ExperimenteLangeTod

Lebensfreude

Warnung vor Creepypasta

ACHTUNG: VERSTÖRENDER INHALT

Bitte beachten Sie, dass es sich bei dem folgenden Text um eine Creepypasta handelt, die verstörende Themen beinhalten kann, wie zum Beispiel Gewalt, Sexualisierung, Drogenkonsum, etc. Creepypastas sind fiktive Geschichten, die oft dazu gedacht sind, Angst oder Unbehagen zu erzeugen. Wir empfehlen Ihnen, diesen Text nicht zu lesen, wenn Sie sich davon traumatisiert oder belästigt fühlen könnten.

Last Man Standing, 21.06.2018 18:35 Uhr

Unser Leben ist sinnlos. Wir haben die Götter getötet, praktisch
jeden Winkel auf dieser Erde erforscht und alles Magische in und um uns
herum entzaubert. Selbst unsere glänzendsten Utopien haben sich allesamt
in reale Alpträume verwandelt. Sogar jeder nennenswerte soziale
Zusammenhalt ist verschwunden. In Wahrheit treiben wir als sieben
Milliarden, selbstbezogene, einsame, haltlose Splitter umher, die im
Laufe ihrer sinnlos ausgedehnten Leben jeden Funken Restwärme an die
Unendlichkeit verlieren. Wahrscheinlich wär es das Beste für uns und den
Planeten, wenn wir es einfach beenden. Eine große Katastrophe ein
gewaltiger Kataklysmus und alles hat endlich ein Ende.”
Miss Terry 21.06.2018 18:49 Uhr

Was ist mit der Liebe? Was ist mit Freundschaft? Was ist mit den
vielen kleinen Glücksmomenten, die wir jeden Tag erleben können, wenn
wir nur danach suchen?

Last Man Standing 21.06.2018 19:12 Uhr

Ist das dein Ernst? Die Liebe ist doch nichts weiter als ein kurz
aufkochender Hormoncocktail gefolgt von deprimierenden Ernüchterung oder
jahrelangem Selbstbetrug. Wenn ich das will, kann ich auch Crystal Meth
nehmen. Und Freundschaft? Nettes Konzept. Aber das gilt für Einhörner
und Regenbögen auch. In Wahrheit findet man in seinem Leben doch mit
höherer Wahrscheinlichkeit Bigfoot oder den Yeti als einen wahren
Freund. Was wir suchen und gelegentlich auch finden sind doch lediglich
Projektionsflächen für die eigenen Eitelkeiten. Wir suchen Publikum das
uns bejubelt oder bestenfalls den dumpfen, leeren Trost der Herde.

Ersteres funktioniert meist nicht mal besonders gut, da jeder im
Grunde nur auf sich fokussiert ist und was Letzteres betrifft, so
kriegen Tiere das weitaus besser hin. Unser Gehirn ist in diesem
Zusammenhang eine kolossale Verschwendung. Und selbst wenn all diese
Dinge so rosarot wären, wie du sie dir vorstellst: Was haben wir dann
davon? Wir verschwenden den Großteil unseres Lebens damit, für viel zu
wenig Geld Dinge zu tun, die uns keinen Spaß machen und in denen wir oft
genug gar keinen Sinn sehen. Wir lassen uns von Leuten
herumkommandieren, hintergehen und unter Druck setzen, die wir auf den
Tod nicht ausstehen können. Was wir mit dem bisschen Restfreizeit, die
man uns lässt, anfangen, spielt doch im Grunde gar keine Rolle.

Miss Terry 21.06.2018 19:30 Uhr

Da kenne ich aber eine ganze Menge positiver Gegenbeispiele. Und
davon mal ganz abgesehen gibt es allein schon in der Geschichte genug
Beispiele für altruistisches Verhalten. Unsere Egos mögen mitunter
verrückt spielen, aber die Menschheit und auch das Leben sind nicht so
schlecht wie du sie darstellst. Und eine langjährige Beziehung in der
zwei Menschen es schaffen, trotz der Abnahme dieses “Hormoncocktails”
glücklich zusammenzuleben und sich gegenseitig zu unterstützen als
“Selbsttäuschung” wegzuwischen halte ich schon für eine sehr steile
These.

Was die Arbeit betrifft, hast du sicher einen Punkt, auch wenn es da
auch gelegentlich Ausnahmen gibt. Aber das ist kein Grund zu
verzweifeln. Da kann man sich doch engagieren, dafür kämpfen, dass es
besser wird. Alles nur schlechtzureden und die Hände in den Schoß zu
legen ist doch auch keine Lösung.

Last Man Standing 22.06.2018 19:59 Uhr

Es gehört ja gerade zum Wesen der Selbsttäuschung, dass man sie nicht
erkennt. Und das was wir an Altruismus feiern ist doch entweder eine
raffiniert verschleierte Form von Eigennutz oder das Symptom einer
wirklich schweren geistigen Störung. Jedenfalls nichts, was einem die
Welt erträglicher macht.

Dein letzter Absatz aber hat mich immerhin zum Lachen gebracht.
Engagieren? Etwa in einer Partei? Oder soll man sich, nachdem man
todmüde und seelisch geschunden in den viel zu späten Feierabend geht,
noch seine Zeit damit verschwenden mit ein paar Spacken Parolen über die
Weltrevolution an die Wände zu schmieren, die doch sicher nächste Woche
oder zumindest in diesem Jahrtausend kommen muss? Da zähl ich ja lieber
noch die Sandkörner in der Sahara oder die gebrochenen Wahlversprechen
der Politiker.

Miss Terry 22.06.2018 20:14 Uhr

Ehrlich gesagt: Bei dieser Weltsicht frage ich mich wirklich, wie du
es schaffst, morgens noch aufzustehen. Warum tust du dir das alles noch
an?

Last Man Standing 22.06.2018 20:43 Uhr

Hallo Miss Terry. Ich sitze hier mit einer guten Flasche Wodka und
lasse mir deine Worte durch den Kopf gehen und mit jedem Schluck finde
ich sie überzeugender. Im Grunde waren sie sogar das sinnvollste, was du
bisher geschrieben hast.

Eigentlich wäre meine Entfernung aus der Gleichung der Menschheit die einzig logischer Konsequenz all meiner Erkenntnisse.

Ich habe schon öfter darüber nachgedacht. Aber leider gibt es diesen
angeborenen Widerstand gegen die Beendigung des eigenen Lebens. Meine
biologische Programmierung will, dass ich weiterlebe und mich
fortpflanze und schert sich einen Dreck darum, dass ich mir lieber den
Schwanz abschneiden würde, als Vater zu werden. Aber immerhin hast du
mir geholfen die Dinge klarer zu sehen. Danke dafür. Vielleicht rückt
das meine Perspektive endlich gerade.

Übrigens: Die Tabletten, die ich hier neben mir liegen habe, sollen
sich besonders in größeren Mengen nicht gut mit Wodka vertragen, aber
was wissen die Leute, die diese Packungsbeilagen verfassen schon? Es
geht doch nichts über die eigenen Erfahrungswerte. Meinst du nicht
auch?”

Miss Terry 22.06.2018 21:09 Uhr

Das war von mir nicht als Aufforderung gedacht. Und wenn du jetzt
wirklich irgendeine Dummheit vorhast, dann glaube ja nicht, dass du mir
das ankreiden kannst.

Ich habe aber einen Vorschlag: Wenn du dich heute Abend um 18:30 Uhr
mit mir triffst, überzeuge ich dich davon, dass das Leben lebenswert
ist. Den genauen Ort schick ich dir per PM. Deal?

Lieben Gruß
Miss Terry

Last Man Standing 22.06.2018 21:34 Uhr

Von mir aus. Hab ja nichts zu verlieren. Auch wenn ich mir kaum
vorstellen kann, wie du das anstellen willst. Aber ich werde da sein.

Wodka und Tabletten laufen ja nicht weg.

Gruß
Last Man Standing

Philipp öffnete das Postfach mit seinen Direktnachrichten, notierte
die Adresse, die Miss Terry ihm bereits geschickt hatte – verdammt, die
Frau war schnell – loggte sich aus dem Forum aus und schaltete dann
seinen Rechner aus. Wahrscheinlich würde sich bald auch der ein oder
andere Moderator oder Admin bei ihm melden: Selbstmordgedanken und so.
Es war schon interessant wie die anonyme und sonst so gleichgültige
Online-Öffentlichkeit in Aufruhr geriet, wenn man diese Karte spielte.
So als wäre es die letzte moralische Grenze einer enthemmten digitalen
Meute. Der Moment, in dem fast jeder Arsch realisierte, dass sich hinter
dem Typen oder der Frau, die man sonst gern mal in Grund und Boden
trollte, ein echter Mensch versteckte.

Dabei war das mit den Tabletten gelogen und im Grunde nur ein kleiner
Scherz gewesen, den er sich erlaubt hatte, um diese Miss Terry ein
wenig zu schockieren. Der Wodka, der in einer gekühlten Flasche auf
seinem Tisch stand und aus dem er schon den ein oder anderen Schluck
genommen hatte, war allerdings die Wahrheit gewesen genauso wie seine
Ansichten über sein Leben. Im Grunde hasste er es wirklich und wenn es
einen Grund gab, aus dem er es nicht beendete so war es wohl entweder
Feigheit oder einfach reine Gehässigkeit gegenüber allen anderen.

Immerhin hatte ihm sein Beitrag ein ganz besonderes Date beschert und
auch wenn Philipp in der Tat nicht an die große Liebe glaubte, so hatte
er doch nichts gegen einen kleinen Mitleidsfick einzuwenden. Er sah
noch mal auf die Adresse, die Miss Terry ihm geschickt hatte und
überlegte kurz, ob er darüber recherchieren sollte. Aber warum
eigentlich? Er würde sie lieber einfach ins Navi eingeben und sehen,
welchen Ort die so um sein Seelenleben besorgte Frau ausgewählt hatte,
um ihm die ach so unvergleichliche Schönheit der Welt zu zeigen. Das
wäre doch viel aufregender.

Also stieg Philipp in seinen klapprigen Kleinwagen, den er schon seit
Jahren mühsam über den TÜV balancierte und in dem es nach Rauch und
geplatzten Träumen stank, verband sein Smartphone mit dem Autoradio und
schmiss seine Playlist an, die eine wilde Mischung aus sämtlichen
Stilrichtungen von Schlager, über Pop und Elektro bis hin zu Metal
enthielt. Er hatte seine Lieblingsmusikrichtungen in letzter Zeit
schneller gewechselt als seine Lebensabschnittsgefährtinnen und Affären
und in Wahrheit war ihm scheissegal, welches Lied aus seinen schrottigen
Boxen dröhnen würde. Also überließ er die Auswahl dem Zufall, dem
einzigen Gott an den er noch glaubte. Während er die Adresse ins Navi
eintippte und eine Fahrtzeit von 47 Minuten angezeigt bekam, wählte der
Zufall einen Popsong mit dem Namen “Life is beautiful” von irgendeiner
geltungssüchtigen Jodeltante aus und Philipp hätte beinah wegen dem
absurden Titel aufgelacht. Er drückte aufs Gas und fuhr im beginnenden
Sonnenuntergang seinem unbekannten Ziel entgegen, wobei es ihn nicht
kümmerte, dass er schon einigermaßen angetrunken war. Die Sängerin
kommentierte seinen Start mit “See all these rainbows on your way, this
world’s a dream, enjoy today …”

~o~

Als Philipp am Ende eines kleinen Schotterwegs ankam und damit sein
Ziel erreichte, war die Sonne bereits fast über den Rand der Welt hinweg
gewandert. Trotzdem reichte das Licht noch aus, um sich über diesen Ort
zu wundern. Vor sich sah er weder das Haus von Miss Terry, noch ein
Café oder irgendeinen verschissen romantischen See. Was er stattdessen
sah, war das rostige Eingangstor zu einem Vergnügungspark. Keiner von
der Art wie, er ihn noch aus seiner Jugend kannte, wo er mit Kumpels
oder Liebschaften des Öfteren in solchen überteuerten Touristenfallen
gewesen war, um die Zeit tot zu schlagen und ein wenig Adrenalin zu
tanken. Dieser Park hatte eine eher düstere Atmosphäre. Er konnte nicht
viel erkennen, da das Gelände von einer hohen Mauer umgeben war, aber
das Tor, über dem ein Schild mit dem Kopf eines debil grinsenden Clowns
und der Aufschrift “Happy Happy Land” angebracht war, sprachen genauso
eine deutliche Sprache, wie das warzige grüne Pappmarché-Monster über
der dahinterliegenden Geisterbahn.

“Hallo Last Man Standing. Ehrlich gesagt war ich mir nicht sicher, ob
du zu unserer Verabredung erscheinst.” erklang eine freundliche,
weibliche Stimme hinter ihm.

Sofort drehte er sich um. Seit er Miss Terry vor etwa einer Woche in
dem Forum kennengelernt und mit ihr diskutiert hatte, hatte er sich
schon des Öfteren Gedanken darüber gemacht, wie sie wohl aussehen würde.
Die beiden wahrscheinlichsten von all den Szenarien, die er entworfen
hatte, waren seiner Meinung nach ein kleines, dickes Nerdmädel mit
Brille und Akne oder eine alternde dürre Hippiebraut mit “Die Welt ist
vielleicht nicht perfekt, aber ich kämpfe trotzdem für die gute
Sache”-Gesichtsausdruck.

Was er nicht erwartet hatte, war eine äußerst gepflegte,
dunkelhaarige Frau Anfang dreißig mit schwarzem Zopf, perfekten Make Up,
teuer aussehendem Schmuck, einer Designer-Sonnenbrille und einem edlen,
dunkelblauen Anzug.

“Schicke Sonnenbrille. Bist du ein Vampir oder hast du einfach nur
Glupschaugen?” fragte Philipp anstelle eines Grußes oder einer Antwort.
Er machte unrasiert, mit Wodkafahne, zerknitterten, knallgelben Shirt
und abgetragenen Blue Jeans sicher keine so gute Figur. Aber das war ihm
im Grunde scheißegal.

“Weder noch. Ich mag es nur nicht, wenn sie mir in die Augen sehen.” sagte sie lächelnd.

“Wer ist ‘sie’? Etwa Männer?” fragte Philipp verwirrt und ein bisschen beunruhigt.

Miss Terry antwortete nicht, sondern lächelte nur weiter. Philipp
entschloss sich zu einem Themenwechsel. “Wie geht’s nun weiter? Du
wolltest mir doch zeigen, wie schön das Leben sein kann. Hat das da
etwas damit zu tun?” er zeigte auf das rostige Eingastor zum
Vergnügungspark.

“Womöglich.” Sagte sie vage.

“Und wie soll mir ein vergammelter Vergnügungspark da weiterhelfen?
Ich habe schon weitaus hübschere davon gesehen und das hat nicht dafür
gesorgt, dass mir das Leben auch nur einen Deut besser gefällt. Und
diesen hier finde ich sogar äußerst deprimierend.”

Wieder antwortete sie nicht. Stattdessen kramte sie betont langsam,
fast rituell ein schwarzes Seidentuch aus ihrer Anzugjacke hervor. Eine
Augenbinde, wie ich vermutete.

“Spielen wir jetzt Topfschlagen?”, fragte Philipp sarkastisch.

“Vertraust du mir?”, fragte sie.

“Dir vertrauen? Ich kenn dich doch kaum.” gab er überrascht zurück.
Dann aber fügte er hinzu: “Andererseits habe ich ja auch buchstäblich
nichts zu verlieren. Also bind mir ruhig das Ding um, wenn du willst.”

Genau das tat sie auch. Sie ging erst mit gemessenen Schritten auf
ihn zu, wobei er ihr süßlich-herbes Parfum riechen konnte, stellte sich
dann hinter ihn und kurz darauf spürte er den kühlen schwarzen Stoff auf
seiner Gesichtshaut, der kurz darauf fest gezogen wurde. Miss Terry
wusste anscheinend, wie man so etwas anstellte. Tatsächlich sah er nun
rein gar nichts mehr. Nicht mal mehr ein kleiner Spalt war verblieben,
um das schwindende Sonnenlicht einzulassen.

Sie berührte seine Hand. Was in ihm kaum mehr auslöste als ein
äußerst flüchtiges Kribbeln. Er hatte dieses Spiel schon so oft
gespielt, dass es ihn kaum mehr innerlich berührte.

“Jetzt komm mit mir.”, sagte sie und zog ihn sanft mit sich. Er wehrte sich nicht.

Ein paar Sekunden später blieben sie wieder stehen. Kurz darauf hörte
er das knirschende, metallische Geräusch eines Schlüssels und dann ein
schrilles Quietschen, welches wahrscheinlich von den sich öffnenden
Torflügeln stammte.

“Willkommen im Happy Happy Land.”, sagte Miss Terry.

“Der blödeste Name, den ich je gehört habe.”, erwiderte Philipp.

“Nun sei mal nicht so negativ.”, sagte Miss Terry und bedeutete ihm
durch ein sanftes Ziehen an seiner Hand, dass er weitergehen sollte.

“Wieso nicht?”, fragte Philipp. “Immerhin ist genau das doch der Grund, warum du mich hierhin zitiert hast. Oder etwa nicht?”

Ihre Antwort war Stille und er beließ es dabei.

Philipp hatte eigentlich erwartet, dass sie nur ein paar Minuten
unterwegs sein würden, bevor sie sich mit ihm in irgendein Fahrgeschäft
setzen und ihn dort vernaschen würde, was ihm zwar sicherlich ein paar
nette Moment beschert, aber wie er wusste, an seiner Verachtung für das
Leben und die Welt wenig geändert hätte.

Aber auch wenn er vielleicht nicht das beste Zeitgefühl besaß, so
vermutete er doch, dass sie bereits mindestens eine Viertelstunde lange
unterwegs waren, ohne irgendwo angekommen zu sein. Der Park musste
größer sein als er ursprünglich angenommen hatte und er fragte sich
ernsthaft, wie es sein konnte, dass er ihn noch nie zuvor gesehen oder
davon gehört hatte.

“Sind wir bald da?”, fragte er in der schrägen Imitation eines quengelnden Kleinkindes.

“Ja.”, antwortete Miss Terry. Er hörte das Klappern eines sich öffnenden Gittertürchens. “Und zwar genau jetzt.”

“Wunderbar. Und was soll ich jetzt tun?” fragte Philipp.

Statt einer Antwort packte sie ihn und zerrte ihn fast schon
gewaltsam in irgendein Gefährt, dessen Sitz mit Leder bespannt war und
dessen Boden aus Metall bestand. Wahrscheinlich der Wagen irgendeiner
Achterbahn oder eines anderen Fahrgeschäfts. Da er völlig überrumpelt
und vom Alkohol noch immer leicht benebelt war, wehrte Philipp sich
nicht, war aber doch nicht wirklich glücklich über eine solche
Behandlung. “Hey! Was soll das? Wo sind deine Manieren hin?”

Keine Antwort. Stattdessen senkte sich der Sicherheitsbügel so fest
auf seine Oberschenkel, dass es schon wehtat. Er wollte ihn lockern,
aber in dem Moment spürte er, wie Miss Terry seine Hände packte, sie mit
unglaublich geschickten Handgriffen hinter seinen Rücken zog und mit
einem groben Seil fesselte. “Also nur damit du es weißt: Ich steh nicht
auf diesen SM-Scheiß. Wenn du also eine kleine Nummer mit mir schieben
willst, solltest du meine Hände schön wieder losbinden.” protestierte
er.

Keine Antwort. Philipp versuchte den Bügel mit den Knien
hochzuschieben. Aber es ging nicht. Der Bügel schien wie fest gerostet.
Er versuchte sich wie eine Schlange aus dem Wagen zu winden, aber auch
dafür fehlte ihm die nötige Bewegungsfreiheit. Er steckte vollkommen in
der Falle. “Also gut Mädel. Das mag ja alles sehr lustig sein, aber
ehrlich gesagt wird meine Laune eher immer schlechter als besser. Wenn
es dich so anmacht, wenn ein Kerl hilflos vor dir liegt, von mir aus.
Aber dann lös wenigstens den verdammten Bügel und steig zu mir in den
Wagen. Ansonsten wird das echt schwer mit uns beiden.”

Keine Antwort.

“Verdammt, es reicht. Das ist Freiheitsberaubung. Lass mich hier wieder raus!”

Noch immer keine Antwort.

“So langsam werde ich scheiß wütend. LASS MICH HIER RAUS, VERDAMMT!!!”

Nun kam zumindest eine Reaktion. Aber auch die bestand nicht aus
Worten, sondern daraus, dass ihm irgendetwas auf den Kopf gesetzt wurde.
Er spürte weichen Stoff an seinen Ohren und Plakstik an seinen Lippen.
Ein Headset.

“WAS ZUM TEUFEL SOLL DAS?”, schrie er aus Leibeskräften.

Miss Terry blieb still. Dafür setzte sich der Wagen langsam in Bewegung.

Wieder versuchte sich Philipp zu befreien, erreichte aber rein gar nichts.

Der Wagen wurde schneller. Er spürte den warmen Sommerwind an seinem
Gesicht vorbeirauschen, hörte, wie der Wagen über die Schienen ratterte
und spürte die Vibrationen, die dabei entstanden. Ein flaues Gefühl
breitete sich in seinem Magen aus. Anscheinend fuhr er aufwärts, was –
zugegeben – bei einer Achterbahn nichts Ungewöhnliches war. Anders als
die Tatsache, gefesselt, blind und mit einem bescheuerten Headset auf
dem Kopf in einem Achterbahnwagen zu sitzen.

“Lass mich sofort wieder hier runter du blöde Fotze. Du bist ja vollkommen geisteskrank!”

Aber die so gescholtene blieb weiterhin still und Philipp spürte, wie
es immer weiter nach oben ging. Sehr weit und sehr steil. Ehrlich
gesagt konnte er sich nicht erinnern, jemals bei einer Achterbahn so
verdammt lange nach oben gefahren zu sein. Dieses Ding musste gewaltig
sein. Philipps gefesselte Hände und sein ganzer Körper klebten
inzwischen vor Schweiß und er konnte regelrecht, spüren wie die
Schwerkraft seine Gedärme hinabzog.

Endlich endete es. Wie hoch war er jetzt? Vierhundert Meter? Fünfhundert?

Plötzlich meldete sich eine Stimme aus dem Headset. Sie gehörte Miss
Terry. “Hallo Last Man Standing. Wie ist die Aussicht da oben?”

“Sehr witzig, du Psychopathin. Wenn ich wieder unten bin, reiß ich dir deinen Arsch bis zum Kinn auf!” schrie Philipp.

“Das sind ja keine angenehmen Aussichten für mich.”, sagte sie in
lockerem Ton. “Zum Glück muss ich mir deswegen keine Sorgen machen.”

Eiskalte Angst schoss durch sämtliche Nerven in Philipps Körper. “Was soll das heißen?”

Irgendwie konnte Philipp ihr Grinsen praktisch durch sein Headset
hindurch hören. “Sagt dir der Begriff ‘Euthanasia Coaster’ etwas?”

“Euthanawas?”, sagte Philipp, obwohl ihm das Wort “Euthanasie”
natürlich nicht unbekannt war und ganz und gar nicht gute Assoziationen
in ihn weckte. Sein Magen begann sich zu verkrampfen und ihm wurde
schwindelig.

“Euthanasia Coaster. Das Konzept dazu stammt vom litauischen Designer
und Doktoranden Julijonas Urbonas. Er hatte sich Gedanken darüber
gemacht, wie Menschen auf humane Weise aus dem Leben scheiden könnten.
Seine Idee dazu war der Bau einer Achterbahn von exakt 510 Metern Höhe,
7544 Metern Länge und sieben Loopings mit abnehmendem Durchmesser. Als
Erstes folgt eine Abfahrt von etwa 500 Metern Länge, bei der
Geschwindigkeiten von rund 360 Stundenkilometern erreicht werden.
Während der darauffolgenden Loopings wirken für ca. 60 Sekunden konstant
Gravitationskräfte von 10 g auf den Körper. Das wiederum führt zu einer
Unterversorgung des Gehirns mit Sauerstoff. Es kommt zu einem
Tunnelblick, dem kompletten Verlust des Seh- und Hörvermögens und
letztlich zur Ohnmacht. Etwa beim dritten Looping tritt unweigerlich der
Tod ein und der Passagier rollt abholfertig für die Beerdigung zum
Ausgangspunkt seiner Fahrt. Die restlichen Loopings dienen nur dazu
sicherzugehen, dass auch wirklich niemand überlebt.”

Philipps Herz schlug wie ein Presslufthammer. Sein Mund wurde mit
einem Mal staubtrocken. Aber er zwang sich dazu Ruhe zu bewahren.
Immerhin musste das einfach ein Scherz sein.

“Und du willst mir weiß machen, dass du dieses Ding nachgebaut hast?
Das würde doch Unmengen an Geld kosten. Du willst mir doch
nur Angst einjagen. Wahrscheinlich ist das hier nichts als eine ganz
normale Achterbahn und du einfach nur eine durchgeknallte Bitch mit
einem perversen Sinn für Humor.” Philipps Worte sollten sicher und
selbstbewusst klingen, schon allein, um sich selbst zu beruhigen. Sie
kamen aber vielmehr zittrig und unsicher heraus.

“Oh, ich habe viel Geld. Sehr viel Geld sogar. Und was meinen Humor betrifft, so würde ich nie derart morbide
Scherze machen. Ich kann viel eher über harmlose Späße lachen.
Situationskomik, Slapstick, so einen Kram. Über den Tod mache ich keine
Witze.”

“Das ist vollkommen krank! Hör auf mit dem Scheiß und lass mich runter.”

“Aber genau das habe ich doch vor.” Entgegen ihrer vorherigen Worte klang sie bei diesen Worten durchaus sehr amüsiert.

Plötzlich schossen Tränen in Philipps Augen und seine Wut auf Miss
Terry schlug endgültig in nackte Angst um. “Bitte!” flehte er. “Brich
das hier ab! Bitte!”

“Nana. Nicht so dramatisch. Es wird sicher eine besondere Erfahrung.
Der Künstler ist der Meinung, dass der Passagier, bevor er in Ohnmacht
fällt und sein Gehirn schließlich stirbt, extreme Gefühle der Freude und
Euphorie empfindet. Ein wirklich schöner Tod. Ein humaner Tod. Wobei
ich zugeben muss, dass manche Wissenschaftler Übelkeit und Unwohlsein
für wahrscheinlicher halten. Finden wir es doch einfach heraus.”

“Nein. Ich will nicht …” begann Philipp und übergab sich dann vor
lauter Angst und Aufregung mitten im Satz zuckend auf seinen Schoß. Ein
starker, saurer Geruch schlug ihm kurz darauf vom Bügel, dem Metallboden
und seiner Hose entgegen.

“Anscheinend ist doch was an der Sache mit der Übelkeit dran.”, bemerkte Miss Terry trocken.

Philipp überging ihre Spitze. Für Wortgefechte hatte er keinen Nerv.
Er hatte in seinem ganzen Leben noch nie so viel Angst gehabt. Allein
der Gedanke daran auf dieser Achterbahn in den sicheren Tod zu fahren
brachte ihn schier um den Verstand. Er glaubte schon zu spüren, wie der
Wind seinen Wagen das Gefälle hinab schieben wollte.

“Bitte!”, flehte er erneut. “Du willst doch nicht für den Rest deines Lebens damit leben müssen, eine Mörderin zu sein.”

“Das hier ist kein Mord. Ich würde es eher als aktive Sterbehilfe begreifen.”

“Ich will aber nicht sterben!” Schrie Philipp aus Leibeskräften.

“Ach, nicht? Ich dachte, das Leben wäre so sinnlos und die Welt so
unglaublich am Arsch? Ich dachte du wolltest herausfinden, ob Wodka und
eine Überdosis Tabletten sich wirklich so schlecht vertragen? Nun, das
Experiment kannst du dir jetzt sparen!” sagte sie kalt.

“ICH WILL NICHT STERBEN!!!”, schrie er noch einmal um, diesmal so
lange und laut, dass sein Hals schmerzte und seine Stimme versagte.

“Das hättest du dir früher überlegen sollen.” sagte Miss Terry noch.
Dann hörte Philipp ein Klicken auf seinem Kopfhören und sein Magen
verkrampfte sich erneut als er spürte, wie sein Wagen langsam fFhrt
aufnahm.

“NEIN! ICH WILL VERDAMMT NOCH MAL LEBEN!! Hörst du mich Miss Terry,
ich will …” Aber sie hörte ihn nicht. Das Mikro seines Headsets war
anscheinend von ihr ausgeschaltet worden und der Fahrtwind riss seine
Worte ohnehin einfach von seinen Lippen, während er ihm mit wachsender
Macht ins Gesicht blies. Schwindel ergriff Philipp während die
Schwerkraft mit unsichtbaren Klauen an in ihm riss und brutal mit seinen
Gedärmen spielte. Er hatte sich nie zuvor vor einer Achterbahn
gefürchtet und sich über die Weicheier lustig gemacht, die vor diesen
“harmlosen” Fahrgeschäften Schiss gehabt hatten. Nun aber verstand er
sie alle sehr gut.

Er wurde immer schneller und wusste, dass er bald den ersten Looping
erreicht haben würde. Nicht lange danach würde sein Leben enden. Es war
sicher nicht das beste gewesen, aber verdammt, er hatte eine Wohnung, er
hatte einen Job, ein paar Freunde und ein Auto. Er lebte nicht in
irgendeinem Kriegsgebiet und er litt keinen Hunger. Er hatte das
verdammte Glück die Sonne auf seiner Haut spüren zu können. Und all das
hatte er leichtfertig aufs Spiel gesetzt.

Der erste Looping fegte all diese Gedanken weg. Denken war kaum noch
möglich. Das Blut wurde aus seinem Kopf gedrückt und sein Blick verengte
sich zusehends, was er trotz der Augebinde irgendwie spürte. Er hatte
das Gefühl zugleich von unsichtbaren Hämmern zerquetscht und von
gewaltigen Zangen auseinandergerissen zu werden. Gleichzeitig spürte er
wirklich etwas wie eine eigenartige Euphorie, die sich auf eigentümliche
Weise mit extremer Todesangst mischte. Am höchsten Punkt meinte er für
einen Moment, dass er aus dem Wagen fallen würde, zumal seine Hände noch
immer gefesselt waren. Aber der Bügel hielt ihn zuverlässig fest. Auf
diese Weise würde er nicht sterben.

Beim zweiten Looping machten seine Ohren komische Geräusche. Sein
Denken löste sich jetzt endgültig ein einer Art von Delirium auf. Er war
nur noch ein hilfloser Spielball der gnadenlosen Gravitation. Noch
einmal spürte er, wie er sich übergab, die Magensäure aber wieder in
seinen Rachen gedrückt wurde. Kurz bevor er in den dritten Looping
eintauchte und das Bewusstsein endgültig verlor, gelang ihm doch noch
ein allerletzter Gedanke. Er lautete: “Das war’s”.

~o~

Als Philipp wieder erwachte, dachte er kurz, dass er auf der Fahrt
zum Treffpunkt im Auto eingeschlafen war und das alles geträumt zu
haben, was für einen Atheisten eine weitaus naheliegendere Erklärung war
als an irgendein Jenseits zu denken. Aber seine Nackenmuskeln
schmerzten höllisch, auf seinen Ohren hatte er ein unangenehmes
Druckgefühl, an seinen Händen waren Spuren der entfernten Fesseln
zurückgeblieben und sein Mund war noch immer beschmiert mit Erbrochenem.
Falls ihm das alles nicht als Beweis für die Realität seiner Erlebnisse
gereicht hätte, musste er nur einen Blick auf den kleinen Zettel
werfen, der an seinem Armaturenbrett klebte. Er nahm ihn ab und las, was
darauf geschrieben stand.

“Hallo Last Man Standing. Wie du dir wohl denken kannst, warst du
nicht auf dem echten Euthanasia Coaster. Ich habe das Modell so weit
modifiziert, dass der Fahrgast zwar ein recht holprige Fahrt erlebt und
auch das Bewusstsein verliert, aber mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht
stirbt. Ich hoffe, ich habe dir damit zeigen können, dass das Leben
lebenswerter und vor allem wertvoller ist als du bisher geglaubt hast.
Ach ja, nur damit du es weißt: Wenn du vor der Abfahrt nicht so um dein
Leben gekämpft und gebettelt hättest, wenn du deinen nahenden Tod
einfach hingenommen hättest, hätte ich dich nach der Fahrt erschossen.
So habe ich es schon mit ein paar anderen gemacht, aber den meisten
konnte ich genauso die Augen öffnen wie dir. Und das ist auch der Grund warum ich das hier überhaupt mache. Ich will jenen, die ihren Lebensmut unter Zynismus und Selbstmitleid vergraben haben und die eigentlich nur noch aus purer Gewohnheit leben, Klarheit verschaffen. Ein Neuanfang oder ein endgültiger Schlussstrich: Das ist mein Geschenk an euch. Versuche nicht nach mir zu
suchen oder mich noch einmal zu kontaktieren. Weder digital noch in der
realen Welt. Solltest du diesen Ort hier noch einmal aufsuchen, so wird
deine Fahrt diesmal wirklich in den Tod führen. Genieße einfach dein
Leben, das ist alles, was ich von dir verlange. Ansonsten bleibt mir nur
noch zu sagen: Gute Fahrt!”

Philipp ließ diese Nachricht erstmal ein paar Sekunden sacken. Er
sollte vielleicht sauer sein, weil diese Frau ihm dieses Horrortrip
zugemutet hatte. Aber das war er nicht. Alles was er spürte, war eine
warme und freudige Erleichterung.

Ich bin am Leben, dachte er und diese Tatsache erschien mit einem Mal
so unglaublich, so schmerzhaft schön, dass ihm Freudentränen kamen.
“Ich bin am Leben!” er dachte es nicht länger, sondern schrie es so laut
heraus, dass es selbst noch in dem alten Vergnügungspark zu hören sein
musste. Dann startete er den Motor und fuhr los. Nachdem er das Gelände
verlassen hatte und wieder auf der Autobahn angekommen war, schaltete er
sein Radio wieder ein. Er brauchte jetzt Musik. Der Zufall wählte die
Popschnulze “Life is a Rollercoaster” von Ronan Keating aus und auch
wenn er über diese Ironie laut lachen musste, fuhr ihm doch ein
eiskalter Schauer über den Rücken. Er würde von nun an das Beste aus
seinem Leben machen. Aber er würde nie wieder, wirklich nie wieder mit
einer Achterbahn fahren.

Bewertung: 0 / 5. Anzahl Bewertungen: 0

Bisher keine Bewertungen! Sei der Erste, der diesen Beitrag bewertet.

Ähnliche Artikel

Schreibe einen Kommentar

Überprüfen Sie auch
Schließen
Schaltfläche "Zurück zum Anfang"