MittelNSFW

Schwarzer Engel

Der Spiegel ist dein Freund

Anmerkung: „Schwarzer Engel“ ist der zweite Teil der „Engel“-Reihe und somit die Fortsetzung von „Halber Engel“. Sollte der Leser den ersten Teil noch nicht kennen, wäre es sinnvoll, diesen zuerst zu lesen, da sonst dessen Story vorweggenommen wird und die dieser Geschichte wenig sinnvoll erscheint. Logischerweise gilt auch für den zweiten Teil der gleiche Disclaimer, wie für den ersten.

Was sollte ich nur tun? Ich saß auf dem blutbesudelten Boden des Ritualraumes, Lucie in meinen Armen und der tote Körper Steiners wenige Meter von uns entfernt. Aus Lucies Wunden floss das dickflüssige Blut auf ihre Kleidung und den Boden. Ich musste etwas tun, sonst würde sie noch verbluten oder eine Infektion bekommen oder sonst was. Aber was sollte ich tun? Wie sollte ich ihre Blutung stoppen? Verbinden ging nicht, da die Wunden ja im Gesicht waren. Nähen vielleicht? Aber womit? Ich wurde langsam panisch, doch wieder einmal half mir der Dämon, von dem ich bis gerade eben noch nicht einmal wusste, dass er einer war. „Wenn du schon weinst, dann sorg bitte dafür, dass die Tropfen auf ihr Gesicht fallen. Das sollte die Wunden schneller wieder zuheilen lassen, als normal. Aber die Narben… naja, die dürften bleiben.“ Ohne nachzufragen tat ich, was er sagte. Ich beugte mich über sie und da ich tatsächlich geweint hatte, tropfte etwas von der salzigen Flüssigkeit auf ihre aufgeschlitzten Wangen. Wie durch ein Wunder verschlossen sich die Schnitte wieder und wurden zu sauberen, geschwungenen Narben. Sie sah fast aus, als würde sie lächeln… Entkräftet fiel sie in meinen Armen zusammen und schloss die Augen. Ich küsste sie, legte dann ihren Kopf in meinen Schoß und strich ihr sanft übers Haar. „Wir müssen nach oben, Lucie. Hier ist es zu kalt, du musst ins Bett.“ Sie reagierte nicht wirklich, schien mich allerdings gehört zu haben. „Na komm schon, sie hat dich schon zweimal bewusstlos in ihr Bett gewuchtet, das wirst du doch wohl auch schaffen, sie wiegt ja praktisch nichts.“ Er hatte Recht, das war ich ihr schuldig. Ich legte die Arme unter ihren leblosen Körper und hob sie vor mir hoch, wie ein kleines Kind. Tatsächlich war sie so leicht, dass ich nicht einmal wirklich schwankte, als ich mich aufstellte. Als ich in Richtung der Tür ging streifte mein Blick die Jesusfigur an der einen Wand. Aus irgendeinem Grund schien sie mich anzustarren. Verflucht, Lucie war wirklich talentiert. Ich trug sie in ihr Zimmer, legte sie behutsam ins Bett und setzte mich daneben, so, wie sie es immer bei mir getan hatte. Als ich das Gefühl hatte, vorerst nicht viel für sie tun zu können, wandte ich mich an den Dämon in meinem Inneren. „Also, jetzt zu dir. Du schuldest mir eine Erklärung.“ „Ist das so, Kleine?“ „Ja, das ist so. Wer bist du? Wo kommst du her? Wieso bist du in meinem Kopf? Und wieso um alles in der Welt hilfst du mir andauernd? Sollte ein Dämon nicht versuchen, den Menschen zu schaden?“ „Alles klar.“, begann er, dann hielt er jedoch inne. „Wärst du so lieb und holst einen Spiegel? Ich will dich ansehen, wenn ich mit dir rede.“ Ich wusste nicht, was das bringen sollte, aber andererseits… Er hatte mir in den letzten Stunden so geholfen, da konnte ich ihm ja diesen Gefallen tun. Ich ging also in das Bad, aus dem Lucie gestern die Rasierklingen geholt hatte und sah einen großen Spiegel an der Wand hängen. Ich stellte mich davor und konnte mich selbst bis kurz unter der Brust sehen. Ohne länger darüber nachzudenken, nahm ich ihn von der Wand und ging damit zurück in Lucies Zimmer. Ich wollte bei ihr sein, wenn sie aufwachte. Dort setzte ich mich aufs Bett, nachdem ich den Spiegel so an die Wand gelehnt hatte, dass ich mich selbst sehen konnte. Ich schaute hinein und auf einmal begann sich mein Gesicht in das zu verwandeln, welches ich vorhin flüchtig in der Blutlache auf dem Boden gesehen hatte. In der Glasscheibe sah es noch furchteinflößender und abstoßender aus, als das letzte Mal.

Es war nahezu perfekt rund, mit einem riesigen, spitzzahnigen, haiähnlichen Grinsen, das einen frösteln ließ. Keine Nase, nicht einmal ein Ansatz und die Augen wie die einer Schlange, gefüllt mit roten Flammen, die über die Lider loderten und züngelten. Die Haut hatte einen Ton, der an Motoröl erinnerte, nein, vielmehr an Obsidian mit einem leichten Blaustich. Aus der Stirn ragten zwei ca. 15 cm lange Hörner in tiefem Schwarz, die durften natürlich nicht fehlen. „Scheiße, sehe ich wirklich so aus?“, rutsche es mir heraus. „Nein, du nicht. Ich sehe so aus. Du siehst gerade in mein Gesicht, deins sieht jetzt ganz normal aus. Und ja, ich muss Lucie Recht geben, du bist echt hübsch, Marie.“ „D…d…danke schön.“, stotterte ich überfordert. Hatte ich so ausgesehen, als ich Steiners Schädel zerquetscht hatte? „Hast… Hast du… du vorhin…?“ Sein Grinsen wurde noch breiter und er sagte: „Ja, ich habe ihn getötet und deine Freundin gerettet.“ „Danke.“, war das Einzige, was ich herausbrachte. „Also, zurück zu deinen Fragen. Wer ich bin weißt du schon. Ich bin ein niederer Dämon und damit solltest du auch wissen, wo ich herkomme: aus der Hölle. Einen Namen habe ich nicht, aber du kannst dir meinetwegen einen ausdenken. Ihr Menschen braucht für alles einen Namen, deshalb hat auch alles einen Namen. Mich kennt kein Mensch, also brauche ich auch keinen Namen. In deinem Kopf bin ich, weil dein Vater vor deinen Augen gestorben ist. Dein Geist war schwach, verletzt, instabil und offenbar weigerten sich Gott und seine Engel, dir zu helfen. Hunsak… Nein, wie nennt ihr Menschen ihn? Satan? Also, mein Vorgesetzter jedenfalls hatte Mitleid mit dir und hat dir mich an die Hand gegeben, damit du nicht wahnsinnig wirst. Wäre ich nicht da gewesen, hättest du dich gleich zusammen mit Steiner einweisen lassen können. Und naja, das ist auch der Grund, aus dem ich dir helfe: es ist meine Aufgabe, dir zu helfen.“ Das war zu viel Information für mich. Satan sollte… sollte Mitleid mit mir gehabt haben? Aber… aber… „Das wirft mehr Fragen auf, als es beantwortet.“, bemerkte ich trocken und ziemlich verwirrt. „Ach so, hatte ich vergessen, da muss ich wohl etwas weiter ausholen. Frag am besten Lucie mal nach den Büchern der Leere. Da müsste das meiste drinstehen, was du wissen musst. Prinzipiell ist aber nur wichtig, dass euer Gott, wenngleich er die Welt und euch geschaffen hat, nicht der ist, für den ihr ihn haltet.

Was meinst du was mit… wie nennt ihr sie? Adam und Eva? Mit ihnen passiert ist, als sie aus dem Paradies vertrieben wurden?“ „Naja, sie und ihre Kinder besiedelten die Welt oder so etwas in der Art.“ „Ihre Kinder, ja. Doch die beiden wurden in die Unterwelt verbannt, denn sie wussten zu viel. Zusammen mit den Bäumen, deren Früchte sie nicht essen durften wurden sie ins Innere der Erde geschickt, wo sie auf Turkhabt trafen, Gottes betrogenen Bruder, aus dessen Leib dieser eure Welt geschaffen hat. Die beiden aßen die Früchte vom zweiten Baum, denn sie wussten, dass diese sie unsterblich machen würden und verbündeten sich mit dem Betrogenen, der ihnen übermenschliche Kräfte verlieh. Dadurch wurden sie jedoch fürchterlich entstellt und ihre Kinder, wir Dämonen, ebenso. Die drei sinnen auf Gerechtigkeit, doch die Menschen wollen ihnen nicht glauben, weil ihr Gott sie belügt. Es würde zu lange dauern, die ganze Geschichte zu erzählen, die steht in den fünf Büchern. Der Punkt ist jedoch, dass wir alle, alle Menschen, genau wie alle Dämonen, die Kinder desselben Vaters sind. Du bist quasi mein Schwesterchen.“ Er grinste breit und es sah fast aus, wie ein freundliches Lächeln, zumindest glaubte ich, dass es so gemeint sein sollte. Das hatte nicht wirklich meine Fragen geklärt, allerdings glaubte ich, dass daraus auch so schnell nichts werden würde. Stattdessen fragte ich: „Was soll ich deiner Meinung nach tun?“ „Ich weiß es nicht. Aber ich denke, wir werden bald enorme Probleme bekommen. Ich hab ein ungutes Gefühl wegen Michael. Der scheint dich nicht besonders leiden zu können.“ Da hatte er Recht. Da ich ja Steiner getötet hatte, würde dieser arrogante Idiot mir womöglich einen Strick daraus drehen wollen. „Irgendwas ist nicht normal hier. Räum schnell den Spiegel weg, Marie!“, sagte er unvermittelt und zu meiner Überraschung schien er panisch zu werden. Ohne zu hinterfragen tat ich, was er sagte und hängte den Spiegel zurück ins Bad, wo ich ihn hergeholt hatte. Dann ging ich zurück in Lucies Zimmer und wollte mich wieder ans Bett setzen. In diesem Moment jedoch wurde plötzlich mein gesamtes Sichtfeld weiß. Was war das denn? Wurde ich wieder ohnmächtig? Aber da wurde mir doch immer schwarz vor Augen, nicht weiß. Erst ein paar Sekunden später realisierte ich, dass ich geblendet wurde und kniff mit aller Gewalt die Augen zusammen. Nach kurzer Zeit spürte ich das Licht weniger grell werden und traute mich wieder, die Augen zu öffnen. Ich sah eine lichtumströmte Gestalt, die aus dem Nichts in Lucies Zimmer erschienen war. Die Gestalt sah aus wie ein junger Mann oder ein Junge, wohl nicht älter als 20. Er hatte weiße Engelsflügel, die meinen wesentlich ähnlicher waren, als die Michaels. Der Junge steckte in einer weißen, mit Goldornamenten verzierten Robe und sein Gesicht wurde durch eine Kapuze und eine weiße Maske verborgen. Er sprach mit klarer Stimme: „Marie? Ich bin hier um dich mitzunehmen.“ „Mich mitnehmen? Wohin? Wer bist du? Was willst du von mir?“

Meine Stimme hatte einen aggressiven Unterton, der ihn etwas zu verunsichern schien. Er fing sich jedoch schnell wieder und antwortete: „Mein Name ist Johannes. Michael hat mich geschickt, weil du gegen die Gesetze der Engel verstoßen hast. Er will dich vor dem Himmelsgericht anklagen.“ Sein Tonfall klang fast entschuldigend und er schien sich innerlich heftig gegen diesen Auftrag zu sträuben. War es das, was Michael gemeint hatte, als er sagte, ich solle ihm folgen, ohne zu hinterfragen? In mir kochte heiße Wut empor über diese Ungerechtigkeit. Dieser Junge tat mir leid, aber ich konnte nicht mit ihm gehen. „Verschwinde, Johannes. Ich gehe nicht mit dir, ich muss mich um meine Freundin kümmern. Zufälliger Weise hätte der Mann, den ich umgebracht habe, sie beinahe brutal abgeschlachtet, wusstest du das?“ „Ja, das weiß ich.“, murmelte er peinlich berührt und es klang, als würde er die Lippen zusammenpressen. „Aber ich führe nur meine Befehle aus, Marie. Es tut mir leid, ich kann dich nicht hierlassen. Michael wird mich in der Luft zerreißen.“ „Wenn er unbedingt mit mir reden will, dann soll er herkommen. Ich komme nicht zu ihm. Punkt.“ „Marie, bitte sei vernünftig.“, flüsterte der Junge, „Du weißt nicht, wozu er in der Lage ist. Bitte, komm einfach mit mir.“ Ich versuchte, den Dämon zu fragen, was ich tun sollte, doch er antwortete nicht. Ich erinnerte mich an das Gedankenlesen. Konnte Johannes das auch? Nach einer Zeit jedoch hörte ich die Stimme in mein Ohr flüstern: „Geh. Es ist besser. Du schaffst das schon, das hab ich im Urin.“ Alles klar. „Darf ich ihr wenigstens eine Nachricht hinterlassen?“ Er schien unglaublich erleichtert und nickte. „Ja, darfst du. Aber bitte beeil dich.“ Ich griff mir den nächsten Fetzen Papier und einen Stift und kritzelte darauf. „Ich bin bald zurück. Mach dir keine Sorgen. Ich liebe dich.“ Ich legte ihr den Zettel in die Hand und schloss diese darum. Dann wandte ich mich wieder dem Jungen zu. „Ich bin soweit. Lass uns gehen.“, sagte ich tonlos. Er nickte erleichtert und streckte mir seine Hand entgegen. Ich nahm sie und spürte sofort eine angenehme Wärme meinen Körper durchströmen. Das grelle Licht tauchte wieder auf und meine Augen gaben endgültig ihren Dienst auf.

Als das Licht wieder schwächer geworden war, stand ich in einem gigantischen Saal. Vor mir erstreckte sich ein hohes Podest, sicher 20 Meter hoch und 60 Meter lang. Daran hingen sieben gewaltige Banner mit großen wappenähnlichen Ornamenten. Das erste auf der linken Seite war rot und im Wappen prangten gelb die Buchstaben „CH“. Das rechts daneben war türkisblau und trug die Buchstaben „JO“ in einem wässrigen blau. Das nächste war Pechschwarz und trug in Silber die Lettern „AZ“. In der Mitte hing ein Banner, das etwas größer war als die anderen. Es war elfenbeinfarben und mit den protzigen goldenen Buchstaben „MI“ verziert. Das musste für Michael stehen. Wie unglaublich berechenbar er doch war. Rechts neben diesem war eines in kräftigem grün angebracht, auf welchem in leichtem braun die Initialen „GA“ geschrieben waren. Das vorletzte Banner war vollkommen weiß und in zarter hellroter Schrift stand „RA“ darauf. Das letzte Banner war braun, wie frische Erde und in hellem orange stand „AR“ darauf geschrieben. Ich wusste nicht, ob ich meiner Mutter dafür danken sollte, dass ich die Namen der sieben Erzengel auch ohne diese Banner hätte herunterbeten können, mitsamt ihrer Aufgaben. In der Reihenfolge, wie sie auf den Bannern standen, sind es: Chamuel, Engel der Liebe und der Beziehung zu Gott und der Natur. Jophiel, verantwortlich dafür, dass die Menschen die Schönheit allen Seins verstehen. Michael, Engel des Mutes, der Tapferkeit und Gerechtigkeit. Gabriel, Botschafter Gottes. Raphael, Engel der Heilung und Genesung. Und Ariel, zuständig für den Schutz der Erde und deren Heilung und Regeneration. Nur der Name des letzten Engels, „AZ“ wollte mir partout nicht einfallen. Wie konnte das sein? Egal. Ich drehte mich um mich selbst und sah hinter mir eine monolithische Tribüne aufragen, die gefüllt war mit Gestalten mit Engelsflügeln, die in denselben Farben gekleidet waren, welche auch die Banner hatten. Die in Weiß und Gold waren wohl die Untergebenen Michaels, die in grün und braun die Diener Gabriels und so weiter. Und die in schwarz und Silber gehörten zu… wie um alles in der Welt hieß der siebte Erzengel, das war doch nicht möglich. Auf jeden Fall waren dessen Anhänger mit großem Abstand die wenigsten. Ich hatte sie zu Anfang nicht bemerkt, denn keiner von ihnen gab einen Laut von sich.

Das war schon fast beängstigend. Wie konnte so eine gewaltige Masse so gespenstisch still sein? Es waren alle Altersklassen vertreten, von Kindern, die noch jünger waren, als mein kleiner Bruder gewesen war, bevor… naja, du weißt schon, bis zu Greisen, die so alt schienen, dass es an ein Wunder hätte grenzen müssen, wenn sie noch aufrecht hätten stehen können. Es waren Jungen und Mädchen darunter, Männer und Frauen, kleine und große, dicke und dünne… es war eine überwältigende Masse von Federn und Körpern. Mir wurde ein wenig schwindlig. Wo war ich hier? War das das Himmelsgericht? Ich sah hinauf zu dem Podest. In diesem Moment fuhr ein Schock durch meinen Körper und ich konnte mich nicht mehr bewegen. Ich starrte empor und sah, wie auf dem Podest die sieben höchsten Engel in Kugeln aus gleißend hellem Licht aus dem Nichts auftauchten. Sie standen dort oben und die maskenbedeckten Gesichter waren auf mich gerichtet. Michael rief durch die undurchdringlich scheinende Stille hindurch. „Marie! Dies ist das himmlische Gericht, die höchste Instanz, die in dieser Welt existiert. Du weißt, warum du hier bist?“ Ich realisierte erst nach einigen Sekunden, dass das keine rhetorische Frage war, sondern, dass er tatsächlich eine Antwort von mir erwartete. „Ich… ähm… ich meine…“, stotterte ich. Ich sammelte mich kurz. Den Triumph, mich so bloßgestellt zu haben, würde ich ihm nicht gönnen. „Ich bin hier, weil dein Diener mich hergebracht hat, Michael.“ Das schien ihn zu verärgern, was mich wiederum unglaublich freute. „Und was glaubst du, warum Johannes dich hergebracht hat, Kind?“ Wie weit konnte ich das wohl treiben? „Weil du es ihm befohlen hast, oder etwa nicht?“ „Versuche nicht, mich an der Nase herumzuführen, Mädchen.“, rief er ungehalten. Himmel, der war ja echt einfacher aus der Fassung zu bringen, als ich erwartet hätte. „Was glaubst du, wieso ich dich hierherholen ließ?“ „Ich weiß nicht.

Hat dir unser letztes Zusammentreffen so gut gefallen, dass du das unbedingt wiederholen musstest?“ „Du freches, ungezogenes Balg, du weißt genau, was du getan hast. Und du weißt auch, wieso du hier bist.“ „Nur so aus Interesse: wieso bin ich denn hier?“ „Du bist hier,“, antwortete Gabriel, der Michael eine Hand auf die Brust gelegt und ihn ein Stück nach hinten geschoben hatte, „Weil Michael gesehen hat, wie du einen Menschen getötet hast. Das ist Engeln verboten, solange keine unmittelbare Gefahr für sie oder einen anderen Engel besteht.“ War das wirklich ihr Ernst? Wollten die Erzengel mich wirklich deswegen bestrafen? „Das ergibt doch überhaupt keinen Sinn. Michael selbst hat wörtlich gesagt, er würde ihn umbringen, wenn er ihn nicht mehr brauche.“ Das war die reine Wahrheit, das wusste Michael genauso gut, wie ich. „Das ist eine dreiste Lüge.“, schrie er jedoch. „Wie kannst du es wagen…?“ „Lass sie aussprechen, Michael.“, fiel der, dessen Name mir noch immer nicht einfallen wollte, ihm schroff ins Wort. „Selbst, wenn das stimmen sollte, ändert es nichts daran, dass du ihn umgebracht hast, Kleine.“ Ich wollte schon ansetzen etwas zu sagen, da unterbrach er mich: „Keine Sorge, du musst dich nicht rechtfertigen. Ich möchte nur wissen, warum du ihn getötet hast.“ Ich sammelte die Gedanken in meinem Kopf, bevor ich sprach: „Er hat kurz zuvor meine Mutter und vor sieben Jahren meinen Vater umgebracht. Für den Vorfall mit meinem Vater,“, ich wandte mich dem Engel in der Mitte wieder zu, „Der übrigens deinen Namen trug, hatte ich ihn damals ins Gefängnis gebracht. Um mich zu bestrafen, weil ich mir meine Flügel habe abschneiden lassen, hat Michael ihm geholfen auszubrechen und sich an mir zu rächen. Nachdem er meine Mutter abgeschlachtet hatte, hat er meine Freundin als Geisel genommen, um mich zu sich zu zwingen. Als ich dort ankam, hat er ihr mit einem süffisanten Grinsen das Gesicht aufgeschlitzt. Ich habe ihn getötet, weil er sie sonst umgebracht hätte, ich wollte sie retten.“ „Und deine Freundin ist ein Mensch?“, fragte der schwarz Gekleidete weiter. „Ja, ist sie. Ihr drohte große Gefahr und ich… ich…“ Die letzten Worte blieben mir im Hals stecken. „Du liebst sie wirklich, habe ich Recht?“, fragte Chamuel ganz außen mit sanfter Stimme.

Ich konnte nichts tun, als zu nicken und ich spürte, wie ich rot im Gesicht wurde. „Wie hast du ihn getötet, Marie?“, fragte der Schwarze weiter. „Ich habe seinen Schädel zertrümmert. Mit den Händen.“ Es war totenstill. Nach einer gefühlten Ewigkeit ergriff der schwarz Gekleidete wieder das Wort: „Was hast du dann getan?“ „Ich habe geweint. Ich habe sie in den Armen gehalten und ihre Wunden geheilt, mit meinen Tränen. Ich wusste nicht, dass sie das heilen würde, ich habe einfach nur geweint, weil ich Angst um sie hatte.“ „Ich denke,“, schloss der Engel, „Wir haben genug gehört. Gibt es aus dem Publikum irgendwelche Wortmeldungen?“ Ich konnte das Publikum nicht sehen, doch es schien tatsächlich Meldungen zu geben, denn Michael schlug Gabriels Hand beiseite, straffte sich ein wenig und rief auf: „Johannes, mein Junge. Was hast du zu sagen?“ Ich wurde von ihm mit einer Handbewegung umgedreht, sodass ich das Publikum sehen konnte. Der Engel, der mich vorhin hergebracht hatte, stand jetzt einige Meter vor mir und ließ die Flügel hängen. Er wirkte unsicher und verletzlich, das Gesicht nach unten gerichtet, um mich nicht ansehen zu müssen. Mit brüchiger Stimme begann er: „Ich… ich möchte… möchte mich gegen die Angeklagte aussprechen.“ Was sollte das denn? Wieso tat er das? „Sie hat mehrfach versucht, sich den Anordnungen des Herrn Michael zu widersetzen. Ich befürchte, dass sie, sofern sie den Engelsstatus behält, ungehorsam sein könnte.“ Die ganze Zeit über starrte er auf den Boden. „Marie, was sagst du dazu?“, hörte ich Michaels triumphierende Stimme hinter mir. „Du widerlicher Opportunist!“, schrie ich den Jungen vor mir an, „Du ekelhafter, widerwärtiger, feiger, kleiner Verräter!

Wie kannst du so was sagen?“ „E… es… es ist doch wahr.“ „Ist es nicht. Ich wollte mich nicht Michaels Anordnungen widersetzen, sonst hätte ich es getan.“ Ich wandte mich um, so gut es ging und sprach zu der Loge der Richter: „Glaubt Ihr ernsthaft, dass diese halbe Portion hier mich hätte zwingen können, mit ihm zu kommen?“ „Wieso wolltest du dich weigern, mitzukommen, Marie?“, fragte Michael genüsslich. „Ich hielt es für albern, dass du mir nicht persönlich gegenübergetreten bist, sondern wie ein König deine Sklaven nach mir schickst.“ „Johannes ist kein Sklave, Mädchen.“, erklärte Gabriel, „Er ist ein Untergebener.“ „Ich weiß, ich weiß.“ „Setz dich, Junge.“, befahl Michael. „Deine Aussage wurde zur Kenntnis genommen. Weitere Meldungen?“ In der Sekunde, in der er die Frage gestellt hatte, schnellte ein Arm aus einer Gruppe Kinder, vielleicht 6 oder 7 Jahre alt empor. Wer sollte das denn sein? Hatten sich die Engel gegen mich verschworen?

„Jakob, was möchtest du sagen?“, rief ihn Michael auf und an dem Platz, wo vorher Johannes gestanden hatte erschien aus einer Lichtkugel… Nein, das konnte nicht sein! Das war… das war doch nicht… „Hallo, Schwesterherz.“, flüsterte der kleine Junge mit den winzigen Flügeln, der in den Farben Raphaels, in weiß und rot, vor mir stand und mich durch seine Maske hindurch anzulächeln schien. Was um alles in der Welt? „Ich möchte mich für die Angeklagte aussprechen.“, sagte er mit seinem hellen Stimmchen, das ich unter tausenden wiedererkannt hätte. Was passierte hier gerade? „Ich kenne sie schon seit einer Weile und habe sie ein Wenig beobachtet. Sie ist die aufrichtigste und liebste Person, die ich je gesehen habe. Sie hat nie gelogen oder jemanden hintergangen, sie ist selbstlos und hilfsbereit und stellt das Wohl aller Anderen über ihr eigenes, ohne darüber lange nachzudenken. Sie ist stark, mutig und entschlossen. Wenn jemand zum Engel taugt, dann sie.“ Ich war vollkommen sprachlos. Was passierte gerade? Wie konnte das sein? „Ich erklär’s dir nachher.“, hauchte er mir zu. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Ich schenkte ihm lediglich einen dankenden Blick und er nickte. Michael sagte zerknirscht: „In Ordnung, setz dich, Junge.“ und Gabriel fügte an: „Weitere Wortmeldungen?“ Keiner meldete sich und ich wurde wieder umgedreht. „Ich denke, es ist Zeit für ein Urteil.“, verkündete Michael mit herrischer Stimme. „Erzengel, wie ist eure Meinung? Soll der hier anwesenden Angeklagten der Status eines Engels entzogen und sie somit zum gefallenen Engel degradiert werden? Chamuel?“ Diese trat ein Stück vor und sagte mit heller Stimme: „Ich bin dafür, sie zu begnadigen. Sie hat aus Liebe gehandelt, um ihre Freundin zu retten. Wie herzlos wäre es, sie dafür zu bestrafen?“ Über dem Podest erschienen zwei Zahlen eine goldene 1 und eine rote 0 mit einem Doppelpunkt dazwischen. Eins zu Null für mich. „Ariel?“ „Ich bin dafür, sie zu bestrafen. Sie hat etwas getan, was sie nicht hätte tun dürfen.“ Die rote Null wurde zu einer Eins. „Jophiel?“ „Bestrafen. Ich will mir nicht vorstellen, wie unästhetisch das aussehen muss, jemandem den Schädel zu zertrümmern.“ Eine rote Zwei. „Raphael?“ „Begnadigt sie. Sie hat ohne es zu wissen ihre Heilkräfte für einen Menschen in Not eingesetzt. Das ist durchaus ehrenvoll. Außerdem hat sie einen meiner treusten und frommsten Untergebenen als Fürsprecher.“ Eine goldene Zwei. „Az…“ „Ich denke noch nach.“, unterbrach dieser unhöflich. „Na gut. Gabriel?“ „Ich bin dafür, sie zu begnadigen.“ Er schien keine Erklärung abgeben zu wollen, doch das war mir egal Nun stand es drei zu zwei für mich. „Ich selbst,“, sagte Michael genüsslich, „Bin dafür, sie zu verbannen. Sie hat mich beleidigt, Gottes Geschenke verschmäht und unautorisiert jemanden getötet.“

Drei zu drei. Der schwarze Engel würde entscheiden, was mit mir passierte. „Und? Was sagst du?“, fragte Michael ungeduldig. Er reagierte nicht. „Was ist deine Entscheidung?“ Dieser wandte sich an mich. „Du hast einen Mann getötet?“ „Ja, das habe ich.“ „Du kleines Mädchen hast einem erwachsenen Mann mit bloßen Händen den Schädel zertrümmert?“ „Das habe ich, in gewisser Weise.“ „Und Michael, du hast das gesehen?“ „Das habe ich.“, sagte dieser. Der schwarz gekleidete dachte lange nach. „Azrael?“, fragte Michael. Azrael, natürlich. So hieß der letzte Erzengel. Er war der Engel des Todes… Was würde er sagen? „Wie auch immer du das gemacht hast, aber wenn du wirklich mit bloßen Händen so effektiv töten kannst, dann brauche ich dich unbedingt. Ich habe viel zu wenige Untergebene, den Scheiß will ja keiner machen. Marie, wirst du meine Untergebene werden?“ „Möglicherweise.“ Azrael lachte kalt. „Du gefällst mir. Keine Sorge, ich knechte meine Leute nicht so wie Michael. Du würdest für mich Leute töten, die es verdienen. Und Leute, bei denen du es für richtig hältst. Du musst es zwar vorher gründlich durchdenken, aber an sich bist du frei. Du kannst zu deiner Freundin zurückkehren, wenn du möchtest, du darfst ihr erzählen, was du willst. Und du musst meine Aufträge nicht annehmen, wenn du nicht möchtest.“ Wieso bot er mir so einen hervorragenden Kompromiss? „Das werde ich gerne tun. Azrael, macht mich zu eurer Untergebenen.“ Er nickte. „Begnadigt.“, sagte er stumpf und schnippte mit dem Finger. Vier zu drei für mich. Azrael hüllte sich in einen hellen Lichtschein und stand im nächsten Moment vor mir. Er war groß und schlank, hatte lange, geschmeidige Gliedmaßen und trug eine glänzende schwarze Rüstung mit silbernen Ornamenten. Aus irgendeinem Grund schien seine Erscheinung, sein Auftreten, seine Kleidung, einfach alles an dieser Person pures Charisma zu verströmen.

Er verschränkte die Arme vor der Brust, legte den Kopf schief und fragte: „Musst du hier noch irgendetwas erledigen?“ Ich überlegte eine Zeit. Eigentlich wollte ich Johannes in diesem Moment den Kopf abreißen, doch dann hätte Michael einen Grund gehabt, mich doch noch zu bestrafen. Aber Jakob hatte doch gesagt… „Alles klar, Mädchen. Du kannst mit deinem Bruder reden, solange du willst. Ich habe keinen Zeitdruck. Wenn du fertig bist, komm zu mir, damit ich dir alles erklären kann. Und nebenbei…“, flüsterte er verschwörerisch, „Du kannst mit Johannes machen, was immer du willst, solange du keine sichtbaren Spuren hinterlässt.“ „Herr Azrael, würdet Ihr bitte aufhören, meine Gedanken zu lesen?“ Das verunsicherte mich ein ums andere Mal unglaublich. „Tut mir leid, aber das geht nicht. Man kann das nicht abstellen.“ Er zuckte entschuldigend mit den gepanzerten Schultern. „Verzeiht, das wusste ich nicht.“ Ich neigte beschämt den Kopf. Wie konnte es nur sein, das ich auf einmal so gehorsam und brav war? Das war nie meine Art gewesen. Lag das an Azrael? Oder an der Engelsberufung? Lag es daran, dass der Dämon in meinem Inneren seit Ewigkeiten still war? „Ach so, das erklärt einiges.“, nickte der schwarze Engel wissend. Verflucht, ich hatte gerade zu explizit an meinen Dämon gedacht und er hatte es erfahren. Was würde jetzt passieren? Würde er mich verstoßen?

Würde ich verbannt, meiner Flügel beraubt und zurück auf die Erde geworfen werden? „Keine Sorge, Marie. Es ist mir egal, dass du einen Dämon beherbergst, solange du ihn unter Kontrolle hast. Oder sagen wir, dich mit ihm verträgst. Sonst wird es womöglich ziemlich hässlich. Und pass mir bloß auf, dass Michael nichts davon erfährt, der reißt dich in Stücke. Und immerhin erklärt das mit dem Dämon auch, wie du so effektiv und kalt töten kannst.“ Mein Gesicht wurde so rot wie eine reife Kirsche und ich konnte ihn nicht ansehen. Ich fiel unvermittelt vor ihm auf die Knie, faltete die Hände und flüsterte: „Ich danke Euch, Herr Azrael. Ich bitte um Vergebung dafür, dass ich euch dies nicht schon früher erzählt habe.“ Wo kam diese unterwürfige Haltung auf einmal her? „Ach das. Das ist normal, das liegt tatsächlich an mir. Das wird mit der Zeit weniger. Und du brauchst dich nicht zu entschuldigen, du hättest es mir nicht früher sagen können.“ Er wandte sich ab. „Ich warte ein Stück abseits auf dich, komm zu mir, wenn du soweit bist.“ Ich stand wieder auf, verneigte mich höflich und kehrte ihm den Rücken. Die Tribüne leerte sich langsam und überall waren unübersichtlich viele Leute mit mehr oder weniger imposanten Flügeln. Aus der gewaltigen, herausströmenden Menge lösten sich sichtbar zwei Gestalten heraus, welche sich in meine Richtung bewegten, eine kleine zierliche, in weiß und rot und eine etwa in meiner Größe mit den Farben Michaels. Die beiden Jungen kamen mir mühsam immer näher und ich überlegte, wem ich mich zuerst zuwenden sollte. Die Frage erübrigte sich jedoch von selbst, da Johannes wesentlich schneller bei mir angekommen war, während Jakob sich noch immer durch die Menge arbeitete. Der Junge stand nun mit seiner weißen, schmucklosen Maske, die sein Gesicht und seinen Ausdruck verbarg, vor mir und setzte an: „Marie, es tut mir leid, ich wollte nicht…“ Weiter kam er nicht, denn ich hatte ihm ansatzlos mit der rechten Hand eine solche Backpfeife verpasst, dass die Maske von seinem Gesicht flog.

Sofort verbarg er das Gesicht in seinen Händen, so gut er konnte, und mir fiel auf, dass sobald Azrael mich nicht mehr ansah, jegliche Zurückhaltung und Unterwürfigkeit von mir abfiel. „Was denkst du dir, du Idiot?“, schrie ich ihn an. „Du verfluchter Arsch, was sollte das eben? Wie kannst du so was tun?“ „Ich… ich…“, stotterte er, „Ich habe nur die Wahrheit gesagt. Du wolltest nicht mitkommen. Du… du… du wolltest dich… dich Herrn Michael widersetzen.“ Ich wurde immer wütender. „Ich habe dir bereits gesagt, dass ich mich ihm nicht widersetzen wollte, du ignorantes Kleinkind. Ich wollte nicht mit dir gehen, weil ich es absurd finde, dass er, wenn er ein Problem mit mir hat, irgendeinen Handlanger schickt, um mich zu holen. Und wäre ich nicht mitgekommen, hätte er dich bestraft. Das wusste ich nicht. Als du mir gesagt hast, dass du bestraft würdest, wenn ich mich weigern würde, bin ich doch mitgekommen, oder etwa nicht?“ „Ja, schon, aber…“, murmelte er kleinlaut und bückte sich nach der Maske, doch ich trat mit meinem schuhlosen Fuß zwischen die Gesichtsbedeckung und seine Hand. „Kein aber, Johannes. Ich wollte dich beschützen, merkst du das nicht? Ich wollte nicht, dass du für meine Prinzipien herhalten musst. Und du scheinst keine Prinzipien zu haben. Du rückgratloser Heuchler, du ekelhafter, verräterischer Idiot. Wieso hast du das getan? Wieso hast du mich deinem ach so gerechten Sklaventreiber von Meister, vor dem ich dich in Schutz nehmen wollte, einfach zum Fraß vorgeworfen? Ich hatte Mitleid mit dir, weil ich dachte, er hätte dich in der Hand und du könntest nichts machen, weil er dich sonst verletzen würde. Ich dachte, du bist nur angepasst, aber das stimmt nicht.

Du bist feige. Feige und verräterisch. Zeig mir dein Gesicht. Ich will sehen, wer mich verraten hat.“ Er war zusammengebrochen. Er lag auf dem Boden und schien zu weinen, aber das war mir in dem Moment egal. „Ich sagte, zeig mir dein Gesicht!“, spuckte ich ihm entgegen. Er schüttelte kaum merklich den Kopf und flüsterte: „Das kann ich nicht. Ich kann nicht, Marie, ent…“ Ich ließ ihn den Satz nicht zu Ende sprechen, sondern unterbrach ihn: „Gut, dann bin ich mit dir fertig. Geh mir aus den Augen, bevor ich mich vergesse.“ Er nahm seine Maske an sich und ging, sich unter dieser die Wange haltend und mit gesenktem Kopf, davon, mit der Menge aus der Halle schlurfend. Ich spürte mein Gesicht heiß und rot glühen, als mir jemand am Rock zupfte. Ich schaute zu ihm herunter und sah den kleinen Jungen mit der fröhlich lächelnden Maske, der mir vorhin Raphaels Zuspruch gesichert hatte. Er legte das Köpfchen schief und sagte: „Hallo, Schwester. Ich hab dich vermisst.“ Von einer Sekunde auf die andere wandelte sich meine Stimmung von wütend zu unbeschreiblich glücklich. Ich wandte mich ihm zu, ging in die Knie, schlang meine Arme um ihn und hob ihn hoch. Ich drehte mich wie wild um mich selbst und er kicherte fröhlich. Dann drückte ich ihn an mich und gab ihm einen Kuss auf die Stirn. „Ich habe dich auch vermisst, mein Kleiner. So unglaublich vermisst.“ Tränen traten in meine Augen, so glücklich war ich. „Du bist aber groß geworden.“, staunte er. In dem Moment fiel mir auf, dass ich ja nur drei Jahre älter gewesen war als er, als er starb. Jetzt war ich rein körperlich 10 Jahre älter, das musste verwirrend sein. „Ach, Jakob, du hast mir gefehlt. Darf ich dein Gesichtchen mal sehen?“ Er nickte und nahm die Maske ab. Was ich sah, ließ mich in Tränen ausbrechen. Ich fiel auf die Knie, legte die Hände auf seine schmalen Schultern und sah ihm mit verheulten Augen durch einen trüben Schleier in sein süßes, junges Gesicht. Runde, kleine Bäckchen, klare, große, kristallblaue Augen, goldblonde, kurze und kräftige Haare.

Er war die Jungenversion unseres Vaters, was mich noch mehr weinen ließ. Jakob war einen Monat vor ihm gestorben und wusste wahrscheinlich nicht einmal davon. „Wieso weinst du denn, Schwesterherz?“ Er schien nicht zu wissen, was mit mir passierte. Ich musste lächeln. „Alles gut. Ich liebe dich, kleiner Bruder.“ Mit diesen Worten schlang ich wieder die Arme um ihn, zog ihn an mich und drückte sein Gesicht an meine Brust. Er war sichtlich überfordert, denn das hatte ich mit Sicherheit nie zu ihm gesagt. Er war eben mein kleiner Bruder gewesen. Aber in diesem Moment konnte ich nichts Anderes fühlen als Liebe. Ich wollte ihn nie wieder loslassen und meine Tränen tropften auf seine wunderschönen Haare. Wieder fragte er erstickt: „Wieso weinst du denn?“ „Ich bin glücklich, Brüderchen. Ich bin so unbeschreiblich glücklich, dich zu sehen.“ „Und da musst du weinen?“ Ich musste kurz lachen. „Das ist manchmal so, Jakob.“ Ich drückte ihn noch fester an mich, als er murmelte: „Marie, ich krieg keine Luft“ Lachend ließ ich ihn los und schaute ihm wieder ins Gesicht. „Ist das wahr, dass du mich beobachtet hast?“ Lachend schüttelte er den Kopf „Hab ich nicht.

Ich wollte mich aber für dich einsetzen.“ er kicherte verschwörerisch. „Danke vielmals. Aber wie bist du eigentlich hierhergekommen? Ich… ich dachte… du wärst…“ „Bin ich auch.“, nahm er mir dankenswerter Weise das letzte Wort ab, „Aber mir wurde gesagt, da meine Seele so rein und unbefleckt sei, hätte ich es verdient, ein Engel zu werden. Was das genau bedeutet, weiß ich zwar nicht, aber immerhin kann ich dich jetzt wiedersehen, also ist das doch schön.“ Ich konnte nicht aufhören zu lachen, während mir gleichzeitig die Tränen übers Gesicht rollten. So etwas hatte ich noch nie erlebt und ich wusste nicht, was ich tun oder wie ich mit meinen Emotionen umgehen sollte, also zog ich ihn nur wieder zu mir heran und drückte ihm noch einen Kuss auf die Stirn. Er kicherte wieder und umarmte mich. Einige Zeit saßen wir einfach nur so umschlungen da. Dann hörte ich Raphaels Stimme: „Jakob, kommst du bitte? Du hast später noch genug Zeit mit deiner Schwester.“, sagte der große, charismatische Engel, in der weißen, wehenden Robe mit den roten Details und der gleichfarbigen Maske, die ein Wenig wie eine Pestmaske aussah, nur wesentlich freundlicher. Jakobs Gesichtsausdruck fiel in sich zusammen.

„I… Ihr… Ihr habt es… ge… gewusst?“, stotterte er verängstigt und ich schob ihn hinter mich. Ich fühlte mich für ihn verantwortlich und wollte ihn beschützen. Ich öffnete eben den Mund um etwas zu sagen, da hob Raphael die Hand und gebot mir, abzuwarten. „Keine Sorge, ich tu ihm nichts. Es spielt keine Rolle, ob er dein Bruder war oder nicht. Jetzt sind alle hier deine Brüder und Schwestern, Marie. Du bist ein Engel, genau, wie jeder andere hier. Jakob,“, wandte er sich an den kleinen zitternden Jungen, „Du hast nichts falsch gemacht, mein Kleiner. In der Sekunde, in der du dich für sie ausgesprochen hast und ich erkannte, dass sie deine Schwester war, wusste ich, dass sie die Richtige ist. Ich vertraue deinem Urteil, das weißt du doch.“ Der Angesprochene trat hinter meinem Rücken hervor. „Meint Ihr das ernst, Herr Raphael?“ Er nickte gönnerisch und verständnisvoll. „Natürlich, mein Junge.“ Ehrerbietig verneigte er sich, die Hände zwischen die Oberschenkel gesteckt. Diese Geste der Unterwerfung erinnerte mich an mein Verhalten Azrael gegenüber. Offenbar war das normal für einen Engel, der vor seinem Vorgesetzten stand. „Und du, Marie, geh lieber zu deinem Meister zurück. Du solltest dir etwas anziehen, sonst verstörst du uns hier noch die Kinder.“, wandte er sich an mich und ich konnte aus seiner Stimme einen Hauch freundlicher Ironie hören. Ich mochte ihn. Erst in diesem Moment fiel mir auf, dass ich immer noch nur in Rock und BH dastand und ich verdeckte meine Brüste notdürftig mit den Armen. Raphael lachte höflich. „Alles gut, mein Kind, mach dir keine Sorgen.“ Er winkte mir elegant, nahm Jakob bei der Hand und ging, angeregt mit ihm sprechend, davon.

Ich sah ihnen eine Weile nach, als ich plötzlich eine kalte, metallbehandschuhte Hand auf der Schulter spürte und sich jedes Härchen an meinem Körper aufstellte. Bei der Gelegenheit fiel mir auf, dass ich fast keine Haare am Körper hatte, nur auf dem Kopf und im Nacken, wo sie sich gerade sträubten. Verflucht, dieser Körper war einfach zu perfekt. Azraels Stimme hinter mir jagte mir noch einmal einen kalten Schauer über den Rücken. „Bist du fertig, Marie? Wir haben noch einiges zu tun.“ Sofort war meine absolute Unterwürfigkeit wieder zurück. Ohne mich umzudrehen verneigte ich mich und senkte den Kopf. „Jawohl, Herr. Ich bin so weit.“ „Du musst dich nicht so zurückhalten, ich hab dich doch mit Johannes und mit deinem kleinen Bruder eben reden sehen.“ Mein Gesicht wurde etwas rot. „Verzeiht bitte, ich kann das nicht kontrollieren.“ Er lachte leise, ähnlich wie Raphael vorhin. „Komm mit mir, dieser Saal ist mir zu groß. Du bist ja vorhin schon mit Johannes hergekommen. Du müsstest also kein Problem mit dem Teleportieren haben?“ Erst einige Sekunden später bemerkte ich, dass er das als Frage gemeint hatte und hastig antwortete ich: „Äh… ja, ich… ich meine, nein… also…“, peinlich berührt verstummte ich, doch Azrael legte den Arm um mich und beruhigte mich. „Alles gut, Kind, mach dir nichts draus. Ich nehme dich mal mit.“ Mit diesen Worten hüllte er uns in das mir bereits bekannte gleißende Licht. Ich schloss die Augen, doch schon im selben Moment verblasste das Licht wieder. „Wir sind da.“, stellte mein Reiseleiter überflüssiger Weise fest und ich öffnete die Augen. Ich stand in einem eleganten Raum im Stil der französischen Renaissance, jedoch ausschließlich in schwarz und Silber. Vor mir sah ich einen gewaltigen Spiegel, der mir meinen Körper zeigte, halb nackt, wie ich war. Hinter mir stand noch immer der Engel, der mir die Flügel bewahrt hatte. Ich war zwar bei Weitem nicht klein, ich war schon früher ungefähr 1,75m groß gewesen, und die Engelsberufung hatte mich etwas größer werden lassen, wohl etwa 1,85m, doch neben ihm wirkte ich winzig. Azrael war mit Sicherheit mindestens 2,50m hoch, allein einer seiner Flügel war länger, als die gesamte Spannweite von meinen und seine Arme waren ungefähr so lang, wie mein Körper. „Ihr… Ihr macht mir Angst, Herr Azrael.“, stammelte ich, denn das war das einzige, was mir in diesem Moment zu sagen einfiel. „Keine Sorge, Marie. Ich werde dir nichts antun. Ich habe lediglich ein berufliches Interesse an dir. Ich weiß, dass dein Körper jemand anderem gehört und das respektiere ich. Ich werde mich nicht über deine Wünsche und deinen freien Willen hinwegsetzen, in keinem Bereich. Wie gesagt, ich bin nicht Michael.“ In diesem Moment war seine Fähigkeit des Gedankenlesens ein Segen für mich, denn hätte ich ihm das sagen müssen, ich wäre vor Scham gestorben. „Marie, bist du bereit, dich von mir einkleiden zu lassen? Ich werde dich nicht nackt sehen, nur in Unterwäsche. Du wirst ein Gewand erhalten, das dich vollkommen kleidet und als meine Untergebene ausweist. Glaub mir, es dauert nur wenige Minuten. Einige Sekunden, wenn es gut klappt.“ Ich senkte den Kopf und flüsterte: „Ich bin bereit, Herr. Tut, was Ihr tun müsst.“ Er hob die Hand und ich erwartete, ein Schnipsen zu hören. Doch was ich hörte, war ein Knirschen, wie von einem brechenden Knochen. Erschrocken schaute ich nach oben in den Spiegel und sah, dass er seine rechte Hand mit weit gespreizten Fingern nach oben hielt. Der Zeigefinger war im rechten Winkel angewinkelt und er drückte diesen krachend mit dem Daumen herunter. Das Geräusch jagte mir ein Zittern durch alle Glieder. Er hob die linke Hand genauso und tat mit deren Zeige- und Mittelfinger dasselbe, bevor er mir seine kräftigen, langgliedrigen, krallenbewehrten Hände auf die Schultern legte. Seine Daumen und Zeigefinger umschlossen wie ein Halsband locker meinen Hals und die Fingerspitzen lagen auf dem Ansatz meines Brustbeines auf. „Sieh dir selbst in die Augen, Marie.“ Ich tat, was er sagte. Eine Sekunde später sah ich peripher, wie mein Rock zu verschwinden begann. Leicht panisch werdend sah ich meinem Spiegelbild in den Schritt, wo das letzte ordentliche Kleidungsstück sich tatsächlich gerade in Luft auflöste. „Keine Sorge, das ist normal. Schau nach vorne, Mädchen.“ Wieder fixierte ich die Augen meines Gegenübers und diesmal löste ich den Blick nicht mehr von ihnen, auch als ich sah, wie sich meine ursprünglich weiße Unterwäsche, die eigentlich einige Jahrzehnte zu alt für mich aussah von selbst durch einen wesentlich knapperen, jedoch nicht freizügigen und unheimlich bequemen schwarzen Slip und einen passenden BH ersetzte. „Das steht dir doch schon mal viel besser.“, sagte der Erzengel hinter mir und ich konnte sein wohlwollendes Lächeln praktisch hören. Ich schaute ein Stückchen weiter nach oben und mir fiel auf, dass auch er meine Augen im Spiegel fixiert hatte. Er war eben doch ein Engel, anständig und vertrauenswürdig, wie es kein Mensch hätte sein können. „Jetzt pass mal auf.“, sagte er und in seiner Stimme schwang ein klein Wenig Begeisterung mit. Gespannt schaute ich auf mein eigenes Spiegelbild und konnte beobachten, wie sich rund um meinen Körper herum eine dunkle, silbern verzierte Robe bildete, wie aus dem Nichts. Ein Wenig erinnerte sie an eine Mönchskluft, jedoch etwas leichter und prächtiger. „Und, gefällt es dir?“, fragte Azrael erwartungsvoll. Ich war mir nicht sicher, was ich sagen sollte. Es war irgendwie… unpraktisch. Lachend sagte er: „Keine Angst, ich dachte mir schon, dass das nicht dein Stil ist. Die Auswahl ist noch wesentlich größer.“ Mit diesen Worten verschwand die Kutte wieder und wurde durch ein simples schwarzes Kleid ersetzt, von der Hüfte an abwärts in vier unten spitz zulaufende Streifen geteilt und an den Rändern mit Silber verziert. Mit derselben Farbe waren verschlungene Muster überall darauf gestickt. Es hatte keine Ärmel, jedoch einen engen runden Ausschnitt und eine große Kapuze, die mein Gesicht verbarg, wenn ich sie aufsetzte. „Das gefällt mir besser.“, sagte ich erleichtert und schaute mir das Kleidungsstück genauer an. „Das freut mich doch.“, sagte der Engel. „Möchtest du es behalten?“ Ich nickte eifrig und bestätigte: „Jawohl, Herr Azrael, sehr gerne.“ „Das ist wunderbar.“, freute dieser sich. „Aber,“, fügte er nach kurzer Zeit an, „Ich möchte dir noch etwas zeigen. Darf ich?“ Erneut nickte ich. „Ich bitte darum.“ Wieder verschwand das Kleidungsstück und an dessen Stelle erschien ein extravagantes Kleid, einem Brautkleid sehr ähnlich, jedoch pechschwarz. Ich spürte, wie Azraels Unterkiefer aufklappte. „Heilige Mutter Maria.“, flüsterte er und zum ersten Mal, seit ich ihn kennen gelernt hatte klang seine Stimme belegt, beinahe ehrfürchtig. Er löste die Hände von meinen noch immer freien Schultern, trat ein Stück vor mir zurück und sagte: „Schau dich einmal genau an.“ Ich drehte mich ein paar Mal um mich selbst und betrachtete das Kleid. Es war trägerlos, die Brustpartie war steif, der Ausschnitt spitz zulaufend. Am Rücken war es straff geschürt, engte jedoch keines Falls ein. Eher zeigte es mir, wie dünn ich eigentlich war. Von der Taille an abwärts war es sehr luftig mit mehreren Lagen netzartigen Stoffes und geschmackvoll angebrachter Spitze. Meine Hände steckten bis zum Ellenbogen in feinen Netzhandschuhen und das gesamte Kleid hatte ein wunderschönes filigranes Rosenmuster mit minimalistischen Silberdetails, die man wahrscheinlich nur im Mondlicht würde schimmern sehen, an welches die Beleuchtung des Raumes stark erinnerte. Meine Haare waren zu einem kunstvollen Zopf geflochten und mit einer Haarnadel verziert, die das schwarze Rosenmuster des Kleides selbst wieder aufgriff. Der Kontrast zwischen dem schwarzen Kleid und meiner blassen Haut ließ beides noch stärker zur Geltung kommen. Während ich mich noch fragte, was ein solches Kleidungsstück wohl kosten würde, würde man es sich in einem Laden maßanfertigen lassen, wahrscheinlich eine unübersichtlich hohe Summe, fiel mir auf, dass Azrael Kapuze und Maske abgesetzt hatte. Ich sah erstaunt in sein Gesicht. Ich hatte etwas völlig anderes erwartet. Wenn ich sage, seine Haut sei weiß gewesen, es wäre eine gnadenlose Untertreibung. Sie blendete beinahe, wenn Licht darauf fiel und hatte eine Farbe, die mit nichts zu vergleichen war, was ich jemals gesehen hatte. Das Banner Raphaels, das für die absolute Reinheit stand, wirkte dagegen dreckig und grau. Die Haare und, was mich noch viel mehr verunsicherte, seine Augen waren vollkommen schwarz, so dunkel, dass sie jegliches Licht zu absorbieren schienen. „Ihr… ihr seid… wunderschön, Herr Azrael.“, kam mir über die Lippen, doch er fiel entgeisterten Blickes auf die Knie. „Wunderschön? Zum Teufel! Ich habe noch nie so ein perfektes Geschöpf gesehen wie dich.“ Was hatte er da gerade gesagt? „B…b…bitte? Was habt Ihr gesagt?“ Er neigte den Kopf und reichte mir seine rechte Hand. Diese Szene hatte etwas Ritterliches und trotz seiner untergebenen Haltung verströmte er pure Eleganz und Grazie. Ich wusste nicht, was ich tun oder wie ich mit dieser Situation umgehen sollte. Unsicher legte ich meine rechte Hand in die seine. Dieser nahm sie, zog sich an mich heran und küsste ehrfürchtig meine Hand. Ich war vollkommen überfordert. Dieser gewaltige, gepanzerte Koloss von einem Engel, diese furchteinflößende Tötungsmaschine, nein, der Tod persönlich, hatte sich gerade vor mir verneigt. Schließlich entschloss ich mich, mitzuspielen. Ich reckte das Kinn in die Höhe, streckte Beine und Körper durch und sah von oben her auf ihn herab. „Oh, ich danke euch, mein Herr.“, sagte ich so hochgestochen wie nur möglich. Ich konnte mich nicht so geben, ohne grinsen zu müssen. Er schaute zu mir auf, ebenfalls ein leichtes Lächeln auf den kaum vorhandenen Lippen. Er sagte jedoch: „Ich meine das ernst, Marie. Ich habe noch nie etwas so Wunderschönes gesehen wie dich in diesem Kleid.“ Er erhob sich, noch immer meine Hand haltend und säuselte: „Verzeiht mir, meine Dame, ich hatte mich wohl einen Moment lang nicht unter Kontrolle.“ Sein Lächeln wurde noch breiter, genau wie meins. Na gut, dachte ich, dann spiele ich mit. „Es sei Euch verziehen, werter Herr. Was gedenkt ihr nun zu tun?“ Er grinste noch etwas breiter und ließ zwei Reihen gerader, exakt geformter Zähne sehen, deren Farbe noch etwas heller schien, als die seines Gesichtes. Er drehte sich elegant um sich selbst, sodass er direkt hinter mir zum Stehen kam. Er flüsterte in mein Ohr: „Kannst du tanzen, Marie?“ Ich musste ein Lachen unterdrücken. „Ein klein Wenig. Aber Ihr müsst führen, mein Herr.“ „Kein Problem“ Er schnipste mit den Fingern der rechten Hand und auf einmal erklang von irgendwo her eine Musik, drei Viertel-Takt, langsam und fließend. Ein Walzer. Aber keiner, den ich kannte. Er klang beinahe melancholisch und trotzdem trug der Rhythmus mich noch besser, als der, zu dem ich diesen Tanz kennen gelernt hatte. Es klag machtvoll, erhaben, beinahe bombastisch. Ich konnte nicht einmal die Instrumente richtig ausmachen, es klang größten Teils wie Streicher, aber zwischendurch schienen ein Schlagzeug und sogar mindestens eine E-Gitarre einzusetzen. „Wie heißt dieses Stück?“, fragte ich verwundert, „Ich habe es noch nie gehört.“ Er lächelte zufrieden und führte mich so elegant durch den Raum, wie er sich schon immer vorher bewegt hatte. „Walzer der gefallenen Soldaten.“, gab er zurück. Hätte ich mir denken können. Aber egal, wie es hieß, ich liebte das Stück jetzt schon. „Er ist vergleichsweise neu. Vermutlich ist er jünger als du, aber er gefällt mir besser, als die alten Versionen.“, erklärte er bereitwillig. Ich ließ mich von der Musik treiben und vom Engel des Todes tragen. Der Moment wirkte fast zu klischeehaft, um wahr zu sein, doch im nächsten Augenblick war er vorbei. Die Musik klang aus und Azrael kam mit mir langsam zum Stehen. „Das war wundervoll, Marie, ich danke dir.“, lächelte er mich an, „Ich hatte lange keine so gute Tanzpartnerin mehr.“ Ich wurde augenblicklich rot im Gesicht über dieses Kompliment und ich senkte den Blick. „Herr Azrael, ich bitte Euch. Ich bin doch nur ein kleines Mädchen und Ihr… Nun ja, Ihr seid ein Erzengel.“ „So ein Unsinn, Marie. Das ist vollkommen egal.“ Ich war wieder genauso unterwürfig und unsicher wie vorhin. Es war eine ganze Zeit lang beinahe gespenstisch still, bis Azrael wie durch Zauberhand Maske und Kapuze wieder aufsetzte, ohne die Hände von meinen Schultern zu nehmen, und dann sagte: „Weißt du was, Mädchen? Lucie muss dich unbedingt mit diesem Kleid sehen, das wird sie aus der Bahn werfen.“ Wieder konnte ich das belustigte Lächeln durch seine Maske hindurch spüren und musste selber grinsen. „Könnt ihr mich zu ihr bringen, Herr Azrael?“ „Aber sicher doch. Ich gehe vorweg, dann können wir sie etwas mehr überraschen.“ „Oh, ich bitte euch, Herr, bringt mich zu ihr zurück.“ Er nickte und hielt mir die Hand entgegen. Ich nahm seine ausgestreckte Hand und schon war da wieder das gleißende Licht.

Sekunden später verschwand dieses auch so schnell, wie es erschienen war. Ich sah, dass ich in Lucies Zimmer stand, Azrael vor mir, der mich mit seinen Flügeln vor dem Rest des Zimmers verbarg. Ich hörte Lucies überraschte Stimme aus der Richtung, in der das Bett stehen musste. „Was willst du hier? Ich habe nichts getan, das schwöre ich.“, stammelte sie verängstigt. „Oder ist das wegen der Sache mit den Flügeln? Ich hätte sie nicht abschneiden dürfen, oder? Aber ich musste das tun, für Marie.“ „Beruhige dich, Tochter.“, unterbrach Azrael sie. „Ich bin nicht hier, um dich mitzunehmen, sondern, um dir etwas zurückzubringen, das dir gehört.“ „Etwas, das mir gehört? Was soll das sein? Und wieso kommst du zu mir, Azrael, nur um etwas vorbeizubringen, habt ihr dafür nicht Gehilfen?“ An Stelle einer Antwort trat der Engel beiseite und gab ihr den Blick auf mich frei. Ich sah, wie Lucies Kinnlade auf den Boden krachte und ihre Augen so groß wurden, dass ich Angst bekam, sie würden aus den Höhlen springen. Sie war so niedlich, wenn sie überrascht wurde. Sie sah mich an und ich lächelte breit. „Ich lass euch beide mal alleine. Wenn ich dich brauche, werde ich dir Bescheid geben, Marie.“, sagte Azrael belustigt und verschwand wieder in einer grellen Lichtkugel. „Du… du… du…,“, stotterte Lucie. Ich musste noch breiter grinsen. „Du bist so wunderschön.“, hauchte sie kaum hörbar. „Marie, ich… ich hab dich so vermisst.“ Sie kam auf mich zu gerannt und warf sich mir um den Hals. Ich schlang die Arme um sie und drehte mich einige Male, wie vorhin bei Jakob. Wieder musste ich schmunzeln. Dann ließ ich sie wieder herunter und küsste sie auf den Mund. Als wir uns wieder voneinander gelöst hatten, sah ich sie an und fragte: „Geht es dir gut, meine Süße? Wie sieht’s mit den Wangen aus?“ Sie lächelte etwas gequält. „Geht so. Tut nicht weh, aber sieht halt hässlich aus.“ Ich legte die Hände auf ihre Wangen und strich mit den Daumen über die feinen Narben. „Du bist doch nicht hässlich, meine kleine Lucie.“ Wieder küsste ich sie. „Du siehst aus, als würdest du lächeln.“ „Na toll,“, sagte sie niedergeschlagen, „Ein Lächeln für die Ewigkeit. Ich will nicht so aussehen. Du hättest fliehen sollen, Marie.“ Lucie begann zu weinen und schaute beschämt nach unten. „Er hätte mich getötet und das alles wäre vorbei gewesen. Du hättest gar nicht erst Probleme bekommen. Wo warst du überhaupt?“ Ich schaute sie entgeistert an, Tränen traten mir in die Augen und ich flüsterte: „Sag doch nicht sowas schreckliches. Hätte ich dich sterben lassen, wäre ich nie wieder glücklich geworden. Und ich bin unsterblich, du glaubst nicht, was ich mir alles angetan hätte, wenn ich wüsste, dass ich schuld daran bin, dass du tot bist. Lucie, sag nie wieder sowas grausames. Ohne dich wäre ich nicht mehr ich.“ „W… wirklich?“, schluchzte sie und sah mich mit verheulten Augen an. Ich setzte mich mit ihr aufs Bett, ließ sie ihren Kopf in meinen Schoß legen und flüsterte beruhigend: „Wirklich. Lucie, ich liebe dich. Du bist mein ein und alles.“ Ich strich ihr sanft über den Kopf und begann, sie am ganzen Körper zu streicheln. „Wo hast du eigentlich dieses wunderschöne Kleid her?“, fragte sie leise. „Azrael hat es mir geschenkt. Ihm hat es auch gefallen.“, ich musste schmunzeln, „Er hat sogar mit mir getanzt und mir die Hand geküsst.“ Lucie riss die Augen auf. „Er hat was?“ „Er hat mit mir getanzt. Einen Walzer.“ „Himmel, Marie, du hast wirklich mit dem Engel des Todes getanzt?“ Ich nickte. „Ja, hab ich. Und er hat gesagt, ich sei schön.“ Ihr blieb wieder der Mund offen stehen. „Was genau hat er gesagt?“, fragte sie nach einer langen Stille tonlos. „Er sagte wörtlich, er habe noch nie so ein schönes Geschöpf gesehen, wie mich.“ Sie schien aus der Haut fahren zu wollen und musste sich eine Weile lang sammeln. „Marie,“, haucht sie endlich, „Du weißt, dass Erzengel nicht lügen dürfen, oder?“ „Wie bitte?“, fragte ich überrumpelt. „Erzengel dürfen nicht lügen. Das heißt, Azrael, der Engel des Todes, der jeden Menschen, der jemals auf der Welt gelebt hat und gestorben ist, gesehen hat, findet, dass du das schönste Wesen bist, dass es gibt.“ Erst jetzt begriff ich, was für eine Ehre das war, was er vorhin zu mir gesagt hatte. Mir wurde schwindelig über die Gedanken an all das, was mir in den letzten Stunden passiert war. Ich hatte all das in dem Moment nicht wirklich als real empfunden, doch jetzt war es realer, als ich es verkraften konnte. „Was ist denn nun eigentlich passiert, als du weg warst?“, riss Lucie mich aus meinen Gedanken, wofür ich ihr insgeheim sehr dankbar war. Ich erzählte ihr von dem Gericht, dem Prozess, von den Zeugenaussagen, der Abstimmung und dem knappen Sieg für mich durch Azrael, davon, dass ich jetzt in dessen Diensten stand und von der Begegnung mit meinem Bruder und Johannes. Sie lauschte gespannt meiner Geschichte und als ich fertig war schaute sie mich mit großen Augen an. Sie schien sich nicht ganz sicher zu sein, ob sie mir glauben sollte oder nicht, doch anscheinend entschied sie, dass ich vertrauenswürdig war. „Himmel, das muss ja ein anstrengender Tag gewesen sein.“ Erst als sie das gesagt hatte fiel mir auf, dass es draußen schon wieder dunkel wurde. „Wann bist du eigentlich aufgewacht?“, fragte ich sie. „Weiß nicht, vor ein paar Stunden, denke ich. Aber lange bin ich noch nicht wach.“ „Und was hast du gemacht, nachdem du wach warst?“ „Ich hab nichts Großes getan, hab ne ganze Weile im Bett gelegen und deinen Zettel immer und immer wieder durchgelesen.“ Sie schmiegte sich an meine Schulter und schaute zu mir nach oben. „Was würdest du denn jetzt am liebsten machen?“, fragte sie mit süßer Stimme und einem leichten Lächeln auf den Lippen. Ich musste ebenfalls lächeln. „Erstmal will ich dieses Kleid loswerden. Das ist zwar schön, aber auch verdammt unpraktisch. Hilfst du mir?“ Sie nickte eifrig und wir standen vom Bett auf. Lucie stellte sich hinter mich und begann, die Schnürung zu lösen. Als sie fertig war fiel das Kleid praktisch von meinem Körper herunter Und ich stand jetzt vor ihr, nur in der neuen Unterwäsche. Das Einzige, was vom Kleid noch geblieben war, waren die Netzhandschuhe und ein Paar dazu passende Kniestrümpfe, die mir bis eben nicht einmal aufgefallen waren. Die nächsten Stunden waren wieder eines der Kapitel dieser Geschichte, die dich nichts angehen, aber als wir am Morgen nebeneinander aufwachten waren wir beide unglaublich froh, uns zu haben. Ich war als Erste aufgewacht und hatte Lucie mit einem Kuss auf die Wange geweckt. Sie hatte lächelnd die Augen aufgeschlagen und den Kuss erwidert. Jetzt lagen wir in ihrem Bett unter der Decke, eng aneinander gekuschelt, bis sie irgendwann fragte: „Sag mal, musst du nicht wieder nachhause? Deine Mutter macht sich bestimmt Sorgen um dich.“ In dem Moment erinnerte ich mich, dass sie noch gar nichts von den Vorfällen wusste. „Meine Mutter… Steiner hat sie getötet.“ Sie wurde kreidebleich und begann zu stottern. „Mach dir nichts draus,“, sagte ich gleichgültig, „Ich habe sie gerächt, ich bin fertig mit Steiner.“ Sie nickte langsam und wieder liefen Tränen über ihr Gesicht. Ich nahm sie in den Arm und auch ich begann zu weinen. Ich vergrub meine Nase in ihrem Haar und sog ihren Duft ein, meine Tränen tropften auf ihre Haare und ihre liefen an meinem Körper herunter. Lange Zeit saßen wir so umschlungen da, ohne, dass etwas passierte. Irgendwann drängte sich mir eine Frage auf, die ich mir eigentlich schon viel früher hätte stellen müssen: „Sag mal, wann kommen eigentlich deine Eltern nachhause?“ „Diese Woche sind sie auf Geschäftsreise. Keine Ahnung wo genau sie sind, oder was sie genau machen, aber sie interessieren sich ja auch nicht für mich, also sind sie mir auch egal.“ Sie lachte, doch es klang bitter. Ihre Eltern waren beide Prediger und, was eigentlich beinahe eine Grundbedingung war, um in unserem Dorf zu leben, erzkonservative Katholiken. Wenn sie herausgefunden hätten, dass Lucie mit mir zusammen war, hätten sie sie wahrscheinlich verstoßen. Und ich hatte das Gefühl, Lucie wäre es recht gewesen. Seit ich sie kannte, hatte sie sich nie unterkriegen lassen, nicht von ihrem herrischen Vater, nicht von den autoritären und verklemmten Lehrern, und ja, es gab keine einzige Lehrerin an unserer Schule, und auch nicht vom Pfarrer der Dorfkirche. Der war zwar eigentlich ein frommer und gutherziger Mann, doch Lucie war es immer leidig gewesen, dass er das Meiste, was ihr Spaß machte, für Sünde erklärte.

Ich hatte sie kennengelernt, als ich in der ersten Klasse war. Wir waren gerade in die Schule gekommen und ich war unglaublich aufgeregt, was passieren würde. Wie würden die Lehrer sein? Wie würden meine Mitschüler sein, würde ich viele Freunde finden? Als die erste Stunde begann sah ich unruhig in der Klasse umher, jedoch fiel mir niemand besonders auf. Die Stunde, Religionsunterricht, begann mit einem Gebet. Der Lehrer stand vor der Klasse, die aufgeschlagene Bibel in der Hand und sagte: „Also, liebe Schüler. Wir beginnen den Unterricht mit einem Bibelvers. Schlagt bitte die Seite…“ Ich weiß nicht mehr, welcher Vers es war, welcher Psalm oder welche Seite in dem Buch, aber ich weiß, dass alle Schüler brav die genannte Seite aufschlugen. Fast alle. Ich schaute mich wieder im Raum um und sah in der letzten Reihe ein Mädchen, das mit gesenktem Kopf an ihrem Tisch saß. Sie hatte das zugeschlagene Buch vor sich liegen, die Arme darüber verschränkt und die Stirn auf die Oberarme gelegt. Es hätte mich nicht gewundert, wenn ihre Augen geschlossen gewesen wären. Der Lehrer sagte: „Mädchen, wärst du so freundlich, nach vorne zu sehen.“ Sie reagierte nicht. Er wiederholte mit strenger Stimme: „Schau nach vorne.“ Wieder keine Reaktion. In dem Moment bemerkte ich, wie ein hölzerner Zeigestab auf meinen Tisch schlug und das mit einer solchen Wucht, dass mir die Ohren zu klingeln begannen. „Er meint dich.“, murmelte das Mädchen in der letzten Reihe. „Ich schaue nach vorne, du starrst mich die ganze Zeit an.“ Ich schnellte augenblicklich herum und begann zu zittern. „Wie ist dein Name?“, fragte der Lehrer mich. „Ma…Marie.“, stotterte ich mit meiner leisen kleinen Stimme, „Marie John.“ „Also, Marie. Willst du mir verraten, wieso du es nicht für nötig hältst, auf den Unterricht zu achten?“ „Ich… ich habe…“, stotterte ich wieder und zitterte am ganzen Leib. Das Mädchen in der letzten Reihe kam mir zu Hilfe, indem sie sagte: „Wieso nicht auf den Unterricht achten? Sie hat wenigstens ihr Buch offen. Und ich wette, sie hat auch die richtige Seite aufgeschlagen.“ Mit hochrotem Gesicht wandte sich der Lehrer ihr zu. Er war wahrscheinlich kurzsichtig und hatte das kleine unscheinbare Geschöpf wohl zuerst gar nicht bemerkt. Jetzt jedoch starrte er durch seine dicken Brillengläser in ihre Richtung und seine Lippen verschwanden, so sehr presste er sie zusammen. „Und wie ist dein Name, wenn ich fragen darf?“ „Lucie.“, sagte sie, ohne aufzuschauen. Einen Nachnamen nannte sie nicht, nur dieses eine Wort verließ ihre Lippen. Der Lehrer ging hinters Pult und schaute in die Klassenliste. „Lüg mich nicht an, Kind. Auf der Klassenliste steht der Name nirgendwo.“ „Dann ist Ihre Liste falsch, ich heiße Lucie.“ Die Klasse hielt kollektiv die Luft an. Es war so still im Raum, dass man die sprichwörtliche Stecknadel hätte fallen hören können. Lucie hob den Kopf und blinzelte mit ihren müden, halb geschlossenen Augen. Der Lehrer war so rot, wie eine Ampel und presste hervor: „Mädchen, versuche nicht, mich an der Nase herumzuführen. Wie. Ist. Dein. Name?“ „Meine Eltern rufen mich dauernd Anna. Ich glaube der Name, der auf dieser blöden Liste steht, ist Anastasia.“ Wieder schaute er auf die Liste. „Anastasia Lehmann?“ „Ja. Ich dachte, es wäre offensichtlich, dass meine erzkatholischen Eltern mich nicht Lucie genannt hätten. Aber ich mag den Namen Anna einfach nicht.“ Man sah dem Lehrer an, wie sehr er sich zusammenreißen musste, nicht auszurasten. „Also, Anastasia. Wieso hast du deine Bibel nicht aufgeschlagen?“ „Ich brauche sie nicht. Den Psalm, den Sie genannt haben kenne ich auswendig.“ „Bitte?“, fragte der Lehrer ungläubig und sein Gesicht bekam wieder eine menschlichere Farbe. „Ich sagte, dass ich den Psalm auswendig herunterbeten kann. Ich hab doch gesagt: erzkatholische Eltern.“ „Wie lautet er?“, fragte er mit harter und triumphierender Stimme. Er glaubte wohl, sie damit erwischt zu haben. Sie jedoch rasselte mit monotoner Stimme den gesamten Psalm herunter und das so schnell, dass ich mit dem Lesen nicht hinterherkam, obwohl meine Mutter mir das Lesen schon vor zwei Jahren beigebracht hatte. Den anderen aus der Klasse blieben die Münder offen stehen und die Kinnlade des Lehrers knallte auf den Boden. Als sie fertig war sah sie ihn an und fragte: „Darf ich fragen, ob hier jede Stunde so beginnt? Oder bringen sie ihren Schülern auch was Brauchbares bei?“ „Wie bitte?“, empörte sich der Lehrer. „Das werte ich als nein?“, fragte sie. „Ist dir klar, Mädchen, dass ich hier am längeren Hebel sitze?“ „Ja, natürlich ist mir das klar. Aber was wollen Sie denn machen? Mir Hausaufgaben geben? Mich nachsitzen lassen?“ Wutentbrannt schlug er den Zeigestab auf ihren Tisch. „Diese Schule hat andere Regeln als die ganzen verweichlichten Kindergärten, die sich Schulen schimpfen.“ „Also wollen Sie mich schlagen?“ Kein Kommentar, er atmete nur schwer mit aufgeblähten Nasenflügeln. Nach einigen Sekunden der Stille brachte er zwischen zusammengepressten Zähnen hervor: „Ich werde deine Eltern darüber informieren. Wenn dein Vater es erlaubt, darf ich dich schlagen, das weißt du, oder?“ Sie nickte emotionslos. Von diesem Moment an sagte sie die ganze Stunde kein Wort mehr und wurde auch nicht mehr angesprochen. Als wir Pause hatten, gingen alle auf den Hof, so schnell es ging, ohne dass der Lehrer schimpfte. Nur Lucie blieb im Raum. Sie saß auf ihrem Platz, starrte geradeaus ins Leere und ihr Ausdruck ließ keinerlei Rückschluss auf ihre Stimmung zu. Ich wollte den Raum gerade verlassen, doch ich konnte meinen Blick nicht von ihr wenden. Ich wusste nicht, was ich tun sollte. Nach einer kurzen Zeit wollte ich mich losreißen und drehte mich um, doch als ich mich noch einmal zu ihr umsah, sah ich eine Träne leise über ihre Wange rollen und auf ihre Bibel tropfen. Wie konnte ich jetzt einfach so gehen? Ich ging langsam auf ihren Tisch zu und fragte leise: „Anna, ist… ist alles in Ordnung mit dir?“ „Sehe ich aus, als wäre alles in Ordnung?“, hauchte sie so leise, dass ich sie kaum hören konnte und ohne mich anzusehen. „Tut mir leid, ich wollte dich nicht in Schwierigkeiten bringen.“ „Hast du ja nicht. Das war ich schon selber.“ „Ja, aber doch nur, weil du mir helfen wolltest.“ „Ich hab gesehen, wie du gezittert hast. Der hätte dich auseinandergenommen.“ „D… d… danke schön.“, flüsterte ich verlegen. „Was willst du von mir?“, fragte sie, immer noch ohne zu mir aufzuschauen. „Kann ich irgendwas für dich tun, Anna? Ich würde dir gerne irgendwie helfen und…“ Sie unterbrach mich forsch: „Es gibt nichts, wobei du mir helfen könntest, Marie. Und nenn mich nicht Anna.“, fügte sie nach kurzer Stille hinzu. „Entschuldige bitte… Anastasia?“ Sie schaute mir in die Augen, mit ihrem leeren, gebrochenen Blick und hauchte: „Ich heiße Lucie. Lass mich in Ruhe, Marie.“ „Tut mir wirklich leid, ich wollte dich nicht ärgern. Ich hab dich nur weinen gesehen und dachte…“ „Wenn dieser Lehrer meinen Eltern davon erzählt, brauche ich gar nicht erst nachhause zu kommen.“ Ich war erstaunt. Ich wusste von meinen Eltern, wie es war, Ärger zu bekommen, aber so schlimm, dass ich mich nicht nachhause trauen würde, war es noch nie gewesen. „Wieso das denn? Sind deine Eltern so streng?“ Sie lachte, aber nicht belustigt, sondern eiskalt. „Wie sprichst du deine Eltern an, Marie?“ Diese Frage verwirrte mich ein Wenig. Verständnislos antwortete ich: „Na, Mama und Papa natürlich, wie denn sonst?“ Wieder stahl sich ein freudloses, kaltes Lächeln auf ihr Gesicht. „Wenn ich meine Eltern so anspreche, werde ich geschlagen. Ich muss sie mit Herr Vater und Frau Mutter ansprechen.“ Ungläubig sah ich sie an. „Du kannst mir das ruhig glauben.“ Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Ich wusste nicht einmal, was ich seltsamer, was ich schlimmer finden sollte – die Tatsache, dass sie ihre Eltern so ansprechen musste, oder die Tatsachen, dass sie von ihren Eltern geschlagen wurde. Ich entschied mich für letzteres. „Deine Eltern schlagen dich?“ Sie antwortete mir nicht, sondern sah mich nur aus grauen, großen Augen an und ihr Blick sagte mehr als tausend Worte. „Das… das tut mir leid für dich…“, murmelte ich, doch ihr Gesicht nahm einen harten Ausdruck an und sie zischte: „Ich will kein Mitleid, spar dir das. Wenn du mir helfen kannst, tu es, aber bemitleide mich nicht, das bringt mir nichts.“ „Verzeih bitte, ich… ich…“, wieder konnte ich nichts sagen. „Nein… ich kann dir nicht helfen.“ „Gut, dann bin ich nicht dein Problem. Bitte lass mich in Ruhe, du bekommst nur Schwierigkeiten, wenn du dich mit mir abgibst. Ich bin an dieser Schule nicht willkommen, das hast du doch gemerkt. Ich bin nicht wie die ganzen anderen Kinder, die einfach brav das tun, was der Lehrer sagt. Und ich kann diese Religion nicht ausstehen.“ Das verstand ich nicht. Meine Eltern hatten nie infrage gestellt, dass all das, was in der Bibel stand, richtig war und genauso passiert ist. Für mich war es immer so gewesen und ich wäre nie auf die Idee gekommen, das zu hinterfragen, was der Pfarrer in der Kirche immer sagte. „Wie… wie meinst du das?“ „Sie sagen, Gott liebt uns alle. Er tut es nicht. Sie sagen, Gott ist barmherzig. Er ist es nicht. Sie sagen, Gott vergibt jede Sünde, wenn man sie beichtet und sie eingesteht. Vielleicht tut er das, doch andere tun das nicht.“ „Wie… wie kannst du das nur sagen? Wieso sollte Gott… uns…“, ich traute mich nicht, es laut auszusprechen, das durfte man nicht, hatte Mama mir erklärt. Ich flüsterte: „Uns nicht lieben?“ Sie sah mich bitter an. „Schließ’ die Tür.“, sagte sie trocken. Ich verstand nicht, doch als sie sich wiederholte, tat ich, was sie gesagt hatte. Sie schaute sich im Raum um, um sicher zu gehen, dass wir alleine waren, wie Kinder es eben tun. Der Raum lag im ersten Stock, also hätte niemand durchs Fenster hineinschauen können. „Willst du wissen, wieso ich glaube, dass Gott mich nicht liebt? Willst du sehen, wieso ich ihn nicht lieben kann?“ Ich nickte langsam, ohne ein Wort zu sagen. Sie lächelte breit, doch sie sagte: „Bist du sicher? Das wird dir nicht gefallen.“ „Ja doch, ich bitte dich, zeig es mir.“ Sie drehte sich um und zog sich langsam den Hoodie über den Kopf. Ich war so erschüttert über das, was ich sah, dass es mir die Sprache verschlug. Ihr Rücken, ihre Schultern und Oberarme, die Seiten ihres Körpers, im Prinzip alles, was der Hoodie sonst verdeckt hätte, waren übersät mit Narben. Nicht wie von Schnitten oder von einer Operation, fein säuberlich genäht und kaum sichtbar – mein Vater hatte einige Operationen gehabt, daher wusste ich, wie diese Narben aussahen – sondern unzählige breite, grobschlächtige Wundmale, alle in einer Art verzerrtem Karomuster angeordnet, manche so lang, dass sie den gesamten Körper einmal überzogen, manche nur einen Finger lang. Sie waren alle mindestens einen Zentimeter breit und sahen nicht so aus, als wären die Wunden gut behandelt worden, sondern eher, als hätte man Lucie einfach liegen lassen, nachdem sie so verletzt worden war. Wie zum Abschluss des grauenvollen Anblicks, waren die Narben von roten Striemen geschmückt, die pulsierend und schmerzhaft aussahen. Sie drehte sich zu mir um und ich sah, dass die Vorderseite ihres Körpers zwar nicht so vernarbt war, jedoch ebenfalls von Striemen bedeckt. Trotz der unmenschlichen Schmerzen, die dieses kleine Mädchen haben musste starrte sie mich nur ausdruckslos an. Ich stand mit weit aufgerissenem Mund und tränenden Augen da und betrachtete die zahllosen Wundmale an ihrem zierlichen kleinen Körper. „Was… was… was um alles in der Welt…?“, stotterte ich. „Mein Vater.“, erklärte sie und ließ das Oberteil wieder herunter.

Jedoch eine Sekunde zu spät. Ohne, dass wir es bemerkt hatten, Lucie stand mit dem Rücken zur Tür und ich war zu sehr auf sie fixiert gewesen, hatte sich die Tür geöffnet. Ein Junge stand dort, mit offenem Mund und ausdruckslosem Gesicht. Er war in unserer Klasse. In der Stunde hatte er irgendwo in der Mitte des Raumes gesessen und war auffällig unauffällig gewesen. „Was zum Teufel…?“, brachte er hervor. Lucie schnellte herum und starrte ihn an. „Was machst du hier?“, fauchte sie, wie eine wild gewordene Tigerin. Verschreckt wich er ein Stück zurück und hielt die Hände schützend vor seinen Körper. „Ich… ich hab euch hier drin reden hören und wollte wissen, worum es geht.“ „Du hast uns belauscht?“ Ihre Stimme klang, als würde sie im nächsten Moment seine Kehle mit ihren Zähnen zerfetzen und man sah, dass jeder Muskel in ihrem Körper zum Zerreißen gespannt war. „N…Nein, ich… ich hab nichts mitbekommen. Ich konnte nur hören, dass irgendjemand redet. Ich konnte nichts verstehen.“, stotterte der Junge verängstigt. Er war zwar einen guten Kopf größer und wesentlich muskulöser als sie, doch offenbar war Lucie wirklich furchteinflößend, wenn sie sauer war. Sie entspannte sich minimal. „Wie viel hast du mitbekommen? Und wer bist du überhaupt?“ „A… Anton“, stotterte er. Dann fasste er sich kurz und stellte sich gerade auf. Dann fuhr er fort. „Mein Name ist Anton. Ich habe nicht wirklich etwas von eurem Gespräch mitgehört, nur, das Wort ‘Vater’. Und ich hab… hab deinen Rücken gesehen.“ Nach kurzem Schweigen flüsterte er: „War das… war das dein Vater?“ Er bekam keine Antwort, deshalb fragte er noch einmal: „Hat dein Vater das getan, Anna?“ Wieder spannte sich ihr Körper an und sie knurrte mit beeindruckend tiefer Stimme: „Nenn mich nicht Anna, du Idiot.“ Wieder hob Anton abwehrend die Hände. „Entschuldige bitte, ich… ich wollte dich nicht beleidigen. Lucie?“ Sie nickte knapp. „Also, wenn dein Vater dafür verantwortlich ist, musst du das jemandem erzählen. Dem Lehrer vielleicht, oder dem Pfarrer. Irgendjemand muss dir helfen, sonst…“, Lucie unterbrach ihn forsch. „Auf gar keinen Fall.“, fauchte sie, „Wenn ich das irgendjemandem erzähle und mein Vater das herausfindet, komm ich nicht mit dem Gürtel davon. Er bringt mich um, wenn er das erfährt.“ „Ich… ruf die Polizei, wenn du magst.“, bot Anton an, doch Lucie fiel in sich zusammen. Die gesamte Anspannung wich aus ihrem Körper und sie schüttelte den Kopf. „Bitte nicht. Bitte, Anton, tu das nicht. Das überlebe ich nicht, bitte, ich flehe dich an.“, schluchzte sie. Lucie fiel vor ihm auf die Knie, sah zu ihm hoch und ich sah, dass Tränen vor ihr auf den Boden fielen. Sie verschränkte die Finger ineinander und bettelte: „Bitte, Anton, tu das nicht. Ich tu alles, was du willst, aber bitte, erzähl niemandem davon.“ In diesem Moment konnte ich ansatzweise verstehen, was sie für fürchterliche Angst vor ihrem Vater haben musste. Sie saß da vor einem völlig fremden Jungen und flehte ihn weinend an, niemandem von ihrem Leid zu erzählen. Anton war offenbar genauso bestürzt wie ich, denn er schien nicht im Geringsten zu wissen, was er tun sollte. Er stotterte perplex: „Na… natürlich… Wenn… wenn dir das so wichtig ist… aber… aber was soll ich denn sonst tun? Ich… ich muss dir doch irgendwie helfen.“ Sie schüttelte kraftlos den Kopf und flüsterte: „Nein. Du kannst mir nicht helfen. Vergiss einfach, was du gesehen hast. Ich brauche keine Hilfe. Ich stehe das durch, ich muss mich nur benehmen, dann schlägt er mich auch nicht.“ „Wie kannst du sowas sagen?“, fragte Anton bestürzt. „Weißt du, wie furchteinflößend du bist, wenn du wütend bist? Wenn du das vor deinem Vater tust, traut er sich doch im Leben nicht, dich zu schlagen.“ Sie sah ihn an und lächelte freudlos. „Dir macht das vielleicht Angst, aber er ist viel größer und stärker als du. Und außerdem hab ich solche Angst vor ihm, ich könnte niemals so ausrasten. Bitte, vergiss einfach, was du gesehen hast. Wenn dir das hilft, geh beichten, dass du mir nicht geholfen hast, aber bitte, vergiss es einfach.“ „Beichten?“, fragte er erstaunt. „Ich beichte nicht. Ich glaube nicht, dass das was bringt.“ Sie sah ihn verständnislos an und er erklärte: „Ich glaube nicht, dass Gott existiert.“

An diesem Tag sprachen wir nicht mehr miteinander. Weder Lucie mit mir oder Anton, noch Anton und ich miteinander. Als Lucie am nächsten Tag in die Schule kam hatte sie rote, verquollene Augen, so als hätte sie geweint. Im Unterricht hatte sie diese geschlossen, damit der Lehrer es nicht sah. Er schien eine unglaubliche Befriedigung zu empfinden, als er ihr mitteilte: „Ich habe mit deinem Vater gesprochen, Anastasia.“, genüsslich betonte er den Namen, den sie so hasste, Silbe für Silbe. „Er hat gesagt, wenn es nötig sein sollte, darf ich dich schlagen. Zu Zwecken der Disziplinierung.“ In diesem Moment starrte sie ihn an, die stahlgrauen, blutunterlaufenen Augen hasserfüllt, lehnte sich über den Tisch, sodass ihr Gesicht nur wenige Zentimeter von seinem entfernt war. Man sah in ihrem verzerrten Gesicht, ihren aufgerissenen Augen und ihrer Körperhaltung, dass sie in Angriffslaune war. Sie flüsterte ihm gepresst und voller Hass entgegen: „Disziplinierung, ja? Wenn Sie glauben, dass sie heftiger zuschlagen können, als mein Vater, dann können Sie es gerne versuchen.“ Der Lehrer grinste breit. Dann holte er mit der Hand aus und schlug das kleine Mädchen ins Gesicht, mit einer solchen Wucht, dass sie von ihrem Stuhl flog. „Willst du mich herausfordern, Mädchen?“, zischte er triumphierend. Sie lag am Boden und Tränen liefen über ihr Gesicht, während sie sich die rote, brennende Wange hielt. „Setz dich wieder hin, Mädchen. Und folge dem Unterricht aufmerksam, sonst gibt es noch eine.“ Sie murmelte irgendetwas, jedoch so leise, dass weder der alte Lehrer noch einer der Mitschüler es hörte. Ich schaute zu ihr, wie sie sich aufrappelte und auf den Stuhl hievte. Als mein Blick ziellos im Raum umherschweifte, traf er den von Anton, der mit zusammengebissenen Zähnen und geballten Fäusten an seinem Platz saß und stoisch geradeaus starrte, bemüht, Lucie nicht anzusehen. Ich sah, dass in seinem Inneren die Sorge um Lucie und die Angst vor dem Lehrer miteinander rangen. Ich versuchte, mit meinen Blicken, Kontakt zu ihm aufzubauen, doch er reagierte nicht. In der Pause gingen wir beide zu Lucie. Ich fragte sie vorsichtig: „Ist… alles in Ordnung mit dir?“ Genau wie gestern sagte sie: „Sehe ich aus, als wäre alles in Ordnung?“, doch in diesem Moment stahl sich ein Lächeln auf ihr Gesicht, diesmal jedoch ein ehrliches. „Wieso lächelst du?“, fragte ich verwirrt. Sie wandte mir den Kopf zu und grinste mich an: „Du glaubst echt, das hätte wehgetan? Du hast doch gesehen, was mir mein Vater angetan hat, dagegen ist eine Ohrfeige von diesem Möchtegern-Lehrer doch gar nichts.“ „Das ist trotzdem nicht in Ordnung.“, sagte Anton besorgt und runzelte die Stirn. „Doch, ist es. Ich kann das aushalten, wirklich.“, lachte Lucie. „Macht euch keine Sorgen um mich ihr zwei. Ihr seid echt lieb, aber ihr müsst mir wirklich nicht helfen.“ Wir konnten beide nichts dazu sagen, also standen Anton und ich einfach da und sagten gar nichts. Die nächsten Stunden liefen so, wie am Tag zuvor. Zwischen dem Lehrer und uns herrschte eine eisige Stille. Die nur für die nötigsten Aufgaben und Antworten unterbrochen wurde, und Lucie und er ignorierten einander gekonnt. Nach der fünften Stunde hatten wir Schulschluss und Anton, Lucie und ich gingen schweigend den Weg zur Bushaltestelle. Nur Lucie fuhr mit dem Bus, denn Anton und ich wohnten beide nicht weit von der Schule entfernt. Als Lucie eingestiegen und der Bus losgefahren war, wandte ich mich um, um nachhause zu gehen. In diesem Moment legte mir jemand eine Hand auf die Schulter und Antons Stimme hinter mir flüsterte: „Marie, ich muss mit dir reden.“ Erstaunt drehte ich mich um und fragte: „Reden? Worüber denn?“ „Über Lucie. Das kann doch so nicht weitergehen. Ich kann es nicht mitansehen, wie dieser Lehrer sie schlägt. Das ist nicht richtig.“ „Und was willst du dagegen tun?“, fragte ich skeptisch weiter. „Ich weiß nicht, ich lass mir was einfallen. Aber er darf das nicht tun. Er darf Lucie nicht wehtun.“ In seinen Augen spiegelten sich Entschlossenheit und Wut aber auch Verzweiflung und Ratlosigkeit. „Bitte, tu nichts Unüberlegtes, ok?“ „In Ordnung.“, nickte der Junge, der auch mich um einige Zentimeter überragte, obwohl ich für mein Alter recht groß war. Er drehte sich auf dem Absatz herum und ging in die Richtung, in der sein Elternhaus liegen musste. Ich schüttelte den Kopf, drehte mich ebenfalls um und ging zu meinen Eltern und meinem Bruder nachhause. Was würde Anton wohl tun?

Der nächste Tag machte alles nur noch schlimmer. In der ersten Stunde ging der Lehrer wieder auf Lucie zu und hob schon mit einem süffisanten Grinsen die Hand, um ihr eine weitere Backpfeife zu verpassen. Doch bevor er zuschlug stand Anton auf einmal von seinem Stuhl auf und sagte mit lauter, fester Stimme: „Herr Lehrer?“ Dieser hielt inne, wandte sich bedrohlich dem Jungen zu und fragte: „Was willst du, Junge?“ „Ich bitte Sie, das nicht zu tun.“, sagte er bestimmt, während er den alten Mann geradeheraus ansah. Wie konnte er nur so mutig sein? Er war doch erst sechs Jahre alt und der Lehrer war immerhin schon erwachsen. Dieser ging bedrohlich auf Anton zu und fragte langsam: „Wie bitte?“ „Ich bitte Sie, meine Freundin nicht zu schlagen.“ „Deine Freundin, ja?“ Er sprach das Wort ‘Freundin’ aus, als wäre es etwas Widerwärtiges. „Soll ich lieber dich schlagen?“ „Anton, lass es.“, bat ihn Lucie, der Lehrer jedoch bedeutete ihr, still zu sein: „Halt den Mund, Kind. Dein Freund hier möchte dir helfen, sei ihm lieber dankbar.“, feixte er. „Schlagen Sie mich, wenn es sein muss, aber lassen Sie Lucie in Ruhe. Sie hat Ihnen nichts getan.“ Klatsch! Er ließ die Hand fahren und traf Anton im Gesicht. Man hörte, dass der Schlag nicht halb so heftig war, wie der, den Lucie gestern bekommen hatte, doch trotzdem sagte mir das Geräusch und die Haut an seiner Wange, dass es unglaublich wehtun musste. Anton jedoch drehte den Kopf beiseite, als er getroffen wurde und wieder zurück, um den Mann vor ihm, der zwei Köpfe größer war, trotzig anzustarren. „Das war’s schon?“, fragte er trocken. „Was?“, fragte der Lehrer perplex, doch statt einer Antwort tat Anton… etwas Unüberlegtes… Mit aller Kraft, die er mit seinem kurzen, aber kräftigen Kinderarm aufbringen konnte, schlug er unseren Lehrer mit solcher Wucht ins Gesicht, dass dieser rückwärts gegen den Tisch des Kindes, das vor Anton saß, taumelte. Die ganze Klasse atmete tief ein und hielt die Luft an. „Das war ein Fehler, Junge.“, brüllte der Lehrer. „Ein großer Fehler.“ Mit diesen Worten schlug er erneut zu, diesmal so heftig, dass der kräftige Junge in sich zusammenbrach und reglos liegen blieb. „NEIN!“, schrie Lucie. Ich war wie gelähmt. Unfähig mich zu bewegen oder irgendetwas zu sagen, konnte ich nur zusehen. Ich kannte Lucie jetzt seit drei Tagen und es hatte schon unglaublichen Eindruck gemacht, wie sie Anton am Montag angeknurrt hatte, doch das, was jetzt geschah, sprengte all meine Erwartungen. Lucie wurde regelrecht zu einem wilden Tier. Sie kletterte auf den Tisch, machte sich auf allen Vieren zum Sprung bereit und knurrte hasserfüllt: „DU VERFLUCHTER BASTARD!“ Mit diesem obszönen Schrei und gebleckten Zähnen stürzte sie sich auf den Mann, der noch immer verwirrt vor Antons Platz stand und auf den Jungen am Boden schaute, wie eine Raubkatze sich auf ihre Beute stürzt. Er schrie laut, wurde jedoch von Lucie umgerissen. Sie fauchte und kniete über ihm, schnappte mit den Zähnen nach seinem Gesicht, welches er gerade noch wegziehen konnte, um seine Nase zu retten. Lucie hätte sie vermutlich abgebissen. In diesem Moment funktionierte mein Körper wie eine Maschine. Ich sprang auf, rannte zu den beiden am Boden liegenden, der fauchenden und beißenden Lucie und dem sich verzweifelt wehrenden Lehrer, packte Lucie an den Ellenbogen und zog sie von dem Mann weg, der vollkommen verängstigt liegen blieb. „Lucie, hör auf.“, versuchte ich, sie zu beruhigen. „Lucie, nicht, hör auf. Lass es.“ Ich zog sie von ihm weg, während sie unentwegt nach seinem Gesicht und seinem Hals schnappte, knurrend, kreischend und fauchend, wie ein… wie ein Tiger. Was um alles in der Welt passierte nur gerade? Langsam regte sie sich wieder ab, während sie den Lehrer wortreich verfluchte. Er rappelte sich schließlich auf und sagte zerknirscht: „Das wird noch Konsequenzen haben.“

Am nächsten Tag kam Lucie nicht zur Schule, genau wie Anton. Niemand verlor ein Wort über Lucie, weder einer der Schüler, noch der Lehrer. Dieser sagte jedoch am Anfang der Stunde: „Anton wird unsere Klasse verlassen. Sein Vater hat gestern bei der Schulleitung angerufen und gesagt, dass er seinen Sohn auf eine andere Schule schicken wird.“ Niemand fragte, warum. Es war totenstill während der Pausen, niemand verließ den Raum, nicht einmal der Lehrer. Der gesamte Tag war so angespannt, dass ich mich immer unwohler fühlte. Irgendwann während der vierten Stunde begann irgendein Mädchen, ich weiß nicht mehr, wie sie hieß, leise schluchzend zu weinen. Niemand, nicht einmal der Lehrer nahm Notiz davon. Er fuhr einfach mit dem Unterricht fort und sie heulte die ganze Stunde und die folgende Pause durch, bis ihre Tränen anscheinend endlich aufgebraucht waren und sie nur noch leise schniefte. Zuhause hatte ich von alldem nichts erzählt, nicht von Lucie, nicht von Anton oder von dem brutalen Lehrer. Am Freitag war Lucie wieder da. Sie hatte ein blaues Auge und ging etwas geknickt, doch sie sagte kein Wort. Der Lehrer schlug sie nicht, sprach sie nicht an, schien sie nicht einmal zu bemerken. Ihr schien das recht zu sein. In der Pause gingen wir auf den Hof. Ich fragte: „Was ist denn mit dir passiert?“ „Was glaubst du denn?“, sagte sie tonlos. „Der Lehrer hat bei meinem Vater gepetzt…“, sagte sie, während sie auf ihr blaues, geschwollenes Auge deutete. „Aber das ist mir egal. Anton hat Recht, ich muss mich wehren, sonst gehe ich unter.“ Ich nickte gedankenverloren. Ab diesem Tag wurde sie nicht mehr von einem Lehrer geschlagen. Ihre Wunden schienen langsam zu verheilen, sowohl die physischen als auch die psychischen.

Erst an dem Tag, an dem sie mir die Flügel abgeschnitten hatte, hatte ich gesehen, dass ihre Narben nicht nur nicht verheilt waren, sondern sich unwahrscheinlich oft vervielfacht hatten. Auch jetzt strich ich behutsam über ihren vernarbten Rücken und wir weinten still ineinander hinein. Ich hatte herausgefunden, dass die Narben von einem ledernen Gürtel, manche auch von dessen stählerner Schnalle kamen. Ich hatte erfahren, dass Anton, als er an diesem Mittwoch nachhause kam, von seinem Vater bereits erwartet wurde, der das Telefon in der Hand gehalten hatte. Er hatte seinen Sohn wohl besorgt und doch streng angesehen und gefragt: „Anton, was hast du angestellt? Du hast einen Lehrer geschlagen?“ In dem Moment musste er die blauen Flecke in Antons Gesicht bemerkt haben, denn ihm war das Telefon aus der Hand gefallen und er hatte seinen Sohn in die Arme geschlossen und mit sorgenschwerer Stimme gefragt: „Junge, was ist denn passiert?“ Anton musste ihm alles erzählt haben, dass der Lehrer Lucie geschlagen hatte, dass er ihn unterbrechen wollte und selbst geschlagen worden war. „Und da hab ich mich gewehrt, wie du’s mir beigebracht hast, Papa.“, hatte er anschließend gesagt, und am Ende noch, dass der Lehrer ihn niedergeschlagen hatte. Logischer Weise hatte sein Vater sofort bei der Schulleitung angerufen, sich über den Lehrer beschwert und Anton von der Schule genommen. Auf seine Beschwerde über die Willkür des Lehrers muss er wohl etwas wie: „Das ist an unserer Schule eben so.“, oder „Bei uns setzt man noch auf Disziplin.“ als Antwort bekommen haben. Anton hatte mich später kontaktiert, nachdem ich ein Handy hatte und wir hatten uns ein Wenig unterhalten. Er wohnte jetzt mit seinen Eltern irgendwo in der Walachei und ich hatte ihn seit jenem Mittwoch nicht mehr gesehen. Was er wohl gerade machte?

Die restliche Woche lang geschah nichts Interessantes und Lucie und ich hatten viel Zeit für uns alleine. Die Zeit verging wie im Flug, ohne, dass es irgendetwas auffälliges gab, sogar der Dämon in meinem Kopf kehrte zu einer gewissen Normalität zurück. Er war nicht mehr so gehässig wie damals, bevor ich die Flügel bekam, aber auch bei weitem nicht so schweigsam wie während der Zeit in den Hallen der Engel. Am Freitag, wir hatten Mittag gegessen und waren jetzt in ihrem Zimmer, lag Lucie auf dem Bett und las in einem Buch, von dem ich nicht mal den Titel aussprechen konnte, geschweige denn wusste, worum es ging. Ich saß auf der Bettkante und schaute im Raum umher. Einmal sah ich ihr über die Schulter und las einige Zeilen, die mir gerade ins Auge fielen. Nach den ersten paar Wörtern begannen mir Kopf und Augen wehzutun. „Was ist das überhaupt für eine Sprache?“, fragte ich überfordert. Lucie sah von ihrem Buch auf und meinte: „Urktjáast.“ Ich musste blinzeln. Was hatte sie gerade gesagt? War das ein Wort? Sie kicherte. „Urktjáast. Übersetzt heißt das einfach nur Sprache. Sie ist nur für dieses Buch erfunden worden, soweit ich weiß. Ich hab irgendwo noch die Bücher rumstehen, die man braucht, um sie zu lernen.“ Ich war noch immer etwas verwirrt. „Und was liest du da jetzt?“ Sie klappte das Buch zu und zeigte mir den Einband aus dunklem, geschmeidigem Leder. Darauf war ein kreisförmiges Ornament abgebildet, darin ein zehnzackiger Stern. Jede der Zacken war mit einem seltsamen Symbol beschriftet, drei benachbarte mit denselben, die restlichen mit verschiedenen. Über dem kryptischen Symbol standen drei Wörter, die ich nicht richtig lesen konnte, weil einige Buchstaben darin vorkamen, die ich nicht kannte. Darunter stand „Nach Leonhard Garcia“. Das musste der Autor sein. Ich hatte den Namen noch nie gehört. Lucie deutete auf die drei unlesbaren Wörter oben auf dem Einband und las vor: „Kfi Lukpont Paminsk“ und als ich sie verständnislos ansah kicherte sie und übersetzte: „Die fünf Bücher der Leere.“ Bei diesen Worten rutschte mir das Herz in die Hose. Hatte der Dämon dieses Buch nicht neulich erwähnt? „Und… und was… was ist das für ein Buch? Eine Art Roman?“, stotterte ich. Lucie schaute mich verwirrt an und sagte: „Naja, sowas in der Art… Es ist eine… Neuinterpretation der Bibel. Das hat irgendein exzentrischer Fantasy-Autor mal geschrieben, vor ein paar Jahren oder so. Ich glaube, es ist eine Art Mischung aus Unterhaltung und Religionskritik. Ist echt interessant, musst du auch mal lesen.“ „Ich lerne doch nicht nur für dieses Buch irgendeine Fantasiesprache.“, erwiderte ich. „Gibt’s das auch auf Deutsch?“ „Ich glaube nicht.“, meinte Lucie entschuldigend und zuckte mit den Schultern. „Und wieso liest du eigentlich Bibelinterpretationen? Ich dachte, du verachtest die Bibel.“, fragte ich weiter. „Die richtige schon, aber die ist echt cool.“, erklärte meine Freundin enthusiastisch. „Hier ist Gott nur eines von vielen höheren Wesen, das die Erde geschaffen hat, indem er seinen Bruder belogen und den Planeten aus ihm geformt hat. Adam und Eva hat er auch betrogen, weil er ihnen in Gestalt ihrer Enkelin eine der Früchte vom verbotenen Baum aufgeschwatzt hat und danach hat er sie in die Unterwelt verbannt. Satan ist eigentlich Adam, der einen Bund mit Gottes Bruder geschlossen hat, um sich zu rächen. Die Geschichte ist an sich die gleiche, aber der Autor hat ein riesiges Netz aus fiktiven Hintergründen rundherum erfunden.“ In diesem Moment schaltete sich der Dämon rabiat ein. „Erfunden? Das ist keine Erfindung, das ist die wahre Geschichte.“ Er schien beinahe aufgebracht. „Halt dich bitte zurück.“, sagte ich, von Lucie abgewandt, damit sie sich nicht angesprochen fühlte. Trotzdem fragte sie: „Wie bitte?“ „Der Dämon hat was zu sagen.“, erklärte ich. „Lässt du mich bitte mit ihr reden, Marie?“ „Auf gar keinen Fall. Am Ende tust du ihr noch was an.“ „Sei doch nicht albern, Mädchen. Ich weiß, dass du sie liebst. Ich könnte ihr niemals wehtun, das verspreche ich dir. Ich brauche dich und ich will nicht, dass du mich hasst.“ Konnte ich ihm vertrauen? Er hatte mir so viel geholfen in letzter Zeit und belogen hatte er mich noch nie. „Was ist denn?“, fragte Lucie mit schief gelegtem Kopf. „Er will mit dir reden. Aber ich lasse ihn nicht.“ „Wieso nicht? Ich würde gerne mit ihm reden. Immerhin hat er mich gerettet und ich hab mich noch gar nicht richtig bedankt.“ „Nur den Kopf, Marie, bitte. Den Körper kannst du behalten, lass mich nur meinen Kopf zeigen.“ „Na meinetwegen.“, sagte ich zähneknirschend. „Mach schon.“, befahl ich dem Dämon. Ich sah, wie sich mein Sichtfeld veränderte. Es wurde wieder rot und die Wärmesignaturen der Umgebung traten deutlich hervor. War das beim letzten Mal auch schon so gewesen? Der Dämon begann, zu sprechen: „Hallo, Lucie. Ich bin erfreut, mit dir sprechen zu können.“ „Ganz meinerseits.“, gab Lucie zurück. „ich danke dir vielmals, dass du mir geholfen hast.“ „Danke dafür nicht mir. Ich hätte es nicht getan, wärst du Marie nicht so wichtig. Es ist also, wenn auch ich der Körper war, noch immer Maries Verdienst, dass du am Leben bist und es deinem Gesicht so einigermaßen gut geht.“ Lucie war sprachlos. Ihr stand der Mund offen und eine leise Träne rollte langsam über ihre Wange. Nach einigen Sekunden der Stille flüsterte sie: „Marie, ich liebe dich.“ „Das weiß sie doch längst, Kind.“, sagte er und seine Stimme klang sanfter, als es mit seinen Sprechorganen eigentlich möglich sein sollte. „Aber es gibt einen Grund, aus dem ich mit dir sprechen muss. Du sagtest, die Bücher seien ein Unterhaltungsmedium?“ „Naja, was sollten sie denn sonst sein?“, fragte Lucie verständnislos. „Aber Moment… Du kennst die Bücher?“ „Ja, das tue ich.“, bestätigte der Dämon schroff. „Sie sind kein Werk der Fantasie. Das ist die tatsächliche Geschichte, wie sie sich zugetragen hat. Nur, weil ein Mensch sie niederschrieb, heißt das nicht, dass sie erfunden ist.“ „Aber der Autor selbst sagt doch, dass die Bücher ein Werk bloßer Fiktion sind.“ Lucie schien nicht glauben zu wollen, was er sagte. „Davon ist er felsenfest überzeugt. Doch tatsächlich hat Hunsak, unser Vater ihm die Zeilen eingegeben, die er schrieb, ohne, dass der Autor es wusste. Wisse, Lucie, Vater ist mächtig.“ „Das ist er in der Tat, falls das stimmen sollte. Bis vor kurzem habe ich nicht einmal an seine Existenz geglaubt. Aber nach alldem, was mit Marie war, lässt sich das ja nicht mehr wirklich leugnen.“ „Hast du die Bücher bis zum Ende gelesen, Lucie?“, fragte er, ihre Aussage einfach übergehend. „Nein, ich bin erst beim Buch des Infernos.“ „Das erklärt, was dich bisher davon abgehalten hat, offensichtliche Schlüsse zu ziehen.“, meinte er einsichtig. „Offensichtliche Schlüsse?“, fragte Lucie, „Was meinst du damit?“ Jetzt begann der Dämon irgendein nicht identifizierbares Silben- und Buchstabengewirr von sich zu geben, dass ich keiner Sprache zuordnen konnte, die ich je gehört hatte. War das… Urktjáast? Während er sprach veränderte sich Lucies Gesichtsausdruck von ungläubig über begreifend zu einem wissenden Lächeln. Als er endete, antwortete sie ihm mit einem einzigen kurzen Satz, dessen Wortlaut ich nicht einmal nachvollziehen konnte, geschweige denn wiedergeben kann. Die beiden hielten einen kurzen Dialog, aus dem ich nicht ein Wort verstand. Am Ende desselben Sagte Lucie nur das eine Wort: „Nirtkmart.“ „Danke schön.“, sagte der Dämon und ich war mir nicht sicher, ob er damit Lucie oder mich meinte. Dann gab er mir meinen Kopf zurück und ich konnte wieder sprechen. „Du…“, begann ich stotternd. „Du weißt doch, dass… dass ich dich auch liebe, oder?“, fragte ich verlegen und Lucies Wangen wurden rot. „Na… natürlich weiß ich das, Marie.“ Wir sahen uns eine Zeit lang stumm in die Augen, mit Sicherheit fünf Minuten oder länger. Dann küssten wir uns. Aus irgendeinem Grund verspürte ich in diesem Moment ein so starkes Verlangen nach ihr, dass ich es kaum aushielt. Langsam aber bestimmt steuerten wir aufs Bett zu, als Lucie auf einmal erstarrte. „Was ist denn?“, fragte ich enttäuscht, „willst du doch nicht?“ Lucie drückte den Zeigefinger auf meinen Mund und wieder traten ihr Tränen in die Augen. Ich sah sie bestürzt und verständnislos an. Sie hauchte kaum hörbar: „Hör mal. Das war ein Türschloss.“ Ich geriet in Panik. „Einbrecher?“ Lucie schüttelte langsam den Kopf. “Mein Vater. Seine Schritte erkenne ich unter tausenden.“ Ihr Vater war zurück? Aber warum weinte sie? Ich dachte an die Narben, die ihren Rücken überzogen wie die Furchen eines Ackers, aber ich hatte geglaubt, er hätte längst aufgehört, sie zu schlagen. Sie war 16, wieso sollte sie das mit sich machen lassen? „Anastasia?“, rief eine kräftige Männerstimme und Lucie zuckte zusammen. „Anastasia, komm sofort her.“ Der Tonfall ihres Vaters war herrisch, gebieterisch und ließ keinen Zweifel an seiner Autorität aufkommen. Ich hatte ihn noch nie gesehen, noch nicht einmal sprechen gehört, doch ich begann, zu begreifen, warum meine Freundin solche Angst vor ihm hatte. „Ich muss gehen.“, sagte sie mit bebender Stimme. „Bleib bitte hier und lass ihn dich nicht bemerken, Marie.“ Ohne eine Antwort abzuwarten drückte sie mir einen Kuss auf die Lippen, wischte sich mit dem Ärmel ihres viel zu großen Hoodies die Tränen vom Gesicht und ging aus dem Zimmer. Ich hörte sie die Treppe hinuntersteigen und stand wie angewurzelt da. „Lauf ihr schon nach, du Närrin!“, befahl mir der Dämon. „Sie braucht dich vielleicht. Keine Sorge, sie wird dich nicht hören. Du bist doch ein Engel.“ Ohne lange nachzudenken folgte ich ihr. Sie ging in die Küche und schloss die Tür hinter sich. Ich spähte durch das alte Schlüsselloch und konnte sie sehen. Vor ihr stand eine furchteinflößend große Gestalt. Ihr Vater war ein regelrechter Riese. Ich konnte nicht einmal seine Schultern erkennen. Er steckte in der förmlichen Kleidung eines Predigers und die aderüberzogenen Hände waren zu Fäusten geballt. „Wieso steht in der Spüle schmutziges Geschirr, Anna?“, fragte er und seine Stimme klang wie eine zum Zerreißen gespannte Gitarrensaite. „Verzeihen Sie bitte, ich…“, begann Lucie und schluckte einmal heftig gegen die Angst an. „Du, was?“ „Ich habe eben gegessen und bloß noch nicht sauber gemacht.“ „Ist das so, ja?“, fragte der Mann. Lucie nickte wortlos und prompt traf eine schallende Ohrfeige ihre Wange. „Die erste, dafür, dass du deinen Mund nicht aufbekommst…“, ein zweiter, ein dritter Schlag, „die zweite dafür, dass du so faul bist und nicht aufgeräumt hast, die dritte, weil du lügst. Das Geschirr reicht für zwei Tage, das heißt du hast auch gestern nicht aufgeräumt…“ Er schien noch weiter machen zu wollen, doch da stoppte seine Hand plötzlich in der Luft. „Wie siehst du denn aus, Kind? Was ist mit deinem Gesicht passiert?“ „Ich… ich hab mich… verletzt…“ „Das sieht man, du dummes Gör.“, blaffte er, der anscheinend die Fassung wiedergefunden hatte. „Ich will wissen, wie das passiert ist. Warst du das etwa selber?“ Sie schüttelte weinend den Kopf und eine Anspannung, die sich seit der ersten Sekunde in mir aufgebaut hatte, drohte mich in diesem Moment zu zerreißen. Doch ich zwang mich, ruhig zu bleiben. Die Hand von Lucies Vater verkrampfte sich und er sagte mit leiser, belegter Stimme: „Dreh dich um, Kind.“ Lucie tat es, während die Tränen immer stärker über ihre Wangen liefen. „Ausziehen.“, befahl er, während er seinen Gürtel löste. Lucie zog den Hoodie über ihren Kopf, öffnete den BH und ließ beides auf den Boden fallen. Die Arme vor der Brust gekreuzt, um sich wenigstens ein Bisschen zu bedecken, stand sie jetzt da und schaute mit verlorenen grauen Augen ins Leere, wie an unserem ersten Schultag. Ich musste mir auf die Lippe beißen um nicht irgendetwas zu rufen oder zu schreien. „Und jetzt, auf die Knie. Schön brav sein, Anastasia.“ Sie ging langsam auf die Knie, nahm ihre Haare nach vorn, damit der Rücken frei war und schloss die Augen. Mit den Worten: „Wie oft muss ich dir noch sagen, dass du nicht lügen sollst?“, ließ er den Gürtel das erste Mal über ihren Rücken zischen. Ich spürte in diesem Augenblick einen stechenden Schmerz dort, wo er sie getroffen hatte. Allein das Zusehen bereitete mir Schmerzen. Wie hielt sie das bloß aus? „Ich lüge nicht, Vater. Die Narben kommen nicht von mir.“, schluchzte sie. Ein zweiter Hieb knallte in der Luft. „Von wem denn dann?“ „Irgendein Irrer, der aus dem Gefängnis ausgebrochen ist…“, der dritte Schlag unterbrach sie. „Denk dir jetzt bloß nicht irgendwelche Lügen aus. Sag mir einfach, was passiert ist.“, schalt sie der große, ältere Mann. „Das will ich ja, bloß hör auf, mich zu schlagen!“, schrie Lucie verzweifelt. Es war totenstill, dann durchbrach ihr Vater die Stille, mit einer Stimme, schneidend und erbarmungslos, wie eisiger Gebirgswind: „Was hast du gerade gesagt, Mädchen?“ Lucie war weinend am Boden zusammengebrochen und schluchzte nur, ohne etwas zu sagen. Er schrie, dass die Tür bebte: „Willst du mir jetzt etwa Befehle geben, du freches, dummes Balg?“

Mit diesen Worten Trat er seine am Boden liegende Tochter mit den polierten Lederschuhen in die Magengrube und sie krümmte sich vor Schmerz zusammen. Das war zu viel, das war einfach zu viel für mich. „Halt dich zurück, Marie, bitte.“, ermahnte mich ausgerechnet der Dämon, doch ich hörte nicht auf ihn. Ich warf die Küchentür auf, dass sie gegen die Wand knallte und rief: „Aufhören!“ Der Mann hielt inne und sah mich an. Ich hatte völlig vergessen, wie seltsam ich aussehen musste, da ich nichts anderes zum Anziehen hatte, als das Kleid von Azrael. Ich stand nun also im Ballkleid in der Küche eines Mannes, den ich nicht kannte, und schrie ihn an, er soll aufhören, seine Tochter zu misshandeln… „Wer bist du?“, fragte er hart. „Ich bin Annas Freundin.“, gab ich emotionslos zurück.“ „Das kann gar nicht sein, Anna hat keine Freunde.“ Wut staute sich in mir auf, doch ich schluckte sie gewaltsam herunter und sprach ruhig weiter: „Doch, mich. Ich war über Nacht hier und habe auch hier gegessen, deshalb liegt Geschirr für zwei in der Spüle. Nach dem Essen hatten wir keine Zeit zum Abwaschen, das tut mir leid. Aber aufgeräumt ist die Küche doch. Die Narben im Gesicht hat ihre Tochter wirklich von einem ausgebrochenen Irren, der versucht hat, uns beide umzubringen, nachdem er meine Mutter ermordet hatte, weil ich ihn vor Jahren ins Gefängnis gebracht habe. Damals hat er meinen Vater getötet. Er hat Anna als Geisel genommen und sie verstümmelt, um mir wehzutun und hätte uns beide getötet, hätte ich ihn nicht aufgehalten.“ „Was ist das denn für ein Schwachsinn?“, fuhr er mich an. „Du willst alleine einen erwachsenen Mann aufgehalten haben, der bewaffnet war und dich und meine Tochter töten wollte? Und wieso sollte jemand Anna bitte schön verletzen, um… dir wehzutun? Woher will ich wissen, dass du nicht lügst?“ Ich lächelte überlegen und fühlte mich, als würde ich auf ihn herabblicken, obwohl er mich überragte. „Erstens, ja, das habe ich. Ich habe ihm den Schädel zertrümmert. Zweitens, weil ich Ihre Tochter liebe, mehr, als Sie sich das wahrscheinlich vorstellen können. Und drittens…“, ich trat aus der Tür in den Raum und breitete meine Flügel aus, sodass man sie sehen konnte. „…Lügen Engel nicht, das sollten Sie doch wissen.“ Der Gesichtsausdruck des Vaters meiner Freundin fiel in sich zusammen. Er wusste offenbar nicht, was er sagen sollte. Ich sah ihn an und befahl: „Sie werden auf der Stelle aufhören, Ihre Tochter zu schlagen. Ich bin eine Untergebene Azraels, das heißt, falls ich entscheide, dass Sie es verdienen, zu sterben, dann darf ich Sie töten.“ Er begann, zu zittern, gab sich jedoch Mühe, seine Emotionen nicht aus sich herausbrechen zu lassen. Schließlich jedoch konnte er sich offensichtlich doch nicht mehr zurückhalten, denn er brachte, halb geschrien, halb gestammelt hervor: „Nein! N…nein, das k…k…kann nicht sein. Ein… ein Engel kann doch… kann doch nicht… so eine schandhafte Sünderin sein.“ „Schandhaft? Was soll das heißen?“, fragte ich kalt und sah ihm erbarmungslos in die Augen. Ich wusste genau, was er damit hatte sagen wollen, aber ich wollte ihm die Aussage nicht abnehmen. Er merkte offenbar, was meine Intention war, denn er spuckte mir voller Hass ins Gesicht, was er dachte: „Diese widerliche Abart, diese unheilige Homoperversion… Gott verabscheut solche Sünder, das musst du doch wissen, Mädchen.“ „Homoperversion, ja?“, stocherte ich nach. „Sie glauben also, Gott hasse mich? Da haben Sie Recht, aber trotzdem hat er mir Flügel gegeben. Und die Unsterblichkeit. Ich habe mit den Erzengeln gesprochen. Mit Michael, mit Raphael und Azrael. Von Angesicht zu Angesicht. Zugegeben, Michael hasst mich auch, aber das beruht auf Gegenseitigkeit.“ Der Mann fiel auf die Knie und zitterte noch heftiger. Jetzt bekam er kein Wort mehr heraus. Das Einzige, was er tat war, sich mehrfach zu bekreuzigen. Ich konnte diese Heuchelei nicht ertragen. Ich sah meine Freundin, weinend und verletzt am Boden liegen, sah die unzähligen Striemen und Narben an ihrem gesamten Körper und den breiten ledernen Gürtel ihres Vaters, der neben ihr lag und in diesem Moment hörte ich eine neue Stimme in meinem Kopf. Es war nicht die des Dämonen, die ich bestens kannte. Es war die Stimme Azraels, die mir kalt und glasklar eingab: „Er verdient es, Marie. Er ist ein Menschenschinder, ein Despot und ein Heuchler. Er nutzt das Wort Gottes für seine eigenen ekelhaften Interessen. Töte ihn, Marie, er verdient es, zu sterben.“ Der Dämon schien genauso perplex wie ich, denn er fragte völlig verwirrt: „Azrael? Was um alles in der Welt macht ihr in Maries Verstand?“ Ich hatte im selben Moment dieselbe Frage stellen wollen, doch es gab keine Antwort. Azrael war weg. Wie sollte ich ihn töten? Sollte ich den Dämon machen lassen? „Lass es mich tun, Marie, bitte.“ Nein, das würde ich nicht. Er konnte nicht meine ganze Arbeit machen. Ich wollte es selbst tun. Nur wie? „Sie, Prediger Hans Lehmann, haben Ihrer Tochter über lange Zeit überflüssige und unverhältnismäßige Schmerzen zugefügt und tun dies bis zum heutigen Tag. Sie missbrauchen Ihre besondere Position als Religiöses Vorbild, um ihre eigenen Interessen durchzusetzen. Dies ist unrecht und muss bestraft werden. Sie verdienen es zu sterben, hier und jetzt. Ich, Marie John, Vertreterin des Erzengels Azrael, werde dessen Urteil vollstrecken.“ Ich wollte soeben mit meiner… Arbeit beginnen, da unterbrach mich Lucie vom Boden aus: „Marie? Darf ich es tun?“ Ich sah sie erstaunt an. „Ich will ihn töten, bitte.“, flehte sie erneut. Ich lächelte, wissend, wie sie sich fühlte. Das gleiche Gefühl, nur wahrscheinlich wesentlich schwächer, hatte ich verspürt, als ich Steiner gesehen hatte, wie er die Klinge in Lucies Mund steckte. Blutdurst. „Hiermit übertrage ich meine Pflicht, Sie zu richten an Ihre Tochter, Anastasia Lehmann. Herr Azrael, ich bitte Euch, wenn Ihr dies nicht gutheißen könnt, so unterbrecht mich.“ Es gab keine Antwort von Azrael, also nickte ich Lucie zustimmend zu. Sie stand mühsam auf und starrte ihren Vater hasserfüllt an. Ich sah, wie sie sich anspannte und wusste, dass sie gerade… zum Tiger wurde. Zum ersten Mal machte sie sich vor ihrem Vater groß und zeigte, wer sie wirklich war. Wieder einmal überwältigte mich ihre Stärke und vor allem die Lautstärke, mit der sie jetzt schrie: „SIEH MICH AN! SIEH MICH AN, DU BASTARD! ICH WILL, DASS DU MICH ANSIEHST, WENN ICH DICH TÖTE!“, ihre gesamte Ausstrahlung triefte vor unterdrückter Trauer, Wut, Hass und verletzter kindlicher Unschuld. Der Mann wand sich entsetzt seiner Tochter zu und versuchte verzweifelt, sie zu beruhigen: „Kind, tu das nicht. Sein ein frommes Kind, ein braves Kind. Wenn…“, doch Lucie unterbrach ihn: „Ich will nicht brav sein! Ich war immer ein braves Kind, siebzehn verfickte Jahre lang war ich ein braves Kind! Ich will nicht mehr, verstehst du das nicht? Ich will nicht mehr deine Tochter sein! Ich hasse dich!“, schrie sie und Tränen liefen über ihr Gesicht. „Du hast mein Leben zerstört, weißt du das nicht? Wieso willst du nicht verstehen, dass du mich kaputt gemacht hast? Ich hab das nicht verdient, ich habe nie irgendwas getan, um das zu verdienen!“ „Anastasia, tu das nicht. Wenn du deinen Vater tötest, wird Gott dich strafen.“ „DAS IST MIR SCHEISSEGAL! DU HAST MICH DOCH OFT GENUG BESTRAFT! WAS WILL GOTT MIR DEN NOC, WAS ER MIR ANTUN KÖNNTE! SOLL ER MICH TÖTEN, ODER WAS ER AUCH WILL! ICH HASSE DICH!“, spuckte sie ihm ins Gesicht. Sie sprühte vor Wut und noch immer weinte sie. Dann jedoch nahm sie sich zusammen. Sie stellte sich gerade vor ihren Vater und wischte sich die Tränen aus dem Gesicht. „Ich will nicht mehr weinen.“, sagte sie mit fester, klarer Stimme. „Nie wieder werde ich deinetwegen weinen, Vater. Ich werde mich nie wieder deiner Willkür aussetzen. Ich werde nie um dich trauern. Und du wirst mir nie wieder wehtun.“ Ich wusste nicht genau, was sie vorhatte. Hatte sie eine Waffe dabei? Oder würde sie ihn ohne Waffe töten? Ich fragte in mich hinein, als sie mich plötzlich bat: „Marie, hast du vielleicht… ein Messer für mich?“ Ich schüttelte entschuldigend den Kopf, doch der Dämon in meinem Kopf sagte: „Wenn du mich kurz eine deiner Hände benutzen lässt, hast du gleich eins.“ Ich wusste nicht, wie er das meinte, aber es klang… verlockend. „Na gut.“, flüsterte ich. „Du darfst meine rechte Hand benutzen, aber nur kurz.“ Ohne eine Antwort verwandelte sich meine Hand in eine Art Pranke, die mich schmerzlich an mein letztes Zusammentreffen mit dem Mörder meiner Eltern. Ein einziger der Nägel – nein, Nägel konnte man das nicht nennen – eine der Krallen hätte wahrscheinlich als Klinge genügen. Der Zeigefinger krümmte sich in Richtung der Handfläche und schließlich durchstach die Kralle an dessen Ende den Handteller. Mit der Pranke winkte er Lucie heran und als sie zögernd die Hand ausstreckte, zog er die Kralle wieder heraus und ließ einige Tropfen des dickflüssigen schwarzen Blutes, das herauszulaufen begann, in ihre Hand fallen. Er flüsterte mir zu und ich gab an Lucie weiter: „Denk an die Waffe, die du benutzen willst.“ Lucie nickte und im nächsten Moment formte sich scheinbar aus dem Nichts ein kurzer gekrümmter Dolch in ihrer Hand. Die Klinge hatte die Farbe von Ebenholz oder Basalt und war über und über mit irisierenden blutroten Linien überzogen, die irgendwie zu pulsieren schienen. Der Griff hatte eine an Lucies Hand perfekt angepasste Form und der Knauf am Ende und die Parierstange liefen nach vorne und hinten spitz zu. Diese Klinge verströmte eine Aura von Hass und Mordlust, wie ich sie noch nie gesehen hatte und Lucie starrte sie fasziniert an. Dann sah sie mir tief in die Augen und murmelte abwesend: „Danke schön.“ Lucie schlich um ihren Vater herum, langsam und lauernd, und warf ihm mit gepresster und dennoch leiser Stimme noch einmal all das entgegen, was er ihr in siebzehn Jahren angetan hatte. Tränen stiegen mir in die Augen, als ich all das, was ich eigentlich schon wusste, nun so detailliert und in seinem vollen, grausamen Ausmaß aus ihrem Mund hörte. Lucie jedoch war unnatürlich ruhig und bedacht und hatte ich eben noch ihr Herz gegen ihre Brust schlagen gehört, so schien es nun plötzlich stehengeblieben zu sein. Der Dämon bot mir an: „Wenn du mich deine Augen benutzen lässt, kannst du nachsehen.“ Gedankenverloren antwortete ich: „Ja, bitte.“ Mein Sichtfeld veränderte sich wieder und ich nahm erneut die Wärmesignaturen der Umgebung wahr. Ich blickte auf Lucies Vater und sah, dass er eine unnatürliche Hitze abstrahlte. Als ich meiner Freundin dann den Blick zuwandte, fiel mir auf, dass ihre Haut beinahe unterkühlt zu sein schien; war die Farbe bei dem am Boden knienden Mann ein gesundes Rot, so umgab Lucie lediglich ein zartes Orange. Der Dolch in ihrer Hand allerdings leuchtete gelblich-weiß und blendete mich beinahe. Er musste unvorstellbar heiß sein, wie konnte Lucie ihn bloß einfach so in der Hand halten? „Schau genau hin.“, belehrte der Dämon mich. „Nur die Klinge ist heiß, der Griff hat Körpertemperatur.“ Mal wieder hatte er Recht. „Und was ist jetzt mit ihrem Herz?“, fragte ich noch immer leicht abwesend. „Moment.“ Ich blinzelte und als ich die Augen wieder aufschlug, sah ich auf einmal nicht mehr die Körperwärme der Beiden Personen vor mir, sondern ihr Blutsystem, sämtliche Adern und Kapillaren und das Herz. Das des Mannes pumpte wie wild und schien kaum hinterher zu kommen, während das seiner Tochter, die nun vor ihm stehengeblieben war, mit gemächlichen, langsamen und kräftigen Bewegungen die rote Flüssigkeit durch ihren Körper strömen ließ. „Herzschlag wird langsamer, die Haut ist kalt. Sieht aus, als bereitet ein Tier sich auf einen Kampf vor. Kein Beutetier, das sich fürchten muss. Nein, meine Kleine Marie, deine Freundin dort ist ein Alphaprädator. Ein Tiger, ein Wolf, ein Bär. Sie weiß, dass sie gewinnt.“ „Gib mir meine Augen zurück.“; forderte ich, ohne ihn zu beachten und mit dem nächsten Blinzeln war mein Sichtfeld wieder normal. Lucie stand nun da, den Blick starr auf ihren Vater gerichtet und sagte mit ruhiger, monotoner Stimme: „Sieh mich an, Vater.“ Er hob den Kopf und offenbar schaute er jetzt in ihre Augen, denn Lucies Pupillen zogen sich zu winzigen Punkten zusammen. „Bist du bereit, zu bezahlen?“ Kaum merklich schüttelte er den Kopf. „Bist du wenigstens bereit, deine Fehler einzugestehen?“ Seine Stimme zitterte so sehr, dass man sie kaum verstehen konnte, doch er sagte: „Niemals. Ich habe keinen Fehler begangen, den ich bereuen muss. Wenn ich vor dem Herrn stehe, wird er mich mit offenen Armen empfangen.“ Lucies Züge verhärteten sich erneut und sie sagte mit einer Grabesstimme, die es selbst mir eiskalt den Rücken hinunterlaufen ließ: „Nun denn. Dann stirb!“ Mit diesen Worten stieß sie die Höllenklinge in seinen Leib, in der Magengegend und der Mann schrie auf. „Verrecke!“, schrie sie nun, zog die Klinge wieder heraus und rammte sie an einer anderen Stelle wieder hinein. „VERRECKE!“ Wieder stieß sie zu und wieder brüllte sie. Ihre Schreie würden immer lauter und sie durchlöcherte Bauch und Brust ihres Vaters mit unzähligen Messerstichen. Als sie sich offenbar genügend abreagiert hatte, packte sie ihn an den Haaren und zog seinen Kopf nach oben. Der Mann war schon längst tot, doch das schien ihr nicht zu reichen. Sie legte die Klinge an seine Kehle und sagte ein letztes Mal: „Verrecke, du Bastard.“ Damit trennte sie mit beängstigender Präzision den Kopf des Mannes ab und sein schlaffer Körper fiel seitwärts auf den Boden. Lucie spuckte dem körperlosen Kopf in ihrer Hand angewidert in die aufgerissenen Augen und warf ihn in eine Ecke. Mit wahnsinnigem Blick fixierte sie mich und ich wich unwillkürlich vor ihr zurück. Den langen Dolch noch immer in ihrer blutüberströmten Hand und von Kopf bis Fuß mit tiefrotem Blut beschmiert schritt sie langsam auf mich zu und ich bekam Panik. War sie… war sie etwa… wahnsinnig geworden? Würde sie auf mich losgehen? Was könnte ich ihr getan haben? Ich wollte gerade etwas sagen und öffnete meinen Mund, als Lucie das Messer fallen ließ, die rechte Hand auf mein Kinn legte und mich mit geschlossenen Augen und auf Zehenspitzen küsste. Eine tonnenschwere Last fiel von mir ab und obwohl ich die klebrige, widerliche Flüssigkeit auf ihrer Haut deutlich spürte und vor allem roch, schloss ich sie in die Arme und erwiderte den Kuss erleichtert. Sie ließ von mir ab, schaute mich mit diesem typischen Glänzen in den Augen an, das ein kleines Kind hat, wenn man ihm eine riesige Tüte Süßigkeiten schenkt, und sagte voller Faszination: „Ich hab’s getan. Hast du gesehen?“ Lächelnd nickte ich und bestätigte sie: „Ich hab’s gesehen. Das hast du super gemacht, Kleine.“ Ich wusste nicht, wieso, aber irgendwie fühlte es sich richtig an, das zu sagen, so zynisch es sich auch anhören mag. Einige Minuten standen wir einfach da und sagten gar nichts, als mich auf einmal ein gleißendes Licht dazu zwang, die Augen zu schließen. Im nächsten Augenblick war es wieder verschwunden und als ich die Augen öffnete, sah ich Azrael im Zimmer stehen. „Herr… Herr Azrael?“, stotterte ich erstaunt. „Hallo Marie. Guten Tag, Lucie.“, drang dessen geschmeidige Stimme durch den Raum und erfüllte ihn. „G…guten Tag.“, stotterte auch Lucie. Nun wandte der Engel sich wieder mir zu: „Das lief besser, als ich dachte. Gut gemacht.“ und mit einem Seitenblick auf meine Freundin fügte er hinzu: „Ihr beide.“ Ich verneigte mich und dankte ihm stotternd für das Lob. Lucie tat es mir gleich. „Ich muss euch beide bitten, den Raum zu verlassen.“, fuhr er fort. „Einer von Jophiels Untergebenen wird sich um… das da…“, er deutete abschätzig auf Lucies geschundenen Vater, „Kümmern.“ Dankbar verneigte ich mich noch einmal und verließ, Lucie an der Hand, die Küche. „Gehen wir erstmal ins Bad und machen uns sauber.“, schlug ich vor. Gesagt, getan, eine halbe Stunde später hatten wir einander völlig vom Blut gereinigt und suchten nun frische Kleidung. Für Lucie war das kein Problem, wir waren schließlich in ihrem Haus, aber ich wusste nicht, was ich hätte anziehen sollen. Das Kleid war ruiniert und Lucies Kleidung passte mir nicht. Abgesehen davon, dass die Flügel im Weg gewesen wären, war Lucie ungefähr zwanzig Zentimeter kleiner als ich und wesentlich zierlicher. Nach einigem Suchen fanden wir eine Hotpants, von der ich mich insgeheim fragte, was Lucies Eltern wohl gesagt hätten, wenn sie die getragen hätte. Sie war überraschend dehnbar und so hatte ich wenigstens etwas an. Slip und BH waren unversehrt geblieben, also bereitete uns das keine Schwierigkeiten, aber ich hätte schon gerne ein Oberteil gehabt. Lucie hatte plötzlich eine Idee, denn sie nahm ein oversized-Shirt aus ihrem Schrank und zog es mir über den Kopf. Es fiel locker über meine Schultern und meine Brust, doch wie zu erwarten verhinderten die Flügel, dass ich es vernünftig anziehen konnte. Lucie huschte um mich herum, holte plötzlich von irgendwo her eine Schere und schnitt geschickt das Shirt bis über den Flügeln ein. Jetzt fiel es bis über meine Hüfte und man sah wahrscheinlich die Hose, wenn man das so nennen konnte, nicht mehr. Lucie zog mir das Shirt wieder aus und setzte sich aufs Bett. Aus der obersten Schublade ihres Nachttischschränkchens holte sie Nadel und Faden hervor und begann eilig, einige Druckknöpfe an die neu entstandenen Schnitte zu nähen, sodass man sie nun zuknöpfen konnte, wie ein Hemd. Ich war beeindruckt, wie schnell und präzise sie das tat und nach keiner viertel Stunde war sie fertig. Sie öffnete die Knöpfe, zog mir das Shirt an und knöpfte es hinter meinem Rücken zu. „Danke schön.“, sagte ich verdattert, als sie fertig war und vor mich trat. Einige Sekunden lang betrachtete sie mich prüfend, dann nickte sie kurz und murmelte: „Jupp, das ist ok so.“ Lächelnd drückte ich ihr einen Kuss auf die Stirn und fragte dann: „So, was machen wir jetzt?“ Lucie musste eine Weile überlegen. Dann jedoch meinte sie gleichgültig: „Ich wollte das Kapitel im Buch noch zu ende lesen.“ Wieder musste ich schmunzeln. Ich setzte mich aufs Bett, nahm das seltsame Buch vom Nachttisch und reichte es ihr.

Ich muss irgendwann eingeschlafen sein, denn als ich die Augen öffnete lag Lucie lang ausgestreckt und ebenfalls schlafend neben mir, Ich setzte mich im Bett auf und sah mich im Zimmer um. Es gab keine Uhr in diesem Raum, wie um alles in der Welt konnte das sein? Erst in diesem Moment fiel mir auf, wieso ich eigentlich aufgewacht war. Der Dämon in meinem Kopf versuchte, mir etwas zu sagen. „Was?“, murmelte ich verschlafen. „Hörst du nicht, Mädchen? DU musst so schnell du kannst in die Küche. Der Dolch liegt noch da und wenn die Engel den finden, haben wir ein gewaltiges Problem.“ „Problem? Was denn für ‘n Problem?“, fragte ich, noch immer schlaftrunken. „Stell dich nicht blöder als du bist. Was glaubst du, was los ist, wenn Michael von mir erfährt?“ Auf einmal war ich hellwach. Verflucht, Michael! Was, wenn er… wenn er das herausfinden würde? Ich wäre den Engelsstatus los, ohne Zweifel. Aber was war daran eigentlich so schlimm? Ich hatte doch nie ein Engel sein wollen. Das Schlimmste, was er mir antun konnte war, mich wieder zu einem Menschen zu machen… „Und dann zu töten…“, vervollständigte der Dämon unnötiger Weise meinen Gedankengang. „Sag mal, hast du dich eigentlich mal gefragt, was mit mir ist?“ Seine Stimme wirkte fast gekränkt und ich bekam das Gefühl, dass er Recht hatte. Was würde aus ihm werden, wenn das passieren würde? Ich hatte nicht genug Zeit, darüber nachzudenken, denn in dem Moment, als er ausgesprochen hatte erschienen aus zwei grellen Lichtkugeln zwei riesige Gestalten. Sie hatten gewaltige Schwingen und waren in die Farben Michaels gekleidet. Unnatürlich mächtige Muskeln spielten bei jeder ihrer Bewegungen unter der Kleidung und einer der Beiden sagte mit tiefer sonorer Stimme: „Marie, Lucie, kommt mit uns, alle beide. Wenn ihr euch wehrt, müssen wir Gewalt anwenden, Widerstand ist zwecklos und Verweigerung inakzeptabel.“ So eine Scheiße! So eine gewaltige, riesengroße Scheiße! Ich wusste, dass es keinen Sinn hatte, sich zu widersetzen, also weckte ich Lucie auf, so sanft ich in der Eile konnte. Nach einigen Sekunden der Orientierungslosigkeit kam sie völlig zu sich und der Engel wiederholte seine Forderung. „Wo… wo bringen Sie uns hin?“, fragte Lucie verängstigt. „Vors Himmelsgericht. Ihr habt Probleme, Kinder. Gewaltige Probleme.“ Lucie klammerte sich ängstlich an mich und ich fühlte mich so unendlich schlecht, weil ich sie nicht beschützen konnte. Ich nickte den beiden Muskelbergen zu, jeder von ihnen packte eine von uns am Arm und schon erschien wieder das helle Licht. Einen Sekundenbruchteil später standen wir in der mir noch viel zu bekannten Halle vor dem monolithischen Podest, an dem die Banner der Erzengel herunterhingen. Lucie und ich standen einige Meter voneinander entfernt und waren beider mit einer Art goldenem Band, das eher aussah wie eine Lichterscheinung, gefesselt. Was würde Michael sagen? In dem Moment schallte seine mächtige Stimme durch die Luft und er verkündete: „Die hier Anwesenden, der Engel Marie, Untergebene von Azrael und Das Menschenkind Anastasia Lehmann, sind Angeklagt. Erster wegen schwerster Vergehen gegen Gott und die Erzengel, letzter wegen grausamen Mordes an ihrem Vater.“ „Angeklagt?“, schrie ich. „Was soll das denn heißen? Wir haben den Befehl von Herrn Azrael ausgeführt, indem wir ihn getötet haben.“ „Schweig still, Kind.“, wies Gabriel mich grob zurecht. Was war nur los? Michael fuhr fort: „Außerdem angeklagt ist Azrael, Erzengel des Todes, wegen Hochverrates an seinen Brüdern und Schwestern und an unserem Herrn höchst selbst.“ „WAS?!“, riefen Azrael und ich wie aus einem Mund. Das konnte nicht wahr sein. Was hatte Azrael verbrochen?“ Die zwei muskulösen Engel von vorhin ergriffen ihn ohne eine weiter Erklärung und schon stand er, ebenfalls gefesselt, neben uns. Er schien genauso ratlos zu sein, wie ich, denn er schaute verzweifelt zu Michael nach oben und verlangte: „Erklärt mir sofort, was das hier soll. Wenn das ein Scherz sein soll, ist er nicht witzig.“ Michael nahm keine Notiz von ihm. „Zuerst kommen wir zu der Angeklagten Anastasia Lehmann. Du hast,“, wandte er sich an Lucie, „Deinen Vater auf grausamste Weise und aus purer Rachsucht ermordet. Ich schlage vor, dich dafür zu bestrafen, indem dir deine Seele entzogen und in die Unterwelt verbannt wird. Erzengel, wer ist dafür?“ „Halt!“, schrie Azrael, bevor ich es tun konnte. „Das könnt ihr nicht machen. Anastasia trifft keine Schuld, alles, was sie tat war, meine Befehle zu befolgen.“ „Halt den Mund, Verräter. Zu dir komme ich später.“, fauchte Michael ihn an. „Ich wiederhole, seid ihr dafür, die Angeklagte in genannter Weise zu bestrafen?“ Die verbliebenen fünf Erzengel antworteten einstimmig mit: „Ja.“ Das konnte nicht sein. Das durfte einfach nicht sein. „Gut, beschlossen.“ So einfach tat er Lucie ab? Mit zwei inhaltsleeren Worten? Ich hasste ihn mit jeder Sekunde mehr. Wie damals bei Steiner spürte ich die heiße Wut in mir aufkochen. „Zur zweiten Angeklagten. Marie. Du hast den Mord befohlen, nicht wahr?“ „Nein, habe ich nicht. Azrael hat ihn mir erlaubt und ich habe Lu… Anastasia die Aufgabe übertragen. Niemand hat versucht, mich aufzuhalten.“ „Es spielt keine Rolle, was genau passiert ist. Wichtig ist, dass ein Mensch getötet wurde. Und WOMIT er getötet wurde. Jophiel?“ Dieser trat vor und der Dolch schwebte vor ihm in der Luft. Er erklärte: „Dies ist die Waffe, mit welcher der Mann erstochen wurde. Es ist ein Dolch, hergestellt aus Dämonenblut.“ Michael übernahm wieder das Wort: „Marie, wo kommt diese Waffe her?“ Ich spürte, dass es keinen Sinn hatte, zu lügen. „Ein Dämon hat sie mir geschenkt. Er befindet sich seit dem Tod meines Vaters in meinem Körper.“ „Du bist also von einem Dämon besessen, ja?“ Wieder wurde ich wütend. „Nein, ich bin nicht besessen. Er ist einfach da, aber er tut nichts, was ich ihm nicht erlaube.“ „Das macht es keines Wegs besser, Marie, ist dir das bewusst?“ An die anderen Engel gewandt fügte er hinzu: „Ich finde, man sollte sie zum gefallenen Engel degradieren und ihr die Flügel nehmen. Sie stellt sonst eine Gefahr für uns dar und…“ Azrael unterbrach ihn: „Sag mal, Bruder, warum bist du eigentlich so versessen darauf, meine Untergeben loszuwerden? Was…“ Nun fiel Michael ihm schreiend und vor Wut schäumend ins Wort: „WEIL SIE DER VERFLUCHTE ANTICHRIST IST!“ Was sollte ich sein? Es war totenstill. Schließlich brach Azrael die Stille: „Das kann nicht sein.“ „Was glaubst du, ist sie, Azrael?“ „Sie ist ein Mischwesen aus Engel und Dämon, na und? Sie ist ein Nephilim. Nephilim sind zwar selten und mächtig, aber keine Gefahr für uns.“ „Sie ist kein Nephilim, Azrael. Sie ist nicht hab Engel, halb Dämon, Dummkopf. Sie ist dreierlei: Engel, Dämon und Mensch. Und sie ist alles davon vollwertig. Du weißt doch, dass prophezeit ist, dass ein Kind dreier Reiche Gott einst töten und die Erde vernichten wird.“ „Was? Das höre ich zum ersten Mal. Das ist nicht wahr. Der Antichrist ist der Sohn Satans, so wie Christus der Sohn Gottes war.“ „Lüge nicht so dreist, Verräter. Du wusstest, was sie ist und hast es vor uns verheimlicht.“ „Nein! Nein, das stimmt nicht! Du bist mein Bruder, ich könnte dich nie anlügen. Du sagtest doch, du habest gesehen, wie sei das erste Mal jemanden getötet hat. Dabei hat ihr doch der Dämon geholfen. Du musst es doch auch gewusst haben.“ „Nun, ich habe nicht gesehen, wie sie es getan hat.“, sagte Michael kalt. „Aber… aber… heißt das etwa… du hast gelogen, Bruder. Du hast behauptet, gesehen zu haben, wie sie jemanden getötet hat.“ „Lenke nicht von deiner Schuld ab. Du hast uns alle verraten, indem du ihre wahre Identität vor uns verheimlichtest.“ „Nein, das ist nicht wahr!“, flehte Azrael. Ich war zu verwirrt, um zu begreifen, was gerade passierte. Azrael sollte… ein Verräter sein? „Erzengel,“, hob Michael an, „Seid ihr dafür, die Angeklagte Marie wie vorgeschlagen zu bestrafen?“ Wieder eine einstimmige Antwort. Wieder dieselbe Antwort, wie bei Lucie. „Und seid ihr dafür,“, begann er nun, „Den Verräter Azrael für seine Verbrechen mit der Folter am Kreuz zu bestrafen?“ Erzengel konnten nicht sterben, das wusste ich. Er würde für alle Ewigkeit leiden müssen, solange ihn nicht jemand befreite. Das schien er auch zu realisieren, denn der Engel des Todes flehte nun mit zitternder Stimme: „Nein, Bruder. Bitte, bitte tu das nicht. Ich bin nicht schuldig, das müsst ihr mir glauben. Chamuel, Gabriel, ich bitte euch! Jophiel, Ariel, Raphael, seid vernünftig. Meine Brüder, meine Schwestern, bitte. Ich bin unschuldig.“ „Nenn mich nicht Bruder, Verräter.“, keifte Michael. „Es tut mir leid, Mein Freund,“, sagte Gabriel ruhig, „Aber alles spricht gegen dich.“ „Chamuel, bitte. Bring sie doch zur Vernunft, Schwester. Du glaubst mir doch, oder?“ „Verzeih mir bitte, aber ich kann nichts für dich tun. Du hättest es uns sagen müssen.“ Sie schien ehrlich betroffen. „Ich wusste es nicht, glaubt mir doch.“ „Still jetzt.“, befahl Michael. „Seid ihr für die Strafe?“ Zögerlich, aber einstimmig: „Ja.“ In meinem Kopf drehte sich alles, ich konnte keinen klaren Gedanken fassen. „So sei es.“, verkündete Michael nun. Er schnipste mit dem Finger und Lucie war verschwunden. Wo war sie hin? Ich bekam Panik. Was würden sie ihr antun? Wie musste es sich wohl anfühlen, seine Seele zu verlieren? Bevor ich mir weiter den Kopf zerbrechen konnte, hörte ich ein weiteres Schnipsen und spürte, dass meine Flügel verschwunden waren. In der nächsten Sekunde löste sich der Boden unter mir auf und ich begann, zu fallen. Ich fiel ewig und immer und immer tiefer. Ich dachte noch, dass wahrscheinlich sämtliche Knochen in meinem Körper zerschellen würden, wenn ich aufschlug, da wurde mir schwarz vor Augen…

Fortsetzung folgt.

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3 Kommentare

    1. Die Webseite macht vieles automatisch und aktuell testen wir auch ob es eine “Mini” AI Bilder zuverlässig von unseren Partnerseiten registrieren kann. Wir hoffen es passt 😀

      Sie funktioniert nur so halbwegs zuverlässig müssen wir gestehen.
      Ich hoffe das Feature unserer Seite gefällt dir. Falls du noch weitere Anregungen oder Fragen hast, stehen wir dir gerne zur Seite.

      – Standard Text für Bilder:


      Als Admin Team müssen wir bei allen Bildern die wir für Geschichten kaufen darauf hinweisen:
      Dass alle Bilder die von Creepypasta-Wiki.de für eine Geschichte gekauft/lizensiert und gesponsert wurden auch nur für das Creepypastas-Wiki.de bestimmt sind.

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