MittellangPsychologischer Horror

Müllmädchen

Wie jeden Dienstag bringt die Müllabfuhr pünktlich den Müll zur Mülldeponie, ausgenommen Feiertage natürlich. Javier und ich arbeiten nun schon seit zwei Jahren auf Gabe’s Deponie. Eher unfreiwillig als freiwillig, aber wer einmal im Leben verkackt hat, kann halt nicht mehr viel vom Leben erwarten, was? Und ein Müllmann zu sein, ist hart, nicht nur wegen des Geruches, es ist auch körperliche Arbeit und geht an die Substanz. Knochenarbeit sozusagen, die kann nicht jeder machen. Frauen sieht man hier zum Beispiel keine und bezahlt wird auch nur mittelmäßig. Es reicht, um über die Runden zu kommen und irgendwann freundet man sich mit dem, was die Leute so wegwerfen, irgendwie an. Die meisten von ihnen sind sich nicht einmal darüber im Klaren, wie viel Wert das Zeug, was schnell mal geworfen wird und im Müll landet, noch haben kann. Weshalb Javier und ich es uns nicht nehmen lassen, jeweils Dienstagabends auf Streifzug zu gehen und unser Konto mit Gerümpel etwas aufzupolieren. Einmal den Müll abgrasen und nach Schätzen Ausschau halten – man findet immer irgendetwas, was einer noch haben wollen und dafür Geld aus dem Fenster werfen würde. Wir tun das selbstverständlich ohne Gabe‘s Wissen. Der würde uns die Hälse umdrehen, wenn er wüsste, dass wir abends die Deponie mit unseren Taschenlampen absuchen und einpacken, was man noch irgendwie verhökern könnte.

„Ich habe übrigens morgen ein Date, Diego“, klärt mich Javi auf und leuchtet dabei mit seiner Taschenlampe in mein Gesicht. Ich schirme notgedrungen meine Augen mit meinem linken Arm ab und nutze die rechte Hand, um meinem Kumpel demonstrativ den Mittelfinger zu zeigen.

„Kannst du aufhören mit dem Ding in meine Fresse zu leuchten, Mann?“, knurre ich und schiebe ein gehässiges „Danke“ hinterher, als Javi die Taschenlampe senkt und wieder den Boden zu unseren Füßen mit Licht aus der Buchse tränkt.

„Sorry“, murmelt mein Kumpel zwischen zusammengepressten Lippen hervor, doch im Augenwinkel kann ich ein leichtes und verräterisches Grinsen auf seinen Zügen erkennen.

„Ich bin einfach so aufgeregt. Es ist eine Ewigkeit her, dass mal eine Bock auf mich hat und auch auf meine Nachrichten zurückschreibt und mich sogar treffen will.“

„Ich habe dir doch gesagt, dass diese Datingapps für den Arsch sind und wer braucht schon Weiber, die machen nur Stress“, maule ich und bücke mich zu einem güldenen Kerzenständer hinab, der im Schein der Lampe so wirkt, als wäre er einmal teuer gewesen.

„Außerdem wird das doch sowieso wieder nichts“, sage ich und inspiziere meinen Fund. Beim genaueren Betrachten stellt sich der Ständer jedoch als das heraus, als was ihn sein Vorbesitzer bereits klassifiziert hat. Als Schrott. Resigniert lasse ich den Kerzenständer fallen und gebe ein genervtes Stöhnen von mir. „Die Sache mit den Frauen ist doch genauso beschissen frustrierend wie das, was wir hier treiben. Die berüchtigte Suche nach der Nadel im Heuhaufen”, ich lege eine dramatische Pause ein und korrigiere mich sogleich. „Wobei nein, vergiss, was ich gesagt habe. Das hier ist vielversprechender. Immerhin kann Müll nicht vor dir weglaufen, dich bankrott machen oder dich ignorieren oder…”

„Diego..“, unterbricht mich Javi von der Seite, obwohl ich es hasse, unterbrochen zu werden, wenn ich einmal so richtig loslege, mich über das weibliche Geschlecht auszukotzen. Das weiß er. Ich will Javi schon anfahren, aber irgendetwas ist seltsam an seiner Stimme und hält mich davon ab, über ihn drüberzufahren. Sie klingt weder aufgebracht noch mahnend, eher ängstlich und überrascht zugleich. Also drehe ich mich mit einem für meine Verhältnisse nur leicht zickigen „was“ zu Javi um und als mein Blick dem Strahl seiner Taschenlampe folgt, rutscht auch mein Herz unerwartet etwas tiefer. Nicht ganz in die Hose hinein, so wie bei Javi, zumindest noch nicht, aber die Kinnlade hängt auch bei mir sowas von lose.

„Sind das etwa Haare?!“, platzt es aus mir heraus, als ich wie ein Vollidiot mit meiner Taschenlampe in die gleiche Richtung leuchte wie mein Kumpel und meinen Arm nach dem roten Etwas ausstrecke, was aus einem eingerollten Teppich heraus lugt.

„Vielleicht eine Perücke“, beantworte ich meine Frage selbst, vielmehr um mich zu beruhigen, statt Javi, der neben mir zu einer Salzsäule erstarrt ist und bibbert.

„Und was, wenn das keine Perücke ist?“, piepst er. Ja, was, wenn es keine Perücke ist? Das wäre dann unsere erste Leiche, die wir in den knapp zwei Jahren, in denen wir nun schon auf der Deponie herumstreifen, finden. Gabe meinte einmal zu uns, als wir frisch angefangen haben für ihn zu arbeiten, dass es nichts Ungewöhnliches ist, mal ein totes Tier oder einen Menschen zwischen all dem Müll vorzufinden, das käme hin und wieder vor und ob wir sowas abkönnen? Abkönnen tu’ ich es schon, aber mir geht trotzdem vor Aufregung die Pumpe bei dem Gedanken, dass es heute doch tatsächlich endlich soweit sein könnte.

“Tun wir einfach so, als hätten wir nichts gesehen und verduften?”, drängt sich Javi mit zittriger Stimme in meinen Gedankengang hinein. Ich winke mit der freien Hand ab. “Papperlapapp. Wir gehen der Sache auf den Grund”, bestimme ich und setze mich in Bewegung. Adrenalin ist eine geile Sache und ein hervorragender Antrieb, wenn’s darum geht, die Beine vorwärts zu manövrieren, obwohl einem der gesunde Menschenverstand davon abrät und einen in die andere Richtung ziehen will, inklusive Javi, der mich am Kragen packt und denkt mich so aufhalten zu können. “Ich mein’s ernst, lass uns verduften. Du weißt ganz genau, dass Gabe uns rauswirft, wenn er herausfindet, dass wir nachts hier plündern gehen und außerdem bin ich nicht scharf darauf, das…”, Javi stockt und ringt sichtlich um Worte. Ich nutze die Gelegenheit und reiße mich von ihm los. “Aber ich bin sowas von scharf darauf, mir das anzusehen”, sage ich und stampfe, respektive humpele durch Müll und Matsch auf den Teppich zu. Ich hatte schon immer einen Hang zum Morbiden. Der Tod löst eine unfassbare Faszination auf mich aus. Wahrscheinlich weil ich oft genug an der Kippe stand, ihm die Hand zu reichen. Ritzen und Co., das habe ich alles hinter und auch auf mir. Ich trage die Wunden mit Stolz. Bloß der letzte Selbstmordversuch hätte von mir aus anders ausgehen können. Der ging sowas von schief und hängt mir heute noch nach.

Als ich vor dem Teppich stehe und das Büschel Haare nun aus der Nähe betrachten kann, bin ich mir ziemlich sicher, dass die Haare nicht zu einer Perücke gehören, sondern zu der Person, die der Teppich auch die dunklen Stellen zu verdanken hat. Die beinahe schwarzen Flecken prangen wie böse Vorboten auf dem beigefarbenen Teppich und sprechen eine ganz eindeutige Sprache. Da hat wohl einer etwas Belastendes loswerden wollen und bei der Haarfarbe tippe ich spontan auf eine Frau. Vielleicht die Ehefrau oder eine lästige Ex Freundin. Unwillkürlich schleicht sich ein Grinsen auf meinen Mund, was dort eigentlich bei dem traurigen Anblick nicht viel zu suchen hat, dennoch amüsiert mich die Tatsache, dass ich gleich ein Geheimnis aufdecken werde. Eins, das jemand aus der Welt schaffen wollte.

Javi taucht neben mir auf und leuchtet mit seiner Taschenlampe ebenfalls auf den Teppichburrito zu unseren Füssen.
“Ach du heilige…”, zischt er und ich schüttele den Kopf. “Das ist sowas von unheilig, ich höre meinen inneren Satan vor Freude kichern”, sage ich und erhalte prompt von Javi einen mahnenden Ellenbogen in meine Rippe. “Das ist nicht lustig, das ist tragisch.”

“Ansichtssache”, ich zucke gelassen mit den Schultern. “Wer auch immer die hier entsorgt hat, hält wohl genauso wenig von Weibern wie ich. Wie bereits gesagt, die machen nur Stress, das nenne ich einmal Stressbewältigung nach meinem Geschmack”, witzele ich und erhalte für meinen Galgenhumor einen finsteren Blick.

Aber immerhin scheint Javi den anfänglichen Schock bereits überwunden zu haben, denn er geht als Erstes von uns beiden in die Knie, um den Teppich-Mensch-Burrito zaghaft mit einem Finger anzustupsen. “Was ist, wenn sie Opfer einer Straftat geworden ist? Vielleicht sollten wir die Bullen rufen.”

“Die Bullen? Bist du bescheuert? Erst willst du abhauen und jetzt plötzlich den guten Bürger raushängen lassen? Ich sag es mal so. Wenn die Polizei hier antanzt, dann wirft uns Gabe erst recht raus und wenn wir Pech haben, wird uns der hübsche Mord auch noch untergeschoben”, ich deute mit meiner Hand auf den Teppich-Burrito und hebe eine Augenbraue an. Die gepiercte, weil das meine universelle Fick-dich-Augenbraue ist.

“Untergeschoben? Wir haben doch gar nichts…”
“Denk doch mal nach. Zwei zwielichtige Typen von der Müllabfuhr streifen nachts mit Taschenlampen quer durch die Deponie und das ohne das Wissen oder das Einverständnis ihres Chefs. Wie sieht das für dich aus, hm? Die werden uns ordentlich ins Kreuzverhör nehmen, scheiss auf Zivilcourage.”
“Als Zivilcourage würde ich einen Leichenfund nun nicht betiteln.”
“Nenn es, wie du es willst. Ich rufe garantiert nicht die Bullen und wenn du morgen die Tussi von deiner bekloppten App treffen willst, würde ich dir auch davon abraten, die Kavallerie anrücken zu lassen. Die da ist doch ohnehin hinüber. Ob die noch ein paar Tage länger rumliegt oder nicht, spielt auch keine Rolle mehr. Hin ist hin”, ich kicke mit meinem Fuss einmal lieblos gegen den Teppich. Javi blickt mit einem zerknirschten Gesichtsausdruck zu mir hoch. „Du hast echt kein Gewissen, oder?“

Ich ziehe mein Grinsen noch etwas mehr in die Höhe. „Ich hab‘ die weder abgemurkst noch hier abgeladen. Aber….“, ich halte inne und nehme einen tiefen Atemzug, bevor ich neben Javi in die Hocke gehe. „Ich habe tierisch Bock, mir das Desaster etwas genauer anzusehen.“

Javi schüttelt den Kopf, geht mir aber zur Hand, als ich nach dem Teppich greife. Mit vereinten Kräften rollen wir aus, was ein anderer zuvor sorgfältig eingerollt hat.

„Wow“, entfährt es Javi und ich schließe mich mit einem weiteren „Wow“ an, denn Wow beschreibt es einfach am besten. Das nenne ich einmal, um die Band Eisregen zu zitieren, eine „Alice im Wundenland“, denn vor uns liegt eine bildhübsche, aber stark durch die Mangel genommene Frau. Ein Hauch von Nichts ziert ihren schlanken Körper, ein Hauch von nichts gepaart mit gefühlt abertausenden Blessuren und Wunden in allen Farben des Regenbogens. Zahlreiche Schnitte zeichnen die ansonsten sehr bleiche Haut und statt Schmuck trägt die weggeworfene Schönheit Seemanns-Seile um die Gelenke sowie um den Hals. Die Haare sind rot, lang und zerzaust und das Gesicht sieht trotz Veilchen und aufgerissener Lippe aus wie von einem Künstler geschaffen und in Stein, ach was, Diamant gemeißelt! Ich würde gerne absolut gelungen zu diesem Kunstwerk an menschlicher Perfektion sagen, doch wer auch immer diese Frau loshaben wollte, hat sie verdammt übel zugerichtet und sie ihrer Makellosigkeit beraubt. Ich bin mir sicher, vor den zahlreichen Küssen vieler Fausthiebe hätte sich ein jeder in dieses bezaubernde und symmetrische Gesicht verlieben können. Obwohl mir dieses Rot, Blau, Violett und Grün überall seltsamerweise gefällt. Das hat was. Was genau, kann ich mir nicht erklären.

„Ja also“, beginnt Javi und räuspert sich. Er streift sich sogar verlegen eine lose Haarsträhne hinters Ohr und läuft rot an, obwohl man sich vor einer Leiche fürs hemmungslose Glotzen garantiert nicht zu schämen braucht. Ich für meinen Teil bin nicht so zimperlich und gehe noch etwas näher ran. Ich strecke sogar die Hand nach der toten Schönheit aus.

„Du willst die doch nicht anfassen?!“, Javi schnappt nach meinem Arm.

„Ich will nur wissen, woran sie..“, ich komme nicht dazu, den Satz zu Ende zubringen, geschweige denn die Frau umzudrehen. Das macht sie nämlich von selbst und zwar vom Rücken auf die Seite. Dann fängt sie an hemmungslos zu husten und nach Luft zu schnappen, während Javi und mir die Luft wie auf Knopfdruck erstmal wegbleibt. Wir springen synchron einen Schritt von der vermeintlichen Leiche weg und halten uns gegenseitig fest, als könnte einer von uns sonst umkippen und dabei draufgehen.

„Die lebt“, rutscht es atemlos aus mir heraus. Javi nickt wie ein Bekloppter und gemeinsam starren wir mit weit aufgerissenen Glubschern auf die hustende Frau vor uns auf dem Teppich. Das Gute ist, unsere Alice im Wundenland ist schwach und immer noch gefesselt. Das Schlechte ist,.. sie lebt und bringt uns mit diesem Umstand in eine verdammt schlechte Position. „Zivilcourage“, ploppt es in meinem Kopf auf und als Javi mich besorgt und immer noch mit Nilpferd-großen Augen zu mir rüber sieht, weiß ich, dass wir soeben denselben Gedanken geteilt haben. Bloß habe ich für meinen Teil nicht viel Lust darauf, wegen einer Unbekannten meinen Job an den Nagel zu hängen, war schon schwer genug, ihn zu bekommen. Geschweige denn, dieser Unbekannten zu helfen. Ich war schon immer irgendwie kaltherzig, konnte mit Frauen nie viel anfangen, und wer auch immer diese hier loswerden wollte, hatte vielleicht einen guten Grund dafür. Ich meine, warum sonst sollte man so etwas Hübsches erst ordentlich kaputt hauen und dann wegwerfen, wie etwas, das man nicht mehr haben will? Da muss doch mehr dahinterstecken. Wahrscheinlich hat sie es verdient, hier auf der Müllkippe zu landen. Eventuell hat sie es provoziert. Was auch immer. Mir doch egal.

Zwangsläufig muss ich an meine Mutter denken und daran, was die Hure mir jahrelang angetan hat. Die Erinnerungen ploppen auf, fühlen sich so echt an, als würde mir genau jetzt und in diesem Moment alles auf einmal widerfahren. Die Schläge, das Hungern, die Folter, die Einsamkeit, die Dunkelheit, das Bügeleisen, und all die anderen widerlichen Dinge, die sie mich tun lassen und zu denen sie mich gezwungen hat. Und wie jedes Mal, wenn ich an diese Fotze von einer Mutter denke, kocht etwas in mir über und ich sehe schwarz.

„Wir müssen sie kalt machen“, sage ich an Javi gewandt und suche den Boden wie automatisch nach dem Kerzenständer ab, den ich vorhin in der Hand hatte.

„Bist du wahnsinnig?“, keift mich Javi von der Seite  an und greift ein zweites Mal nach meinem Arm. „Wir machen sie garantiert nicht kalt!“

„Hast du eine bessere Idee?“, fahre ich meinen Kumpel an und balle die Hände zu Fäusten.

„Wir hauen ab und rufen die Bullen“, versucht mich Javi zu beruhigen. Ja. Unterbewusst weiß ich, dass er recht hat und dass das, das Vernünftigste wäre, wäre da nicht dieser überwältigende Drang in mir, der gerade sowas von auf Töten aus ist. Ach was. Nicht töten. Wohl eher vernichten. Zu Brei schlagen. Ausweiden. Eliminieren. Rache, obwohl die Tussi im Teppich nichts mit meiner Mutter gemein hat, außer ihr Geschlecht.

„Diego!“, nun schüttelt mich Javi, was ein Indiz dafür sein muss, dass ich mich vermutlich wirklich wie ein tollwütiger Köter benehme und völlig außer mir bin. Doch der Schalter in mir ist umgelegt und der Kerzenständer hat irgendwie in meine Hand gefunden und Javi liegt plötzlich auf dem Boden vor mir, ich rage über ihm. Die Spucke trieft aus meinem Mund auf meinen Kumpel hinab. Keine Ahnung, wie es dazu gekommen ist. Egal. Ich muss dieses.. Stück Dreck auf dem Teppich umbringen, bevor sie.., bevor sie..

„Sie ist nicht deine Mutter!“, brüllt mich Javi an und ehe ich mich versehe, tauschen wir die Plätze. Nun ist er über mir und ich unter ihm und all die schlechten Erinnerungen prasseln wieder wie Steinblöcke auf mich nieder. Sie lassen mich erstarren. Einfrieren.

Javi kennt meine Vergangenheit. Javi weiß, was damals passiert ist. Und Javi tut genau das, was er tun muss. Er verpasst mir eine deftige Ohrfeige, die mich prompt Blut auf meiner Zunge schmecken lässt und mich in die Gegenwart zurückholt.

„Geh verdammt nochmal zur Therapie“, flucht er, als ich mich einigermaßen beruhigt habe. Beruhigt im Sinne von: ich habe mit der Flennerei aufgehört.

“Gehts wieder?”, erkundigt sich mein Kumpel bei mir.

Nein, denke ich, trotzdem nicke ich, weil mir die Position, in der ich mich befinde, nicht sonderlich gefällt und wir ein anderes Problem haben, um das wir uns kümmern müssen, denn unsere Alice im Wundenland hat sich aufgerichtet und aufgehört zu husten. Genau genommen sitzt sie im Schneidersitz auf dem Teppich, in dem sie zuvor ein anderer fein säuberlich beerdigt hatte. Außerdem glotzt uns die Tussi auch noch an. Wir glotzen zwar zurück, aber um das geht es nicht. Die Tatsache, dass Alice oder wie auch immer sie heisst, weder wegläuft, noch schreit noch sonst irgendwelche Anstalten macht, zu verschwinden oder sich Hilfe zu suchen, irritiert mich so dermassen, dass ich Javi von mir runterschubse und wieder nach dem Kerzenständer Ausschau halte. Ich meine, mit der stimmt ganz offensichtlich doch etwas nicht? Das ist nicht normal. Jede andere in ihrer Lage hätte bestimmt schon die ganze Müllhalde zusammen geschrien.

Sehr zu meinem Missfallen bekommt Javi vor mir den Kerzenständer in die Hand und ist auch vor mir auf den Beinen. Witzigerweise übernimmt er nun meine Rolle, indem er den Kerzenständer wie eine Waffe, bereit zum Zuschlagen, über seinen Kopf hält.
“Nur damit das klar ist, wir haben dir nichts angetan, wir haben dich nur gefunden”, startet Javi und klingt dabei so bedrohlich wie eine Horde weinerlicher Babies in einer Krippe. Alice im Wundenland, okay, ich brauche einen neuen Namen für sie, der ist eindeutig zu lange, nickt. Wie wäre es mit Müllmädchen? Ja, Müllmädchen ist gut und naheliegend, schließlich haben wir die Kleine im Müll gefunden.
“Ich weiss”, erwidert sie schwach und … lächelt. Was zur Hölle. Die lächelt uns tatsächlich an. Mein Mund steht so weit offen, als wäre ich im Begriff, eine ganze Lokomotive zu verschlucken. Javi geht es ähnlich, trotzdem schafft er es irgendwie, Worte aus seiner sperangelweiten Luke herauszubekommen.
“Wie… wie… heißt du?”
“Mein Meister hat mich auf den Namen Alani getauft. Seid ihr meine neuen Meister? Bringt ihr mich nun in eure Gemächer?”, dringt es aus dem Müllmädchen heraus. Die Wimpern in dem zerstörten Gesicht klimpern neugierig. Javi und ich tauschen Blicke aus. Eigentlich ist es, wie in den Spiegel zusehen. Das Entsetzen in unseren Visagen ist identisch und die Fragezeichen in unseren Köpfen reihen sich in Reih und Glied auf. Wahrscheinlich hat die Kleine ein paar Schläge zu viel gefressen und eine ordentliche Gehirnerschütterung davon getragen, anders kann ich mir den Stuss, den sie von sich gibt, nicht erklären.
Javi stupst mich von der Seite an. “Ich glaube, wir sollten einen Krankenwagen rufen”, meint er in einem Flüsterton. “Die ist komplett hinüber.”

“Ist das unser Problem?”, knurre ich, immer noch nicht bereit, wegen der Kleinen Ärger zu bekommen.
“Diego, Alani wird uns bestimmt nicht verpfeifen”, beginnt Javi und deutet mit einer Geste auf das Müllmädchen auf dem Teppich. “Oder Alani? Wenn wir dir unser Handy in die Hand drücken, damit du Hilfe rufen kannst, dann sagst du den Bullen, du hast das Handy einfach auf dem Boden gefunden, als du ganz alleine auf der Müllkippe herumgeirrt bist”, mein Kumpel sieht das Müllmädchen erwartungsvoll an. Beinahe hoffnungsvoll, als könnte sein Einfall und ihre Zusicherung uns aus dieser Misere katapultieren.

Das Müllmädchen hingegen scheint genauso wenig angetan von diesem Vorschlag wie ich, denn in ihren fast schon ungewöhnlich hellblauen Augen keimt Angst auf und auch ihre Körperhaltung verändert sich. Die Frau schrumpft förmlich vor uns zusammen, als hätte Javi mit dem Kerzenständer ausgeholt.
“Bitte nicht, keine Polizei, keine Rettung. Liefert mich ihnen nicht aus!”, piepst das Mädchen hinter vorgehaltenen Händen hervor. Na, immerhin ist eine meiner Meinung, die Frage ist nur wieso. Und was meint sie mit Ausliefern?

Javi will schon zum Sprechen ansetzen, da dränge ich mich vor. “Hör mal, Kleine, keine Ahnung, was du für einen Film fährst, geschweige denn, warum du auf dieser Müllkippe gelandet bist. Aber eins kann ich dir versichern, wir sind hier nicht die guten Kerle.”

Im Augenwinkel sehe ich Javi an, dass er mich für diese Aussage rügen will, doch nun kommt ihm das Müllmädchen zuvor.
“Ich kann Wünsche erfüllen”, wispert sie leise und weil Javi und ich sie entweder falsch verstanden haben oder nicht verstehen, was das verwirrte Ding da von sich gibt, antworten wir beide mit einem “Was?”

Die Hände verschwinden vor ihrem Gesicht und erneut kommt dieses unverständliche Lächeln zum Vorschein, das mir dieses Mal eine Gänsehaut der Sorte verdammt unangenehmn beschert.
“Ich kann Wünsche erfüllen”, wiederholt das Müllmädchen, diesmal mit etwas mehr Kraft in der Stimme. “Nein, das stimmt nicht ganz”, korrigiert sie sich kopfschüttelnd, obwohl keiner nachgefragt hat. “Ich erfülle die sehnlichsten Wünsche, wenn man mich zum Höhepunkt bringt.”
Manchmal gibt es Momente im Leben, da ist man einfach baff. So nach dem Motto: Man hat mit vielem gerechnet, aber nicht mit sowas. Und das hier ist ein solcher Moment. weshalb Javi und ich ein paar Sekunden brauchen, bis wir beide loslachen. Irgendwann halten wir uns sogar die Bäuche, weil es anfängt weh zu tun. Der verdutzte Gesichtsausdruck des Müllmädchens gibt uns den Rest. Ich meine, da liegt eine völlig vermöbelt und eingerollt in einem Teppich auf der Müllkippe und das Beste, was ihr einfällt, um sich aus dieser Situation zu retten oder was auch immer sie mit diesem Mumpitz aus ihrem Mund im Sinne hatte, ist “Ich erfülle Wünsche, wenn man mich zum Höhepunkt bringt”, wie lächerlich ist das denn?!

„Okay, hey, die Vergewaltigung geht aufs Haus, du musst sie uns nicht erst schmackhaft machen“, scherze ich.

„Oder anbetteln. Ist echt nicht nötig“, stimmt Javi plötzlich mit ein. Wir gucken uns an und fangen wieder an zu lachen. Die Einzige, die es nicht lustig findet, ist das Müllmädchen. Die schmollt.

„Ach, komm schon, zieh nicht so eine Schnute. Ich meine, warum sollte einer eine wegwerfen und loshaben wollen, wenn die einem Wünsche erfüllen kann, wenn man sie flachlegt?“, gackert Javi, der wohl aufgegeben hat, den guten Kerl zu spielen.

Ich halte inne mit meinem Gegackere und wische mir eine Träne aus dem Gesicht, die sich vor lauter Lachen gelöst haben muss. „Naja, wenn er sie nicht zum Kommen bringt, ist das schon ganz schön frustrierend.“

„Ahhh! Du meinst, der Typ wollte sich nicht die Blöße geben und hat sie deswegen hier abgeladen?“

„Zum Beispiel. Und weil sie einfach nicht kommen wollte, hat er sie vorher nochmal schön ordentlich verdrescht.“

„Klingt einleuchtend.“

„Wäre es, wenn man die Tatsache ignoriert, dass Frauen einem keine Wünsche erfüllen, wenn man sie zum Höhepunkt bringt.“

„Ich schon“, mischt sich das Müllmädchen in unser Gespräch ein. „Ich erfülle den sehnlichsten Wunsch, wenn ich komme.“

„Und wie sieht das aus, wenn du selbst Hand anlegst? Dann könntest du dir doch jeden Wunsch erfüllen und trotzdem finden wir dich ramponiert auf einer Müllkippe vor, statt Cocktail schlürfend in einem Märchenschloss“, ich hebe meine universelle Fick-dich-Augenbraue leicht an.

Das Müllmädchen gibt sich davon aber unbeeindruckt. Sie legt sogar ihr seltsames Lächeln auf und dazu auch noch den Kopf schief. „So funktioniert meine Gabe nicht“, sagt sie. Behauptet sie. Gibt sie von sich. Lächerlich. Total lächerlich. Ich zucke mit den Schultern. „Die hat definitiv ein paar Schläge zu viel abbekommen, bei dem Stuss, den sie von sich gibt“, sage ich an Javi gewandt.

„Und wenn wir es einfach ausprobieren?“, dringt es unerwartet aus Javi als Antwort hervor. Nun pflastere ich auch noch meine zweite Augenbraue nach oben.

„Was ausprobieren?“

„Na ob sie wirklich Wünsche erfüllen kann.“

Ich lache laut auf. „Als ob du eine Frau zum Kommen bringen kannst“, ich klopfe Javi auf den Rücken. „Mach dir nichts vor.“

Javi‘s Miene verdunkelt sich. „Ich meine es ernst, Diego. Warum nehmen wir sie nicht einfach mit nach Hause und probieren es aus? Die will nicht gerettet werden. Die will was ganz anderes“, flüstert er und irgendwie funkeln seine Augen dabei eine Spur zu unheimlich für mich. Normalerweise bin ich der, der solche Sprüche von sich gibt, aber so wie’s scheint, haben Javi und ich die Rollen getauscht. Oder sein Hirn hat sich verabschiedet und sein Freund in der Hose hat das Ruder übernommen.

„Du willst die kidnappen und als eine Art Sklavin halten? Verstehe ich das richtig?“, flüstere ich zurück, so ganz und gar nicht angetan von dieser Idee.

Javi nickt.

Mir geht das irgendwie gegen den Strich. Ich hätte kein Problem gehabt, dem Müllmädchen mit dem Kerzenschein den Garaus zu machen, aber sie als Sklavin mit nach Hause zu nehmen, erinnert mich zu sehr an meine eigene Kindheit. Die Worte „Liefert mich ihnen nicht aus“ hallen durch meinen Kopf. Was meinte das Müllmädchen wohl damit?

Ich räuspere mich. „Also, und warum genau sollen wir die Polizei nicht rufen? Oder den Krankenwagen?“

„Wenn sie von meiner Gabe erfahren – und das werden sie – werden sie Experimente mit mir durchführen. Sie werden mich einsperren. Sie werden mich an Drähte anschließen und versuchen, mich zu vervielfältigen. Sie werden Profit mit mir schöpfen wollen. Sie werden mich als Objekt sehen“, antwortet das Müllmädchen. Das Lächeln verschwindet von ihrem Gesicht und die dünnen Arme schlingen sich um ihren Körper. „Ich will nicht vielen dienen, nur demjenigen, den ich ausgewählt habe“, piepst sie. „Es würde in einer Katastrophe enden, wenn zu viele Wünsche erfüllt werden würden.“

„Und du willst uns dienen? Vielleicht wünschen wir uns ja richtigen Bullshit oder behandeln dich genauso Scheisse. Wir könnten dich auch an all unsere Freunde verscherbeln und jeder könnte für ein bisschen Cash über dich drüber rutschen“, erwidere ich und suche immer noch nach dem Haken. Vorausgesetzt das Müllmädchen gibt keinen Müll von sich und sie hat wirklich so eine Gabe, leuchtet zumindest ihr Argument, dass es in einer Katastrophe enden würde, wenn zu viele Wünsche erfüllt werden, ein. Aber die bindet uns sowieso einen Bären auf. Warum auch immer. So nötig kann sie es doch nicht haben.
„Das würdest du nicht zulassen, weil du weißt, wie es sich anfühlt“, gibt das Müllmädchen von sich und bringt mein Herz damit zum Stehen. Auch Javi neben mir zuckt zusammen und sieht mich an. Alle Augen sind auf mich gerichtet und ich fühle mich bloßgestellt. Dass Javi davon weiß, wusste ich, aber wie zum Henker kann dieses Müllmädchen davon wissen? Oder war das ein Zufallstreffer? Ein blind ins Schwarze raten und mitten ins Schwarze treffen?

Ich lache, obwohl mir nicht nach Lachen zumute zumute ist.

„Ich weiß nicht, wovon du da redest“, platzt es aus mir heraus, obwohl ich es ganz genau weiß.

Das Müllmädchen lächelt wieder ihr Lächeln, was mir auch dieses Mal eine Gänsehaut beschert. „Du bist wie ich. Du wurdest benutzt und ausgenutzt, bis du deinen Nutzen nicht mehr erfüllen konntest. Dann wurdest du weggeworfen. So wie ich. Wir sind gleich. Du und ich.“

„Einen Scheiss sind wir“, knurre ich zwischen zusammengepressten Lippen hervor und will wieder zum Kerzenständer greifen, aber Javi hält mich fest. Besser gesagt, nimmt mich in den Arm. Und in eine menschliche Gummijacke hinein. Irgendwie habe ich wohl angefangen zu heulen, denn da ist Nässe auf meinem Gesicht und Javi‘s Hand auf meinem Kopf und seine Finger zwischen meinen Haare. Er tröstet mich, was total irre ist und fehl am Platz wirkt. Ich will mich auch freikämpfen, doch mein Körper spielt nicht mit. Der ist wie festgefroren. Und die Vergangenheit prallt wie ein unaufhaltsamer Meteorit auf mich ein.

Ich muss auf dieser Müllkippe irgendwann mein Bewusstsein verloren haben, denn als ich das nächste Mal wieder etwas bewusst wahrnehme, sitze ich auf einem Bett. Ich habe sogar andere Klamotten an und fühle mich wie frisch geduscht. Und sehr zu meinem Verdruss sitzt das Müllmädchen neben mir und hält meine Hand. Ich ziehe sie blitzschnell zurück und rutsche von ihr weg, als wäre die Frau Atomar verseucht oder irgendwie ansteckend. So wie ich, trägt nun auch das Müllmädchen Kleidung. Ich erkenne das Hemd und die Jogginghose sogar wider. Javi hat ihr wohl etwas geliehen und sie auch seine Dusche benutzen lassen, denn wir befinden uns ganz eindeutig in seinem Schlafzimmer.

„Keine Angst, wir sind in Sicherheit“, flüstert das Müllmädchen. Da ist wieder dieses sonderbare Lächeln auf ihrem schönen Gesicht und diese unnatürlich hellblauen Augen strahlen mich an. Sie glitzern regelrecht, als hätte die Frau zuvor geweint oder als kitzeln gerade Tränen in ihren Lidern.

„Weißt du“, beginnt das Müllmädchen und lehnt sich mit dem Kopf und dem Rücken gegen die Wand. „Mein alter Meister hat mich unter einem Orangenbaum gefunden und mir deswegen den Namen Alani gegeben“, das Lächeln in ihrem Gesicht wird etwas breiter, einnehmender. „Er war ein lieber Mann. Immer sehr nett zu mir und hat mich gut behandelt. Wir haben eines Abends miteinander geschlafen und er meinte zu mir, er hätte einen neuen sehnlichsten Wunsch. Ich war neugierig und habe ihn gefragt, was für einen Wunsch ich ihm denn diesmal erfüllen darf. Er hat mich angelächelt und mir gesagt, es wäre ein Wunsch für mich. Er würde mir gerne diesen einen Wunsch erfüllen, so wie ich immerzu seine erfülle. Und weil ich mir doch so sehr wünsche, jemanden zu finden, der so ist wie ich, der auch diese Gabe hat, würde er sich das für mich wünschen“, das Lächeln des Müllmädchens gerät etwas in Schieflage und die hellblauen Augen verlieren an Glanz. „Wer hätte gedacht, dass mich dieser eine Wunsch von meinem Meister wegreißen könnte und ich zuerst durch die Hölle gehen musste, um dir endlich begegnen zu können? Denn das war wohl dafür nötig, dass auch dieser Wunsch in Erfüllung geht“, Alani‘s Blick richtet sich auf mich. „Wünsche sind tückisch, Diego und der Weg zu ihrer Erfüllung fordert manchmal einen Tribut, den man im Leichtsinn gar nicht einkalkuliert. Wünsche haben Sonnen- sowie Schattenseiten und nicht jeder Wunsch geht so in Erfüllung, wie man es gerne hätte. Einfach und unkompliziert, ohne Leid. Manche Wünsche sind kompliziert und schmerzhaft. Doch eine Sache haben sie alle gemeinsam. Sie gehen alle in Erfüllung, wenn man mit uns schläft und uns zum Höhepunkt bringt.  Das ist unsere Gabe und unser Fluch zugleich.““Moment mal”, stammele ich völlig überfordert los. “Wie meinst du das? Was zur Hölle soll das alles bedeuten? Du wolltest jemanden finden, der so ist wie du? Der auch diese bescheuerte Gabe hat? Und dieser jemand soll ich sein?”, ich lache los. Pruste los, während Flüssigkeit aus meinen Augen quillt und mein Herz wie ein Schlagzeuger auf Speed gegen meinen Brustkorb hämmert. Ich muss an meine Mutter denken. An die vielen Male. An die unzähligen Male. Und ich muss an diese Müllkippe denken. Und daran, wie einfach man Ballast loswerden kann, wenn der Ballast nicht mehr seinen Zweck erfüllen will.
“Du bist wie ich, Diego. Tief in dir drin wusstest du das schon immer. Du kannst Wünsche erfüllen und mein sehnlichster Wunsch ist durch dich in Erfüllung gegangen. Und wenn du willst, kann ich deinen ebenso in Erfüllung gehen lassen.”
Alani funkelt mich an und zum ersten Mal in meinem Leben fühle ich mehr als nur Verachtung für das weibliche Geschlecht.

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