KurzMord

Ich bin die andere Version

Mein Name ist Trisha Campel und ich bin, nein ich war ein Zwilling. Meine Schwester Mona ist vor zwei Jahren gestorben. Sie hatte einen Autounfall und ist wenige Tage danach im Krankenhaus ihren Verletzungen erlegen. Ich war bei ihr in den letzten Minuten ihres Lebens. Hielt ihre Hand, während Mom und Dad von Weinkrämpfen geschüttelt das Zimmer verlassen hatten. Denn es war klar, dass ihr Liebling sterben würde. Ich muss etwas über meine Schwester erzählen. Trisha und ich waren Zwillinge. Aber wir waren nicht gleich, wie man es von Zwillingen annehmen könnte.

Meine Schwester war so etwas wie die bessere 2.0 Version von mir. Kennt ihr die Geschichte vom Hasen und der Schildkröte die ein Wettrennen machen, und der Hase sagt immer Ich bin schon da, oder so ähnlich? Genauso war es bei mir und meiner Schwester. Sie war schneller, begabter, beliebter. Sah ich sie an, war es so, als würde ich in einen Traumspiegel blicken, der mir eine Art märchenhafte Version von mir zeigte, die ich niemals würde erreichen können. Meine Schwester war gut in der Schule. Sportlich, beliebt. Ihr schien alles in den Schoß zu fallen, wofür ich mich so sehr anstrengen musste. Zwar hatten wir gleiche Merkmale, die blauen Augen, das kastanienbraune Haar, nur bei ihr war alles immer etwas besser. Die Haare hatten mehr Glanz, die Haut war reiner, die Figur war besser. Selbst meine Eltern schienen sie lieber zu mögen. Zwar würden sie es natürlich niemals zugeben, da es ja nicht angebracht war ein Lieblingskind zu haben, aber ich wusste dass es so war. Sie mal, Mona hat den Schwimmwettbewerb gewonnen, sie mal, sie hat einen Notendurchschnitt von 1.2. Solche Sätze musste ich mir immer wieder anhören. Es tat weh, die schlechtere Ausführung zu sein. Aber ich konnte das Gefühl immer verdrängen. Konnte mir einreden, dass ich es mir nur einbildete. Ja, ich war ein bisschen dicker. Ja ich war schlecht in der Schule. Ja, und ich weiß, dass wenn Leute sich für uns interessierten, es eigentlich um sie ging. Aber das war nicht so schlimm, denn sie nahm mich immer mit. Trisha und Mona, das Dreamteam. Auch Mona selbst war immer nett zu mir. Naja, nett war sie eigentlich zu allen. Wie so eine Prinzessin aus einem beschissenen Disney Film, der die Vögel morgens beim Anziehen helfen. Es gab wirklich nichts an ihr auszusetzen. Sie war gelungen, ich schien halb fertig zu sein.

Das Gefühl die schlechtere Version von ihr zu sein, wuchs von Jahr zu Jahr mehr. Je älter wir wurden, desto größer war das Gefühl von Unzulänglichkeit. Aber alles spitzte sich zu, als Kent in unser Leben trat. Kent kam neu auf unserem College und war, auch wenn das jetzt kitschig klingt, ein absoluter Traummann. Er war kein klassischer Modeltyp, aber trotzdem hatte er das gewisse Etwas. Wuschelige, schwarze Haare, die einem förmlich animierten rein zu greifen, eine schlanke, drahtige Figur und die schönsten grünen Augen, die ich jemals gesehen hatte. Kent und ich hatten uns in einem Programmierkurs kennengelernt, den ich in meinem ersten Collegejahr besuchte. Das war der einzige Kurs den ich nicht zusammen mit Mona belegte, da sie sich in diesem Jahr mehr für Journalismus interessierte. Wir verstanden uns gut, Kent war locker und cool. Er war geradlinig und schien nicht wie andere Collegejungs nur daran interessiert zu sein, einen möglichst schnell ins Bett zu kriegen. Obwohl mir das in seinem Fall auch nichts ausgemacht hätte. Wir hatten echt einen Draht zueinander.

Jede Woche sehnte ich mich nach den Unterrichtsstunden, die ich mit Kent verbringen würde. Irgendwann trafen wir uns auch über den Unterricht hinaus, zu einem Kaffee. Wir quatschen und ich fühlte mich wie unter Strom. Endlich jemand der sich nur für mich zu interessieren schien. Vor meinem inneren Auge entstanden Bilder, die mich und Kent als Paar zeigten, wie ich ihn überall herumführte und alle uns bewundernte Bilder zuwarfen. Wow, Trisha und Kent, was für ein tolles Paar. Doch ich hatte mich zu früh gefreut. Denn ich hatte einen entscheidenden Fehler begangen.

Eines Tages fragte ich Kent nämlich, ob er zu mir nachhause kommen würde. Ich wollte ihm eine neue Software zeigen, die ich mir gekauft hatte. Ich hätte Kent im Verborgenen lassen sollen. Ich hätte wissen müssen, dass sie wieder dazwischenfunken würde. Der erste Teil des Nachmittags verlief gut, Kent und ich waren alleine und in unserem Element. Wir quatschten, er saß so dicht neben mir, dass ich sein Aftershave riechen konnte. Ich war wie berauscht vor Glück. Dann ertönte plötzlich eine helle, freundliche Stimme hinter uns, Hey Trish, wusste gar nicht, dass wir Besuch haben. Es war Mona, die gerade vom Sport zurückkam. Sie trug ihr eng anliegendes Sportoutfit und strahlte uns an. Auch das hatte sie mir voraus. Nicht viele sahen nach dem Sport gut aus. Sie schon. Kent drehte sich um und lächelte sie freundlich an. Ich, die gerade aus meiner Trance erwacht war, stotterte, Hey Kent, das ist Mona. Hi, ich bin Trishs Schwester, stellte sich Mona freundlich vor. Ab dem Moment war es wie ein Sog, Kents Aufmerksamkeit, die eben noch völlig auf mir geruht hatte, wurde von mir abgezogen und auf Mona übergeleitet. Du machst Sport? Sagte Kent. Ja, Ausdauerlauf. Ab dem Moment wo sie auftauchte, war ich abgeschrieben. Es war wie ein Stich den es mir in dem Moment versetzte, ich fühlte mich wie abgetrennt. Aus der Situation ausgestoßen. Die 2.0 Version von mir war jetzt da. Warum sich also noch mit der älteren Version begnügen?

 

Warum musste sie mir das immer wieder antun? Mona und Kent lernten sich an diesem Nachmittag kennen. Zwar blieb ich noch mit Kent befreundet, aber nur als Erweiterung meiner perfekteren Schwester. Gott, wie ich das hasste. Ich musste beobachten, wie Kent und Mona sich immer näher kamen, anfangs unternahmen wir noch etwas zu dritt, doch das war für mich kaum auszuhalten, denn es war wie in einen Spiegel zu blicken, der mir das Leben zeigte, was die perfektere Version von mir lebte und ich nie haben konnte. Also zog ich mich zurück, gab vor etwas Besseres zu tun zu haben, während ich innerlich immer mehr zerfiel. Ich konnte nicht verstehen, wie es Leute geben konnte, die sich eine Zwillingsschwester wünschten. Kleine Mädchen, die vor dem Spiegel so taten, als gäbe es sie zweimal. Ich hätte alles dafür gegeben, hätte es mich nur einmal gegeben. Der Ausdruck hätte ist eigentlich nicht ganz richtig, ich habe alles dafür gegeben, dass es mich nur einmal gibt. Ein bisschen googeln und ein kleiner Schnitt in die Bremsschläuche hatten genügt. Jetzt gibt es nur noch eine Version von uns.

Ähnliche Artikel

Schreibe einen Kommentar

Schaltfläche "Zurück zum Anfang"