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“Ich glaube, es ist eher ein Taubheitsgefühl. Wie, wenn ein Bein oder ein Arm einschläft. Immer, wenn ich mich bewege, ist die Verbindung unterbrochen. Es fühlt sich an, als ob meine Gliedmaßen nicht mir gehören. Als würde ich eine Marionettenversion von mir steuern, die irgendwo weit weg ist.”

“Was ist, wenn du versuchst, etwas zu berühren?”, fragte er.

“Wenn ich versuche, irgendetwas anzufassen…”

Ihre Hand wanderte zu seinem Gesicht. Eine dünne, blaue Spur zog hinter ihr her, eine gespenstische Aura.

“… Ich fühle nichts.”

Er stellte sich vor, dass sich ihre Hand auf seiner Haut kalt angefühlt hätte, aber genau wie sie, fühlte er nichts.

Er hatte so viele Fragen, die er stellen wollte, aber er konnte sie nicht zusammenhängend formulieren.

“Wie geht es dir, hast du, ich…”

Sie unterbrach sein Reden: “Ich verstehe, dass du neugierig bist, aber wie ich hierhergekommen bin, spielt keine Rolle. Ich bin gekommen, um dich von diesem Ort fortzubringen.”

Er schaute sich in seinem Zimmer um. Sein Bett stand in der Ecke und sein Plüschbär, Mr. Turner, lag auf dem Boden daneben. Ein Hemd hing an der Klinke der Schranktür. Das war alles, was der Raum hergab. Er hatte nie bemerkt, wie leer das Zimmer war, bis sich eine Gelegenheit ergab, es zu verlassen.

Die Wände waren unifarben und der Boden bestand aus Holz. Anders als die Berührung des Geistes war er eiskalt an seinen nackten Füßen.

Mit dem Gefühl, etwas falsch zu machen, flüsterte er: “Warum?”

“Weil dieser Mann nicht weiß, wie er sich allein um dich kümmern soll.”

“Er ist mein Vater. Ich meine, er ist unser Vater. Ich kann nicht…”

“Und weil er dich schlug.”

“Jedes Kind… bekommt eine Prügelstrafe von seinem Vat-”

“Nein. Nicht so, wie er es tut. Verteidige ihn nicht.”

Er spürte, wie Tränen versuchten, aus seinen Augen zu entweichen und sein Gesicht mit der Erinnerung an die furchtbaren Schläge seines Vaters zu benetzen. Er schaffte es, sie zurückzuhalten, als die Neugier auf den aktuellen Vorschlag und den Zustand seiner Schwester seinen Drang zu weinen überwand.

Er räusperte sich und meinte: “Papa vermisst dich einfach. Er weiß nicht, was er tun soll, also lässt er es an mir aus… Ich kann nicht…”

Sie legte ihre Hand noch einmal auf sein Gesicht, als ob sie seine Wange tatsächlich in ihrer Handfläche halten könnte.

“Vertraust du mir, Kleiner?”, fragte sie in einem liebevollen Ton.

Er hatte es gehasst, wenn sie ihn “Kleiner” nannte. Dadurch fühlte er sich winzig. Aber dass seine ältere Schwester es jetzt, nach so vielen Monaten, sagte? Es machte ihm nicht mehr so viel aus.

“Natürlich weiß ich das. Du hast dich immer um mich gekümmert.”

“Und ich habe vor, mich weiterhin um dich zu kümmern. Komm mit. Schnapp dir Mr. Turner und lass uns gehen.”

Er ging, um seinen Bären zu holen, und näherte sich dann dem Fenster, an dem sie nun schwebte. Er wartete einen Moment, bis er merkte, dass seine Schwester das Fenster nicht selbst hochheben konnte. Er stellte sich vor, dass sie wahrscheinlich einfach hindurchfliegen könnte, aber sie war nur höflich und wartete auf ihn. Oder vielleicht funktionierten Geister nicht so, wie er dachte.

Er klemmte Mr. Turner unter seinen Arm und erhob sich. Sie schwebte an ihm vorbei, aus dem geöffneten Fenster und in den dunklen Wald.

Er kletterte so schnell wie möglich hinaus und achtete dabei darauf, seinen ausgestopften Freund nicht zu verlieren.

Als er das Fenster schließen wollte, bekam er von seiner Schwester zu hören, dass er sich nicht darum kümmern sollte. Er nahm sich trotzdem die Zeit dazu. Er wollte nicht, dass die Nachtluft das Haus abkühlte.

Unabhängig von seinen Gefühlen für seinen Vater dachte er, dass niemand es verdient hatte, in der Kälte zu schlafen.

Die Fee pflückte an ihren Zähnen. Sie hasste es, wie das Fleisch an ihnen klebte, aber der Geschmack war etwas, das sie nie aufgeben konnte.

Eichhörnchen konnten jemanden nur eine bestimmte Zeit lang zufrieden stellen.

Das motivierte das Geschöpf, an ihren Projektionsfähigkeiten zu arbeiten. Es brauchte eine Menge Pilze und Blumenwuchs, um einen überzeugenden Effekt zu erzielen, aber sie hatte es geschafft.

Der perfekte Zauberspruch.

Sie konnte nicht umhin, ein wenig stolz zu sein. Eine Form mit blauem Licht zu erschaffen war schwierig, ganz zu schweigen vom Erschaffen eines Menschen.

Erwachsene verfügten über besseres Fleisch, aber Kinder waren leichter zu überlisten. Kinder, die einen Verlust erlitten hatten? Noch einfacher.

Ja, geh in das dunkle Loch, Kind. Es ist sicher. Du wirst sicher sein.

Die Fee lachte, dann wischte sie sich das Blut von den Lippen.

Mit ihren kränklichen, dünnen Fingern kratzte sie die Haut und das Blut, das an ihrem nadelförmigen Gebiss trocknete, ab.

Sie starrte auf den ausgestopften Bären, der neben dem Jungen lag. Sie murmelte ein paar Worte vor sich hin, und das Spielzeug ging in Flammen auf. Das entlockte ihr ein weiteres Lachen.

Mit ihren langen Flügeln hob sie vom Boden ab, während sie in Gedanken eine Liste mit Zutaten vorbereitete.

Als sie die Schwester in den Wald gelockt hatte, hatte sie nicht geahnt, wie fruchtbar das sein würde. Eine ganze Familie, die von einer Tragödie heimgesucht wurde. Traurigerweise nur einen Erwachsenen.

Trotzdem, dieses ganze Fleisch…

Der Vater würde jetzt schwächer sein. Sie würde ihn studieren, so wie sie den Jungen studiert hatte. Sie war jetzt satt, also konnte sie warten.

Sie war bereit, sich wieder vorzubereiten.

 

 

Original: Page Turner

Zeichnung: RosaleeLuAnn

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