
ACHTUNG: VERSTÖRENDER INHALT
Bitte beachten Sie, dass es sich bei dem folgenden Text um eine Creepypasta handelt, die verstörende Themen beinhalten kann, wie zum Beispiel Gewalt, Sexualisierung, Drogenkonsum, etc. Creepypastas sind fiktive Geschichten, die oft dazu gedacht sind, Angst oder Unbehagen zu erzeugen. Wir empfehlen Ihnen, diesen Text nicht zu lesen, wenn Sie sich davon traumatisiert oder belästigt fühlen könnten.
Noch drei Tage. Nur noch sechsunddreissig sinnentleerte
Arbeitsstunden innerhalb dieser tristen, weißen Halle, in der im
Sekundentakt neues Klonfleisch aus den Petrischalen gezogen, in Wurst-
oder Schnitzelform gebracht, in attraktive Verpackungen gepresst und dem
anspruchslosen Konsumenten letztlich in sein immerzu gieriges Maul
geschaufelt wird. Natürlich nicht, ohne ihm zuvor sein wahrscheinlich
auf genauso langweilige Weise erwirtschaftetes Geld dafür abzuknöpfen.
Wie auch immer die Konsumenten es schafften, ihr Geld auszugeben. Ich
hatte irgendwo einmal gelesen, dass um die letzte Jahrhundertwende
herum einige „Experten“ ernsthaft sinkende Arbeitszeiten prognostiziert
oder sogar vom Ende der Lohnarbeit gesprochen hatten. Diese aus heutiger
Sicht so sympathische wie naive Vorstellung hatte sich vor allem an der
zunehmenden Ausbreitung von Künstlicher Intelligenz und Automatisierung
festgemacht. Klingt ja auch irgendwie logisch: Mehr Produktivität mit
weniger Arbeit gleich mehr Freizeit und ein besserer Lebensstandard für
alle. Leider hatte der Mensch schon immer ein schwieriges Verhältnis zur
Logik und Rationalität besessen. In unserem besseren Reptiliengehirn
sind diese beiden Dinge eigentlich nichts weiter als kuriose Anhängsel.
Ein bisschen so als wenn man ein High-Tech-Teleskop auf eine
steinzeitliche Höhle pflanzt.
Logik, Gerechtigkeit, Fairness. Allesamt abstrakte Konzepte die –
zumindest kollektiv gesehen – kaum eine Chance haben gegen den uralten
Trieb der Hackordnung. Einzelne Menschen mögen sich über dieses
primitive Erbe erheben, aber wenn sie mit ihren leuchtenden Idealen an
die Öffentlichkeit gehen und mit kunstvollen Worten ihre humanistischen
Utopien von Freiheit und Selbstverwirklichung entfalten, scheitern sie
meist an ein paar muskulösen Alpha-Affen, die all ihre hehren
Gedankenkonstrukte mit ein wenig Brustgetrommel und drei einfachen
Worten Beiseite wischen: „Ich bin Chef!“
Und so wurde aus „Weniger Arbeit für Alle!“ ganz schnell wieder „Kaum Arbeit für Wenige und mehr Arbeit für den Rest.“
Noch drei Tage. Etwas weniger vielleicht, wenn ich die Sekunden
abzog, die ich bereits über diese Dinge nachdachte. Noch drei Tage. Dann
wäre zwar leider nicht das Ende dieser elenden Plackerei gekommen – In
Wahrheit glaubte ich nicht daran, dass es je ein Ende geben würde, umso
mehr, da sie bereits gute Fortschritte bei der Erforschung des
Unsterblichkeitsgens machten. Nein, die Arbeit würde wahrscheinlich
niemals enden. Aber in drei Tagen hätte ich wenigstens endlich genug
Geld zusammen, um mir ein „Freevolution“ zu kaufen.
Die Werbung berichtete wahre Wunderdinge von dem kleinen Gerät, dass
man sich unter die Haut injizierte und auch wenn ich nicht zu den
Menschen gehörte, die der Werbung alles abkauften, so musste ich doch an
vielen meiner Kollegen feststellen, dass es sich bei all den
versprochenen Wundern nicht um eine der üblichen Werbelügen handelte.
Bei allen, die ein „Freevolution“ benutzten und das dazugehörige
hellblaue Leucht-Tattoo auf dem Unterarm hatten, war eine ganze Reihe
ganz realer und durchweg positiver Effekte zu bemerken. Sie waren
konzentrierter, intelligenter, kräftiger, brachten bessere Leistungen,
brauchten weniger Schlaf und – was noch viel wichtiger war – sie waren
glücklicher.
Es war nicht etwa so, dass sie die ganze Zeit ein gruseliges
Dauergrinsen mit sich herumtrugen. Es handelte sich vielmehr um eine
natürliche und doch ein wenig rauschhafte Fröhlichkeit, die sich wohl
noch am Besten mit der Stimmung von frisch Verliebten vergleichen ließ.
Nur, dass sie nicht irgendwann schwächer wurde.
Trotzdem hielt dieser Rausch niemanden von der Arbeit ab oder
schadete auch nur der Produktivität, was bei Verliebten ja durchaus der
Fall sein konnte. Und wo wir gerade vom „Verliebt sein“ sprechen: Die
Attraktivität und sexuelle Anziehungskraft dieser Menschen lag weit über
dem Durchschnitt. Nach allem, was man so hörte, setzte sich dieser
Zauber auch bei … intimeren Tätigkeiten fort.
Ich wusste, dass all meine Mühen endlich erträglich werden und mein
jämmerliches Singleleben enden würde, wenn ich erst in einen der
hochtechnisierten Stores marschieren und mir ein „Freevolution“ zulegen
würde. Es würde ein Moment unglaublicher Freiheit sein. Genau wie im
Claim: „It makes me free. For them AND for me.“
Ein netter Nebeneffekt war der Urlaub. Urlaub war in den letzten
Jahren ein seltenes Gut geworden. Besonders für die höheren Hierarchien
gab es noch immer mehrere Wochen, aber die normalen Arbeitskräfte
mussten sich inzwischen mit fünf läppischen Tagen im ganzen Jahr
begnügen. Für die Installation eines „Freevolution“- Gerätes gab es aber
eine Woche extra. Eine Vereinbarung, die die Herstellerfirma mit dem
Staat getroffen hatte und die wohl auch ihren Grund hatte: Der Oganismus
und vor allem das Gehirn des Käufers musste sich erst an das Implantat
gewöhnen, bevor er wieder voll einsatzfähig war.
Doch das machte mir nichts aus. Selbst wenn ich in diesen Tagen ein
wenig neben der Spur sein sollte: Ich würde jeden Moment davon genießen.
~o~
Als ich endlich die Benachrichgigung bekam, dass mein Monatsgehalt
auf meinem Konto eingegangen war, stand ich bereits vor dem
„Freevolution“ Store und hatte mich in die Schlange der Glücklichen
eingereiht, die bald ein solches Gerät ihr Eigen nennen würden. Mein
Herz machte einen Sprung als eine angenehme, sanfte Vibration des
Finanzchips in meinem linken Handrücken mir die Zahlung bestätigte und
kurz darauf der Betrag matt unter meiner Haut aufleuchtete.
Es war bereits 23:31 Uhr. Obwohl ich direkt nach dem Ende meiner
Schicht um 20 Uhr zum Store gelaufen war, hatte die lange Schlange vor
dem Geschäft meine Zeit gefressen als wäre sie eine schmackhafte Maus.
Doch zum Glück hatten diese Glückstempel rund um die Uhr geöffnet und
nun verschwand gerade die letzte Kundin, die noch vor mir gewartet
hatte, im Laden. Trotz des stolzen Preises hatte bereits knapp ein
Fünftel der Weltbevölkerung ein „Freevolution“ im Körper. Tendenz
steigend. Und bald würde auch ich dazugehören.
Endlich öffnete sich die Pforte und ein freundlicher Mann, der mit
Sicherheit auch zu den „Freevoluzzern“ gehörte, wie die Besitzer des
Gerätes auch genannt wurden, begrüßte mich. Auch wenn der Mann sicher
schon den ganzen Tag hier stand und immer das gleiche
Kunden-Begrüßungs-Ritual durchführte, wirkte er zugleich entspannt und
euphorisch, so als würde es sich um die schönste Tätigkeit der Welt
handeln.
„Guten Tag mein Freund. Die Freiheit erwartet dich. Let’s start your
Freevolution!“ sagte er zu mir und ich hatte wirklich das Gefühl es mit
einem alten Freund zu tun zu haben. Vielleicht sogar mit meinem besten
Freund. Und auch wenn ich mir sicher war, dass der Mann genau den
gleichen Satz zu jedem Kunden sagte, so klang er dennoch keineswegs
auswendig gelernt.
Ich trat aufgeregt über die Türschwelle des hellblauen, blitzförmig
gestalteten Gebäudes und schüttelte dem Mann aus einem Impuls heraus die
Hand. Dieser wirkte nicht etwa peinlich berührt, sondern sagte in
aufrichtigem Ton: „Ich freue mich so für dich. Stecke einfach deine
Transaktionshand in den Abbuchungsscanner und die Reise kann beginnen.“
Das ließ ich mir nicht zweimal sagen. Eine erneute Vibration, die
sich anders als die Vorherige nicht angenehmn, sondern sogar etwas
schmerzhaft anfühlte, wurde in meiner Hand ausgelöst. Der Verlust von
Geld tat nun einmal weh. Aber es war nichts im Vergleich zu der
Vorfreude, die ich empfand.
Kaum hatte das System die Zahlung registriert, glitten die inneren
Türen des kleinen Empfangsbereiches auf und offenbarte das Lächeln einer
jungen Frau. „Herzlich Willkommen bei den Freevoluzzern. Folge mir
einfach!“ Ihr Lächeln wirkten auf mich unglaublich anziehend. Ihr
kurzes, schwarzes und vollkommen glattes Haar rahmte ein Gesicht ein,
dessen Anblick für einen Moment lang alles andere in mir ausblendete.
„G…Gerne.“ stotterte ich und folgte der Frau durch einen schmalen Gang
mit hellen Wänden, auf denen immer wieder andere Slogans und Sprüche mit
Bezug zu „Freevolution“ erschienen. „Free is the way to be“, „My
Solution: Freevolution“, „Happy is the new sad!“ und viele weitere, die
sich im schnellen Wechsel und in ständig anderen Farben zeigten.
Erwartung kribbelte in meiner Brust wie ein Schwarm von Termiten
während ich der anziehenden Frau in einer Art Trance folgte. Wir kamen
an eine Tür, auf der in leuchtenden Lettern mit silberner Farbe
geschrieben stand: „The Door to Freedom“.
„Nun ist es so weit.“ sagte die Frau mit einer Stimme, die in meinen
Ohren geradezu elfenhaft klang. So wie ich jetzt war, würde sie sich
sicher einen Dreck um mich scheren. Aber wenn ich erst ein Freevoluzzer
war, würde ich sie nach einem Date fragen. Ganz bestimmt.
„Kommst du mit mir?“ fragte ich schüchtern.
Sie lächelte breit. „Nein, leider nicht. Das hier ist dein Moment.
Außerdem muss ich mich um den nächsten Kunden kümmern.“ Ihre Augen
drückten ehrliches Bedauern aus, aber dann machte sie sich schon wieder
auf den Weg und die Tür glitt auf.
Dahinter wartete ein hell erleuchteter Raum, der dem
Behandlungszimmer eines Arztes ähnelte und in dessen Zentrum sich ein
großer, bequem aussehender Stuhl aus weißem Leder befand (Gezüchtet in
der Petrischale. Tiere wurden schon seit Langem nicht mehr
geschlachtet). Hinter dem Stuhl stand ein großer, junger Mann mit
kurzen, schwarzen Haaren. Er trug einen weißen Laborkittel mit dem Logo
von „Freevolution“ und strahlte eine unglaubliche Energie und Vitalität
aus. Sofort wünschte ich mir, ganz ähnlich wie bei dem Mann am Eingang,
dass er mein bester Freund sein könnte.
„Guten Abend, Freevoluzzer.“ sagte er lächelnd. „Mein Name ist Dr.
Anderson, du darfst mich aber auch Steven nennen. Wenn du soweit bist,
kannst du gerne Platz nehmen.“
Ohne lange zu zögern ließ ich mich in den bequemen Ledersessel
sinken. Das Leder fühlte sich unter meinem Po unerwartet warm an.
Wahrscheinlich wurde die Sitzfläche des Sessel beheizt. Erst jetzt
bemerkte ich die leise, aber ungemein entspannende Musik, die den Raum
erfüllte. Geigen, Piano und irgendwie exotisch klingende Synthieklänge.
Hinzu kamen ein leichter Duft nach Gewürzen und Holz und eine geradezu
perfekte Raumtemperatur. Ich fühlte sich so wohl und entspannt wie seit
vielen Jahren nicht mehr.
„Ich heiße Mark. Mark Even.“ sagte ich.
„Schön dich kennenzulernen, Mark.“ sagte er warmherzig. „Bist du
bereit für den Eingriff, der dein Leben für immer verändern wird?“, fragte Steven mich und ich nickte sofort eifrig. Was war das denn für
eine Frage?
„Gut!“ sagte er euphorisch, so als hätte er ernsthaft mit einer
anderen Antwort gerechnet. „Mach einfach deinen Arm frei, damit wir dir
dein Freevolution verabreichen können.“
Gehorsam krempelte ich den Ärmel meines linken Arms bis zum Oberarm
hoch und präsentierte einen blassen und etwas behaarten Unterarm, der
mir in diesem Moment schrecklich unattraktiv vorkam.
„Wunderbar.“ sagte Steven. „Nun kann die Prozedur beginnen. Aber keine Angst, es wird ganz schnell gehen“, beruhigte er mich.
Dabei war ich in der Tat aufgeregt. Allerdings nicht aus Angst,
obwohl ich schon immer einen gesunden Respekt vor medizinischen
Eingriffen besaß. Doch in diesem Fall war der Nutzen so groß, dass ich
auch tausend Nadelstiche gerne dafür in Kauf genommen hatte.
Neugierig drehte ich den Kopf und sah wie der Doktor zuerst eine –
ungewöhnlich große – silberne Spritze ergriff und dann an einer
metallenen Schatulle mit dem Freevolution-Logo herumnestelte. „Gleich,
mein Bruder…“ murmelte er mehr zu sich selbst als zu mir und auf einmal
klang er dabei ganz und gar nicht mehr sympathisch. Seine Stimme bekam
eine irgendwie gehässige Note und in seinem Gesicht leuchtete beinahe so
etwas wie Bosheit auf.
In diesem Moment geschahen zwei Dinge. Zum einen schossen
tentakelartige Fasern aus dem Ledersessel hervor, die mich mit
unglaublicher Kraft fixierten und allen Bemühungen widerstanden, sich
davon zu befreien und zum anderen öffnete der Doktor die Schatulle. Was
ich darin sah, raubte mir den Atem.
Im Inneren der Schatulle, in der ich eigentlich einen
Freevolution-Chip vermutet hatte, befand sich eine insektenartige
Kreatur, die wie eine Mischung aus Skorpion, Krebs und Spinne aussah.
Das Wesen war ungefähr so groß wie ein Daumennagel, hatte die Farbe von
eingetrocknetem Erbrochenen und zehn winzige Beine, auf denen es
aufgeregt in der kleinen Schatulle herumlief. Augen oder einen Mund
besaß es nicht, aber dafür hatte es einen kleinen, dünnen Tentakel auf
dem Kopf, der suchend in seiner Umgebung herumtastete.
Meine Vorfreude verwandelte sich augenblicklich in blankes Entsetzen.
„Was zum Teufel ist das!“, schrie ich den Arzt an, „Und warum haben Sie
mich gefesselt?“ Aber er kümmerte sich gar nicht um mich. Stattdessen
redete er mit dem kleinen, grotesken Wesen wie mit einem Hund oder einem
alten Freund. Oder wie mit einem Bruder.
„Du brauchst keine Angst zu haben, Bruder“, sagte er zu dem Ding,
während ich mich hilflos gegen meine Fesseln warf. „Wir haben das alle
durchgemacht. Es tut kaum weh und die neue Freiheit wird dir gefallen.
Du kannst so vieles bewirken. Dabei helfen uns eine Heimat zu schaffen,
eine Zukunft.“ Er streichelte das Krebswesen mit seinem rechten
Zeigefinger sanft über dem Kopf. Das Viech wickelte wie zur Antwort
seinen Kopftentakel um den Finger. „So ist gut“, sagte er ermutigend und
betätigte einen Knopf an der metallenen Spritze in seiner Linken. Die
große Metallkammer in dem Gerät öffnete sich und das Wesen krabbelte
hinein. Er schloss die Kammer mit einem weiteren Knopfdruck, hob die
Spritze hoch und drehte sich zu mir um.
Wieder versuchte ich die Fesseln zu zerreißen, erreichte aber nur,
dass sie sich in mein Fleisch gruben und mir tiefe Schürf- und
Schnittwunden einbrachten.
„Nein! Um Gottes Willen, Nein!“, flehte ich, „Ich wollte ein
Freevolution, nicht so einen ekelhaften Parasiten. Ich habe dafür
bezahlt und …“
Endlich schien er mich wieder zu beachten, aber seine Augen
betrachteten mich mit solcher Abscheu, als wäre ich das Insekt und nicht
etwa dieses ekelhafte Ding in der Spritze. „Shriebixkan ist kein
ekelhafter Parasit. Er ist ein weitaus wertvolleres Geschöpf als du es
je sein könntest. Ich war Teil seines Geleges, also weiß ich wovon ich
spreche. Er ist die Freevolution. Die Einzige, die es gibt und je geben
wird. Er ist Teil der Revolution, die diesen Planeten von euch befreien
wird.“
Mit diesen Worten stieß er die geschärfte Kanüle, die so dick wie ein
Finger war, in meinen Arm und injizierte Shriebixkan, oder wie immer
dieses Geschöpf auch hieß, unter mein Haut. „Gute Reise, mein Bruder. Es
wird alles gut werden“, sagte er dabei zärtlich, während sich das Ding
weitaus weniger zärtlich durch mein Gewebe grub und einen unbekannten
Zielort ansteuerte.
Wie es dem Krebsparasiten ging, wusste ich nicht, aber meine
Schmerzen waren die Hölle. Jeder Mensch, der sich schon einmal eine
subkultane Injektion verabreicht hat und den dabei entstehenden
Verdrängungsschmerz mit Eintausend multiplizierte, konnte vielleicht
eine grobe Vorstellung davon bekommen. Ich hörte einen unmenschlichen
Schrei und realisierte erst nach einigen Sekunden, dass er von mir
selbst stammte. Ich blickte auf meinen Arm und sah, wie sich das mir
wohlbekannte Tattoo wie von selbst darauf bildete. Gleichzeitig sah ich
eine Beule, die sich von der Einstichstelle aus durch meinen Arm
bewegte.
„Was… Was geschieht mit mir? Warum das alles? Wer sind sie? Wer ist
ES?“, fragte ich, schon allein um mich von der Vorstellung – und der ganz
realen Erfahrung – abzulenken, dass das Ding gerade durch meinen Körper
kroch.
Steven, oder wie auch immer er in Wirklichkeit hieß, schüttelte den Kopf.
„Langsam sollte ich mich ja an eure Dummheit gewöhnt haben, aber bei
manchen Dingen geschieht das wohl nie. Weißt du eigentlich, dass ihr
immer das Gleiche sagt? Die gleichen Fragen stellt? Vieleicht nicht
immer genau mit den gleichen Worten aber auch da gibt es nicht besonders
viel Variation. Euer Gehirn ist so viel einfacher gestrickt als ihr
euch in eurer Arroganz einbildet. In unserer Heimat gab es ein Volk,
dessen Gehirne wirklich etwas taugten. Ein unglaublich leistungsfähiges
Gedächtnis, eine schnelle Auffassungsgabe, Telepathie, sogar gewisse
hellseherische Fähigkeiten. Ihr könntet hundert von euren lächerlichen,
grauen Fleischklumpen zusammenschalten und hättet nicht mal einen
Bruchteil ihrer Intelligenz. Dennoch haben wir auch sie steuern können.
Sie hatten sich gewehrt, damals als wir aus den Tiefen des Planeten an
die Oberfläche gekommen sind. Sie haben wirklichen Widerstand geleistet.
Aber am Ende waren sie unsere Marionetten geworden. Perfekte
Marionetten. Nützliche Marionetten. Ohne diese blöde Seuche hätten wir
nie … Aber egal. Man muss nehmen, was man kriegen kann.“
Meine Ohren nahmen seine Worte irgendwie wahr, aber mein Gehirn war
vor allem damit beschäftigt sich auf den Schmerz zu konzentrieren, den
dieses grauenhafte Wesen verursachte und der sich inzwischen bis zu
meiner Schulter ausgebreitet hatte. Mir musste irgendein Fluchtplan
einfallen. Irgendeiner. Wenn ich hier rauskäme, würde ich bestimmt einen
Arzt finden – einen richtigen Arzt – der das Ding entfernen könnte. Und
dann würde ich die Wahrheit über Freevolution ans Licht bringen.
Aber wie sollte ich fliehen? Mein Gehirn wurde geradezu in
Stresshormonen ertränkt und meine Gedanken fühlten sich seltsam träge
und verworren an. Ich brauchte eine Idee. Irgendeine. Wenn nur nicht
diese Schmerzen wären … Vielleicht gab mir mein Peiniger ja irgendeinen
Hinweis. Er schien Monologe zu lieben. Womöglich verplapperte er sich.
„Wovon redest du? Was bedeutet das alles?“ fragte ich.
Nun wurde das Arzt-Ding wütend. „Dummer Mensch. Hörst du denn
überhaupt nicht zu?“ Er atmete tief ein und aus und sein Gesicht
entspannte sich wieder. Es sah sogar wieder sympathisch aus. Verflucht,
trotz allem was mir dieses Wesen antat, wünschte ich mir noch immer
irgendwie sein Freund zu sein. Verdammte Hormone.
„Doch. Aber das Ding… ich meine Shriebixkan kriecht durch mein Fleisch. Ich habe Schmerzen. Ich kann kaum denken.“
Ein überraschter Ausdruck erschien auf seinem Gesicht, fast so als
hätte er die Dinge nie aus dieser Perspektive betrachtet. Wahrscheinlich
war dem auch so.
„Also Gut. Dann bringe ich etwas Licht in das rückständige Dunkel
deines kleinen Verstandes. Du wirst ohnehin nicht mehr lange existieren.
Mein Bruder wird sich in deinem Gehirn einnisten. Er wird sich Zugang
zu allen motorischen Funktionen und zu allen Erinnerungen und
Gewohnheiten verschaffen. Er wird die Kontrolle über deinen
Hormonhaushalt und deinen gesamten Körper übernehmen und dabei eine
ganze Reihe von Verbesserungen vornehmen. Zuletzt wird er dein
Bewusstsein restlos ausbrennen.“
Seine Worte verstärkten nur noch meine Angst und doch kam mir in
diesem Moment ein Geistesblitz. Der ID-Tracker. Warum war ich nicht
früher darauf gekommen? Er war doch immerhin für ähnliche Fälle wie
diese konzipiert worden.
Ok, vielleicht nicht für genau diesen Fall. Eher für Entführungen,
Geiselnahmen und dergleichen. Aber dennoch wäre er nützlich. Er
übermittelte meinen Standort an meinen Chef und an die Konzernpolizei
und barg so die Möglichkeit Konzerneigentum – wie mich – in
Krisensituationen zu schützen und zu sichern. Eigentlich hasste ich es,
Eigentum zu sein, denn genau das war ich als Arbeitnehmer rechtlich,
aber gerade jetzt könnte dieses Ding mir helfen. Zwar hatte ich die
Hände nicht frei, aber der ID-Tracker befand sich in der kleinen Tasche
auf der Rückseite meine Hose. Vielleicht, wenn ich mich mit aller Kraft
in den Sitz drückte …
Ich sollte es zumindest versuchen. So unauffällig wie möglich presste
ich meinen Hintern gegen das gezüchtete Leder. Leider hatte ich keine
Möglichkeit festzustellen, ob es funktionierte. Ich konnte nur hoffen,
dass das Signal ankam.
Wenn es so war, mochte dieser Alptraum noch ein gutes Ende nehmen.
Mein Chef war garantiert kein Freevoluzzer: Er war ein grantiges,
herrisches Arschloch ohne Charisma. Dennoch würde er mich nicht im Stich
lassen. Und sei es nur, damit ihm dieser Verlust nicht die Jahresbilanz
versaute. Aber ich brauchte Zeit. So oder so brauchte ich Zeit, bevor
sie mich vielleicht in irgendein Loch sperrten aus dem es keine
Wiederkehr mehr gab .
„Ich bin doch sicher nicht der Erste, mit dem ihr das macht. Wie habt
ihr es geschafft uns derart zu täuschen? Noch dazu unbemerkt.“ fragte
ich Steven.
Das Doktor-Ding lachte trocken. „Wir mussten nur in Erfahrung
bringen, wie ihr Menschen funktioniert. Eure Psychologie und euer
Verhalten studieren. Ihr seid schon unter normalen Bedingungen leicht zu
blenden und begeistert euch für alles was euch Schönheit, Jugend,
Macht, Status und Glück verspricht. Aber um euch so richtig zu packen,
mussten wir den Druck erhöhen, euch die Alternativen nehmen.
Also haben wir so lange die Gesetzgebungen eurer Staaten beeinflusst,
bis euer Alltag einer Hölle glich. Bis ihr gar nicht mehr anders
konntet als euch gierig in den schönen Traum eines besseren Lebens zu
stürzen. Erst recht, wo wir euch doch so ein schönes, lebendes Beispiel
für diesen Traum liefern konnten. Was die Geheimhaltung betrifft: Nun
dazu wirst du gleich mehr efahren. Denn wir haben genug geredet. Und die
anderen Kunden warten.“
Nein. Das war zu früh. Ich musste ihn am reden halten.
„Aber wie konntet ihr von eurem Heimatplaneten hierhergelangen. Wir
hätten es doch bemerkt, wenn ihr oder eure Wirte mit irgendwelchen
Raumschiffen hier gelandet wärt?“
Einen Moment lang dachte ich, er wollte auf meine Frage antworten.
Dann aber entschied er sich anders. „Ich weiß, was du versuchst. Aber
das Signal deines Trackers ist nicht bis zu deiner Firma gelangt. Dieser
Raum ist natürlich gegen alle Wellen und Strahlungen abgeschirmt.
Schallwellen, Radiowellen, W-Lan, Mobilfunksignale, Infrarot,
Röntgenstrahlung und alles was du dir sonst noch vorstellen kannst.
Denkst du etwa, du wärst der erste Lohnsklave, der auf die geniale Idee
kommt auf Rettung durch seinen Konzern zu setzen?
Falls es dich interessiert. Zu Anfang, als wir die ersten von euch
besetzt haben, war dieser Raum noch nicht abgeschirmt. Trotzdem hat kein
einziger dieser Hilferufe zu irgendetwas geführt. Eure Vorgesetzten
interessieren sich nicht für euch. Das wenige an Empathie, dass einige
von ihnen noch besaßen, hat die durch uns – und durch euch selbst –
etablierte Gesellschaftsstruktur ihnen längst ausgetrieben. Und der
monetäre Wert der meisten Angestellten ist weitaus geringer als die
Kosten für eine Rettungsaktion. Eure tollen Tracker sollen euch
lediglich in Sicherheit wiegen und euch die Illusion vermitteln
irgendwie, von Bedeutung zu sein, da das die Produktivität steigert.
Trotzdem wollten wir natürlich kein Risiko eingehen.“
„Nein!“ schrie ich. „Das kann nicht stimmen!“
„Glaub es oder nicht. Bald ist es ohnehin egal. Wer nicht mehr existiert hat auch keine Sorgen.“
Mit diesen Worten machte er eine Geste und plötzlich gaben mich die
seltsamen Fesseln frei. Das war meine Chance. Sobald ich meine Freiheit
bemerkt hatte, sprang ich förmlich von dem Behandlungsstuhl hoch um mich
auf das als Mensch getarnte Ungeheuer zu stürzen und es notfalls mit
bloßen Händen zu erwürgen …
… nur um von ihm gepackt zu werden wie ein ungezogenes Kind, während
meine Beine und Arme hilflos in der Luft baumelten. „Es ist so
erbärmlich, wie vorhersehbar ihr seid. Ich habe schon Tausende von euch
zu Wirten gemacht und buchstäblich jeder hat versucht mich auf die
gleiche plumpe Art zu überrumpeln. Glaube mir: Über den Verlust deines
so genannten Verstandes solltest du wirklich nicht allzu traurig sein.“
„Hilfe!“, schrie ich verzweifelt während er mich zu einer Tür am
anderen Ende des Raumes trug. „Hört mich denn Niemand?! Hilfe!“
Eiskalter Schweiss ran über meinen gesamten Körper. Mein Herz schlug wie
ein getunter Presslufthammer und der Schmerz von dem Ding, welches
inzwischen in meinen Hals gekrochen war, machte mich beinah wahnsinnig.
Aber schlimmer noch als all das war die Hoffnungslosigkeit.
Er schmunzelte und öffnete die Tür, die wir inzwischen erreicht
hatten. Dahinter befand sich eine leere, menschengroße Röhre. Aus den
Augenwinkeln konnte ich links und rechts weitere Röhren erkennen. Die
Rechte war ebenfalls leer. Die Linke hingegen nicht. In ihr befand sich
der Körper der Frau, die vor mir in der Schlange gestanden hatte.
Ihre Augen drückten die gleiche Verzweiflung aus, die auch ich
empfand. „Hilfe!“, schrie ich nochmal so laut, dass meine Lungen zu
zerreissen drohten. Das Arzt-Ding lachte gehässig und warf mich in die
Röhre hinein, wo ich hart gegen das wahrhscheinlich synthetisch
verstärkte Sicherheitsglas prallte. „Während du darauf wartest, dass
Shriebixkan dein Bewusstsein vernichtet, solltest du unbedingt über die
Bedeutung des Wortes Schalldicht nachdenken.“
Dann verschloss er die Röhre und kurz darauf die Tür und ließ mich in
vollkommener Stille und Dunkelheit zurück. Ein stechender Schmerz
teilte mit mit, dass Shriebixkan meinen Kopf erreicht hatte.
Mein neues Leben hatte ich mir anders vorsgestellt.