
Es ist bereitet, Bruder
ACHTUNG: VERSTÖRENDER INHALT
Bitte beachten Sie, dass es sich bei dem folgenden Text um eine Creepypasta handelt, die verstörende Themen beinhalten kann, wie zum Beispiel Gewalt, Sexualisierung, Drogenkonsum, etc. Creepypastas sind fiktive Geschichten, die oft dazu gedacht sind, Angst oder Unbehagen zu erzeugen. Wir empfehlen Ihnen, diesen Text nicht zu lesen, wenn Sie sich davon traumatisiert oder belästigt fühlen könnten.
Wenn ich jetzt so nach unten schaue, sehe ich ihn – oder mich? – aus einer anderen, fremden Perspektive. Oder doch nicht fremd? Eher vertraut? Vertrauter als je zuvor? Vielleicht auch überlegen. Das heißt dann aber auch, bereit zum Eingreifen, wenn man erkennt, dass etwas, was man vorhat, nicht den verheißenen Erfolg verspricht. Da man es ja schon gelebt hat. Da man weiß, wie eine Situation endet, teilweise eher in Misserfolg umschlägt, als zu einem befriedigenden Ergebnis führt. Aber ist ein Eingreifen von Nutzen? Es wäre Vergangenes aufarbeiten. Neu erleben. Geht das überhaupt? Darf man das? Die Geschichte, nachdem sie aus der Spur geraten ist, nochmals revidieren? Das geht nicht! Es wäre unseriös, da jeder in seiner eigenen Geschichte etwas erblicken kann, das revidiert, aufgearbeitet, geändert werden sollte oder sogar müsste.
Ich sehe da unten einen Mann, mittleren Alters. Ungepflegt. Ein dichter, verwachsener Bart umrankt sein hageres Gesicht. Sein unordentlich, verfilztes Haupthaar bedeckt die Ohren und verbindet sich mit dem Bart zu einem ungepflegten Äußeren dieses Mannes, schon auf die Ferne. Gekleidet in eine braune Kutte, verschmutzt und zerschlissen. Um den Bauch einen derben Kälberstrick gebunden, der das Gewand zusammenhält. Nackte Beine. Die Füße abgehärtet, in ausgelatschten Sandaletten steckend. Oder was davon noch zum ungesunden Gehen übrig ist.
Von hier aus werde ich seinen Weg und seine Geschichte verfolgen, prüfend was Recht und Unrecht. Vor allem deshalb, da es sich ja um meine eigene Geschichte handelt.
Der Weg über die Felder führt mich an einem dichten, dunklen Wald entlang. Menschenleere. Rechts von mir der Wald, links ein Maisfeld mit Stängeln in Mannshöhe. Dazwischen verläuft ein schmaler Pfad, auf dem ich gehe. Die Hände versteckt in den weiten löchrigen Ärmeln meiner Kutte. Es ist noch ein heißer Nachmittag und im Schatten der Bäume herrscht eine angenehme Kühle. So stolpere ich mehr oder weniger auf der Unebenheit dahin. Höre in den dunklen Wald hinein. Mit pochendem Herzen und dem Gefühl von tausenden Augen beobachtet zu werden. Obwohl ich keine Angst zu haben brauche, da ich nichts habe, was mir weggenommen werden kann. Einen gestohlenen Apfel in der linken Hand, das ist das Einzige. Räuberhorden könnten mich erschlagen, ohne etwas davon zu haben. Trotzdem trage ich Angst bei mir.
Ich lausche in das grüne Dickicht, um die Vögel zu verstehen, die fröhlich tirilieren. Oder ist das keine Fröhlichkeit? Ist es auch Angst, vor dem Unbekannten, das dort leben und wirken könnte? Angst vor mir?
Ich lausche, die alten Bäume zu verstehen, die mit ihrem Laub rauschen und mit den Zweigen knacken und gegeneinander reiben. Sie blicken in ihrer Knorrigkeit auf Zeiten zurück, die wir nie geschaut. Oder sind sie froh, diese Zeiten in Stürmen und Eiseskälte überlebt zu haben? Jetzt warten manche, mit ihren teilweise grünlosen und toten Ästen, auf ihr Ende. Sehnen es herbei, weil ihr Holz zerfressen und junge Knospen nur noch ihren Erinnerungen existieren. Noch werden sie gestützt von ihren Kameraden, die ihnen die alten Äste mit den ihrigen halten, ihr Laub schützend für sie vor die Sonne halten. Aber irgendwann werden sie einfach in der Erde aufgehen. Mit ihren Körpern neues Leben schaffen.
Ich weiß es nicht, was die Stimmen sagen.
Leider verstehe ich die Geräusche nur, als das was sie sind. Geräusche. Ohne zu wissen, geschweige denn zu ahnen, was sie bewegt. Was sie mir sagen wollen. Oder auch nicht. Möglich, dass sie mich mit ihrem Singen und Rauschen einfach nur vertreiben wollen. Soll heißen „Verschwinde! Du bist fremd hier. Störst unseren Ablauf. – Hau ab! Du machst uns Angst!“
Trotz allem sehe ich mich von hier oben aus, als einen guten, gläubigen Menschen, der nur auf Grund eigener Schwächen und nicht voraussehbarer Unzulänglichkeiten und Begebenheiten seinen Weg verlässt. Seinen Lebensweg verrät? Und am Ende doch auf dem besten Weg wandelt? Auf Gnade und Vergebung hoffen darf?
So sehe ich mich hier nun durch Feld und Wald ziehen. Am Anfang meiner zu Ende gehenden Geschichte. Ich möchte die kommenden, für mich bereits vergangenen, Begebenheiten hier und jetzt erzählen. Um diese armselige Kreatur in meinem Blickfeld zu rechtfertigen. Zu verteidigen. Ihr das Recht auf Verständnis zu geben. Das Getane von Missverständnissen zu reinigen und vielleicht auch um Verzeihung zu bitten. Möglich, dass ich das Geschehene nicht zu Ende erzählen kann, weil ich unterwegs die Einsicht verspüre, dass ich doch Unrecht getan habe und bestraft werden müsste. Ich bin mir selbst nicht sicher, ob diese absonderlichen Ereignisse wirklich stattgefunden haben. Aber mein Geist, mein Innerstes verlangen nach Klärung. Wenigstens zu einem Versuch dazu. Vielleicht werden Blick und Gedanken wieder klarer, wenn ich alles nochmals Revue passieren lasse. So nehme ich das Erlebte als Außenstehender auf und kann mir ein Urteil bilden.
Hoffe ich zumindest.
Schon diese Denkweise sträubt sich in mir. Es hört sich nur nach Ausreden an, dazu kommt eine tiefe Unglaubwürdigkeit auf. Und ich sitze hier zwischen Traum und Wirklichkeit. Zeit, Raum und Unendlichkeit.
Es ist bereitet, Bruder!
Die zu berichtenden, unwirklichen Ereignisse traten in den letzten heißen Sommertagen in mein Leben. Ich war auf dem Heimweg von meiner jährlich wiederkehrenden, heilverkündenden Missionsfahrt zum Haus der Ehrwürdigen Brüder, ins Kloster Maria bei den Eichen. Ich bin unterwegs in brütender Mittagshitze zwischen Feld, Wald und Wiesen. Die Felder sind größtenteils abgeerntet, frisches Obst bietet sich mir in Hülle und Fülle. Ein rotbackiger Apfel hat es mir angetan. Ich pflücke ihn von seinem Ast und werde ihn mir gegen Hunger und Durst schmecken lassen. Der Durst quält mich im Moment recht stark, doch ich hoffe in dem dichten Wald, an dem ich gerade vorbeilaufe, eine Quelle oder ein Bächlein zu finden, das mich mit frischem Wasser erquicken wird.
Es ist heiß. Sehr heiß. Selten hatten wir noch so sonnenverbrannte Tage am Ende des Sommers wie heute. Ich suche Schatten und Kühle im Wald und trete in diese düstere Kathedrale der Natur ein. Knorrige, dicke Bäume stehen ohne erkennbare Planung neben- und hintereinander. Lebt der eine mit dem anderen und nach dem Ende dann von ihm. Dichtes Unterholz zeigt, dass sich hierher keine Menschen verirrt haben. Ich drücke mich durchs Gebüsch und komme doch noch auf einen alten Weg, der scheinbar schon lange nicht mehr benutzt wird. Überwuchert. Sträucher und Dornengestrüpp. Aber Spuren von Rädern und menschlichen Bewegungen, die hier durchgezogen sind. Es ist kühl und düster, mich fröstelt. So schreite ich, mit großen Schritten, auf der alten Straße aus. Die Sonne, heiß wie sie heute ist, erreicht durch das dichte Laubkronendach, kaum den Waldboden. Und es herrscht eine beängstigende Totenstille hier in der Düsternis. Jedoch auf das Gute und Beschützende vertrauend, ziehe ich meines Weges.
Mitten im Wald komme ich an eine kleine Lichtung, die von einem wuchtigen Sturm oder Gewitter geschaffen wurde. Eine jahrhundertealte mächtige Buche wurde im Kampf mit den Elementen von den Urgewalten des Wetters besiegt. Das Holz des Stamms liegt zersplittert auf den Ruinen der nebenstehenden Bäume, die vom Sturz dieses Giganten ebenfalls mit in den Tod gezogen wurden. Schaudernd betrachte ich den fast zwei Mann hohen Erdteller, der am Stamm der Buche hängt. Er war das Herz des Baumes, hielt ihn im Boden und ernährte ihn. Jetzt ein runder Klumpen Erde mit abgerissenen Adern und Sehnen. Ein verästeltes Etwas, das mit drohenden, warnenden und zugleich hilflos in den Himmel ragenden, verkrüppelten Fingern an das Vergängliche unseres Seins mahnt. Während ich wie gebannt dieses bizarre Bild in mich aufsauge und für das Seelenheil dieser zerschmetterten Baumkreatur bete, gewahre ich zwischen den an den Wurzeln hängenden Erdklumpen ein etwas dunkelblau Glänzendes. Ich laufe hin und erkenne einen Krug, wohl aus Keramik angefertigt. Meine eben noch empfundene Ehrfurcht für dieses Naturwerk vergessend, erklimme ich die Wurzelfestung und greife nach dem Gefäß. Der Gedanke, hier noch eine Gabe für den Tisch meines Obersten Meisters im Kloster zu erhaschen, gibt mir die Kraft und Ausdauer, dieses Geheimnis des Baume zu entreißen. Schon bei der ersten Berührung dieses gebrannten Behältnisses, lässt meinen Geist erfahren, hier ein Auserkorener zur Aufdeckung eines uralten Zaubers, der wohl besser in ewiger Erde seine Ruhe gefunden hätte, zu sein. Mein Innerstes ist aufgebracht, peitscht Verborgenes, noch nicht Erkennbares, in mir hervor. Wie im Wahn erklimme ich das Wurzelmonster, höre meine zerlumpte Kutte einen weiteren Riss verarbeiten und erreiche das blaue Gefäß. Es liegt hinter den Holzsehnen des Gewirrs und lässt sich nur mit äußerster Gewaltanwendung dem Erdklumpen entreißen. Aber es gelingt mir, den Krug zu entwinden und an mich zu nehmen.
Mit rasendem Herzen springe ich aus den Eingeweiden des toten Baumgiganten, unter dem Arm einen blauen Keramikkrug, wieder auf den Erdboden zurück. Angst im Nacken, das tote Gewächs könnte sich doch noch mit letzter Kraft rächen, mich mit seinen schlangenähnlichen Windungen greifen und erdrosseln. Doch nichts dergleichen geschieht. Nur mein Innerstes hat sich gewendet, schaut um sich, bereit, einem stillen Beobachter dieser Freveltat, einen Kampf auf Leben und Tod zu liefern. Ich betrachte den blauen Krug, der scheinbar den Baum und seinen Sturz ohne erkennbare Blessuren überstanden hat. Im Gegenteil, es scheint, dieses Keramikwerk habe erst vor kurzem den Brennofen verlassen und stünde noch im Warenlager auf einen Käufer wartend. Es erinnert mich an die Wasserkrüge, die zum Mahle im Hause der Ehrwürdigen Brüder gereicht werden. Die im Gegensatz aber meistens einfacher gestaltet, vermackt und rissig sind.
Ich raffe meine abgelegten Habseligkeiten zusammen und renne, ohne mich umzusehen, wie ein einfacher Dieb davon. Nach einiger Zeit, ich weiß nicht, wie lange ich gerannt bin, bleibe ich stehen, laufe die letzten Schritte mehr taumelnd und falle erschöpft auf die Knie. Mein Herz pocht bis zum Hals, als wolle es Zerspringen, oder aus meinem Körper springen. Das Innere meines Kopfes pulst, der Schädel muss dem Druck standhalten. Mein Atem rasselt, kämpft gegen das Ertrinken in der Furcht. Will dieses Atmen anhalten, um in das Waldesdunkel zu lauschen, um mich nicht zu verraten. Stille. Unendliche Stille. Kein Lufthauch. Kein Tier. Kein Laut. Nur mein eigener, laut schreiender Atem. Ein Ort der Verdammnis. Tanzplatz des Teufels.
Mit dem plötzlichen Stillstand und der Ruhe kommt Übelkeit in mir auf. Meine letzten Herzschläge erwartend, stütze ich mich mit der rechten Hand auf dem Waldboden ab. Feuchte und Kühle ziehen durch meine Hand bis in mein Hirn. Ich atme langsamer und werde ruhiger, aber der Blick von tausenden von eingebildeten Augenpaaren, die mich als Frevler beobachten, brennt sich in meinen Körper. Hier und jetzt erwarte ich daraus ein Sühneurteil, das an Ort und Stelle vollstreckt werden muss. Aber nichts bewegt sich um mich.
Langsam spüre ich wieder die Ruhe in mir einkehren. Jetzt erst bemerke ich, dass mein linker Arm krampfhaft diesen geheimnisvollen blauen Topf an meinen Körper drückt. Behutsam setze ich den Krug auf den belaubten Boden und betrachte ihn. Er ist schön anzusehen. Das tief glänzende Blau strahlt sogar in diesem Waldduster eine edle Einmaligkeit aus. Ob dieses Gefäß wohl einst auf kaiserlichem Tische zwischen den leckersten Mahlzeiten gestanden hatte? Gefüllt mit Weinen, die nur die obersten Herren trinken? Auf den ersten Blick ist ihm das nicht anzusehen. Die Öffnung ist mit einem genau eingepassten Holzpfropf verschlossen und mit einer nicht definierbaren dicken roten Kruste versiegelt. Meinen ersten Gedanken, den Krug mit einem Stein, den ich bereits in der Hand halte, einfach zu zerschlagen, muss ich abschütteln. Es ziemt sich nicht, so etwas Feines einfach zu zerstören. Ich lasse den Stein fallen, halte das Gefäß mit beiden Händen und schüttle es. Weder Flüssigkeit noch güldene Metalle künden eine Bewegung oder einen Laut an. Das Gewicht dürfte nur dem des Topfes entsprechen, also kann er inwendig keine großen Kostbarkeiten beherbergen.
Ich stelle mir die Frage, ob ich mich versündige, diesen Krug mit mir zu nehmen. Oder ob ich ihn besser hier lasse. Aber auf Grund meiner sehr geringen Spenden, die ich ins Haus der Ehrwürdigen Brüder bringe, erhoffe ich, mit dieser Gabe den Ehrwürdigen Vater mir gegenüber milde zu stimmen. Möglich, dass sich nach dem Zerbrechen der Siegelmasse und dem Öffnen des Kruges ein Fund ergibt, der mich in seiner Gunst ganz nach oben tragen lässt. Ich ertappe mich bei dem Gedanken, dass mir deshalb der Ehrwürdige Vater sogar in den kommenden Jahren diese Bettelmissionen erlassen könnte.
Den restlichen Weg über stehe ich im Zwiespalt zwischen Hoffnung, Stolz und dem Gedanken, hier böses Unrecht begangen zu haben. Sollte ich mich von dieser blauen Verführung trennen? Einfach das Gefäß hier stehen zu lassen? Oder zu zerstören, an seinen Inhalt zu kommen, um dann das Weitere zu entscheiden? Ich laufe einfach nur weiter, den Krug unter dem Arm. Im Kopf jedoch immer den Gedanken, Unverzeihliches begangen zu haben.
In die Tagesdämmerung trete ich aus dem Wald und sehe in der Ferne mein Heim, Maria bei den Eichen. Der Anblick erfüllt mich mit Freude, die mir die Tränen in die Augen treiben lässt. War ich doch Monate weg von meiner geliebten Heimstatt, meinen lieben Brüdern. Mein Herz schreit frei auf und ich vergesse für einen Augenblick alles Überstandene. Leise wehen Glockenschläge zu mir herüber, vertraute Laute. Die Uhr zeigt eine volle Stunde und lässt mich nochmals kräftige Schritte unternehmen. Aber der Weg ist trotzdem noch weit.
Erst spät in der Nacht erreiche ich, vollkommen erschöpft die Mauern Maria bei den Eichen. In diesen dicken abweisenden, schützenden Steinen die kleine Seitentüre mit dem bronzenen Türklopfer. Ich versuche ihn möglichst leise gegen das Holz der Eichentüre fallen zu lassen, doch die Schläge dröhnen laut und wuchtig in die dunkle Nacht. Sie scheinen von den Mauern des Gebäudes zurückzuprallen und alle Bewohner schlagartig aufzuwecken. Die Zeremonie muss ich noch zweimal wiederholen, bevor die Nachtwache meine Ankunft bemerkt. Das kleine, mit starken Eisen vergitterte Fenster neben der Türe öffnet sich vorsichtig.
„Wer seid ihr, der ihr es wagt, die andächtige Stille dieser Nacht zu brechen? Braucht ihr Hilfe? Seid ihr in Not? Nur dann kann euch vergeben werden.“
Es ist der Spruch, der in diesen Fällen zu erfolgen hat.
„Ich erkenn Euere Stimme, Bruder Cornelius. Ich bin es, Antonius. Ich stehe vor der Türe und bitte um Einlass. Nach langer beschwerlicher Mission stehe ich hier und sehne mich nach der Geborgenheit der Mauern von Maria bei den Eichen und der der Ehrwürdigen Brüder!“
„Antonius? – Antonius! Geliebter Bruder! – Ich öffne Euch! – Geduld, nur einen Augenblick!“
Die schweren Eisen der Riegel scharren auf dem Holz, als Bruder Cornelius die Sicherungen öffnet. Dann klappt die Türe einen Spalt weit auf, breit genug, um einen Menschen hindurch zu lassen. Der weitere Türlauf ist des Nachts so gesichert, dass er sich nicht weiter aufdrücken lässt. Zudem hat der wachende Bruder eine Waffe bei sich, nötigenfalls diese Mauern zu verteidigen wäre.
Ich schlüpfe durch diesen schmalen Spalt, Cornelius schließt hinter mir sofort ab und lässt seine Waffe aus der Hand fallen, um mit ausgebreiteten Armen auf mich zuzukommen. Dann bleibt er abrupt vor mir stehen und schaut mich mit großen Augen an. Im Fackellicht des Wachhauses muss ich wohl sehr abgerissen aussehen, aber dann schließt er mich an sich ziehend in die Arme. Ich selbst kann ihn nur mit einem Arm drücken, hält der andere doch den blauen Krug fest umklammert.
Cornelius schaut mich grinsend an: „Nun, Bruder Antonius, mir scheint Ihr habt ein gar liebliches Reiseandenken mit Euch gebracht. Es hat es sehr schwer, aus Eueren Händen zu entfliehen.“
„Bitte verzeiht, Bruder Cornelius. Es ist keine Absicht, Eueren lieben Willkommensgruß unerwidert zu lassen. Ich hätte mir den Rest des Weges doch nicht auf einen Tag zutrauen dürfen. So bin ich denn zu müde zu Denken, zu Fühlen. Und dieses Gefäß möchte ich doch in Buße dem Ehrwürdigen Vater in seiner Gänze übergeben.“
„Es ist auch schon weit nach Mitternacht, Antonius. Keiner kommt auf den Gedanken, um diese Zeit noch allein zu Fuß unterwegs zu sein. Nur finstere Elemente finden jetzt noch Weg und Steg zu bösen Taten. Seid dankbar, dass Euch nichts geschah. – Doch jetzt begleite ich Euch zu Euerer Zelle. Der Morgen graut schnell und Ihr habt ja unverzüglich unserem Ehrwürdigen Vater Bericht zu erstatten über Euere Mission. Ruht erst mal und stärkt Euch! – Gehen wir!“
Bruder Cornelius nimmt einen Fackelstock aus dem Regal, entzündet diesen am Feuer der Nachtwache und hakt mich unter. Ich bewege mich wie in Trance, die Schritte fallen mir schwer und Cornelius zieht mich mehr, als ich gehe auf dem Weg zu meiner Zelle. Alles scheint unverändert, als wir den kleinen kalten Raum betreten. Cornelius setzt mich auf den wackeligen Stuhl an dem abgeschabten Tisch, der mit Tintenklecksen übersät ist. Ich lasse mich hart hinfallen, lehne mit geschlossenen Augen nach hinten und atme schwer aus. Cornelius nimmt mir meine paar Habseligkeiten, von denen das eine oder andere noch im Wald liegen wird, legt sie auf den Tisch. Dort steht auch der dreiarmige Leuchter, bestückt mit drei halben Kerzen, die er jetzt mit der Fackel entzündet. Als er mir dann den Krug unter dem Arm noch abnehmen will, verkrampft sich mein ganzer Körper und ich presse das Gefäß mit Kraft an mich.
„Ich hoffe doch sehr, dass Euere lieben Brüder etwas von diesem so gut verschlossenen Krüglein zu schmecken bekommen“, blinzelt mir Cornelius zu. Manch einer unserer Ehrwürdigen Brüder bringt von seiner Missionsreise von guten gläubigen Landleuten gerne eine Naturalie statt Bares mit. Oft wird diese dann heimlich ins Kloster geschmuggelt, um sie in Ruhe zu verschmausen. Ich schaue Cornelius nur an, versuche ein Lächeln, soweit es meine Angst vor weitern Fragen zulässt.
„Das wird doch nicht der Grund Euerer nächtlichen Ankunft sein?“
Dieser leidigen Sache ein Ende zu bereiten erhebe ich mich, stelle den Krug vorsichtig auf den Tisch und umarme Bruder Cornelius.
„Ich danke Euch für Euere liebe Hilfe, Cornelius. Aber erlaubt mir jetzt bitte noch etwas zu ruhen. Es wird ein schwerer Tag folgen.“
„Natürlich, Antonius, liebster Bruder. Erholt Euch noch so gut es geht. Ich wünsche Euch eine wohlbehütete Nacht.“
Als er meine Zelle verlässt, falle ich einfach auf den Stuhl zurück. Noch nie in meinem Leben habe ich mich näher meinem Ende gefühlt als in diesem Moment. Vielleicht wäre es auch gleichzeitig Wunsch, müsste ich dann nicht dem Ehrwürdigen Vater Bericht und Beichte erstatten.
Mein Blick fällt auf den blauen Krug, der auch jetzt im kargen Kerzenlicht von einer Aura umgeben ist, die Zauber, Geheimnis und Fluch gleichzeitig in sich birgt. Die Glasur zeigt sich makellos und lockt dazu, dieses Geheimnis mit dem Brechen des Siegels zu lüften. Meine, nach dem Gefäß ausgestreckte Hand, fällt kraftlos zurück auf mein Bein. Jetzt erst bemerke ich den dick verkrusteten Lehm auf der zerrissenen Kutte. Deshalb hat mich Cornelius so ungläubig von oben bis unten angeschaut. Die Bettelbrüder kommen zwar oft in erbarmungswürdigem Zustand von ihren Missionen zurück, aber so wie ich dürfte noch keiner wieder die Klostermauern betreten haben.
Helle, schnell aufeinander folgende Glockenschläge reißen mich aus meiner Lethargie. Die Andachtsglocke. Sie ruft die Brüder zur Laudes. Ich drehe meinen Kopf zu meinem kleinen Fenster. Der Nacken will sich fast nicht bewegen, alles schmerzt. Durch das verschwommene Glas sehe ich einen ganz feinen Schimmer Tageslicht aufziehen. Der neue Tag kündigt sich an. Die drei Kerzen an meinem Leuchter sind zwischenzeitlich heruntergebrannt. In den Halterungen liegen verkohlte Dochte und darunter stehen Stalagmiten gleich drei Wachshäufchen.
Ich habe die ganze Nacht also hier auf dem Stuhl gesessen. Schwer erhebe ich mich nun. Mein Rücken schmerzt, ich stehe erst mal nach vorne gebeugt, bis sich das Rückgrat durchdrücken lässt. Die Beine fühlen sich leblos an. Und mir ist kalt. Ich friere und mein ganzer Körper schüttelt sich in der Kälte. Langsam komme ich zu mir, schlurfe zu meiner alten Truhe, um ihr eine frische Kutte zu entnehmen. Alles geht sehr gemächlich, ich kann nicht mehr. Als ich in meinem sauberen Gewand dastehe, kommt mir der Krug in den Sinn. Er steht unberührt auf dem Tisch. Im Halbdunkel hat er seinen Glanz in ein dezentes Schwarzblau gekleidet. Dunkel und immer noch geheimnisvoll starrt er mich jetzt an.
Ich gehe auf den Tisch zu, durchzogen von Hass. Auf dieses Gefäß, das mir schlechte Gedanken macht, mich vor meinem Bruder Cornelius als dreisten Herumlungerer in der Nacht ausweist.
„Ich werde Dich nie öffnen! – Hörst Du! – Nie! – Nie! – Nie! – In Dir wohnt das Böse! Das Verruchte! Der Satan selbst! Du bist ein Geschenk des Teufels. Ich hätte Dich ignorieren und im Erdreich stecken lassen sollen. Statt dessen lasse ich mich von Deiner Farbe verführen, Verderben auf mich zu laden und wie ein Dieb zu denken. Nächtens in die Heimstatt meiner Brüder zu schleichen, gleich einem Meuchler. Bruder Cornelius den Gruß verweigernd. Wie Judas den Häschern zu winken. Durch Dich habe ich Teufelswerk in diese Mauern geschleppt. Ich! – Warum ich! – Warum hast Du mich ausgesucht, Verbrecher an meinem Glauben zu werden?“
Zornig. Verzweifelt stürze ich mich auf den Krug. Ich habe das Gefühl, er lache über mich. Über meine verzweifelten Worte. Mit beiden Händen greife ich nach ihm, will ihn packen und vernichten. An die Wand schmettern. In tausend Scherben will ich ihn zerbersten sehen. Ich stoße ungestüm gegen den Tisch, das blaue Gefäß leuchtet im ersten Tageslicht noch einmal in seinem schönsten Spektrum auf, dann kippt er langsam und zerspringt mit einem dumpfen dunklen Geräusch auf dem Zellenboden. In meinem Kopf hallt dieses Geräusch, als hätte mir jemand den Schädel mit einem hölzernen Schlegel eingeschlagen. Ich stütze mich am Tisch ab und blicke auf eine Handvoll großer Scherben, die nun ruhig und blass am Boden liegen. Der obere Rand mit der Öffnung ist noch immer mit dem Siegellack verschlossen. Die Scherben des Bauches liegen so, dass der Inhalt des Gefäßes noch immer nicht sichtbar wird. Ich will mich niederbeugen, die Scherben auseinander zu ziehen, kann mich aber nicht dazu durchringen, es zu tun. So kehre ich mit dem rechten Fuß mit einem Schwung den ganzen Scherbenhaufen unter meine Bettstatt. Während alles aus meinem Blickfeld entfernt, erkenne ich noch ein Pergament, zusammengerollt und mit einer Banderole zusammengehalten. Dann ist auch das unter meinem Lager verschwunden. Was sollen diese Pergamente? Eine Geschichte zu diesem Krug? Fluch über den Finder? – Ich will das nicht wissen!
Ich kehre zum Fenster zurück, öffne es und sauge den frischen Morgen durch meinen weit geöffneten Mund ein. Die Kühle brennt in meinen Lungen, aber dieser Druck, der auf meinem Brustraum lastet, lässt sich damit nicht verscheuchen.
Jetzt fällt mir mit einem Schlag das Morgenlob, die Laudes, ein. Der Ehrwürdige Vater! Von meiner Ankunft ist er schon in Kenntnis gesetzt, muss doch die Nachtwache alle Vorkommnisse sofort am Morgen dem Ehrwürdigen Vater melden. Ich nehme meinen Wasserkrug und mache mich sofort auf den Weg zum Brunnen. Will ich doch wenigstens Gesicht und Hände reinigen. Niemand kreuzt meinen Weg. Alle Brüder sind schon im Kapitelsaal und verrichten ihre Gebete. Auf dem Rückweg begegne ich Bruder Cornelius, der wohl vom Ehrwürdigen Vater ausgesandt wurde, nach mir zu schauen. Erstaunt bleibt er stehen, dann tritt er mit weit ausholenden Schritten an mich heran. Er legt mir seine Hände auf die Schultern:
„Bruder Antonius? – Ihr seid nicht bei der Andacht? – Ihr seht nicht gut aus, habt Ihr nicht geschlafen? In Euerem Fenster brannte das Licht der Kerzen bis sie langsam ausflackerten. Was ist mit Euch?“
„Ich bin…- Ich war zu schwach, zu erschöpft von meiner Reise. Ich schlief ein auf dem Stuhl, zu dem Ihr mich geleitet habt.“
„Ich habe dem Ehrwürdigen Vater bereits Euere Ankunft vermeldet. Er wollte Euch bei der Morgenpredigt willkommen heißen.“
Mit einem Schlage bin ich wieder bei mir. Der Ehrwürdige Vater! Die Laudes! Meine Vorstellung! Oh, mein Gott – was für eine Versündigung!“
Ich reiße mich los von Bruder Cornelius. Wortlos hetze ich von ihm weg. Eile in meine Zelle, wasche mir Gesicht und Hände. Dann renne ich los zum Kapitelsaal.
Die Laudes ist zu Ende, die Brüder sitzen beim Ehrwürdigen Vater und besprechen die Tagesarbeit. Ich bin mir bewusst, dass ich aufgrund der Versäumnisse und meines dürren Spendenbeutels die schreckliche Sühneandacht auf mich geladen habe. Das bedeutet einen vollen Tag von Mitternacht bis Mitternacht kniend auf kahlem Steinboden vor dem Ehrwürdigen Bildnis zu kauern, zu beten. Gekleidet in das Gewand des Büßers, behängt mit den schweren Ketten des Todes.
Verstohlen nähere ich mich dem großen Tisch, einer der Brüder schaut mich mit großen Augen an. Jetzt wendet der Ehrwürdige Vater seinen Kopf, er sitzt mir mit dem Rücken zugewendet auf seinem Stuhl. Einige meiner Brüder erheben sich, sind freudig mich zu sehen und wollen zu mir kommen, mich zu begrüßen, zu umarmen. Der Ehrwürdige Vater hebt nur seine Rechte und sein Gesicht mahnt: „No!“
Die Brüder setzen sich wieder, manche schauen betreten auf die Tischplatte.
„Willkommen, Bruder Antonius!“ Der Ehrwürdige Vater erhebt sich von seinem Platz und schaut mich lächelnd an. „Mein guter Sohn, Ihr habt Euch etwas verspätet, denke ich!“ Der bittere Vorwurf ist nicht zu überhören.
Ich falle auf die Knie, beuge mein Haupt: „Ehrwürdiger Vater, ich bitte…..ich war… verzeiht! “
„Es gibt nichts zu verzeihen, mein Sohn. Ich habe von Bruder Cornelius, der diese Nacht auf Wache für unsere Sicherheit war, erfahren, dass Ihr wieder im Hause der Ehrwürdigen Brüder weilt. Ihr ward laut seinen Worten in einem erbarmungswürdigen Zustand. Wäre es da nicht besser gewesen für Euch, die Nacht bei gläubigen Bauern zu verbringen und dann frisch und gestärkt hier anzukommen? Ihr habt Euch in Gefahr gebracht, von streunendem Gesindel überfallen und der Früchte Euerer Mission beraubt zu werden. Schlimmer, Ihr hättet den Tod finden können!“
„Ich weiß, Ehrwürdiger Vater. Ich hatte wohl für die Entfernung meine Kräfte überschätzt und dabei…“
„Kommt mit in meine bescheidenen Räume, mein lieber Sohn. Es ist auf jeden Fall sehr schön und ein Dankeswort wert, Euch wieder unter uns zu wissen. Obgleich Euch vielleicht der letzte Aufenthalt bei den gutgläubigen Menschen noch einen Obulus für unser und Euer Heilerbitten eingebracht hätte.“
Er nimmt meine Hände und zieht mich in den Stand, schaut mir hart in die Augen. Dann legt er väterlich den Arm um meine Schultern, schaut nach den Brüdern und meint: „Das Tagwerk ist denke ich besprochen. Jeder weiß seiner Aufgabe. Erledigt sie im Glauben und freut Euch des Tages. Ich werde nun mit unserem wiedergekehrten Bruder über seine Mission sprechen.“ Unter seinem Arm auf meinen Schultern schreit mein Körper vor Entsetzen auf. Diese Berührung gleicht einem Rutenhieb mit einer frischen Weide auf nacktem Rücken. Mit einem bestimmenden Druck dieses Armes auf meinen Nacken schiebt er mich aus dem Kapitelsaal, in dem sich die Brüder nun für ihr Tagwerk fertig machen. Mit hängendem Kopf lasse ich mich von ihm führen.
Schweigend betreten wir zusammen das Arbeitszimmer des Abtes. Es setzt sich in seinen in rotem Samt ausgeschlagenen Lehnstuhl, während er mir den niederen Schemel zu seinen Füßen weist. Er schaut gönnerhaft zu mir herunter: „Nun, Antonius. Berichte mir von Deiner langen Mission. Wie ist die Stimmung bei den gläubigen Menschen und wie lässt sich ihre Spendenfreudigkeit an? Und was lässt sich aufbauen das diese Freudigkeit anregt? Ich denke, Du hast in dieser Hinsicht interessante Erfahrungen gemacht, über die wir sprechen können. Auch dadurch einiges an Opfern und Dankesgaben erhalten und wirst mir diese, dem Ehrwürdigem Vater als Vertreter dieses Hauses, gerne darreichen.“
Er schaut auf mich herab, und ich sehe sein gieriges Gesicht über mir drohnen. Lechzend nach den Spenden. Nach Silber und Gold. Ich schlage die Hände vor meine Augen und stöhne unwillkürlich auf. Das ist die Strafe des Kruges.
„Antonius!“
Der scharfe Ausruf meines Namens reißt mich zurück in das Hier. Ich senke mich zu den Füßen des Ehrwürdigen Vaters, beginne zu stammeln. Unzusammenhängendes. Wirres. Unverständliche Sätze quellen über meine Lippen.
„Ehrwürdigster Vater! – Verzeiht! – Verzeiht Euerem einfachen Bettelmönch! – Einer armen verirrten Seele. – Vater….! – Ich weiß nicht – verzeiht!“
„Was soll das, Antonius? Mir ist schon aufgefallen, dass Du nichts in Händen hieltest, als Du zu mir tratest. – Willst Du damit andeuten, dass Deine Mission fehlgeschlagen hat? Hast Du keine Opfergaben erhalten? – Wo warst Du fünf lange Monate? – Sprich!“
Dieses letzten Wort schreit er mir sich vorbeugend förmlich ins Gesicht. Ich verspüre kleine Tröpfchen dieses wütend ausgesprochenen Wortes, die mir ins Gesicht sprudeln.
Mit zittrigen Fingern entnehme ich der im Ärmel eingenähten kleinen Tasche den Lederbeutel, den mir der Ehrwürdige Vater bei meinem Auszug aus dem Kloster mit den Worten, diesen gefüllt wieder heim zu führen, überreicht hatte. Es ist nicht einmal der Boden des Beutels bedeckt. Diesen lege ich jetzt auf die vorgestreckte Hand des Ehrwürdigen Vaters, der sich damit in seinem Sessel zurücklehnt und mich mit bösen Augen anschaut. Er entknotet die dünne Kordel und schüttet den Inhalt auf das gepolsterte Brett an seiner rechten Armlehne. Seine Miene verändert sich nicht, als er mit einem schnellen prüfenden Blick meine Ernte betrachtet.
„Nicht ein Stückchen Silber darunter“, murmelt er beiläufig, mehr zu sich gesprochen. Dann richten sich seine Augen wieder auf mich:
„Euere Verkündung des Wortes hat schon bessere Früchte getragen! Ich kann mich erinnern, Euch vor versammeltem Chor loben zu dürfen. Euch als strahlendes Vorbild auszeichnen zu können, wie Ihr unsere Mission hinausgetragen habt und damit die Opferbereitschaft dieser verlorenen um Heil heischenden armen Seelen angespornt hattet.“
Es ist ein Vorwurf, der mich für den Rest dieses Lebens hinter die Mauern des Klosters verbannen wird. Bei niedrigster Arbeit und schlechtester Versorgung.
„Ehrwürdiger Vater! Den Menschen draußen geht es schlechter als je zuvor. Eine verdorbene Ernte und die Kriegswirren aus den Nachbarländern haben sie arm gemacht. Sie stehen selbst am Rande des Hungers, haben nur das Lebensnotwendigste um sich und ihre Kinder am Leben zu erhalten. Viele sterben Hungers, werden ausgeplündert und ihrer wenigen Früchte bestohlen. Darunter hat auch ihr Glaube gelitten. Hungrige Kinderaugen nehmen in solchen Zeiten mehr, als es unser Wort vermag.“
Die Hände des Ehrwürdigen Vaters krampfen sich in die Armlehnen, als müsse er sich zurückhalten, mich nicht zu erschlagen. Die knochigen Finger entspannen sich jedoch sofort wieder, und er lässt sich gemütlich zurücksinken. Schaut mich an, schlägt die Beine übereinander. Der rechte Arm liegt auf der Lehne, die Hand geht an sein Kinn. Er zupft mit Zeigefinger und Daumen an seinen langen grauen Barthaaren, die mit den Schultern bedeckenden Haupthaaren ein Bild des gütigen Vaters darstellen. Dabei umspielt ein leichtes Lächeln seine Züge und sein Blick schweift über mich hinweg in weite Ferne.
„Antonius, mein geliebter Sohn. – Ihr seid mir doch ein guter, ehrlicher Sohn?“
Er wartet nicht auf eine Antwort, und ich frage mich, was der Ehrwürdige Vater im Schilde führt. Will er mich des Winters nochmals auf eine Mission schicken? Dem Hungertod und dem Erfrieren nahe um Opfer zu betteln?
„Habt Ihr auch wirklich alles ausgehändigt? Ich will Euch nichts unterstellen, Ihr seid mir der Ehrlichsten einer. Aber schnell ist in der Eile und in Euerem derzeitigen desolaten Zustand etwas Übersehen, Vergessen. Ihr kamt spät in unsere Mauern zurück, seid nicht ausgeschlafen und wahrscheinlich noch verwirrt. Man vergisst daher schnell noch etwas Besonderes!“
„Nein, Ehrwürdiger Vater, dies ist leider alles. Und Ihr wisset, dass ich Euch immer ein guter und ehrlicher ergebener Diener war. Ich bitte Euch inniglichst, um meiner Seelenheil willen, nicht solch fürchterliche Verdächtigungen gegen mich zu erheben.“
Ich habe mich in meiner Verzweiflung vor ihn hingeworfen und liege bäuchlings schluchzend und flehend vor seinen Füßen.
„Es handelt sich nicht um einen Verdacht, lieber Antonius“, höre ich seine lauernde Stimme. „Von Bruder Cornelius habe ich die Erkenntnis, dass Ihr ein gar edles Gefäß mit Euch in unsere Mauern brachtet. Es schien Euer Augapfel zu sein, dass Ihr es nicht aus den Händen gabt. Aber, Ihr wisst doch, alles was in diese Mauern geführt wird, gehört der Ehrwürdigen Gemeinschaft. Gehört allen.“
„Ein Gefäß! – Ja! – Ein blauer Krug. – Versiegelt! – Er zerbarst in tausend Stücke, beim Versuch ihn zu öffnen. Er war leer. Man hat mich…- man hat uns betrogen. Ein gemeines, hinterlistiges Unterfangen eines Schenkenden, der um unser Wort und Heil bat.“
Ich erschaudere. Ich lüge! Eine Lüge gegenüber dem Ehrwürdigen Vater! Eine Lüge über meine Lippen! Wegen eines blauen Kruges mit undefinierbarem Inhalt! Mein Seelenheil…! Die Hölle wartet meiner. Der Teufel lacht über meine Seele. Ich schlage die Hände vor die Augen. Schwarze Schleier steigen vor mir auf. Ich möchte mich erheben. Schwanke. Stürze. Sehe ins Gesicht des Ehrwürdigen Vaters, der sich über mich beugt. Schaue in die Fratze des Leibhaftigen. Kämpfe um Atem und falle in eine erlösende Ohnmacht.
Als ich wieder zu mir finde, blicke ich in ein paar unschuldig blickende helle Augen, die mich aufmerksam betrachten. Ich erhebe mich, zu rasch, will mich auf meine Arme abstützen, falle jedoch schwindelnd auf das Lager zurück.
„Seid Ihr das, Bruder Cornelius?“ frage ich unter geschlossenen Lidern.
„Ja, ich bin es, Bruder Antonius.“
„Was ist geschehen? – Wo bin ich?“
„Ihr seid in Euerer Zelle. Der Ehrwürdige Vater rief mich, Euch in sichere Obhut zu nehmen. Vor allem soll ich Euch Pflege angedeihen lassen, bis Ihr wieder in einem klaren Masse ansprechbar seid. Meinte der Ehrwürdige Vater. Er war sehr erzürnt über Euch. Ihr hattet wohl einen sehr schlechten Empfang abgegeben. Ich tat mein Möglichstes, ihm zu erklären, dass Ihr bestimmt noch in einem Trauma lebt. Die lange Mission. Das nächtliche Erscheinen. Ihr seid ausgehungert und sehr müde. Der Ehrwürdige Vater sprach von Verbannung aus unseren Mauern. Was er bestimmt nicht ausführt. Aber ich denke, dass jetzt noch manche schwere Prüfung auf Euch zukommen wird.“
„Ich habe die schlimmsten Strafen verdient, die je für einen sündhaften Menschen erdenklich,“ jammere ich.
Dann ist Schweigen, das schwer auf uns beiden lastet. Bruder Cornelius sitzt noch eine Zeit bei mir, dann steht er auf.
„Ich habe auf Euerem Tisch noch eine einfache Mahlzeit bereitet, wie es der Ehrwürdige Vater angeordnet hat. Stärkt Euch und ruht. Der Ehrwürdige Vater lässt Euch bis morgen früh zu Laudes Zeit, dann möchte er mit Euch vor versammeltem Chor sprechen. Ihr habt also Zeit, Euch zu finden. Ich werde gegen Abend nochmals zu Euch hereinschauen. Wenn Ihr was benötigt, sprecht!“
„Von ganzem Herzen Dank, Bruder Cornelius. Aber was ich am dringendsten benötige ist Ruhe. In der Stille will ich mich sammeln und im Gebet Buße tun. Ich hoffe, ich kann vor dem Ehrwürdigen Vater und der Bruderschaft bestehen. Dank an Euch, lieber Bruder.“
Lautlos entfernt sich Bruder Cornelius aus meiner Zelle, nachdem er noch zum Abschied herzlich und aufmunternd meine schwache Hand gedrückt hat. Die Augen halte ich geschlossen. Ich sehne mich nach einem tiefen alles vergessenden Schlaf.
Der blaue Krug! – Wie vom blitz getroffen fahre ich aus meiner Schläfrigkeit und bin hellwach. Der blaue Krug! – Dieser verdammte teuflische blaue Krug! In Scherben liegt er unter meiner Bettstatt. Sein Geheimnis offen dargelegt. Meine Erschöpfung ist wie von einem Sturmwind hinweggefegt. In einem Augenblick liege ich neben meinem Bett auf dem kalten Zellenboden und angle mit dem Arm nach dem Scherbenhaufen. Mein Herz krampft sich zusammen und meine Magengrube fühlt sich schwer an, als ich die Hand langsam zurückziehe. Scherben in blassem stumpfem blau, fast grau, liegen in einem Haufen vor mir. Nur die Scherben. Ich strecke mich nochmals unter mein Bett und bekomme die Papierrolle zu spüren. Diese habe ich nun schneller hervorgezogen und halte nun, an mein Bettgestell gelehnt, diese geheimnisvolle Rolle in den Händen. Sie wird von einer metallenen, grünspanbelegten Manschette zusammengehalten.
Ich trage die Rolle zu meinem Tisch, auf dem ein karges Mahl angerichtet ist, wie es der Ehrwürdige Vater bestimmt hatte. Ein Krug Wasser aus dem Brunnen, eine dicke Scheibe trockenen Brotes und eine Scheibe Käse, am Rand bereits ziemlich eingetrocknet. Dazu ein frischer, rotbackiger Apfel. Diesen hat bestimmt Bruder Cornelius dazugegeben, er ist einfach ein lieber Bruder. Vom Brot und Käse breche ich einen Happen ab, spüre ich doch meinen Hunger beim Anblick dieses doch kargen Mahles.
Der metallene Ring lässt sich leicht von der Rolle abziehen, entgleitet jedoch meinen zittrigen Händen, fällt zu Boden und zerspringt in einem hellen, Anklage schreienden Klang. Aber dieser helle Ton senkt eine gewisse Ruhe in mich. Ich drehe die Papiere auf, ziehe sie zum Glätten vorsichtig über die Tischkante. Sie sind in einem sehr guten Zustand, ich hatte altes, brüchiges Pergament erwartet und weitaus weniger Seiten. Ich lege die Bogen auf einen Stoß auf den Tisch und betrachte das oberste Blatt. Eine großzügig geschwungene Schrift mit kleinen Schnörkeln, geschrieben in einer Tintenfarbe, wie sie auch im Hause der Ehrwürdigen Brüder Verwendung findet. Diese Erkenntnis verwirrt mich anfangs, jedoch das fein ausgezogene Schriftbild wirkt sympathisch und beruhigend. Es fordert jeden, der des Lesens kundig ist auf, die geschriebenen Worte zu lesen und in sich aufzunehmen. So beginne ich nun in aller Stille, vollkommen entspannt und gelöst, in diese geheimnisvolle Botschaft vorzudringen. Schon die Anrede lässt mich aufhorchen, fast erstarren.
„Ehrwürdiger Bruder! Wenn Du diese Worte gelesen hast, wird es Dein innigster Wunsch sein, alle unsere Brüder zu rächen, die das Leid der Bettelmissionen erfahren haben und die Demütigung und Erniedrigung, meist vor versammeltem Chor, durch den Ehrwürdigen Vater. Ich denke, Du, der den blauen Krug in Empfang nehmen und öffnen konnte, bist der Richtige und weißt, wovon ich spreche. Mit diesen Händen, die jetzt meine Pergamente halten, wirst Du über die im Augenblick bestehende Bruderschaft Gericht halten, dem keiner entkommen wird. Diese Hände werden im Anschluss des Lesens todbringendes Heil verkünden. In Hass und Feuer wird alles untergehen. Doch selbst sei unbesorgt. Das Feuer wird Dich reinigen und erlösen. Dir nur Gutes verkünden. Deine Ernte wird furchtbar und sehr ergiebig sein.
Ich will Dir nun, mein lieber Ehrwürdiger Bruder, meine Geschichte erzählen. Ich weiß nicht, wie lange der blaue Krug in seiner Verborgenheit ruhe musste, bis er an einen, an Dich, kommt, der ein gleiches Schicksal erlitten hat. Aber Du wirst erkennen, dass Du der bist, der eine große Aufgabe auszuführen hat.
Einst gehört auch ich dem Hause der Ehrwürdigen Bruderschaft im Kloster Maria bei den Eichen an. Jedes Jahr beim Erwachen der Natur schickte der Ehrwürdige Vater ein Handvoll der Unsrigen auf eine Bettelmission. Meist waren es kleine Delikte und Verfehlungen, die dem Ehrwürdigen Vater die Möglichkeit einräumten die Frage zu stellen: Mission oder Verbannung. Verbannung stand für einen elenden Tod als Vogelfreier. Mission war immerhin die Chance, bei Einbringung befriedigender Opfergaben wieder in die Gemeinschaft zurückgeholt zu werden. So kam auch ich auf Mission und tat meine Pflicht. Als ich nach der ersten Reise im Spätsommer zurückkam, quoll mein Lederbeutel über von Silber und Goldstücken, dass es eine Pracht war. Den um Heil bittenden Menschen ging es gut. Die Scheunen waren voll, das Vieh fett. Und manch einer ließ sich seinen schlechten Lebenswandel nach einer Beichte und der Vergebung der Sünden einiges kosten. Der Ehrwürdige Vater lobte vor versammeltem Chor meinen Einsatz und meine Ernte. Daher schickte er mich das Jahr darauf wieder hinaus. Eine Kleinigkeit brachte mich in Misskredit und er mahnte mich, das Ergebnis der letzten Mission auf jeden Fall zu wiederholen, es möglichst noch zu verbessern. Nun, in diesem Jahr ging es weitaus schlechter. Ein nasser, kalter Sommer verdarb die gesamte Ernte des Landes. Die Bauern standen auf, nachdem ihnen ihre Herren die Abgabelast vom Vorjahr auferlegten. Es kam sogar zu einzelnen Scharmützeln, die die Obrigkeit blutig sühnen ließ. Es herrschte ein unbeschreibliches Chaos im Lande. Ich selbst musste mich mehrmals meiner Haut erwehren um heil wieder im Kloster anzukommen. Jedoch trat ich mit fast leeren Händen durch das Tor.
Nach Aburteilung vor dem gesamten Chor durch den Ehrwürdigen Vater und schwerer Sühne in der tiefsten Zelle des Hauses wurde ich aus den Mauern der Bruderschaft verbannt. Den Herbst verbrachte ich als Knecht bei den Bauern des Landes gegen ein karges Mahl und ein Lager im Stall. Vor Einbruch des Winters jagten sie mich mit Schimpf und Schande vom Hofe. In meiner Verzweiflung schwor ich auf den Leibhaftigen tiefste Rache an der gesamten Bruderschaft. Dabei verschrieb ich mich ihm mit Leib und Seele meines erbärmlichen bisschen Lebens willen, das ich noch führen konnte. Jedoch wurde ich, bevor mich jener bei den Seinen aufnahm, schweren Prüfungen unterzogen. Er verlangte von mir, einen Bissen Brotes wegen, zu stehlen und als oberste Freveltat, zu morden. Von diesem Moment an war ich immer auf der Flucht. Fliehend vor den Strafen durch die Menschen und fliehend vor meiner eigenen Verzweiflung.
Am Ende dieses unheilvollen Jahres, als der Winter am härtesten und die Not am größten, kam ich vor die Tore einer kleinen, mit hohen, dicken Mauern bewehrte Stadt. Mir war sie vollkommen fremd, obschon ich des Öfteren in dieser Gegend unterwegs war. Der Posten am Tor grüßte mich aufs Freundlichste, bat mich einzutreten und hieß mich willkommen mit den Worten:
„Es ist alles bereitet, Bruder!“
Dankend durchschritt ich die Pforte und stand nach wenigen Schritten inmitten eines großen Platzes, um den direkt an der Stadtmauer niedere, einfache Häuser standen. Dicht an dicht. Schmale Wege führten durch die auf der freien Seite stehenden Häuser hindurch in weitere Viertel. Alles war menschenleer. Auch die Wohnungen schienen so. Ich blieb stehen, unschlüssig, ob ich weitergehen sollte und vor allem wohin. Der Wächter am Tor bemerkte mein Zögern, verließ seinen Posten und rief mir nochmals zu:
„Es ist alles bereitet, Bruder!“
An einem kleinen Haus an der anderen Seite des Platzes öffnete sich knarrend die Haustüre. Ein dicker, gemütlich aussehender Mann trat aus dem Haus und winkte mir zu. Mit langen Schritten eilte ich zu dem einladenden Winker und beim Näherkommen stellte sich heraus, dass es sich um ein Wirtshaus handelte. Der Mann streckte beide Arme aus, wie zu einer Umarmung. Hinter ihm war eine ebenfalls kräftig gebaute, gutmütig scheinende Frau erschienen, die mich freudig anlachte. Der Wirt verbeugte sich leicht vor mir, wobei er mit seiner ausgestreckten Rechten den Weg ins Haus anzeigte und mich mit seiner Linken am Oberarm leicht anschob.
„Kommt näher, tretet ein! Es ist alles bereitet, Bruder!“
Ich wurde empfangen, wie ein guter alter Freund.
„Ihr seid hungrig und durchfroren. Ich gebe Euch etwas Trockenes zum Anziehen. Und dann kommt zu Tisch, Bruder. Er ist reich bedeckt, “ lud mich die Wirtin mit freundlichen Worten ein. Über einem Stuhl hingen bequeme, wollene Kleidungsstücke, die mir wie angegossen passten. Und der Tisch war über und über bedeckt mit dampfenden Schüsseln, aus denen ich mir Gemüse und Fleisch schöpfte, bis der Teller übervoll war. Grinsend brachte der Wirt zwei Humpen selbstgebrautes, herrliches Bier, frisch aus dem Fass, und setzte sich zu mir.
„Ihr seid ein verbannter Bruder der Ehrwürdigen Bruderschaft.“ stellte er zwischen zwei Zügen aus dem Humpen wie selbstverständlich fest. Er sagte mir dies ohne Umschweife und schaute mich an, als hätte er soeben über das Wetter gesprochen. Ich erschrak, hielt im Essen inne und saß wie versteinert. Ungerührt davon fuhr der Wirt fort:
„So wie ihr gekleidet seid. Abgerissen und selbst zu ärmlich für einen Bettelbruder.“
Die Bezeichnung Bettelbruder sprach er so verächtlich aus, dass mir Eiseskälte über den Rücken kroch. Es schien plötzlich in der warmen Stube kälter als draußen mit meinen zerrissenen Kleidern. Das Besteck entfiel meinen zitternden Händen und klapperte in den noch halbvollen Teller. Der Wirt hob beschwichtigend die Hände, lächelte mich an und ich fand keine Möglichkeit der Entgegnung.
„Esst in Ruhe weiter. Ihr müsst wissen, dass wir schon viele der Eurigen in unserem bescheidenen Heim bewirtet und aufgenommen haben. Wir kennen uns also etwas aus mit einem Menschenschlag, wie dem Eurigen. Um diese Zeit des Jahres sind nur die Verbannten unterwegs, die bis dahin den Winter überlebt haben. Denn die große Ernte für Eueren Ehrwürdigen Vater findet im Sommer statt. Wenn die Felder und Auen von Früchten bedeckt sind und die Münze manchen leichtsinnig aus der Hand springt. Und dann kommt es auch oft vor, dass Bauernhöfe im Flammenmeer versinken oder Weiber den gemeuchelten Gemahl beklagen, nachdem Euere Brüder der Gier des Obersten Bruders verfallen und Mein und Dein nicht mehr trennen mögen. Spuren verwischen und ein guter Bruder werden. Ich glaube, Ihr kennt das alles. Aber Ihr seht, aus Angst vor dem Zorn Eueres Ehrwürdigen Vaters schrecken die Brüder vor nichts mehr zurück. – Aber nun – esst weiter, Bruder. Ich glaube, dass dies nichts mit Euch zu tun hat.“
Er nahm einen letzten, kräftigen Zug aus dem Humpen und wischte sich mit dem Handrücken den Schaum aus dem dichten grauen Bart. Dann legte er mir mit einem kräftigen Griff seine Hand auf den Unterarm, nickte mir zu und verließ wortlos den Tisch. Die Wirtsfrau erschien, fragte nach weiteren Wünschen und ich musste ihr gestehen, dass ich noch nie so gut gegessen habe und jetzt richtig satt wäre. Sie freute sich über meine Aussage und erbot sich, mir meine Schlafstube zu zeigen.
Ein gemütlicher, warmer Raum mit einem großen Bett mit frischen, weißen Linnen sollte mir eine angenehme erholsame Nachtruhe schenken. Die Wirtin ging zum Fenster, um die Gardinen zuzuziehen. Dabei schaute sie noch aus dem Fenster und meinte:
„Ihr habt einen guten Ausblick von hier. Direkt auf den Richtplatz.“
Ich lief hin und blickte ebenfalls hinaus. Der Marktplatz.
„Hier werden die gerichtet, die gegen uns stehen“, sagte sie wie beiläufig.
„Wer? – Wann?“ fragte ich, während sie die Gardinen mit einem Ruck zusammen zog.
„Es ist alles bereitet, Bruder!“
Sie ging und schloss von außen die Türe ab. Ich überlegte mir noch ihre letzten Worte, aber dann übermannte mich die Müdigkeit. Das warme Zimmer, mein Gefühl der Sattheit und das herrliche Bett ließen mich einfach niedersinken und sofort in tiefen Schlaf verfallen.
Erst spät am Morgen erwachte ich, fühlte mich gestärkt und voller Lebensdrang. Die Türe war nicht mehr verschlossen und so trat ich in den Flur vor meine Türe. Das Haus roch nach frischem Brot, nach gebratenen Eiern und Speck. Die Wirtsleute hatten mir wiederum einen voll gedeckten Tisch vorbereitet und ich ließ mich nicht zweimal bitten, ordentlich zuzugreifen.
Nach dem üppigen Frühstück schien die Sonne in die Schankstube und ich beschloss, die kleine Stadt zu erkunden. Meine Wirtsleute machten keine Anstalten, dass sie mich loshaben wollten, fragte die gute Frau, was ich gerne zum Mittag speisen möchte. Ich sagte, ich würde ihr den Speiseplan gerne überlassen, nachdem ich so köstlich in ihrem Heim verwöhnt werden würde.
Draußen war es klar, kalt. Vom blauen wolkenlosen Himmel schien eine warme Sonne, die aber noch vom Winter überboten wurde. So lief ich über den Marktplatz, auch Richtplatz, auf die gegenüberliegenden Häuser zu.
Als erstes fiel mir ein kleines in tiefem Schatten der nebenstehenden Gebäude stehendes Haus auf. Auf einer schweren, wuchtigen Türe aus uralten Eichenbrettern war in einem Balken mit groben, kantigen Buchstaben das Wort „Armarium“. Im Kloster der Ehrwürdigen Brüder wurden in diesem Raum die Schriften und Bücher aufbewahrt, die uns wichtig erschienen.
Ich weiß nicht warum, aber ich ging zu der Türe, öffnete sie und trat ein. Es schien mir alles bekannt vorzukommen. Ein niederer, dunkler Raum mit einem sehr engen Flur schlug mir entgegen. Ich durchschritt ihn und stand in einem Saal, voll gedrängt mit riesigen Regalen und Schränken. Das Atmen fiel schwer in dieser drückenden Enge und das Fenster schien vor Tagen das letzte Mal geöffnet worden zu sein. Regale und Schränke waren überladen mit Büchern, Pergamenten, Haufen von einzelnen beschriebenen Blättern. Vieles auch ungepflegt, zerschlissen, ungeliebtes Papier.
Erst jetzt bemerke ich in der einen Ecke zwischen zwei wuchtigen Schränken einen Schreibtisch an der eine Gestalt sitzt. Unbeweglich in einer dunkelbraunen Kutte mit einer weit ins Gesicht gezogenen Kapuze. Ich ging auf den Tisch zu. Ohne dass ich ein Wort gesprochen hatte zeigte eine dürre knochige Hand auf ein Bündel mit Papieren. Eine tiefe, Eiseskälte ausstrahlende Stimme befehligte nur: „Lies, Bruder!“
Ich nickte schwach, nahm das Bündel an mich und setzte mich auf einen wackligen Stuhl an einem kleinen zerkratzten Tisch. Das Paket Papier legte ich mir auf die Knie und öffnete den Knoten der Kordel, die diesen Stoß zusammen hielt. Es handelte sich um die Akten der hier geführten Prozesse und Hinrichtungen auf dem Richtplatz. Prozesse wurden geführt gegen Mörder, Hexen, Diebe, Andersgläubige und – Ehrwürdigen Brüdern. Die Namen der Brüder, gegen die die letzten Prozesse geführt wurden, waren mir bekannt. Teilweise waren sie zur selben Zeit auf Mission wie ich. Alle wurden mit dem Bann durch den Ehrwürdigen Vaters belegt und aus dem Kloster Maria bei den Eichen verstoßen. Die Parallelen zu mir, meinem Leben, schreckten mich auf und ängstigten mich. War dies hier schon das weltliche Gericht für unsere Sünden? Die Vorstufe zur Verdammnis der Seele?
Panik und Entsetzen griffen nach mir. Die verhüllte Gestalt vor mir hatte sich nicht einmal bewegt. Ich wollte Fragen stellen, doch der Anblick der dunklen Kapuze, in der irgendwo ein Gesicht zu stecken schien, ließ mich wieder verstummen. So las ich weiter über die Schicksale meiner Brüder, denen hier auf dem Richtplatz ihr Leben genommen wurde. Und es fiel mir auf, dass alle auf ihren letzten Tagen in einem Wirtshaus an diesem Ort gut aufgenommen und verpflegt wurden.
So komme ich an das letzte Pergament in diesem Bündel. Es ist ein unbeschriebenes Blatt. Leer. Kein Tintenfleck, kein Wort. Es lag mir in der Hand wie in Erwartung einer Aufzeichnung eines Verhöres. In Erwartung eines Geständnisses. In Erwartung eines Urteils und seiner Vollstreckung. Mit zittrigen Fingern hielt ich das Papier in Richtung des Vermummten. Unfähig, ein Wort zu sagen.
„Es ist alles bereitet, Bruder!“
Die Hände zitterten mir, mein Herz schien aus der Brust springen zu wollen. Ich legte die Papier wieder aufeinander zu dem Bündel, das es war, knüpfte die Kordel um den Stoß und legte in dem Vermummten auf den Tisch zurück. Von diesem war keine Regung zu vernehmen und so rannte ich mehr stolpernd aus dem Haus. Nur ein Gedanke hämmerte gegen meinen Schädel:
„Raus aus dieser Stadt! Aus den Mauern des Todes fliehen! Über den Richtplatz zum Stadttor! Dort ist Freiheit! Dort entgehe ich meinem Schicksal!“
Das Stadttor! – Gestern kam ich diesen Weg in die Stadt. Dort, wo ich mir einbildete dass das Stadttor sein müsste, wo ich den Torbogen hierher durchschritten hätte, erhebt sich in großen Steinen die Stadtmauer. Ich drehte mich im Kreise. War es die andere Seite? Nein! Oder dort? Kein Stadttor weit und breit. Häuserfronten und Stadtmauer. Ich selbst wirbelte auf dem Richtplatz und die Verzweiflung frisst mich auf. Dann blieb ich stehen, um alles in Ruhe nochmals zu betrachten. Häuser, ohne Licht, ohne Menschen. Niemand auf den Wegen. Wo sind alle? Lebt hier kein Mensch mehr? Bin ich schon in der Hölle?
„Ehrwürdiger Bruder! – Hierher!“
Hochgeschreckt drehte ich mich um. Mein Gastgeber stand auf der Treppe seines Wirtshauses und winkt mir lachend zu.
„Was tanzt Ihr hier auf dem Richtplatz? Kommt, es ist schon spät! Ihr ward den ganzen Tag unterwegs.“
Nun erst fiel mir auf, dass die Dämmerung bereits eingesetzt hatte. Der ganze Tag war bereits trübe und bedeckt, die Wolken hingen an der Stadtmauer. Und meine Zeit in diesem alten erschreckenden Archiv war ebenfalls von einer Düsternis umfangen. Fröstelnd lief ich zum Gasthaus, zu meinem freundlich winkenden Gastgeber, glücklich, ein lachendes Gesicht zu sehen. Der Wirt schob mich in die warme Wirtsstube, in der es schon verlockend nach einer warmen Mahlzeit roch. Dieser Duft und die anheimelnde Wärme taten mir, vor allem meinem Seelenwohl gut.
Ich vergaß meine heutigen Erlebnisse beim Speisen und leichten Gespräch mit den Wirtsleuten bei einem guten Schoppen des dunklen Bieres. Es war spät, als ich mich in meine Kammer zurückzog. Und das gegorene Getränk tat sein Übriges zu einem schnell einsetzenden tiefen Schlaf.
Ein seltsamer Traum bemächtigte sich meiner in dieser schicksalbestimmenden Nacht. Ich sehe mich wieder durch die alte dicke Eichentüre ins Archiv eintreten. Der Raum ist hell erleuchtet von tausenden von Kerzen, die auch eine ungewöhnliche Wärme erzeugen. Hinter dem schweren Richtertisch, der mit einem schwarzen Samttuch bedeckt ist, sitzt die dunkle vermummte Gestalt. Daneben zu seiner Rechten mein Gastgeber, links von ihm dessen Weib. Mit hasserfüllten, verzerrten Grimassen, teuflischen Fratzen gleich, glotzen die Beiden mich an. Der dunkle Richter zeigt kein Gesicht, es ist im Schatten seiner großen weiten Kapuze unsichtbar. Hinter dem Dreiervorsitz harrt still eine Menschenmenge, eng an eng stehend, lauernd der Worte, die gesprochen werden sollen. Langsam laufe ich wie unter Zwang zu dem Richtertisch hin. Mir wird dabei gewahr, dass Arme und Beine in schweren Ketten liegen und ich nur kleine Schritte zu gehen vermag. Neben mir geht ein in rotem Mantel mit Kapuze bekleidete Gestalt, hält das Ende meiner Ketten in seinen Hand. In der anderen führt er eine mehrschwänzige Lederpeitsche, die fein aufgerollten Riemen sind mit kleinen spitzigen Metallstücken an ihren Enden versehen. Dieser Anblick lässt mich auch die Schmerzen in meinem geschundenen Rücken spüren. Er brennt, von vielen Schlägen mit diesem Instrument versengt.
Als ich so, mühsam stehende, vor dem Richtertisch ankomme, erhebt sich der Vermummte, streckt die Arme gegen mich aus, zitternd in den Händen. Dann reißt er sich mit einem Ruck die Kapuze vom Kopf und lässt sie nach hinten fallen. Ein eingefallenes Gesicht, aus dem der Schädel leuchtet, überspannt von welker, farbloser, toter Haut. Aus dem schmallippigen Mund entringt sich ein schriller, sich überschlagender Schrei, unwirklich, aus einer anderen Welt:
„Richtet!“
Dabei glühen seine gelben Katzenaugen bösartig auf. Sofort springt sie stille Meute hinter seinem Tisch auf. Schreit. Gestikuliert. Zischt und speit. Überhäuft mich mit den schändlichsten Schimpftiraden. Ich bin auf die Knie gesunken. Vor Schwachheit und Pein. Gnade erbettelnd. Die Peitsche mit den scharfkantigen Metallen reißt durch meine dünne Kutte, treibt neue Striemen in mein Fleisch. Ich spüre den Schmerz, mein Körper reißt nach hinten. Vor Entsetzen bleibt mein Mund stumm. Die geifernde Menge steht nun hinter dem Kuttenmann, der mit weit erhobenen Armen vor ihr steht und auf mich blickt. Jetzt umrunden diese schreienden und keifenden Wesen den Richtertisch und kommen auf uns zu. Der rotgekleidete Scherge neben mir schwingt die Peitsche gegen die ersten, die mir zu nahe kommen. Klatschend fahren die Riemen über die Gesichter und hinterlassen rote tiefe Streifen, teilweise dicktropfig blutend. Die Getroffenen ziehen sich zurück, wie geschlagene Hunde, werden von den Nachrückenden wieder nach vorne geschoben und fangen sich dabei die nächsten Schläge ein. Bis alle winselnd vor dem Tisch in meiner Höhe knien. Ich schaue in Fratzen, tobend und gierend nach meinem Leben.
Ich kippe zu Boden, unfähig das hier Erlebte zu begreifen. Mein Hirn scheint in meinem Schädel zu toben wie ein sturmgebeuteltes Meer. Schlägt mit Macht an die Grenzen seines Raumes. Schwappt gegen die Knochen, um diesem Wahnsinn zu entgehen. Ich wälze mich in meinen Ketten am Boden, spüre die Peitsche auf meinem Körper tanzen, ohne einen Laut von mir zu geben. Das Innere nach Außen kehrend ergieße ich mich auf den Holzfußboden. Erbreche der Meute meine Seele zu Füßen.
Ein scharfer Geruch nach Feuer, Rauch und Schwefel steigt auf. Mein Körper beginnt zu schweben, in eine andere Sphäre. Dann verliere ich die Wirklichkeit. Vor der zuckenden, kreischenden Menge werde ich unheimlich ruhig und gelassen. Ein Gefühl der Leichtigkeit kommt in mir auf. Leichtigkeit und ein Glücksgefühl, das ich nicht kenne. Glücklich! Ich fühle mich beschwingt und glücklich! Und dann wird es still. Ich treibe wie ein Baumstamm, der im stillen Wasser eines wunderschönen Sees liegt.
Ein eiskalter Wasserstrahl ins Gesicht reißt mich brutal in die Wirklichkeit zurück. Im Nu bin ich wieder bei Besinnung. Der Hexenspektakel um mich herum ist zu Ende. Die schwarze Gestalt steht noch mit erhobenen Armen an seinem Tisch. Die Ärmel der Kutte sind weit nach hinten gefallen und entblößen dünne, mit fahler Haut bespannte Armknochen. Die Menge der vormals Keifenden ist zurück auf ihren Plätzen hinter dem Richtertisch.
„So vernehmet das Urteil!“
Die Stimme des Richtenden ist laut und unheimlich. Die Worte scheinen einem alten Gewölbe zu entspringen. Dunkel hallend. Mich fröstelt, aber ich bin ganz entspannt. Nur die Meute hinter dem Richter zuckt, zieht ihre Köpfe zwischen die Schultern. Wohl die Peitsche erwartend. In diese Stimmung zischelt das grausame Urteil:
„Im Namen der finstersten Macht dieser Erde. Im Namen ihrer Gesetze. Im Namen ihres Stellvertreters. Dieser hier bei uns Anwesende hat ein Geständnis abgegeben vor den zwei zu meiner Rechten und Linken sitzenden Zeugen, der Ehrwürdigen Bruderschaft als treuer Gefolgsmann anzugehören. Er hat gestohlen, geleugnet, falsch Zeugnis geredet und gemordet. Im Namen der Ehrwürdigen Brüder. Im Auftrag des Ehrwürdigen Vaters. Den wir hiermit verdammen in alle Ewigkeit.“
Im Hintergrund murmelt die Schar den Spruch der Verdammnis leise mit.
„Wir nehmen uns deiner an, Bruder, der du uns treue Dienste zugestanden hast. Treue Dienste in Ewigkeit nach unserem Willen. Dienste im Glauben an Hass, Tod und ruheloses Seelenleben. Er wird durch dieses Gelöbnis aufgenommen in unserer Mitte. Wird aus dieser Mitte bedingungslose Rache führen gegen die Ehrwürdige Bruderschaft und ihren Vater. Wird seine ganze Kraft der Zerstörung der Missionen und ihrer Brüder widmen. Er wurde von uns vernommen, geprüft und geläutert. Lasset uns nun seine Seele in unsere finstere Gemeinschaft aufnehmen. Dazu werden wir sie nach unserem Brauch von ihrer einengenden Hülle befreien.
– Führet ihn hinaus auf den Richtplatz! – Es ist alles bereitet, Bruder!“
Die letzten Worte gehen in einem Johlen und Grölen der Menge unter. Fäuste trommeln auf dem alten Holz der Balken im Raum ein Stakkato im Gleichklang. Dumpf dröhnend.
Zwei Schergen in rot gekleidet reißen mich vom Boden hoch. Zerren mich schleifend durch den Flur zu der schweren Eichentüre. Ziehen mich auf Knien über das Pflaster zu einem Richtpfahl, der inmitten frischen Reisigs, darunter Ballen trockenen Heus, aufgebaut steht. Die Meute folgt uns laut kreischend mit dem monotonen Ruf:
„Richten! – Richten! – Richten!“
Vor dem Schandpfahl bleiben alle stehen, bilden einen Kreis um die Richtstätte. Hin und wieder knallt eine Peitsche der Schergen, wenn Einzelne zu mir durchdrücken, um mich zu bespucken oder zu treten. Winselnd drehen sie ab, wenn rote Streifen von den Riemen im Gesicht verbleiben.
Die Schergen ziehen mich zum Richtpfahl. Eine schmale Holztreppe führt zu einem kleinen Podest, auf dem ich mit beiden Füßen stehen kann. Ein Halseisen wird mir umgelegt, die Arme nach hinten um den Pfahl gedrückt und wieder zusammengekettet. So stehe ich fast gerade auf dem kleinen Podest, sollte ich in die Knie gehen, würde ich mich mit dem Halseisen erwürgen.
Beim Zurückgehen schieben die beiden Roten über das Podest und die kleinen Stufen noch Holz und Stroh und beginnen, die Meute in einer gewissen Ordnung zu halten. Auch dafür sind die Peitschen immer wieder in der Luft. Dann öffnet sich eine Gasse, durch die mein lieber Gastgeber und sein Weib schreiten. Ein Grinsen ziert ihrer beider Gesicht. Einer der Roten reicht ihm lachend einen Stein. Es ist ein handgroßer Kiesel, den der Wirt zwei-, dreimal lässig mit der Hand aufwirft und wieder fängt. Die Menge beginnt zu kreischen und zu johlen. Und wieder der Ruf:
„Richten! – Richten! – Richten!“
Von seinem Standpunkt aus schleudert er diesen Stein wuchtig in meine Richtung. Teilnahmslos erwarte ich den Schlag auf meinem Körper. Der Kiesel ist gut geworfen. Kraftvoll. Zielsicher. Er trifft meine Stirn mit voller Wucht. Bevor der Aufprall in einen Schmerz übergeht, sehe ich mich am Schandpfahl stehen. Blut spritzend aus dem Gesicht. Läuft dick herab bis zum Kinn. Ich stehe vor der Eichentüre des Rechtsarchivs. Neben mir die schwarz vermummte Gestalt. In ruhigem Ton, fast schon väterlich, spricht er zu mir:
„Es ist vollbracht, Bruder!“
Während ich neben ihm stehe haben andere ebenfalls Steine nach meinem Körper am Schandpfahl geworfen. Aus vielen Wunden blutend sehe ich ihn zusammensinken. Das Halseisen strafft sich. An zwei Ecken des Reisighaufens lodern Flammen empor. In Windeseile steht der ganze Richtplatz in einer gleißenden Lohe und verbirgt meinen geschundenen sterbenden Körper.
Du hast erkannt, Ehrwürdiger Bruder, dass mein Gelübde, mein Versprechen draußen vor den Menschen, darin besteht, alles zu unternehmen, Euere Mission und Euere Bruderschaft zu vernichten. Euer Werk und Euer Wort auf ewig zu vernichten. Es in Misskredit zu bringen. Dass alle in kommenden Zeiten sagen werden: Es war gut, dass sie zugrunde gingen. Sie waren nur Schmarotzer, Diebe, Lügner und sogar Mörder fanden sich unter ihnen. Gut dass sie weg sind. All denen von Euch Betrogenen wird damit Genugtuung angetan. Ihre Seelen können im Glauben ruhen, gerächt worden zu sein. Ihre kommenden Aufgaben werden sie in Frieden bewältigen.
Du, Ehrwürdiger Bruder, bist dazu vom Schicksal auserkoren, mein Gelübde, meine Worte, die unter der Knute geschworen, einzulösen. Damit kannst Du, lieber Bruder, Dein Seelenheil wieder zur Ruhe finden lassen. Nach der zu erwartenden Sühne durch den Ehrwürdigen Vater, einem ewig Hungernden nach Reichtum und Strafe, Knecht über einer sich duckenden Bruderschaft, wirst Du nicht mehr der sein, der Du vielleicht gewesen warst. Handle schnell, bevor die Möglichkeit verstrichen, denn das Unheil kommt Dir entgegen. Ein gewaltiges Feuer soll Dich erretten, wie es mich ins Leben versetzt hat. Du wirst danach bei uns sein. Einer von uns. Und eine gewaltige Ernte wird Dir auf Ewigkeit einen Platz in unseren Reihen sichern.“
Ohne eine Gemütsbewegung habe ich diese Worte gelesen und die Aufgabe vernommen. In meinem Inneren spüre ich sie, dass die große Ernte meiner wartet. Lange sitze ich noch an meinem Tisch, das letzte Pergament in den Fingern. Die gelesenen Blätter liegen ungeordnet auf dem Fußboden in meiner Zelle. Hingeworfen nach dem Lesen. Unsortiert. Kreuz und quer.
Ein forderndes Pochen, lauter werdend, zieht mich in die Wirklichkeit zurück. Jemand begehrt Einlass in meine Zelle. Entgegen den Hausvorschriften habe ich meine Türe verriegelt.
„Antonius!“ ruft es unter dem drängenden Klopfen.
„Antonius! – Was ist mit Dir, Bruder? – Hört Ihr mich? – Öffnet! – Antonius!“
Es ist Cornelius, er wollte am Abend nochmals nach mir sehen. Ich springe hoch, habe das letzte Pergament noch in der Hand, als ich zur Türe eile.
„Einen Augenblick, Cornelius. – Ich komme!“
Ich öffne und werde von einem erstaunten Cornelius angestarrt.
„Was ist Euch, Antonius?“
So stehe ich nur da und lasse mich von ihm zur Seite schieben, als er mit großen Augen in meine Zelle stürmt. Er registriert die Scherben des blauen Kruges auf dem Fußboden, die durcheinander liegenden Pergamente.
„Was ist geschehen, Bruder Antonius? – Ihr habt den Krug geöffnet, gar zerschlagen? – Wäre das nicht Aufgabe unseres Ehrwürdigen Vaters gewesen? – Ihr hättet ihn aushändigen müssen! – Und was sind das für Pergamente, die verstreut am Boden liegen? – Habt Ihr das dürfen?“
Er kniet nieder und sammelt die Papiere zusammen. Mit ein paar Schritten bin ich bei meinem Tisch, eine Stimme in mir sagt, was zu tun ist. Er wird das erste Opfer sein.
Ich nehme meinen Wasserkrug, der noch voll des frischen Wassers aus dem Brunnen auf dem Tisch steht. Bruder Cornelius rafft die Pergamente zusammen und schaut dann an mir hoch, als er bemerkt, dass ich direkt bei ihm stehe. Mit vollem Schwung lasse ich den Krug auf die Stirn des verdutzten Cornelius einschlagen. Das Tongefäß zerspringt in tausend Scherben, ich halte nur noch einen Teil des Henkels in der Rechten. Blut spritzt vermengt mit Wasser durch meine Zelle, besudelt auch mein frisches Gewand. Cornelius Blick ist ungläubig und ganz still sinkt sein Körper gegen meinen Stuhl, reißt diesen mit um. Er liegt mit offenen Augen und einer klaffenden Blut verströmenden Kopfwunde auf den restlichen Papieren. Im Nu ist eine rote Lache unter meinem Tisch entstanden. Achtlos werfe ich den Henkel auf den Boden zu den anderen Trümmern. Es ist wie ein Zeichen. Ich weiß nun, was zu tun ist.
Meine Kutte ist nass und blutverschmiert. Ich verlasse meine Zelle, ziehe die Türe ins Schloss und laufe in Richtung Pforte. In der Ferne höre ich den Gesang der Brüder zur Abendandacht. Es ist dunkel geworden. Kalt. Der Herbst geht in seine letzten Tage.
Im Pförtnerhaus sind alle Schlüssel dieses Klosters verwahrt. Auch jener, der zur Abendstunde benötigt wird, um in die große Bibliothek zu gelangen. Bruder Laurentius hat diese Nacht Dienst an dem kleinen Nebeneingang zum Kloster. Ich trete in die kleine warme Wachstube ein. An einem Bord hängen die ganzen Schlüssel. Darunter auch der eiserne Torschlüssel des Haupteinganges, ein armlanges, handgeschmiedetes, schweres Teil.
Als er mich kommen sieht tritt er vor die Fackel neben der Stube, um mich zu erkennen:
„Antonius was ist los? – Die Abendandacht hat bereits begonnen. Und Ihr hier? – Der Ehrwürdige Vater wird dies nicht dulden, dass Ihr nicht zugegen seid. Er ist böse, gar zornig auf Euch zu sprechen! – Sputet Euch, Ihr könnt vielleicht noch etwas retten an der Güte des Ehrwürdigen Vaters.“
„Hat er über mich gesprochen, Laurentius?“
„Er will Euch abstrafen für Ungehorsam. Auch als Exempel für die Mitbrüder. – Ich denke Ihr müsst stark sein, das durchzustehen. Er hat sich viel besprochen mit den anderen Ehrwürdigen Brüdern.
– Es ist alles bereitet, Bruder!“
Mit einem Sprung bin ich bei dem Schlüsselbord, reiße den schweren Torschlüssel des Haupteinganges herunter, und ehe Laurentius einer Reaktion fähig ist, schlage ich ihm mit dem dreizackigen Bart den Schädel ein. Ein gurgelnder Ruf dringt noch aus seiner Kehle, dann geht er zu Boden. In Kürze bildet sich eine rote dicke Lache um seinen eingeschlagenen Kopf. Den Torschlüssel werfe ich zwischen den Gitterstäben des Wachfensters hindurch hinaus ins Freie. Keiner soll meiner Ernte entkommen.
Ohne nochmals nach Laurentius zu sehen greife ich mir den Schlüssel der Bibliothek und reiße die Fackel aus ihrer Halterung. Mit großen Schritten renne ich zum Eingang zu unseren Schreibstuben, in denen die ganzen Kostbarkeiten an Schriften und Pergamenten aufbewahrt werden. Dort, wo die schreibenden Brüder Tage verbringen, alte Texte zu übersetzen und in neue Worte zu bringen. Sie auf Pergament aufbringen in feinster Schrift und mit vielen bunten Illuminationen versehen. Manche wahre Kunstschätze stehen in den Regalen.
Die Türe geht leicht auf und ich eile in die Räumlichkeiten. In der Bibliothek selbst sind die Schränke bis zu den Deckenbalken mit Pergamenten, alten Papieren, Lederhäuten für die Einbände der Bücher überhäuft. Auf den Schreibpulten der Brüder liegen angefangene Texte, Papiere. Stehen Tintenfässer und liegen angespitzte Kiele von verschiedentlichen Vogelfedern. Seltene darunter, aber hauptsächlich einfache Gänsekiele, mit denen man am besten schreiben kann. Ich laufe nach hinten und beginne dort mein Vernichtungswerk. Am ersten vollen Schrank lasse ich meine Fackel lecken, bis die Flammen nach oben schlagen. Jetzt mache ich mich auf in Richtung Ausgang, halte hier und da meinen Kienspan an die Stöße mit Pergamenten, die im Nu in heißer Flamme stehen. Als ich an der Türe ankomme höre ich schon die ersten Regale brechen. Ein Feuermeer tobt hinter mir. Seine dargebotene Nahrung verschlingt die Hitze. Grelles Züngeln, Tageshelle begleiten mich. Ein Fauchen rast mir hinterher und ich beeile mich, dem zu entkommen. Habe ich doch eine Aufgabe vor mir, die vollständig ausgeführt werden muss.
Als nächstes brennt die Kirche. Viel Brokat und edle Stoffe, die über dem Altar liegen und die Stühle der Ehrwürdigen Dreieinigkeit bedecken. Die schweren Wandteppiche, mit alten Motiven aus der biblischen Geschichte. Die ersten Bänke des Chores brennen ebenso schnell und hoch schlagen die gefräßigen Flammen am geschnitzten Altar. Nehmen Kreuz, die lebensgroßen Apostel und die umstehenden Engel mit. Die Fenster zerspringen mit einem leisen Klicken und stürzen aus den Bleiverglasungen. Alles zischt. Faucht. Es ist ein heißes Freudenmeer.
Ich renne hinaus auf den Innenplatz. Die Ehrwürdigen Brüder haben das Inferno bemerkt und kommen in Panik aus dem Kapitelsaal, in dem sie eben noch gebetet haben. Der Ehrwürdige Vater hetzt in die Kirche, will retten, was es noch zu retten gibt. Aber es ist umsonst. Hilflos steht er in der Türe und schaut in den prasselnden Untergang. Da er nicht weit von mir entfernt ist, werfe ich meinen Kienspan nach ihm. Gebannt vom Anblick seiner sich vernichtenden Kirche bemerkt er nicht sogleich, dass die Fackel seinen roten Umhang in Brand setzt. Schnell greift die Lohe von unten nach oben. Die Hitze spürend will er sich den Mantel vom Körper reißen, doch schon stehen seine langen weißen Haare samt Bart in gelbem Glühen. Schreiend stürzt er sich zu Boden, versucht die Glut auszuwälzen. Ich bin bei ihm, stelle mein Bein mit ganzer Kraft auf seine dürre Brust und schaue zu ihm hinunter. Er starrt mich an und ächzt: „Antonius! – Warum?“ Dann bäumt er sich auf, die Flammen hüllen ihn ein. Sein Gesicht, sein Mantel leuchtet auf. Ich muss zu Seite, um nicht auch vom Feuer erfasst zu werden. Er schafft es noch, seinen glühenden Körper auf alle Viere zu stützen, dann bricht er zusammen und brennt.
Derweil rennen die Brüder in einem Durcheinander über den Platz, durch die Räumlichkeiten, aus denen ein Krachen und Funkenstieben aufsteigt. Die ersten Mauern brechen, vor allem die der Bibliothek. Durch breite Risse in den Wänden züngeln Flammen und die Hitze bricht die Spalten noch weiter auf. Brüder liegen von Steinen erschlagen, schleppen sich verletzt über den Platz. Manche liegen unter brennenden Balken und schreien um ihr Leben. Jetzt wird auch das Heulen des Feuers lauter. Dicker Rauch und helle hohe Feuersäulen künden dem Himmel den Untergang des Hauses Maria bei den Eichen.
Durch den Turm bricht Holz splitternd die große Glocke. Beim Fallen reißt sie das gesamte Stiegenhaus mit sich. Diese große Glocke, die mehrmals am Tage mit ihrem Läuten Frieden und Eintracht über Felder, Wiesen und Wälder bis zum letzten Gehöft in dieser Region verbreitet hat. Ein metallischer Aufschrei kündet an, dass sie beim Aufschlag am Boden in mehrere Teile zersprungen ist. Sie wird nun auf ewig schweigen. Jetzt beginnt sich auch der Turm schwankend zu neigen. Schreiend und tanzend, mit ausgebreiteten Armen wirble ich über dem Platz. Alles ist vollkommene Unordnung.
Es ist das Chaos der neuen Schöpfung.
Die auf das Pflaster aufschlagenden Balken sprühen Funken in schaurig schönen Bögen. Mauern kippen dumpf schabend, in sich zerfallend, zur Seite. Ein Fauchen und Kreischen. Knacken und Knarzen. Bunte Reigen der Flammen. Dazwischen die panischen Schreie der Brüder.
Ich renne zum Turm. Er schwankt. Das Dach löst sich, regnet in den Innenhof. Jetzt kippt er. Laut lachend und jauchzend springe ich ihm entgegen.
Mein Werk ist erfüllt.
Das Gelübde……………..