EigenartigesKurzPsychologischer Horror

My dirty little secret

Ich wühle durch die verschiedenen Zeichnungen und sehe immer wieder dasselbe Motiv in verschiedenen Variationen. Ja, dasselbe, nicht das gleiche. Es versteckt sich in jeder Zeichnung von mir. Manchmal links unten, manchmal rechts oben, rechts unten, links oben oder mittendrin. Egal, wo ich es verstecke, es ist und bleibt da. Auf all meinen Zeichnungen. Mein Geheimnis, das ich seit Jahren mit mir herumtrage. Natürlich bin ich in all den Jahren im Zeichnen besser geworden, aber selbst in meinen Kinderzeichnungen steckt es drin, das Geheimnis, es kann nur keiner sehen, weil sie alle nicht wissen, wonach sie suchen müssen. Denke ich, hoffe ich. Ich weiß nicht einmal, wieso ich es immer und immer wieder zeichne. Es ist wie ein Drang. Als müsste ich mein Geheimnis unbedingt auf Papier bringen. Man könnte meinen, ich hänge an ihm, doch so ist es nicht. Ich würde es liebend gerne vergessen, aber es klebt an mir, besser gesagt, es ist in mir drin sowie in meinen Zeichnungen. Es ist omnipräsent. Egal, wo ich hingucke, wo ich bin, was ich tue und bei wem ich mich aufhalte, mein Geheimnis ist und bleibt bei mir wie ein Muttermal, das man nicht loswird. Wobei, nein, Muttermale kann man wegoperieren, doch mein Geheimnis… das ist hartnäckiger. Es wohnt in mir, es behaust mich, es hat mich infiziert. Es steckt in jeder Pore und in der Luft, die ich atme. Es fließt durch meine Finger, windet sich in meinen Gedanken und färbt mein Herz schwarz. Abgrundtief schwarz, denn es ist ein böses Geheimnis. Eins, das schwer wiegt, und dass man keinem anvertrauen und mit keinem teilen will.

Ich sage wollen dazu, weil wenn ich wollte, könnte ich es schon jemandem erzählen. Und dann würde dieser jemand unweigerlich Fragen stellen. Viele Fragen und dieser jemand würde über mich urteilen und um verurteilt zu werden, dafür bin ich noch nicht bereit. Ich sage noch nicht, weil ich die Hoffnung hege, dass ich es irgendwann sein werde. Bereit, das Geheimnis loszulassen. Es ziehen zu lassen. Es von mir wegzustoßen und das Richtige zu tun, aber um das Richtige zu tun, muss man erst etwas Falsches machen, weil man Fehler korrigieren kann. Und was ich mache ist falsch. Ich benutze meine Finger, Stifte und Papier, um über das Geheimnis zu sprechen. Male in einer Sprache, die keiner versteht und viele missverstehen.

Es ist, wie einem Farbenblinden einen roten Elefanten hinzuhalten und obwohl der rote Elefant sich unmittelbar vor der Person befindet, kann sie ihn nicht sehen. Nein, sehen kann sie ihn schon, ertasten, erfühlen, aber nicht erkennen, nicht dessen Farbe, die so wichtig ist und alles über den Elefanten aussagt. Der rote Elefant ist genauso sichtbar, wie mein Geheimnis auf meinen Zeichnungen zu sehen ist, und doch sind die Betrachter blind. Können das Geheimnis nicht erahnen, nicht dechiffrieren. Ich halte es versteckt, so wie ich es ihnen frontal vor die Nase halte, nur keiner vermag die Botschaft zu verstehen oder sich damit auseinanderzusetzen. Einen gründlichen Blick darauf werfen, um zu sehen, was sich womöglich dahinter verbirgt. Und dennoch, der Gedanke, dass mein Geheimnis irgendwann gefunden werden könnte, tröstet und verängstigt mich gleichermaßen. Schlussendlich ist es nicht meine Schuld, wenn keiner vermag, das Offensichtliche in dem Gewirr aus Strichen und Farben auszumachen. Vielleicht sind sie auch zu abgelenkt vom Gesamtkunstwerk, entweder das oder sie können sich nicht einmal ansatzweise ausmalen, was so einer wie ich vor ihnen verbergen könnte.

Ich bin wirklich gut im Zeichnen sowie im Verstecken und Verwahren von meinem Geheimnis. Schließlich tue ich das schon sehr lange, so lange, wie das Geheimnis in mir Platz gefunden hat.

Ich lecke mir über die Lippen und pflücke eine Kinderzeichnung von mir heraus. Sie zeigt ein Haus und unter diesem Haus, dort steckt es, mein Geheimnis. Man kann es auf der Zeichnung nicht sehen, weil es unter dem Haus ist und das Haus habe ich mit Farbe ausgemalt. Dennoch ist es da, das Geheimnis, unter all den roten Ziegelsteinen begraben. Tief vergraben, so tief wie in mir. Ich grinse zufrieden und halte es der kleinen Emma unter die Nase. Ich sage so etwas wie „Guck mal, Emma, so habe ich gezeichnet, als ich so alt war wie du.”
Schlagartig werden Emmas Augen groß. Riesig. Sie funkeln sogar, so fasziniert ist das kleine Mädchen von meinem Geheimnis, obwohl sie es gar nicht sehen kann.

„Und wenn du einmal groß bist, dann kannst du vielleicht genauso schön zeichnen wie ich, aber dafür musst du jeden Tag üben“, plappere ich fröhlich weiter und halte ihr die nächste Zeichnung hin. Die ist sogar neu, frisch gezeichnet und man sieht wieder das Haus auf dem Papier. Es ist sogar dasselbe, nicht das gleiche, Haus wie auf der Zeichnung zuvor. Nur diesmal ist es besser, das Haus. Auf dieser Zeichnung hier erkennt man sogar die Ziegel, wie sie rot schimmern und plötzlich Struktur haben. Und auch auf dieser Zeichnung sieht man mein Geheimnis. Es befindet sich wieder unter dem Haus, doch da das Haus die ganze Seite einnimmt, erkennt man es nicht.

„Wow!“, meint Emma bloß und rupft mir die Zeichnung begeistert aus den Händen. Das macht nichts. Kinder, die sind einfach so. Gierig, ungeduldig und genauso gemein wie mein Geheimnis.

„Und das hast du gezeichnet?“, erkundigt sich Emma mit klimpernden Wimpern bei mir. Ich nicke überschwänglich und halte der Kleinen die nächste Zeichnung hin. Diesmal ist da eine Wiese vor dem Haus. Sie ist grün und saftig und inmitten der Wiese versteckt sich mein Geheimnis. Besser gesagt darunter.

„Wie gefällt dir das?“, frage ich Emma völlig erregt. Emma zieht mir schnurstracks die Zeichnung aus den Fingern und runzelt dann verwundert die Stirn. Sie runzelt die Stirn so stark, dass das Mädchen nun ein bisschen so aussieht wie ein zerknittertes Hemd, das unbedingt einmal gebügelt, flachgelegt und zusammengefaltet werden sollte. Bei dem Gedanken kichere ich verwegen, weil es so ein lustiges Wortspiel ist und Kopfkino macht. Emma sieht mich an, dann sieht sie die Zeichnung an und versteht den Witz nicht, über den ich so ungehemmt lache. Hätte sie das Geheimnis auf der Zeichnung gefunden, würde sie ihn garantiert verstehen. Oder auch nicht. Emma ist noch jung, aber irgendwann würde sie den Witz kapieren und wenn es soweit ist, dann würde sie lachen, so wie ich jetzt lache, weil es einfach total lächerlich ist. Vielleicht wäre sie dann inmitten von Menschen, und der Gedanke erheitert mich irgendwie.

„Was ist denn so lustig?“, hakt das Mädchen skeptisch nach, weil ich mich gar nicht mehr einkriege und mir den Bauch halte. „Ach nichts, nichts“, gluckere ich und zeige ihr ungeniert das nächste Bild. Nun zupft sie mir das Papier mit weniger Ehrgeiz als zuvor aus den Fingern. Wieder suchen ihre Augen mein Kunstwerk ab. Und wieder findet sie mein Geheimnis nicht. Ich muss meine Lippen ganz fest aufeinander pressen, um mich nicht wieder loszuprusten, weil Emma bei ihrer Suche ein so dämliches Gesicht macht. Wie kann sie das Offensichtliche nicht sehen, obwohl es doch genau dort ist? Auf der Zeichnung. Sie hält sogar ihren Finger drauf! Ich kapier’s nicht!

„Das ist ja schon wieder eine Wiese“, stellt das Mädchen trocken fest. Es ist sogar dieselbe und nicht die gleiche Wiese.

„Gefällt sie dir?“

„Schon ja“, Emma sieht mich an und ich gucke glücklich zurück. „Was ist denn, Kleine? Warum ziehst du so eine Schnute?“

„Die Wiese sieht irgendwie komisch aus“, behauptet das Mädchen in einem Ton, der keine Widerworte zulässt und deutet mit ihrem Zeigefinger auf mein Geheimnis. Für eine Millisekunde halte ich die Luft an. Kann es sein…. Kann es wirklich sein? Nein! Hat sie das Geheimnis vielleicht doch erkannt?! Dieses kleine Mädchen?! Doch eigentlich ist es nur logisch, denn ich war damals auch klein, als ich das Geheimnis entdeckt habe oder es mich entdeckt hat.

„Aber sie ist doch so schön grün und saftig und blumig? So wie eine Wiese sein sollte“, winde ich mich heraus, doch Emma sieht mich mit ihren Kulleraugen weiterhin so an, als würde sie etwas sehen, das kein anderer sehen kann. Fast so, als würden wir dieselbe Sprache sprechen. Ich merke, wie meine Hände schwitzig werden und die Raumtemperatur sich verändert, genauso wie sich in mir etwas verändert. Das Geheimnis windet sich, es streckt sich in mir aus bis in den kleinen Finger und ehe ich mich versehe, ist meine Hand dort, wo keine Hände hingehören. Emma zuckt nicht zurück, wie sie zurück zucken sollte. Und ich weiche nicht zurück, wie ich zurück weichen sollte. Wir verharren eine Weile in der Position, bis ich wie mechanisch zur nächsten Zeichnung greife und sie dem Mädchen hinhalte. Emma nimmt sie an sich, ohne mich aus den Augen zu lassen, und ich würde das an ihrer Stelle auch nicht tun, denn ich bin gefährlich und so böse wie mein Geheimnis.

„Was siehst du auf der Zeichnung?“, frage ich nun im Flüsterton, als von der Kleinen nichts kommt und merke, wie die Anspannung die Luft zwischen uns dick werden lässt, so dick, man könnte sie wie einen Kuchen in Stücke schneiden.

„Farben“, erwidert Emma genauso leise und nimmt einen tiefen Atemzug. Auch ich nehme gierig ein Stück vom Luftkuchen, als wäre nicht genug Kuchen für uns beide hier im Raum.

„Und gefallen sie dir? Sie sind schön bunt, findest du nicht auch? Bunt und gar nicht komisch“, gackere ich wie ein Huhn auf der Stange. Doch die kleine Emma gackert nicht mit. Die kleine Emma blickt auf die Zeichnung in ihren Händen hinunter und dann wieder hoch zu mir. “Die Wiese ist komisch”, sagt die Kleine und legt mein Geheimnis offen dar. „Mit der stimmt etwas nicht.“

“Was hat mich verraten?”, frage ich erschrocken und fingere dem Mädchen rasch die Zeichnung aus der Hand, bevor die anderen Kinder noch neugierig werden.

„Dein Lachen! Da ist etwas faul! Mit der Wiese! Stimmt’s? Hab ich recht? Ja?! Du hast da was versteckt! Gib’s zu!“

Emma grinst mich siegreich an und prompt grinse ich zurück und als wir beide grinsen, weiss ich, dass ich Emma ganz schnell verschwinden lassen muss, weil sie mein Geheimnis nun kennt und weiß, wo es sich befindet. Sie könnte jemandem davon erzählen und dieser jemand könnte es jemandem anderen erzählen und innerhalb kürzester Zeit wäre mein Geheimnis gar nicht mehr so geheim. Ich habe gar keine andere Wahl. Also streiche ich für das kleine Mädchen ein weiteres Mal das Wort Kinder aus dem Kindergärtner.

Manchmal muss man tief buddeln, um etwas loszuwerden, was einen belasten könnte und manchmal ist es halt eben nicht tief genug, dann muss man tiefer graben und mit der Zeit, ja mit der Zeit, wächst irgendwann Gras drüber und wenn Gras drüber gewachsen ist, sieht keiner mehr, was sich unter der Erde verbirgt – dann bleibt ein Geheimnis für immer geheim, es sei denn ein weiteres Kind kommt auf die Idee, mein Geheimnis zu lüften.

Bewertung: 4 / 5. Anzahl Bewertungen: 1

Bisher keine Bewertungen! Sei der Erste, der diesen Beitrag bewertet.

Ähnliche Artikel

Ein Kommentar

Schreibe einen Kommentar

Überprüfen Sie auch
Schließen
Schaltfläche "Zurück zum Anfang"