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Tanz der Götter

Eiseskälte

Kapitel 5

 

„Habt ihr alles?“, fragte James, der zum Aufbruch bereit an der Tür stand. Valeria und Kade nickten. James verabschiedete sich mit einer Umarmung von Aiden.

„Ich komme, sobald ich mich hierum gekümmert habe.“, sagte dieser und klopfte seinem Vater auf die Schulter. James lächelte zustimmend. Kade und sein Burder verabschiedeten sich per Handschlag voneinander, dann ging die Gruppe und Aiden, Willi sowie die beiden Frauen blieben im Loft zurück.

„Wer ist der Mann, der mich so dringend kennenlernen will? Was will er von mir?“, platzte es ungezügelt aus Valeria als die vier in ein bereits wartendes Taxi stiegen. James nahm auf dem Beifahrersitz Platz, während Valeria zwischen Ares und Kade auf der Rückbank saß.

„Du musst keine Angst haben.“, begann James beschwichtigend.

„Er und seine Schwester sind die Nachkommen des Gründers von G.o.h, sie sind keine Feinde Valeria.“, fügte er hinzu und sah sie dabei über seine Schulter an.

„Sascha wird nicht auch da sein oder?“, mischte sich Kade, auf sein Smartphone tippend ein.

„Nein. Sie ist noch immer in Frankreich. Habt ihr diese ‘Meinungsverschiedenheit‘ noch immer nicht aus der Welt geschafft?“, informierte sich sein Vater.

„Meinungsverschiedenheit? Ja, gaaaanz schlecht. Es gibt nichts mehr zu klären, Dad. Das Kapitel ist beendet.“

„Ich hoffe euer Rosenkrieg behindert unsere Vorhaben nicht.“, seufzte er.

„Da brauchst du dir keine Sorgen zu machen.“, antwortete Kade weiterhin auf sein Telefon starrend.

Neugierig sah Valeria immer wieder auf den Bildschirm seines Smartphones. Kade bemerkte ihre Blicke und rutschte näher an sie heran. Er zeigte ihr das Display.

„Das ist ein Videoportal. Nennt sich YouTube. Du kannst hier verschiedene Videos ansehen.“, erklärte er.

Fasziniert sah sie dabei zu, wie er durch die verschiedenen Clips scrollte. Sie lächelte als er ein witziges Katzenvideo abspielte.

„Magst du Tiere?“, fragte er interessiert.

„Und wie.“, verkündete sie glücklich.

„Ich auch.“, lachte er.

James drehte sich mit hochgezogener Augenbraue zu ihm um.

„Du magst also Tiere?“, fragte er ungläubig.

„Ignorier den alten Mann einfach.“, witzelte sein Sohn.

„Im Flugzeug haben sie WLAN. Da zeige ich dir das lustigste Katzenvideo der Welt.“, äußerte er ganz aufgeregt. Ihre Köpfe waren dicht beieinander während sie auf das Display sahen.

„Das setzt aber voraus, dass du neben mir sitzt.“, wisperte er ohne vom Smartphone aufzusehen. Das entging Ares‘ Gehör nicht und er drehte sein Gesicht zu Kade, dabei zog er die Augenbrauen zusammen, bis er schließlich wieder aus dem Fenster sah.

 

 

Angespannt klammerte sich Ares an die Armlehnen seines Sitzes. Er wurde immer nervöser.

„Alles ok?“, fragte James, der neben ihm saß. Ares nickte wortlos heftig mit dem Kopf.

„Hast du etwa Flugangst?“

Ares schüttelte erneut vehement den Kopf.

„Für mich sieht es aber so aus als hättest du Flugangst.“, lächelte James und versuchte ihn zu beruhigen. Als dies nicht gelingen wollte, probierte er Ares mit einigen, ebenfalls witzigen Tiervideos auf seinem Tablet abzulenken, was sich nicht wirklich als Erfolg verbuchen ließ.

 

Valeria lachte noch immer amüsiert als das lustigste Katzenvideo der Welt beendet war. Kade stimmte ebenfalls mit in das ansteckende Gelächter ein. Ihr heiteres Lachen verstummte als das nächste Video automatisch abgespielt wurde. Der Titel lautete ‚Das londoner Massaker. War es ein Engel?!‘ Kade pausierte das Video sofort und drehte das Smartphone um, sodass das Display nicht mehr zu sehen war. Sie legte sanft eine Hand auf seine, was ihn zu ihr aufschauen ließ.

„Ich möchte das sehen. Bitte.“, wisperte sie. Er überlegte kurz, stimmte dann aber zu und kramte aus seiner schwarzen Gürteltasche ein Paar Kopfhörer hervor.

Den rechten hielt er ihr entgegen. Als sie bereit waren, startete Kade das Video. Es wurde der Ausschnitt von vor acht Jahren aus der Nachrichtensendung gezeigt, abwechselnd kommentierte ein männlicher Sprecher, was man in diesem Ausschnitt zu sehen bekam. Er studierte förmlich das Geschehen. Als das Video Valeria in der Nahaufnahme zeigte, pausierte der eingefügte Clip und der Sprecher spekulierte über Valerias Erscheinungsbild.

„Was ist das bitte?! Ein Engel oder doch der Teufel persönlich?! Ich meine, wenn so Engel aussehen, dann will ich nicht wissen wie Dämonen aussehen. Oder vielleicht ist es sogar das Produkt einer genetischen Manipulation?“, kommentierte der Sprecher. Kade sah zu Valeria und er sah, dass es sie schmerzte.

„Es hat Flügel, die aussehen, wie die einer Fledermaus nur blutrot und mit irgendeiner Art von Gebilde an den Knochen. Dann das Schwert und das ist verdammt nochmal wirklich ein Schwert. Ich halte das alles ganz und gar nicht für einen Prank. Oder vielleicht sind es Götter? Was? Mehrzahl? Ja, genau, denn wenn der Kamerann wieder raus zoomt, sieht man ganz genau…“

Valeria schloss ihre Augen. Kade beendete die Anwendung und steckte sein Smartphone in die Hosentasche. Er schluckte.

„Du bist kein Dämon.“, versicherte Kade aufmunternt.

„Nein? Was bin ich dann?“, fragte Valeria hörbar deprimiert. Er streichelte sich nachdenkend das Kinn.

„Du, meine Liebe, bist die beeindruckendste, stärkste und schönste Frau, die ich jemals kennengelernt habe.“, offenbarte Kade.

„Außerdem habe ich noch nie eine Frau Alkohol so trinken sehen wie du es trinkst.“

„Was ist daran so besonders?“, fragte sie ernsthaft. Er sah ihr tief in die Augen.

„Ich muss dir etwas gestehen.“, begann er und grinste verschmitzt.

„Ich hab dem Kellner gesagt, dass er in dein Getränk mehr Wodka als Kirsch füllen soll. Im Grunde, eine Mischung von 90% Wodka und 10% Kirsch. Tut mir echt Leid.“, kicherte er.

„Was? W-Was wenn ich gestorben wäre?“, erwiderte sie.

„Davon stirbt man doch nicht gleich Dummerchen, das hast du doch an Arschloch gesehen. Außerdem kannst du doch gar nicht sterben.“

„D-Das ist so nicht wahr.“, stotterte sie.

Sie sahen sich an und brachen beide in schallendem Gelächter aus.

 

„Ähhh, Miss?“, rief James einer Flugbegleiterin zu, die auch gleich zu ihm lief.

„Könnten, äh, würden sie dem Jungen bitte etwas gegen Übelkeit bringen? Und eine Tüte, wenn möglich, bevor es zu spät ist.“, bat James und begutachtete Ares, der immer blasser wurde.

 

 

Aiden stand im Bad und betrachtete sein Spiegelbild. Dann sah er auf die Smith & Wesson M 39 in seiner rechten Hand. Langsam führte er die Pistole an seinen Kopf. Das kalte Metall des Laufs berührte seine Schläfe, der Finger war um den Abzugsbügel gekrümmt. Schweigend starrte er seinem Spiegelbild in die Augen.

Er drückte ab.

Nichts.

Erneut drückte er ab und wieder geschah nichts. Es konnte nichts geschehen, denn er hatte die Waffe nicht geladen. Es klopfte an der Badezimmertür.

„Ja?“, fragte Aiden ausdruckslos.

„Entschuldigung aber wir glauben einen Treffer gelandet zu haben.“, berichtete Willi.

„In Ordnung, komme.“

„Alles in Ordnung?“, fragte Willi mit Besorgnis in der Stimme.

„Ja. Alles super.“, meinte Aiden, während er seinem Spiegelbild ausdruckslos in die Augen starrte.

 

Er stellte sich neben Sarah und Willi, die um einen Tisch versammelt waren, an dem Anna saß. Sie sahen auf den Monitor. Ein roter Kreis war auf einer Karte eingezeichnet.

„Wir konnten das Gebiet rund um die aufgefundenen Leichen ausmachen. Das ist hier.“, sie zeigte auf den Kreis und zoomte näher in die Karte rein.

„Eine Tortenbäckerei?“, fragte Aiden.

„Das war es mal. Jetzt ist es ein leerstehendes, auf den Abriss wartende Gebäude.“, erklärte Anna.

„Okay, dann los. Macht euch bereit.“, befahl Aiden und lud seine Smith & Wesson. Er legte sich seinen, über der Couch hingenden Schulterholster um und verwahrte die Waffe darin.

Als sie das Gebäude erreichten, war die Sonne bereits untergegangen. Die drei standen davor und studierten es. Mögliche Eingänge, wie viele Fenster es hatte und ob sie Bewegungen in akustischer Form im Gebäude selbst ausmachen konnten. Sie passten einen Moment, in dem kein Passant die Straße kreuzte ab und verschafften sich durch ein Fenster im Erdgeschoss, welches als einzige Ausnahme nicht mit Brettern zugenagelt war Eintritt. Das ist seltsam, dachte Aiden. Das Fenster war weder vernagelt, noch mussten sie Gewalt anwenden um es zu öffnen. Das ließ den Schluss zu, dass man dieses Fenster als einzigen Ein –und Ausgang genutzt haben könnte. Er war sich sicher, dass dies das Versteck der Gruppe sein musste. Im Inneren War es staubig, dreckig und dunkel. Sie liefen tiefer hinein. Zu ihrer linken führte eine Treppe in das nächste Geschoss und eine andere weiter runter, vermutlich in ein Lager oder Keller. Kurz diskutierten sie, ob sie sich aufteilen sollten, doch dann vernahmen sie einen leisen Huster vom Treppenaufgang aus. Blicke wurden ausgetauscht, dann führte Aiden das Team zur Treppe. Er sah nach oben, versuchte etwas zu erkennen, doch es war zu dunkel. Aiden schritt einige Stufen empor und kniff angestrengt die Augen zusammen. Es war zwecklos, er konnte nichts deutlich genug erkennen. Willi, der hinter ihm stand, kramte in der Innenseite seiner Jacke und reichte Aiden eine kleine Taschenlampe. Aiden nahm sie in die linke Hand und schaltete sie ein. Der Lichtkegel der Taschenlampe erfasste eine Gestalt am Ende des Treppenabsatzes und ein funkelndes Augenpaar starrte kurz zurück, doch noch bevor sie reagieren konnten, schnellte die kleine Gestalt an ihnen vorbei die Treppe hinunter und rempelte Aiden dabei stark an, sodass dieser mit der Schulter gegen die Wand prallte. Das Team war zutiefst erschrocken. Anna, die am Fuße der Treppe stand, atmete erleichtert auf.

„Wohin ist es?“, fragte Aiden und lief zu Anna.

„Ich glaube runter.“, entgegnete sie.

„War das ein aufgeschrecktes Tier?“, erkundigte sich Willi.

„So könnte man das bezeichnen.“, erwiderte Aiden besonnen.

Das Team, allen voran Aiden, begaben sich die andere Treppe hinab. Auf einer Stufe hielt er inne, drehte sich zu Sarah um, die hinter ihm lief und legte seinen Zeigefinger auf die Lippen. Sie nickte. Vorsichtig und so leise wie möglich, stiegen sie die Stufen hinab. Das Licht der Taschenlampe hatte Aiden gelöscht.Von der Treppe aus folgten sie einem dunklen Flur und betraten schließlich einen weiten Raum. Regungslos standen sie da und lauschten. Es war zu dunkel um etwas erkennen zu können. Die Waffe fest in der rechten Hand umklammert, schaltete er erneut die Taschenlampe ein. Er richtete den Strahl auf den Boden und leuchtete dann systematisch durch den Raum. Er war leer.

Plötzlich schrie Anna, die als letzte den Raum betrat panisch auf. Aiden sowie die anderen wirbelten sofort umher, er leuchtete mit der Taschenlampe auf sie und sie sahen, wie sich eine kleine Gestalt fest um Annas Schultern schlang. Es hielt sie fest, biss ihr in den Hals, was sie noch lauter schreien ließ. Die drei zielten sofort auf das Etwas, doch Anna, die sich wild hin und her drehte erschwerte ihnen einen sauberen Treffer zu landen. Um sie nicht zu verletzen wurde nicht geschossen, nun rannte Willi zu ihr um sie von dem Ding zu befreien, doch bevor er sie erreichte, schossen noch mehr dieser Gestalten die Treppe hinunter und stürmten in den Raum. Zwei sprangen auf Willi, der rücklings zu Boden fiel und verzweifelt versuchte, seine Gegner abzuwehren.

„Hört auf!“, schrie eine schrille Jungenstimme.

Augenblicklich zogen sich Willis Angreifer zurück und auch die Gestalt, die auf der nun am Boden liegenden Anna hockte, ließ von ihr ab. Sie versammelten sich am Ende des Raumes um eine größere Gestalt. Anna gurgelte laut und eine Blutlache hatte sich um sie gebildet. Sarah und Aiden rannten zu ihr. Aiden richtete den Lichtkegel der Taschenlampe auf die verwundete Anna und Willi zielte mit seiner Waffe auf die Angreifer, wobei er mehr in die Dunkelheit zielte als wirklich einen von ihnen erfasst zu haben.

„Ihre Halsschlagader wurde durchtrennt, sie verblutet!“, rief Sarah schockiert.

Sarah presste ihre Hände auf die Wunde, doch das Blut schoss weiterhin unbeirrt aus der Verletzung und färbte ihre Hände rot. Ihr Todeskampf dauerte nur noch wenige Sekunden.

„Sie…ist tot.“, wisperte Sarah mit zittriger Stimme.

„Das wollten wir nicht!“, rief die selbe Jungenstimme und durchbrach die Stille. Aiden erhob sich zähneknirschend.

„Das wolltet ihr nicht, ja?“, wiederholte er bedrohlich klingend. Er richtete den Lichtstrahl auf die zusammengerotteten Angreifer.

Im Lichtkegel standen mehrere Abgestoßene. Mehrere Augenpaare reflektierten das Licht. Es waren Kinder, die meisten vermutlich zwischen sechs und zehn Jahren, wenn man nach dem Äußeren ging. Zwei von Ihnen klammerten sich ängstlich an den Sprecher. Es war ein größerer Junge, braunes Haar, braune Augen, volle Lippen. Er schätzte ihn auf zwölf. Als Aiden in sein Gesicht sah, wurde ihm schlecht. Er verspürte Schwindel. Er konnte ihn nicht ansehen.

„Wir haben einfach so großen Hunger und wir haben Angst. Wir wollten niemanden-“, erklärte der Ältere.

„Halts Maul!“, schrie Aiden ihn an und unterbrach ihn somit. Die Kinder, die sich um ihn herum versammelten, zitterten und weinten.

Das Kind mit dem blutverschmiertem Mund weinte ebenfalls. Ständig rief es den Namen Yuna. Aiden kämpfte. Er kämpfte mit sich selbst.

„Yuna ist tot.“, enthüllte er selbstgefällig. Das sorgte dafür, dass die Kinder nur noch mehr weinten und winselten.

„Du…lügst.“, wimmerte der Ältere ungläubig. Aiden, der ihn noch immer nicht ansah, schüttelte nur mit dem Kopf.

Alles an diesem Kind, einfach alles, erinnerte ihn an Jaime. Er schwor, wenn Jaime das selbe Alter erreicht hätte, hätte er haargenau so ausgesehen. Jaime. Die schmerzhaften Erinnerungen, die er versucht hatte zu verdrängen bahnten sich erneut ihren Weg in sein Gedächtnis. Kopfschüttelnd versuchte er diese abzuschütteln. Er zielte auf das Kind ohne ihn dabei anzusehen.

„Bitte…wir wollten niemanden verletzen. Wir hatten einfach nur Angst. Wir wollen nicht sterben, bitte.“, flehte er weinend.

„Okay, okay. Wenn ihr jemanden töten wollt, dann mich. Bitte lasst die anderen am Leben. Ich flehe euch an.“ Er fiel auf die Knie und umarmte die beiden kleineren, die ihn von der Seite umkammerten. Drei weitere standen hinter ihnen, ebenfalls bis ins Mark verängstigt.

Stille.

„Aiden?“, fragte Sarah schniefend. Er reagierte nicht. Er zielte einfach weiterhin auf den Jungen.

„Aiden, das sind Kinder.“, merkte sie an. Willi sah verunsichert abwechselnd zu ihr und Aiden.

„Und?“, entgegnete Aiden ausdruckslos nach einigen Sekunden der Stille.

„Wir haben niemandem etwas getan, ich schwöre. Wir haben Angst bekommen nachdem Yuna und die anderen nicht mehr zurück gekommen sind.“, schluchzte der Ältere und begann bitterlich zu weinen.

„Ihr habt niemandem etwas getan, ja?“, ertönte Aidens angsteinflößende, kalte Stimme. Das Kind mit dem blutverschmierten Mund erhob sich und sah ihn an.

„Das stimmt! Das ist die Wahrheit.“, rief es.

Aiden zuckte mit seiner linken Augenbraue und feuerte einen Schuss ab. Der Knall ließ die Kinder lauter und panischer schreien und weinen. Sarah zuckte zusammen. Das Kind, welches Anna auf dem Gewissen hatte, lag regungslos auf dem Boden. Die Kugel hatte sich durch den kleinen Brustkorb gebohrt und war detoniert. Der Radius reichte aus um das Herz zu zerfetzen. Der braunhaarige Junge krabbelte zu dem kleinen Körper und nahm ihn weinend in die Arme. Er schrie. Er schrie verzweifelt. Der Verlust war zu schmerzhaft. Aiden kannte das Gefühl nur zu gut. Seine Waffenhand zitterte etwas.

„Aiden!“, rief Sarah mit Nachdruck.

„Was ist?!“, schrie er sie an. Sie verstummte mit entsetztem Gesichtsausdruck.

„Aiden, ich weiß nicht.“, begann Willi unsicher.

„Was weißt du nicht?“, entgegnete Aiden kalt.

„Dann schließt die Augen wenn ihr das nicht sehen könnt.“ Mit diesen Worten, zielte er auf die Kinder in der hinteren Reihe.

„Ihr alle. In einer Reihe aufstellen.“, befahl er.

Der braunhaarige Junge hielt noch immer weinend die Leiche des Kindes in seinen Armen. Der Rest von ihnen weinte bitterlich, sie zitterten am ganzen Leibe. Vor Furcht rührten sie sich nicht.

„Wird’s bald!“, schrie Aiden in einer ungewöhnlichen Lautstärke. Selbst Willi erschrak bei diesem Ausbruch. Zusammengetrieben wie Vieh, reiten sich die Kinder in einer Geraden vor ihm auf.

„Du auch.“, sagte er wieder beherrschter und zielte dabei auf ihn. Der Ältere Junge erhob sich und reite sich an den Anfang der Linie ein.

Sarah kehrte ihnen den Rücken zu. Sie hielt sich die Hand vor dem Mund. Das Wimmern, Schluchzen und Weinen der Kinder war zu viel für sie. In ihren Augen waren es noch immer Kinder.

Ein Schuss fiel, ein Kind fiel. Ein weiterer Schuss, ein weiteres Kind. Bei jedem Schuss schrak Sarah ungemein zusammen. Tränen rannen ihr über die Wangen. Ein weiterer Schuss und ein drittes Kind fielen. Damit hatte Aiden die aus der hinteren Reihe getötet. Blieben noch der kleinere Junge und…

„Aiden, hör auf!“, rief Willi, der ihn an der Schulter packte und zurückzog. Aiden stieß Willi von sich weg, nun mischte sich auch Sarah ein und hielt Aiden fest.

Der braunhaarige Junge, erkannte die Chance, nahm den kleineren an die Hand und gemeinsam rannten sie zur Treppe.

„Nichts da!“, schrie Aiden, der die Beiden an ihnen vorbei rennen sah.

Er schüttelte Sarah ab und zielte auf die Flüchtigen. Er schoss. Sarah stellte sich schützend und mit ausgebreiteten Armen vor die Kinder. Er schoss ein zweites Mal. Die Zeit schien verlangsamt oder vielleicht kam es ihm nur so vor. Er wollte nicht auf sie schießen. Er schoss zwei Mal in Folge. Es war Sarahs Schuld.

Ihr Körper sackte in sich zusammen, doch er fokussierte seinen Blick nur auf die beiden Kinder an der Treppe. Na bitte, die erste Kugel hatte den kleinen perfekt getroffen. Das war wohl mehr Glück, dachte Aiden. Der Ältere Junge stand wie gebannt auf der ersten Stufe der Treppe. Seine Knie zitterten und Tränen liefen über seine Wangen. Dann fasste er sich und stürmte die Treppe hinauf. Aiden, der wie besessen schien, setzte dem flüchtigen Kind nach. Er stürmte ebenfalls die Treppe hoch.

Der Junge rannte weinend um sein Leben. Nur noch ein bisschen, ein kleines Stück, dann hätte er das Fenster erreicht. Er drehte sich nicht um, er hörte Aidens schnelle Schritte hinter sich. Schneller, schneller, ich muss schneller rennen! Dachte das Kind. Er spurtete auf das Fenster zu und sprang, die Arme schützend vor sich haltend hindurch. Das Glas zersprang und Scherben wirbelten in alle Richtungen. Als Aiden das Fenster erreichte war von dem Jungen keine Spur mehr zu sehen. Er war entkommen.

 

Im Lichtkegel der Taschenlampe saß Willi, Sarah in den Armen haltend.

„Sie ist tot, Aiden.“, wisperte er kühl.

„Das…Das hab ich nicht gewollt.“, erklärte er.

„So wie das Kind Anna nicht töten wollte?“, erwiderte Willi und legte Sarah sanft auf den Boden.

„Du hast sie gesehen. Hätten sie ihre Kräfte öfter benutzt, wäre das Ganze eventuell anders ausgegangen. So, waren sie nur etwas andere Kinder, die einfach nur Angst hatten. Du hättest sie nicht töten müssen. Wir hätten uns etwas überlegen können. Sarah hätte nicht sterben müssen.“, äußerte Willi.

Aiden näherte sich Sarahs Leiche. Er ging auf die Knie und streckte die Hand nach ihr aus.

„Fass sie nicht an.“, zischte Willi und Aiden zog die Hand wieder zurück.

„Verschwinde.“, knurrte er. Aiden erhob sich wortlos und kehrte dem Schauplatz den Rücken zu.

„Aiden.“, rief ihm Willi nach und Aiden stoppte ohne sich umzudrehen.

„Ich dachte ich kenne dich aber ich kenne dich nicht im Geringsten. Verlasse die Stadt. Solltest du jemals hierher zurückkehren, werde ich dich eigenhändig umbringen.“

Für wenige Sekunden stand Aiden regungslos da, dann stieg er gemächlich die Treppe hinauf und verließ das Gebäude.

 

Als James und die anderen in Russland gelandet waren, waren sie merklich erschöpft. Zumindest die beiden Menschen unter ihnen. Mit dem Taxi mussten sie jedoch noch einige Kilometer zurücklegen bis sie letztendlich ihr Ziel erreicht hatten. Die Zuordnung der Sitzplätze war wie in dem Taxi, mit dem sie in Ginza zum Flughafen fuhren. Valeria war sichtlich nervös. Russland. Wieder zurück in Russland. Sie sah aus dem Fenster neben Ares. Ihre Hände schwitzten. Was bedeutete es, dass sie jetzt wieder in Russland waren? War es nur ein Zufall? Nein, sie glaubte nicht mehr an Zufälle. Ares sah sie an. Er legte lächelnd den Kopf schief.

„Alles okay.“, beruhigte sie ihn. Sie nahm seine Hand in ihre und drückte diese ganz fest. Ares sah sie an, dann legte er seine rechte Hand ebenfalls auf ihre und umschloss sie schützend. Valeria verstand, dass er damit sagte, “ Ich bin hier“. Sie lächelte zufrieden. Kade gähnte und streckte sich, sah dann zu den beiden neben sich und grinste. Seinen rechten Arm legte er um Valeria.

„Was dagegen wenn ich mitmache?“, zwitscherte er heiter.

„Ja.“, murmelte Ares. Kade hielt sich eine Hand an sein Ohr und verdeutlichte, dass er ihn akustisch nicht verstanden hatte.

„Wie meinen, Arschloch?“

„Wieso nennst du ihn überhaupt Arschloch?“, fragte Valeria verwundert.

„Na, weil er sich wie eines benimmt.“, antwortete er und legte seinen Arm wieder um sie. Ares warf ihm einen giftigen Blick zu, den Kade nur provokant lächelnd erwiderte.

 

Das Dorf Ussowo, Oblast Moskau, westlich der Stadtgrenzen Moskaus.

Die teure Wohngegend war gespickt mit zahlreichen Villen, von denen einige jedoch unbewohnt waren. Die Gruppe stand vor einem ansehnlichen Villenanwesen. Die Wohn- und Geschäftsvilla bestand aus einem 2-geschossigen, vollunterkellerten Massivbau mit nachträglich ausgebautem Dachgeschoß. Die Fassade war ein elfenbeinfarbener Edel Putz. Die Fenster waren 2-flüglige, Wärme und Schallschutzkunststofffenster mit Sprossenkämpfer und Rundbögen. Sie betraten das Anwesen und klingelten an der massiven Wohnungseingangstür mit Ornamentglas. Ein Bediensteter öffnete ihnen die Tür und empfing sie hochachtungsvoll. Er führte sie durch den, mit nussbraunen Parkett ausgestatteten Flur vor einen Büroraum. Er klopfte an die hölzerne Flügeltür und öffnete diese nach einigen Sekunden. Dann stellte er sich an die Seite und ließ die Gäste eintreten.

In dem mit Eichenparkett ausgestatteten Raum, saßen ein blonder Mann und eine blonde Frau, beide von schlanker Gestalt, an einem imposanten Konferenztisch. Das Design des Tisches war zwar minimalistisch, doch die Materialien waren ohne Zweifel hochwertig. Eine perfekte Komposition. Er war mit einem Kabelmanagementsystem ausgestattet, sodass mehrere Geräte in den Besprechungen genutzt werden konnten. Der Tisch hatte drei Kubus förmige Füße, die mit stabilen Tischplatten verbunden waren. Die einzelnen Elemente bestanden aus einem melaminharzbeschichtetem Holz. Er bot Platz für sechzehn Personen und war ein wahrer Blickfang.

Die Frau mit den langen blonden Haaren, nippte wortlos an einer Tasse, während sich der Mann lächelnd vom Stuhl erhob und die Neuankömmlinge herzlich begrüßte.

„Was zum Teufel…“, flüsterte Kade säuerlich.

Er und die Blondine tauschten abgeneigte Blicke aus.

„Wir haben eurer Ankunft bereits entgegengefiebert.“, erzählte der lächelnde blonde Mann.

Er war groß und schlank, trug einen eleganten schwarzen Anzug mit einer weißen Krawatte. Sein blondes Haar war kurz, die Lippen schmal und die Augen Blattgrün. Wenn er lächelte bildeten sich niedliche Grübchen. Er sah an James vorbei und als er Valeria betrachtete, strahlte er vor Freude.

„Willkommen.“, sprach er mit einer sanften Stimme.

Ungläubig starrte Valeria ihn an. Sie schluckte. Ihr Mund öffnete und schloss sich unausgesprochener Worte wieder. Sie versuchte sich zu fassen.

„Artjom?“

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