalten Wind auf meiner Haut, wie er sich wie Stahl in mein Gesicht schnitt und mir die Tränen in die Augen trieb und mir die Sicht zu nehmen drohte, doch das war mir egal. Ich musste Lucie retten, ich musste einfach.

Ich kam an ihrem Haus an und landete davor. Während ich mir die Augen trockenwischte und Richtung Tür ging lobte die Stimme in meinem Kopf: „Du lernst echt schnell.“ „Danke schön.“ Antwortete ich trockener als gewollt und griff nach der Türklinke. Sie ließ sich einfach herunterdrücken und die Tür ging mäuschenstill auf. Offenbar hatte Steiner tatsächlich vor, mich zu konfrontieren. Ich ging ins Haus und steuerte auf den Kellereingang zu. „Keine Sorge, die Luft ist rein. Geh einfach runter.“ Ich hatte in den letzten Stunden immer mehr das Gefühl bekommen, ihm vertrauen zu können, daher tat ich, was er gesagt hatte. Als ich den Ritualraum hinterm Bücherregal betrat sah ich, was ich befürchtet hatte. Lucie hing an den Handgelenken gefesselt von der Decke vor der Statue herab und neben ihr stand die ausgezehrte und doch furchteinflößende Silhouette eines alternden Mannes, der in einer Hand ein Messer hielt, in der anderen Lucies Handy, auf dessen Display ein Timer ablief. Er stand auf 18 Minuten und 36 Sekunden, als ich hereinkam. Steiner schaute mich überrascht an. Ich hatte meine Flügel nach hinten gestreckt, sodass man sie im schummrigen Licht wahrscheinlich nicht sehen konnte. „Du bist schneller hier als gedacht. Wie hast du das gemacht, Marie?“ Ich breitete die Flügel aus, soweit ich konnte und starrte ihn an. Auf seinem Gesicht zuckte etwas. Damit schien er nicht gerechnet zu haben. Ich trat einen Schritt auf ihn zu, da ließ er das Telefon fallen und brach es mit einem Fußtritt entzwei. „Bleib stehen, Marie.“, befahl er ruhig. Ich wollte nicht und ging weiter auf ihn zu. In einer fließenden Bewegung zog er eine Schusswaffe aus dem Hosenbund, die er auf mich richtete, drehte sich um Lucies Körper herum und hielt ihr mit der anderen Hand das Messer an die Kehle. „Ich sagte, du sollst stehen bleiben.“ Augenblicklich erstarrte ich und konnte mich nicht mehr bewegen. „Du weißt doch, was jetzt passieren wird, oder?“, fragte er tonlos. „Du wirst mich töten.“ „Und weiter?“ Ich wusste nicht, was ich antworten sollte. Sein Mundwinkel zuckte ein wenig, dann wurde sein Gesicht wieder ausdruckslos. Während er weitersprach schob er Lucie langsam die Klinge in den Mund. „Du weißt doch, Süße, wie psychologische Folter funktioniert, oder?“ Er ließ die Klinge langsam zu ihrem linken Mundwinkel wandern, während sie mich mit angsterfüllt geweiteten und verheulten Augen bettelnd anstarrte. „Verschwinde.“, flüsterte sie, „Flieh, bitte flieh.“ Doch ihre Augen sagten etwas anderes: „Hilf mir!“ In meinem Inneren kochte wieder dieses Gefühl hoch, das die Stimme vorhin als „Blutdurst“ bezeichnet hatte. Ich versuchte krampfhaft, mich zurückzuhalten, während die Stimme außer sich schrie: „Nein, verflucht! Lass mich raus, lass es mich tun. Du kannst das nicht passieren lassen, tu es. Töte ihn! TÖTE IHN!“ Ich unterdrückte den Drang, auf ihn zuzustürmen mit Gewalt, und er schien den Kampf in meinem Inneren regelrecht zu genießen. „Die Kleine hier sieht viel zu ernst aus. Zaubern wir ein Lächeln auf dieses Gesicht.“ Mit diesen Worten ließ er die Klinge geschickt und blitzschnell über ihre rote Wange huschen, auf welcher eine geschwungene Wunde zu sehen war, die sich fast bis zu ihrem Ohr zog. Sie schrie scharf und spitz auf und in mir drohte etwas zu explodieren. Ich hielt mich zurück, so gut ich konnte, doch auch meiner Kehle entstieg ein Schrei: „NEIN!“ Ich hatte noch fast nie so geschrien und meine Stimme schien beinahe zu brechen, meine Stimmbänder waren zum Zerreißen gespannt, genauso wie jeder einzelne Muskel meines Körpers. „Na, na, nicht so schnell.“, spottete Steiner. „Die andere Seite auch noch.“ Im selben Moment hatte er auch ihre andere Gesichtshälfte entstellt. „ES REICHT!“, brüllte ich. Ich konnte es nicht mehr aufhalten. Die Stimme in meinem Kopf sagte ruhig: „Lass es mich tun, Marie.“ und ich ließ es zu. Ich sah den Raum auf einmal wie durch einen roten Schleier und hörte, wie die Stimme meiner zweiten Persönlichkeit durch den Raum hallte, schrecklich verzerrt und viel zu tief für meinen Sprechapparat. „Fass Lucie nicht an, du Bastard!“, brüllte eine dämonische Stimme und der Raum schien zu vibrieren. Steiner starrte mich fassungslos an und das Messer fiel ihm aus der Hand. Im nächsten Moment sah ich ihn von oben herab an, so als wäre ich ungefähr so hoch wie der Raum selbst. Er umklammerte den Griff der Waffe mit beiden Händen, machte einen Ausfallschritt nach hinten und schoss dreimal auf mich. Ich dachte, das sei das Ende für mich, doch als die Projektile meine Brust trafen, drei kleine 9mm-Kugeln, spürte ich nur einen sanften Aufschlag, wie von einem Kieselstein, den jemand wirft, und die Geschosse prallten ab und fielen auf den Boden. Steiner stieß einen überraschten Laut aus, doch im nächsten Augenblick traf ein harter Schlag seine Hände und die Waffe flog durch den Raum und zersprang an der Wand in winzige Einzelteile. Er starrte mir direkt in die Augen und das erste Mal in meinem Leben sah ich den Gesichtsausdruck bei ihm, den mein Vater gehabt hatte, kurz bevor er starb: Todesangst. Eine mächtige Pranke mit widerlichen langen Nägeln, oder eher Krallen, packte seinen Schädel und kurz darauf eine zweite. Die Haut war dunkelblau, fast schwarz und anhand der muskulösen grobschlächtigen Arme, die von diesen Pranken zu meinen Schultern laufen mussten, ließ sich auf sicher 1,6 Meter Schulterbreite schließen. Scheiße, was passierte gerade? Die dämonische Stimme lachte hämisch: „Das war keine gute Idee, meinst du nicht auch?“ Steiner wurde in die Luft gehoben und die widerwärtigen Nägel der beiden Daumen schoben sich zwischen seine Lippen. „Warum denn so ernst? Zaubern wir ein Lächeln auf dieses Gesicht.“ Damit riss er den Mund des Mannes bis zu seinen Ohren auf, sodass zwei Reihen schiefer gelber Zähne zum Vorschein kamen. Die Schreie, die er auszustoßen versuchte, die jedoch schnell in einem nassen Gurgeln erstickt wurden, verschafften mir seltsamer Weise eine unglaubliche Befriedigung. „Peter, du hast dich mit dem Falschen angelegt.“, spottete die Stimme, bevor er den Mann mit einer Pranke am Hals packte und die andere von oben um seinen Schädel schloss. Als er zudrückte hörte man ein ekelhaftes Krachen und Knirschen und dann ein saftiges, schmatzendes Geräusch. Die Pranken ließen den leblosen Körper achtlos auf den Boden fallen und er spuckte dann kräftig darauf. Ein Blick genügte, um zu sehen, dass von Steiners Kopf nahezu nichts übriggeblieben war. Dann wandte ich mich Lucie zu und durchtrennte mit einem schnellen Krallenhieb das Seil, das sie an der Decke hielt. Sie sah mich entkräftet und verängstigt an und stotterte kaum hörbar: „W… wirst du… du mich jetzt… töten?“ Die Stimme sagte: „Hätte ich dich dann gerettet? Das könnte ich nicht tun, dafür liebt Marie dich viel zu sehr. Und ich mag dich auch ganz gerne. Immerhin hast du mir ja auch geholfen.“ Als ich mich im Raum umsah, konnte ich mein Spiegelbild in der Blutlache auf dem Boden erkennen und erschrak selbst ein Wenig. Mein Gesicht war nahezu kreisförmig, mit glühenden roten Augen, ohne Nase und mit einem breiten Grinsen voller spitzer scharfer Zähne. „Ich denke, ich bin hier fürs Erste fertig.“, kommentierte die dämonische Stimme aus dem verzerrten Maul und langsam begann ich, mich wieder in Marie zurück zu verwandeln. Wieder in meinem Kopf sagte die Stimme nun: „Tut mir leid, dass ich dir das verschwiegen habe, aber du bist nicht schizophren. Ich bin keine zweite Persönlichkeit, ich bin ein niederer Dämon.“ Ohne darauf einzugehen stürzte ich auf Lucie zu und nahm sie in den Arm. „Ich hatte solche Angst um dich“, flüsterte ich erleichtert. „Ich auch um dich. Ich bin so froh. Wieso hast du mich gerettet? Du hättest doch einfach fliehen können.“ „Und dich hier sterben lassen? Niemals. Fliehen war nie eine Option. Ich musste dich einfach beschützen, meine süße Lucie. Ich konnte nicht zulassen, dass er dich tötet. Der stärkere gewinnt, der Schwächere stirbt, so ist das eben. Wäre ich geflohen, dann hätte er dich umgebracht und mich hätte er früher oder später auch gefunden. So haben wir beide unsere Ruhe vor ihm.“ „Aber… aber ein Engel, der tötet, wird zum gefallenen Engel.“ „Tja, dann bin ich jetzt wohl Lucifers Schwesterchen…“

Fortsetzung folgt.

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