CreepypastaKurzObjekte

Tempolimit

Du willst was Gruseliges hören? Ich werd’ dir was Gruseliges erzählen. Vielleicht findest du es auch nicht gruselig, aber mir hat die Geschichte eine Scheißangst gemacht, das kannste mir glauben. Mein Name ist Ben, Benjamin Bauer, um genau zu sein, und was ich dir jetzt erzähle, ist tatsächlich passier… Da brauchst du gar nicht so dämlich zu grinsen und die Augen verdrehen, Klugscheißer! Das ist nicht irgend so’n Spökes, den der beste Freund deines Nachbarn dessen Friseur sein Schwager gaaaanz bestimmt erlebt hat. Diese Geschichte ist tatsächlich passiert – und das weiß ich deshalb so genau, weil sie mir passiert ist, okay? Also lass das Gefeixe, wenn du die Story hören willst!

Also, folgendes: Ich war vor ’ner Weile… Oder Moment, ich glaub, ich muss etwas weiter ausholen. Weißt du, ich hab letzten Oktober einen Unfall verursacht, bei dem ist ’ne junge Mutter mit ihren Zwillingen schwer verletzt worden. Ist von der Fahrbahn abgekommen und hat sich überschlagen. Dabei hab ich die Nuckelpinne nicht mal berührt. Die Alte hat vor Schreck das Lenkrad verrissen, als ich an ihr vorbeigeflogen kam. Und der Windsog hat ihr noch ’nen Extraschubs verpasst. Naja, auf jeden Fall bin ich einfach weitergefahren. Hab so getan, als hätt ich nix davon mitbekommen. Sogar vor Gericht. Das Ende vom Lied: Freispruch aus Mangel an Beweisen. Keine Fahrerflucht, keine unterlassene Hilfeleistung. Haben mich nur ermahnt, künftig langsamer zu fahren.

Ich hab natürlich was von wegen Arbeit und Termindruck vom Stapel gelassen und Besserung gelobt. Das übliche Blabla halt. In Wirklichkeit bin ich aber nicht so schnell gefahren, weil ich’s musste, sondern weil ich es einfach geil fand. Schon mal zweieinhalb Tonnen SUV mit 230 Sachen über die Autobahn geprügelt? Da geht Dir echt einer ab. Aber nach der Nummer, von der ich dir jetzt erzähle, ist mir die Lust am Heizen echt vergangen, das kannste mir glauben. Nach der Sache bin ich geheilt, weißte? Hab mich gestellt und der Polizei die Wahrheit gesagt. Meinen Führerschein seh ich jedenfalls so schnell nicht wieder.

Auf jeden Fall… ein paar Wochen nach meinem Freispruch hatte ich ’nen Auftrag weiter weg und hatte keine Lust, die ganze Strecke mit dem Auto zu fahren. Also bin ich geflogen und hab mir vor Ort ’nen Leihwagen genommen. Richtig fettes Teil. Porsche Cayenne S… 440 PS, 265 Spitze. Von so ’nem Nobelverleiher. Also ich bin gerade gelandet und hab mein Gepäck abgeholt, da steht dieser Typ vom Autoverleih mit einem Schild mit meinem Namen drauf und nimmt mich in Empfang. Begrüßt mich ganz förmlich und so und geht dann mit mir in ein kleines Besprechungszimmer, um die Formalitäten zu erledigen. Das Übliche halt.

An dem Kerl war auch nichts großartig Besonderes dran. Mittleres Alter, graue Haare, nicht sehr groß. Unauffälliger, seriöser Typ halt. Dezenter Anzug mit Namensschild, Aufschrift lediglich: „Winter, Kundenbetreuer“, Firmenlogo dazu, fertig. Naja, nachdem wir alles durchgekaspert haben, meint er ganz am Ende: »Eine Kleinigkeit noch, Herr Bauer. Als wir den Wagen für sie vorbereitet haben, hat unser Service-Mitarbeiter festgestellt, dass das interne Navigationssystem offensichtlich defekt ist und gelegentlich Aussetzer hat. Leider hatten wir noch keine Gelegenheit, den Fehler beheben zu lassen, deshalb haben wir für Sie ein Ersatzgerät im Handschuhfach hinterlegt. Ich hoffe, das macht keine Umstände.« Ich antworte, solang es mich nicht irgendwo in die Walachei schickt, ist das okay. Und er grinst nur: »Dafür kann ich garantieren.« Und danach hat er mich zum Wagen gebracht. Ein geiles Gerät. Nagelneu, anthrazitgrau-metallic, so richtig mit Überhol-Appeal. So’n Teil, wo die Anderen schon freiwillig Platz machen.

Naja, jedenfalls… ich bin schon fast vom Parkplatz runter, da fällt mir das mit dem Navi wieder ein. Ich also kurz rechts ran, ins Handschuhfach geguckt, und da lag dann tatsächlich so’n TomTom drin. Ebenfalls nagelneu. Und ein laminiertes Merkblatt mit Kurzanleitung drauf. Also hab ich das Ding angeschlossen und bin losgepest. In der Nähe vom Flughafen war noch ziemlich viel Verkehr, aber hinter’m nächsten Autobahnkreuz hat’s sich dann aufgelöst. Da hab ich den Pferdchen natürlich erst mal die Sporen gegeben. Und die sind losgetrabt, als wär’s garnix. 130, 140, 150… wie an der Schnur gezogen. Gerade rauschen die 160 durch, als sich das Navi meldet. Einfach so, ohne irgendeinen Grund. Und statt dem Mädel, das vorher dran war, hör ich die Stimme von diesem Winter, diesem Kundenbetreuer vom Autoverleih.

»Guten Morgen, Herr Bauer! Um Ihrer Leidenschaft für eine zügige Fahrweise Rechnung zu tragen, hielt ich es für angemessen, ein kleines… nun… Zusatz-Feature zu installieren, welches Ihnen gestattet, Ihre Passion… sagen wir… ungebremst auszuleben, gewissermaßen. In dem Wagen, in dem Sie sitzen, ist eine Bombe. Sobald der Wagen schneller als 150 Stundenkilometer fährt, ist die Bombe scharf. Fährt er weniger als 150 Stundenkilometer, wird sie explodieren. Sollten Sie versuchen, das Fahrzeug zu verlassen, wird sie explodieren. Sollten Sie versuchen, die Polizei zu verständigen, wird sie explodieren. Falls Sie möglichst lange leben möchten, sollten Sie von nun an kraftstoffsparend fahren. Ansonsten gilt: Sollten Sie oder weitere Personen während dieser Fahrt verletzt oder getötet werden, wird die Verleihfirma jedes Wissen von Ihrem Auftrag abstreiten. Diese Nachricht wird sich innerhalb von fünf Sekunden selbst zerstören. Viel Glück, Ben.«

Du kannst Dir vielleicht vorstellen, dass ich ziemlich blöd aus der Wäsche geguckt habe. Klingt natürlich erst mal nach ’nem schlechten Scherz. Ich meine – Speed meets Mission Impossible. Aber der Kerl hatte einen Tonfall drauf, der klang überhaupt nicht lustig. Knochentrocken. Ich hab ihm jedenfalls sofort abgekauft, dass er’s ernst meint. Todernst. Hab unwillkürlich erst mal Gas gegeben. Als ich mich dann halbwegs wieder eingekriegt hatte, war ich schon bei über 190 Sachen. Ich hab dann den Tempomat reingetan – sicherheitshalber auf 160 – und angefangen nachzudenken, wie ich aus der Nummer irgendwie rauskomme. Und weißte, zu welchem Ergebnis ich gekommen bin?

Garnicht! Ich meine, in diesen modernen Dingern gibt es nichts, was nicht elektronisch kontrolliert wird. Abgesehen davon, dass man bei 150 Sachen nicht einfach so aussteigen kann, ohne sich den Hals zu brechen – zumindest nicht ohne Motorrad-Kombi mit Protektoren noch und nöcher… Sobald man ’ne Tür oder auch nur ein Fenster öffnet, kriegt die Elektronik das mit. Verdammt, die misst sogar, wo einer sitzt, damit im Ernstfall die richtigen Airbags und Gurtstraffer gezündet werden. Das heißt, wenn die Bombe am Bordcomputer hing, hieß es sowieso Sayonara und Hasta la vista, Baby! Im Grunde konnte ich mir nur aussuchen, wie ich den Löffel abgebe: vor dem Grillen zermanscht werden oder nicht. Aber die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt. Also hab ich mir weiter das Hirn zermartert, ob ich irgendwas tun kann. Und dann kam mein Freund und Helfer.

Was ich nämlich nicht wusste, war, dass die Karre als gestohlen gemeldet und zur Fahndung ausgeschrieben war. Und die Cops dachten natürlich, ich bin auf der Flucht mit dem Teil. Setzen sich also vor mich und machen ihr „BITTE FOLGEN“-Zeichen an. Hab ich auch brav gemacht. Nur langsamer fahren konnt ich ja nicht. Und als die vom Gas gingen, um mich auf den nächsten Rastplatz zu eskortieren, bin ich ausgeschert und weitergefahren. Fanden die überhaupt nicht komisch. Haben die Fackeln und Lalülala angemacht und sind mir hinterhergeheizt. Hätt ich ’nen dicken Edding dabeigehabt, hätt ich was an die Seitenscheibe schreiben können. Hätte, hätte, Fahrradkette…

Naja, lange Rede, kurzer Sinn: Nachdem wir noch ein Weilchen dahergebrezelt sind, taucht vor uns ’ne Baustelle auf. Den Verkehr hinter mir hatte die Polizei schon abgeriegelt. Und jetzt hatte sie vor mir beide Fahrspuren dichtgemacht. Da hab ich versucht, zwischen den Baken durch und über die Baustelle zu fahren. Hab’s sogar noch zwischen ’nem LKW und ’ner Planierraupe durchgeschafft. Und dann muss ich irgendwas gerammt haben. Jedenfalls ist die Karre geschleudert, dass ich nicht mehr wusste, wo oben oder unten ist, plötzlich tat’s ’nen Riesenknall und ich stand da. Im ersten Moment dacht ich, die Bombe wär hochgegangen, aber es waren nur die Airbags, die so geknallt hatten. Und dann haben mich die Bullen aus dem Wrack gezerrt und festgenommen. Wusste gar nicht, dass man sich darüber freuen kann, wenn einer einem ’ne 9 Millimeter unter die Nase hält.

Die Polizei hat den Schrotthaufen natürlich untersucht. Ergebnis: Nichts. Niente. Nada. Keine Spur von ’ner Bombe. Elektronik, Bordcomputer, internes Navi – abgesehen davon, dass die Karre gestohlen war, war alles in bester Ordnung. Das Einzige, was da nicht rein gehörte, war dieses verdammte TomTom. Auch geklaut. Der Typ hat lediglich seinen Sermon davon abspielen lassen und dafür gesorgt, dass das Ding anschließend seine Festplatte neu formatiert hat. Ich hätt jederzeit anhalten können, ohne dass das Geringste passiert. Der Kerl hat mich einfach nur verarscht.

Beim Autoverleiher genau das Gleiche. Winter? Ham’wer nicht. Das Zimmer im Flughafen? Ein Besprechungsraum, der grad nicht benutzt wurde. Und die Bilder von den Überwachungskameras zeigen irgendso’n Allerweltsgesicht, das keinem auffällt. Ich mein, der Typ ist natürlich zur Fahndung ausgeschrieben, aber die Polizei hat mir gleich gesagt, dass die Chancen verschwindend gering sind, ihn zu kriegen. Gibt einfach zu wenig Anhaltspunkte. Ende der Story. Naja, ich hab auf jeden Fall meine Lektion gelernt. Glaub mir, wenn du dazu gezwungen bist, ist die Raserei überhaupt nicht mehr lustig. Ich kann seitdem jedenfalls gut drauf verzichten.

Also dann… Mach’s mal gut! Und fahr nicht so schnell!





by Horrorcocktail

Mehr über Winter erfährt man in Victor & Winter – die Chroniken

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