GeisteskrankheitKurz

Menschenhass

„Ich hasse Menschen. Ich hasse sie. Ich habe sie schon immer gehasst. Hasse, wie sie atmen. Hasse, wie sie fühlen, hasse was sie tun… hasse, dass sie existieren. Menschen sind Abschaum, könnte ich es, ich würde es tun. Ich würde sie eliminieren. Alle. Ausnahmslos. Verreckt. Ertrinkt in eurer Erbärmlichkeit. Erstickt an euren eigenen Worten und verbrennt auf dem Scheiterhaufen eurer unfassbar endlosen Dummheit. Ich hasse Menschen. Ich hasse sie.“

„Nicht schlecht.“

„Findest du?“

„Es hat einen apokalyptischen Flair.“

„Es wird die Apokalypse werden.“

Ben spielt mit seinem Kugelschreiber herum, das Papier vor ihm betrachtend. Ja. Wir werden es tun. Denke ich. Wir zwei. Ich und Ben. Wir tun es. Zusammen, so wie wir immer alles getan haben. Seit ich denken kann, leben wir eng zusammen. Man könnte fast sagen, wir sind unzertrennlich. Viele haben es versucht uns auseinander zu bringen, viele sind daran gescheitert. Haha. Wen wundert’s. Menschen können nichts, verstehen nichts und alles, was sie nicht verstehen, zerstören sie. Aber Ben und ich. Wir, wir sind unzerstörbar. Keiner kann und wird uns jemals trennen, nicht einmal der Tod.

„Ein bisschen Angst habe ich schon.“

„Wovor?“

„Vor dem Ende. Dem nicht mehr sein. Dem Licht am Ende des Tunnels.“

„Das ist doch nur eine Metapher.“

„Du könntest recht haben. Aber was ist, wenn dort wirklich ein Licht ist?“

„Was soll dann sein?“

„Werden wir hineingehen?“

„Wenn du hineingehen willst, werde ich dir folgen.“

„Das ist die Antwort, die ich hören wollte.“

Zusammen. Zusammen für immer und noch weiter. Ben und ich, gegen den Rest der Welt. So war es schon immer. Schliesslich sind wir beide gefangen. Gefangen in einem Körper. Gefangen in einem Menschen. In einem Körper, den wir hassen.  Wir hassen ihn. Alles an ihm. Wie er geht, wie er atmet, wie er funktioniert, wie er aussieht.

Ben hatte versucht ihn zu zerstören. Das war vor drei Tagen gewesen. Wir sind zu der alten Holzhütte gefahren, dort wo wir immer hinfahren, wenn wir ungestört miteinander reden wollen. Wir hatten ein Messer mitgenommen. Kaum angekommen, wollte es Ben direkt versuchen und hatte zum Schnitt angesetzt. Die Klinge glitt durch die Haut hindurch wie durch weiche Butter. Blut quoll hervor, viel Blut, desto tiefer Ben schnitt. Es tropfte auf den Boden zu unseren Füssen. Die Blutlache unter unseren Sohlen wurde grösser und grösser und die Sicht immer kleiner und kleiner. Irgendwann verlor unser Körper das Gleichgewicht, wir landeten mit den Knien in unserem Lebenselixier. Es war warm, roch metallisch und fühlte sich an wie der Tod, der einen sanft umarmt und versucht mit sich mitzureissen. Einen aus dieser Welt zu holen und in eines Reich zu ziehen. Ein besseres Reich. Ohne Menschen, die atmen. Fühlen. Und tun, was sie tun.

„Du bist so still.“

„Ich schwelge in Erinnerungen.“

„Die Nacht vor drei Tagen?“

„Ja.“

„Es hat sich richtig angefühlt.“

„Und wie.“

„Wäre nur nicht dieser Jäger gewesen…“

„Wäre er nicht gewesen, müssten wir nicht tun, was wir tun müssen.“

„Du hast recht.“

Der Hund des Jägers hatte unser Blut gerochen, uns aufgespürt, wie wir da so lagen im Dreck, ausblutend und darauf wartend, dass es endet. Wir haben dem stetig langsameren Klopfen unseres Herzens zugehört. Wie paralysiert darauf gehofft, dass es aufhört seinen Dienst zu tun und somit Ben und mich aus diesem Körper befreit.

„Charlie?“

„Ja?“

„Was ist, wenn du vor mir gehst?“

„Das werde ich nicht.“

„Wie kannst du dir so sicher sein?“

„Weil wir unzertrennlich sind. Wenn wir gehen, dann gehen wir gemeinsam.“

„Ich habe so Angst, dass einer von uns zurück bleibt. Einer von uns hier bleibt, während der andere fortgeht. Einer von uns in diesem Körper eingesperrt ist für immer, und alleine.“

„Du redest Unsinn. Wir bringen uns um. Wir bringen diesen Körper um und mit ihm hundert andere. Wenn dieser Körper nicht mehr sein wird, dann werden wir nicht mehr sein. Verstehst du? Keiner wird zurückbleiben. Wir lassen niemanden am leben.“

„Keiner wird zurückbleiben“, wiederholt Ben, umklammert den Kugelschreiber etwas fester in seiner Hand und hakt den letzten Punkt auf der Liste ab, ehe er das Manifest in den Umschlag packt und mit einer Briefmarke verseht. “Und niemand wird überleben.”


 

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