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Meine erste Nachtschicht im Krankenhaus

und und

Es war meine erste Nachtschicht und bestimmt auch meine letzte. Nie mehr werde ich mir das antun. Ich weiß ja noch nicht einmal, ob ich überleben werden. Die Wunden überall an meinem Körper – Schnitte, Bisse, – diese Bilder in meinem Kopf von blutdürstigen Augen und fletschenden Reißzähnen. Was mir diese Kreatur angetan hat, ist unglaublich. Eigentlich sollte es ein (fast) normaler Arbeitstag werden, bis auf den Umstand, dass ich zum ersten Mal die Nachtschicht übernehmen sollte. Mit dem Essenswagen rollte ich die kalten Flure des Krankenhauses entlang. Es war nicht wirklich kalt im Sinne von „kalt“. Was ich meine ist, dass die weißen Wände mit ihrer Tristheit eine kühle Atmosphäre versprühen. Ich arbeite auf der Onkolgie, der Krebsstation, für die, die es nicht wissen. An sich ist es ein schöner Job. Wir versuchen unseren Patienten den Aufenthalt in dieser tristen und kalten Umgebung so angenehm wie möglich zu gestalten. Das gelingt uns auch ganz gut, wie ich denke. Umso mehr trifft es uns, wenn einer der Patienten mal stirbt. „Mal“ hört sich hart an. In diesem Job lernst du, dass so etwas „mal“ passiert. Darum geht es heute allerdings nicht. Was ich in dieser Nacht erlebte, war um einiges schockierender als der Tod. Es war ein Ereignis, wie es noch niemand von uns zuvor erlebt hatte.

Nun, ich rollte also den Flur entlang und brachten den Patienten das „Essen“ – wenn man dieses komische Zeug so nennen möchte. Es ist alles etwas chaotisch bei uns, weil wir unterbesetzt sind. Deswegen war ich alleine. Meine Kollegin hatte sich kurzfristig krankgemeldet. Normalerweise wären wir zu zweit gewesen. „Na toll!“, dachte ich, „Die erste Nachtschicht und schon alleine.“ Durch ein Krankenbett, das an mir vorbeischoss, wurde ich aus meinen Gedanken gerissen. Eine Kollegin schob es hastig Richtung „Zimmer 6“. Ich konnte nur einen kurzen Blick auf die Person im Krankenbett erhaschen. Hätte ich das lieber nicht getan. Es war eine junge Frau, wenn man das, was dort lag, überhaupt noch als menschliches Wesen bezeichnen konnte. Ihre Haut war schneeweiß und trocken, sehr trocken. Ich rede davon, dass sie wie eingezogen an den Knochen hing. Diese waren deutlich zu erkennen, als sei kein Fleisch am Körper. Ihr Gesicht schockierte mich am meisten: Ich blickte auf Augen, die aus eingeschrumpelten Höhlen hervorstarrten. Ihr Kopf war ein Totenschädel, es war das Gesicht einer Leiche. Das schlimmste: Sie atmete! Unregelmäßig atmete das Mädchen mit einem gequälten Hecheln ein und aus. Sie atmete nicht wie eine normale Frau in dem Alter, sondern wie ein Mensch, der im Sterben liegt. Ich selbst fing an, ihre Schmerzen zu fühlen, als ich daran dachte, was sie wohl erleiden musste. Es schien mir wie eine Ewigkeit, bis ich mich aus meiner Schockstarre lösen konnte. Wahrscheinlich jedoch waren es nur ein paar Sekunden. Ich fuhr mit der Arbeit fort, meine Gedanken blieben jedoch bei dieser Begegnung, die ich nicht zuordnen konnte. „Das ist kein Krebs!“, stand für mich fest, „So etwas macht diese Krankheit nicht.“ Währendem ich zurück zum Stationsstützpunkt ging, sah ich, wie Dr. Stein, unser Chefarzt, mit meinem Kollegen Marvin sprach. Wahrscheinlich ging es um den Neuzugang.

Ich versuchte meine Gedanken zu ordnen und grüßte unseren Chefarzt, als ich zur Tür hineintrat. „Guten Abend!“, grüßte dieser mich zurück. Er sagte es in einer Weise, die nicht normal für ihn war. Seine Nervosität konnte Dr. Stein nicht verbergen. Ich merkte, dass es gleich um etwas Ernstes gehen wird. „Wie ich höre, haben Sie heute alleine Nachtschicht. Es tut mir leid, dass die Kollegin so spontan ausgefallen ist und wir keinen Ersatz finden konnten.“, fuhr er unmittelbar fort, „Leider müssen wir Sie mit einem Neuzugang zusätzlich belasten. Es handelt sich um eine junge Frau, die vor der Tür des Krankenhauses fast tot aufgefunden wurde. Passanten sahen, wie sie in Richtung des Eingangs kroch, bevor das Mädchen von ihren Kräften verlassen wurde.“ Inzwischen hatte er es hinbekommen, seine Nervosität besser zu verstecken. Er ist erfahren und hat einiges erlebt. Zu seinem Beruf gehört es auch, Eltern zu sagen, dass ihre Kinder sterben werden. Disziplin gehört also dazu. Schon lange dient Dr. Stein in unserer Klinik, um einiges länger als ich. Trotz, dass er ein abgehärteter Mann ist, sorgt er sich um seine Patienten. Kurz: ein guter Arzt. Trotzdem stand in diesem Fall selbst er vor einem Rätsel, da war ich mir sicher. So etwas hatte der erfahrene Mediziner bestimmt noch nicht gesehen. „Wir wissen nicht, was mit ihr los ist. Sicher ist sie kein Fall für die Onkologie, trotzdem wurde sie erstmal zu uns gelegt. Hier ist die Frau bestimmt gut aufgehoben.“, fuhr der Arzt nach einer kurzen Pause fort „Ihr fehlt viel Blut, es ist ein Wunder, dass sie überhaupt noch lebt. Ehrlich gesagt frage ich mich, wie sie noch leben kann. Selbstverständlich haben wir sofort Blut bestellt. Wenn es da ist, geben Sie ihr bitte unverzüglich eine Infusion. Ihr fehlt auch Flüssigkeit, weshalb sie ebenfalls Wasser bekommt. Wir haben noch da, die Kollegin kümmert sich im Moment darum.“ Ich nickte bestätigend. Dabei blickte ich in seine Augen, die mir sagten „Bitte machen Sie alles, damit sie am Leben bleibt.“ – Wenn man das „Leben“ nennen kann. Dr. Stein übergab mir die Akte der Patientin, verabschiedete sich höflich und ging die Tür hinaus.

 

Es war irgendwann nach zehn. Inzwischen war ich alleine. Ich saß im Stützpunkt und las in der Akte des Mädchens. „Ein Wunder, dass sie noch lebt.“, dachte ich mir. Ihr Körper wurde als völlig ausgetrocknet beschrieben. Das Herz schlug nur noch leicht. Es schien, als seien die Körperfunktionen auf ein Minimum zurückgefahren, welches gerade so das Überleben sicherte. Als man sie gefunden hatte, war die Frau gar nicht ansprechbar. Auch während der Untersuchung schlugen alle Versuche fehl, ihr Fragen zu stellen. Poch, poch, poch – durch ein lautes Klopfen wurde ich aus meiner Konzentration gerissen. Mit einem lauten Schrei schreckte ich auf. Nachdem ich mich wieder gesammelt hatte, sah ich in die Richtung, aus welcher das Klopfen kam. An der Tür zum Treppenhaus stand ein Mann, der mich amüsiert angrinste, als sei ich vortrefflich auf einen Streich hereingefallen. Durch die Scheibe hörte ich ihn dumpf rufen: „Ich habe eine Blutlieferung, lassen Sie mich rein?!“ Natürlich drückte ich den Türöffner, sodass der Mann seine Lieferung ausführen konnte. Auf einem silbernen Wagen wurde das Blut auf die Station gebracht. Ich musste die Lieferung entgegennehmen. „Da habe ich Sie wohl erschreckt.“, sagte er mit einem höhnischen und zugleich freundlichen Lächeln. „Ja!“, antwortete ich knapp und lächelte erzwungen zurück. Ohne einen weiteren Kommentar dazu hielt er mir einen Zettel unter die Nase und bat mich zu unterschreiben. „Schöne Nacht noch!“, sagte der Lieferant freundlich, nachdem ich unterschrieben hatte. Daraufhin machte er sich wieder von der Station. Während die Tür langsam zuging, nahm ich den Wagen mit mir, um die Infusion vorzubereiten.

Als ich die Infusion fertig zubereitet hatte, ging ich zu Zimmer Nummer sechs, wo die Patientin lag. Während ich den Infusionsständer neben mir herschob, überkam mich ein ungutes Gefühl. Es war nicht so, dass ich Angst gehabt hätte. Es war eher…ich wollte diesen Anblick nicht noch einmal ertragen müssen. Doch ich musste. Widerwillig betrat ich den dunklen Raum. Ein leichter Gestank drängte sich in meine Nase. Ich kannte diesen Geruch: Der Geruch von Verwesung! Übelkeit überkam mich. Mit einer zügigen Handbewegung schaltete ich das Licht an. Augenblicklich ertönte ein schwaches Knurren, als würde sich jemand von dem Licht gestört fühlen. Es kam von der jungen Frau, die regungslos im Bett lag. Ich war erleichtert, ein Lebenszeichen von ihr vernehmen zu können. Damals wusste ich noch nicht, von welchem Verlangen dieses Knurren erfüllt war. Ich nahm ihren Arm, an dem bereits ein Zugang für die Infusion gelegt wurde. Die Schwester dürfte keine Probleme gehabt haben, einen passenden Punkt für den Einstich zu finden. Die Adern stachen deutlich hervor, wie Flüsse auf einer Landkarte. Ein Ekel überkam mich, als ich ihre Haut berührte. Sie war rau und trocken. Als Pfleger sollte mich so etwas nicht beeindrucken, ich weiß. Es war auch etwas unprofessionell, mich bei solchen Gedanken ertappen zu müssen. Doch was konnte ich dafür? Letztlich siegten doch Neugier und ein bisschen auch die Sensationslust. Der Gestank wurde bereits von meinen Sinnen ausgeblendet. Ich hätte das nicht machen sollen – trotzdem beschloss ich ihren Arm genauer abzutasten. Tatsächlich: Deutlich konnte ich ihre Knochen spüren! Es war, als würde ich eine eingegangene Leiche anfassen. Fast schon beschämt fasste ich mich wieder und kehrte zu meiner Arbeit zurück. Als ich die Infusion anschloss, bemerkte ich, dass so gut wie kein Blut heraustrat. Normalerweise müssen wir erst etwas Blut mit einer Spritze sozusagen „abpumpen“. „Die ist ja wirklich fast blutleer“, dachte ich mir. Umso wichtiger war es, die Infusion schnell anzuschließen. Damit war meine Arbeit zwar getan, trotzdem hielt mich etwas an diesem Ort. Etwas in mir wollte schnell alles packen und aus dem Zimmer gehen. Doch ein anderer Teil war stärker und zwar der Teil, welcher sich an dem Ungewöhnlichen Ergötzen wollte. Ihr kennt es: Wie ein Unfall – man will nicht, doch schaut trotzdem hin. Ich sah auf eine junge Frau, deren Körper zerfallen war. Ihr Zustand wirkte auf mich bemitleidenswert. An manchen Stellen schienen Teile ihre Haut schon abgefallen zu sein. Das Muskelgewebe kam dort zum Vorschein. Dieser unangenehme Geruch trat wieder in mein Bewusstsein. Es war, als würde die Arme verwesen – doch sie lebte! In irgendeiner Art zumindest. Als würde sie lebendig verwesen! Der Anblick fesselte mich. Endlich schaffte ich es, mich von meiner Faszination zu befreien und ein mulmiges Gefühl überkam mich. Dieses Gefühl, welches man als Kind hatte, wenn die Eltern einen in den Keller schickten. Kennt ihr das? Ich tat, was ich damals in solchen Situationen am liebsten gemacht hätte: Schnell verlies ich den Raum. Die Bilder blieben jedoch in meinen Kopf. Auch der Gestank wollte nicht aus meiner Nase weichen.

 

Zügig ging ich zurück zum Stützpunkt. Es gab Arbeit: Papierkram, nach Patienten sehen und so weiter. Ab und zu „klingelte“ jemand, dann musste ich in das jeweilige Zimmer und nach dem Rechten sehen. Inzwischen war es halb eins. Weil sich der Papierkram dem Ende zuneigte und ich der Auffassung war, eine Pause verdient zu haben, spielte ich an meinem Handy. Vertieft in mein Spiel, bemerkte ich nicht, dass eine Tür aufging. Im Hintergrund waren ein Rollen und leichte Schritte zu hören, die auf mich zukamen. Da ich ansonsten tagsüber in der Klinik arbeitete und daher Geräusche gewöhnt war, konnte ich das gut ausblenden. Erst als ich im Augenwinkel etwas sehen konnte, schaute ich auf. Fast wäre mir ein Schrei entfahren. Da war eine junge Frau! Hinter der Scheibe stand ein etwas 17-jähriges Mädchen und lächelte mich freundlich an. Auch jetzt sehe ich sie noch in meinen Erinnerungen deutlich vor mir stehen. Neben sich hielt sie ihren Infusionsständer in der Hand, von welche der leere Blutbeutel baumelte. Es musste die Patientin aus Zimmer Nummer sechs gewesen sein. Doch sie war verändert, fast gesund. Ich konnte mir das nicht erklären! Wie erstarrt schaute ich auf die Frau, welche vor paar Stunden noch wie eine Leiche regungslos im Krankenbett lag. Keinen Ton bekam ich heraus, kein Glied meines Körpers bewegte sich. Die junge Frau lachte nur, wie über einen pubertären Jugendlichen, der zum ersten Mal ein Mädchen Küssen sollte. „Darf ich reinkommen?“, sagte sie mit einem verschmitzten Lächeln und süßer Stimme. Langsam kriegte ich mich wieder ein und bekam stammelnd ein leises „Ja!“, heraus. Daraufhin ging sie langsam und mit kleinen Schritten die Tür hinein. Jetzt merkte ich, dass sie immer noch geschwächt zu sein schien. An ihrem Infusionsständer festklemmend stellte sie sich vor mich und reichte mir die Hand.

„Ich heiße Sabrina.“

Zögernd erwiderte ich ihren Handschlag und sagte „Teo.“ Ihre Hand fühlte sich weich an, nicht wie die Haut, welches ich vorhin berühren musste.

„Nein: Sabrina!“, antwortete sie und schaute mir verschmitzt in die Augen.

„Ich mach nur Spaß!“, fügte sie mit einem Lachen hinzu, nachdem ich ein paar Sekunden nichts zu sagen wusste. Dabei schlug sie mir leicht auf die Schulter.

Danach schwiegen wir uns erstmal „eine Runde“ an. Es war mir peinlich, was hätte ich in dieser Situation machen sollen? Alles war so verwirrend und surreal. Ich war es, der das Schweigen endlich brach.

„Du bist also die Unbekannte aus Zimmer Sechs?“

„Ich habe nicht darauf geachtet in welchem Zimmer ich liege.“ Sie war weiterhin freundlich, in ihrer Stimme lag jedoch ein Kratzen. Sie klang schwach und müde. „…doch ich schätze die bin ich.“

Ein Schauer raste über meinen Rücken. Sie sah wie ein normales Mädchen aus. Wie konnte das in den paar Stunden passieren? Ich hatte nicht mehr das Skelett vor mir stehen, welches sich mir im Krankenbett präsentierte. Auch ihr Gesicht hatte wieder Farbe bekommen. Trotzdem schaute ich weiterhin in das bleiche Antlitz einer jungen Frau. Es wunderte mich, dass alles so schnell und so gut zu wirken schien. Ihre Haare waren auffällig: Sie waren blond, sehr blond – fast schon weiß. Das fiel mir vorhin nicht auf. Als ich merkte, dass ihre Beine zittern, wendete ich mich von ihrem Gesicht ab. Na klar, ich hatte ganz vergessen ihr einen Platz anzubieten. Sie schien sich bald nicht mehr halten zu können. Natürlich bot ich ihr unverzüglich an, sich auf einen Stuhl zu setzen.

„Du hast dich ja gut erholt.“, sagte ich.

„Ja…jedoch brauche ich mehr Blut und Wasser, viel Wasser – ich habe Durst.“ Anscheinend war das der Grund für ihr Kommen. Es wurden mehrere Blutreserven bestellt. Ich hatte die Aufgabe sie zu wechseln, wenn der erste Beutel durchgelaufen ist.

„Kein Problem!“, antwortete ich „Aber unter einer Bedingung.“, fügte ich mit einem Lächeln hinzu, welches signalisieren sollte, dass meine Aussage nicht ganz ernst gemeint war. Langsam war die Unsicherheit gewichen, stattdessen wollte ich mehr über die mysteriöse Patientin erfahren. „Du erzählst mir mehr von dir. Leider konnten wir keine Personalien finden, nichts ist von dir bekannt.“

„Ich bin Sabrina Wagner, 19 Jahre alt.“, schoss es aus dem Mädchen heraus „…und Single.“, scherzte sie mit einem Augenzwinkern. War das eine Anmache? Ich wäre nicht abgeneigt gewesen. Sie war ein hübsches Mädchen mit einer sympathischen Art. Ihre Ausstrahlung hatte etwas Verführerisches. Allerdings hatte ich noch die lebende Leiche von vorhin im Kopf. Diese hatte zwar Mitleid in mir hervorgebracht, war jedoch auch abstoßend und erfüllte mich gleichzeitig mit Ekel.

„Und was ist mit dir los? Warum bist du vor dem Krankenhaus zusammengebrochen?“, ich versuchte mehr aus ihr heraus zu bekommen.

„Erst Wasser, dann die Informationen.“, sagte sie bestimmt, „…und Blut!“

Daran hätte ich denken müssen. Sie bekam so gut wie kein Wort mehr heraus. Ich gab ihr zu trinken und bereitete die Infusion vor. Als ich fertig war hatte sie bereits die zweite Flasche getrunken. Ich setzte mich wieder zu ihr hin.

 

„Ich weiß selbst nicht genau, was mit mir los ist.“, fing Sabrina nun an zu erzählen, „Vor ein paar Tagen fing es an. Ich hatte unendlichen Durst, den ich nicht stillen konnte. Meine Haut trocknete aus und schälte sich an manchen Stellen. Ich hatte Schmerzen und wurde immer schwächer. Irgendwann konnte ich mich nur noch schwer bewegen. Also beschloss ich, ins Krankenhaus zu gehen. Ich ließ alles zuhause – Handy, Geldbeutel – und ging los. Humpelnd kam ich vor die Tür des Krankenhauses, bis ich nur noch krabbeln konnte und am Ende zusammenbrach.“ Mitleid überkam mich. Ich nickte und suchte in meinem Kopf nach einer Krankheit, zu welcher die Symptome passen könnten. Mir fiel aber keine ein. Ich bin ja auch nur ein Pfleger und kein Arzt, dazu noch ein sehr junger. Trotzdem konnte ich in meiner bisher kurzen Laufbahn Erfahrungen sammeln und habe bereits das Ein oder Andere erlebt. Daher würde ich mich als einigermaßen erfahren bezeichnen.

„ich habe zwar noch Schmerzen und bin durstig, doch ihr habt mich anscheinend wieder ganz gut hinbekommen.“, beendete das arme Mädchen ihre Ausführung. Durstig? Das Wasser war ihr wohl nicht genug. „Wenn du noch Durst hast, kann ich dir gerne etwas bringen.“, sagte ich darauf, bereits im Begriff aufzustehen. „Das wäre nett!“, antwortete sie mit einem unschuldigen Lächeln. Als ich zurückkam nahm sie sofort die Flasche aus meiner Hand und machte sie in einem Zug leer. Das wunderte mich in keinster Weise. „Ich sollte wieder auf mein Zimmer gehen und mich hinlegen.“, sagte Sabrina, als ich mich wieder gesetzt hatte. „Natürlich.“, antwortete ich verständnisvoll. Inzwischen war das Eis einigermaßen geschmolzen und die Nervosität verflogen.

Mit einer neuen Wasserflasche und einem Glas begleitete ich sie in ihr Zimmer. Der Geruch von Verwesung, welcher sich wieder leicht an meine Nase schmiegte, erinnerte mich augenblicklich an die „Leiche“ von vorhin. Schon fast hätte ich vergessen, wer oder „was“ noch vor wenigen Stunden in diesem Bett lag. Zum Abschied gab Sabrina mir eine herzliche Umarmung. So wollte sie sich anscheinend bedanken. Ein Kälteschauer überkam mich da. Es war, als würde mich eine Tote umarmen. Ihr ganzer Körper war kühl, wie ein Eiszapfen. Beim Hinausgehen drehte ich mich noch einmal nach ihr um. Ich bemerkte, dass auch sie mich ansah. Sie lächelte und sagte „Machst du noch das Licht aus?“ Ich erwiderte ihr Lächeln und antwortete „Na klar!“ Während ich das Licht ausmachte sagte sie „Gute Nacht!“ Ich erwiderte ebenfalls „Nacht!“

 

Ich neigte mich wieder meiner Arbeit zu. Das heißt den Papierkram fertig machen, am Handy spielen und ab und zu in die Zimmer rennen, wenn jemand geklingelt hatte. Es war fast schon Morgen, als ich etwas im Augenwinkel bemerkte. Ein heller Fleck, welcher an der Decke vorbeihuschte. „Jetzt bekomme ich schon Tagträume.“ Es war spät und ich müde. Daher dachte ich mir nichts dabei. Wenige Sekunden später jedoch, folgte meiner Beobachtung ein lärmendes Geräusch. Das Aufprallen von Metall auf einen dumpfen Untergrund. Es kam aus einem Raum unmittelbar neben dem Stützpunkt – von dort wo das Blut aufbewahrt wird. Erst zögerte ich. Als eine Reihe weiterer Geräusche folgte, fasste ich mir jedoch ein Herz. Das sollte ich später bereuen. Ich dachte an ein Tier, nicht an das, was ich dort vorfinden musste. Beim Betreten des Raumes schaltete ich sofort das Licht an. Da bot sich mir ein Anblick, den ich nicht erwartet hätte: Ich trat in eine Lache von Blut. Auf dem Boden waren ausgequetschte Beutel verteilt – daneben der umgeworfene Wagen. Doch was meine Ohren wahrnehmen mussten, war weitaus beunruhigender. Schmatzen und gieriges Schlürfen drangen von über mir an mich ran. Jetzt bemerkte ich Bluttropfen, die von der Decke kamen. Instinktiv musste ich dorthin schauen. Kopfüber hing da etwas Unbeschreibliches. Halb Mensch, halb Biest. Die raubtierartigen Krallen dieser Kreatur hatten sich fest in die Decke gerammt. Wie ein Mantel schmiegten sich ihre fledermausartigen Flügel an den Körper, währendem sie den Rest eines Beutels aussaugte. Ich konnte mir denken, dass es einer der Blutbeutel war. Mit ihrer langen, spitzen Zunge leckte die Gestalt den letzten Rest des Inhalts heraus. Als sie mich bemerkte kam der größte Schock auf mich zu: Ich schaute in das fahle blasse Gesicht einer menschlichen Frau. Ich konnte es gut erkennen: Es war Sabrina! Ein weiteres Mal hatte sie sich verändert. Aus ihrem weitaufgerissenen Maul ragten spitze Reißzähne, wie die eines Raubtieres. Gierig fokussierte sie mich mit ihren nun gelben, katzenartigen Augen – Wie ein Jäger, bevor er zuschlägt. Ehe ich mich aus meiner Schockstarre lösen konnte, war es um mich geschehen. Mit einem gurgelnden Geräusch sprang die Kreatur auf mich zu. Die Krallen drangen immer tiefer in mein Fleisch, als sie meine Arme festhielt. Ich konnte mich nicht wehren gegen dieses Biest. Auge und Auge schauten wir uns an. Ich konnte ihren verfaulten Atem riechen. Am schlimmsten war der Schmerz, als sich die Kreatur in meinen Hals festbiss. Blut strömte aus meinem Körper. Mit jedem Tropfen wurde ich schwächer. Schwindel und Übelkeit überkamen mich. Hattet ihr schon Blut abgenommen bekommen? Stellt euch vor dabei wird euer Ganzer Körper leergesaut. Ihr könnt euch diesen Schmerz nicht vorstellen. Die Kreatur musste von mir abgelassen haben. Wie im Traum kann ich mich noch daran erinnern, wie ich nach Luft ächzend auf dem Boden gegrabbelt bin, während ich versucht hatte, meine Blutung am Hals zu stoppen. Ich weiß nicht mehr, was in diesem Moment mein Plan war. Anscheinend versuchte ich an Verbandszeug oder irgendeine Medizin zu kommen.

Später wurde ich von der Frühschicht bewusstlos aufgefunden. Das nächste an was ich mich erinnern kann, ist die Decke eines Krankenzimmers. Zum Glück war ich bereits im Krankenhaus. Ich wurde auf die Chirurgie gebracht und notoperiert. Diesen Beitrag schreibe ich, für den Fall, dass ich an meinen Wunden erliege. Ihr solltet wissen, dass es da draußen Raubtiere gibt, von deren Existenz wir noch nichts ahnen. Das hier ist eine Warnung! Ihr wisst nun, wie ihr sie erkennen könnt. Schlagt zu, solange sie noch schwach sind. Später werdet ihr nicht mehr die Gelegenheit haben. Im Moment bekomme ich schon die Dritte Blutinfusion. Meine Haut sieht inzwischen besser aus. Sie hat wieder etwas Farbe bekommen. Trotzdem ist sie immer noch spröde und schält sich an manchen Stellen. Auch Flüssigkeit wird mir zugeführt. Doch sie kann meinen Durst nicht stillen. Wie viele Flaschen habe ich schon getrunken? Ich weiß es nicht. Ich brauche mehr! Ich habe Durst, zu viel Durst!

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6 Kommentare

  1. Hallo lieber Vlad,

    wir haben als Beginn des Projektes [CrimeZ] deine Creepypasta vertont. Selbstverständlich haben wir dich namentlich erwähnt sowie deinen Beitrag, hier im Wiki, markiert. Es ist mir eine Freunde, dir das Video zu senden.

    Mit schaudrigsten Grüßen,
    CrimeZ.

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