GeisterMittellangSchockierendes Ende

An einem stürmischen Abend…

Aus dem Fernseher drangen die letzten Worte der Nachrichten: „…des Weiteren hören sie nun eine Unwetterwarnung: Aus Nordwest kommt Sturm auf, Windstärke neun bis zehn, in Böen bis elf. Vermeiden sie den Aufenthalt im Freien. Örtlich kann es zu Hagelschauern kommen.“ Der Fernseher verstummte, als wie durch Zufall der Ausschalter auf der Fernbedienung gedrückt wurde.

Der Mann, der den Fernseher abgeschaltet hatte, sagte: „Was soll hier denn schon passieren, das Haus hier ist doch ganz neu, das muss es eben aushalten.“ Die Familie – Vater, Mutter und ein Sohn, der zwar schon fast erwachsen war, aber noch keine eigene Wohnung hatte – war erst vor zwei Tagen in dieses Haus eingezogen, an einigen Stellen standen noch die großen Umzugskartons, und die Fenster waren offen, damit der Baustellengeruch abziehen konnte. Warum sollte ein gerade erst gebautes, fest stehendes Haus einem Sturm nicht standhalten?

Plötzlich ertönte von oben ein lang gezogenes, fast schon gequält klingendes Ächzen, als würde jemand über einen uralten Holzfußboden gehen, der sich unter jedem Schritt bog. Danach noch einmal das gleiche Geräusch, nur etwas schwächer. „Was war das denn?“, fragte die Mutter, „Das Haus hier ist doch ganz neu, wieso sollte es denn jetzt schon so ächzen?“

Der Sohn, der generell sehr argwöhnisch war, äußerte natürlich gleich den Verdacht, dass jemand auf dem Dach sei – aber diesmal wurde er tatsächlich ernst genommen. Sonst hatte man ihm auf solche Kommentare immer nur mit Lächeln geantwortet. Aber diesmal blieben die Mienen seiner Eltern ernst. Denn warum sollte ein neu gebautes, reich aussehendes Haus nicht jedem Einbrecher ins Auge stechen? Dann wurde aber doch noch gelächelt, wenn auch nicht über seinen Verdacht. „Soll der doch sehen, wie er das bei neun Windstärken heil wieder nach unten…“ Wieder das seltsame Geräusch, diesmal gefolgt von einem gedämpften Knall. „Der wird seine Lektion gelernt haben. Über das Dach in anderer Leute Häuser spazieren ist keine gute Idee.“

Kurz darauf wieder das Ächzen, gefolgt von einem weiteren, diesmal aber kräftigeren Schlag. Nachdem alle drei noch eine Weile gewartet hatten, noch dreimal konnten sie das Geräusch hören, hielt es der Sohn nicht mehr aus. Vielleicht sollte an dieser Stelle noch gesagt werden, dass er begeisterter Sammler alter japanischer Waffen war und auch mehrere Samuraischwerter besaß, denn er nahm eines aus der Vitrine, in der er seine Sammlung hatte, und rannte damit nach oben. Die Eltern versuchten noch, ihn aufzuhalten – erfolglos.

Kurz darauf ertönte wieder das Geräusch, diesmal aber gefolgt von einem scharfen Knall, gefolgt von einem Geräusch, als würde irgendetwas auf den Teppich rieseln, und einem Schrei. Kurz darauf kam der Sohn ins Zimmer gestürzt, das Gesicht voller Blut, und nuschelte mit letzter Kraft: „Habe mich aus dem Fenster gelehnt, um nachzusehen, und dann…“ Er fiel ohnmächtig auf den Teppich. „Ruf den Notarzt – ich rufe über das Handy die Polizei. Schnell“, befahl der Mann seiner Frau. Das Warten verging in Angst.

Als schließlich die Polizei eintraf und ein Krankenwagen den verletzten Sohn mitnahm, erzählten sie den Polizisten, was vorgefallen war. Drei der Polizisten durchsuchten das Obergeschoss, und als sie zurückkamen, stiftete ihr Bericht große Verwirrung: „Da ist niemand, der Kerl muss mittlerweile über alle Berge sein. Seltsamerweise sieht es so aus, als habe er gar nichts mitgenommen. Es sollte aber nicht schwer sein, ihn zu finden, nicht viele Einbrecher steigen an einem so stürmischen Abend über das Dach in ein Haus ein. Irgendwann bricht er sich bestimmt noch den Hals dabei.“ Auch bei einer zweiten Durchsuchung wurde niemand gefunden.

Die Polizei blieb noch die ganze, schlaflose Nacht über, um das Ehepaar zu beruhigen. Am nächsten Morgen gingen die beiden hinauf, und fanden die blutigen Scherben eines Fensters, mit offenbar ungeheurer Kraft
auf dem Kopf ihres Sohnes zerschmettert, einige Scherben noch lose in dem schweren, metallenen Fensterrahmen verankert. „Wir müssen wieder los“, sagte einer der Polizisten, „Falls wieder irgendwas passiert, rufen sie uns an. Und halten sie die Fenster erst mal geschlossen, bis das Wetter besser wird. Wenn es trocken ist, sind mehr Leute auf der Straße, das mögen Einbrecher nicht.“

Am nächsten Tag traf die Frau vor der Tür auf einen Nachbarn, der sie fragte, ob es ihrem Sohn gut ginge.

„Das Krankenhaus hat gestern Abend angerufen. Er hat eine leichte Gehirnerschütterung und die Scherben haben ihre Spuren hinterlassen. Aber er wird wieder gesund.“ „Ich habe nämlich gesehen, was passiert ist – ich wusste nicht, dass ein Fenster so hart zuschlagen kann.“ „Haben Sie denjenigen gesehen, der das getan hat? Können Sie den Einbrecher beschreiben?“ „Den Einbrecher? Welchen Einbrecher meinen Sie? Da war niemand, nur Ihr Sohn. “

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