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Grau

Gräue. Überall dieses Grau. Es umringt dich. Nimmt dich für
sich ein. Hat dich bereits für sich eingenommen. Du kannst nicht genau sagen,
seit wann. Schon lange. So lange. Ewiges Grau. Dein Bett. Das Laken. Dein
Kissen. Die Decke. Der Teppich. Alles grau. Genauso wie du. Dein Spiegelbild
zeigt eine Person, ohne jegliche Farbtöne. Abgesehen von grau. Langsam tastest
du dein Gesicht ab. Dein Spiegelbild tut es dir gleich. Du hebst deine linke
Hand. Dein Gegenüber im Spiegel hebt seine rechte Hand. Seltsam. Müsste es
nicht spiegelverkehrt sein?

Du legst deinen Kopf schief nach rechts. Das ergraute
Spiegelbild tut es dir gleich und legt dessen Kopf schief. Nach links. Dein
Rechts. Ein mulmiges Gefühl blubbert in deiner Magengegend. Sowas wie Angst.
Nur etwas anders. Nicht so ausgeprägt. Es ist eher sowas wie ängstliche
Neugierde. Dich interessiert dein Spiegelbild. Du kannst das Geschlecht nicht
identifizieren, da du dein Gesicht nicht erkennen kannst. Es ist verschwommen.
Der restliche Körper ist klar erkennbar. Graue Jacke. Jeans in gleicher Farbe.
So wie die Sportschuhe. Nur das Gesicht ist unkenntlich. Alles um dich herum:
Grau. Dabei hat es nicht so angefangen. Es ist erst im Laufe der Tage immer
grauer geworden.

Du erinnerst dich an helle Tage. Grüne Bäume, blauer Himmel, bunte Bettwäsche und Kleidung. Sowohl an dir, als auch an anderen Menschen. Es
kommt dir so ewig lange her vor. Du kannst nicht genau sagen, wie lange es her
ist. Alles, was du weißt ist, dass über Nacht das erste Grau erschienen ist.
Die Bäume sind ergraut. Du hast es mit der Angst bekommen. Hast deine Freunde
gefragt, warum das Grün erstorben ist. Sie haben sich über dich lustig gemacht; dich nicht ernst genommen. Haben gesagt, du sollst richtig hinschauen.

Die Tage sind vergangen. Der Himmel ist ergraut. Du gehst
nicht mehr raus. Willst in deinem Zimmer bleiben. Du lebst alleine. Bevorzugst
die Stille. Nun ist dein Zimmer deine Fluchtstätte geworden, obgleich das Grau
auch hier Einzug gehalten hat.

“Gefällt es dir hier?”, fragst du und gleichzeitig
dein Spiegelbild in seltsam verzerrten Stimmen. Eure Stimmen klingen synchron.
Harmonisch und disharmonisch zugleich. Ihr Nachklang ist wunderschön und
abstoßend in einem. Du bist unfähig es zu definieren.
“Es ist seltsam vertraut”, antwortet ihr gleichzeitig. Ihr nickt
zustimmend. Du lächelst charmant und hast keine Ahnung, ob das verschwommene
Gesicht deines Spiegelbildes es dir gleichtut.
“Wie lange bist du schon hier?”, fragt ihr. Nachdenklich runzelst du
deine Stirn. Du schaust dich in dem Raum um. Das graue Schlafzimmer ist dir so
bekannt und gleichzeitig so neu. Abgesehen von dem Doppelbett, befindet sich
noch ein altmodisch aussehender, hölzerner Kleiderschrank, direkt vor dir.

“Ich weiß es nicht”, gebt ihr nach einer kurzen
Bedenkzeit endlich zu. Du gehst auf den mannhohen, im kahlgrauen Kleiderschrank
integrierten Spiegel zu. Dein Spiegelbild tut es dir gleich. Es kommt auf dich
zu. Wird etwas größer. Das Gesicht bleibt unkenntlich. Du streckst deine linke
Hand aus, während dein Spiegelbild es dir mit seiner rechten Hand gleichtut. Ihr
berührt euch. Was du berührst, ist nicht etwa die kalte, glatte Oberfläche des
Spiegels. Du spürst die besondere Wärme, die man nur durch Hautkontakt zu einem
anderen Menschen wahrnehmen kann. Erschrocken zuckst du zurück. Einige Meter
stolperst du und liegst rücklings auf deinem Bett.

Deine Gedanken überschlagen sich ungebremst. Du hast Angst
dich aufzurichten und in den Spiegel zu schauen. Dennoch gebietet dir deine
angeborene, menschliche Neugierde, jene Angst zu überwinden. Zögerlich
rappelst du dich auf. Rasendes Herz. Trockener Mund und Kehle. Dein Blick fällt
auf dein Ebenbild im Spiegel. Es steht dort hinter dem Glas. Aber du sitzt
kerzengerade im Bett. Du weißt nicht, wohin du deine Gedanken richten sollst.
Bist unfähig, sie in gerade Bahnen zu lenken.

“Du brauchst keine Angst vor mir zu haben”, sagt
ihr noch immer gleichzeitig. Du denkst, dass es leichter gesagt, als getan sei.
Nagende Zweifel, genährt durch Angst und Verunsicherung malträtieren deine
Gedankengänge. Als ob sie nicht schon
überladen genug sind. Dennoch nimmst du den restlichen Tropfen Mut zusammen und
erhebst dich von deinem Bett. Du hast das marternde Grau um dich herum fast
schon vergessen.

Dein Spiegelbild scheint den Kopf zu drehen, denn
automatisch bewegst du dich mit. Es ist jedoch nicht dein innerer Befehl
gewesen. Ihr scheint euch den Raum noch einmal genauer anzuschauen. Du jedoch,
verspürst keinerlei Interesse an der Begutachtung.
“Tust du das gerade?” Eure Stimmen haben sich verändert. Sie
verdrängen allmählich den harmonischen und wohlklingenden Teil. Du hast das
Gefühl, als sein es nicht mehr zwei Stimmen, sondern einige mehr, welche
mitzusprechen scheinen.

“Natürlich. Schließlich muss ich ja wissen, ob diesem
Ort der Farbwechsel bekommen ist”, erwidert ihr mit etwas höheren Stimmen.
Ihr fasst euch an euer Herz. Unsicherheit veranlasst es, noch einen Tick
schneller zu schlagen. Verwirrung schäumt erneut in dir auf. Gerade ist die
Andeutung “Farbwechsel” gefallen.
Du möchtest etwas sagen, doch findest die richtigen Worte nicht. Dein
Spiegelbild und du legt eure Köpfe schief. Allmählich entflieht dir das Wissen
darüber, welche eurer Bewegungen, deinem eigenen Willen angehören.

“Ich möchte dich berühren”, verlangt ihr
bestimmt. Ihr schreitet mehrere Schritte aufeinander zu, bis ihr euch dicht
gegenübersteht. Das Gesicht deines Spiegelbildes bleibt eine verschwommene,
hautfarbene Masse. Eure beiden Hände heben sich. Legen sich auf die deines
Spiegelbildes. Und erneut fühlt es sich nicht nach kalten Spiegelglas, sondern
nach warmer, menschlicher Haut an. Du verspürst den unbändigen Drang, deine
Finger mit denen deines Spiegelbildes zu umschließen. Händchen zu halten. An
diesem Punkt merkst du, dass das Spiegelglas vorhanden ist. Du drückst
vergeblich gegen das Glas. Eine gewisse Enttäuschung macht sich in dir breit.
Und wieder fällt dir das Grau deiner Umgebung auf. Du hast das Gefühl, dass es
ein Stück trister geworden ist.

“Magst du das Grau nicht? Du schaust so trübsinnig.
Willst du, dass es endet?”, fragt ihr und dir fällt eine gewisse
Verspieltheit in euren Stimmen auf. Du weißt nicht genau, was du darauf
antworten sollst. Viele schwache Erinnerungen, an die Zeit vor dem Grau,
schießen durch dein geistiges Auge. Bleiben nie länger, als einen
Wimpernschlag. Parallel fällt dir dein Gefühl der Gewöhnung auf. Dieses
anfänglich quälende Grau ist für dich schon zur Gewohnheit geworden. Jedenfalls
sagt dir das dein Gefühl.

“Ich kann dir dabei helfen. Es ist ganz einfach. Du
musst mich nur darum bitten”, fahrt ihr mit amüsierten Stimmen fort. Du
starrst dein Spiegelbild an. Dieses Grau loswerden? Endlich wieder Farbe sehen?
Klingt nach einer schönen Zukunft. Gleichzeitig meldet sich deine Logik. Sie
formt eine ganz einfach Frage in deinem Geist, die du schon längst hättest
stellen sollen.
“Wer bist du?”, kommt eindringlich von euch. Ohne Vorwarnung reißt du
dein Mund auf und ein herzhaftes Lachen erschallt von euch. Du erschrickst.
Versuchst das zu unterlassen. Dein Körper gehorcht dir nicht länger.

“Das fragst du dein Spiegelbild? Du weißt selbst, dass
diese Frage unsinnig ist”, antwortet ihr mit sich überschlagenen Stimme.
Sie klingen immer disharmonischer. Fast hysterisch. Immer verzerrter. Es
scheinen sich in eurem Stimmengemenge tiefe und hohe Stimmen, um den
Vordergrund zu streiten. Bei diesen Worten wird dir auf seltsame Weise
fürchterlich kalt. Als ob dein Raum im Sekundenbruchteil einem Klimawechsel zu
unterliegen scheint.

“Das Angebot steht. Du musst mich nur darum bitten und
das Grau verschwindet für immer”, fügt ihr eindringlich hinzu.
Nachdenklich legst du deine Stirn in Falten. Das Angebot ist verlockend. Zu
verlockend.
“Was ist der Haken?”
“Grau wird für dich für immer eine unbekannte Farbe werden”, gebt
ihr euphorisiert zurück. Du merkst, dass dich dieser “Haken” kalt
lässt. Wenn du ehrlich zu dir selbst bist, ist all das Grau auf Dauer sehr
eintönig. Du bist versucht, dich einzulassen.

“Nie wieder dieses Grau. Warum sollte ich dich anlügen?
Wir sind eins”, redet ihr
aufeinander leicht genervt ein. Du erliegst der Verlockung.
“Ich möchte, dass das Grau erstirbt”, fordert ihr endlich laut und
deutlich.
“So wird es geschehen”, sagt dein Spiegelbild nun ohne die Hilfe
deiner Stimme. Diese klingt eigenartig verworren. Es ist ungewohnt für dich, zu
schweigen. Du blickst genauer in den Spiegel. Das Gesicht klärt sich. Du
erkennst es. Dein Gesicht. Es ist dir so vertraut und gleichzeitig… so neu.

Deine Zimmertür öffnet sich. Du hörst Schritte. Jemand
scheint dein Zimmer zu betreten. Dein Blick schnellt zu dem Ursprung des
Geräusches. Und all das Grau, wird fortan in einem Meer aus Rot verschwinden. Sagenhaftes Rot, das dir nur der Mensch an sich schenken kann.

[http://de.creepypasta.wikia.com/wiki/Benutzer:Lord_Maverik Autor: Lord Maverik]

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