Eigenartiges

Ein Auszug aus dem Zusammenbruch des menschlichen Verstandes

Kapitel 3

Orientierungslos und ohne wahres Ziel wanderte ich durch den aus Hecken, Rosenbeeten und vereinzelten Kirschbäumen bestehenden Irrgarten, in dessen Mitte, wenngleich ich nicht mit Bestimmtheit sagen kann, ob es die Mitte oder irgendein anderer Ort war, ich mich wiedergefunden hatte. Ich wusste nicht, warum ich hier war oder wo genau ich war, aber ich war dort. Oh nein, ich Dummerchen. Ich muss mich korrigieren. Selbstverständlich weiß ich, wo ich war, im Rosenirrgarten nämlich. Doch wo der Garten war oder wo er jetzt hin ist, das weiß ich nicht. Ich bin mir nicht einmal sicher, ob ich in den Garten hineingekommen bin, oder ob der Garten zu mir kam. Und falls ich in den Garten gekommen sein sollte, wieso sollte der Garten nicht danach auch in mich gegangen sein? Das würde trefflich erklären, wo er jetzt ist, zumal ich ihn außer in meinen eigenen Gedanken seitdem nicht wieder gesehen habe. Ich lief jedenfalls durch ebendiesen Kirschrosengarten, dessen Blüten rot und rosa um mich herum tanzten und funkelten, auf dem Grunde der üppigen grünen Hecken und des Rasens. Obgleich ich kein Ziel zu erreichen suchte, erreichte ich denn am Ende doch etwas, sei es auch kein Ziel gewesen, da ich ja keines hatte. Es war auch tatsächlich kein Ziel, sondern ein niedliches kleines Häuschen. Es stand auf etwas, das man, wäre es kein Garten gewesen, sondern ein Wald, der in mir war, nein verzeihen Sie, in dem ich war… Wo war ich? Ach, dort: wäre es also ein Wald gewesen, hätte das Häuslein auf einer Lichtung gestanden. Nennen wir es also einen Waldgarten. Nein, was rede ich, eine Gartenlichtung. Zumindest standen dort weder Hecken noch Rosen, sondern eben ein Haus. Ich wusste nicht, wer darin wohnte. Es mochte ein Förster sein, oder derjenige, dem der Wald mit dem Wild gehörte. Zumindest klopfte ich an die Türe, in Ermangelung einer anderen Idee, was ich wohl hätte tun können, als sonst den Baum, nein das Haus wieder zu verlassen und zurück hinein in die Lichtung, nein den Wald, ach was, in den Garten hinaus zu gehen. Dies jedoch hätte wenig Sinn gehabt, da ich ja gerade erst in die Lichtung hineingegangen war. Ich klopfte also an die Türe des Häusleins und nach einigem Rumoren im Inneren, oder vielleicht im Äußeren, da ich mich ja innerhalb des Gartens befand und sobald ich in das Haus eintreten würde wäre ich ja nicht mehr innerhalb des Gartens. Aber das Haus stand doch innerhalb des Waldes, pardon, des Gartens natürlich. Wäre ich also, befände ich mich im Hause, gleichzeitig im Garten und im Haus? Und noch wichtiger, wäre ich somit gleichzeitig im Garten und nicht im Wald? Konnte das sein? Auf alle Fälle öffnete jemand die Tür, nachdem es dahinter, oder davor wenn man es aus der Perspektive des Öffners betrachtete, einigen Lärm gegeben hatte, den ich nicht eindeutig irgendeiner Quelle oder Ursache zuzuordnen wusste und bis heute nicht weiß. Der die Türe geöffnet hatte, war ein älterer Herr mit grau meliertem Bart- und Haupthaar und einem freundlichen Gesicht, der einfache doch saubere Kleider trug, wobei es natürlich nur eine Lage Kleidung war, und zudem kein Kleid, sondern Hemd und Hose, doch ich schweife ab, der mich freundlich grüßte. „Guten Abend, meine Dame. Was verschlägt Euch hierher, an solch schönem Tage, wenn ich fragen darf? Doch tretet nur erst ein, wir habe Platz genug für Euch, zumindest für eine Weile.“ Erstaunt doch angenehm beeindruckt folgte ich, nachdem ich mich höflich bedankt hatte, der Einladung und trat in das Haus hinein, beziehungsweise aus dem Garten, nein verzeiht, dem Walde heraus, also in das Haus hinaus oder aus dem Garten herein, oder wohin auch immer ich nun hinein-heraus trat und der Hausherr schloss die Türe hinter mir. Da ich mich jedoch in diesem Moment noch einmal nach ihm herumdrehte, um nach der Türe ein letztes Mal nach draußen zu blicken, in den Garten hinein, schloss der Alte sie praktisch vor mir. Wir befanden uns nun nicht mehr nur inneraußerhalb des Waldgartens, sondern außerdem in einem Hausflure, von dem aus einige Türen zu den Seit abgingen, genauer eine rechts, zwei links, eine gegenüber der Eingangstür und die Eingangstür selbst. Die Tür an der rechten Wand lag im vorderen Drittel des Flures, die beiden hinteren, Drittel, nicht Türen, nahm ein offenes Treppenhaus ein, das ein Stockwerk nach oben und mindestens eines nach unten führte. „Folgt mir doch bitte, wir saßen soeben beim Kaffee“, bat der Mann freundlich und führte mich in das erste, das heißt das von der Eingangstür aus vordere Zimmer zur linken Hand, zumindest, wenn man gerade hereingetreten war, trat man nun hinein in den Garten, also heraus aus dem Häuschen, so war es der erste Raum zur Rechten, wie sich versteht. Dieses Zimmer war eine Art Wohnstube oder Speisezimmer oder beides oder vielleicht nichts von beidem. In der Mitte Stand ein rechteckiger Tisch mit sechst Stühlen daran, je einer an den kurzen und zwei an den längeren Seiten. Gedeckt war für vier Personen, an der Stirnseite des Tisches und dementsprechend am Hinterkopf, falls Sie mir folgen können, stand je eine Tasse, die Stirntasse war mit dampfendem schwarzem Kaffee gefüllt, die Nackentasse war leer. Also nich leer war sie, sondern voller Luft, falls Sie verstehen. An den Schläfen des Tisches, also die beiden Stühle gleich neben der Stirnseite besetzend, saßen zwei Mädchen, das eine wohl 12, das andere vielleicht 8 Jahre alt, mit je einer großen Tasse warmen Kakaos und jedes hielt einen Keks in der Hand. Dunkle Kekse waren es, mit weißen Schokoladenstückchen darinnen. „Guten Morgen, mein Herr.“, grüßten sie lächelnd im Chor und kicherten dann ein Wenig. Der Alte bat mich am Genicke Platz zu nehmen und stellte mir vor: „Dies sind Marie und Lilly, meine beiden Enkeltöchter. Sie besuchen mich für ein paar Wochen.“ „Mama ist auf Geschäftsreise, hat sie gesagt. Deshalb sind wir bei Großvater.“, sagte Lilly, die jüngere, fröhlich. Ich setzte mich und mir fiel auf, dass die Tasse doch nicht mit Luft, sondern tatsächlich mit Kaffee gefüllt war. Unbedacht nahm ich einen Schluck und wenngleich es schwarzer Kaffee war, schmeckte er nach Milch.

Nachdem wir einige Minuten dort gesessen hatten, verdunkelte sich das Licht, welches durch die beiden Fenster des Raumes hereinfiel. Nein hinaus natürlich. Oder intensivierte sich bloß di Dunkelheit im Zimmer? Ich meine außerhalb des Gartens. Tut nichts zur Sache. Der Alte schaute zu einem der Fenster hinein auf den Wolkenverhangenen Himmel, oder auf die Wolken, da man ja durch sie den Himmel nicht sehen konnte. Mit verträumtem Gesichtsausdruck murmelte er: „Sieht aus, als werde es regnen.“ Die beiden Kinder blickten einander erschrocken an und Lilly begann, leise zu weinen. Verständnislos blickte ich ihre ältere Schwester an und diese schien zu verstehen, was mich verwunderte. „Wenn es regnet, müssen wir morgen früh wieder die Rosen anmalen. Das macht sie traurig.“ Als mein Blick sich nicht großartig veränderte, schniefte die Kleine auf der anderen Seite des Tisches: „Nicht weil wir malen müssen bin ich traurig, mein Herr. Nein, nur weil ich unsere Schweinchen doch alle so lieb habe.“ Ich verstand noch immer nicht recht. Marie lehnte sich zu ihrer Schwester hinüber und hielt ihr die Ohren zu, während der Großvater erklärte: „Nun, wie Sie sich wohl vorstellen können, meine Dame, ist es in diesem Garten verteufelt schwer an rote Farbe zu gelangen. Ich musste irgendwann lernen zu improvisieren, doch leider wäscht das Schweineblut sich so leicht von den Blüten wieder herunter. Jedes Mal, wenn es im Garten regnet, muss ich eines meiner lieben Schweine schlachten, damit unsere Rosen wieder rot sind.“ Ich schüttelte den Kopf und fragte: „Aber wieso malen Sie denn die Rosen rot an?“ Alle drei schauten mich verständnislos, beinahe entgeistert an. Es herrschte tiefes Schweigen, bis die kleine Lilly schließlich flüsterte: „Aber mein Herr, weiße Rosen passen doch nicht zu Kirschblüten.“ Das leuchtete mir ein. Je länger ich mir den Garten mit weißen Rosen vorzustellen versuchte, desto seltsamer mutete dieser scheinbare Anblick an. Ich musste der Kleinen zustimmen, weiße Rosen passten nicht im Geringsten zu Kirschblüten.

Das Nächste woran ich mich erinnere ist, wie ich hinaus aus der Hütte und hinein in Wald, Garten und Regen trat und die Augen schloss. Plötzlich, ich kann nicht beschreiben wann, hörte ich das Geräusch eines Pferdewagens, der mir näher kam. Dazu kamen allmählich immer weitere Geräusche, die man in einer Stadt auf der Hauptstraße zu hören pflegt. Als ich schließlich die Augen öffnete, befand ich mich ebendort. Ich weiß nicht in welcher Stadt oder auf welcher Straße, doch ich war nicht mehr im Wald. Und auch nicht im Haus.

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