CreepypastaEigenartigesKreaturenKurzMord

Memoiren eines Opfers [4/5]

Ich wischte mir den Speichel vom Kinn. Müde und etwas benebelt öffnete ich meine Augen. Es war, als wäre ich soeben aus dem Tiefschlaf erwacht. Mit dem Handrücken meiner rechten Hand rieb ich mir über die Augen. Der Schmierfilm vor meinen Augen verschwand zunehmend. Dann sah ich auf meine rechte Hand. Ich starrte. Etwas kam mir nicht richtig vor. Ich berührte meinen rechten Arm, ein kurzer, kalter Schauer durchfuhr meinen Körper. Ich hatte das Gefühl, etwas Wichtiges vergessen zu haben, konnte mich aber nicht entsinnen, was es war. Auch  nahm ich meine Umgebung anfangs nicht richtig wahr. Dann drangen die verschiedensten Stimmen in mein Gehör. Angeregte Gespräche, brüllende Männer, weinende Kinder. Ich sah mich um und fand mich selbst eingesperrt in einem Käfig. Meine Hände umklammerten die Gitterstäbe und da fiel es mir letztendlich auf. Erneut sah auf meine Hände, dann an mir herunter. Mein Körper war der eines Kindes und die gesamte Szenerie wurde immer vertrauter. Ich befand mich auf dem Sklavenmarkt von Vagein, angeboten zum Verkauf. Ich sah neben mich und tatsächlich… er war auch da. Mein jüngerer Bruder saß weinend in der Ecke des Käfigs.

Du musst wissen, Haider, dass mir zu dem Zeitpunkt noch nicht bewusst war, dass dies nicht die Realität war. Doch es schien verdammt real. Die brennende Mittagssonne, der Dreck und Staub, die schreienden und ihre Sklaven anpreisenden Händler und auch die Kunden, mit ihren teils neugierigen und teils abwertenden Blicken. Ich war wieder zehn Jahre und weniger als nichts. Ich setzte mich neben den kleinen Veit und drückte ihn fest an mich. Alles würde gut werden. Ich hatte es im Gefühl. Dann kamst du, Haider. Ich wusste sofort in dem Augenblick, in dem ich dich sah, dass wir uns kannten. Doch woher? Ich hatte dich nie zuvor gesehen. Du standest vor unserem Käfig, sahst mich neugierig an, und dann bist du einfach weitergegangen. Nein.

Nein, nein nein.

So hatte es sich nicht zugetragen. Du hättest bleiben und mich für drei Silberlinge kaufen müssen. Du hättest nur mich genommen und meinen Bruder zurückgelassen. Du hättest mich zehn Jahre zur Krähe ausgebildet, wir hätten gemeinsam viel erlebt. Aber woher wusste ich das alles? Mein Kopf schmerzte. Erneut durchfuhr mich ein kalter Schauer. Was war eigentlich nach den zehn Jahren? Nach der Ausbildung? Da war etwas, doch es lag nicht in greifbarer Nähe. Dann kam ein adeliges Ehepaar. Ein Lord und eine Lady von irgendwas. Sie bestanden darauf, uns aus dem Käfig zu lassen. Die Lady musterte uns, strich uns den Dreck aus dem Gesicht und lächelte sanft. Besonders Veit hatte es ihr angetan. Sie wollten uns kaufen. Eine Adelsfamilie. Nie hätte ich auch nur im entferntesten daran geglaubt. Ich wusste, es waren gute Menschen. Ich kann es schlecht beschreiben, es war ein einfaches, durchdringendes Bauchgefühl. Ich verspürte einen Hauch von Glück.

Nein.

Die Lady griff meinen rechten Arm, während der Lord den Händler bezahlte.

Nein.

Sofort durchfuhr mich ein unbeschreiblicher Schmerz. Ich wusste, ich konnte nicht mit ihnen gehen. Es war mir nicht vorbestimmt. Mein Weg war ein anderer. Ich schrie deinen Namen, Haider. Ich schrie ihn aus voller Kehle. Meine Umgebung änderte sich. Die Menschen zerfielen langsam zu Staub und Sand. Als der Händler vor mir zerfiel, begrub der Sand seinen Dolch – nein, meinen Dolch. Ich hob ihn auf. Ich nahm ihn in die linke Hand, denn ich wusste wieder, was geschehen war. Eine Frauenstimme erklang hinter mir. Sie versuchte mich davon zu überzeugen zu bleiben. Sie sagte, wenn ich freiwillig bliebe, würde sie es noch besser machen, noch schöner. Ich sah meine Spiegelung auf der Klinge, umfasste den Griff und atmete ein Mal tief durch. Eine halbe Drehung, um genug Schwung aufzubringen…

Ein dumpfer Aufprall. Der Kopf rollte über den Boden. Ich brach stöhnend neben ihm zusammen. Ich weiß nicht, wie viel Zeit vergangen war. Unter enormen Schmerzen richtete ich meinen Oberkörper auf. Dann kroch ich zu ihrem abgetrennten Kopf. Mit der bloßen Hand entfernte ich erst das eine, dann das andere Auge. Ich hörte sie noch immer in meinem Kopf. Auch jetzt noch. Ich wusste nicht mehr, wo das Kästchen war, das ich extra für die Augen mit mir nahm, also verwahrte ich sie in eine meiner Taschen. Mein Arm trieb mich beinahe in den Wahnsinn. Mir war schwindelig. Ich hatte noch die Schwarzsteine. Nach einigen Minuten und unter extremen Schmerzen gelang es mir, ein Feuer zu entzünden. Ich erhitzte die Klinge meines Dolches. Ehrlich, es überraschte mich, dass sich mein Arm nicht komplett vom Körper gelöst hat.

Als die Klinge rot glühte, durchtrennte ich rasch die letzten Stränge, an denen mein irreparabler Arm hing. Die Zähne zusammenbeißend brannte ich die Wunde aus. Der dunkle Schleier lichtete sich. Scheinbar war ich in einem verlassenen Versteck von Sklavenhändlern, aber ich weiß beim besten Willen nicht, wie ich hierher gekommen war. Wie dem auch sei, es ist jetzt egal. Es spielt keine Rolle mehr.

Tinte und Energie neigen sich dem Ende zu. Ich habe wohl zu viel Blut verloren. Mir ist bewusst, dass die Lebenserwartung einer Krähe nicht sonderlich hoch ist, doch hätte ich nicht gedacht, bereits mit zwanzig zu sterben. Was ihre Gaukelei betrifft, ich verstehe, wieso die Männer darauf hereingefallen sind. Ich weiß nicht, ob sie mir eine alternative Realität oder einfach nur eine Lüge zeigte. Es ist auch egal. Mein Bruder ist entweder tot oder wurde wirklich von Adeligen gekauft. Ich weiß es nicht und werde es nie wissen.

Mein Herz ist verschlossen, es bleibt verschlossen. Egal welches Leben mich alternativ erwartet hätte, es liegt hinter mir. Alles liegt nun hinter mir. Seit dem Beitritt zu den Krähen. Mein altes Leben und alles und jeder, der dazu zählte, wurde an jenem Tag abgelegt. Vielleicht war das der Grund, weshalb sie mich nicht halten konnte. Aber sie spricht noch mit mir. Oder ist das meine Stimme? Ich bin mir nicht sicher.

Doch denke ich, die Stimme hat recht, Haider. Niemand darf in Besitz dieser verfluchten Augen kommen. Sie sagt, ich wurde hintergangen. Ich glaube, auch damit hat sie Recht. Du brauchst nicht nach ihnen suchen oder sonst wer. Ich habe sie gegessen. Sie existieren damit nicht mehr. Falls es dich, oder wer auch immer dies hier liest, interessiert, Augen schmecken nicht. Sie sind von widerlicher Konsistenz und sättigen auch nicht sonderlich. Ich werde gleich meine Augen schließen, dann wird sie wieder für mich singen. Ich hoffe, dass es nicht mehr von ihrer Art gibt.

Ich habe dir nichts weiter zu sagen, Haider.

Lebe wohl.

Wir werden uns wiedersehen. In der neuen Welt.

Mögen die Götter meiner Seele gnädig sein.

Tags

Ähnliche Artikel

Back to top button
Close