
ACHTUNG: VERSTÖRENDER INHALT
Bitte beachten Sie, dass es sich bei dem folgenden Text um eine Creepypasta handelt, die verstörende Themen beinhalten kann, wie zum Beispiel Gewalt, Sexualisierung, Drogenkonsum, etc. Creepypastas sind fiktive Geschichten, die oft dazu gedacht sind, Angst oder Unbehagen zu erzeugen. Wir empfehlen Ihnen, diesen Text nicht zu lesen, wenn Sie sich davon traumatisiert oder belästigt fühlen könnten.
Kapitel 1: Dominus Advenit
Kapitel 2: Dominus Mortuus
Kapitel 3: Dominus Resurrexit
Bericht des Abtes Clemens aus Dome Medieval 1340 während der „großen
Dunkelheit“. Zusammengetragen und überarbeitet von Patricia ‚Lavander‘
Langley.
“’Montag
15. November A. D. 1400“‘
Kein
Teufel. Keine Flammen, keine Folter, keine Schmerz und auch kein Leid. Nichts
außer ein weiterer, dunkler Raum erwartete uns auf der anderen Seite! Jedoch
war es kein Raum, den ich bisher jemals gesehen hatte. Als wir eintraten,
langte das mysteriöse Mädchen sofort an die Wand, ehe sie murmelte: „Keine
unabhängige Stromversorgung. War ja klar.” Sie drehte sich zu mir um und meint:
„Teilen wir uns auf und schauen mal, ob wir was zum Futtern finden. Ruf, wenn
du was findest – und mach keine Dummheiten.” Ich nickte nur, auch wenn ich mir
nicht sicher war, auf was für Dummheiten sie anspielte.
Ich
hielt meine Lampe hoch, während ich mich durch den Raum bewegte. Dieser stellte
sich gar nicht als ein einzelner Raum heraus, sondern als ein großer,
unterirdischer Wohnraum, von der Größe und Dimension vergleichbar mit Lord
Mallorys Anwesen über uns. Schnell fing ich an zu realisieren, dass dieser Raum
eine exakte Kopie des Anwesens über uns war. Eine Insel, in zwei Hälften
aufgeteilt, befand sich dort, wo sich oben der Innenhof befand. Anstatt der
gotischen Galerie befand sich hier unten lediglich ein einfacher Weg und
anstatt einer steinernen Wand sah man Türen an jede der vier Wänden. Anders als
die obigen jedoch, waren diese Wände mit einem Gemälde verziert, welches sich
über den ganzen Raum erstreckte. Gleich dem Isenheimer Altar waren sie so
anders als alles, was uns bekannt ist. Leuchtende Farben, starke Kontraste; der
Hintergrund schien fast schon minimalistisch in seiner Ausführung.
„Erstaunlich, nicht wahr?” sprach das Mädchen und ich zuckte zusammen als ich
merkte, dass sie direkt neben mir stand: „Vor allem der Stil. Man müsste
meinen, dass Leute, die einen gotischen Ideal hinterhereifern, das auch in
ihrer Kunst ausdrücken. Aber nein, Expressionismus aus dem zwanzigsten
Jahrhundert. Hat wohl jemand versucht, De Lempicka zu kopieren.“
„Sie
haben Recht, die Bilder sind ziemlich gut,” kommentiere ich, doch als ich meine
Lampe höher gegen das Gemälde hielt, kamen mir einige Personen recht vertraut
vor. „Sehen Sie nur! Diese Gesichter!” rief ich: „Ich erkennen sie wieder! Ist
das… Lord Mallory?!”
„Wie?
Nein!” kam es von ihr: „Das ist Alistair Graham. Wer zum Fick ist Lord
Mallory?” Daraufhin lief sie zu einer der Türen um die zentrale ‘Insel’ und
betätigte den Griff. Geräuschlos öffnete sich die Tür, was sie mit den Worten
kommentierte: “Hm. Hätte schier gedacht es wär’ elektrisch gesichert.”
Allerdings
wollte ich mich erst einmal im Raum umsehen, ehe ich nach etwas zum Essen
suchte. Die Tür vor mir besaß ein Namensschild, wie auch alle anderen Türen,
auf dem Lauren Graham stand. Ich lief die Türen ab und las die Schilder
darüber. Corey Graham, Alistair Graham,
Michelle Graham, Hosea Kilmer, Marie-Anne Kilmer, Agatha Kilmer, Robert
Boekkler. Diese Namen! Abgesehen von einigen, kam mir der Rest recht vertraut
vor. Marie-Anne, das war der Name von Withertons Frau gewesen, Agatha der
seiner Tochter. Aber warum besaßen sie vollkommen andere Nachnamen? Und warum
sahen die Personen auf den Gemälden so aus wie Leute, die ich nur allzu gut
kannte? Ich konnte mir keinen Reim darauf machen, auch nicht, als ich eine
Melodie vernahm, gesungen von einer engelsgleichen Stimme. Ich kannte das Lied
wohl, denn zusammen mit Dominus Mortuus und Deus Resurrexit bildet Dominus
Advenit eine…musikalische Dreifaltigkeit, welches ich und meine Brüder jedes
Jahr zu Karfreitag, Ostersonntag und Weihnachten in der großen Kirche singen.
Jedoch stammen alle Lieder von Vater Warren, der sie noch zu seiner Ordenszeit
lernte – woher also kannte das Mädchen das Lied?!
Ich
gedachte, endlich nach etwas Essbarem zu suchen und öffnete die Tür zu ‚Robert
Boekklers‘ Zimmer, wo es jedoch noch unerklärlicher wurde. Denn beim Umsehen
fand ich ein Buch voller… Bilder. Nun
ja, Bilder waren es schon, doch sie schienen nicht gemalt zu sein. Sie waren
realistisch, fast noch realistischer als die Wandgemälde oder der Isenheimer
Altar. Was sie zeigten, verwirrte mich jedoch zutiefst. Auf beinahe allen
Bildern sah ich Vater Warren, wie er begreifliche, sowie unbegreifliche Dinge
tat. Mit freiem Oberkörper ein Haus bauen, ein Kind taufen, mit einen langen
Gegenstand auf etwas zielen, eine…. Frau küssen?! Dieses Bild verwirrte mich
am meisten, vor allem, da es den Anschein machte, er würde diese Frau
ehelichen! Ich fühlte mich zutiefst betrogen und hintergangen! Zugegeben, die
Taten des Vaters in den letzten Tagen seines Lebens waren nicht zu
entschuldigen, aber dennoch hatte ich nach wie vor tiefste Bewunderung für ihn
übrig. Ich versuchte mir einzureden, dass es sich bei der Person auf dem Bild
um einen Zwilling handelte, von dem der Vater uns nie etwas erzählt hatte.
Leider
wurde diese Vermutung zunichte gemacht, als ich ein weiteres Bild der beiden
sah, wie sie vor einem Fenster aus Buntglas standen – ein Fenster, welches das
Symbol von Vater Warrens Orden zeigte! Allerdings war das nicht der einzige,
verstörende Fund, welchen ich machte. Hin und wieder fand ich Bilder einer Frau
mit einer Narbe an der linken Hand, mal zusammen mit dem Vater, Mal alleine,
der jemand den Kopf fein säuberlich herausgeschnitten hatte. Was war hier los?
Dann hörte ich ein Klacken und erschrak, ehe ich das Mädchen in der Tür stehen
sah. „Was hast du denn da schönes?” fragte sie und grinste, als sie den
Gegenstand in meinen Händen sah: „Das ist aber nichts zum Essen.”
„Was
ist das?” fragte ich verwirrt, ehe sie mir den Gegenstand entriss und rief: „
Vaters altes Album! Komm, ich hab was zum Essen gefunden. Am Ofen stell ich dir
Mal meine Familie vor.”
Wärme.
Nach einem guten Monat in völliger Dunkelheit und Kälte, spürte ich erneut die
Wärme eines guten Feuers auf meiner Haut – und dieses Mal hatte niemand dafür
brennen müssen. „Montezuma’s Finest canned chili”, meinte sie: „Hab’s in der
Küche in einem Versteck gefunden. Frage mich, wie lange man das hätte geheim
halten können.” Das Mädchen lief
daraufhin zur Küche und fand ein Gerät, um den Behälter zu öffnen. Den Inhalt
leerte sie in eine Schüssel, welche sie mir zusammen mit einem Löffel übergab
und meinte: „Is‘ zwar kalt, aber mehr Luxus können wir uns nicht leisten.” Dann
gingen wir wieder zurück an das wärmende Feuer und ich schlang das kalte Essen
gierig herunter. Es schmeckte…gut, auch wenn ich nicht wusste, was denn diese
gelben Stücke darin waren. Während des Essens schielte ich jedoch immer wieder
in Richtung des Sacks mit dem Schädel, welcher noch immer dort stand, wo das
Mädchen ihn zusammen mit der wundersamen Waffe und dem Beutel platziert hatte.
Dies
war ihr natürlich nicht verborgen geblieben, weswegen sie grinste: „Du willst
wissen, was drin is, was?” Zugegeben,
ich verspürte durchaus eine morbide Neugier, sprach es aber nicht aus. Das
Mädchen stand nur auf, lief hinüber zu dem Sack und machte ihn auf. Und wie
erwartet, kam sie mit einem menschlichen Schädel zurück. Dieser war blau
bemalt, wie das Pferd und sie selbst. Merkwürdige Zeichen zierten jede Seite
des Objekts und aus den sonst leeren Augenhöhlen sahen mich zwei braune,
stechende, jedoch leblose Augen an. „W-wer…wer war er…oder sie?” fragte ich
schockiert und gleichzeitig erstaunt. „Er war ein Bild von einem Mann”,
erwiderte das Mädchen, während sie den Schädel ansah: „Er war der netteste,
liebevollste, fürsorglichste Mensch, den ich bis dato gekannt habe. Er war…
mein Ehemann.” Dann sah sie vom Schädel auf, direkt in meine Richtung und ihr
düsterer Blick ließ mich fast tot umfallen. „Und ihr hochverehrter Sankt
Clarence hat ihn mir weggenommen!”
„Was
Sie sagen ergibt keinen Sinn!” rief ich: „Sankt Clarence ist vor fünfhundert
Jahren gestorben! Jeder kennt die Geschichte seines Martyriums.”
„Dann
erzähl Mal, Betbruder!” klang es scheinbar interessiert aus ihrem Mund und ich
erzählte vom Leben und Sterben des heiligen Clarence von Chester. Doch auf ihre
Reaktion war ich nicht gefasst! Wie in Hysterie fing sie laut an zu Lachen und
meinte, nachdem sie sich wieder gefangen hatte: „Ich muss schon zugeben, das
ist ein starkes Stück für den guten Clarence! Sich von seinen eigenen
Versuchskaninchen als Heiliger verehren zu lassen – der Kerl hat wohl einiges zu kompensieren gehabt!” Dann
legte sie den Schädel auf einem tiefen Tisch neben uns ab, sodass er mich
ansah, und fügte hinzu: „Leider war sein Verscheiden nicht so… glorreich, wie
dieses nette Buch uns weismachen will.”
„Woher
wollen sie das wissen?”
”Was
glaubst du denn, wer ihn umgelegt hat?” kam es rhetorisch von ihr, ehe das
Mädchen mir eine ganz und gar schauderhafte Geschichte erzählte, welche ich
hier nicht wiedergegeben werde!
Stattdessen
nahm sie das… Album von vorhin und breitete es auf dem Tisch neben uns aus.
Sie blätterte eine Weile, bis sie ein Gruppenbild fand und erklärte: „Also, das
hier ist Signora Malena, meine Stiefmutter.” Dabei zeigte das Mädchen auf eine
bildhübsche Frau mit langen, lockigen, schwarzen Haaren, welche in einem
aufreizenden, roten Kleid in lasziver Pose auf dem Boden lag. Als nächstes
zeigte sie jeweils auf einen braunhaarigen Jungen und ein blondes Mädchen und
meinte: „Das sind mein Halbbruder Jonah und meine Halbschwester Eulelia.” Das
Mädchen trug ein tadelloses, weißes Kleid und der Junge etwas, welches das
Mädchen mir als ‘Anzug’ beschrieb. Im flackern des Feuers deutete ich auf drei
Personen, welche ganz klar Sheriff Witherton und dessen Familie war. „Ah, ja!”
rief das Mädchen: „Hosea, Agatha und Marie-Anne Kilmer – jeweils zuständig für
Sicherheit und Rekrutierung bei den Children.”
„Children?”
„Die Children of the Vine.
Kapiert? Children of the Vine… Children of de Vine… Children of Devine. Paps hat sein Leben lang dafür Seitenhiebe
kassiert.”
„Vater
Warren?” fragte ich verwirrt und ehrlich gesagt hatte ich große Schwierigkeit,
all dies zu verstehen. „So hat man ihn hier also genannt,” erwiderte sie:
„Schade, dass es so geendet ist, hätte gerne noch ein paar Worte mit ihm
gewechselt.” Ich verstand die Welt nicht mehr. Vater Warren hieß in Wahrheit
nicht Vater Warren und alles, was er uns erzählt hatte, schien eine Lüge
gewesen zu sein! Jedoch besann ich mich auf meine Erziehung und atmete tief ein
und aus, ehe ich sprach: „Es…gibt da noch etwas, das ich nicht verstehe.”
„Und
was?”
„Da
ist diese Frau. Ihr Kopf ist…nun ja… entfernt worden und ihre linke Hand
hat eine kleine Narbe.“
„Entfernt?”
fragte das Mädchen ungläubig: „wer würde denn soweit gehen und-” In diesem
Moment blätterte sie eine Seite um und wir starrten auf ein großes Bild,
beinahe so groß wie die Seite selbst. Es zeigte zwei Personen, ein Mann und
eine Frau, vor einem Altar, dahinter Buntglas, welche sich Angesicht zu
Angesicht standen. Allerdings war alles von ihren Haaren bis zu ihren
Schultern, sowie ihre Hände ausgeschnitten. „Wer sind die Zwei?! ” rief ich
erstaunt, woraufhin sie angab: „Nun, die linke Personen ist offensichtlich mein
Paps.”
„Und
die Frau?”
„Meine
Mum,” gab das Mädchen zurück: „Das Shirt kenn ich und die Narbe hat sie am
Stacheldrahtzaun bekommen – is‘ als
Jugendliche dran hängengeblieben.”
„Was
glauben Sie, was sie machen?”
”Ist
es denn nicht offensichtlich?” erwiderte sie, beinahe spöttisch: „Sie geben
sich das Jawort!” Ganz gleich, was ich hier über Vater Warren erfahren hatte,
diese Behauptung ihrerseits fand ich doch etwas weit hergeholt, da nichts auf
dem Bild diese Vermutung stützte. Stattdessen bat ich sie, noch einmal zu dem
Gruppenbild zu blättern, da mir darauf eine weitere Person recht bekannt
vorkam. Ich zeigte mit dem Finger auf einen Mann in langer, schwarzer Robe, mit
zu einem Streifen geschorenem, blutrotem Haar und einem ebenfalls blutrotem
Bart, welcher zu einem einzigen Zopf geflochten worden war, an dessen Ende ein
Kreuz baumelte.
„Und was für ne Position hatte er denn in
diesem Kaff?” kam es spöttelnd von ihr.
„Keine,”
gab ich an: „Das ist Sankt Aeghdean!” Sie sah vom… Album auf, direkt in mein
Gesicht, und es schien beinahe so, als ob sie im Begriff war, laut loszulachen.
Jedoch konnte sie sich beherrschen und fragte, wer denn dieser heilige Aeghdean
war. Daraufhin erzählte ich ihr von dessen Leben, Wirken und Martyrium.
„Alter!” gackerte das Mädchen letztendlich los, sobald ich den letzten Satz
ausgesprochen hatte: „Die haben ja wirklich jeden Scheiß kompensiert! Naja,
zumindest war der Typ hier tatsächlich Teil der Children – weswegen man ihm
eine kleine Kapelle gebaut hat.”
„Kapelle?”
„Wie?
Du hast es noch nicht bemerkt? Das Ding neben uns is ne kleine Kapelle für den
Kerl. War noch nicht drin, aber das Kreuz über dem Eingang sagt einem alles,
was man wissen muss.” Ich verstand zunächst nicht, was sie meinte, doch als wir
aufstanden und vor der Tür der Kapelle standen, sah ich es auch.
Ein
sonderbares Dreieck im Zentrum eines keltischen Kreuzes erhellt von
Sonnenstrahlen, prangte oberhalb des Eingangs der kleinen Kapelle mit Türmchen
und Schieferdach. In der Dunkelheit und ohne das Flackern des Feuers waren sie
schlecht auszumachen, doch auch die Wände der Kapelle waren bemalt. Wie gesagt,
erkennen konnte ich nicht viel, doch eines erkannte ich schlagartig: der
heilige Clarence, Aeghdeans Mentor und Freund, war nirgendwo zu sehen.
„Wie
wär’s mit etwas Licht?” fragte sie rhetorisch, als wir die Kapelle betraten.
Daraufhin nahm sie ein sonderbares Gerät aus ihrer Tasche und zündete damit eine der zahlreichen Kerzen
an, ehe sie diese benutze, um auch die übrigen anzuzünden. Docht um Docht,
Kerze um Kerze, Schein um Schein wurde die kleine Kapelle erhellt.
„Darf
ich vorstellen,” sprach das Mädchen überschwänglich: „Die letzte Ruhestätte des
Lord High Inquisitor, des Großinquisitors Aiden Calloway.”
„Wer?”
„Aiden
Calloway. Papas erster jünger und zweiter Mann bei den Children.” Daraufhin
fiel mein Blick sofort auf den Altar vor uns, auf dem sich eine goldene Büste
mit Aeghdeans Antlitz befand. Auf der Wand dahinter breitete sich ein Gemälde
aus, ebenfalls im gleichen Stil, wie die Wandgemälde an den Wänden mit den
Türen. Es zeigte den heiligen Aeghdean, welcher mit Heiligenschein, abgemagert
und ausgedürstet, nur mit einem einfachen Hemd bekleidet, auf dem Boden kniete.
Hinter ihm strahlte eine Kirche im goldenen Glanz, darüber der Heilige Geist.
Links von ihm standen die Frau, sowie zahlreiche andere Personen aus dem
Gruppenbild. Rechts von ihm standen mehrere seltsame Gestalten, angezogen in
etwas, welches ich als Rüstung deutete. Sie trugen Helme und hielten Knüppel
aggressiv nach vorne. Sie schützten einige wichtige Personen, unter anderem
Vater Warren… oder wer auch immer er in Wirklichkeit gewesen war. „Das
‚Martyrium‘ des Aiden Calloway,” kommentierte das Mädchen, als sie merkte, wie
ich das Bild ungläubig anstarrte: „Tut mir übrigens leid, dass ich vorhin nach
deiner Geschichte so laut rumgegackert hab. So ganz verkehrt war’s in
Wirklichkeit auch nicht.”
„Was
ist also an der Geschichte wahr?”
„Calloway
ist tatsächlich verhungert,” erklärte sie: „Aber anders, als in deiner netten
Geschichte, hat er sich selbst zu Tode gefastet. Nachdem man meinen Alten
eingebuchtet hat, hat Calloway aus Protest gehungert. Wollte die Regierung
damit unter Druck setzen und so lange hungern, bis man meinen Paps notgedrungen
freiließ. Es genügt zu sagen, dass das nicht so gut geklappt hat.” Und als ob
sie es noch einmal klarstellen wollte, fügte sie hinzu: „Aber ja. Ansonsten hat
man euch nur Unfug glauben lassen. Calloway war kein Sachse, sondern Ire. Er
hat, soweit ich weiß, auch niemanden bekehrt, jedenfalls nicht während seiner
Zeit bei den Children. Wie gesagt, sein Titel war Lord High Inquisitor – nicht
Lord High Baptist!”
„Was
ist mit Clarence? Schätze, das ist wohl auch gelogen,” fragte ich und war
daraufhin entsetzt über den fast schon spöttischen Ton meiner Worte. „Tut mir
leid,” berichtigte sie: „Calloway und O‘ Callaghan haben sich nie persönlich
gegenübergestanden. Außerdem hat O‘ Callaghan kein besonders gutes Haar an
Calloway oder den Children gelassen. Ich glaube, Clarence nannte ihn einen
‚religiösen Spastiker, der Wohl ein Kind zu viel angefasst hat‘. Umso erstaunlicher, dass er offensichtlich
erlaubt hat, Calloways Schädel als Reliquie auszustellen.”
„Seinen
Schädel?” fragte ich und fügte sarkastisch hinzu: „Ist er auch bemalt?” Das
Mädchen hob die Büste auf, begutachtete sie und meinte: „Vielleicht. Man müsste
halt nur die Schweißnaht aufmachen.”
„Ich
verstehe nicht,“ erwiderte ich verwirrt: „Vater Warren ist nicht Vater Warren,
Sheriff Witherton ist nicht Sheriff Witherton und Clarence und Aeghdean sind
keine Heilige – was ist hier los?“
„Du
willst es wirklich wissen, Betbruder?“ fragte das Mädchen mit düsteren Unterton
und ich nickte. „Das hier, Betbruder,“ erklärte sie: „ist das sogenannte
Containment Project. Wir befinden uns derzeit unterhalb von Dome Medieval 1340,
eine von drei weiteren Kuppeln nahe der englischen Stadt Doncaster.“ Es war
also war, wir waren wirklich in einer Anlage eingeschlossen und ihre
Beschreibung, die auf ihre Einleitung folgte, war deckungsgleich mit dem, was
ich zuvor gesehen hatte. „Ja, aber…haben Lord Mallory, Vater Warren und
Sheriff Witherton davon gewusst?“
„Davon
gewusst?!“ erwiderte das Mädchen meine naive frage mit einem gellenden Lachen:
„Mein Bester, die hielten den Laden am Laufen! Was glaubst du, wer das Zeug in
das Buch in der Kapelle geschrieben hat?!“ Diese Information traf mich hart.
Ich wollte mich instinktiv setzen, stolperte jedoch nur einen Schritt nach
hinten und konnte mich nur beinahe an dem nicht erleuchteten Kerzenständer
hinter mir festhalten. Im Nachhinein ergab alles jedoch absolut Sinn; dass man
mir das Tagebuch weggenommen hatte, Vater Warrens Bemerkung während die Fünf
brannten – und letztlich auch Agathas Verbrennung und dessen
Hintergrundgeschichte. „Verzeiht mir, aber Sie sehen nicht aus, als hätten Sie
etwas mit all dem zu schaffen,“ folgerte ich: „Wer sind Sie?“ Allerdings gab
sie mir darauf zunächst keine Antwort, sondern meinte nur: „Reden wir doch erst
mal über das Tagebuch, das ich gefunden hab‘ und kommen direkt zum Punkt – du
hast das geschrieben, oder nicht?“
„Wie
und wann haben Sie das herausgefunden?“
„
Gerade eben,“ grinste sie frech. Ich hob daraufhin eine Augenbraue, ehe sie
zugab: „Na gut, das war ein ziemlich mieser Trick, selbst für mich. Aber zum
einen schreibst du, wie man dich zum Abt gemacht hat und der einzige Mönch, der
mit einem Brustkreuz rumrennt, bist du.“
„Und
zum anderen?“
„Dein
Schweigen. Als ich das Tagebuch herausgenommen und daraus gelesen hab‘, hast du
kein Wort gesagt. Nicht gefragt, was das denn sei und wer es geschrieben hat.
Ziemlich komisches Verhalten für jemand, der das Ding noch nie gesehen hat,
oder?“ Ich stimmte ihr zu, woraufhin wir die Kapelle verließen und uns wieder
an das wärmende Feuer setzten, wo ich sie erneut fragte, wer sie denn sei. Und
als ob ich irgendeinen Zauber gebannt hatte, sprach sie zu mir: „Mein Name ist
Patricia Emilia ‚Lavender‘ Adgerton Langley und geboren wurde ich 2235. Du
darfst mich Pat nennen, oder L, von mir aus auch Lady Ilsted – aber niemals
Lav. Und wenn dir dein Leben lieb ist, wirst du diese Namen nie mehr benutzen!“
Lady? Sie war eine Lady?! Ich verfluchte mich innerlich, ihr ob meines
Unwissens, nicht den nötigen Respekt entgegengebracht zu haben! Allerdings
ergab ihr Geburtsjahr keinen Sinn. „Verzeiht mir, Milady,“ sprach ich in dem
Versuch, sie nicht zu erzürnen: „aber macht Euch das nicht 835 Jahre alt?!“
„Wenn
wir das Jahr 1400 schreiben würden, dann ja,“ gab Lady Ilsted zurück:
„Allerdings schreiben wir das Jahr 2290.“ Zweitausendzweihundertneunzig? Ich
fing an zu rechnen, ehe ich ein verschmitztes Grinsen auflegte und scherzte:
„Ganz gleich, welches Jahr wir schreiben – das macht Euch trotzdem älter als
mich!“ Dies ließ uns beide auflachen und es schien fast so, als würde diese
Begegnung ein gutes Ende nehmen. Dies änderte sich jedoch schlagartig, als Lady
Ilsted frech grinste: „Wie es der Zufall will, weiß ich allerdings mehr über
dich, als deine Stellung innerhalb des Ordens, mein lieber Edvyn.“ Hatte sie
mich gerade Edvyn genannt? Aber das war doch nicht mein Name! Ich versuchte,
Lady Ilsted diesbezüglich zu berechtigen und fügte altklug hinzu, dass es doch
eigentlich ‚Edwin‘ heißen müsste und dass sie unmöglich wissen konnte, wer ich
wirklich war. „Oh nein, mein lieber Edvyn,“ konterte sie: „ich weiß so ziemlich
alles über dich und ich weiß auch, was du bist!“
„W-was
bin ich?“ stotterte ich, woraufhin sie lediglich antwortete: „Ein Mörder.“
Meine Augen weiteten sich, ich fühlte, wie mein Blut in Wallung geriet und es
mir unter meiner Kutte immer heißer wurde. Bruder Callum – sie wusste Bescheid!
Dies wurde bekräftigt, als das Mädchen weitersprach: „Ich weiß, dass du den Bruder
im gruseligen Schuppen umgebracht hast! Die Würgemale auf dem Hals – so was
kann Dormixan nicht! Aber das war ja nicht die erste Person, die du zum Tode
verurteilt hast, oder?“
„Ja,
ich habe den guten Bruder im Zorn erdrosselt!“ rief ich voller Verzweiflung:
„Und diese Tat wird mich bis an mein Lebensende verfolgen! Aber dies war nur
die einzige Todsünde, die ich beging!“
„Komm
schon,“ erwiderte sie: „Wir beide wissen, dass das nicht der Wahrheit
entspricht. Da gab‘s doch noch diesen anderen Typen, Bruder…Remigius, oder
wie der hieß.“
„Das
ist nicht wahr!“ rief ich und schoss aus meiner sitzenden Position in die Höhe:
„Wenn ihn jemand getötet hast, dann doch diese grässlichen Heiden in
dieser…anderen Welt!“
„Gehen
wir das doch einfach Stück für Stück durch“, sprach das Mädchen mit einer
derart kühlen Stimme, dass sich mir alle Haare aufstellten: „Bruder Remigius
hat es in die römische Kuppel verschlagen, wo er sofort angefangen hat, Radau
zu machen. Von dort schickt man ihn wieder fort mit der Drohung, ihn zu töten,
sollte er wiederkommen. Irgendjemand bestärkt ihn jedoch, genau das zu tun und
wie zu erwarten war, wird der gute Bruder hingerichtet. Und jetzt raten wir beide
mal, wer dieser jemand war.“
„Was
für ein Spiel spielt Ihr mit mir?!“ rief ich, woraufhin Lady Ilsted
wiederholte: „Man hat ihm gesagt, er solle nicht wiederkommen und du hast ihn
dennoch darin bestärkt! Ipso facto bist du alleine an seinem Tod schuld!“ Ich
starrte wie entgeistert in das Gesicht der Lady und meine Augen weiteten sich,
als ich erkannte, dass sie mit allem, was sie gesagt hatte, recht hatte!
„Milady, ich flehe Euch an!“ rief ich und warf mich demütig vor ihr auf den
Boden und fing an zu schluchzen: „Bitte bestraft mich nicht für meine
Unwissenheit, ich hatte keine Ahnung! Was ich getan habe, war falsch, und
sicherlich werde ich nach meinem Tod den gerechten Preis dafür bezahlen!“ Doch
wie durch ein Wunder sammelte sie mich vom Boden auf, sah mit einem gütigen
Gesichtsausdruck in meine Augen und sprach mit einer sanften Stimme: „Keine
Angst, wollte nur sichergehen, dass du weißt, dass ich es weiß, dass du selbst
keine Spielchen zu spielen brauchst. Wie gesagt, mein guter Edvyn, ich weiß
alles über dich.“ Da war er wieder, dieser Name! Benommen und etwas beruhigt
setze ich mich vorsichtig auf das Sofa und wischte mir die Tränen aus dem
Gesicht. „W-was genau meint Ihr mit ‚alles‘?“ fragte ich und Lady Ilsted gab
an: „Ich weiß zum Beispiel, dass du nicht hier geboren wurdest. Ich weiß, warum
du immer diesen Albtraum hast – und ich weiß, wer deine wirklichen Eltern
sind.“
„Meine…wirklichen
Eltern?“ erkundigte ich mich ungläubig, woraufhin sie ein seltsames Gerät aus
dem Beutel holte und sprach: „Laut diesem Dossier, wurdest du 2250 als Kind von
Allsson und Jeremy Frances geboren. Beide waren Mitglieder bei den Grunge Kids
und wurden nach einer Auseinandersetzung mit der Polizei verhaftet. Deshalb hat
man dich ihnen auch weggenommen und in eine Pflegefamilie gesteckt. Genauer handelt
es sich hierbei um die Eheleute Ruth und Maud Swanson. Letztere verlor jedoch
ihren Job und wurde zur Alkoholikerin.“ Daraufhin ließ Lady Ilsted diese Worte
auf mich wirken, ehe sie fortfuhr: „Und daher rührt auch dein Albtraum, dem du
ständig hast. Maud hat dich und ihre Frau geschlagen und misshandelt, als du
gerade einmal ein Jahr alt warst. Natürlich hat man dich dann ihnen auch
weggenommen und letztendlich in diese Kuppel und in den Orden verfrachtet.“ Ich
hatte so viele fragen. Wer waren die Grunge Kids? Wie konnten zwei Frauen
verheiratet sein und woher hatte Lady Ilsted dieses Dossier?! Doch noch ehe ich
ihr auch nur eine dieser Fragen stellen konnte, meinte sie mit einem Lächeln:
„Ich hab allerdings eine gute Nachricht – zwei, um genau zu sein.“
„Die
da wären?“
„Deine
Eltern leben noch, alle vier. Die ersten beiden müssten jetzt so um die
sechzig, die anderen beiden so um die siebzig sein. Außerdem hat Maud eine
Therapie gemacht und ist seit gut zwanzig Jahren trocken.“
„Wenn
meine Eltern, ganz gleich, wer sie sind, noch leben, dann möchte ich sie
sehen!”
„Und
wie stellst du dir das vor?” fragte Lady Ilsted spöttisch: „Du weißt nicht, wer
sie sind, wo sie wohnen – ob sie dich überhaupt wollten. Wer weiß, vielleicht
hat man dir sogar noch einen Gefallen getan, indem man dich hier eingesperrt
hat.” Zugegeben, ich fühlte mich durchaus etwas verhöhnt, doch zum einen war
sie immer noch eine Lady und zum anderen beschlich mich das Gefühl, dass es
dennoch stimmte. „Außerdem,” fügte sie hinzu: „würden sie dich gar nicht
verstehen.”
„Wie
meint Ihr das?”
„Nun
ja, wie sag ich das am besten,” erklärte Lady Ilsted: „Deine Eltern und du seid
circa tausend Jahre auseinander. Wir reden hier von Sprachbarrieren,
Kulturbarrieren und noch einige Barrieren dazwischen.”
„Euer
Punkt?”
„Mein
Punkt ist, dass du dein eigener Gefangener bist. Gefangen in deinem eigenen
Kopf. Und letztlich auch von Gefangener Dome Medieval 1340. Feststeht, dass du
nicht von hier weg kannst, auch wenn du es versucht hast.” Ich sah sie ungläubig
an, doch Lady Ilsted nickte nur: „Ja, ich hab das Loch gesehen, das du in die
Kuppelwand getreten hast. Hab mir nichts dabei gedacht, bis wir uns in der
Kirche getroffen haben.”
„Ihr
wusstet es also die ganze Zeit,” gab ich verärgert von mir: „Ihr wusstet es und
dennoch habt ihr nichts gesagt!”
„Mein
lieber Edvyn,” gab Lady Ilsted mit ruhigem Tonfall zurück: „ich bin auch nur
ein Mensch und ich war von dem, was in der Kirche passiert ist, genauso
schockiert gewesen, wie du. Wahrscheinlich noch schockierter als du, wenn man
bedenkt, dass ich meinen toten Vater dort hab liegen sehen!”
Irgendwie
beruhigte es mich, sie über eine derart menschliche Emotion sprechen zu hören.
Dennoch hatte ich das Gefühl, das ihre Begegnung mit mir auf irgendetwas
hinauslaufen sollte, andernfalls wäre sie nach dem Aufeinandertreffen in der
Kirche wohl sofort wieder gegangen.
„Eine
Sache verstehe ich allerdings nicht“, erwiderte ich mit einem Stirnrunzeln.
„Was da wäre?“ kam es von ihr. „Nun ja“, fuhr ich fort: „Ihr seid nicht von
hier, Milady. Woher könnt Ihr meine
Sprache?“
„Das
hat dich nicht zu interessieren, Betbruder“, kam es kühl und direkt von ihr und
im Nachhinein scheint es mir töricht, dass ich dachte, auf meine Frage eine
ernsthafte Antwort hätte bekommen würden.
„Was
soll ich jetzt machen?” fragte ich unsicher, was Lady Ilsted mit einem frechen
Grinsen erwiderte: „Tja, das ist hier wohl die Frage, was? Da draußen gibst es
für dich keinen Platz und mein Paps hat dir alles weggenommen, das dir lieb und
teuer war. Soweit es mich angeht, gibt’s für dich nur einen Ausweg.”
„Welcher
wäre?” hakte ich stockend nach, da ich mir schon denken konnte, was es war.
„Erinnerst du dich noch, wie ich mich vorgestellt habe?” begann Lady Ilsted:
„Ich hoffe doch sehr, du hast nicht gedacht, dass ich dich veralbert hab.”
„Dann
bist du es wirklich?” fragte ich: „du bist also wirklich der Tod?”
„Ich
verletze jeden, den ich treffe und zerstöre alles, was ich anpacke – wie
würdest du so jemanden nennen?!Ich habe meinen ersten Freund erstickt. Ich bin
der Grund, weswegen meine erste, große Liebe sich von mir trennen musste
Ich. bin der Grund, weswegen man mich
und andere Lifer auf die Straße geworfen hat. Ich bin der Grund, weswegen Wayde
getötet wurde und ich bin der Grund, weswegen die Hälfte der Kuppeln vollkommen
entvölkert ist!” Ich hatte keine Worte, fand keine Worte für das, was Lady
Ilsted mir gerade erzählt hatte.
„Erinnerst
du dich an das süße Mädchen auf dem Foto?” fragte Lady Ilsted. Ich nickte und
verstand, dass sie…Eulelia damit meinte. „Ich habe sie umgebracht. Meine
Worte und meine Taten haben dazu geführt, dass sie aus einem Fenster im zweiten
Stock fiel und ihr Schädel in tausend Teil zersprungen ist!”
Schockiert
hielt ich mir die Hand vor den Mund und fragte dann mit stockender Stimme:
„D-dann bist du auch für die Dunkelheit verantwortlich? Für das Hungern? Für
das Sterben?”
„Ja!
Die letzten beiden Dinge haben jedoch andere zu verantworten.”
„Wer?”
„Angst,”
gab Lady Ilsted an: „Paranoia, Unruhe, Unmut, Verzweiflung, Überlebenstrieb –
soll ich fortfahren?”
„Aber
warum?” wollte ich wissen: „was war der Sinn darin? Was war der Sinn die Sonne
verschwinden zu lassen und uns leiden zu lassen?”
„Sage
ich dir nicht,” meinte Lady Ilsted abweisend und in einem etwas herrischen Ton:
„und es braucht dich auch nicht zu interessieren.” Sicher, ich war wütend
darüber, dass sie sich bezüglich der Dunkelheit in Schweigen hüllte, doch sie
war immerhin eine Lady und daher wollte ich sie nicht weiter erzürnen. „Wichtig
ist nun nur, dass du nicht von hier weg kannst,“ meinte sie: „Du verstehst
schon, was das für dich heißt?“ Natürlich verstand ich und mein Herz pochte
stark ob meines bevorstehenden Ablebens. „Allerdings will ich fair sein,“
erklärte mir Lady Ilsted: „und dir die Entscheidung überlassen, wie du deinem
Schöpfer gegenübertreten willst.“
„W-welche
Möglichkeiten habe ich, Mi-milady?“ stotterte ich, als ich daran dachte, für
meine Sünden bald bezahlen zu müssen. Die Lady setze sich wieder und sprach:
„Nun, zum einen könntest du wieder in die Kirche gehen und von dem vergifteten
Wein trinken. Es wäre auf jeden Fall schmerzlos und, wie Vater selbst gesagt
hat, hast du nach dem Trinken etwas Zeit, in Würde zu sterben.“
„Das
wäre Selbstmord!“ rief ich entsetzt: „Das ist eine Todsünde, das werde ich
nicht machen!“ Daraufhin hob sie eine Augenbraue und ich realisierte, dass
diese eine Sünde im Angesicht meiner anderen auch keinen Unterschied mehr
machen würde – bis auf den Platz in der Hölle, den man mir zuweisen würde.
„W-was ist die zweite?“ erkundigte ich mich, woraufhin Lady Ilsted meinte: „Die
andere Möglichkeit ist, dass ich dir mit Vaters Revolver von hinten in den Kopf
schieße. Wäre zwar nicht so sauber, aber es geht schnell. Außerdem würde es
dann so aussehen, als ob Vater das gemacht hat.“
„Ihr
meint, das Gerät, mit dem er sich wohl gerichtet hat?“
„Ja,
genau“, bestätigte sie und fuhr fort: „Andererseits…gibt es da noch eine
dritte Möglichkeit. Allerdings…“
„Allerdings,
was?“
„Sagen
wir mal, es ist nicht die eleganteste Lösung, aber dein Tod wäre dennoch
gewiss.“
„Was
ist es?“
„Project
SPIRES – Project Spider Spores“, erwiderte die Lady und ging dann dazu über,
mir eine Krankheit zu beschreiben, welche noch
grausamer und furchterregender war, als der Schwarze Todes je sein konnte! Mein
Gesicht verzog sich zu Ekel, Abscheu und Entsetzen, als sie beschrieb, wie
diese Krankheit meinen Hals, meinen Bauch und meine Arme und Beine erhärten
würde. Wie sie meine inneren Organe zersetzen und mir mehrere Tage und Stunden
unbeschreibliche Qualen bereiten und ehe ich dann letztendlich daran zugrunde
gehen würde. „D-das…das will ich nicht!“ rief ich und bat daher um den Tod
durch diesen…Revolver. „Aber nicht hier unten,“ bat ich: „wenn ich schon
meinem Schöpfer gegenübertreten muss, dann will ich das nicht hier in diesem
Loch machen.“
„Wie
du willst,“ gab Lady Ilsted kühl zurück, ehe sie den Schädel wieder in den Sack
packte, die Waffe und den Beutel an sich nahm und kühl zurückgab: „Los, gehen
wir.“
Wie
ein Tier wurde ich von Lady Ilsted durch die Straßen und die Dunkelheit Muntuns
getrieben. Wie ein Schaf oder ein Ochse zur Schlachtbank, während ihre
Kopflampe unentwegt in meine Richtung schien. Und als ob sie den Grund für
unsere Wanderung unterstreichen wollte, summte die Lady den ganzen Weg über Dominus
Mortuus. Dessen Zeilen hatten mir schon immer einen Schauer über den Rücken
laufen lassen, doch ihre engelsgleiche Stimme machte es noch merklich
schlimmer. Doch anders als zu Ostern, so war ich mir sicher, würde ich den
dritten Klang wohl nicht mehr erleben. So ging es den ganzen Weg entlang, bis
wir unser Ziel erreicht hatten – die kleine Kapelle unserer Abtei.
Die
Kerzen waren bis auf wenige ausgebrannt und gaben nur einen spärlichen Blick
auf meine toten Brüder, welche sich immer noch betend oder aneinander lehnend
vor dem Altar befanden. „Los, vor,” befahl mir die Lady, ehe sie mich in
Richtung meiner Brüder trieb, wo ich von ihr in die Knie gezwungen wurde und
ich in die toten, kalten, eingesunkenen Augen von Bruder Alden sah! Ich wollte
mein Blick abwenden, wollte aufstehen und fortrennen. Ob die Lady mich so
tötete, oder auf meiner Flucht war egal. Doch dieser Gedanke verflüchtigte
sich, als ich das Metall der Waffe an meinem Kopf spürte und das Klacken
vernahm. Ich schloss meine Augen und begann vor Todesangst zu schwitzen. In
meinem Kopf spielten sich jene höllischen Szenarien ab, welche ich bei unserem
Abstieg erblickt hatte und ich hoffte inständig, der Heiland, in seiner ganzen
Güte würde doch ein Nachsehen mit mir haben. Ich dachte noch an Bruder
Remigius, Bruder Nathan, Bruder Callum und an Abt Norwind, als ich das laute
Getöse der Waffe hörte, meine Augen fest zukniff und meine Ohren vor dem Knall
schützte.
Langsam,
ganz langsam und vorsichtig öffnete ich meine Augen. Doch was ich sah, war
erneut kein Teufel, keine Flammen, keine Folter, keine Schmerz und auch kein
Leid. Stattdessen sah ich voller Verwirrung und Unglauben in Bruder Aldens
weiterhin totes Gesicht, welches nun ein kleines Loch nahe des Wangenknochens
aufwies. Was war passiert? Hatte sie ihr Ziel verfehlt? Hatte sie nicht den Mut
gehabt, die Tat zu begehen? Oder hatte der Herr wohl möglich ein Wunder bewirkt
und brauchte mich noch für eine zukünftige Mission? Langsam, ganz langsam,
drehte ich meinen Kopf in Richtung der Person, welche erpicht darauf gewesen
war, mein Leben zu beenden. Durch das grelle Licht ihrer Kopflampe konnte ich
nur wenig erkennen, doch ich sah, wie ihr Gesicht verzogen war; die Augen zu
Schlitzen zusammengekniffen, der Mund fest zusammengepresst. Ihre gesamte
Haltung war angespannt, ihr Brustkorb hob und senkte sich im Sekundentakt ihrer
schnellen Atmung und der ausgestreckte Arm, mit dem sie die Waffe auf mich
gerichtet hatte, zitterte nervös. All diese Anspannung, all diese Nervosität
entlud sich schließlich in einem lauten Schrei, bei dem Lady Ilsted mir den
Revolver mit voller Wucht gegen den Kopf schmetterte. Ich fiel zu Boden, hielt
mir die blutende Wunde. Jedoch gewährte sie mir keinen Moment um nachzudenken,
sondern zog an meiner Kutte und brüllte: „Steh auf, du dämliches Stück Scheiße!
Los, hoch mit dir!“ Da sie nicht stark genug war, mich hochzuziehen, rappelte
ich mich auf, ehe sie schrie: „Los, verpiss dich! Hau ab! “
Mit
einem festen Stoß, schubste sie mich der Tür entgegen, was mich über meine
eigenen Füße stolpern und mich wieder hinfallen ließ. Dann ertönte ein weiterer
Knall, was von den Worten der Lady gefolgt wurde, ‚ich solle gefälligst
aufstehen und zusehen, dass ich Land gewinne‘. Auf diese Tirade folgten noch
zwei weitere Knaller, welche mich entgültig aus der Kapelle trieben. Und wie
nach meinem Mord an Bruder Callum, so dachte ich nicht groß nach, sondern
rannte einfach geradeaus. Ich rannte in
die Dunkelheit, rannte durch die finsteren Gassen und den Häusern Muntuns, in
denen sich nichts mehr regte. Mein erster Instinkt war es wieder, zurück zur
Kirche zu gehen, doch schließlich bot mir eines der verlassenen Wohnhäuser
Unterschlupf.
Da
saß ich nun. Allein, verlassen, verraten, betrogen und wieder frierend. Und
während ich in das schwarze Nichts vor mir starrte, befiehl mich insgeheim
sogar die Wahnvorstellungen, Lady Ilsted spielte nur ein weiteres, krankes
Spiel mit mir. Dass sie mich in der Dunkelheit nach Schutz suchen ließ, nur um
darauf zu warten, dass ich diesen verließ, um mich dann doch zu töten. Dies war
jedoch nicht der Fall, da ich eine sehr lange Zeit in meinem Versteck
verharrten, ohne dass etwas passierte. Vollkommen blind und ohne jede
Orientierung schaffte ich es dennoch, mich aus meinem Versteck zu manövrieren
und mich nach draußen zu begeben. Ich wusste nicht warum, aber aus irgendeinem
Grund hatte ich das Verlangen, zurück zum Anwesen zu gehen, um sicherzustellen,
dass die Lady wirklich fort war. Wie ein Blinder lief ich mit einem gefundenen
Stock durch die Straßen, ertastete meinen Weg; Elle um Elle, Fuß um Fuß, bis
ich ein schwaches Licht in der Ferne sah. Bestimmt und mit bedachten Schritten
bewegte ich mich ihm entgegen…bis mir klar wurde, dass das Licht aus der
Kirche kam! Ich hielt schlagartig an, als ich vor den Treppen stand und fragte
mich, ob ich wirklich eintreten sollte. Gut möglich, dass die Lady noch hier
war und weiß Gott was mit mir anstellen würde! „Hallo?!” rief ich vorsichtig,
dann bestimmter: „Lady? Seid ihr noch da? Bitte tut mir nichts.” Niemand
antwortete, oder kam aus der Kirche heraus. Ich rief noch ein zweites Mal, doch
wieder verhallten meine Worte in der Dunkelheit der Anlage, ehe ich mich
aufraffte und die Stufen hoch zur Kirche stieg.
Erneut
sah ich das Leid, das Sterben, die Ohnmacht, welche über Muntun hereingebrochen
war. Während ich erneut den Gestank des Todes einatmete, lief ich hinüber zu
dem Licht, welches von zahlreichen Kerzen kam. Sie schlängelten sich vom Altar
bis zum Eingang der Krypta und als sich meine Augen langsam aber sicher wieder
an den Anblick des Lichts gewöhnten, sah ich, dass etwas fehlte – nein, das
zwei Dinge fehlten! Die Leiche des Vaters, sowie das Kreuz von Sankt Aeghdean,
waren verschwunden! Man musste kein Genie sein, um zu verstehen, was mit dem
Vater geschehen war und daher legte ich meinen Stock beiseite und folgte den
Kerzen in die Krypta hinab.
Dort Angekommen, wurde ich von einem
vertrauten Anblick begrüßt. Im linken Bereich der Krypta und spärlich
beleuchtet, stand die bemalte Grabplatte meines geliebten Abtes Norwind.
Meine Erinnerungen an ihn ließ mich zu weinen anfangen und irgendwie war ich
froh über die Tatsache, dass er die Dunkelheit und das Chaos danach nicht mehr
hatte miterleben müssen. Meine Tränen trocknend, sah ich in eine spärlich
beleuchtete Ecke, in der ich eine… blutige Axt erblickte. Langsam fuhr ich
über dessen Klinge und bemerkte, dass das Blut noch frisch war. „Was war hier
passiert?“ dachte ich laut. Ich trocknete meine Tränen und lief daraufhin zu
einem Sarkophag, an dem die Reihe von Kerzen endete und welche liebevoll um das
steinerne Bett drapiert worden waren. Dessen Deckel war eine einfache
Steinplatte mit schrägen Seiten, auf den jeweils eine Inschrift stand. Auf der
Platte selber stand das Kreuz von Sankt Aeghdean, davor… Vater Warrens
Gebetsbuch?! Es bestand kein Zweifel daran, WER es auf den Deckel platzierte hatte.
Ich wollte es sofort an mich nehmen, als mir jedoch ein Bild auffiel, welches
scheinbar liebevoll auf das Buch gelegt worden war. Ich hob es auf und starrte
in die lächelnden Gesichter eines Mädchens und einer Frau. Ersteres hatte…
schwarze Haare mit lila Strähnen und war auch sonst ganz in schwarz und
ziemlich aufreizend gekleidet. Die Frau war blond und auf ihrer Hand, in der
sie eine Art Becher hielt, konnte ich eine große, jedoch vor Jahren verheilte
Schnittverletzung erkennen. Es bestand keinen Zweifel: das war Lady Ilsted,
zusammen mit der ominösen Frau aus dem Album – ihrer Mutter. Ich sah mir das
Bild noch eine Weile an, ehe ich es auf den Deckel legte und mich dem
Gebetsbuch selbst widmete.
Voller Neugier hob ich es auf, ließ es
jedoch abrupt wieder fallen, als ich etwas klebriges und feuchtes an dessen
Unterseite spürte! Ich drehte es um, nur um einen Blutfleck sowohl auf dem
Buch, wie auch auf dem Deckel zu entdecken. Als ich das Buch wieder umdrehte,
sah ich nun auch, dass das Schloss aufgebrochen worden war, was mich nur noch
neugieriger machte! Hastig riss ich das Buch auf und starrte gebannt auf den
Gegenstand in meiner Hand. Nicht nur, dass die Seiten alle
zusammengeklebt waren und sich daher nicht blättern ließen, die gesamte Mitte
des Buches war ausgeschnitten worden! In der freien Fläche befand sich nur ein
merkwürdiger Abdruck, wie eine art Halterung – eine Halterung für zwei Ringe!
Nur noch eine weitere Bestätigung, dass es sich bei der Person auf den Bildern
wirklich und wahrhaftig um Vater Warren gehandelt hatte. Doch wem gehörten sie?
Der bildhübschen, schwarzhaarigen Frau auf dem Gruppenbild? Oder der
mysteriösen, geheimnisvollen Frau mit der Narbe an der linken Hand? Ich atmete
tief ein und aus, ehe ich das Gebetsbuch wieder schloss.
Meine Finger über den verzierten Umschlag
mit seinen Schmucksteinen gleiten lassend, erinnerte ich mich an Lady Ilsteds
Kommentar in der Kirche bezüglich Sankt Aeghdeans Kreuz und wie sie meinte, es
gäbe ’noch so eins‘. Das Kreuz selbst konnte sie nicht gemeint haben, das
wusste ich und daher nahm ich an, dass die werte Lady über das merkwürdige
Stimmen-phänomen gesprochen hatte. Doch was würde Vater Warrens Gebetsbuch von
sich geben? Was würde ich hören? Würde ich erfahren, wem die Ringe gehörten? Oder
würde ich nur weiter Fragen ohne Antworten bekommen. Zunächst hatte ich Angst,
es Lady Ilsted gleich zu tun und einen der Schmucksteine zu berühren, doch nach
etlichem Zaudern ließ ich meinen Zeigefinger über den Smaragd wandernd
und drückte ihn leicht.
“Hey Paps, ich bin’s, Pat. Ich
werd nicht um den heißen Brei herumreden und fang deswegen gleich mit dem
schlechten Zeug an. Ich bin ein Lifer, das ist eine Dolly, die nie altert. Hat
sich auch rausgestellt, dass ich ne Psychopathin bin und kein anderes Fleisch
außer homo sapiens vertragen kann. Allerdings…bin ich mir nicht so sicher, ob
die zwei Sachen per se was Schlechtes sind – schätze mal, das bin einfach ich.
Bevor du fragen würdest‘ ja, Ich hab Eulelia und Jonah gefunden, aber…
naja…sie sind Tod, okay?! Und wäre es nicht meinetwegen gewesen, wären sie
noch am Leben.“
Daraufhin sagte die Lady für eine Weile nichts, alles
was ich hörte, war ein schweres Atmen, ehe sie sich wieder besann und
weitersprach:
„Reden wir doch erstmal über das gute
Zeug. Falls es dich interessiert, Harold war ein guter Vater gewesen und Mum
geht’s den Umständen entsprechend. Hab sie das letzte Mal vor zehn Jahren
gesehen und da haben wir uns gestritten… ehrlich gesagt, hab ich sie wegen
dir angeschrien. Das hätte ich nicht machen sollen, tut mir leid. Hab
tatsächlich damit gespielt, sie anzurufen, falls ich dich jemals…naja, lebend
sehe. Schätze, der Zug ist wohl abgefahren. Aber immerhin hat das auch was
Gutes.
Die sind wirklich hübsch, die Ringe, mein‘
ich. Keine Ahnung, wer ihr im Album den Kopf abgeschnitten hat, ist mir auch
egal. Jedenfalls hat man die Ringe komplett vergessen, daher weiß ich das sie
dir und Mum gehört haben. Und da du, Jonah und Eulelia Tod seid und ich Mum
wahrscheinlich nie wieder sehen werde, gehören die beiden Hübschen von Rechts
wegen mir – Carrie oder Maible würden die zwei bestimmt ganz schick finden. Ich
hab keine Verwendung mehr dafür – nicht nach der Sache mit Dwight und nach dem,
was Wayde passiert ist. Ich habe sie beide geliebt, mit ganzem Herzen. Ich gab
ihnen alles, was ich konnte; meine Hingabe, meine Bewunderung, mein Blut – und
beide wurden mir weggenommen! Wäre ja auch nicht das erste Mal, oder? Daisy,
Melody, Eulelia, Jonah…du!
Aber…bin ich ja nicht die Einzige, die
jemanden verloren hat, den sie geliebt hat. Ich weiß, was zwischen Aiden und
Euleia gelaufen ist und ehrlich gesagt versteh’ ich nicht, was damals mit dir
los war! Andererseits, wäre ich wahrscheinlich gar nicht mal hier, wenn die
zwei nicht angefangen hätten, hinter deinem Rücken rumzuvögeln. Hättest du
Aiden nicht gesagt, er solle sich von deiner Tochter fernhalten, hätten die
zwei nicht angefangen, es heimlich miteinander zu treiben. Hättest du es nicht
herausgefunden, hättest du dich nicht in deinen eigenen, heimlichen Gelüsten
verloren – und niemals angefangen, Mum nachzustellen.
Nachdem Eulelia und Jonah tot waren, hab’
ich nur ihr schönes, weißes Kleid und sein, beziehungsweise Aidens, Messer
mitnehmen können, aber dich werde ich nicht in diesem Loch hier versauern
lassen, nein. Du wirst immer bei mir bleiben, bis zum bitteren Ende – so wie
Wayde!“
Wie
schon so oft, hatte ich so viele Fragen, doch vor allen anderen schwebte eine
ganz hoch oben im Raum. Eine, die ich zuvor bereits gedacht, doch mich erst
jetzt traute, auszusprechen: wie hatte dieses Mädchen es geschafft, die Leiche
des Vaters in den Sarkophag zu legen, geschweige denn den schweren Deckel zu
öffnen und wieder zu schließen? Immerhin musste letzterer mehrere hundert Pfund
wiegen und sicherlich zwei Männer bedürfen, um bewegt werden zu können! Oder
hatte ich von Anfang an Recht gehabt und sie war tatsächlich ein Dämon gewesen?
Vom Satan geschickt, um mich zu verwirren und zu entmutigen? Ganz gleich, ich
wollte sehen, was es mit dem Deckel auf sich hatte, weshalb ich zunächst alle
Kerzen in sicherer Entfernung platzierte, aufdass ich nicht verbrannte und das
Kreuz und das Buch vom Deckel entfernte. Daraufhin trat ich vor den Sarkophag,
umklammerte dessen Ränder und zog den Deckel so fest ich nur konnte in meine
Richtung.
Mit
einem Satz flog ich rückwärts, den Deckel immer noch in meinen Händen! Hart
schlug mein von einem Leben voller schwerer Arbeit gebeutelter Rücken gegen die
Wand hinter mir und ich sank zu Boden, als meine Knochen sich von dem Aufprall
erholten. Mit großen Augen starrte ich zuerst auf den Deckel in meinen Händen,
dann auf den offenen Sarkophag. Der Deckel sah aus, wie aus festem Stein gemacht, doch war er
leicht wie eine Feder! Was ging hier vor?! War alles andere in dieser Krypta
unecht, oder nur der Deckel? Ich sah hinüber zu Norwinds Grab und mich überkam
ein mulmiges Gefühl, dass es ebenfalls nur eine geschickte Täuschung sein
konnte. Jedoch hütete ich mich davor, dem weiter auf den Grund zu gehen. Ich
rappelte mich langsam auf und hielt mir den schmerzenden Rücken, ehe ich
zögernd auf den offenen Sarkophag zulief. Als ich jedoch nah genug herantrat,
blieb ich wie angewurzelt stehen und fuhr zusammen ob dem, was mir meine Augen
enthüllten!
Es
war nicht die Tatsache, dass Lady Ilsted dem Vater einige der Bilder aus dem…
Album mit in den Sarkophag gelegt und sie liebevoll drapiert hatte. Es war
nicht die Tatsache, dass sie, anstatt seinen Körper auf dem Rücken zu legen, seine Beine und Arme in
Seitenlage abgewinkelt hatte. Und es war nicht die Tatsache, dass seine Leiche mit einem blauen Puder bedeckt
war, nicht ungleich in Färbung der Markierung auf dem Pferd und seiner
Besitzerin.
Nein,
was mich zusammen fahren ließ, war nur ein kleines Detail. Ein Detail, jedoch,
welches jedem auffiel, der die Leiche erblicken würde. Ein Detail, das sich als
immer verstörender präsentierte, je länger ich darauf starrte. Ein Detail, das
jeden guten Christenmenschen voller Schrecken das Blut in den Adern gefrieren
lassen würde – vor allem, wenn man den Blutfleck und Lady Ilsteds Monolog
bedachte! Dem Vater, Gott hab ihn selig, fehlte der Kopf!
Epilog
05.
August 2300
Zehn
Jahre. Zehn Jahre ist es nun her, seitdem ich Dome Medieval 1340 betreten und
diesen merkwürdigen Abt getroffen hatte. Sein Tagebuch und die losen Seiten des
Eintrags vom dreizehnten und fünfzehnten Oktober fand ich fein säuberlich auf
dem Bücherstand in seinem Schlafraum. Ohne Sonne, Regen, Wind und Wetter war es
all die Jahre konserviert worden, wie auch fast alles in dieser Kuppel. Noch
immer lagen all die Menschen in der Kirche, noch immer zogen die Zeiger auf der
Kirchturmuhr unermüdlich ihre Kreise, noch immer stand der Bottich gefüllt mit
dem vergifteten Wein bereit – und noch immer lag der Vater der Children in
seinem Sarg. Der einzige Unterschied zur Kuppel, wie ich sie betreten hatte,
war ein einziger Satz, wohl vom letzen Überlebenden geschrieben, welcher auf
der Außenwand der mittelalterlichen Kuppel prangte: Male Patratis Sunt Atrasi
Theatre Parata. Besser hätte ich das Containment Project und was darin
vorgegangen war, auch nicht beschreiben können!
Die
Children of the Vine, die Kinder des Rebstocks, waren eine katholische Sekte.
Man sah sich als eine alternative zur dekadenten, selbstverliebten,
selbstsüchtigen, selbstgerechten bereits bestehenden Kirche. Von zwei Jesuiten
gegründet, würde sie sehr bald zur größten Bedrohung des Vatikans seit 1517
werden. Vor allem drei Dinge zeichneten die Children as aus: das öffentliche
Kreuzigen Pädophiler Priester, weibliche Kleriker und eine charismatische
Führungsriege.
Daher
schien es fast schon unbegreiflich, wie eine derartig erfolgreiche und beliebte
Organisation schließlich zerstört wurde. Nun, ich kenne die Antwort, allerdings
werde ich hier nur sagen, dass es hauptsächlich auf private Geschichten
innerhalb der Children zurückzuführen war. Wie gesagt, meine Familie ist voller
kleiner, schmutziger und dreckiger Geheimnisse – ganz gleich, von welcher man
spricht. Was mich dann allerdings auch zum Punkt bringt: woher weiß ich, dass
Robert Boekkler mein Vater war? Die Antwort: ich weiß es nicht. Was natürlich
nicht heißt, dass es in meiner Vergangenheit keine Anhaltspunkte dafür gab.
Fangen
wir doch einfach mit meiner Geburt an. schon ein ziemlicher Zufall, dass die
Children genau in DEM Zeitraum zerschlagen wurden, als meine Mutter mit mir
schwanger war und ich das Licht der Welt erblickte, oder? Dann ist da noch die
Tatsache, dass Boekkler, wie auch ich, eine Affinität für Fitness hatten – er
für’s Krafttraining, ich für’s Kickboxen. Hinzu kommt noch, dass es meiner Mum
ganz und gar nicht gefallen hatte, dass ich mich mit den Children beschäftigte.
Ziemlich komisches Verhalten wenn man bedachte, dass die Children zu diesem Zeitpunkt gar
nicht mehr existierten.
Für
meine Vermutung spricht ebenfalls die sexuelle Anziehung, die ich gegenüber
Robert in meinen frühen Jugendjahren empfand. Lasst es mich so erklären: am
ehesten würde ich es mit einer Romanze zwischen Geschwistern vergleichen, die
seit ihrer Kindheit getrennt waren und sich plötzlich wieder begegnen, ohne zu
wissen, wer sie wirklich sind.
Die
stärksten Indizien für meine Vermutung, erhielt ich jedoch vor etwa zwanzig
Jahren. Zehn Jahre bevor wir die Anlagen des Containment Project an uns rissen,
hatte ich meinen Eltern einen Besuch abgestattet und dort in deren Keller
herumgegruscht hatte, um in alten Erinnerungen zu schwelgen. Dabei fand ich
allerlei altes Zeug, darunter auch ein unbeschrifteter Karton voll mit Sachen,
die den Children zuzuordnen waren. Pamphlete, Schreiben Boekklers an meine
Mutter – sowie ein Pullover und ein T-Shirt mit dem Symbol der Sekte, welche
eindeutig für eine Frau zugeschnitten waren. Ich begriff, dass meine Mutter
einst bei den Children war, jedoch nicht, warum sie all diese Dinge all die
Jahre behalten hatte. Und dann erinnerte ich mich an ihr bereits angesprochenes
Verhalten in meinen Jugendjahren. Ich werde nicht jedes Wort der
darauffolgenden Unterhaltung wiedergeben, aber sagen wir einfach meine Mutter
ist weinend davongerannt, als ich sie geradeheraus gefragte hatte, ob Robert
Boekkler mein echter Vater war – mehr Bestätigung bedurfte es für mich nicht.
Das
letzte Indiz kam jedoch von Eulelia selbst. Nachdem ich meine Eltern besucht
hatte, hatte ich zusätzlich meinen alten Kinderpsychologen Renschau besucht.
Lange Rede, kurzer Sinn, ich traf auf meine Halbschwester. Allerdings hatte ich
etwas übertrieben, als ich dem guten Abt von ihrem Tod erzählt habe. Ja, sie
war aus einem offenen Fenster gestürzt, ja der Fall war tief, jedoch ist ihr
Kopf nicht in tausend Teile zersprungen. Kurzum, nach dem Sturz bin ich zu ihr
heruntergerannt um nach ihr zu sehen. Und in ihren letzten Minuten und einem
letzten Moment der Klarheit, äußerte sie einen Satz, der mich vollständig in
meiner Annahme bestätigte: „Sag Vater, ich liebe ihn immer noch.“ Nicht ‚sag
dem Vater‘, nicht ‚sag meinem Vater‘, nein. Wer mit ‚ihm‘ gemeint war? Nun, das
wird wohl für immer ihr Geheimnis bleiben, aber nach allem, was ich erfahren
habe, ich tippe auf Calloway.
Dennoch…kommen
mir in jüngster Zeit immer mehr Zweifel an meiner Annahme. Warum? Ganz einfach:
vor nicht allzu langer Zeit habe ich Euleias Tagebuch gefunden! Versteckt in
der Kirche der Orphans, wie sich die Nachfolgeorganisation der Children unter
der Leitung meines Bruders nannten. Wie es scheint, waren Eulelia und ich uns
gar nicht so unähnlich. So viel hatten wir sogar in unseren Jugendjahren und
jungem Erwachsenenalter gemeinsam, dass bei mir langam der Verdacht aufkam,
dass nicht Joeanne, sondern sie vielleicht meine Mutter sein könnte! Das Alter
könnte passen, zahlreiche weiter Umstände auch. Aber, wie gesagt, außer ihren
Tagebucheinträgen und Spekulation habe ich nichts, was diese Annahme stützen
könnte.
Letztendlich
haben wohl alle Familien ihre Geheimnisse – und einige davon sind einfach
abgefuckter als andere!