
ACHTUNG: VERSTÖRENDER INHALT
Bitte beachten Sie, dass es sich bei dem folgenden Text um eine Creepypasta handelt, die verstörende Themen beinhalten kann, wie zum Beispiel Gewalt, Sexualisierung, Drogenkonsum, etc. Creepypastas sind fiktive Geschichten, die oft dazu gedacht sind, Angst oder Unbehagen zu erzeugen. Wir empfehlen Ihnen, diesen Text nicht zu lesen, wenn Sie sich davon traumatisiert oder belästigt fühlen könnten.
Ich wusste schon immer,
dass ich zu schwache Nerven hatte. Es tat mir einfach nicht gut,
gruselige Geschichten zu lesen, Horrorfilme zu sehen oder gruselige
Musik zu hören. Ich wurde schlichtweg paranoid davon.
Gestern Abend jedoch
hatten es meine Freunde und ich übertrieben; ein Marathon mit den
abgefucktesten Psycho-Filmen, von denen ich je gehört hatte, dann
prankten sie sich noch gegenseitig, und als ich auch nur den leisesten
Protest verlauten lassen wollte, wurde ich ausgebuht und als Weichei
betitelt. Also musste ich mich wohl oder übel zusammenreißen und
stand in der Tat die ganze Nacht durch – nur um jetzt, nachts um
halb zwei, schlaflos vor meinem Rechner zu sitzen, das Licht an, und
eine möglichst ungruselige Serie ansehend, um nicht ins Bett gehen
zu müssen. Ich hasste mich selbst dafür, aber ich war nun mal ein
Angsthase. Und mich jetzt hinzulegen und die Augen zu schließen war
unmöglich für mich, zu lebhaft war meine Fantasie, und noch war sie
zu angestachelt von den sehr eindrucksvollen Folterszenen von gestern
Abend.
Gerade lachte das
Publikum der amerikanischen Sitcom wieder über einen sehr schlechten
Gag, als ich ein leises Geräusch zu vernehmen glaubte. Ich pausierte
das Video, doch da war nichts. Vielleicht die Katze – oder? Hatte
Sarah den Kater etwa aus ihrem Zimmer gelassen?
Zur Ablenkung drückte
ich wieder auf Start und die Sitcom ging weiter. Ich gähnte und
meine Augen brannten, an Schlaf war aber nicht zu denken. Stattdessen
machte ich den nächsten Energiedrink auf und nahm meine PSP in die
Hand. Eine Runde GTA würde mich sicher ablenken.
Die Nacht kroch
langsam dahin, zum Glück waren Ferien und ich hatte den nächsten
Tag nichts vor, so dass ich dann wohl tagsüber schlafen konnte.
Hoffentlich.
Zwischen zwei Folgen
glaubte ich, wieder ein Geräusch zu hören. Ich war schlagartig
wacher und spitzte meine Ohren. Es war nur leise, eine Art Kratzen
oder Schaben, wo es herkam, war aber unmöglich zu sagen. Sollte ich
nachsehen? Auf keinen Fall! Ich rechnete so schon damit, dass
jederzeit meine Tür knarzend aufgehen könnte … warum hatte ich
auch letzten Sommer ins Dachgeschoss ziehen müssen? Früher war
wenigstens noch das Zimmer meiner Schwester direkt neben meinem
gewesen. Jetzt war da nur diese leere Abstellkammer, der ich noch
nie ganz getraut hatte.
Halb vier, sagte mein Rechner, bald müsste
es ja hell werden. Ein Glück, im Dunklen traute ich mich nicht auf
den Flur, und so langsam beschwerte sich meine Blase über den
übermäßigen Energie-Konsum.
Das Introlied der nächsten Folge
lenkte mich wieder ein wenig ab, ich konnte mittlerweile mitsingen –
was ich aber besser niemandem antun sollte, da meine Stimme noch
nicht ganz durch den Stimmbruch war.
Als ich auf GTA keine
Lust mehr hatte, nahm ich mein Handy in die Hand und scrollte ein
wenig durch Facebook, likte ein Bild von Lena, meiner besten Freundin,
und den neuen Beziehungsstatus von Björn. Hatte der sich auch
endlich mal nen Freund gesucht, seit seinem Outing letztes Jahr war
er viel zu lange Single gewesen.
Das Video stockte, und ich
fluchte leise. War da wieder ein Geräusch? Und war es nicht etwas
lauter als letztes Mal?
Ich sah mich nervös in
meinem Zimmer um und fühlte mich irgendwie beobachtet… War da was?
In der Zimmerecke, die ich nur durch meinen Wandspiegel sehen konnte?
Scheißding, man sollte
doch eh keine Spiegel im Schlafzimmer haben. Morgen würde ich das
Ding abnehmen!
Ich hielt es so mit dem Rücken zum Zimmer nicht
mehr aus und stand deswegen auf, erhöhte die Helligkeit der
Stehlampe neben meinem Schreibtisch und zog den Vorhang des Fensters
beiseite, um zu sehen, ob es langsam hell wurde. Nada. Fuck. Noch
immer dunkel draußen und die Spiegelung im dunklen Fenster beruhigte
mich auch nicht gerade. Ich machte ihn schnell wieder zu und setzte
mich auf meinem Bett in die Ecke, so dass ich alles im Blick hatte.
Noch immer spielte mein Rechner die aktuelle Folge der Serie,
schlechte Witze und künstliche Lacher halfen aber gerade nicht
wirklich, mich abzulenken. Also aufstehen, Video aus und auf meinem
Handy auf Youtube gehen. Meine Abobox war wirklich spärlich, aber
wenigstens war eine neue Folge meines Lieblings-Lets-Players draußen.
Schade nur, dass es ein Horrorgame war. Das brauchte ich nun nicht
unbedingt.
Die weitere Nacht mit
schlechten Vlogs totschlagend hielt ich durch, bis die Sonne sich
durch meinen Vorhang stahl. Dann war ich zu müde und zu erschlagen,
um weiterzumachen, und haderte mit mir – die Bilder von gruseligen
Gesichtern tauchten immer noch jedes Mal auf, wenn ich die Augen
schloss.
Ich ging zunächst einmal
durch den immer noch viel zu dunklen Flur, so schnell ich konnte, ohne
zu rennen, an der Abstellkammer vorbei und hinab ins Stockwerk, in dem
meine Familie noch schlief. Das Knarzen der Treppe ignorierte ich, so
gut es ging, betrat das Bad und vermied es, in den Spiegel zu sehen.
Mich so schnell es ging
erleichternd überkam mich ein Gefühl von Paranoia. Ich sah mich
lächerlicherweise zu allen Seiten um und sprintete mit laut
pochendem Herzen beinahe wieder hinaus aus dem Bad. Dass dieses
Zimmer aber auch immer so verdammt unheimlich sein musste!
Ich unterdrückte den
Drang, mich zu allen Seiten umzudrehen, als ich die Treppe so leise
und schnell wie möglich zugleich hinaufstieg, dann verschloss ich
die Zimmertür hinter mir und atmete erstmal erleichtert auf.
Diese scheiß Paranoia
aber auch. War ich da eigentlich der einzige? Ich müsste Markus und
Domenik mal fragen, wie es denen damit ging. Aber besser nicht, ich
konnte mir schon vorstellen, wie Dome mich auslachen würde.
Ich zog die Vorhänge
auf, um das matte Licht der Morgendämmerung reinzulassen, und löschte
die Stehlampe, dann verkroch ich mich so schnell wie möglich unter
meiner Decke.
Gerade als ich von einem
schwarzen Schatten durch meinen Traum gejagt wurde und nicht
vorankam, riss mich das Geräusch eines Staubsaugers aus dem Schlaf.
Sofort saß ich aufgeschreckt da.
Ich griff nach meinem
Handy und ließ mich genervt und meiner Übermüdung mit einem lauten
Seufzer Ausdruck verleihend wieder rücklings auf mein Kissen fallen.
Es war viel zu früh, gerade einmal elf Uhr.
Aber da mein Vater wohl
keine Rücksicht nehmen wollte und staubsaugte, wann es ihm passte,
war das wohl alles, was ich an Schlaf bekommen sollte. Ich verband
mein Handy wieder mit dem WLAN und erhielt sofort eine Nachricht von
Lena.
Sie hatte mir ein Foto
von sich aus ihrem Spanienurlaub geschickt, welches sie am Strand
zeigte. Ein hübsches Bild wohlbemerkt. Meine Freunde sagten immer,
ich solle mich doch mal an sie ranmachen, sie wäre doch ein echt
guter Fang. Für mich war sie aber einfach wie eine Schwester, wir
kannten uns schließlich seit dem Kindergarten, und irgendwie konnte
ich mir nicht im geringsten vorstellen, mit ihr was anzufangen.
Ich schrieb ihr, dass ich
sie beneidete, und gratulierte zu ihrer gesunden Bräune, dann öffnete
ich den Gruppenchat mit Dome und Markus. Meine Beschwerde über die
beinahe schlaflose Nacht war bereits getippt, ich wollte dann aber
doch nicht als Weichei dastehen und löschte sie wieder. Auf den
Screenshot, den Dome geschickt hatte, reagierte ich nicht. Er zeigte
schließlich nur eine Szene aus The Ring und sollte uns wohl Angst
machen. Heute Nacht hätte es wohl geklappt.
Ich fiel mehr aus dem
Bett, als dass ich aufstand, zog mir eine frische Boxershorts und ein
neues T-Shirt an, dann schlüpfte ich in meine Jogginghose. Als ich
den Spiegel sah, rechnete ich unbewusst noch immer damit, dass jemand
oder etwas hinter mir zu sehen sein könnte. Verstohlen sah ich mich
um, doch natürlich war da nichts.
Ich hatte Augenringe des
Todes, und meine schmalen Wangen waren eingefallen. Verdammt, sah man
mir schnell an, wenn ich zu wenig schlief!
Es war ein
wolkenverhangener Tag, wie ich durchs Fenster sehen konnte. Dennoch
war es warm genug für meine Schwester, um in kurzer Hose und
bauchfreiem Top im Garten zu sitzen und sich zu sonnen – oder es
zumindest zu versuchen. Wohl eher wenig erfolgreich, wenn man den
Mangel an direkter Sonneneinstrahlung bedachte. Mein Vater räumte im
Flur auf, immer noch den Staubsauger bei sich stehend, meine Mutter
schien nicht da zu sein. Ich murmelte etwas, das mit gutem Willen wie
„Guten Morgen“ klingen könnte, und ging hinab ins Erdgeschoss, um
zu frühstücken.
Zum Glück stand der
Kaffee noch da, ich goss mir einen meiner Halbliter-Becher so voll
es ging und öffnete den Kühlschrank. Gerade hatte ich mich für
Käsebrot entschieden, als ein leises Rascheln zu hören war. Dann
ein Kratzen, dass mir trotz der Wärme eine Gänsehaut bereitete. Ich
drehte mich um, doch da war niemand. Mein Blick ging zur Küchentür,
vor der unsere Katze, Simon, saß und eine Feder als Beute vor sich
liegen hatte. Er stellte sich auf die Hinterbeine und kratzte an der
Glastür, um hineingelassen zu werden. Nachdem ich die Kühlschranktür
wieder geschlossen hatte, öffnete ich ihm und stellte den Käse auf
den kleinen, mit Papier vollgemüllten Küchentisch. Ich schob die
Zeitung von gestern beiseite und setzte mich. Meine Arme und Schulten
knackten, als ich mich gähnend streckte.
„Na, du klingst ja gut
ausgeruht“, bemerkte meine Schwester spöttisch. Sie stand in der
Tür, welche vom Flur in die Küche führte, und flocht sich gerade
ihre langen, blonden Haare.
„Mhm“, murmelte ich
in meinen Kaffee.
Sie setzte sich zu mir
und griff nach der Zeitung, blätterte darin, während ich aß, und
schaute mich nach meinem letzten Schluck Kaffee fragend an.
„Was hast denn die
ganze Nacht gemacht? Ich hab dich irgendwann gehört, als ich auf Klo
war.“
„Hab mehr oder weniger durchgemacht, konnte nicht
schlafen“, erwiderte ich, was sie zum Lachen brachte.
„Also war es dir doch
zu creepy! Ich hab doch gesagt, Horrorfilme sind nichts für dich.“
Ich verzog missmutig das
Gesicht. „Ja klar, reit noch drauf rum… wo ist eigentlich Mum?“
wechselte ich das Thema.
Meine Schwester zuckte
mit den Schultern.
„Arbeiten, vermute ich.
Es ist immerhin Freitag, da hat sie doch Schicht.“
Den Tag verbrachte ich
gammelnd in meinem Zimmer, ein wenig GTA spielen, ein wenig Sherlock
gucken. Abends kam meine Mutter wieder nach Hause, wir aßen
zusammen.
Und dann kam die Stunde,
vor der ich den ganzen Tag Angst gehabt hatte – es war dunkel, und
ich war zu müde, um weiter wach zu bleiben. Ich würde mich schlafen
legen müssen. Zumal Lena morgen aus ihrem Urlaub wiederkommen sollte,
und ich sie vom Bahnhof abholen wollte. Das durfte ich um keinen
Preis verpassen.
Also fuhr ich meinen
Rechner herunter, die Uhr zeigte kurz nach eins, und sprintete ins
Bett.
Die Stille im Haus war
mächtig. Sie erdrückte mich und ließ Platz für all die Geräusche
aus meiner Erinnerung, die ich verdrängen wollte. Keuchendes Atmen.
Schreien. Knackende Knochen. Psychopathisches Lachen.
Sobald ich die Augen
schloss, spürte ich einen Blick auf mir. Ich riss die Augen wieder
auf, und mein Herz setzte einen Schlag aus, als ich den Schatten in
der Ecke sah. Dann schlug es höher. Meine Hände schwitzten. Mein
Hals schnürte sich zu.
Der lange Schatten an
meiner Tür stand still. Nichts war zu hören mit Ausnahme meines
schnellen Atems. Ich fing an zu zittern.
Doch dann glitt der
Lichtschein eines vorbeifahrenden Autos an der Wand durchs Zimmer,
über meine Poster und auf den Mantel, der an der Tür hing.
Erleichtert entspannte
ich meinen angespannten Körper und atmete beinahe lachend aus. Ich
wurde wirklich paranoid! Wenn mich Dome so sehen könnte… Mann, das
durfte ich echt niemandem erzählen. So was von albern!
Irgendwann musste ich
wohl eingeschlafen sein, denn diese Nacht träumte ich. Und zwar
katastrophal. Ein Wesen aus Schatten verfolgte mich. Der ganze Traum
war düster, gehetzt und voll Todesangst. Ich konnte es nicht sehen,
immer nur aus dem Augenwinkel, doch wenn es näher kam, roch ich die
Fäule und spürte die Kälte, die mir das Leben entziehen wollte.
Ich war froh, früh aus
dem Schlaf gerissen zu werden, als meine Mutter und Sarah sich
stritten. Eine Zimmertür knallte, Sarahs wohl, und ich lag mit
brennenden Augen und schmerzenden Gliedern da, die Decke verdreht,
das Kissen auf dem Boden und das Buch, welches eigentlich auf mein
Regal gehörte, aufgeklappt neben dem Bett.
Wenigstens sah man auch
meinem Zimmer an, dass ich nicht gut geschlafen hatte, und nicht nur
meinem müden Gesicht.
Ich rang mich dazu durch,
sofort aufzustehen, um der Gefahr eines erneuten Einschlafens und
somit des Verschlafens zu entgehen. Schließlich wollte ich Lena
nicht warten lassen.
Ich schleppte mich ins
Bad und fühlte mich sofort an meinen Alptraum erinnert. Das
beklemmende Gefühl von fremden Augen auf mir war beinahe greifbar
real.
Ich vermied es, in den
Spiegel zu sehen, aus Angst, etwas hinter mir zu sehen, das nicht da
wäre, und sprang schnell unter die Dusche. Das heiße Wasser war gut,
doch schlug mein Herz höher, als ich die Augen kurz schließen
musste, um kein Shampoo hineinzubekommen.
Nach der Dusche beeilte
ich mich und stolperte, nur in das Handtuch gewickelt und so nass,
dass ich eine Spur über den Flur und die Treppe zog, in mein Zimmer.
Gut, dass es so warm
draußen war. So konnte ich meine Haare trocknen lassen, ohne eine
Erkältung oder einen Vortrag meiner Mutter zu riskieren. Nur schnell
in die Jeans schlüpfen, Shirt an und los mit der S-Bahn zum
Hauptbahnhof.
Die Bahn war voll, so
dass es logisch war, dass mich jemand ansah. Erklärte ich mir
zumindest so. Dennoch kam der Schweiß auf meinem Rücken nicht nur
von der Sommerhitze und der gestauten Luft in der Bahn. Mit Musik auf
den Ohren träumte vor mich hin, den Blick aus dem Fenster, während
ich zum Bahnhof fuhr.
Ein Flüstern in meinem
Ohr. War das das Lied? Ich hätte die Musik wirklich nicht auf
Zufallswiedergabe stellen sollen, gerade ASP waren mir doch zu
gruselig heute. Schnell übersprang ich die nächsten drei Lieder und
blieb bei Billy Talent hängen. Gut, damit konnte ich leben.
Zehn Minuten später war
ich am Bahnhof angekommen und strömte mit der Masse auf den
Bahnsteig. Ich nahm im Laufen die Kopfhörer aus meinen Ohren und
suchte nach der nächsten Anzeigetafel. Da, Gleis fünf kam Lena an.
Mir blieben noch ein paar Minuten, also schlenderte ich hinüber und
setzte mich am Bahnsteig noch auf eine Bank. Der Schlafmangel steckte
mir jetzt schon in den Knochen. Wie sollte das nur weitergehen? Ich
gähnte und streckte mich, dann kam die Ansage „Einfahrt ICE 217
aus München auf Gleis 3“. Ich stand auf und gähnte noch einmal,
was die alte Frau neben mir missbilligend betrachtete. Mir doch egal.
Die Zugtüren glitten auf,
und in der Menschenmasse sprang Lenas karamellfarbener Pferdeschwanz
auf und ab. Sie erblickte mich und lächelte breit, dann fiel sie mir
um den Hals und begrüßte mich lachend.
„Du siehst echt scheiße
aus“, stellte sie fest, als sie mich wieder losgelassen hatte, um
mir ihren Koffer in die Hand zu drücken.
„Ja, hab nicht gut
geschlafen“, gab ich zu. Bei ihr konnte ich ehrlich sein,
schließlich war sie meine beste Freundin.
Wir fuhren mit der S-Bahn
zurück zu mir, da ihre Eltern noch eine Woche in Schweden waren und
Lena sich für diese Zeit bei mir einquartiert hatte. Gut, dass wir
ein Gästezimmer hatten. Meins war einfach zu klein, um noch eine
Matratze hineinzulegen. Und gerade nach einer Woche im Partyurlaub
würde sie ein wenig Privatsphäre haben wollen. Bei der Fahrt
erzählte sie, dass der Flug und die Bahnfahrt problemlos gelaufen
waren und wie schön es in Sevilla gewesen sei.
Gerade als wir bei der
Zubereitung des Mittagessens waren, hörte ich wieder ein Flüstern.
Sarah? Nein, dafür war die Stimme zu tief.
Ich drehte mich um, weg
von der Arbeitsplatte unterm Fenster und hin zur Tür, aber da war
niemand. Dann ein Lufthauch an meiner Wange, die der Tür abgewandt
war. Ich drehte mich ruckartig um. Das Fenster war doch zu! Woher kam
dann… Lena sah mich irritiert an.
„Was hast du denn?“,
fragte sie und legte das Messer weg, mit dem sie eben noch Karotten
geschnitten hatte.
„Nur der Wind… hab
mich erschreckt. War wohl zu wenig Schlaf letzte Nacht, da spielt
einem das Hirn gerne Streiche, oder?“ tat ich es ab und versuchte
zu grinsen. Es musste so erbärmlich müde ausgesehen haben, dass sie
sofort anfing zu lachen.
„Dich bringen wir heute
aber mal früh ins Bett! Und nur so als Tipp, wenn ich nicht
einschlafen kann, höre ich immer Hörbücher. Das ist echt entspannt
– außer Stephen King, natürlich.“
„Danke, merk ich mir.“
Kaum hatte ich das
Fleisch in der Pfanne und Lena den Salat fertig, stürmte Sarah
hinein.
Sie fiel Lena um den Hals und bemerkte neidisch „Wow,
bist du braun geworden!“
Lena grinste stolz und
drückte Sarah die Schüssel in die Hand. „Deck doch schon mal den
Tisch.“
Das Geschirr klapperte, das Fleisch brutzelte. Es
duftete nach gebratenen Fleisch, frischer Tomatensauce und Mais.
Als meine Mutter die Tür
öffnete, wehte wieder ein Windzug hinein, der mich zittern ließ.
Wieso war es denn so kalt? Verwirrt sah ich mich um, aber außer mir
war es keinem aufgefallen.
„Das war die Müdigkeit, oder?“
versuchte ich mich zu überzeugen. Mehr schlecht als recht gelang mir
das auch, und ich konnte meine Paranoia beim Essen vergessen. Sehr
dabei halfen auch Lenas enthusiastische Schwärmereien von ihrem
Besuch bei ihrer Tante in Sevilla und den Partys mit ihren Cousinen.
Nach dem Essen übertrugen
wir die Aufgabe des Aufräumens auf meine Eltern und verzogen uns in
mein Zimmer. Sie erzählt mir noch einmal jedes Detail, das sie vor
meinen Eltern ausgelassen hatte, vor allem von diesem einen
spanischen Jungen, den sie unbedingt in den Herbstferien wiedersehen
musste. Ich musste sie zwischendrin immer wieder stoppen.
„Ich bin dein bester
Freund, aber schwul bin ich deswegen nicht!“ protestierte ich und
verzog das Gesicht übertrieben, als es wieder nur um seinen Körper
ging. Ihr darauf folgendes Lachen war ansteckend. Knacken. Ein
Kichern hinter meinem Rücken. Ich verstummte und drehte mich schnell
um, nur um wieder nur ein leeres Zimmer vor mir zu haben. Lena
schüttelte besorgt den Kopf.
„Man, was hast du denn
angestellt? Nur Müdigkeit ist das ja nicht…“
Ich seufzte. „Ja, ich
weiß… ich hab wohl zu schwache Nerven für Horrorfilme…“
„Ach, daher weht der
Wind! Na, dann kann ich dich beruhigen, die nächsten drei Nächte
sind meistens hart, aber danach geht es.“ Ihre Zuversicht heiterte
mich auf, und das Vertrauen zu ihr breitete sich wohlig in meiner
Brust aus.
Den Rest des Tages konnte
ich ein wenig loslassen und die Schatten, die ich gesehen hatte, als
Täuschungen der Müdigkeit abtun.
Abends sahen wir uns noch
zusammen die neuste Folge unserer Lieblingsserie an, dann gähnten
wir immer öfter, und als mein Kiefer dabei laut knackte, schlug sie
mir sanft gegen die Schulter und lachte. „Ehe du mich jetzt
auffrisst, geh ich wohl besser schlafen. Gute Nacht!“
Ich umarmte sie, dann
streckte sie sich und verließ mein Zimmer. Die Tür lehnte sie
hinter sich an, dann hörte ich ihre schnellen, leichten Schritte auf
der Treppe.
Und sobald ihre Präsenz
aus dem Zimmer verschwunden war, war da wieder das Gefühl, dass
etwas mich beobachtete. Bedrohte. Mir nah kam. Hinter mir stand.
Ich fuhr wieder herum,
sprang dabei auf und stolperte. Wieder war da nichts. Nur meine
Reflektion in dem Spiegel an der Wand. Mann, sah ich müde aus. Und
blass, was die schwarzen Augenringe nicht besser machte. Aber nichts
hinter mir.
„Sicher?“
Ich
schrie auf, drehte mich um. Fiel zu Boden, da sich meine Beine
verhakt hatten.
Nichts war da. Aber ich
hatte diese Stimme doch gehört, oder? Diese krächzende, tiefe
Stimme. Ein Flüstern nur – aber sie war da gewesen! Oder?
Verdammter Spiegel! Den
würde ich besser abnehmen. Ich hob ihn, darauf bedacht, ihn so wenig
wie möglich anzusehen, von der Wand und drehte ihn um, so dass die
reflektierende Seite zur weißen Raufasertapete zeigte. Eindeutig
besser.
Heute Abend verzichtete
ich darauf, meinen PC noch einmal hochzufahren, und legte mich
stattdessen sofort ins Bett, ließ aber meine Schreibtischlampe an.
Es kam mir selbst albern vor, aber der Gedanke, das Licht zu löschen,
trieb meinen Puls in die Höhe und ließ meine Hände zu eisigen,
schweißnassen Klötzen werden.
Also griff ich mir mein
Handy, legte mich mit dem Gesicht ins Zimmer und scrollte noch durch
Facebook. Dann fielen meine Augen immer häufiger zu. Nur kurz die
Augen zulassen…
Es packte mich. Klauen aus Stahl, harter,
gnadenloser Griff um meine Arme. Schwarze Schatten. Leuchtende Augen.
Brennender Blick, mitten in meine Seele.
Ruckeln. Schütteln.
„Hey! Wach auf!“ riss mich Lenas Stimme aus dem Schlaf.
Sie stand besorgt über
mich gebeugt., nur im XXL-Schlafshirt ihres Vaters, die Haare
durcheinander, noch den Schlaf und tiefe Augenringe im Gesicht.
„Was machst du denn
hier?“, murmelte ich noch vollkommen ohne Orientierung.
„Du hast geschrien im
Schlaf und anscheinend auch um dich geschlagen, wenn man sich dein
Zimmer so ansieht. Hattest du einen Alptraum?“
„Nein…ich weiß
nicht. Ja. Danke“, murmelte ich beim Aufsetzen.
„Willst du erzählen?“
fragte sie mitfühlend, mit sanfter Stimme. Ich schüttelte vehement
den Kopf – ich wollte darüber nicht mal nachdenken!
„Ist schon okay, jetzt
wird es sicher besser. Geh ruhig wieder schlafen, du hast selbst
einiges nachzuholen.“
Sie richtete sich auf.
„Meinst du, ich kann dich jetzt allein lassen? Oder soll ich lieber
noch hierbleiben?“
Ich schüttelte den Kopf.
„Ich schaff das schon. Ist ja auch albern…“
„Definitiv nicht. Aber
es ist halb vier, du solltest versuchen, noch ein paar Stunden zu
schlafen…Müdigkeit macht es ja nur schlimmer.“ Sie zwinkerte.
„Weiß ich aus Erfahrung.“
Das beruhigte mich, so
lange sie noch vor mir stand. Aber dann war sie wieder weg, und ich
wurde leider immer wacher, anstatt wieder wegzudämmern. Ich bereute
es, sie wieder weggeschickt zu haben, aber wusste auch, dass es
besser war. Ich sollte mich schließlich nicht so anstellen, wegen
eines Albtraums so ein Theater zu machen.
Meine linke Seite tat
schon weh vom langen Daraufliegen, aber ich wagte auch nicht, mit
dem Rücken zum Raum zu liegen. Also drehte ich mich auf den
Rücken, schloss die Augen und spürte ein Atmen an meiner Wange. Ich
fuhr hoch, riss die Augen wieder auf.
Nichts. Aber ich spürte
es. Seinen Blick in meinem Rücken.
Das konnte doch nicht
normal sein! Scheiße, wann hörte das denn auf?
Ich fühlte mich
ausgeliefert, hilflos. Und das, was auch immer mich da beobachtete –
was wollte es? Aber da konnte doch nichts sein. Rein logisch nicht.
„Schlaf gut“,
flüsterte es in meinem anderen Ohr. Ich unterdrückte einen
Aufschrei und versuchte trotz des rasenden Herzens, ruhig zu atmen.
Rauschen in meinen Ohren. Chaos in meinem Kopf. Ein Schatten in
meinem Augenwinkel. Ruckartig drehte ich mich herum. Nichts.
Aber da war etwas! Ich
spürte den Blick. Ich spürte seine Bösartigkeit! Seine Drohung,
mich zu holen! Alle Logik hin oder her – da war etwas.
So hilflos, so wehrlos
hatte ich mich noch nie gefühlt. Ich brauchte etwas, um mich zu
wehren. Ein Messer! Ich stieg so leise wie möglich aus dem Bett,
verließ schnell das Zimmer und mied jede zu dunkle Ecke, in der der
Schatten sich verstecken konnte. Auf Zehenspitzen die Treppe hinab.
In die Küche. Schublade auf. Messer. Welches? Das größte,
schärfste, das Fleischmesser. Ja, das war gut. Meine Füße waren
eiskalt, da ich barfuß auf dem Steinboden ging. Meine Hände
verkrampften sich, aber das Messer gab mir Sicherheit.
Ein wenig beruhigt legte
ich mich in mein Bett, meine Waffe unter das Kopfkissen, und schlang
die Decke so eng es ging um mich. Das Zittern des Adrenalins ließ
nur langsam nach, aber mit dieser neuen Sicherheit gelang es mir, den
Rest der Nacht zu schlafen. Unruhig, getrieben von dem Wesen hinter
mir, aber ich schlief.
Meine Augenringe am
nächsten Morgen kommentierte Lena nur mit „Morgen, LeFloid!“,
worüber ich trotz allem grinsen musste. Ich schenkte meinen
Halbliter-Becher voll mit Kaffee und setzte mich ihr gegenüber an
den Frühstückstisch, den meine Mutter vor ihrer Schicht gedeckt
hatte. Es musste wohl Sonntag sein, denn auch von meinem Vater war
keine Spur zu sehen. Er besuchte dann wohl meine Großmutter im Heim,
wie jede Woche.
Ein Kratzen hinter mir
ließ mich wieder zusammenfahren – wie schreckhaft konnte man nur
sein?! – aber da war nur Simon, der meinen Stuhl malträtierte. Lena
begrüßte ihn begeistert, und er sprang ihr auf den Schoß, schnurrte
und rieb seinen Kopf an ihr.
„Dieser kleine
Schnorrer!“ neckte sie ihn, gab ihm aber nichts von ihrem Toast
und streichelte ihn stattdessen. Ich stand auf, suchte seinen Napf
und füllte ihn. Lena blieb aber erst einmal interessanter für ihn.
Na klar, niemand sonst in diesem Haus gab ihm so viel Aufmerksamkeit
wie sie.
Als Simon sich endlich
seinem Futter zuwandte, hatte ich meinen Toast bereits vernichtet, und
auch von meinem Kaffee war nur ein kleiner Rest übrig geblieben.
„Was wollen wir heute
machen?“ fragte ich Lena.
Sie kaute noch an ihrem
Apfel rum und überlegte laut. „Wie wäre es, wenn ich dir noch
mehr von David erzähle?“ Ihre spanische Aussprache des Namens
verriet es schon, dennoch hakte ich noch nach.
„Dein Spanier? Besser
nicht, sonst verliebe ich mich auch noch in ihn.“
Sie lachte. „Das bleibt
meiner! Aber na gut, dann eben nicht.“ Sie tat beleidigt, aber als
sie weitersprach, leuchteten ihre grau-grünen Augen wieder. „Lass
uns ins Kino gehen! Ich hab den neusten Film mit Martin Freeman noch gar
nicht gesehen.“
Unser gemeinsamer
Lieblingsschauspieler? „Wie soll ich da nein sagen? Wann geht’s
los?“ ging ich sofort in ihrer Begeisterung mit.
Sie suchte auf ihrem
Handy die Auflistung der Vorstellungen raus, und wir beschlossen, am
frühen Abend hinzugehen. Vorher würde sie noch eine Freundin in der
Stadt treffen und ich den Nachmittag zum Zocken nutzen. Markus und
Dome wollten mal wieder Dota spielen, da war ich gerne dabei.
Als Lena weg war, betrat
ich den Teamspeak-Server und platzte mitten in einen Monolog Domes
darüber, warum die Kawasaki Ninja das beste Motorrad war und dass er
sich die sofort, wenn er den Führerschein hatte, holen würde. In
neongrün.
„Moin zusammen!“
begrüßte ich fröhlich.
„Hey, auch endlich da,
grüß dich!“ kam es von Dome. Auch Markus gab ein kurzes „Hey“
von sich, dann ging es los. Wir warteten darauf, dass sich ein Match
fand, und Dome schwärmte weiter von seiner Traummaschine. Ein
Geräusch verkündete, dass ein Match gefunden war, und wir klickten
auf ok. Ich war auf der Toplane gelandet, Dome im Jungle und Markus
machte den ADC. Sehr gut, dann konnte ich meinen Main spielen.
Trotz der immer noch in
meinen Knochen steckenden Müdigkeit lief es erstaunlich gut, und je
weiter das Spiel voran schritt, desto sicherer wurde ich.
Meine Konzentration war
vollkommen auf das Spiel gerichtet, so dass ich nichts verstand, als
sich eine weitere Stimme dazwischenschaltete. Tief, kratzig. War da
jemand in den TS gekommen?
„Wer ist denn da?“
fragte ich.
„Nur ich im Jungle,“
meinte Markus.
„Ne, ich meine im TS,“
korrigierte ich.
„Da ist niemand, nur
wir drei,“ meinte Dome.
„Dann war das wohl mein
Vater…“, vermutete ich. Aber diese Erklärung passte nicht. Ich
hatte die Stimme direkt in meinem Ohr gehört, wie durch das Headset.
Nicht gut zu hören fühlte sich mit einem Mal nicht mehr gut an, ich
stöpselte das Headset aus und legte es nur um meinen Hals, so dass
ich das Mikro noch nutzen konnte, wenn ich musste. Vorsorglich
schaltete ich es stumm, damit sich niemand über das sonst
entstehende Echo beschweren konnte. Stille in meinem Zimmer, nur die
Musik und die Soundeffekte von Dota. Und Domes Fluchen.
Sarah telefonierte, Simon
kratzte an meiner Tür. Zumindest hoffte ich, dass es Simon war,
schließlich hörte es schnell wieder auf.
Der nächste Teamfight
lenkte mich wieder ab und bündelte meine Konzentration, aber nicht
genug. Ich starb als dritter und als einziger aus meinem Team. Bald
darauf war das Match vorbei und ich guckte auf die Uhr.
„Eins noch, dann muss
ich los zum Kino“, bestimmte ich.
„Aye aye, Captn
Friendzone!“ frotzelte Dome, Markus startete nur das nächste
Spiel. Es lief weniger gut als das letzte, immer wieder schrak ich
durch kleine Geräusche zusammen und sah mich zu viel im Zimmer um,
um mich zu konzentrieren. Dann war es verloren, und ich schloss das
Spiel, ging aus dem TS und fuhr den Rechner herunter. Eine Bewegung
in meinem Augenwinkel.
Ich fuhr herum.
Adrenalin. Herzklopfen.
„Hier bin ich“,
wisperte es in meinem linken Ohr. Ich zuckte zusammen. Schweiß brach
aus. Meine Hände kalt. Atem stockte. Enge in der Brust. Wackelnde
Knie beim Aufstehen, Aufspringen. Aus dem Zimmer stolpern, so schnell
es ging. Ins Bad.
Tief durchatmen. Langsam
bekam ich wieder Luft. Ich setzte mich auf den Klodeckel und stützte
meine Ellenbogen auf den Knien ab. Rieb mir über die Augen und
versuchte, das Zittern unter Kontrolle zu bekommen.
Was war das gewesen?
Wurde ich verrückt oder… oder war es wirklich da? War da wirklich
ein Ding, das mich verfolgte?
Wäre ich bloß nie in
dieses Dachgeschoss gezogen! In meinem alten Zimmer hatte ich sicher
sein können, dass nichts mir etwas antun wollte. Ich stand auf,
trotz der weichen Knie schaffte ich den Weg am Spiegel vorbei in
Rekordzeit. Ich wusch meine schwitzigen Hände, sprühte Deo auf und
zog ein frisches Shirt an, das noch im Bad lag. Dann nichts wie raus!
Beinahe floh ich aus dem
Haus und drehte mich an der Straße noch einmal um, um zu meinem
Zimmer hochzuschauen.
Eine Gestalt stand an
meinem Fenster.
Dunkle Schatten. Groß.
Lange Arme.
Ich zuckte zusammen,
stolperte nach hinten.
Mein Herz raste. Das Blut
rauschte in meinen Ohren.
Ein Hupen riss mich
wieder in die Realität, und ich wich dem roten Polo aus, dessen
Fahrer mir mit einer Geste zeigte, dass er an meiner geistigen
Gesundheit zweifelte.
Als ich wieder auf dem
Bürgersteig stand, schlug mir das Herz noch immer bis zum Hals. Ich
blickte wieder hoch, aber der Fensterrahmen war leer. Da war kein
Wesen mehr.
Benommen machte ich mich auf den Weg zum Kino. Immer
mit dem Gefühl, dass jemand oder etwas einige Meter hinter mir ging.
An jeder Ecke hoffte ich, es loszuwerden. Aber es blieb da.
Endlich
war ich am Kino angekommen und sah sofort Lena, die neben einem
rothaarigen Lockenkopf stand, der komplett in schwarz gekleidet war.
Wie immer, trotz des Sommers, sogar im Blazer. Ja, das war Sophie,
Lenas Freundin. Sie winkte mir zu, und als mich zu ihnen gesellte,
umarmte sie mich kurz. Dann verabschiedete sie sich nach einem Blick
auf ihre Armbanduhr.
„Viel Spaß beim
Film!“ rief sie uns noch zu.
Lena wedelte schon mit
den Karten und wir betraten das Kinogebäude, in dem es wie immer
einladend nach Popcorn roch.
Mein Magen knurrte. „Das
erübrigt dann wohl meine Frage,“ lachte Lena. Ihre gute Laune
steckte mich sofort an, eine gewisse Leichtigkeit erfasste mich und
löste die Anspannung. Was stellte ich mich denn so an? Es war doch
alles gut, und zur Krönung lag ein wunderbarer Film mit meiner besten
Freundin vor mir.
Wir durchquerten den
großen, in Rot und Gold gehaltenen Eingangssaal und stellten uns an
einer der drei Snacktheken an, von denen nur diese eine besetzt war.
Es war leer, kaum Leute gingen bei dem Wetter ins Kino, und schon gar
nicht um diese Zeit – optimale Bedingungen also, freie Platzauswahl,
und man störte niemanden, wenn man den Film mehr kommentierte, als ihn
zu sehen. Der junge Mann an der Kasse drückte Lena mit einem Lächeln
ihren Popcorneimer in die Hand und mir danach die Nachos mit
Chilisauce. Ich zahlte, und wir suchten den Kinosaal Nummer drei.
Unsere Plätze waren in
der letzten Reihe, sah ich beim Blick auf die Karte, als ich sie dem
Kontrolleur gab. Auch er wünschte uns viel Spaß, und Lena bedankte
sich. Der Saal war bis auf uns leer, aber es waren auch noch fünf
Minuten bis zum Beginn. Ich fühlte mich gut damit, niemanden in
meinem Rücken sitzen zu haben, und lehnte mich gemütlich zurück.
Lenas kindliche Freude über diesen Kinobesuch ließ mich schmunzeln.
Ich hörte ihr zu, wie sie über das Buch schwärmte, dessen
Verfilmung wir gleich sehen würden, und hoffte, dass sie nicht zu
viel spoilerte – ich hatte das Buch schließlich nicht gelesen. Ein
Nacho knackte in meinem Mund, dann brannte meine Zunge. „Scheiße,
sind die scharf!“ fluchte ich. Lena lachte, reichte mir dann aber
ihre Wasserflasche. Das Wasser feuerte die Schärfe nur noch mehr an
und mein Mund stand in Flammen, mein Gesicht wurde heiß. „Oh oh,
hier, lösch‘ mit Popcorn!“
Die Süße des Popcorns
linderte den Brand ein wenig, und Lena schnappte sich wortlos meine
Packung und stellte mir ihre Tüte hin. Ich hörte ein Knacken, und
dann fluchte auch sie. „Die sind ja echt scharf! Was machen die
denn damit?“
Sie verzog das rote
Gesicht, und ich konnte das Lachen nicht unterdrücken. Ihre Faust
traf mich in die Seite, und ich zuckte übertrieben zurück und tat,
als hätte sie mich erstochen, röchelte und drückte meine Hand auf
eine imaginäre Wunde. Jetzt lachte sie mit.
Dann dimmten sie das
Licht, und der Vorhang glitt auf. Musik von den Lautsprechern an den
Wänden, die Werbung begann, die Trailer und endlich, endlich begann
der Film.
Ich war vollkommen
gefesselt von den Bildern und der Musik, der Film war wirklich gut!
Lena bemerkte immer wieder schnippisch, wie anders es doch im Buch
gewesen sei, dann schwärmte sie wieder von Martin Freeman und war
dann wieder stumm gebannt von besonders intensiven Szenen, nur um
plötzlich laut zu lachen. Sie war beinahe unterhaltsamer als der
Film, stellte ich mit einem Grinsen fest. Die Musik wurde
bedrohlicher, Lena hielt den Atem an.
Ein Atmen in meinem Ohr.
Auf der Seite, die von Lena abgewandt war.
Wir waren doch allein!
Langsam drehte ich den Kopf zur Seite und aus dem Augenwinkel sah ich
einen Schatten.
„Sei einfach ganz
ruhig,“ flüsterte die kratzige, leise Stimme höhnisch jetzt in
meinem anderen Ohr.
Ich drehte den Kopf zu
Lena, dann zur anderen Seite.
Nichts. Niemand. Kein
Wesen. Keine Schatten. Nur der Kinosaal.
Und doch war da seine
Präsenz, drohend, bedrängend um mich. Zittern war in all meinen
Gliedern, ich ballte die Hände zu Fäusten. Lena sah mich besorgt
an. Ich schüttelte nur den Kopf.
„Alles gut,“ hauchte
ich. Sie zweifelte sichtlich daran und legte mir beruhigend die Hand
auf den Arm. Das Wissen, nicht allein zu sein, und die Wärme ihrer
Haut halfen mir, mich zu beruhigen. Das Gefühl, dass dieses Ding
neben mir saß, blieb aber trotzdem. Paralysierte mich in meinem
Sessel. Drängte das Spektakel auf der Leinwand aus meinem
Bewusstsein.
Als der Film vorbei war,
leuchteten Lenas Augen noch immer, und sie begann sofort eine
umfassende Kritik zu äußern.
„Die Musik war wie
immer der Hammer! Aber die sind ganz schön vom Buch abgewichen. Und
Martin Freeman war perfekt für die Rolle des – ist alles in
Ordnung?“
„Alles gut, mir ist nur
irgendwie schwindelig…,“ wollte ich sie beruhigen. Das stimmte
nicht ganz, mein Körper fühlte sich taub an und die Brust wurde mir
wieder enger, als würde das Schattending mir das Herz umklammern.
Vielleicht stand es jetzt hinter mir und drang mit seinen Klauen in
meinen Rücken, in meinen Brustkorb…
„Setz dich erst mal
hin!“ befahl Lena und führte mich zu den Stufen vor dem Kino. Die
frische
Luft tat gut und ich
schloss erstmal die Augen.
Kichern in meinen Ohren.
„Du wirst mich nicht
los!“
Ich riss die Augen auf.
Lena sah wirklich besorgt aus.
„Du solltest definitiv
schlafen … denke ich. Ist es noch schlimm?“ fragte sie und bezog
sich dabei wahrscheinlich auf mein Schwindelgefühl. Ich schüttelte
den Kopf, meine Stimme wäre nur ein Krächzen, wenn ich jetzt zu
sprechen versuchen würde.
Ich stand auf, taube
Beine trugen mich zur S-Bahnstation. Am Gleis schwankte ich leicht,
aber ich hielt mich an Lena fest.
„Schubs sie!“
flüsterte es in meinem Kopf. Rau, kratzig, tief. Keuchendes Atmen
dazu in meinem Ohr. Es stand hinter mir, lehnte sich über meine
Schulter. Aus dem Augenwinkel sah ich den Schatten. „Schubs sie vor
den Zug!“ befahl es.
Ich fuhr wieder herum und
Lena hielt mich, damit ich nicht fiel. Nichts stand da. Natürlich.
Die Bahn fuhr ein. Den restlichen Weg zurück war ich wie fremd in
meinem Körper, aber Lena hielt mich beisammen. Sie versuchte mich
abzulenken, indem sie Scherze machte, über den Film sprach, aber nie
ließ sie mich aus den Augen. Ich war so dankbar dafür. Ohne sie
wäre ich unmöglich nach Hause gekommen.
Wir aßen noch eine
Kleinigkeit zu Abend, und sie setzte mir einen Kamillentee auf, den
ich, ohne die Hitze zu merken, dankbar trank. Das Zittern meiner Hände
ließ ein wenig nach, und auch mein Herzschlag normalisierte sich
wieder. Das warme Getränk beruhigte mich.
„Seit wann hast du denn
solche Kreislaufschwierigkeiten?“ wollte sie wissen.
„Schlampe!“ wisperte
es in meinem Ohr. „Sprich nicht mit ihr!“
Ich unterdrückte das
Zucken und die Panik, die nun wieder Besitz von mir ergreifen wollte,
und versuchte Lena zu antworten, ohne dass sie es merkte. Doch meine
Stimme zitterte, brach. Noch immer war ich gefangen im Griff dieses
Dings. War es hinter mir? Neben mir?
„Ich … nicht lange.
Weiß nicht“, stammelte ich. Wie lange war dieses Ding schon da?
War es da?
„Wir sollten morgen mal
zum Arzt…“, schlug sie vor. Ich ließ den Gedanken in der Luft
hängen.
Dann begleitete sie mich
in mein Zimmer hinauf, dunkelte das Zimmer ab und stellte mir noch
ein Glas Wasser neben mein Bett.
„Wann auch immer du
mich brauchst, komm ich hoch! Ich bin für dich da“, versprach sie.
Ich nickte. „Danke“, krächzte ich, räusperte mich. „Danke,
dass du dich so kümmerst… ich weiß selbst nicht, was da los ist.“
Sie nickte. „Ist doch
selbstverständlich.“
Der Wecker zeigte halb
elf, als ich die Augen schloss und mich der Erschöpfung hingab. Lenas
Atmen, als sie neben mir auf der Bettkante saß, war das Letzte, was
ich wahrnahm, ehe ich in sanfte Dunkelheit fiel, mit dem trügerischen
Gefühl der Sicherheit, als würde ihre Präsenz das Wesen in Schach
halten.
IV
Es war dunkel, nicht
einmal ein Hauch von Mondschein erhellte mein Zimmer. Gegenüber
meinem Bett stand der Schrank einen kleinen Spalt auf – war der
nicht geschlossen gewesen, als ich mich schlafen gelegt hatte? Und
hatte sich nicht eben die Tür bewegt?
Draußen schlug ein
kleiner Ast gegen die Scheibe, nicht stark genug, als dass das
Geräusch andere überdecken konnte, aber schon so stark, dass es
meinem Gehirn als Quelle für Fantasien einer Gestalt, die vor meinem
Zimmer schwebte und an die Scheibe tippte, reichte. Ich tastete mit
schweißnassen Händen und schmerzhaft stark schlagendem Herzen nach
meinem Handy auf dem Nachttisch – aber es war nicht da, wo Lena es
hingelegt hatte. War es runtergefallen? Oder hatte es jemand
weggenommen? Aber das konnte ja nicht sein, oder? Es war ja außer
ihr niemand hier drin gewesen!
Ein leises Kratzen – wo
kam das denn her? Verdammt, warum war es so dunkel? Und wo war mein
Handy?
Meine Augen konnten die Dunkelheit nur so weit
durchdringen, dass ich Schemen erkennen konnte. Die unnatürlich
dichte Dunkelheit machte es unmöglich, mich auf meinen Sehsinn
verlassen zu können.
Tappen, wie Simons Schritte auf dem
Dachboden über mir – dabei wusste ich ihn doch eigentlich sicher
in Sarahs Zimmer, wo er immer schlief. Ich versuchte so leise und
ruhig wie möglich zu atmen, aber in meinen Ohren übertönte mein
Keuchen beinahe alles andere. Leider nur beinahe. Ging da jemand –
oder etwas – auf dem Dachboden auf und ab? Aber wer sollte da hoch-
und das jetzt? Ich zitterte vor Anspannung und unterdrückte das
atemlose Paniklachen, das mich immer überkam, wenn ich mich zu sehr
gruselte.
Dann knarzte meine
Zimmertür, und mein Herz blieb stehen. Langsam öffnete sie sich, so
langsam dass ich weiter an eine Täuschung meiner Augen glaubte. Bis
sie halb aufstand und ich die Wahrheit nicht mehr leugnen konnte –
meine Tür wurde geöffnet und jemand wollte hinein. Jemand, oder
etwas.
Ich hielt den Atem an und mein Herz raste schneller, als
ich gedacht hätte, dass es möglich wäre. Knarzen. Atmen, leise und
gleichmäßig, von der Tür her. Die Dunkelheit verdichtete sich in
meinem Zimmer.
Auf dem Flur war es
unmerklich heller als hier drin, als ob der Nebel an Dunkelheit sich
nur um mich sammeln würde. Mit dem leichten Hauch an Licht war so
eine Gestalt im Türrahmen zu erkennen, groß und wie ein unnatürlich
dünner Mensch gebaut, mit langen, unproportional dicken Armen und
dürren Beinen. Ich unterdrückte einen panischen Aufschrei und hielt
meine eiskalten, schweißnassen Hände vor meinen Mund, bis in den
Handrücken. Tränen der Panik standen mir in den Augen. Das Ding.
Atmen, keuchendes,
regelmäßiges Atmen.
Ich unterdrückte ein
Schluchzen, das sich in meiner Kehle hinauf drängte.
Das Ding kam einen
Schritt näher. Langsam, einen Fuß nach vorne. Dann noch einen.
Dabei krächzendes Keuchen aus seinem Rachen. Rasselnd laut. Fäule
wehte zu mir. Es war schlagartig eiskalt. Mein Herz schlug schneller.
Mir wurde schwindelig.
Noch ein Schritt näher.
Es flackert vorwärts, ruckartig. Eckige Bewegungen. Es würde mich
töten, sobald es mich erreichen würde, das war sicher. Ich würde
sterben, wenn ich mich nicht wehrte. Es würde mich töten.
Ich tastete mit viel zu
zittrigen Händen unter mein Kopfkissen, das halb von der Matratze
hing. Der weiche Stoff war ein harter Kontrast zu meiner kalten,
nassen Haut,die die nur aus Zittern zu bestehenden scheinende Hand
bedeckte. Da! Der Griff des Küchenmessers! Ich verkrampfte meine
Hand, um den Plastikgriff halten zu können.
Das Ding war nähergekommen, jetzt war es mitten in meinem Zimmer. Ich sollte es
überraschen, ehe es mich tötete. Das war meine einzige Chance.
Würde es mich würgen,
und so mein Gefühl zu ersticken real werden lassen? Würde es meinen
Hals brechen? Würde es mich mit seinen langen Fingern aufschlitzen?
Die Kehle wurde trocken.
Der Schweiß lief meine Arme und den Rücken hinab. Zittern. Atmen.
Keuchen.
Panik.
Ich sprang auf und hob das Messer vor mich,
rannte in das Schattending hinein und stieß die Klinge tief in
seinen Torso, dort wo bei einem Menschen der Magen sein musste, zog
es heraus und stach noch einmal zu. Dann knickten meine Knie ein. Es
blickte auf mich hinab mit leuchtenden Dämonenaugen, Hass in seinem
Blick.
Dann schrie es. Gell,
hoch, voller Qual und Schmerz.
Mein Körper kribbelte,
meine Arme und Beine waren taub und die Welt begann sich zu drehen,
zu verschwimmen, fortzugleiten.
Als ich aus der
sanften Schwärze der Ohnmacht erwachte, war es in meinem Zimmer
bereits dämmrig hell. Wieso lag ich auf dem Boden?
Mein Blick war in
Richtung des Bettes gewandt. Ich setzte mich auf und stützte mich
dabei nach vorne auf meine klebrigen, roten Hände.
Blut. Ich saß in einer
Pfütze aus noch nicht ganz getrocknetem, metallisch riechendem
Blut. War ich verletzt? Scheiße, was war passiert?
Ich zwang mich auf die
Knie, verlor das Gleichgewicht und fiel nach hinten auf etwas
Weiches.
Das Ding.
Ich schrie auf und sprang
mit rasendem Herzen und von Adrenalin getrieben auf die Beine, so
weit wie möglich von dem Ding weg. Wenn es noch lebte, würde es
mich töten!
Lena.
Auf meinem
Teppich, inmitten ihres Blutes, mit einem – meinem – Messer im
Bauch lag Lena auf dem Boden meines Zimmers, mit schreckgeweiteten
Augen und Sorge im Gesicht, so wie sie gestorben war.
Ich hatte Lena getötet.
Wie konnte das? Warum?
Wie?
Der Schrei meiner Mutter
ließ mich aufblicken. Doch was sie sagte, verstand ich nicht. Sie sah
erschrocken aus, wie sie da an Lenas Hals nach einem Puls tastete.
Dann stieg sie über ihren Körper und schüttelte mich. Sie sagte
etwas, oder zumindest bewegten sich ihre Lippen, aber ich hörte
nichts als das Rauschen meines Blutes in den Ohren. Ihre Hände an
meinen Schultern fühlte ich nur durch dicke Watte. Ich schüttelte
nur den Kopf. Das konnte nicht sein! Wieso war Lena – ? Was war
passiert? Wo war das Ding hin?
Meine Mutter hielt das
Telefon an ihr Ohr.
Behielt mich im Auge.
Schrie meine Schwester
an, dass sie wegbleiben sollte. Aber die hatte alles gesehen. Blut.
Messer.
Aufgeschlitzter Bauch.
Blasse Lena. Tote Lena. Arme Sarah.
Mein Körper war Zittern.
Meine Beine taub. Meine Arme auch. Ich sah die Szene vor mir, aber
verstand sie nicht. Das war nicht wahr. Nicht echt. Nicht echt.
Eine Schluchzen in meiner
Kehle. Kichern. Kichern? Schluchzen? Keine Ahnung.
Meine Mutter sah mich
ängstlich an. Verstört .
Männer. In Uniform.
Strenge Gesichter.
Lena auf der Trage. Sie
nahmen sie mit. Mich auch.
Sarah weinte, schrie.
Meine Mutter hielt sie im Arm.
Ich schluchzte noch
immer. Kicherte. Was auch immer.
Die Polizisten fuhren
mich in Handschellen in ein Krankenhaus.
Meldeten mich an.
Brachten mich mit in den dritten Stock.
„Forensik“ stand da.
Ich zitterte. Was sollte das? Wo war ich?
Das Schluchzen –
Kichern – wurde stärker. Zitterte in meinen ganzen Körper. Enge
in meiner Brust. Atmen! Ich musste atmen! Sie sollten mich loslassen,
damit ich atmen konnte! So bekam ich keine Luft!
Meine Hand
brannte, knackte am Kinn des Polizisten. Meine Arme schlugen ziellos
durch die Luft. Panik! Kichern. Schluchzen. Angst.
Einige Stunden später
war ich ruhig. Sie hatten mich an einem Bett festgeschnallt, an Armen
und Beinen sowie am Kopf mit Gurten befestigt, ruhiggestellt – vor
allem Dank des Mittels, das mir ein großer, kräftiger Pfleger
gespritzt hatte. Die ersten Minuten hatte ich noch getobt, meine
Panik hatte mich übermannt. Ich hatte geschrien, bis meine Kehle
wund war. Hatte versucht, mich loszumachen, bis die Gurte tief in
meine Handgelenke geschnitten hatten. Aber dann waren meine Glieder
schwer geworden, mein Kopf wie mit Watte gefüllt.
Während der ganzen Zeit
wurde ich von einer korpulenten, schwarzhaarigen Pflegerin bewacht.
Sie sah jung und gelangweilt aus, las irgendeine Zeitschrift.
Je schwerer und tauber
mein Körper wurde, desto mehr Watte war in meinem Kopf. Aber als die
Watte nachließ, kam die Realität.
Wie ein Schlag traf mich
die Schuld in die Brust.
Lena war tot.
Ich hatte sie erstochen.
Jetzt war ich mir sicher.
Es war Schluchzen. Weinen. Tränen brannten auf meinen Wangen, als
sich der Schmerz der Schuld und des Verlustes in meine Brust fraß
und mir das Atmen erschwerte, unmöglich machte.
Erst als ich auch diesen
emotionalen Ausbruch durchgestanden hatte und der Pflegerin zusagte,
niemandem, auch mir selbst, nichts zu tun, schnallten sie mich ab.
Dann brachten sie mich in ein Krankenhauszimmer, mit zwei Betten,von
denen auf einem bereits meine Sachen lagen. Das andere war frei.
Es war schon spät,
draußen war es dunkel, wie ich durch das Fenster erkennen konnte.
Vom Flur drang ein wenig Licht hinein, dennoch konnte ich das Licht
an meinem Bett nicht löschen. Zu stark war die Angst, auch wenn das
Ding weg sein musste. Es musste einfach. Es konnte mich nicht mehr
verfolgen – es konnte nicht mal echt gewesen sein!
Doch sobald ich im noch
nicht bezogenen Bett lag, siegten Müdigkeit und Erschöpfung. Kaum
dass ich lag, glitt ich in den Schlaf, nicht ohne meine Schuld und
Angst mitzunehmen.
Wieder war es mitten
in der Nacht, als ich erwachte. Ich war für einen Moment verloren,
doch dann war es wieder da. Alles war wieder in meinem Bewusstsein.
Ich setzte mich auf und lehnte mich mit geschlossenen Augen gegen die
kühle Wand. Fuhr mir durchs Haar.
Wie sollte es nur
weitergehen? Wie könnte ich weitermachen, mit dem Wissen, meine
beste Freundin getötet zu haben?
Schuld und Schmerz waren
omnipräsent und fraßen sich auch jetzt wieder in mein Herz, schnürten
meinen Hals zu, rissen ein Loch in meine Brust.
Doch ehe ich wieder in
einen Anfall aus Weinen, Zittern und Schmerz fallen konnte, war da
ein Atmen. Keuchen.
Kälte. Fauliger Geruch.
Das Wesen aus Schatten am
Fußende meines Bettes.