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Steve und der Rabe

Steve und ich stehen wie jeden Tag an der Bushaltestelle und warten auf unseren Bus. Doch in letzter Zeit verhält sich Steve irgendwie seltsam. Er ist ruhiger geworden, mehr in sich gekehrt als sonst und so langsam frage ich mich, ob alles in Ordnung bei ihm ist. Vielleicht hat er wieder einmal Stress zuhause, kann gut sein, aber ich habe keine Ahnung, wie ich ihn darauf ansprechen soll, weil ich weiss, dass Steve nicht gerne über das, was bei ihm zuhause so abgeht, redet und es ihm unangenehm ist. Er spricht eigentlich nie davon, ich höre es nur manchmal, wenn wir abends zusammen online zocken und Steve dabei vergisst, sein Mikrophon stummzuschalten, wenn er gerade nicht am PC ist.
“Warum guckst du immer dorthin?”, frage ich meinen Kumpel also und stupse ihn sanft mit dem Ellenbogen an.
“Wohin?”, meint er nur, ohne den Blick abzuwenden. Ich rücke Steve etwas mehr auf die Pelle und strecke die Hand in die besagte Richtung aus. “Na dorthin”, ich zeige auf den grossen Baum, der auf der anderen Straßenseite in die Höhe wuchert und der bereits vom Herbst gezeichnet ist.
“Er sieht mich an”, sagt Steve wie beiläufig, aber mit einem komischen Unterton in der Stimme. Ich bugsiere fragend die Augenbrauen nach oben und schaue meinen Kumpel leicht verdattert an.
“Der Baum sieht dich an?”, hake ich ungläubig nach. Steve schüttelt den Kopf.
“Nicht der Baum”, mein Kumpel streckt seinen Finger aus und als ich ihm folge, sehe ich nur diesen blöden Baum. Vielmehr ist dort nicht. Ein Baum und dahinter ein Feld und ein paar Strommasten.
“Dort ist doch n…”
“Der Rabe, dort, zwischen den Ästen”, unterbricht mich Steve und als ich meine Augen zusammenkneife, erspähe ich doch tatsächlich ein schwarzes Federvieh. Der Rabe sitzt leicht verborgen zwischen den bunten Blättern auf einem knorrigen Ast und es macht wirklich den Anschein, dass der Vogel in unsere Richtung guckt.
“Oh”, sage ich und füge ein “der ist mir noch gar nicht aufgefallen” hinzu. Ja. Ganz offensichtlich ist er mir nicht aufgefallen, sonst hätte ich mir den Kommentar mit dem Baum natürlich sparen können.
“Er beobachtet mich schon eine Weile”, flüstert Steve plötzlich. “Seit ein paar Tagen. Fünf um genau zu sein.”
“Der Vogel beobachtet dich seit fünf Tagen?”, wiederhole ich skeptisch und versuche mich gleichzeitig daran zu erinnern, seit wann genau Steve sich komisch verhält. Wahrscheinlich seit fünf Tagen. Könnte hinkommen, obwohl da ein Wochenende dazwischen liegt.
“Vielleicht hat er dort sein Nest”, schlussfolgere ich und klopfe Steve auf die linke Schulter. Mein Kumpel nickt nur und gibt ein leises “Ja, vielleicht” von sich. Mehr bekomme ich nicht mehr aus Steve heraus, da der Bus heran rollt, wir uns verabschieden und erst am nächsten Tag wiedersehen. Es sei denn, wir zocken heute abend online, doch irgendetwas sagt mir, dass Steve auch heute Nacht wieder absagen wird, so wie die letzten Tage schon.

 

Nächster Tag
Meine Vermutung von gestern hat sich bestätigt. Wie jeden Abend habe ich Steve eine Nachricht geschrieben und ihn gefragt, ob er zocken mag. Es kam keine Rückmeldung von ihm und nun stehen wir wieder an der Bushaltestelle und Steve starrt wortlos geradeaus. Zu der gleichen Stelle wie gestern und wie gestern entdecke ich das schwarze Federvieh zwischen den Blättern und wieder wirkt es so, als würde uns dieser Vogel beobachten.
“Steve, sag mal, ist alles in Ordnung bei dir?”, frage ich vorsichtig, dabei mustere ich meinen Kumpel unauffällig von der Seite. Steve sieht eigentlich aus wie immer. Die Haare leicht zerzaust, die Klamotten etwas schmuddelig und unter den müden Augen zeichnen sich leichte dunkle Schatten ab. Nichts Ungewöhnliches bei Steve, dennoch verhält er sich heute wieder… so anders. So komisch. So gar nicht Steve-typisch.
“Er beobachtet mich”, erwidert Steve auf meine Frage und gerade, als ich etwas darauf antworten will, kommt mir mein Kumpel zuvor. “Ich glaube, er wird mich bald holen.”
“Wie jetzt? Der Vogel oder was?”, platzt es aus mir heraus und obwohl ich nicht will, kann ich mir ein Lachen nicht verkneifen. “Bist du irgendwie drauf oder so?”
Steve schüttelt bloß den Kopf und blickt weiterhin starr geradeaus, während das blöde Federvieh es ihm gleich tut und zurück glotzt. Irgendein Impuls bringt mich dazu, mich in Steve’s Sichtfeld zu stellen, doch statt mich anzusehen, wirkt es, als würde Steve glatt durch mich hindurch sehen. Als wäre ich gar nicht da.
All meine weiteren Versuche, Steve’s Aufmerksamkeit auf mich zu ziehen, oder mit Steve ein vernünftiges Gespräch zu führen, scheitern. Irgendwann kommt der Bus und wir gehen getrennte Wege.

 

Übernächster Tag
Ich habe Steve gestern nicht mehr gefragt, ob er mit mir zocken möchte und heute stehe ich alleine an der Bushaltestelle. Steve ist nicht da und als ich auf die andere Strassenseite blicke, fehlt auch von dem schwarzen Federvieh jegliche Spur. Wie verschwunden. Ich schreibe Steve eine Nachricht, rufe sogar bei ihm zuhause an, doch auch nach etlichen Versuchen geht keiner ran.

 

Tage später
Das nächste Mal, als ich den Raben wiedersehe, ist an Steve’s Beerdigung. Das schwarze Federvieh sitzt auf einem der Grabsteine und sieht mich an. Ich starre zurück. Und auch als Steve’s kleine Schwester Susan neben mir in Tränen ausbricht, kann ich nicht anders, als diesen blöden Vogel anzusehen. Da ist etwas in seinem Blick. Jetzt sehe ich es auch. Ich spüre es sogar ganz deutlich. Ich glaube, er hat Steve geholt, und die kleine Susan ist als Nächstes dran.

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