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Simulacron X

»Was ist das? Spielst du schon wieder?« Leicht resigniert blickte der Vater auf den Monitor, der die Aufmerksamkeit seines Sohnes fast völlig gefangen nahm. Mechanisch erklärte dieser: »Das ist kein Spiel, das ist eine Simulation«. Der Erwachsene schüttelte kaum merklich den Kopf, bevor er nachhakte: »Was macht die Schule?« Ohne die Augen vom Bildschirm zu nehmen, erwiderte der Junge gereizt: »Eh, Alter, nerv nicht rum und chill mal! Alles vierlagig! Du wirst eh nur neidisch, wenn du meine Noten siehst«. Der Ton des Älteren klang deutlich schärfer, als er seinen Sprössling zurechtwies: »Vorsicht, Bürschchen, pass auf, wie du mit mir redest!« Dennoch musste er grinsen. Im Grunde genommen hatte der Jugendliche Recht. Über die schulischen Leistungen seines Sohnes brauchte er sich wirklich keine Sorgen zu machen.

Neugierig trat der Erwachsene näher an den Monitor heran. »Wie heißt das Spiel?«, fragte er interessiert. »Die Si-mu-la-tion«, erläuterte der Jugendliche, als spräche er zu einem „grenzdebilen Mongo“, wie er sich wahrscheinlich ausgedrückt hätte. Den vorlauten Tonfall seines Sohnes ignorierend wiederholte der Vater: »Wie heißt die Simulation?«»Simulacron«, sagte der Junge lediglich, während er eine Reihe von Befehlen eingab: »Ein Strategiespiel«. Ohne auf das unbeabsichtigte Geständnis seines Nachwuchses einzugehen, bohrte der Erwachsene weiter: »Und worum geht es da?«

Ungeachtet der Tatsache, dass es sein Vater war, zu dem er sprach, begann der Schüler voller Begeisterung mit seinen Ausführungen: »Es geht um einen Planeten mit intelligenten Primaten. Nachdem sie gelernt haben, Feuer und Waffen herzustellen, haben sie sich allmählich immer weiter ausgebreitet und entwickelt, so dass verschiedene Völker und Staaten entstanden sind. Als ich eingestiegen bin, waren sie gerade in der Bronzezeit angekommen. Mittlerweile sind wir in der Eisenzeit.«»Muss man das nicht von Anfang an spielen?« Der Junge verdrehte die Augen: »Ötzi, das ist ja voll Mittelalter. Das ist ein Online-Community-Game. Da kann man jederzeit einsteigen«.

Ohne den verzweifelten Blick seines Zuhörers, der sich gerade hoffnungslos veraltet vorkam, zu bemerken, erklärte er: »Auf dem Planeten gibt es mittlerweile etwa eine Milliarde Einwohner. Das Coole ist, dass die Umgebung seit dieser Version frei skalierbar ist. Du kannst ein ganzes Land übernehmen, ein Dorf, eine Armee, sogar eine einzelne Person. Der Server passt deine Umgebung und deinen Horizont immer der Ebene an, auf der du dich gerade befindest.« Der Vater staunte: »Kann dann nicht einer ein Land oder sogar einen ganzen Kontinent übernehmen und alle anderen blockieren?«

»Das ist ja so meta. Die früheren Versionen bewegten sich immer nur auf einer Ebene. Wenn man auf verschiedenen Leveln spielen wollte, musste man immer zwischen den Versionen hin- und hershiften. Das hier ist die zehnte Version, Simulacron X; da haben die es tatsächlich geschafft, die Vorgänger-Versionen miteinander zu verknüpfen und hierarchisch zu ordnen. Das heißt, einer kann einen Staat lenken und meinetwegen seine Flotte gegen den Feind schicken, aber ich kann einen einzelnen Matrosen oder Kapitän spielen und auf einem einzelnen Schiff dieser Flotte eine Meuterei anzetteln. Die Simulation rechnet dann die Folgen hoch, so dass der andere Spieler reagieren muss«.

Der Erwachsene überlegte. »Und wenn du in dem Spiel stirbst? Angenommen, deine Meuterei scheitert und du wirst hingerichtet?« Der Jugendliche grinste: »Dann kann ich neu einsteigen und in einer beliebigen freien Unit respawnen. Im Grunde genommen könnten über eine Milliarde Leute weltweit sich einklinken. Allerdings weiß ich nicht, ob dann nicht die Server abkacken würden«. – »Ausdruck!«, ermahnte ihn der Ältere trocken. Nichtdestotrotz war er fasziniert von den beschriebenen Möglichkeiten.

»Kann man auch die Einheit eines anderen übernehmen, oder werden die geblockt?«»Jede Unit, die du übernimmst, gehört dir, bis sie stirbt beziehungsweise zerstört wird, es sei denn, du gibst sie vorher frei. Dann wird sie von der KI auf der Basis der von dir vorgegebenen Eigenschaften und Entscheidungen weiter simuliert und agiert als sogenannter „independent agent“. So eine unabhängige Unit kann man allerdings genauso übernehmen wie ’ne freie. Nur, dass der neue Spieler ebenso durch das „Vorleben“ der Unit eingeschränkt ist wie die KI«.

»Und wie viele dieser… Units darf man spielen?«, wollte der Vater wissen. »Gleichzeitig? Hängt von den erworbenen Erfahrungspunkten ab. Maximal eine je Hierarchieebene. Aber man kann sich auch einen character mit anderen teilen. Nennt sich „multiple personality mode“. Da ist die Figur für eine Gruppe von Spielern geblockt; und jeder aus dem Team kann sie spielen, wenn sie gerade nicht belegt ist.« Das Grinsen des Jungen nahm einen leicht boshaften Zug an: »Damit kann man andere Spieler echt kirre machen«. Sein Gesprächspartner ignorierte den Satz und wandte sich wieder dem Bildschirm zu.

»Und was ist das Ziel des Ganzen?« Der Teenager schüttelte den Kopf. »Gibt’s nicht. Kann sich im Grunde jeder selbst aussuchen. Viele zocken das Ganze einfach nur als Ego-Shooter oder Strategiespiel, aber manche machen richtige Wirtschaftssimulationen«. Der Erwachsene resümierte: »Also habe ich das richtig verstanden? Es handelt sich nicht um eine gigantische Simulation, sondern es sind abertausende verschiedene Simulationen, die parallel laufen und an den Berührungspunkten synchronisiert werden und sich dadurch gegenseitig beeinflussen. Wie tief geht der Simulationsgrad auf den einzelnen Ebenen?«

Der Schüler erläuterte: »Das hängt vom Abstraktionsgrad der jeweiligen Hierarchieebene ab. In den höheren Ebenen sieht man beispielsweise nur die Großwetterlage, etwas drunter dann das lokale Wetter und auf der Personenebene nimmt man sogar die einzelnen Regentropfen wahr, und ob der Wind böig ist oder gleichmäßig«. Sein Zuhörer stieß leise einen anerkennenden Pfiff aus: »Und die Personen selber?« »Die sind das Geilste überhaupt. Die sind so dermaßen realistisch, das ist echt meta. Sie schwitzen, haben schlechten Atem, an alles wurde gedacht. In einigen Foren wird ernsthaft darüber diskutiert, ob sie ein eigenes Bewusstsein haben«.

Über der Stirn des Erwachsenen erschien das sprichwörtliche Fragezeichen: »Sie haben schlechten Atem? Wie merkt man das denn?« Die Begeisterung des Schülers steigerte sich zunehmend: »Manchmal kriegt man’s gesagt, aber meistens sieht man es an der Reaktion anderer Personen«. – »Waaas? WoW! Ich meine, diese Reaktionen sind doch irrsinnig subtil«. Ohne daran zu denken, mit wem er da gerade redete, meinte der Teenager: »Das ist noch gar nichts. Was meinst du, wie subtil die Reaktionen beim…« Er brach ab, als ihm die Identität seines Zuhörers wieder zu Bewusstsein kam. Dieser grinste frivol. »Beim…?«, stichelte er ein wenig und bemerkte dann gelassen: »Du brauchst nicht näher ins Detail zu gehen, mein Sohn, ich war auch mal jung. Immerhin musst du keine Alimente zahlen, wenn’s schiefgeht«.

Der Vater wandte sich zu seinem Sohn, als die erwartete schnippische Antwort ausblieb, und prustete laut los, als er den hochroten Kopf des Jugendlichen sah: »Ist jetzt nicht dein Ernst, oder?« Angesichts des verlegenen Gesichts seines Sprösslings setzte er hinzu: »Du spielst also auch gern Ego-Shooter. Und was machst du, wenn du gerade mal nicht…?« Der Jüngere fand endlich sein Sprache wieder: »Boah, Alter…« Der „Alte“ winkte beschwichtigend ab: »Nein, ernsthaft. Hast du eine besondere Zielsetzung?«

Immer noch ein wenig kleinlaut erklärte der Schüler: »Naja, ich mache gerne soziale und psychologische Experimente«. Der Vater hob die Augenbrauen: »Soziale und psychologische Experimente? Was für welche?« Sein Sohn deutete auf den Monitor: »Pass mal auf! Siehst du das kleine Meer zwischen diesen beiden Kontinenten? Ganz rechts auf dem schmalen Streifen zwischen Küste und der Wüste im Osten lebt ein Volksstamm, für den ich eine Religion erfunden habe. Und da probiere ich aus, wie weit ich durch religiöse Vorgaben Einfluss auf Politik und Gesellschaft nehmen kann«.

Der Vater blickte ihn ungläubig an. »Du spielst einen GottDer Teenager schüttelte den Kopf. »Nicht direkt, das geht nicht. Aber ich gebe mich ab und zu als Prophet oder göttlicher Sendbote aus und erzähle ihnen, was ihr Gott gerne möchte«. – »Und die glauben das?« Der Erwachsene blickte ein wenig fassungslos, als sein Sprössling erläuterte: »Wenn ich mir die richtigen Leute aussuche und es geschickt anstelle, ja. Immerhin habe ich so dieses Mädel, das ich… ähm… du weißt schon… Also die hab ich auch damit rumgekriegt. Und ich hab dafür gesorgt, dass sie nicht von ihrem Mann verstoßen wurde«. Der Tonfall des Älteren verriet seine Missbilligung: »Ach, verheiratet ist sie auch noch? Ich frage mich, was deine Mutter dazu sagen wird, wenn sie erfährt, aus welchen Verhältnissen ihr erstes Enkelkind stammt«.

Ein Anflug von Panik erschien auf dem Gesicht des Jugendlichen: »Boah, echt, Dad, wenn du Mama irgendwas davon verrätst, dann…« Ein dröhnendes Gelächter unterbrach seinen Redefluss: »Sohn, du hättest dein Gesicht gerade sehen sollen«. Immer noch gereizt, aber deutlich beruhigter ätzte der Jugendliche: »Das ist nicht witzig«. – »Also ich find’s komisch«. Immer noch kichernd fragte der Vater: »Mal was anderes… Wie geht’s der jungen Dame eigentlich zur Zeit?« Kurz schwieg der Schüler betreten, dann sagte er verlegen: »Keine Ahnung, ich kann ja mal nachschauen… mhmmm… Augenblick… ups… Ich glaube, ich bin gerade Papa geworden«.

»Junge oder Mädchen?« – »Woher soll ich das wissen?«, kam die genervte Antwort. Mit geheuchelter Unschuldsmiene erläuterte der Ältere: »Oh, es gibt da körperliche Merkmale, die sehr zuverlässi…« Der Jugendliche explodierte fast: »Boah, Mann, lass es!« Beschwichtigend erwiderte der Erwachsene: »Ist ja schon gut, beruhig dich! Und? Was ist es jetzt?« Der Befragte wandte sich wieder dem Bildschirm zu. »So wie’s aussieht, ein Junge«, sagte er. »Sohn eines göttlichen Sendboten!«, verkündete der Vater mit gewichtiger Miene. »Sohn ihres Gottes!«, korrigierte sein Sohn und erklärte: »Naja, ich hab sicherheitshalber etwas dicker aufgetragen.«

Der Erwachsene verdrehte die Augen: »Sehr realistisch. Sag mal, Sohn, wie wäre es mit einem weiteren kleinen Experiment?« Der Junge hob die Augenbrauen: »Was hast Du vor?« – »Kannst Du sehen, ob irgendwo Leute in der Nähe sind?« – »Da müsste ich kurz in eine höhere Ebene shiften. Warte! Hmm, wenig los im Moment. Die meisten schlafen, weil gerade Nacht ist«. Der Vater zeigte auf ein Feld ein wenig außerhalb der Bebauung: »Was sind das da für welche, außerhalb des Dorfes?« – »Scheinen irgendwelche Hirten zu sein«.

Im Blick des Erwachsenen erschien plötzlich ein lauerndes Funkeln. »Perfekt. Kannst du denen auch als… na… „göttlicher Sendbote“ erscheinen?« – »Klar. Und was soll ich denen sagen?« Der Vater dachte nach: »Tja, was könntest du denen sagen? Mal überlegen… Ich hab’s. Sag ihnen Folgendes…« Aufmerksam lauschte der Jugendliche den Worten seines Erzeugers. Dann tippte er:

„Fürchtet euch nicht! Denn seht, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird: Euch wurde heute der Retter geboren, der Gesalbte, der Herr.“

by Horrorcocktail

 

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