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Das Ritual der Unendlichkeit

Du sitzt in deinem Zimmer und langweilt dich. Plötzlich bemerkst du, dass auf dem Tisch ein Stück Kreide liegt. Seltsam. Du bist dir sicher, dass es vor einigen Augenblicken noch nicht da war.

Dann kommt dir etwas in dein Kopf. Ein Déjávu oder so etwas ähnliches. Dir kommt das plötzlich alles so bekannt vor. Es gibt ein Ritual, in dem man das Unendlichkeitssymbol auf eine Wand malt. Dir kommt der Gedanke nicht zum ersten Mal in den Kopf. Du hast das schon einmal gemacht. Mehr als einmal. Du nimmst das Stück Kreide vom Tisch und beginnst auf deine Zimmerwand das Unendlichkeitssymbol zu malen.

Dabei wird dir alles durch Millionen kleinen Blitzlichter vor die Augen geführt. Du weißt nun wie oft du es gemacht hast. Du kannst die Zahl nicht fassen. Viel zu lange bist du schon in der endlosen Schleife gefangen. Irgendwann hast du es zum ersten Mal getan. Wann war das nochmal gleich?

In dem Moment werden deine Gedanken von einem heftigen Klopfen an der Tür unterbrochen. Du zögerst kurz, dann öffnest du sie. Wie versteinert stehst du da. Vor dir steht dein Ebenbild. Du stehst dir selbst gegenüber. Dein anderes Ich ist völlig aufgebracht. Jetzt weißt du es wieder. Da warst du nach ganz am Anfang. Du hattest erst ein paar Mal die Schleife durchlebt und wolltest um jeden Preis ausbrechen.

Was für ein blutiger Anfänger. Da es schon viele weitere Durchgänge gibt, kann er die Schleife nicht einfach so durchbrechen. Du hast von dem Beendigungsritual gehört, doch es macht dir Angst. Große Angst. Dein anderes Ich brüllt dich nun an. “Ich will den Scheiß nicht mehr!” Du weißt was zutun ist.

Vergangene Ichs umzubringen hat für dich keine Konsequenzen. Die Pistole befindet sich schon in deiner Hand. Da wo sie sein soll. Alles läuft seine Bahnen. Dein anderes Ich ist nun kreidebleich. Er fleht dich an :” Schieß nicht. ”

Es ist nur ein Flüstern, denn tief in ihm weiß er ganz genau, dass ein Schuss ihn wieder an den Anfang der Schleife zurücksetzt. Er muss es wissen, denn du weißt es ja auch. Du drückst ab. Es passiert ganz automatisch. Wie oft du wohl schon auf dich selbst geschossen hast? Dein anderes Ich taumelt nach hinten und beginnt sich langsam aufzulösen. Sein Kreislauf beginnt und du weißt, dass er noch ewig weitergehen wird. Du möchtest das Ritual nicht beenden. Da das Ritual immer weiter läuft, hat deine aktuellste Version noch nicht das Beendigungsritual durchgeführt hat.

Doch es könnte jeden Moment geschehen. Jeden Moment könnte das Unendlichkeitssymbol an deiner Zimmerwand verblassen, sobald sich dein aktuellstes Ich sich dafür entscheidet das Symbol von der Wand wegzuwischen. Es ist so simpel, doch dann wäre alles vorbei. Jede Version von dir, die jemals existiert hat oder jemals existieren wird, würde sich auflösen. Natürlich inklusive dir.

Du atmest tief durch um deinen spürbaren Herzschlag etwas zu beruhigen. Du starrst auf deine Zimmerwand. Ein weiterer tiefer Atemzug. Etwas in dir sagt, dass es deine letzten Atemzüge sind, also genießt du jeden einzelnen davon. Dein Blick weicht keine Sekunde von der Wand. Dann ist es so weit. Das Symbol wird blasser. Es löst sich auf. Du weißt nun, dass du den ewigen Kreis irgendwann ganz weit in der Zukunft aufgelöst hast. Du akzeptierst es und du verschwindest genau wie all deine unzähligen Varianten im großen weißen Nichts.

 

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