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26*C+M+B*51 – Teil 1 – Adventskalender 2019

”’Kapitel 1”’

„Kopf!“, herrschte sie und ihre Stimme vibrierte genauso wie
ihr Geduldsfaden. „Und zappel nicht wieder! Wir haben bestimmt schon einen
Achtelschatten verloren, nur weil du nicht stillhalten kannst!“ Ihre Hände
dehnten eine violette Bandage. Die einst purpurne Farbe war bleich und
durchzogen von Flecken. Die gewobenen Fasern ausgefranst; übersäht von Löchern,
die die filigranen Stickereien unwiederbringlich auflösten.

Zorn gab nach und neigte das Haupt. Seine halblangen Haare
drückten gegen die Augenbrauen, es juckte und kitzelte, als sie den Verband,
Windung für Windung um seinen Schädel wickelte. „Je mehr du zurückzuckst, desto
länger dauert es! Zum siebzehnten Mal!“, zischte sie, noch bevor er überhaupt
die Gelegenheit bekam, seinen angespannten Nacken zu lockern und seinen Kopf
dem langgezogenen Stofffetzen zu entziehen. Sie kannte ihn eben doch zu gut.

„So, fertig!“ Die halb erleichterte, halb zweifelnde Stimme
überzeugte Zorn nur wenig. Zögerlich hob er den Blick, die Lippen aufeinander
gepresst. Der Spiegel auf der anderen Seite des Raumes glitzerte mit geradezu
schadenfreudiger Begierde darauf, eine furchtbare Wahrheit zurückzuwerfen.
„Mann, Ylenia! Ich sehe aus wie ein Vollidiot!“, rief er seiner großen
Schwester entgegen. Sie war einige Schritte zurückgetreten und betrachtete ihr
Werk mit flexibler Mimik. „Ach was! Du siehst gut aus!“, kommentierte sie den
(nach Möglichkeit) symmetrischen Verband um seinen Kopf, die weinrote, mit
rostigen Pailletten verzierte Robe und den Holzstab dessen Spitze in einer
eisernen Gabelung mündete. „Ich hab wirklich mein Möglichstes getan!“,
versicherte Ylenia, doch das Zucken ihrer Lippen verriet nicht ganz ob es
Belustigung oder Scham entsprang.

„Aber wozu das Ganze, hm? Ich verstehe es immer noch nicht!
Es nutzt niemandem irgendwas! Nicht das Geringste und trotzdem muss sich jedes
Jahr einer zum Deppen machen, obwohl es eigentlich sogar ziemlich gefährlich
ist!“, rief Zorn mit dem Trotz der Verzweiflung. Ylenia nahm sich die Zeit für
einen mühsam beherrschten  Atemzug.
„Zorn, das ist seit vorgestern das sechsunddreißigste Mal, dass du mir damit in
den Ohren liegst! Vielleicht gibt es dabei ja wirklich keinen pragmatischen
Nutzen, aber zu sagen, dass es nichts bringt ist ziemlich anmaßend! Du siehst
doch selbst, wie glücklich, wie hoffnungsvoll die Leute jedes Jahr sind, wenn
das Fest losgeht. Wenn ich mich richtig erinnere hast du auch sehr gerne
mitgefeiert, wann immer…“

„Hörst du bitte mal auf, so ziemlich alles mitzuzählen, was
ich den ganzen Tag sage oder tue?“, unterbrach Zorn, in der Hoffnung, Ylenias
Vortrag auf ein Minimum zu kürzen, doch nach einem beiläufigen „Nein, anders
scheinst du es nicht zu lernen!“, kehrte seine große Schwester unbeirrt zu
ihrem Thema zurück: „Und ob es gefährlich ist…. Na ja, es ist nie ganz
ungefährlich die Oberfläche zu betreten, das gebe ich zu. Aber die anderen
Stämme, selbst die Menschenfresser, haben ihre eigenen Feste und bleiben
währenddessen in ihren…. Wo auch immer sie hausen. Sieh mal, letztes Jahr war
Marx dran, das Jahr davor Natan, das Jahr davor Wille. Und selbst ihr als
Mädchen ist nichts passiert.“

Zorn schwieg. Als er die Unterlippe an seinen Zähnen entlang
zog, entstand ein Geräusch, dass seine jungen Knochen einzig und alleine für
ihn bestimmt hatten. „Jetzt hör mal!“, Ylenia legte sanft die Hand auf seine
Rippen, doch noch während ihr halb geöffneter Mund neuen Atem für einen
frischen Schwall Worte schöpfen konnte, unterbrach er. „Ja ja, ich weiß! Die
Feste der Zivilen sind so gut wie verloren! Deshalb bedeutet es –vor allem den
Alten- so viel, wenn wir erhalten, was zu erhalten ist. Und diese bescheuerte
Aktion, mit diesem bescheuerten Aufzug ist so ziemlich alles, woran sich die ”Leuchtenden Worte ”erinnern und deshalb
muss jedes Jahr irgendeine arme Seele…“

„Arme Seele? Wo hast du denn das her?“, platze Ylenia
heraus. „Von Hoffnung.“, entgegnete Zorn kurz angebunden. Wenn seine Schwester
selbst den Gegenstand des Gesprächs wechselte, hatte er die besten Chancen, von
ihren  nicht enden wollenden
Überzeugungsreden verschont zu bleiben. Er durfte ihr die Erleichterung nur
nicht allzu deutlich auf die Nase binden. „Also… ähm…!“ Ylenias milde Züge
nahmen einen Hauch von Verlegenheit an. „Welcher Hoffnung?“ „Raparr.“, war die
allzu knappe Antwort. Dieses Thema war weitestgehend erträglicher als die
vorhergehenden Tiraden, aber wenn Zorn schon in einem dämlichen Aufzug eine
sinnlose Aufgabe erfüllen musste, hatte er auch keine große Lust, untypische
Redensarten zu diskutieren.

„Ah, der Junge!“, Ylenia kicherte. Zorn zog eine Augenbraue
hoch, worauf seine Schwester allzu schnell mit ihrer ursprünglichen Ansprache
fortfuhr: „Jetzt pass mal auf, jeder hier muss…!“

„Ist ja schon gut! Ich mach es doch! Du musst nicht noch
weiter argumentieren! Ich mach es!“, spie Zorn mit steigendem Nachdruck aus.
Sieh mal-, hör mal-, pass mal auf-. Dass seine Schwester bei völlig identischem
Inhalt nie den Wortlaut wiederholte trieb ihn in den Wahnsinn. Und eigentlich
hatte er sich doch schon vor Tagen in sein Schicksal gefügt, oder? So war es
diesmal Zorn der tief durchatmete und sich um Beherrschung bemühte.

„Wir sind definitiv Verwandt!“, Ylenia lächelte. „Wir
reagieren ganz ähnlich, wenn wir genervt sind.“, ihr darauffolgendes Lachen
klang hell und klar, und besaß doch eine kaum merkliche, bittere Note. „Hör mal
Zorn, ich verstehe es ja. Es ist nervig und ja, es kann gefährlich werden. Aber
weißt du was? Eine Tradition der Zivilen zu beleben schafft nicht jeder. Und
weißt du noch was? Ich bin stolz auf meinen Kleinen, dass er es wirklich tut!“
Und wieder legte sie ihre Hand auf seine Rippen. Über seine Schulter
betrachtete sie einen mit Plastik verschmolzenen Metallstuhl, der unter einem
hohen, trüben Fenster stand, oder viel eher das Bein des Stuhls. „Und jetzt
komm, es wird Zeit! Der Gau wartet!“

„Können wir wenigstens nicht durch den Hauptschacht?“,
konnte Zorn sich nicht verkneifen. Wenigstens den Kommentar zu ‚meinem Kleinen‘
schluckte er erfolgreich herunter. „Willst in der Öffentlichkeit nicht gesehen
werden, was?“, Ylenia schaffte es nicht ganz, ihr hämisches Grinsen zu
verbergen. „Nein musst du nicht, du kannst den Nebenschacht über den Hinterhof
nehmen!“ „Wie? Du kommst nicht mit?“, Zorn musste schlucken. „Hey, tut mir
leid, aber ich bin nicht von den Lehren freigestellt, weil ich zum Kreiden
gehe! Ich muss Roma lernen! Aber du bist ja kein kleines Kind mehr! Ein paar
100 Meter schaffst du auch ohne deine große Schwester! Jetzt auf! Du musst zum
Gau!“

Ja. Selbstverständlich. Sicherlich hatte es nichts damit zu
tun, dass sie nicht mit ihrem verkleideten Bruder gesehen werden wollte. Zorn
biss sich auf die Unterlippe. Wortlos verließ er das granitverkleidete Zimmer
seiner Schwester. „Vergiss nicht, dich von Mama zu verabschieden!“, rief Ylenia
ihm nach und nach einer kurzen Bekundung seiner Mutter, wie Stolz sie sei,
kehrte Zorn der heimischen Höhle den Rücken;
eine grob gearbeitete Steinwendeltreppe hinab, die sich weiter und  weiter nach unten wandte.

Die Gaslaternen, die die weiten Gänge des Schachtes
ausleuchteten warfen einen Schatten hinter die hohlen Säulen, die als Wohnraum
dienten. Ein Schatten um den Zorn heilfroh war. Gebückt in der Dunkelheit
wünschte er sich so ziemlich jeden den er kannte weit von sich weg. Alleine die
Verkleidung war unerträglich peinlich. Verstohlen sah er sich um, bevor er sich
in einen in Form gehauenen Innenhof flüchtete. Das Salz an den Wänden der Höhle
glitzerte und rieselte. Alles wie immer. Kaum Menschen um die Wohnstätten
herum. Vorsichtig öffnete Zorn den Riegel einer kniehohen Barrikade, auf der
anderen Seite des Hofs und verschaffte sich damit Zugang zum dunklen
Seitentunnel, der ihn mit dem aschefarbenden Glanz der reflektierenden
Salzkristalle begrüßte.

Es dauerte nicht lange bis der schwache Widerschein in
undurchdringliches Schwarz hinüberglitt; undurchdringliches Schwarz, das jedoch
kaum drei Kurven lang anhielt, bevor die kristallinen Lichtpunkte das Ende des
Tunnels aus den unförmigen Granitwänden heraus prophezeiten. Als Zorn in die
ausladende, von Neonlicht erhellte Tropfsteinhöhle hinaustrat, wand er seinen
Nacken im samtenen Kragen der Robe. Der Zwirn musste mit Salz gefüttert sein.
Oder Blei. Oder vielleicht war es beides. Gesammeltes Gewicht einen
unangenehmen Druck auf Zorns Schultern hinabsenkte. Reichte es nicht, dass er
in dieser würdevollen Gewandung unwahrscheinlich dämlich aussah, musste sie
auch noch derart schwer sein? Er widerstand dem Drang, den Stab in seiner Hand
zu schultern und reckte den Kopf um die Belastung gering zu halten… und um sich
nach potenziellen Augenzeugen umzusehen.

Diese Höhle war kein viel begangener Weg, schließlich besaß
sie nur zwei für breitere Massen angelegte Durchgangstunnel. Einer davon führte
zur Hauptkreuzung, dem zentralen Knotenpunkt dieses Gewebes aus Tunneln,
Schächten und Höhlen. Der andere wiederum über einen hastig in Stein
gemeißelten Aufgang direkt zum Gau. Größere Sorgen als die künstlichen Tunnel
bereiteten Zorn jedoch die acht natürlichen Hohlräume, die sich nur allzu gut
als Abkürzung nutzen ließen. Was wenn nun plötzlich einer seiner Freunde aus
einer der schwarzen Höhlen im Salzstein platzen würde? Zorn beeilte sich noch
ein bisschen mehr. Zu seinem Unglück blieb die schützende Einsamkeit des
Tropfsteins nicht unangetastet; zu seinem Glück waren es nur ein schwerfälliger
alter Mann und zwei unbeteiligt wirkende Frauen, die einen Fuß unter die
Stalaktiten setzten.

Um diese Zeit war der Gau nicht allzu gut besucht. Wozu
auch? So wie die Schatten standen wäre es ein Zeichen von Faulheit oder
Gebrechen, den Gau zu besuchen. Jeder dürfte noch mit seiner Arbeit beschäftigt
sein. Wenn er es sich recht überlegte, hätte Zorn die Arbeit vorgezogen. Oder
wenigstens die Lehren. In widerwilliger Hast durchmaß er die Tropfsteinhöhle.
Vorbei an altem Mann und Frauen, vorbei an Stalagmiten und vorbei an einem aus
Bambus und Metall gefertigten Wegweiser.
Eine Kombination aus Strichen und Kreisen, die mit etwas Fantasie an
Gesichter –lachende, weinende, oder auch ausdruckslose Gesichter- erinnerten
waren in den gusseisernen Pfeil gebrannt. ‚Gau‘ entnahm Zorn den Insignien aus
den Augenwinkeln.

Erst als er die schwere Tür hinter sich geschlossen hatte
und das zuckende Licht des Gaus von der niedrigen Decke strahlte, fiel jede
Eile von Zorn ab. Der Gau war einer der wenigen Orte, die nicht vom beißenden
Aroma des Salzes beherrscht wurden. Überhaupt, dies war der am filigransten
konstruierte Raum, den Zorns junges Weltbild kannte. Die grauen Böden aus
unbekanntem Material, durchzogen von verschiedenfarbigen Linien, die zwar
brüchig und bleich waren, aber nichtsdestotrotz jeden Neuankömmling zweckmäßig
zum richtigen Ziel leitete. Und so ignorierte Zorn die roten und grünen Linien
und folgte der blauen. Es klang dumpf und tonlos, als sein Stab über den Boden
schliff. Der Korridor war eng und rechts und links versehen mit drei
Abzweigungen (die vierte war verschüttet), Wänden in die weitgehend intaktes
Glas eingefasst war und schließlich, am Ende des Ganges, die Tür des Büros.
Seines Ziels.

Zorn drehte den Nacken. Sei es um seine Schultern vom
Gewicht der Robe zu entlasten, sei es um den Eintritt noch etwas
hinauszuzögern. Links von ihm, unmittelbar vor der Kante des Korridors hing
eine schwer aussehende, stählerne Gittertür. Die Dunkelheit des Raumes ließ die
Konturen hinter den Metallstäben verschwimmen und so erkannte Zorn nur, dass
die Kammer dahinter mit dickbäuchigen Fässern erfüllt war, aus denen eine
Unzahl von Drähten ragte. Wenn er die Augen zusammenkniff konnte er erkennen,
dass die Kupferschnüre gebündelt und durch ein Loch an der rechten Wand gezogen
worden waren. Zorn wandte sich ab. Wenn er zu lange trödelte, würde Ylenia ihm
Monate in den Ohren liegen. Mit zitternden Händen, mit trockenen Muskeln, die
sich durch seine Kehle wühlten, klopfte er an die Bürotür.

„Herein!“, Phans Stimme war wie immer. Leicht dröhnender
Bass gepaart mit einer seltsam sonorer Einfärbung. Als könne er sich nicht
entscheiden ob er fest oder weich klingen wollte. „Ah, Zorn!“, summte er
erfreut, als der schlaksige Junge halb elegant durch den Türrahmen stolperte.
„Hallo…. Ähm… Phan!“, sagte Zorn in gedämpfter Lautstärke. Der massige Mann
hinter dem fleckigen Eisenschreibtisch musterte ihn. Seine (schmalen) Augen
wölbten sich hinter die dunkelbronzene Haut als sein Blick vom ausgebleicht
violetten Verband auf Zorns Kopf hinunter zur dunkelroten Robe neben dem
gegabelten Stab, den der Junge von sich weg hielt.

„Die Robe passt dir wirklich am besten!“, bemerkte Phan. Und
noch während Zorn zweifelte, ob die Anerkennung darin wirklich ihm galt,
stemmte Phan seine fleischige Hand gegen die Tischplatte und hievte sein
monumentales Körpergewicht auf die Beine. Fett hätte man ihn nennen können.
Zorn hatte nur gerüchteweise von der beispiellosen Kraft dahinter gehört. „Ich
nehme mal an du bist hier um deine Genehmigung und die restlichen Sachen
abzuholen?“, fragte Phan noch während sein Gegenüber sich fragte, ob dieser
mächtig wirkende Mann wohl ohne weitere Anstrengung im Stande wäre, seinen
Schreibtisch anzuheben.

„Also…“ Zorn ließ seine Pupillen für einen Augenblick
sinken, bevor er den Raum nach Hinweisen absuchte. Etwas um seine Widerworte
möglichst erfolgversprechend einleiten zu können. Etwas um seine nervöse
Verlegenheit aufzulockern. Lichtgläser, die direkt hinter Phans Rücken an der
Wand festgeschraubt wurden malten warme Kreuze auf das marode Weiß der Tapeten.
Bilder von grünen Flächen, von blauem Wasser. Rechts ein Regal. Eines aus Holz.
Vollgestellt mit… Büchern, die übersäht waren mit Symbolen, die Zorn nicht
lesen konnte. Und links –

Links waren sie, die ”leuchtenden
Worte”. Ummantelt von einen  Rahmen
aus verbeultem Plastik, geschützt durch eine eingerissene Glasscheibe brannten
sie doch Tag und Nacht als eine Bastion gegen das hereinbrechende Vergessen.
Der weiße Hintergrund, den die ungezählten kleinen Punkte bildeten war durchsetzt
von unregelmäßigen Zeichen. Einige davon waren Zorn Vage bekannt, auch wenn er
sie nicht lesen konnte. Die meisten jedoch ergaben für ihn nicht den geringsten
Sinn; mehr noch, sie schienen Schwierigkeiten zu haben, ihre Form zu behalten.
Die Zeichen flackerten auf, verschwanden urplötzlich, wurden durch andere
Zeichen ersetzt und wiederholten ihre Unregelmäßig in so kurzer Zeitspanne,
dass Zorn nicht einmal einen Namen dafür hatte. Ein größerer Teil des
Schriftbildes zuckte wie die Beine einer sterbenden Fliege.

„Sie sind faszinierend, was?“, fragte Phan. Er drehte ein
Plastikrädchen inmitten eines kuriosen Gebildes auf dem Schreibtisch und der
Text hinter dem Glas rollte nach oben. Ein Bild kam zum Vorschein. Das Bild
eines Mannes mit Verband auf dem Kopf und fließender Robe. „Die ”Leuchtenden Worte” haben so vieles
verloren.“, seufzte Phan. Er stolzierte erstaunlich anmutig auf den Rahmen zu
und ließ seine wulstigen Finger über die Kabel gleiten, die aus dem Plastik der
”Leuchtenden Worte” heraus und in ein
Loch in der Wand verliefen.

„Wir haben keine Ahnung, wie komplex- und weit verzweigt sie
eigentlich sind. Nur dass sie unser Wissen ums vielfache übersteigen. Und ich
rede noch nicht einmal von ihren intakten Zustand.“, er lächelte schwach und
neigte sein Haupt zurück in Zorns Richtung. „Also…! Du hast einen Satz
angefangen!“

„Genau das!“, rief Zorn so fest er es in Gegenwart dieses
gewaltigen Mannes wagte. „Wir haben keine Ahnung, wozu wir die ganzen
Traditionen einhalten! Nur dass sie von den Zivilen kommen! Es hat…“, er
schluckte. „Es hat doch gar keinen Nutzen! Und alleine rauszugehen, ohne
Verteidigung….!“

Phan lächelte mild. Doch seine gehobene Hand alleine ließ
Zorns Worte versiegen. „Ich verstehe dich Zorn.“, seine Stimme verlor ein wenig
an Bass. „In deinem Alter kamen mir solche Traditionen auch sinnlos und dumm
vor.“ Das Verständnis in seiner Stimme beruhigte Zorn jedoch kein Bisschen.

„Es ist auch keine Schande Angst zu haben, alleine raus zu
müssen….!“ „Angst ist nicht ganz….!“, doch Phan erstickte Zorns Protest bevor
er sich entfalten konnte: „Du hast natürlich auch ein Recht, verteidigen musst
du dich können!“ Er riss eine widerspenstige Schublade des Schreibtisches auf.
Zorn spürte, wie sich die Kontrolle über seinen Kiefer löste. Auf Phans
Schreibtisch lag eine doppelläufige Flinte. Ein Feuermaul mit abgesägtem Lauf.

„Kannst du damit umgehen?“ Zorn benötigte einige Sekunden
der Verarbeitung. „Also… ich wurde schon ein paar Mal mit nach draußen genommen
und geübt habe ich auch!“, stotterte er, „Ich weiß wie man sie entsichert und
zielt, aber alleine draußen geschossen….“, er versuchte sich zu beruhigen. Die
Aufregung wallte durch seinen Brustkorb –und sie war nicht nur unangenehm.

„Ich würde dir ja ein Paar Begleiter mit auf den Weg
geben.“, seufzte Phan, während die Luft seinen geblähten Nüstern entwich, „Aber
wir haben einfach nicht die Ressourcen! Wir können nicht zu viel Stoff, zu viel
Kreide und schon gar nicht zu viele Waffen entbehren. Andernfalls könntet ihr
auch zu dritt, zu fünft oder zu wievielt auch immer losziehen. Aber es ist wie
es eben ist.“

„Warum machen wir es dann überhaupt, das Kreiden?“, es war
dämlich, es war sinnlos, es war demütigend. Doch Zorn hielt diese Gedanken im
Zaum. Phans schwarzer Schopf war nur eine sprichwörtliche Haaresbreite von der
Decke entfernt, als er – nun gänzlich aufrecht stehend – einen Gürtel mit
Lederhalfter, ein Stück Kreide, so wie zwei Fetzen Papier in verschiedenen
Grautönen auf dem Schreibtisch ausbreitete.

„Sieh mal, Zorn.“, sein Lächeln verlor nicht einmal an
Sanftheit. „Ich weiß, du kannst jetzt nicht viel damit anfangen. Aber wenn du
älter wirst, begreifst auch du, wie wichtig Traditionen sind. Sie mögen uns
seltsam vorkommen, aber nur durch sie können wir uns in die Blutlinie der
Zivilen stellen und zumindest versuchen, ihre Gedankengänge nachzuvollziehen.
Nur durch sie geben wir den Menschen Routine, geben ihnen etwas, worauf sie
sich freuen können. Nein, wir wissen nicht, wo die Traditionen herkommen und
welchen Zweck sie einst erfüllt haben mögen. Was wir aber definitiv sagen
können ist, dass sie die Gesellschaft intakt halten. Und eine Intakte
Gesellschaft brauchen wir hier unten genauso wie Wasser und Licht.“ Nach der
Hälfte dieser Ansprache, schien Phan in einen Monolog verfallen zu sein.

„Es sind doch noch nicht einmal zwei Schatten.  Und wenn du zurückkehrst, erwarten wir dich
alle mit einem gewaltigen Fest, auch zu deinen Ehren. Frag doch mal Marx vom
letzten Jahr. Glaube mir, er hat es nicht bereut.“

Doch Zorn hegte keine Absicht, Marx zu fragen. Noch sonst
jemanden, der in den Vergangenen Jahren zum Kreiden bestimmt worden war. Noch
hatte er die weitere Geduld, Phans einlullenden Worten zu lauschen. Jede Wette
er trug jedem Jugendlichen, jedem halben Kind dasselbe vor – und das jedes
Jahr. Zorn knirschte mit den Zähnen. Ylenia konnte durchaus herablassend sein,
doch die Art wie dieser bronzene Riese in den eigenen, honigsüßen Worten
schwelgte, stieß Zorn noch unangenehmer auf. Warum genau, konnte er nicht
völlig fassen. Einzig die Gewissheit, dass er es endlich hinter sich bringen
wollte, beherrschte sein Gemüt und so lüftete er seine Robe, schnallte ohne ein
weiteres Wort den Gürtel um und ließ die gähnenden Läufe der Waffe ins spröde
Leder gleiten.

„Na also!“, kommentierte Phan. „Siehst du? War doch jetzt
gar nicht so schwer! Du wirst sehen, es ist überhaupt nicht schlimm. Außerdem
haben die Flügeljäger und Gutssammler die Umgebung schon vor Tagen für dich
gesichert. Und ich habe mein Übriges getan. Auf dem zweiten Zettel findest du
Instruk-… Anweisungen, sogar in Mooj geschrieben. Brauchst du noch was?“ Zorn schüttelte
den Kopf, steckte die Kreide in die Seitentasche der Robe und ergriff die
Papierfetzen. Phan setzte sich wieder an seinen Schreibtisch.

Der Rückweg aus dem Gau kam Zorn unverhältnismäßig viel
kürzer vor. Und das trotz der Waffe im Halfter, die ihm bei jedem Schritt gegen
das Knie schlug, sodass er nicht nur die Schultern, sondern auch die Beine
wandte und drehte, im verzweifelten Versuch, der eigenen Anatomie zu entkommen.
Seine größte Sorge galt dem Hauptschacht. Er würde ihn durchqueren müssen um
die Luke zu erreichen.  Humpelnd und in
lächerlicher Verkleidung. Diesmal führte ihn kein Schleichweg zum Ziel. Er
presste die Lippen zusammen. Der abgewetzte Stumpf des Stabes kratzte über den
Boden und beschwor ein hohles Echo in der Tropfsteinhöhle. Ein Echo, dass
sogleich im Stimmgewirr der Hauptkreuzung unterging.

Zorn verengte die Augen. Spähte verstohlen hinter den Lidern
hervor, nach herablassenden oder gar schadenfrohen Blicken heischend. Doch
außer dem wissenden Lächeln einiger Erwachsener oder den anhänglichen Pupillen
der wenigen alten Männer, drehte sich niemand zweimal nach ihm um. Nicht einmal
als er, einem künstlich begradigten Pfad aus Salzstein folgend, den
Hauptschacht erreichte.

Zwei Anhäufungen an Bauten aus schieferfarbenen Steinsedimenten
drängten sich rechts und links entlang der glatt gefliesten Gehsteige. Direkt
dazwischen erblickte Zorn den Pfad-nach dem-Menschen; die große, pfeilgerade
Straße, wie sie Millionen Jahre alte Wellen aus Granit zerschnitt. Und als er
seine Robe zurecht zupfte, spürte Zorn das erste mal seit seiner Kindheit, wie
gewaltig der ausgedehnte Hauptschacht eigentlich war.

Er hatte das Gefühl, sein hochroter Kopf passte sich der
Farbe seiner hochherrschaftlichen Bekleidung an, als er durch die Masse an
Händlern, Werkern und Tropfenheilern schritt, die ihr Tagewerk feilboten.
Bestimmt würden viele von ihnen an den Aufgangstüren warten. Warten auf ihn.
Das Fest würde beginnen, sobald er den letzten Schritt oben getan hätte.
Mussten sie ihn jetzt schon anstarren? Als sich dich Möglichkeit ergab, in eine
der Seitengassen zu huschen, verschwendete Zorn keinen zweiten Gedanken. Die
Straßen jenseits des Pfades-nach-dem-Menschen waren anders geartet. Statt
gewaltsam in die Gesteinsschichten zu schürfen, schmiegten sie sich an jede
Wölbung, jede Unebenheit des Bodens wie eine Schlange in ihrem Ei.

Zorn strich durch die Schatten der Häuserzeilen, vorbei an
den unförmigen Torbögen, wie sie in die Wände des Schachtes gemeißelt waren.
Sie markierten die Eingänge zu den Farmen, zu den Laboren und zu den
Aufbereitungsanlagen. Inmitten der Grotte passierte Zorn den gewaltigen
Uhrenturm. Vier Metallstäbe ragten  aus
dem Ziffernblatt, direkt unterhalb der einzigen Sonnenlichtquelle des gesamten
Komplexes. Nun würde er nur noch ein einziges mal den Pfad-nach-dem-Menschen
betreten. Nur noch ein Paar Meter zum Aufzug. Und das ohne sich bei seinen
Altersgenossen blamiert –

„Hallo Zorn!“ höhnte eine Stimme den behauenen Felsen
entlang, direkt zu seinen Ohrmuscheln. „Na? Definierst du die Mode neu?“, Zorn
zuckte zusammen. In Resignation. Dabei hatte er doch ganz bewusst die andere
Seite des Pfades gewählt! „Mut…“, brummte er halb fragend, „ich dachte du
hilfst deinem Vater im Laden!“, „Hab gestern vorgearbeitet!“, verkündete Mut
mit erhobenem Zeigefinger. Seine dunklen Augen passten so gar nicht zu den
strahlend weißen Zähnen, die er zu einem allzu unschuldigen Lächeln
formierte.  „Außerdem werde ich mir seine
Durchlaucht, den Zwiebelkopf in rot-lila doch nicht entgehen lassen!“ Muts
Selbstbeherrschung bröckelte mit jedem Wort und bröckelte in einem prustenden
Lachanfall. „Leck mich am Arsch, du Bonze!“, knurrte Zorn und versetzte dem
Jungen seines Alters einen Klaps gegen den Hinterkopf mittels der Rückseite
seines Stabes.

„Sieh‘s positiv, wenn ich den Anderen erzähle, dass mir in
einer Seitengasse der Hermelin auf Beinen erschienen ist, glauben sie mir
sowieso nicht!“, rief Mut, als sein Gelächter verklungen war. „Ja ja!“, Zorn
blickte für einen kurzen und doch sichtbaren Moment auf den Boden. „Bist du nur
hier, um mich zu verarschen?“, stieß er hervor. Im nächsten Moment fragte er
sich, ob es nicht eine Spur zu giftig wirkte. „Eigentlich nicht!“, gestand Mut.

„Ich habe dich eher zufällig erwischt. Um ehrlich zu sein…“,
Mut blickte sich vielsagend in der verwaisten Häuserschlucht um. „Ich wollte zu
Hoffnung!“, entließ er ein zischendes Echo, das nach wenigen Zentimetern
verstummte. Zorn schwieg mehrere Augenaufschläge. Mut fügte nichts hinzu.
„Also… du wirst schon ein bisschen präziser werden müssen!“, gab Zorn zu
bedenken. Während sich sein Tonfall an die hochgezogene Augenbraue anglich. „Du
musst es ja wissen!“, war die Antwort, bevor Mut verstohlen über seine
Schultern spähte. „Also, Hoffnung Trynn! Ich hab‘ extra darauf geachtet, dass wir
beide frei haben! Und wenn ich sie sehe… wer weiß?“, Mut gluckste.

„Überstürzt du es nicht ein bisschen?“, Zorns Frage
entlockte Mut nur ein müdes Schnauben. „Ich bitte dich! Marten wird bald Vater
und der ist nur ein Jahr älter als wir!“ Seine fließenden Worte zogen in eine
erheiterte Richtung: „Außerdem muss ich ja die Gelegenheit nutzen, bevor du
dich jetzt alleine nach draußen wagst und die Mädchen auf dich fliegen!“, seine
Wangen schwollen an zu einem nur schwer kontrollierten Grinsen, „UND dabei womöglich
noch eine neue Mode gründest!“

„Ja ja! Du mich auch!“, knirschte Zorn. Und nachdem sie
einige Worte gewechselt hatten, begriff er allmählich, dass es Zeit wurde. „Ich
muss.“, flüsterte er tonlos. „Grüß Hoffnung schön!“ „Alles klar! Aber wenn du
draußen jemanden triffst, sag ihm, dass wir uns nicht alle so kleiden!“, Zorn
äußerte eine hygienisch äußerst zweifelhafte Aufforderung. „Wir sehen uns dann
später, hoffentlich in Begleitung!“, Mut winkte ihm zum Abschied, als Zorn
bereits im Begriff war zu gehen. „Ach, und Zorn!“, setzte er hinzu. Zorn drehte
den Nacken so weit, wie es sich die Robe gefallen ließ. „Pass auf dich auf,
ja?“

Er nickte. Ein sanftes Lächeln huschte über seine
Mundwinkel. Nun winkte er zurück. Es fühlte sich gut an. Selbst als er zur
Hauptstraße zurückkehrte, als er dem schwerbewaffneten Aufzugswächter den
Passierschein überreichte und sich die von Schweißfäden übersäte Plattform
aufwärts hob. Hinauf in die Reiche jenseits von Salz und Stein. Mit Zorn als
einzigem Fahrgast. Sein Lächeln war längst verebbt, als die von Rost und Alter
knarzenden Legierungen der Hebelmechanik zum Stillstand kamen.

Zorns Füße folgten langsam und unmerklich, fast wie von
selbst dem Ruf der Lichten Welt. Und mit einem Mal vergaß er die angebliche
Größe des Hauptschachtes.

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