GeisteskrankheitLang

Mia

Für mich gehören Reinheit und Unschuld zu den höchsten Werten der Menschheit und ich finde es furchtbar, dass sie immer mehr verkommen, immer mehr ignoriert werden von diesen ganzen Flittchen und diesen Typen, die sich eine Freundin nach der anderen suchen, obwohl es ihnen eigentlich egal ist, ob sie mit dem Mädchen in ihrem Bett zusammen sind oder nicht. Kaum einer wartet heute noch bis zur Ehe, aber sie werden schon sehen, was sie davon haben. Letzten Endes bekommt jeder, was er verdient.Ich strich noch einmal die Falten in meinem Rock glatt und überprüfte meine Frisur. Keine der braunen Strähnen hatte den Dutt verlassen, so wie ich es mir erhofft hatte. Alles war am richtigen Fleck und saß ordentlich, trotzdem fühlte ich mich irgendwie schmutzig. Ich wusch mir noch einmal die Hände, dann verließ ich endlich die Frauentoilette.
„Was hat denn so lange gebraucht?“, fragte Mia, die vor der Tür auf mich gewartet hatte, und lachte. Sie war deutlich größer als ich, blickte jedoch nie auf mich herab. Das schätzte ich wirklich an ihr, es war der Hauptgrund, warum ich mit ihr so viel Zeit verbrachte, auch wenn sie sonst nicht wirklich in meinen Freundeskreis passte. Sie legte einen Arm um meine Schulter und zog mich zu sich. Mit den Lippen an meinem Ohr wisperte sie: „Ist wohl nicht einfach, mit so einem Keuschheitsgürtel zu pinkeln, was?“ Ich lief rot an und stieß sie von mir.
„Reiß dich zusammen, Mia, bitte.“ Es klang viel zu flehend, das wusste ich, noch bevor ich den Satz vollendet hatte. Aber manchmal übertrieb sie es wirklich mit ihren Scherzen.

Ich kannte Mia seit etwa drei Monaten, und seit zwei Monaten trafen wir uns regelmäßig. Sie sang mit mir im Kirchenchor, und auch wenn ich schon sehr viel länger dabei war als sie, war sie um Längen besser. Sobald sie ihre vollen, roten Lippen auch nur ein Stück weit öffnete, lösten sich die schönsten Klänge von ihnen. Sie war mittlerweile auch der Liebling des Chorleiters geworden, wofür ich sie zugegebenermaßen etwas beneidete, auch wenn ich wusste, dass solche Gefühle unterdrückt gehörten. Nur war es wirklich hart, das zu tun, wenn man schon alle Kraft aufwenden musste, um ganz andere Gefühle zu unterdrücken.

„Ich bezahle, du hast mir letztens erst ein Eis ausgegeben, erinnerst du dich?“ Mia zwinkerte mir zu und zückte ihr Portemonnaie. Natürlich erinnerte ich mich, aber eine Kinokarte war um einiges teurer als ein Eis. Bevor ich sie jedoch daran hindern konnte, hatte sie dem Mann am Schalter das Geld schon überreicht und wandte sich mit den Karten in der Hand und einem Lächeln auf den Lippen wieder zu mir. Ihre schwarzen Haare fielen ihr über die Schulter und ich musterte sie wieder mal einen Tick zu lange.
„Was ist?“, fragte sie lachend, als sie meinen Blick bemerkte. „Ist mein Ausschnitt wieder zu tief?“ Mit gespieltem Entsetzen blickte sie an sich hinunter und zog mit einer übertriebenen Geste ihr T-Shirt am Ausschnitt so weit hoch, dass man nun stattdessen einen guten Teil ihres Bauches sehen konnte, fast bis zum Nabel.
„Lass das!“ Ich griff nach dem Saum ihres Oberteils, um es schnell wieder zu richten. „Über deinen Ausschnitt beschwer ich mich doch schon länger nicht mehr, ich hab mittlerweile bemerkt, dass das keinen Sinn bei dir hat.“
„Jaja, schon klar. Du wirst mich doch nie damit in Ruhe lassen, bis ich mir einen Rollkragenpulli zulege. Ist im Sommer auch besonders praktisch. Und jetzt komm, wir sind schon spät dran und ich will den Anfang des Films auf keinen Fall verpassen!“ Mit diesen Worten griff sie nach meiner Hand und zog mich mit sich mit.

Auch wenn der Film nicht wirklich meinem Geschmack entsprach, genoss ich die knappen hundert Minuten mit Mia. Ich war mir sogar relativ sicher, öfter zu ihr als zur Leinwand geguckt zu haben. Immer, wenn sie es bemerkte, grinste sie mich an und ich guckte schnell weg.
Wir unterhielten uns noch lange vor dem Kino, zuerst diskutierten wir nur über den Film, dann schweifte das Gespräch langsam ab, quer über alle möglichen Themengebiete. Man konnte mit ihr über so gut wie alles sprechen, und auch, wenn wir mal anderer Meinung sein sollten, was nicht unbedingt selten vorkam, urteilte sie nie schlecht über mich, brachte mir meist sogar Verständnis entgegen. Natürlich machte sie ab und zu mal einen Scherz über meine Ansichten, aber es war nie böse gemeint und sie gab immer Acht, dass sie mich damit nicht verletzte. Wenn sie es dennoch tat, war sie sich nicht zu schade, sich dafür zu entschuldigen.
Nachdem wir fast eine Stunde geredet hatten, konnten wir uns immer noch nicht so recht verabschieden, und da es langsam kalt wurde, lud sie mich ein, noch kurz mit zu ihr zu kommen. Ich wusste zwar, das aus kurz wieder viel zu lange werden würde, doch das nahm ich gerne hin. Es störte mich nicht, wenn meine Eltern mit mir schimpften, wenn ich dafür noch etwas bei Mia bleiben konnte.

Wir hatten gerade erst die U-Bahn-Station hinter uns gelassen, da blieb Mia auf einmal stehen.
„Ist alles in Ordnung?“, erkundigte ich mich, etwas besorgt um sie.
„Das frage ich mich auch gerade bei dir. Du bist ganz schön am zittern, pass auf, dass du nicht erfrierst!“ Damit zog sie sich die Sweatshirtjacke aus und hielt sie mir hin.
„Danke, das ist lieb, aber du brauchst die Jacke doch selber“, wehrte ich ab und wollte weitergehen, doch sie schien anderes vorzuhaben. Sie trat hinter mich und legte die Jacke um meine Schultern.
„Nicht so dringend wie du. Jetzt nimm sie schon an, es ist doch keine große Sache!“ Ich drehte mich zu ihr um und bevor ich irgendetwas sagen konnte, griff sie nach dem Reißverschluss und zog ihn zu, obwohl ich noch nicht einmal mit den Armen in den Ärmeln war. Wir mussten beide lachen und schon hatte sie mich überzeugt.
„Dann lass sie mich doch wenigstens richtig anziehen.“
„Warte“, lachte Mia und ich ließ ihr noch etwas Zeit, sich zu beruhigen. Dann zog sie den Reißverschluss betont langsam wieder auf, so dass es noch etwas dauerte, bis meine Arme wieder befreit waren. Sie hielt die Jacke fest, so dass ich hinein schlüpfen konnte, obwohl ich das wirklich nicht nötig gehabt hätte.
Das helle Grün passte so überhaupt nicht zu meiner Bluse, aber das störte mich nicht im Geringsten, nicht nur, weil ich mir über Modefragen so gut wie nie Gedanken machte. Es war merkwürdig, ein Kleidungsstück am Körper zu tragen, dass nach Mia roch, merkwürdig, aber keinesfalls unangenehm.
„Ist besser so, oder?“ Mia lächelte und hackte sich bei mir ein.
„Ja, das ist es wirklich, auch wenn ich dich eigentlich nicht deiner Jacke berauben wollte. Trotzdem Dankeschön. Es war wirklich kalt ohne sie.“ Ich erwiderte ihr Lächeln, was sie nur noch mehr strahlen ließ.

Schon bald darauf standen wir vor der Tür zu ihren Wohnblock und ich wartete, bis sie die Tür aufgeschlossen hatte. Sie musste schon gar nicht mehr fragen, ob Treppe oder Fahrstuhl, und ging voran, die Stufen hoch. Ich folgte ihr wie selbstverständlich. Im dritten Stock angekommen, öffnete sie die Wohnungstür und wir traten ein. Mias Mutter schien mal wieder nicht zu Hause zu sein, alles war dunkel und wirkte seltsam verlassen.
„Ich hasse diese Ruhe, wenn ich nach Hause komme. Deswegen bin ich wirklich froh, dich bei mir zu haben. Schade, dass du nie über Nacht bleiben kannst, mit dir wäre es weitaus weniger einsam.“ Mia ließ sich auf das kleine Sofa im Wohnzimmer fallen und seufzte. Ich setzte mich neben sie, unsicher, was ich darauf erwidern könnte.
„Du musst dich nicht rechtfertigen, falls du das vorhattest. Ich weiß ja, wie das ist mit deinen Eltern. Vielleicht ist es auch ganz schön, wenn man welche hat, die sich ernsthaft um einen kümmern. Aber ich wünschte, sie würden dir wenigstens das erlauben…“
„Ja, ich auch.“ Ich lehnte mich zurück und blickte an die Decke. Als daraufhin nichts mehr von Mia kam, blickte ich zu ihr. Sie saß im aufrechten Schneidersitz auf dem Sofa, mir zugewandt, und sah mir direkt in die Augen.
„Wirklich?“, fragte sie, als würde sie mir nicht glauben. Dabei hatte ich sie noch nie angelogen, ich log generell nicht. Genau daran erinnerte ich sie nun auch.
„Natürlich lügst du nicht“, lachte sie. „Ich war nur irgendwie verwundert… Ich dachte bisher halt immer, dass du eh kein Interesse daran hättest, länger als nötig hierzubleiben. Ich meine…“ Sie stockte.
„Quatsch, wie kommst du darauf? Ich würde hier vermutlich sogar einziehen, wenn ich könnte.“ Ich lachte, doch sie blieb stumm. „Mia? Was ist los?“ Sie sah mich an, dann kurz zur Seite, dann wieder direkt in meine Augen. Ein Lächeln bildete sich langsam auf ihrem Gesicht und ich atmete erleichtert durch.
„Ich dachte schon, du würdest jetzt weinen…“, murmelte ich und sie gab ein leises Lachen von sich.
„Ich bin immer noch kurz davor, sag jetzt bloß nichts Falsches“, meinte sie und jetzt konnte ich auch hören, dass ihre Stimme unterdrückt klang. Sie griff nach meiner Hand und drückte sie, und ich hielt sie fest, zwar unsicher, aber gewillt, für sie da zu sein.

Wir saßen eine Zeit lang so da, ohne zu reden, bis Mia irgendwann aufstand und in die Küche ging. Ich folgte ihr und sah ihr zu, wie sie Reste vom Mittagessen für uns beide aufwärmte und auf den Tisch stellte. Beim Essen schwiegen wir immer noch, wechselten nur ab und zu Blicke, doch es war kein unangenehmes Schweigen, wir brauchten gerade einfach nur keine Worte, um uns zu verständigen. Als ich den Tisch abräumen wollte, nahm sie mir die Teller aus der Hand und stellte sie selber in die Spülmaschine. Dann durchbrach sie die Stille mit dem Satz, den sie mir am häufigsten sagte.
„Du bist wirklich zu lieb, Miriam.“
„Es wird nicht wahrer, je öfter du es sagst“, seufzte ich, doch sie schnaubte nur.
„Ich mein es ernst. Ich wünschte, du würdest nur einmal die Anweisungen deiner Eltern ignorieren.“ Ich zuckte mit den Schultern.
„Bitte, übernachte heute hier. Es ist Samstag, ich weiß nicht, warum es ein Problem sein sollte. Wir können uns auch irgendetwas ausdenken, was wir deinen Eltern erzählen… Ach warte, das ist vielleicht zu viel Sündigen auf einmal. Aber weißt du, man muss seine Eltern wirklich nicht immer respektieren. Manchmal ist es schlauer, sich ihnen zu widersetzen.“

Ich hasste Mia für ihre Überredungskünste. Es war kurz vor zehn und ich war weit davon entfernt, nach Hause zu gehen. Stattdessen saß ich neben ihr auf dem Bett und lauschte ihren Worten. Sie las aus einem alten Kinderbuch von ihr vor, wie wir es ab und zu taten. Die Geschichte war albern und unrealistisch, wie Kinderbücher halt manchmal sind, doch der Klang ihrer Stimme lenkte mich so gut davon ab, dass es mich kein bisschen störte. Ich merkte, dass ich noch immer Mias Jacke trug und machte mich daran, sie auszuziehen. Mia blickte von ihrem Buch auf, beobachtete mich einen kurzen Moment und schlug es dann zu.
„Wo soll die Jacke hin?“, fragte ich, doch sie nahm sie mir einfach ab, um sie hinter sich in die Ecke des Bettes zu werfen. Sie legte nun auch das Buch weg und ließ sich dann in die Kissen sinken.
„Ich bin zu müde, um weiterzulesen“, sagte sie und zog mich am Arm nach hinten, so dass ich mich neben sie legen musste. Ich drehte mich auf die Seite und wir sahen uns an. Einige Zeit blieben wir in dieser Position, dann änderte sich etwas in ihrem Blick. Ihre Hand wanderte zu meiner Hüfte und blieb darauf liegen, was mir einen Schauer über den Rücken jagte. Ihre Lider schienen wirklich schwer zu sein, sie schlugen langsam auf und zu, während ihr Gesicht sich dem meinen näherte. Ich wollte irgendetwas sagen, irgendetwas, um das alles hier zu stoppen, doch meine Stimme schien mit einem Mal nicht mehr zu funktionieren. Sie hatte die Augen geschlossen, als sie mich küsste, und so schloss ich meine auch für einen Moment, bis mich meine Sinne wieder einholten und ich sie entsetzt von mir wegschob.
„Was tust du? Du kannst das nicht tun! Falsch, es ist falsch!“, brüllte ich sie an, während ich mich aufrappelte. Geschockt starrte sie mich an, dann setzte sie sich ebenfalls auf und zog meine Handgelenke in einen festen Griff.
„Komm zu dir, Miriam! Du kannst die Welt nicht in richtig und falsch unterteilen! Begreif es doch, auch wenn dir manche Grenzen helfen, kannst du sie nicht alle einfach so hinnehmen. Du musst jede von neuem hinterfragen und bei jeder einzelnen getrennt entscheiden, ob du sie brauchst oder ob sie dich nur behindert dabei, glücklich zu werden!“ So verzweifelt hatte ich sie noch nie erlebt und es löste einen ungeheuren Schmerz in mir aus.
„Es ist falsch…“, stammelte ich, doch sie ignorierte es einfach und nahm mein Gesicht in ihre Hände, um mich ein weiteres Mal zu küssen. Nein, das konnte sie nicht tun, das konnte ich nicht zulassen! Die Gefühle durchströmten mich, Gutes vermischte sich mit Schlechtem und wirbelte ohne Ziel im leeren Raum herum. Und das alles während der paar Sekunden, in denen Mias Lippen auf meinen lagen.

Ich griff nach dem ersten Gegenstand, den ich in die Finger bekam, und das war zufällig genau das Buch, aus dem sie mir gerade vorgelesen hatte. Mit aller Kraft schlug ich auf sie ein, bis irgendetwas knackte und Blut aus ihrer Nase lief. Mia schrie mich an, ich verstand die genauen Worte nicht, doch ich konnte ihre Wut und Enttäuschung spüren. Sie riss mir das Buch aus der Hand und warf es zur Seite, dann hielt sie sich die Hand vor die Nase und begann zu schluchzen. Auch mir kamen die Tränen, rannen einfach über die Wangen, als ich nach der Sweatshirtjacke neben mir griff. Das Blut rann Mia durch die Finger und tropfte auf das weiße Bettlaken. Sie hob den Blick und er traf mich eiskalt, voller Hass. Ich wischte mir die Tränen aus den Augen und packte sie dann an der Schulter, um sie nach unten zu drücken. Sie war zwar größer als ich, doch ich schien stärker zu sein, denn sie konnte kaum dagegen ankämpfen. Ich sah, wie sich ihre Lippen bewegten, doch ihre Stimme durchbrach das Rauschen in meinen Ohren nicht. Der Hass in ihren Augen wich purer Angst und ich konnte es nicht länger ertragen. Ich wollte ihr Gesicht in diesem Moment nicht sehen. Die Jacke auf ihr Gesicht gepresst, hielt ich einige Minuten lang still, sie zappelte und wehrte sich, doch mich überkam eine unbeschreibliche Ruhe.

Ich bemerkte erst, dass sie sich nicht mehr regte, als ich aufstand, weil ich das Zimmer verlassen wollte. Mit der tiefen Trauer überkam mich die Erleichterung. Es war im Affekt passiert, und doch war es das einzig Richtige für uns gewesen.

Es tut mir leid, Mia. Es tut mir leid, dass ich dich töten musste. Aber ich will meine Unschuld nicht verlieren, und du… Du hättest mich definitiv dazu gebracht.

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