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Tanz der Götter

Klagelaut

Kapitel 7

 

„Na endlich“, brabbelte Kade heiter, als sich Valeria neben Ares an den Tisch setzte.

„Was hat denn so lange gedauert? Wäre Arschloch nicht hier gewesen, hätte ich eine Theorie aufgestellt“, kicherte er lüstern und nahm sich ein frisches Brötchen.

„Willst du sterben?“, entgegnete Ares düster. Sascha lachte leise auf.

„Jetzt lasst uns einfach gemeinsam in Ruhe frühstücken, in Ordnung?“, brachte James hervor und belegte seine Brötchenhälften mit Käse.

„Isst du mit? Bitte?“, bat Valeria Ares leise. Er sah sie an und nahm dann zögernd ebenfalls ein warmes Brötchen aus dem geflochtenen Korb in der Mitte des Tisches.

„Sobald Aiden angekommen ist, versammeln sich bitte alle im Konferenzraum“, teilte Michail mit und trank aus seiner schwarzen Tasse.

Zur selben Zeit

Floristikgeschäft Fleurs de Caumartin in Paris, Frankreich.

Seit zwanzig Minuten stand er in dem Geschäft und begutachtete die eindrucksvolle Auswahl an Blumen und Gestecken. Verschiedene Sorten in verschiedenen Farben, soweit das Auge reichte.

„Jetzt steht er seit zehn Minuten vor dem Rosensortiment“, flüsterte die braunhaarige Floristin ihrer rothaarigen Kollegin zu.

„Ich weiß, ich wiederhole mich, aber sieht der nicht unglaublich gut aus?“, erwiderte sie schmachtend.

„Für einen Albino, meinst du?“,kicherte die Braunhaarige.

„Das sei jetzt mal dahingestellt. Sieh dir doch mal diesen durchtrainierten Körper an. Ich wette, der macht Krafttraining.“ Die Rothaarige verdrehte lüstern die Augen.

„Der hat sicherlich eine Freundin oder er bereitet sich auf ein Date vor, anders kann ich mir nicht erklären, was er hier macht“, tuschelte die Braunhaarige.

„Oder…“, begann ihre Kollegin hoffnungsvoll.

„Er sucht Blumen für seine Mutter oder seine Schwester.“

„Dann geh zu ihm und berate ihn, wie es sich gehört“, zwinkerte die Braunhaarige ihr zu. Ihre Kollegin atmete kurz durch.

„Wünsch mir Glück!“, flüsterte sie, als sie um den Tresen auf den weißhaarigen Mann zulief.

„Bonjour, Monsieur. Kann ich Ihnen vielleicht behilflich sein?“, fragte sie in ihrer freundlichsten und gleichzeitig sinnlichsten Stimme. Er drehte sich zu der Frau, die einen Kopf kleiner war als er, um.

„Bonjour, Madame. Vielleicht können Sie das. Ich weiß es noch nicht“, lächelte er sie charmant an. Dieses Lächeln raubte ihr den Atem, verdrehte ihr den Kopf. Sie musste irgendwie herausbekommen, ob er vergeben war und ob sie überhaupt eine Chance hatte.

„Suchen Sie ein Rosenbouquet für Ihre Frau oder Freundin? Ich bin mir sicher, es wird sich für jede Dame und für jeden Anlass etwas finden lassen“, plapperte sie freudig.

„Versuchen Sie gerade herauszufinden, ob ich vergeben bin?“, wisperte er verführerisch.

Es war egal, ob die Damen tuschelten oder nicht. Seine Sinne waren schärfer als die eines jeden Menschen und so entging ihm kein Wort ihrer Konversation. Die Floristin wurde ganz verlegen.

„Ich äh…also-“, begann sie leicht errötet.

„Sie haben eine Menge verschiedenfarbiger Tulpen“, stellte er fest.

„Das stimmt. Suchen Sie viellei-“, setzte sie an, wurde aber von ihm unterbrochen.

„Ich sehe aber keine blauen. Führen Sie keine blauen Tulpen?“

„Ähm, nein. Momentan nicht, aber-“

„Zu schade“, unterbrach er sie erneut.

„Meine Liebste hasst Rosen. Wegen der Dornen. Sie mag Tulpen und zwar blaue“, merkte er kalt an.

Er drehte sich von ihr weg und verließ mit einem schadenfrohen Grinsen den Laden.

 

Als er in die Seitenstraße einbog, entdeckte er einen alten Bekannten. Er grinste bis über beide Ohren. Zügig lief er auf den jungen Mann zu.

„Hey, Emil!“, rief er freudestrahlend. Erstaunt drehte dieser sich zu ihm um. Als er Soma sah, stöhnte er gereizt und beschleunigte seinen Schritt, doch da hatte dieser ihn bereits eingeholt.

„Hey! Was machst du hier?“, erkundigte sich Soma.

„Geht dich nichts an. Stalkst du mich?!“, fragte er aufgebracht. Er sah ihn abschätzig an.

„Tue ich nicht. Das war Zufall, ich schwöre“, rechtfertigte sich Soma, mit Emil schritthaltend.

„Hätte ich gewusst, dass du so schlecht drauf bist, hätte ich dir eine Rose gekauft“, flötete er liebreizend.

„Alter, zwei Dinge. Nummer eins, nenn mich in der Öffentlichkeit nicht Emil. Nummer zwei…“ Er blieb stehen und deutete mit dem rechten Zeigefinger auf ihn.

„Tu uns beiden einen Gefallen und verpiss dich.“ Dann drehte er sich um und lief schnellen Schrittes weiter. Soma ließ jedoch nicht von ihm ab. Er trottete ihm mit verschränkten Händen hinter dem Kopf hinterher.

„Aber mir ist doch so langweilig“, stöhnte Soma.

„Ist mir egal. Dann spiel an dir rum oder so“, entgegnete Emil gereizt.

„Das wird auf Dauer auch langweilig und macht zu zweit eh mehr Spaß“, witzelte er.

Emil reagierte nicht. Er lief weiter vor Soma davon.

„Hey, komm schon! Trink wenigstens ein Bier mit mir oder irgendwas anderes, und danach lass ich dich in Ruhe, ich verspreche es.“

Emil stoppte. Soma, der hinter ihm stand, sah ihn erwartungsvoll an. Langsam drehte er sich zu Soma um.

„Ein einziges! Und danach lässt du mich in Ruhe“, maulte er, erneut auf ihn zeigend. Soma grinste.

 

Die Shisha-Bar Alchimie war unter den jungen Parisern sehr beliebt. Emil nahm einen tiefen Zug und blies den Rauch an die Decke. Er hielt Soma den Silikonschlauch entgegen. Dieser winkte dankend ab.

„Du bist so langweilig“, warf Emil ihm vor.

Soma schnappte sich den Schlauch aus seiner Hand und zog an dem Mundstück. Er spürte, wie sich die Lunge mit dem dichten, süßlich schmeckenden Rauch füllte. Er blies den Qualm aus und eine dichte Wolke verhing ihre Sicht, bis sie sich schließlich auflockerte. Der schwarzhaarige Junge kicherte.

„Noch eine Runde?“, fragte Soma lächelnd. Emil nickte, als er einen weiteren Zug nahm. Soma griff die beiden geleerten Whiskygläser und lief zur Bar.

„Coole Haarfarbe“, quietschte eine schlanke Frau neben ihm am Tresen.

„Danke“, erwiderte er lächelnd.

„Wie heißt du?“, wollte sie wissen und rutschte an ihn heran. Soma ließ die Gläser über den Tresen gleiten und bestellte zwei neue.

„Soma“, gab er an und lehnte sich gegen den Tresen.

„Coole Haare, cooler Name“, bemerkte sie und strich sich eine ihrer schwarzen Locken aus dem Gesicht.

„Woher kommst du, Soma?“ Sie rutschte noch näher an ihn, bis sie nur noch wenige Zentimeter voneinander trennten. Soma lehnte sich zu ihr hinunter und brachte sein Gesicht nahe an ihres. Zwei mit Whisky gefüllte Gläser wurden vor ihm auf den Tresen gestellt. Seine Lippen berührten sanft ihr rechtes Ohr.

„Aus dem Das-geht-dich-einen-Scheißdreck-an-Land“, hauchte er ihr ins Ohr und entfernte sich. Er nahm seine Bestellung und lief zu Emil zurück. Fassungslos sah sie ihm nach.

 

„Hat die dich gerade angegraben?“, fragte Emil amüsiert.

„Das war heute schon das zweite Mal“, antwortete Soma und reichte Emil sein Glas. Belustigt schüttelte dieser mit dem Kopf. Am Tisch nebenan saßen drei junge Frauen, von denen sich eine erhob. Sie war groß und hatte kurze blonde Haare. Lächelnd ging sie auf Emil zu.

„Hey, bist du nicht der eine Typ aus dieser Band? Wie hieß die doch gleich?“, äußerte sie nachdenklich. Emil verzog angewidert das Gesicht.

„Hey Kleine, wenn du nicht einmal weißt, wie die Band heißt, bist du meinen Atem nicht wert. Jetzt zieh Leine!“, forderte er harsch. Sie murmelte etwas, das nach einer Beleidigung klang und verschwand zurück an ihren Tisch.

„Das war hart“, stellte Soma fest.

„Halt die Backen! Dem Blick der Schwarzhaarigen am Tresen nach zu urteilen, will ich gar nicht wissen, was du gesagt hast“, feixte er.

„Besser nicht“, lachte Soma und trank von seinem Whisky.

So viele Stunden vergingen, so viel Whisky wurde über den Tresen geschoben. Soma und Emil hatten jeweils sechs Gläser weg und waren sichtlich berauscht. Die beiden lehnten sich in ihre Sitze zurück. Emil sah an die Decke.

„Eines Tages bringe ich ihn um. Das schwöre ich“, säuselte Emil. Angestrengt sah Soma ihn an.

„Warum tust du es nicht sofort?“, wollte er wissen.

„Mir fehlt der Mut, Mann. Ich bin ganz alleine, oder willst du mir etwa helfen?“, hickste er lachend.

„Glaubst du, ich würde es nicht tun?“, entgegnete Soma und schlug locker die Beine übereinander.

„Warum solltest du? Du arbeitest mit ihm zusammen. Ihr seid dicke Kumpels.“

„Er interessiert mich nicht. Er ist mir egal. Ich bin nicht derjenige, der etwas von ihm braucht, sondern er von mir“, schilderte Soma.

„Pff! Du Pfeife! Warum zum Teufel gibst du dich dann mit diesem Schwein ab?“, fluchte er kopfschüttelnd.

„Hm. Er hat gute Beziehungen und es wird so nicht langweilig, schätze ich.“

„Du bist so ein dummes Arschloch, weißt du das?“

„Noch eine Runde?“, fragte Soma lächelnd.

„Du bezahlst“, stimmte Emil zu.

 

 

Als Aiden angekommen war, hatten sie sich wie besprochen alle im Konferenzraum eingefunden. Sascha stellte Valeria und Ares an eine weiße Wand und fotografierte ihr Profil.

„Ähm. Wozu machst du jetzt Fotos?“, erkundigte sich Valeria.

„Für eure Papiere. Ihr bekommt Ausweise sowie einen Reisepass. Unter anderen Namen versteht sich“, zwinkerte sie ihr zu. Sie hatten im Vorfeld bereits darüber gesprochen. Es wäre sinnvoller und würde ihnen einiges erleichtern.

„Ach, das hätte ich beinahe vergessen. Die hier haben wir schon mal für euch bestellt“, kicherte sie und kramte in einem Schrank. Sie zog zwei goldene Karten hervor, die sie den beiden aushändigte. Sie starrten auf das Stück Plastik in ihren Händen.

„Damit seid ihr abgesichert. Die sind gedeckt. Kauft euch, was ihr benötigt“, erklärte Sascha.

Valeria drehte die Karte in ihrer Hand. Sie war auf einen falschen Namen ausgestellt. Bei Ares war es dasselbe.

„Sind das unsere neuen Namen?“, fragte sie stirnrunzelnd.

„Gefallen sie euch nicht?“

Ares sah Valeria mit hochgezogener Augenbraue an.

„Bianca Watson“, las sie langsam vor. Sie sah auf Ares‘ Karte und prustete laut los.

„Alexander Smith?“, lachte sie. Michail klatschte in die Hände und erhaschte sämtliche Aufmerksamkeit. Die beiden verwahrten ihre Karten in den Hosentaschen und setzten sich an den Tisch.

Michail hatte sein Notebook vor sich und tippte etwas ein. Aiden gähnte leise.

„Also. Ich habe mich ein wenig in verschiedenen Datenbanken umgesehen und etwas Recherche betrieben. Ich habe nach dem Namen Maxime Leroy gesucht.“ Er pausierte und drehte das Notebook um, damit jeder einen Blick auf den Bildschirm werfen konnte.

„Und einen Treffer gelandet. Valeria? Ist das der Mann?“

Angewidert sah sie auf den Bildschirm. Es war ein Foto aus einer Zeitschrift zu sehen. Der Mann darauf war ein großer, blondhaariger Kerl mit Schnauzbart und arrogantem Blick. Seine blauen Augen strahlten pure Überheblichkeit aus. Er war in einem teuer aussehenden weißen Anzug gekleidet. Mehrere goldene Ringe um die Finger seiner linken Hand. Widerlich, dachte sie.

„Er hatte damals keinen Bart, aber das ist er ohne jeden Zweifel“, bestätigte sie.

„Faszinierend. Er ist es also wirklich. Dass er seinen Namen nicht geändert hat, überrascht mich ehrlich gesagt. Aber vielleicht hatte er das und hat sich jetzt wieder umbenannt. Jedenfalls denke ich, dass das bedeutet, dass sich dieser Mann sehr sicher fühlt. Wir sollten vorsichtig sein. Nichtsdestotrotz müssen wir mehr über ihn in Erfahrung bringen. Wir brauchen Informationen“, schilderte Michail besonnen.

„Und wie sollen wir das anstellen?“, wollte Aiden wissen.

„Das ist nicht alles, was ich herausgefunden habe“, erklärte er und widmete sich wieder der Tastatur des Notebooks. Er hämmerte in die Tasten und drehte das Gerät ihnen erneut zu.

„Seht ihr? In einigen Tagen, am siebten April, findet im Museum für Kommunikation in Berlin eine Galaveranstaltung statt. Es werden viele Leute von Rang und Namen dort sein. Ratet doch mal, wer das ganze sponsert“, grinste Michail.

„Schön und gut, wie sollen wir da reinkommen? Die werden Gästelisten haben und Sicherheitsvorkehrungen treffen“, wand Kade ein.

„Das ist richtig. Sie haben selbstverständlich eine Gästeliste. Aus dem Grund traf es sich gut, dass Aiden angereist ist“, erklärte er und sah Aiden erwartungsvoll an.

„Ich verstehe. Ich soll mich ins System hacken und euch auf die Gästelisten setzen, hab ich Recht?“, erwiderte Aiden sich die Augen reibend. Er sah erschöpft aus.

„So habe ich mir das gedacht“, gestand Michail.

„Moment mal, ist das nicht gefährlich, wenn wir da alle aufkreuzen? Was, wenn diese hochrangigen Möchtegern-Menschen mit dem Kerl unter einer Decke stecken und es zu einem Kampf kommt?“, rief Kade dazwischen.

„Das können wir nicht ausschließen. Daher möchte ich nur vier Leute reinschicken. Zwei davon sollen Valeria und ihr Begleiter sein. Seid ihr damit einverstanden?“

Valeria und Ares sahen sich an.

„Ja. Wenn es hart auf hart kommt, töte ich ihn an Ort und Stelle“, äußerte sie entschlossen.

„Moment mal, Süße. Erstens solltest du ihn nicht gleich töten. Wir brauchen Informationen, schon vergessen? Und das möglichst diskret. Zweitens, Michail, wird er sie nicht erkennen?“, fragte Kade und wand sich Michail zu.

„Es sind mittlerweile mehr als sechshundert Gäste geladen. Sie haben sämtliche zur Verfügung stehenden Räume gemietet, die Chance, dass er sie erblickt, ist relativ gering, würde ich schätzen. Ich kann es aber nicht mit Sicherheit sagen. Es wird ein Restrisiko bleiben.“

„Ist mir egal. Ich gehe dorthin, selbst wenn ich nur als eine Art Lebensversicherung diene“, warf sie ein.

„Sehr gut. Bevor wir uns an den Plan machen, müssen wir die anderen zwei Mitglieder bestimmen.“ Er sah aufgeregt zu den anderen am Tisch.

„Ich nicht“, sagte Aiden.

„Du nicht. Dich brauche ich hier. Du musst dich ebenfalls in die Überwachungskameras hacken, damit wir uns während der Operation einen Überblick verschaffen können“, schilderte Michail.

„Ich gehe mit“, erklang Kades heitere Stimme.

„Du kannst doch nicht mal tanzen“, erwiderte Sascha.

„Kümmere dich um dich selbst!“, fauchte er.

„Na schön. Dann gehe ich eben auch mit“, verkündete Sascha. Kade rollte nur mit den Augen.

„Wunderbar. Ich verlasse mich auf euch. James? Aiden? Auf sie beide zähle ich auch“, merkte Michail selbstbewusst an.

„Wir werden Sie nicht enttäuschen“, entgegnete James respektvoll.

„Dann besprechen wir jetzt den Plan.“

 

 

Saint-Germain-des-Vaux, Frankreich

Emil betrat den dunklen, mittelalterlich charakteristischen, aber mit modernster Technik ausgestatteten Gewölbekeller des Anwesens. Niemand musste ihm sagen, was er als nächstes zu tun hatte. Er platzierte sich auf dem abgenutzten Stuhl neben dem Seziertisch und wartete. Auf dem kleinen metallischen Tisch auf Rollen zu seiner Rechten befanden sich mehrere Werkzeuge. Eine Handsäge, ein Seitenschneider, eine Wasserpumpenzange und ein Hammer. Es waren nicht mehr als Folterinstrumente. Jetzt musste er nur noch auf seinen Foltermeister warten. Sein rechtes Bein zappelte ungeduldig. Dann vernahm er Schritte von mehreren Personen auf der Steintreppe. Die Rasteranbauleuchten sprangen an und sorgten für bessere Lichtverhältnisse.

„Wurde auch Zeit“, murmelte er zu sich selbst. Sein Bein hörte nicht auf zu zappeln.

„Mein kleines Versuchskaninchen ist dem Ruf seines Herren also gefolgt“, ertönte eine missbilligend klingende, tiefe Stimme.

Ihm offenbarten sich mehrere Personen, die direkt auf ihn zukamen. Eine schlanke Frau in Pumps, in einem stilvollen, weinroten Anzug und mit kurzen roten Haaren, zog einen weißen, flachen Pfefferminzspender aus ihrer schwarzen Glattleder-Schultertasche. Auf einer goldfarbenen Zierkette stand Gucci. Sie hielt ihm den kleinen Spender entgegen.

„Tic-Tacs? Für mich? Das wäre doch nicht nötig gewesen“, äußerte Emil sarkastisch.

Der stämmige, blonde Mann mit Schnauzbart schlug ihm sofort brutal mit der Faust ins Gesicht. Man hörte Knochen brechen. Emil spuckte das in seinem Mundraum angesammelte Blut auf den Boden.

„Autsch“, murmelte er eingeschüchtert.

„Was habe ich dir bezüglich deines Verhaltens erklärt? Muss ich es dir erneut einbläuen?“, erkundigte sich der stämmige Mann. Emil sah schweigend zu Boden.

„Sieh mich an!“, forderte er und Emil sah ihn an.

„Du schluckst die gelbe Kapsel zuerst, hast du mich verstanden?“, knurrte er bedrohlich.

Emil öffnete den Spender und betrachtete den Inhalt. Eine komplett gelbe Kapsel und eine komplett rote. Die gelbe zuerst, sagte er. Er nahm die gelbe Kapsel und schluckte sie.

„Bindet ihn fest!“, befahl der Blonde zwei weiteren Männern, die er mitbrachte.

„Festbinden? D-Das war doch sonst nicht notwendig“, keuchte Emil und bekam sofort den nächsten Faustschlag als Antwort.

Die Männer taten, wie ihnen geheißen wurde, und fixierten ihn mit Riemen um Hals und Gliedmaßen an den Stuhl. Als dies geschehen war, entfernten sie sich von ihm und positionierten sich hinter der Frau. Sie warteten. Warteten wohl auf eine Reaktion. Es blieb ruhig, bis Emil seine Beine bewegen wollte. Er konnte nicht. Die Arme? Konnte er ebenfalls nicht bewegen. Er war paralysiert. Seine Atmung beschleunigte sich rasant. Er wusste nicht, was vor sich ging, was sie ihm da gegeben hatten. Er spürte Furcht, als er das schadenfrohe Grinsen auf den Lippen des Mannes sah. Es hätte ihn eigentlich nicht überraschen sollen, hatten sie seit jeher an ihm experimentiert und geforscht. Er war ihr Versuchskaninchen. So mussten sich also Tiere, an denen Medikamente und Kosmetik getestet wurden fühlen, was? Sie hatten ihn einmal gefesselt, doch das war aufgrund seiner Kraft ziemlich sinnlos, weshalb es bis dato auch das letzte Mal war. Jetzt wusste er, weshalb sie ihn festgebunden hatten. Er war ihnen komplett ausgeliefert, nicht, dass es einen Unterschied gemacht hätte. Sich gegen Maxime zu wehren, kam für ihn nie in Frage. Was hätte er schon ausrichten können?

„Emil?“, ertönte die Frauenstimme. Sie drängte sich in sein Blickfeld. Dieses Gefühl war absolut angsteinflößend.

„Emil, du befindest dich, wie du sicherlich bemerkt hast, in einer Starre. Deine Skelettmuskulatur ist zu 80% gelähmt“, erläuterte sie. Was du nicht sagst, dachte er abwertend.

„Ohne ein Gegenmittel würdest du für mehrere Stunden in diesem Zustand verbleiben“, fuhr sie fort. Bitte sag mir, dass das Gegenmittel in der anderen Kapsel ist, flehte er gedanklich.

„Das ist aber noch nicht alles. Der Inhalt der Kapsel bewirkt, dass dein Schmerzempfinden um ein Vielfaches gesteigert wird. Zumindest versprechen wir uns das davon.“

Das soll wohl ein Scherz sein. Du willst mich doch verarschen.

„Wir werden dir Schmerzen zufügen, dabei werden wir deine Hirnströme aufzeichnen und sehen, ob die von mir entwickelte Kapsel ein Erfolg ist. Keine Sorge, du wirst noch in der Lage sein zu schreien“, schilderte sie fröhlich.

Du dumme Schlampe kannst das doch nicht ernst meinen? Doch es war ihr Ernst und das wusste er auch.

„Bereiten Sie alles Nötige vor!“, befahl die Frau den beiden Männern im Hintergrund, diese machten sich sofort ans Werk, verkabelten ihn mit Sensoren und starteten die nötigen Maschinen. Sie stellte sich dem blonden Mann gegenüber und lächelte zufrieden.

„Wenn das ein Erfolg wird, können wir diese und eventuell auch die rote Kapsel bei der Gala präsentieren. Überleg dir nur mal, was für Summen die einbringen werden, Maxime“, brachte sie aufgeregt hervor. Maxime grinste zufrieden. Die Frau wand sich wieder Emil zu.

„Hast du Angst? Das brauchst du nicht, Schätzchen. Jeder abgetrennte Finger, jeder gezogene Zahn und jedes herausgerissene Auge wird in null-komma-nichts wieder regeneriert sein“, kicherte sie.

 

Qualvolle, erschütternde Schmerzensschreie erfüllten die Flure und drangen bis in Somas Zimmer. Seit zwei Stunden vernahm er diese abscheulichen Laute, die einfach nicht verstummten. In regelmäßigen Intervallen begannen sie erneut, wurden lauter, bettelten regelrecht um den Tod. Soma, der aus seinem geöffneten Fenster sah, kratzte sich nachdenklich am Kinn. Er saß auf der Fensterbank und starrte Löcher in die Luft. Erneut drang Emils gequälte Stimme in sein Gehör.

„Wie soll man sich da konzentrieren?“, brummte er und sah zur Tür.

„Sie foltern den Jungen schon wieder. Ob ich mal Hallo sagen sollte?“, überlegte er laut.

Soma folgte den bestialischen Schmerzensschreien. Je näher er dem Kellergewölbe kam, desto lauter und erschütternder wurden diese. Lächelnd stieg er die Treppe hinab. Es war kurz still. Sie mussten aufgehört haben. Alles, was Soma hörte, waren ein stilles Gespräch und Emils erschöpftes, von Schmerzen durchtränktes Schluchzen und seine angestrengte Atmung. Er bog um die Ecke und betrachtete die Szenerie vor sich. Maxime und die Frau drehten sich zu ihm um.

„Das sind beachtliche Werte. Wir sollten als nächstes die rote Kapsel testen“, schlug die Dame vor.

„Gut, aber erst quälen wir ihn noch ein bisschen. Ich mag, wie es klingt, wenn er schreit“, erwiderte Maxime höhnisch.

Einer der Männer nahm die blutverschmierte Handsäge und setzte diese willkürlich an seinem rechten Arm an. Emils Puls beschleunigte sich ungemein, er atmete in Stößen, keuchte. Schweißperlen bedeckten seine Stirn, liefen ihm übers Gesicht, tropften von seiner Nasenspitze. Sein schwarzes Haar klebte an der Stirn. Sein Kinn zitterte, er bereitete sich erneut auf die kommende Schmerzwelle vor. Soma sah über Maximes Schulter zu Emil. Die Handsäge wurde ruckartig hin und her bewegt und Emil stieß erneut einen ungeheuer lauten und markerschütternden Schmerzensschrei aus. Blut spritzte umher, tropfte auf den Steinboden, der bereits rot getränkt war, spritzte dem Mann ins Gesicht und lief die bereits blutverschmierte Armlehne entlang. Wieso brüllt der so? Für gewöhnlich war dies nichts, was sie nicht ertragen konnten. Sie fühlten zwar trotz allem Schmerz, aber da die Regeneration so schnell einsetzte, war es halb so wild. Also wieso schrie er so? Emil verschluckte sich und hustete stark. Der Unterarm war knapp unter der Ellenbeuge abgetrennt, setzte sich jedoch wieder zusammen. Der Mann nahm nun den Seitenschneider und beugte sich zu Emil runter.

„Jetzt entfernen wir die Zunge“, erklärte er heiter.

„Reicht es nicht langsam mal?“, entgegnete Soma.

Was sollte er schon tun? Er konnte nichts dagegen tun. Ertragen. Er hatte bis jetzt alles ertragen und er würde auch alles, was folgen sollte, ertragen. Er hatte sich Maxime immer gebeugt, war gehorsam. Es gab nie ein anderes Leben für ihn. Der Seitenschneider wurde wie in Zeitlupe auf seinen Mund zu bewegt. Er kam näher und näher.

Nie.

Es gab nie ein anderes Leben. Seit seiner Kindheit. Alles hatte er erduldet. Die grundlosen Prügel, von fremden Männern misshandelt zu werden. Im Dreck zu schlafen. Alles. Und alles hatte er überlebt, also wieso… wieso brach ihn das jetzt so sehr? Seine Augen wurden feucht, bis der Seitenschneider verschwamm. Erneut bereitete er sich auf die Schmerzen vor.

„Es reicht!“, rief Soma harsch und laut. Der Foltermeister stoppte in seiner Bewegung. Alle bis auf Emil starrten ihn an.

Soma ging zum Mann, entriss ihm den Seitenschneider und warf ihn auf den blutigen Tisch. Dann wand er sich an Maxime und die rothaarige Dame.

„Memo an mich: Die Formel umschreiben. Lähmung statt 80 auf 100% erhöhen. Wir testen die rote Kapsel ein anderes Mal“, entgegnete sie und verließ wortlos den Keller. Maxime und Soma starrten sich an, bis Maxime schließlich die beiden Foltermeister zurückrief und sie ebenfalls den Keller verließen. Als er ihre Schritte nicht mehr hören konnte, wand sich Soma an Emil.

„Komm schon, gehen wir“, sagte er und hatte bereits kehrtgemacht, doch dann bemerkte Soma, dass Emil ihm nicht folgte, dass er sich nicht losmachte, nichts. Er näherte sich ihm wieder und hockte sich vor Emil. Er sah zu ihm auf.

„I-Ich kann nicht…“, wimmerte er gebrochen.

„Du kannst nicht? Kannst du dich nicht bewegen?“ Soma wartete keine Antwort ab. Er entfernte die Riemen und die Sensoren und gerade, als er ihn stützen wollte, hielt er inne. Er sah in Emils Gesicht. Tränen rannen ihm über das blutverschmierte Gesicht, unaufhörlich. Er biss die Zähne zusammen, weinte still. Versuchte noch immer alles zu ertragen. Doch wenn man solche Folter, solch eine sprichwörtliche Hölle auf Erden bereits sein Leben nannte, wie viel mehr brauchte es noch, um so jemanden zu zerstören? Die Antwort war…Nichts. Es brauchte nichts mehr. Es brauchte keine Folter, keine weiteren Schmerzen. Was ihn zu diesem Ausbruch brachte, war Soma. Es war jemand, der es wagte, STOPP zu sagen. Jemand, der den Mut aufbrachte, den er nie aufbringen konnte. Jemand, der für ihn einstand, wenn auch nur ein einziges Mal.

Schweigend hob er Emil auf. Er trug ihn auf seinem Rücken und erhöhte Emils Position mit einem schnellen Ruck, sodass dieser mit der Wange kurz gegen seine stieß. Sein Kopf ruhte auf seiner Schulter, als er ihn aus dem Keller trug.

 

 

Bewegungsunfähig lag Emil auf Somas Bett. Soma, der auf der Fensterbank zu seiner Rechten saß, beobachtete ihn.

„Was haben die da wieder an dir getestet?“, wollte er wissen. Emil blinzelte.

„Eine gelbe Kapsel… hat mich… gelähmt und…“, erzählte er, musste aber abbrechen.

Die Schmerzen, die ihm zugefügt wurden. Nichts hätte ihn darauf vorbereiten können. Es war, als würde er bei lebendigem Leibe auseinandergerissen werden. Jeder Stich, jeder Zug, jeder Schnitt, jedes Reißen und jedes Ziehen. Es waren tausend Tode.

„Verstehe. Da war sicherlich noch was anderes drin, sonst hättest du nie so geschrien.“ Emil schluckte.

„Wie lange dauert das jetzt? Die Lähmung, meine ich?“, erkundigte sich Soma.

„Ich weiß es nicht… mehrere Stunden… sagte sie“ Emil schloss die Augen.

„Hm. Dann müssen wir die Zeit irgendwie rum bekommen“, äußerte Soma fröhlich und klatschte in die Hände. Er begab sich zu seiner Gitarre in der Ecke des Zimmers. Er nahm sie und setzte sich zu Emil auf die Bettkante. Als er zu spielen beginnen wollte, unterbrach der Junge ihn.

„Warum…?“, wisperte er. Seine Stimme zitterte.

„Warum…? Warum können Vögel fliegen? Warum ist der Himmel blau? Warum-“

„Warum bist du für mich eingestanden?“, unterbrach er ihn. Soma sah ihn schweigend an.

„Bin ich das?“, fragte er und zupfte leicht an den Saiten seiner Gitarre.

„Ich weiß nicht, Mann. Dein Geschrei ging mir einfach auf die Nerven“, erklärte er und sah weiterhin auf seine Gitarre. Emil versuchte angestrengt zu lachen.

„Ich habe dich… so sehr gehasst, Soma. Ich wollte… wollte…“ Er biss sich auf die Unterlippe. Tränen rannen über seine Wangen.

„Wollte einfach nur sterben. Und du… du… hast das einfach verhindert. Hast mir Unsterblichkeit geschenkt, die ich nie wollte. Hast meine Folter damit verlängert, mich verdammt“, er schluchzte leise.

„Ach ja. Maxime hat dich im Alter von siebzehn zum Anwesen gebracht. Da war ich sieben.“

Verträumt sah Soma auf seine Gitarre.

 

 

„Wohin fahren wir?“, ertönte die ängstliche Stimme vom Rücksitz des Ford Model A.

„Sei still!“, entgegnete Maxime harsch.

Er tat, wie ihm befohlen wurde. Er war noch nie in Russland. Maxime hatte ihn immer nur im Keller des Hauses angekettet und nur selten frei umherlaufen lassen und wenn er es durfte, war der Umkreis, in dem er sich bewegen konnte, stark begrenzt. Beispielsweise nur bis zum Erdgeschoss des Hauses. Manchmal kamen Männer in den Keller. Fremde Menschen, die er noch nie gesehen hatte. Mit ihnen musste er dann mitgehen, aber da wurden ihm immer die Augen verbunden. Wenn man ihn mal in Ruhe gelassen hatte, stellte er sich an eines der großen Fenster im Erdgeschoss und sah verträumt auf die Landschaft. Er fragte sich dann immer, wie sein Leben verlaufen wäre, würde seine Mutter noch leben. Oder wäre er einfach von anderen, liebevollen Menschen großgezogen worden. Aber dann schüttelte er immer wieder den Kopf und dachte an die Worte seiner geliebten Mutter. Du bist ein Kämpfer, mein Sohn. Also kämpfe, hatte sie ihm liebevoll ins Ohr geflüstert, als er im Alter von vier hohes Fieber bekam, das einfach nicht sank, und der Doktor ihn praktisch schon für tot erklärt hatte. Die Worte waren sein Antrieb. Er glaubte fest daran, dass eines Tages alles besser werden würde. Es war das erste Mal, dass seine Augen etwas anderes als Kellermauern und Wiesen erblickten.

 

„Soma?“, sprach Lew, der vor ihm auf die Knie ging. Soma saß in seinem Stuhl, ließ seine Beine vor- und zurückwippen.

„Maxime wird bald hier eintreffen. Er wird einen Gast mitbringen“, erklärte er ruhig und sanft.

„Was ist das für ein Gast?“, fragte der kleine Junge neugierig.

„Es ist Maximes Sohn. Sobald sie angekommen sind, gehen wir ins Labor.“

„Warum? Was machen wir da?“, erkundigte sich der kleine Soma vorsichtig.

„Ich möchte, dass du Maximes Sohn dein Blut zu trinken gibst. Machst du das für mich?“

„Warum?“, erwiderte Soma und stoppte, mit den Beinen zu wippen.

„Weil wir wissen möchten, was passiert“, äußerte Lew, noch immer ruhig und freundlich.

„Und wenn er stirbt?“ Somas Stimme klang kühl.

„Das macht nichts. Es geht nur um das Ergebnis“, entgegnete Lew lächelnd.

„Es ist nicht schlimm, wenn er stirbt?“, wiederholte Soma verwirrt.

„Warum ist es nicht schlimm, wenn jemand stirbt? Wird Maxime nicht traurig werden?“

„Nein, wird er nicht. Glaube mir, es ist in Ordnung, verstehst du?“, versicherte er dem Kind.

„Nein. Das verstehe ich nicht“, erwiderte Soma nachdenklich.

 

 

Das Gebäude lag auf einem Hügel, umgeben von Wäldern und Wiesen. Um diese Jahreszeit schien die Umgebung jedoch karg und farblos. Emil war sich sicher, dass es hier im Sommer wunderschön sein musste. Maxime gab ihm einen festen, schmerzhaften Stoß, welcher ihm signalisieren sollte, sich in Bewegung zu setzen. Der siebzehnjährige Junge stieg die massiven, grauen Stufen der steinernen Treppe hinauf, gefolgt von Maxime. Maxime klopfte mit der Faust gegen die Eingangstüre. Nach wenigen Sekunden öffnete ein Dienstmädchen den Herren und sie traten wortlos ein. Die Dame führte die beiden durch den freundlichen Empfangsbereich, vorbei an dem großzügigen Wohn– und Essbereich. Emil war überwältigt. Die Umgebung wirkte so freundlich und einladend. Er stellte sich vor, wie an dem Esstisch eine Familie saß und gemeinsam zu Abend aß. Oder wie sie im Wohnbereich Gesellschaftsspiele spielten oder einfach nur in den Fernsehapparat starrten. Aber sie waren zusammen. Die Etage war mit prachtvollen Teppichen ausgelegt und neben der Küche gelangte man auf die Terrasse, für unvergessliche Sonnenstunden. Und für Tage wie diese gab es direkt daneben einen Wintergarten. Die Dame führte sie zu einer roten Tür. Maxime öffnete diese und ließ Emil die Stufen der Treppe hinabsteigen. Sie führten zu einer weiteren Tür. Zögernd öffnete er sie und betrat den Raum der, seinen Erwartungen widersprechend, ihm wie ein normaler Raum vorkam. Er war hell erleuchtet. Eine Ecke des Raumes war wie ein kleiner Wohnraum mit Sessel und einer Zweisitzcouch ausgestattet. An den Wänden ragten mehrere Bücherregale empor, die alle mit Büchern zugestellt waren. Manche lagen sogar auf dem steinernen Fußboden. Mehrere Tische, auf denen Papiere und noch mehr Bücher lagen. Dann wiederum sah er Tische, die kalt und unheimlich aussahen, auf denen mehrere Messer und Spritzen lagen, alles fein säuberlich sortiert. Mehrere medizinische Apparaturen, mit denen er nichts anfangen konnte, mehrere kleine Zettel, die an die Wand geklebt wurden. Eine ungemütlich aussehende Liege mit Schnallen und Regale, in denen große Gläser mit für ihn undefinierbaren Inhalten aufgereiht wurden.

In der Mitte des Raumes stand Lew. Er streichelte Soma über den Kopf. Dann schritt er zur Seite und stellte sich neben das Kind.

„Guten Abend“, begrüßte Soma die beiden Gäste.

„G-Guten Abend“, erwiderte Emil.

Soma betrachtete den großen Burschen. Er war dünn, trug einen abgenutzten, alten braunen Anzug, der an ihm zu klein schien. Seine mittellangen, blonden Haare verdeckten seine Ohren und stellenweise die blau-grauen Augen.

Auch Emil sah den kleinen Jungen neugierig an. Er würde ihm vielleicht bis zur Hüfte reichen. Seine rosafarbenen Wangen gaben der sonst hellen Haut einen niedlichen Kontrast. Die eisblauen Augen fixierten ihn ebenso neugierig. Sein kurzes, weißes Haar war ordentlich gekämmt. In einem weißen Hemd mit ordentlichem Kragen und der braunen, karierten Weste mit Hundzahnmuster, der schwarzen, knielangen Stoffhose und den eleganten Lackschuhen stand er kerzengerade vor ihm. Maxime und Lew gingen beide auf die Couch in der hinteren Ecke zu und nahmen Platz. Gebannt, wie in einem Theater, beobachteten sie das Geschehen.

„Lass sie machen!“, flüsterte Lew seinem Freund zu.

Soma schritt auf Emil zu, der sichtlich angespannt war.

„Wie heißt du?“, wollte der kleine Soma wissen.

„Mein Name ist Emil.“

„Hallo Emil. Ich bin Soma.“

„Hallo Soma.“

Emil wusste nicht, weshalb er hier war. Ihm wurde nichts erklärt. Er sah dieses Anwesen und die Menschen zum ersten Mal. Er fragte sich, was mit ihm passieren würde. Soma wandte sich von ihm ab und lief zu einem der metallischen Tische. Er sah sich die Messer an und entschied sich für ein Skalpell, welches er in die kleine rechte Hand nahm. Damit lief er wieder zu Emil. Er stellte sich nah vor ihn und blickte ihn an.

„Kannst du bitte niederknien, Emil?“, wisperte er und Emil kniete. Soma sah ihn eindringlich an.

„Du könntest sterben“, erklärte Soma noch immer flüsternd.

„Wirklich?“, fragte Emil viel mehr hoffend als verängstigt. Soma nickte langsam.

„In Ordnung“, wisperte Emil.

Soma rammte sich das Skalpell durch die linke Hand und ließ es stecken. Blut tropfte von der Spitze der Klinge und lief über sein Handgelenk. Der weiße Ärmel saugte die rote Flüssigkeit auf und färbte sich.

„Trink das, Emil!“, sagte er und hielt seine blutende Hand über Emils Gesicht. Er sah zu ihr hoch und öffnete mit geschlossenen Augen den Mund. Die Blutstropfen fielen auf seine Lippen. Er lehnte den Kopf in den Nacken und öffnete seinen Mund weiter. Er schluckte jeden Tropfen. Die Flüssigkeit tropfte auf sein Kinn, lief den Hals und seine Mundwinkel hinab.

Plötzlich krümmte sich Emil, krampfte vor Schmerzen. Er hielt sich die Kehle, keuchte und hustete. Er brach auf dem kalten Steinboden zusammen. Er kratzte mit den Fingernägeln über das Fundament, bis seine Fingerkuppen bluteten. Soma kniete sich hin.

„Hast du Angst?“, flüsterte er dem sich qualvoll windenden Emil zu. Er schüttelte angestrengt und unter starker Atemnot den Kopf.

„Warum denn nicht?“, fragte er verwirrt. Emils Bewegungen wurden langsamer. Er rollte sich mit letzter Kraft auf den Rücken und sah in Somas Gesicht.

„Da… nke“, flüsterte Emil schwach und tat seinen letzten Atemzug. Verwirrt legte Soma den Kopf schief.

Endlich. Endlich konnte er schlafen. Die Schwärze empfing ihn liebevoll. Er verspürte Frieden. Endlich hatte er sich von dieser Welt verabschiedet und er musste nie wieder zurück.

Nie wieder.

Erschrocken riss er die Augen auf und sog die Luft scharf ein. Als wäre er gerade aus einem furchtbaren Alptraum erwacht, atmete er tief durch. Schweißperlen sammelten sich auf seiner Stirn. Der Boden war eiskalt. Er war unbequem, hart, doch er blieb liegen und starrte an die Decke. Regungslos.

„Unglaublich“, hörte er die erstaunte Stimme eines Mannes. Es war eine ihm nur allzu vertraute Stimme.

Nein.

„Was ist da gerade passiert?“, fragte eine zweite Stimme.

Nein. Bitte nicht.

Ein Gesicht drängte sich in sein Blickfeld. Ein kleines Gesicht, mit weißen Haaren und kalten Augen. Ausdruckslos auf ihn hinabblickend. Seine Gedanken rasten.

Warum? Warum wird mir selbst der Tod verwehrt?

Er schloss seine Augen wieder in der Hoffnung, sie niemals wieder öffnen zu müssen.

 

 

„Wenn du wirklich sterben willst, Emil, warum tust du es dann nicht?“, erkundigte sich Soma und spielte auf seiner Gitarre. Emil sah ihn wortlos an.

„Reiß dir doch dein eigenes Herz raus, zerquetsch es!“ Emil schwieg.

„Oder willst du, dass es jemand anderes für dich übernimmt?“ Soma summte eine Melodie zum Klang der Töne. Emil sah weiterhin schweigend an die Decke. Er lauschte dem Gitarrenspiel und Somas schöner Stimme.

„Du hast dir dieses Skalpell damals, ohne mit der Wimper zu zucken, durch die Hand getrieben. Hast nicht einmal einen Mundwinkel verzogen. Nichts. Ich fand das sehr beeindruckend. Ich hätte das nicht gekonnt. Du hast die Schmerzen ertragen und wer weiß, was du noch alles ertragen hast“, äußerte er und sah ihm beim Spielen zu.

„Ich dachte, ich könnte das auch schaffen. Ich kann es schaffen. Ich bin ein Kämpfer, also kämpfe ich.“

Soma stimmte eine beruhigende und wunderschöne Melodie an.

„Ich will nicht, dass du stirbst, Emil“, gestand er und stimmte mit einem harmonisch klingenden Lied in sein Gitarrenspiel ein.

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