KreaturenKurz

Temerian: 2. Moorwald

Moorwölfe

 

Es war eine dumme Idee von Aberlin, durch den nahe gelegenen Moorwald zu reiten. Aber es war leider der schnellte Weg zwischen Leuramm und seinem Heimatdorf Buchenwald. Er hatte immer den langen Umweg genommen, da es um diesen Wald viele Legenden und Mythen rankten.

Aberlin hatte noch nie von einer Person gehört, die dieses Moor lebend herausgekommen war. In diesem Moor sollte eine Schlacht getobt haben, die keine Seite gewonnen hatte. Viele Berichte sagten, dass viele Männer bereits gefallen waren, bevor die Armeen überhaupt aufeinander getroffen waren.

Oder das dort irgendetwas hauste, das diese Männer vernichtet hatte. Man war sich nur in einem einzigen Punkt sicher, dass sehr viele Leichen in diesem Moor lagen. Aber woher man das alles wissen wollte, wenn doch noch nie jemand lebend herausgekommen war.

Aberlin hatte diese Geschichten schon als Kind gehört. Aber damals waren sie einfach nur irgendwelche Geschichten, die man den Kindern erzählte. Sie sollten große Angst haben und sich eigentlich sehr weit von diesem Moor fern halten.

Es gab aber auch Gerüchte über Wanderer und Einheimische, die sich in das Moor gewagt hatten und nie wieder gesehen worden waren. Die Einen hatte die Unwissenheit hinein getrieben, während die Anderen nur vor Neugier befallen waren.

Daher war es kein Ort durch den man reisen oder länger verweilen mochte. Aberlin hatte die ganzen Geschichten nie ganz geglaubt, aber Angst hatte er dennoch. Das lag jedoch mehr an dem düsteren Ort selbst, als an den alten Legenden.

Nun stand Aberlin mit seinem Scheggen vor dem Moorwald. Auch wenn es keine andere Möglichkeit gab, schnell an sein Ziel zu gelangen, zögerte er dennoch einen Augenblick, durch diesen Ort hindurch zu reiten.

Aberlin konnte auch bei seinem Pferd ganz genau spüren, wie unruhig es in der Nähe dieses Moores doch war. Er konnte dessen Furcht voll und ganz nachvollziehen. Erging es ihm doch ganz genauso, was er seinem Pferd aber nicht spüren lassen durfte.

Ihm ging es hier nicht anders und eigentlich wollte Aberlin hier nicht sein. Als er noch ein Kind war, hatten Aberlin und seine Freunde Langeweile gehabt. Sie waren nur zufällig bei diesem Moor gelandet. Wie Jungs nun einmal so waren, hatten sie sich gegenseitig angestachelt.

Sie wollten wissen, wer sich denn traute, in dieses düstere Moor hinein zu gehen. Es wurde dabei doch sehr lautstark und die Jungs schrien sich irgendwann schon fast gegenseitig an. Einige von ihnen hätten sich sogar schon fast geprügelt.

Irgendwann hatte sich Juccia dazu bereit erklärt, in das Moor zu gehen. Gespannt blickten die Jungs ihrem Freund hinterher. Sie warteten zwei geschlagene Stunden auf Juccia, das er endlich wieder aus dem Moor herauskam.

Da es jedoch irgendwann anfing zu dämmern und Juccia immer noch nicht zurück war, wurde die Gruppe nervös. Keiner der Jungs wusste, was sie nun tun sollten. Das war Juccia passiert war, konnte ihnen immerhin auch passieren. Auch wenn sie nicht wussten, wieso er nicht zurück kam.

Weil die Jungs aber keinen Ärger bekommen wollten, liefen sie nun ohne Juccia zurück. Wenn sie nach Einbruch der Nacht immer noch draußen unterwegs waren, bekamen sie Probleme mit ihren Eltern. Niemand wollte wissen, welchen riesigen Ärger sie bekommen würden.

Wenn am Ende herauskam, das Juccia wegen ihnen verschwunden war. Sie alle hätten riesigen Ärger bekommen, wäre das herausgekommen Man hätte alle von ihnen verschmissen und fürchterlich bestraft. Und am Ende wäre das genau Juccas Plan gewesen.

Dies war das letzte Mal, dass ihr Freund Juccia überhaupt gesehen worden war. Niemand außer der Gruppe um Aberlin wusste, was mit Juccia passiert war. Aber die Jungen schwiegen über all die Jahre hin, äußerst beharrlich über den Vorfall.

Trotz all den Geschichten und was in seiner Vergangenheit passiert war, gab Aberlin seinem Scheggen die Sporen. Dieser weigerte sich im ersten Moment, denn der Schegge schüttelte wirrend mit dem Kopf. Sein Pferd stapfte mehrmals mit den Vorderhufen auf dem Boden und scharrte.

Aber Aberlin blieb beharrlich und sprach beruhigend auf das Pferd ein. Er konnte es sich nicht erlaubten, das sein Schegge die Nerven durchgingen. Er brauchte sein Pferd noch, wenn Aberlin seinen Auftrag erfüllen wollte. Aber auch er musste die Nerven behalten.

„Wir werden das Beide schon durchstehen“, sprach Aberlin und tätschelte sein Pferd. „Wir werden gegenseitig auf den Anderen aufpassen.“

Eher zögerlich trabte sein Schegge in den Moorwald hinein. Durch das Moor führte ein hölzerner Steg, auf dem mehrere Personen Platz finden konnten. Aber auch so stabil, dass ein Pferd mit einem Reiter darüber reiten konnte.

Aberlin wollte aber auch nicht herausfinden, ob man den Steg auch im vollen Galopp überqueren konnte. Der Steg sah nicht all zu sicher aus. Und hier war bestimmt schon ewig niemand mehr, um diesen Steg zu erneuern.

Wenn man den Steg nach seiner Fertigstellung, überhaupt schon einmal ausgebessert hatte. Er traute sich schon fast nicht, diese Steg überhaupt zu benutzen. Wenn er mit seinem Scheggen nun hier einbrach, waren sie Beide für immer verloren. Und darauf konnte er ganz gut verzichten, in diesem Moor zu verrotten.

Selbst wenn er vorher noch nicht nervös gewesen wäre, spätestens jetzt hätte ihn die blanke Panik ergriffen. In dem Wald war es finster, als in jedem anderen Wald, den er je besucht hatte. Auch waren die Geräusche ganz anders, als Abrelin sie gewohnt war.

Nur das Rascheln war das Selbe wie überall. Es waren nur andere Geräusche wie sonst zu vernehmen, die Aberlin nicht kannte. Diese Beunruhigten ihn doch sehr. Schließlich konnte es alles mögliche für ihn und sein Pferd bedeuten.

„Ich muss wirklich lebensmüde sein, dass ich durch diesen Wald reite.“

Aberlin hatte zwar mehr zu sich selbst gesprochen, aber sein Pferd wirrte wie zur Bestätigung. Jetzt gab es für ihn und seinen Scheggen kein Zurück mehr. Wenn er nun zurückreiten und doch den Umweg in Kauf nehmen würde, würde er nur noch mehr wertvolle Zeit verlieren.

Überall um ihn herum waren verkrüppelte Kiefern. Sie hatten die verschiedensten Formen und wuchsen hier völlig unnormal, im Gegensatz zu den Kiefern in Wäldern. Hin und wieder lag eine von ihnen um und verrottete im Moor.

Aberlin vermied es, nach unten in das brackige Wasser des Moores zu blicken. Er hatte große Angst davor, all die verlorenen Seelen zu erblicken, die hier ihr Leben lassen mussten. Irgendwie wurde er aber einfach das Gefühl nicht los, beobachtet zu werden.

Aberlin ignorierte jedoch dieses Gefühl und ritt einfach weiter. Aber er konnte den Schauer auf seinem Körper und das Gefühl nicht abschütteln. Dieser eiskalte Schauder lief ihm nur über den Rücken, wenn etwas schlimmes im Anmarsch war.

Mit einem Mal kam ihm Juccia wieder in den Sinn. Wie er sich damals wohl gefühlt haben mochte, in seinem jungen Alter, durch dieses Moor zu streifen. Irgendwie konnte sich Aberlin vorstellen, weshalb er damals nicht mehr heraus gekommen war.

Juccia war sicherlich vom Weg abgekommen und war irgendwo im Moor versunken. Ganz alleine war er hier gestorben.

Aberlin wollte sich nicht vorstellen, wie sich sein Freund damals gefühlt haben mochte. Schließlich war ihm das alles ja gerade auch nicht ganz geheuer. Als Kind musste dies noch wesentlich beängstigender für ihn gewesen sein.

Wie es wohl sein musste, in ein Moor zu geraten? Immer tiefer hinein zu sinken, mit der Gewissheit, nie wieder heraus zu kommen. In Panik wie wild um sich zu schlagen, in der verzweifelnden Hoffnung, sich an irgendetwas fest zu halten.

Ob er nach Hilfe geschrien hatte?, überlegte Aberlin kurz. Ob sein Freund etwas zu fassen bekommen hatte, an dem er sich hatte herausziehen wollen? Oder ob er einen schnellen Tod hatte? Tausend Gedanken schossen ihm gerade durch den Kopf, was passiert sein konnte.

Jedoch musste Aberlin diesen Gedanken abschütteln. Er hatte einen Auftrag, auf den er sich nun konzentrieren musste. Wenn er heil aus diesem Moor gekommen und seinen Auftrag erfüllt hatte, konnte er immer noch über Juccia nachdenken.

Schon bald hörte Aberlin erneutes Rascheln und er meinte, hier und da ein tiefes Knurren aus dem Unterholz zu vernehmen. Aber immer, wenn er in die entsprechende Richtung blickte, war dort nichts zu sehen. Es klang schon fast wie ein Rudel Wölfe, was sich Aberlion hier nicht vorstellen konnte.

Aus dem Augenwinkel meinte Aberlin, menschengroße Schatten zu sehen. Bei genauerem Hinsehen war da jedoch nie etwas zu erblicken. Selbst sein Schegge schien das alles mitzubekommen, da es immer die Ohren spitzte und auch das Pferd blickte sich ab und an nervös umher.

Dabei sah es aber nicht so willkürlich umher, so wie es Aberlin tat. Tiere hatten ja sowieso bessere Sinneswahrnehmungen, als es ein Mensch sie hatte. Die nächsten Minuten wurde sowohl sein Schegge als auch die Umgebung ruhiger. Auch er konnte sich nun wieder einigermaßen entspannen.

Es wurde endlich Zeit, das Aberlin aus diesem unheimlichen Ort verschwand. Diese Umgebung behagte ihm zunehmend immer weniger und das nicht nur wegen der Vergangenheit. Selbst durch diesen Ort zu reisen, war schrecklicher als jede Geschichte, die er als Kind erzählt bekommen hatte.

Das gab ihm die Zeit, sich doch auf dem Boden umzusehen. Mehr aus dem Unterbewusstsein heraus, wandte Aberlin seinen Blick nach unten. Und was er dort zu sehen bekam, erschrak ihn bis ins Mark. Er war der Meinung, dort im trüben Wasser Gesichter von Menschen zu sehen.

Die Gesichter kamen ihm zum Teil auch noch sehr bekannt vor. Die einen waren Menschen aus dem Dorf, die über all die Jahre verschwunden waren. An sie konnte sich Aberlin nur noch dunkel erinnern. Er meinte aber auch Fremde unter ihnen zu erkennen, die damals durch ihr Dorf gereist waren.

Aberlin schloss die Augen und schüttelte den Kopf. Damit wollte er die verstörenden Bilder um sich herum loswerden. Jedoch blieben diese Leichen wo sie waren und er erkannte immer mehr Details und sogar Teile vom restlichen Körper.

Die Gesichter waren zum Teil verwest und man sah dort Muskeln oder Kochen. Es fehlten teilweise Hände und Gliedmaßen wie Arme oder Beine. Aberlin musste schlucken, um sich nicht zu übergeben. Er musste sich zwingen, seinen Blick starr geradeaus gerichtet zu lassen.

Aberlin hoffte aber inständig, dass sich dieses Risiko auch wirklich lohnte. Denn er kam gerade an einer weiteren armen Seele vorbei, die das Moor gefordert hatte. Hier und dort konnte er auch eine der Seelen als Geist oder sogar als Irrlicht sehen, die hier einmal gestorben waren.

Weshalb er immer auf der Hut blieb, damit sie ihn nicht lockten. Es war für jeden Reisenden äußerst gefährlich, durch solch ein Moor zu reisen. Die Toten lockten die Lebenden, ihnen ins Moor zu folgen, um ihnen dort Gesellschaft zu leisten.

Mit einem Mal ging alles sehr schnell. Um ihn herum erklang mit einem Mal mehrfaches Wolfsgeheul, das Aberlin bis ins Mark erschütterte. Kurz darauf brachen Schatten von überall aus den Gebüschen heraus. Schon bald war er von vielen Schemen umzingelt.

Es waren Moorwölfe, die schlimmste Sorte von Dämonen, die Aberlin kannte. Sie griffen nun ihn und seinen Scheggen an. Aberlin konnte nicht genau sagen, wie lange er jetzt genau im Wald unterwegs war, als sie über ihn herfielen.

Das Moor war so dicht bewachsen, dass man den Himmel nicht sehen konnte. Hier drinnen hatte er zudem auch noch jegliches Zeitgefühl verloren. Alles war mit einem Mal doch sehr schnell gegangen. So plötzlich wie die Schatten aus dem Unterholz geplatzt waren.

Aberlins Schegge drehte durch, bäumte sich auf und warf seinen Reiter ab. Es wiehrte panisch auf und Schaum bildete sich in seinen Lefzen. Immer wieder stieg es auf und trat dabei wie wild um sich. Ohne dabei etwas zu treffen.

Aberlin prallte unterdessen mit dem Rücken auf dem Boden auf, was ihm die Luft aus den Lungen trieb. Ihm wurde kurz schwarz vor Augen, bevor er das Grauen sah. Aberln konnte von Glück sprechen, das ihn sein eigenes Pferd nicht vor lauter Panik zertrampelt hatte.

Jedoch konnte er nicht sagen, ob das eine so gute Alternative zu dem war, was ihnen noch bevor stand. Denn die Wölfe kamen immer näher auf sie zu. Sie schienen zwar nicht sonderlich beeindruckt von dem Ausschlagen seines Scheggen zu sein, wollten aber auch nicht getroffen werden.

Ein Teil der Wölfe fiel über seinen Scheggen her und zerfleischten ihn auf eine brutale Art und Weiße. Aberlin konnte bei dieser Abscheulichkeit nicht aufhören, diese Kreaturen anzustarren. Es waren zwar Wölfe, aber wieder auch nicht.

Ihr Fell war unnatürlich verdreckt und es sah so aus, als würde dort Moos dazwischen wachsen. Es waren seltsame Zwischenwesen, die wohl mit der Umgebung, eine Art Symbiose eingegangen waren. Sie hatten sich ihrer Umgebung komplett angepasst.

Aberlin hatte jedoch nicht so viel Glück, da der Rest ihm nun ihre Klauen in den Körper stachen und in die Schulter bissen. So infizierten sie Aberlion mit ihrem Gift, um ihn zu einem von ihnen zu machen. Auf diese Art und Weiße, vermehrten sich diese Moorwölfe.

Die Umwandlung war lange und schmerzvoll da Glieder rissen, Knochen brachen und sich sein ganzer Körper neu strukturierte. Solche Schmerzen hatte Aberlin noch nie gespürt. Irgendwann waren die Schmerzen so stark, das sein Verstand vernebelten. Schon bald wurde er übermannt und viel für mehrere Minuten in Ohnmacht.

Nach seiner Verwandlung heulte Aberlin den Mond auf schaurige Weiße an und hatte seine Befehle völlig vergessen. Er war nun Teil des Rudels und folgte dem Alphatier. Über eine Art telepathische Verbindung mit dem Rudel, bekam Aberlin Instruktionen eingeimpft.

Dabei wurde sein animalisches Gehirn das Gefühl nicht los, das Alphatier zu kennen. Sein erster Befehl war es, seine Zähne in sein ehemaliges Pferd zu schlagen. Bevor er darüber nachdenken konnte, führte Aberlin den Befehl aus und fühlte sich dabei sehr befreit.

 

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