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Mordhelm

Wo soll ich nur anfangen?.. Ich schreibe diese Zeilen, obwohl ich keine Ahnung habe womit. Ich weiss nur, dass dieses Ding, dass ich in Händen halte, dazu in der Lage ist. Doch ist es nicht nur dieses mir unbekannte Schreibutensil, dass mir grosse Sorgen bereitet. Praktisch nichts in meiner näheren Umgebung ist mir vertraut. Selbst die Rüstung, die ich bei meiner ”Ankunft” getragen habe ist nicht meine eigene. Ganz zu schweigen von der Behausung, in der ich mich seit nunmehr 2 Tagen befinde. Das Letzte, an das ich mich erinnern kann, war die Schlacht beim Suhr-Graben nahe Schloss Banningstan.

Ich, Sir Cowen und Sir Dillinger waren vom Rest unserer Leute abgeschnitten. Umzingelt von Rot-Röcken taten wir unser Bestes unsere Feinde davon abzuhalten in das Farmhaus einer 4 köpfigen Bauernfamilie einzudringen und Gott weiss was mit ihnen anzustellen. Dillinger fiel als erster. Sein Kopf wurde von einem Axt-schwingenden Hühnen gespalten, noch ehe ich bei ihm war. Cowen stand bis zu Letzt an meiner Seite. Niemals werde ich seine letzten Worte vergessen: „Haltet euren Mut immer nah bei Euch, Bruder. Auch wenn euer ”immer” nur noch wenige Sekunden dauern mag.“, sagte er heiter, bevor er drei weitere Gegner nieder streckte und schliesslich durch einen Pfeil in den Hals zu unserem Herrn gerufen wurde.

Danach geriet ich selbst in Bedrängnis. Ich flüchtete in die Hütte, verbarrikadierte den Eingang und erkundigte mich nach dem Wohl der Familie. Ich kann kaum in Worte fassen, welch enormer Druck auf meinem Herzen lastete, als ich den Eltern dabei zusah, wie sie den beiden Mädchen die Kissen auf die kleinen Gesichter gedrückt hatten. Und doch tat ich nichts dagegen. Es wurde ihnen bestimmt schlimmeres erspart.. Jedenfalls rede ich mir das ein.. Dann waren da nur noch Schreie.. und Flammen. Erdrückende, dreckige Luft – Ein Gefühl der Leichtigkeit.

Und obwohl dies alles wie in einem anderen Zweig meines Daseins passiert zu sein scheint, sehe ich mich noch immer von Feinden umzingelt. Doch diese hier sind nur noch mit Kreaturen aus Schauergeschichten zu vergleichen. Ich ging nach draussen – Vor einem Tag. Vergönnt waren mir nur wenige Schritte an der ebenso furchterregenden wie atemberaubenden Welt, die sich mir auftat, bis ich von den unheimlichsten Geräuschen heimgesucht wurde, die ich mir vorstellen kann. Sie sehen aus wie Menschen – Brüllen und kreischen unverständliches Zeug. Ihre Kleidung ist alt, dreckig und verwittert, genau wie ihre blutigen Visagen, die mir den Schauer meines Lebens beschert hatten. Sie bewegen sich schnell. Wäre ich weiter von diesem Ort entfernt gewesen, wäre ich ihnen bestimmt in die Arme gelaufen. Aber meine Flucht zurück ins Haus gelang. Vorerst, denn ich weiss nicht genau wie sich alles entfalten wird.

Ich sehe diese Kreaturen, wenn ich durch die Fenster spähe. Fenster aus richtigem Glas. Sie stolpern seit meinem kleinen Spaziergang auf allen Seiten des Hauses herum. Eine Flucht durch eines der Fenster wäre eine Option – Aber bis auf die, in den Zimmern des oberen Stockwerks, von denen die meisten bei meinem Erwachen weit offen standen und einem bestialischen Gestank Einlass gewährten, sind alle von aussen verbarrikadiert. Ich könnte mich bei einem Sprung in voller Montur auch verletzen. Ich denke ich lasse die Fenster im unteren Stockwerk wie sie sind, denn ich zerstöre nur ungern etwas dermassen Wertvolles. Ich werde wohl einfach durch die Haustür verschwinden, wenn der Zeitpunkt günstig ist.. Die seltsam verpackten Vorräte an Wasser und Nahrung, die ich in einem Vorratsraum gefunden habe, müssten eigentlich für ein paar weitere Tage reichen – Wenn es denn eine Eigenschaft meines Wesens wäre, still herum zu sitzen.

Draussen dominieren schwarze Wolken eine düstere und zerstörte Einöde. Es ist als hätten die Flammen im Farmhaus diese ganze, verdammte Erde in den Abgrund der Hölle geschickt. Wahrlich muss dies das Fegefeuer sein.. Dennoch.. Wenn ich hier bleibe werde ich dem Wahnsinn anheim fallen, so viel ist sicher. Nein.. Ich muss herausfinden was mit mir passiert ist. Vielleicht gibt es jemanden, der mir helfen kann. Deshalb werde ich mir Sir Cowen’s letzte Worte zu Herzen nehmen und mich der Gefahr ein letztes Mal stellen – Wenn es denn der Wille des Schöpfers sein mag, mich zu sich zu rufen. Herr vergib mir meine Sünden und erfülle meine Seele auf ihrem Weg mit deinem Licht. Falls jemand in naher oder Ferner Zukunft diese Worte liest, wisset: Ich war Sir Gidian Mordhelm von Cussax. Kein weiteres Mal.. Liess ich mich einsperren.“

Gidian legte den ihm völlig fremden Stift bei Seite, lehnte sich im Stuhl zurück und verweilte in seiner typischen Nachdenklichkeit, während sein Blick durch das Zimmer wanderte. Im Gegensatz dazu, was er von der bisherigen Welt da draussen gesehen hatte, wirkte es hier drin eigentlich ganz gemütlich. Wie lange war es wohl her, dass jemand hier gewesen war? All zu lange konnte es Gidians Meinung nach nicht sein, denn als er mit seinem Finger über die Platte des Holztisches fuhr, haftete kein Staub daran.

Kopfschüttelnd fächerte er einen Stapel Dokumente auseinander und untersuchte ein Papier nach dem anderen. Hatte der Hausherr denn GAR keinen Hinweis oder eine Notiz hinterlassen? Nichts dergleichen. Unter den Papieren waren nur einige Briefe an einen gewissen Joel Sonders, aus denen Gidian nicht schlau wurde. Das wenige, das er aufgrund dieser schnörkeligen Schrift entziffern konnte deutete aber darauf hin, dass es diesem Joel nicht gut zu gehen schien. Dann war noch von einem seltenen Gegenstand die Rede, der in Joel’s Besitz gewesen sein soll.

Sei vorsichtig damit Joel, es könnte gefährlich sein! Schmeiss es am besten gleich weg – Oder besser noch: Vergrab es! Im Wald hinter deinem Haus wird es wohl kaum jemand wiederfinden..“, schrieb der Absender. Linda May.. Eine Freundin? Schwester? Tante? Seufzend klatschte er die Dokumente zurück auf den Tisch. „Ziegenscheisse, verfluchte, verdammte!“, fluchte er und bekreuzigte sich sofort für seinen Ausbruch an Unflat. „(Murmelnd) Ruhig bleiben.. Ich finde Antworten.. Ich finde sie..“

Er erhob sich vom Stuhl und verliess das Zimmer durch die einzige Tür in den Flur. Vor dem Badezimmer zu seiner rechten blieb er kurz stehen. Noch immer lag er da wo er ihn zurück liess. Dieser kleine Splitter eines farblosen Kristalls, den er gestern aus seinem Hals entfernt hatte. Zurück geblieben war nur ein kleiner blauer Fleck auf seiner Haut. Zudem fühlte sich die Stelle leicht geschwollen an.. Was wenn dieser Kristall etwas.. hmm.. Gidian schnaubte und verwarf den Gedanken gleich wieder. Was sollte an diesem Splitter schon so speziell sein? Hatte er sich den halt eingefangen, als er bewusstlos mit dem Oberkörper auf dem Tisch gelegen hatte. Er betrat das Bad, stellte sich vor den Spiegel und begutachtete sein Gesicht. Irgendwie war er sich selbst fremd.

War er schon immer so hager gewesen? Hatten seine kurzen Haare schon immer einen so dunklen Ton? Und die Augen? Blau, ja – Aber so hell? Als er sich so anstarrte, schlug ihm plötzlich ein Gefühl der Widerwärtigkeit gegenüber ihm selbst auf den Magen. Es war ganz klar – Etwas stimmte mit ihm überhaupt nicht.. Er konnte jedoch beim besten Willen nicht sagen was es war. „Ich.. muss hier endlich raus..“, keuchte er, würgte und verliess mit schnellen Schritten das Bad in Richtung Schlafzimmer, das im Erdgeschoss lag.

Die nächsten Minuten, in denen er sich die Plattenrüstungsteile an seiner Kleidung festzurrte, wurden von durch die Luft geisternden Klagelauten begleitet. Die schweren Schnürkampfstiefel, die er trug passten zwar optisch zu der ebenfalls schwarzen Cargohose und dem grauen Hemd – Erschienen ihm aber, obwohl sie bequem waren, ebenso fremd wie alles andere an diesem seltsamen Ort. In Gidians Kopf war es ganz still.. Er fokussierte seine Gedanken auf die Tugenden eines Ritters. Edelmut, Aufrichtigkeit, Treue, Stolz, Tapferkeit, Mässigung und Mut. Mut.. Die Bilder von Sir Cohens Tod flackerten durch Gidians Verstand.

Er musste sich einen Moment hinsetzen und sammeln. „*Schweres Atmen* .. Es war alles meine Schuld.. Hätte ich nicht darauf beharrt diese Familie zu schützen, wären wir alle vielleicht noch am Leben.. Zu viele habe ich durch dieses törichte Vorhaben dorthin gelockt. Vielleicht hätten die Rotröcke die Bauern nur versklavt und dann wieder freigelassen? Die Mädchen hätten vielleicht nicht leiden müssen.. Die Eltern wären nicht gezwungen gewesen ihre.. *Atmer * Entschuldigt, Bruder *Weint*“

In der Tat ging Gidian, Cohens Tod nahe. Nicht nur weil er sein jahrelanger Kamerad im Dienste des Königs war, sondern auch weil Gidian sich bei Cohens Familie immer willkommen und wohl gefühlt hatte. Die Gespräche mit Ilona – Cohens Gattin waren von einer Qualität an Tiefsinn geprägt, die man beim gewöhnlichen Folk kaum vorfinden würde. Gespräche über die Existenz, die Mysterien des Universums – Die Last der eigenen Gedanken.. Cohen’s 10 Jähriger Sohn Aaron strotzte vor Energie und Fantasie, wenn Gidian mit ihm spielte. Am Liebsten hatte Aaron es, wenn Gidian mit ihm auf Schatzsuche ging und während den Spaziergängen durch Wald und Fluss von heldenhaften Abenteuern erzählte.

Er erinnerte sich gut an den Gesichtsausdruck des Jungen, wenn dieser Gidians zuvor versteckte Schätze fand. Einmal ein alter Ring unter einem Stein. Einmal ein geschnitztes Holztierchen verscharrt vor einer grossen Eiche. Doch egal was die Belohnung versprach – Aaron ging es um die Zeit mit Gidian. Und umgekehrt war es genau so. „Ruhm und Ehre Soldat! *Kicher*“, rief der Junge bei jedem Abschied, bevor er stolz salutierte. Was wohl aus ihnen geworden ist? War er, Gidian überhaupt noch in seiner Zeit? Es war zum verrückt werden.

Vom Gewicht der beängstigenden Umstände erschöpft, kam Gidian wieder auf die Beine. Er zwang sich nicht mehr nach zudenken und einfach zu handeln. Wenig später betrat er den Vorratsraum, in dem er die Nahrungsmittel vorgefunden hatte. Sie waren alle sorgfältig in einem Regal verstaut neben dem ein schwarzer Rucksack der Marke DostoCorp lag. Gidian besah sich das Motiv des in grün gekleideten, maskierten Soldaten mit der Schallgedämpften in der Linken auf der Vorderseite. Er stand ruhig und mit gesenkter Pistole zwischen einer Ansammlung von karibischen Kiefern. Sein Mund war von einem grünen Tuch verdeckt und der rechte Arm kaum noch als Arm zu bezeichnen, denn er wirkte eher wie ein Geflecht aus pechschwarzen Wurzeln.

Das Bild beeindruckte Gidian auf eine sonderbare Weise. Er befüllte den Rucksack mit vier Dosen Trockenfleisch, zwei schwarz verfärbten Äpfeln – Die trotz der eigentümlichen Farbe frisch und Nahrhaft wirkten, drei 500ml Flaschen Wasser, einer kleinen Tüte Sick-Chipz – Was auch immer das sein sollte – Und einem Haselnuss-Schokoriegel.

Bäh.. Nüsse..“, kommentierte Gidian den unschuldigen Riegel, „Aber ich muss wohl nehmen, was ich kriegen kann..“ Er trat aus dem Vorratsraum ins Wohnzimmer und stellte den Rucksack an eine Kommode neben der Haustür. Diese Schätze würde er erst mitnehmen, wenn er den Bereich gesäubert hatte. Sein Blick glitt zum grossen Esstisch hinüber, wo sein neuer Topfhelm mit simplem Augenschlitz und ein solide gefertigter Zweihänder lagen. Gidian wurde einfach nicht schlau aus der ganzen Sache. Der Hausherr wollte offensichtlich, dass Gidian eine Chance hatte. Warum sollte er ihm sonst all die Ausrüstung da lassen?

Bevor er sich den Helm überstülpte und sich für den Aufbruch bereit machte, lief er noch einmal durchs Zimmer. Vielleicht hatte er bei seiner gestrigen Erkundung des Hauses DOCH noch etwas übersehen. Oben, im Bad und im Büro war jedenfalls, ausser den Briefen und einem Regal mit zwei, drei Büchern über irgendwelchen Medizin-Firlefanz, von dem Gidian nicht die Bohne verstand, praktisch nichts vorzufinden. Das Haus wirkte zwar aufgeräumt, war aber leider genau so arm an Gegenständen, die Gidian irgendetwas über seine Situation preis geben konnten.

Im Keller war lediglich Staub und ein merkwürdig rötlicher Rauch gewesen, der durch einige Ritzen in der Hausmauer drang. Er roch ziemlich würzig, schmeckte aber extrem bitter auf der Zunge, was Gidian veranlasste dieses öde Kellerloch auf der Stelle wieder zu verlassen. Im Schlafzimmer hingegen hatte er ausser einer schnellen Inspektion, sowie zur ”Ent”- und ”Be”kleidung am wenigsten Zeit mit seiner Suche nach Antworten verbracht. Also betrat er es erneut und scannte den kleinen Raum mit dem Doppelbett noch einmal genauer. Viel war da nicht. Ein grosser Schrank aus dunklem Holz, der leerer nicht sein könnte.

Ein edler Spiegel in der Ecke, dessen Glas jedoch in Scherben vor dem Mannshohen Rahmen verstreut war. Ein kleiner Nachttisch neben dem Kopfende des Doppelbett’s. Die Schubladen hatte er schon geleert und lediglich ein zerfleddertes Motocross-Magazin und zwei Ringe gefunden. Er hatte sie eingesteckt obwohl er nicht genau wusste, was er damit anfangen sollte. Vielleicht lag es an dem Gefühl, dass die Ringe dem Hausherrn einmal wichtig gewesen waren. Ob es Eheringe waren konnte man bei dem blanken Material nicht sagen, denn es waren keine Widmungen oder sonstige Gravuren darauf zu erkennen.. Gidians Augen wanderten weiter dem Bett entlang und da fiel ihm etwas auf. Am Bettrahmen ragte ein kleiner Knauf hervor.

Tatsächlich hatte er eine Schublade übersehen. Er verlor keine Zeit, griff nach dem Knauf und zog. Zum Vorschein kam eine mit goldenen Linien verzierte Holzschatulle, in der grösse eines Schuhkartons. Gidian atmete neugierig auf und setzte sich mit seinem Fund aufs Bett. Langsam klappte er den ebenfalls goldenen Verschluss nach unten und öffnete den Deckel. Ein einzelner Brief lag darin, auf dem in geschwungenen Buchstaben der Name: Holly geschrieben war. Gidian öffnete ihn, zog einen Zettel heraus und las.

Liebste Holly.. Ich weiss nicht was ich sagen soll. Ich komme mir blöd vor, dir auf diesem Weg nahe sein zu wollen, obwohl ich doch genau weiss, dass ich nur versuche mich an einer Vorstellung von Nähe zu laben. Die wahre Nähe, die wir jeden Tag teilten ist nicht mehr – Und wird nie wieder sein.

Meine Tage sind leer ohne dich.. Mein Herz verkümmert und obwohl ich es jeden verdammten Tag versuche, schaffe ich es nicht meinen emotionalen Verfall aufzuhalten.. Deine Stimme fehlt mir.. Die Stimme, die mir dieses seltsame Dasein erträglich gemacht hat.

Die Stimme, die mir immer die richtigen Worte zu zu flüstern wusste, wenn der Abgrund in meinem Verstand mich zu verschlucken drohte. Weisst du eigentlich wie oft ich mir gewünscht habe, nur noch deine Stimme in meinem Kopf zu hören? Ich vermisse unsere gemeinsamen Spaziergänge unten am Fluss.. Unsere Gespräche.. Aber auch die Zeiten in denen wir fast nichts gesprochen haben und stattdessen die Stille genossen. Ich vermisse deinen genervten Gesichtsausdruck, wenn ich dir mit meiner Klugscheisserei auf die Nerven gegangen bin.

Dein Genörgel, wenn ich mal wieder vergessen habe, den dämlichen Klodeckel herunter zu klappen – Damals, als die Welt noch kein Mutanten-Überwucherter Scheiss-Haufen war. Schon lustig, was man alles vermisst – Obwohl man sich immer so aufgeregt hat über diese kleinen Dinge. Du hast meine düstere Wahrnehmung mit Licht erfüllt.. Ohne dich bin ich so grau wie die Tage in dieser neuen Welt – Aber auch die alte Welt hätte ohne dich ihren Glanz verloren – Da bin ich mir sicher.

Ich.. Habe mich entschlossen dir zu folgen.. Es gibt einen Weg, in dem ich nicht nur meinen lang ersehnten Frieden bekomme, sondern gleichzeitig etwas Neuem zum Leben verhelfen kann. Dies erscheint mir am Sinnvollsten. Es tut mir Leid, denn ich weiss du würdest es nicht ertragen und auch nur die Vorstellung an deine Tränen, gibt mir den Rest. Ich hoffe, dass du mir verzeihen kannst – Wo auch immer du bist.. Danke.. Das du meine Frau warst.. – In ewiger Liebe, Joel.

Gidian lehnte sich auf der Matratze zurück und liess Joel’s Worte einsinken. Obwohl er ihn nicht kannte, gingen sie ihm nahe. In Sachen Liebe hatte Gidian nie Glück gehabt. Irgendwann hatte er es einfach akzeptiert, dass es nicht klappen wollte – Egal was er dafür tat. Er sagte sich, dass ein Leben als Ritter der königlichen Garde sowieso früher oder später mit dem Tod durch das Schwert enden würde – Und wenn niemand da war den man liebte, konnte man auch keinen geliebten Menschen verlieren. „(Murmelt) Etwas Neuem zum Leben verhelfen.. Etwas Neuem..“, sinnierte er. Könnte es nicht sein das..

Moment.. Da war noch etwas anderes in dem Briefumschlag. Etwas wie eine kleine Karte – Nur minimal zu spüren. Er zog den Gegenstand heraus und hielt ihn sich vor die Nase.. Und erschauerte augenblicklich. Es war kein normales Erschrecken. Der Schock kam zusammen mit einem sehr lebhaften Bild. Dem Bild einer hübschen Frau mit glattem, schwarzen Haar – Gleich einer Vision – Einer Projektion vor Gidians innerem Auge. Er stand vor der Frau, am Fusse eines Flusses. Das Wasser plätscherte sanft vor sich hin, während sie ihre Arme um seinen Nacken legte. Er roch ihr Parfüm und fühlte sich beinahe hypnotisiert von ihrem süssen Duft. Dann verblasste das Bild wieder – Gemeinsam mit dem schönsten Lächeln, dass Gidian jemals gesehen hatte. Der Unglaube und die Verwirrung waren zu viel für den Ritter.

Er sprang vom Bett auf, stürmte laut atmend aus dem Zimmer und warf das Foto von ihm und Holly achtlos bei Seite. Jetzt gab es keinen Halt mehr für ihn. Er stülpte sich den Helm über und spürte abermals den Nervenkitzel, der sich wie ein alter Freund vor jedem einzelnen Kampf einstellte. Der Zweihänder wog schwer in seinen Händen, als er zur Haustür ging und sie mit einem wuchtigen Kick auftrat, der eines Spartaners würdig war. Die Düsternis des wolkenbehangenen Tages empfing ihn mit wehenden Staubwolken und einem Geruch der Verwesung.

Seine Hände erwürgten den Griff des Schwerts, sobald das erste Scheusal in sein Blickfeld trat. Es wühlte hektisch im Wrack eines uralten VW-Käfers herum, das nahe der Veranda ”geparkt” war. Das Adrenalin rauschte und Gidian war zu 100% bei sich. „Komm her, verfluchtes Wesen! Ich will, dass du mir in die Augen schaust wenn ich dich zurück in die Hölle schicke!“ Der Runner, der keineswegs eingeschüchtert aussah, blickte mit offenem Mund und blutroten Augen auf. Er trug einen dreckigen blauen Hoodie und verblichene, graue Jeans. Wie bei allen Runnern waren seine Haare komplett ausgefallen, was eine Identifizierung erleichterte.

Die Haut war üblicherweise blass-grau und mit winzigen schwarzen Aederchen überzogen. Er raste bereits eine Sekunde nach Blick-Kontakt auf Gidian zu, der einen tiefen Atemzug tat und seinen Schritt ebenfalls beschleunigte. Einen dermassen offenen Kampf zu riskieren mag dem Betrachter töricht erscheinen, doch Gidian war im Glauben aufgewachsen, es zeuge von Ehre seinem Feind offen gegenüber zu treten. Eine Attacke aus dem Hinterhalt war an Feigheit nicht zu übertreffen und kam nicht in Frage.

Zu Gidians Vorteil war ein schlichter Runner kein sehr intelligentes Wesen. Es war ein vom Bluthauch – Einem gefährlichen roten Dunst, der vor 6 Jahren aus den Tiefen der Erde hervorbrach – Veränderter Mensch – Mutiert und ohne Verstand. Das einzige was ein Runner den lieben, langen Tag tun konnte war schreien, herum rennen und alles angreifen was kein Mutant war. So wie nun den furchtlosen Ritter, der nicht nur in einer fremden Welt, sondern scheinbar ebenfalls in einer fremden Gestalt gestrandet war.

Nun war es aber doch etwas anderes einen herumfuchtelnden Irren zu bekämpfen, statt einen bewaffneten Krieger, der seine Angriffe plant. Deshalb entschied sich Gidian keinen Schwertstreich zu tun, sondern den anstürmenden Runner zu Fall zu bringen. Er duckte sich blitzschnell, rammte seine rechte Schulter in die Lendengegend seines Feindes, richtete sich noch während dem Körperkontakt wieder auf und warf ihn damit über seine Schulter. Der Runner völlführte kreischend einen Vorwärts-Salto und schlug mit dem Gesicht voran im Dreck auf. Gidian ging auf ihn zu, um sein elendes Dasein zu beenden, wurde aber von einem weiteren brüllenden Widersacher abgelenkt.

Ohne Vorwarnung kam er um eine Ecke des Hauses geschossen. Ebenfalls ein Runner. Er war dermassen abgemagert, dass die Rippen des gesamten Brustkorbs durch die Haut drückten und lediglich mit Army-Grünen Shorts bekleidet. „Jaa! Jaaaa! Kommt nur her! Wenn ich schon vergehen soll, reisse ich euch alle mit in den Abgrund, HAH! (Angriffsschrei)“ Die Klinge des Zweihänders drang tief in die Halsbeuge des Abgemagerten ein und blieb auf Höhe des Schlüsselbeins stecken. Gidian trat ihm einmal heftig gegen den Bauch, was den Runner kurzum auf die Bretter schickte. Der erste Feind hatte sich derweil wieder aufgerichtet und grabschte benommen nach Gidians Rückenpanzerung. Dieser wirbelte herum, packte den Runner an der Kehle und drückte so fest zu, dass seine Finger in das faulige Fleisch hineinglitten.

Du tätest besser daran zu fliehen, Kreatur! Ich habe schon weitaus stärkere Gegner *Aufschrei*“ Der zweite Runner – Verletzt, doch noch lange nicht hinüber – War heran gekrabbelt und verbiss sich nun hechelnd wie ein tollwütiger Hund in Gidians Stiefel, was ihn ins Stolpern brachte. Er fiel samt Runner 1 auf den Rücken. Runner 2 riss seinen Mund auf, krächzte siegessicher und versuchte auf Gidians Körper zu kriechen.

Das Schwert lag zwar zu Gidians Linken, doch war es aus dieser Position erheblich schwerer zu zu schlagen. Also zog er am Heft, so dass die Klinge ein wenig über den Boden schlidderte, griff dann nach der Klingen-Mitte und rammte die Spitze Runner 1 in die Halsbeuge. Ein Schwall schwarzen Blutes wurde stossweise über des Ritters Helm gepumpt. Er hustete und spuckte, als die stinkende Flüssigkeit zwischen dem Visier hindurch ins Helm-Innere floss und Gidians Gesicht benetzte.

Mit dem brennenden Gefühl, dass aufgrund weiterer Schreie aus der Ferne durch seinen Körper jagte, stieg aber ebenfalls neue Kraft in ihm auf. „Herr, lass mich *Anstrengung * Lass mich in diesem Niemandsland nicht im Stich!“ Gidian wuchtete den zuckenden Körper von Runner 1 bei Seite und trat dem Kriecher seinen Stiefel so hart ins Gesicht, dass die verkümmerten Muskeln des Unterkiefers auseinander schnappten. Der Getretene wälzte sich ohne Besinnung im Dreck, während Gidian so schnell er konnte hochkam. Keuchend blickte er sich um. Drei neue Gegner rasten aus der Richtung einer ansehnlichen Scheune, die ungefähr 50 Meter entfernt war, auf ihn zu. Ein aufkommender Luftzug fegte über den öden Landstrich – Schien mit Gidians Feinden zu wehen und ihre untoten Körper zu tragen. Ein neutraler Bote des Unheils – Den Geruch von Fäule und Verderbnis einverleibt. Und als Gidian den anstürmenden Runnern entgegen blickte, wusste er – Dass er keine weitere Chance bekam.

Warum kämpfen?, fragte er sich für einen Augenblick.. Woher kam dieser Drang? Der Instinkt, ein noch so beschissenes Dasein unter allen Umständen fortsetzen zu wollen? Etwas in Gidian sagte ganz klar „Nein“ zu diesem neuen Leben – Diesem Fluch. Und doch umklammerte er sein Schwert von neuem. Getrieben von Heldenmut und dem Unwillen klein bei zu geben. Zur Hölle mit all den Zweifeln. Zur Hölle mit den Qualen, die jegliche Bewertung der schlichten Ereignisse mit sich brachte. Zur Hölle mit dieser Hölle! Gidian rannte. Er rannte wie er noch nie in seinem Leben auf seine Gegner zugerannt war. Die Stimmen der Kreaturen wurden lauter – Kamen näher und näher. Dann ein weiterer Schreck. Noch zwei Runner auf 10 Uhr, die hinter dem Wrack eines Monstrums von Gefährt hervor sprangen und ihn flankierten. Aber sei’s drum. Ob drei, fünf oder zehn dieser Mistviecher – Gidian würde kämpfen.

Der erste Gegner – Ein weiblicher Runner, deren zerrissene, blaue Bluse kaum noch etwas von ihrer geschändeten Gestalt verbergen konnte sprang blindlings und mit ausgestreckten Armen auf Gidian zu. Leider ins Leere, denn dieser duckte sich nach rechts weg, vollführte eine Drehung und zertrümmerte der Frau die hintere Schädeldecke mit einem Rundum-Hieb. Ihr verdorbenes Hirn spritzte vermischt mit etlichen Knochensplittern in alle Richtungen. Sie sackte ohne ein weiteres Geräusch zusammen und bewegte sich nicht mehr.

Die übrigen zwei männlichen Runner des Trios bremsten abrupt ab und sobald die Flankierer auch angekommen waren, sah sich der Ritter von einer Übermacht an kreischenden und tobenden Feinden umzingelt. Und als Gidian sie musterte, sah er im Augenwinkel wie sich erneut jemand näherte. Doch diesmal ohne zu rennen. Ohne mit den Armen zu fuchteln. Die Gestalt war noch zu weit entfernt um genaueres zu erkennen, aber Gidian spürte, wie er vom Grauen persönlich beobachtet wurde.

Einer der Runner griff an – Gidian schaltete wieder auf Kampf-Modus und stach ihm das Schwert durch seinen Brustkorb. Dann rang er ihn zu Boden, wo er zitternd und zuckend liegen blieb. Nr. Zwei, drei und vier kamen auf eine fast sprunghafte Weise näher, wichen dann aber gleich wieder ein wenig zurück. Allem Anschein nach war der IQ dieser drei eine Zahl höher als bei den üblichen Runnern und sie spielten mit ihrer Beute, um sie aus der Reserve zu locken. Immer wieder hüpfte einer heran und versuchte einen Treffer zu landen, aber Gidian war mit allen Sinnen bei der Sache.

Die fremde Gestalt war nun etwas näher gekommen, so dass Gidian erneut einen Blick erhaschen konnte. Es war ebenfalls ein Runner ganz klar. Aber so ruhig.. Fast hypnotisiert von Gidians Anblick könnte man meinen. Er war etwas grösser als die anderen – Trug einen überraschend gut erhaltenen, schwarzen Kapuzenpullover mit aufgedruckten Blutspritzern, eine dreckige, blaue Jeans und schwarze Vans-Sneakers. Was aber am meisten auffiel, waren die weissen Pupillen, die aus dem restlichen schwarz der Augen hinaus stachen. Die Haut war bleich wie Kreide, während sich winzige – Nicht wie üblich schwarze, sondern rote Äderchen wie Spinnweben über seinen ganzen Schädel erstreckten.

Plötzlich zerriss eine Folge von lauten Geräuschen die Atmosphäre, welche die Aufmerksamkeit aller auf sich zog. Erst ein furchtbarer Schrei – Schrill und bestialisch, der nach wenigen Sekunden so abrupt verstummte, wie er eingesetzt hatte. Dann mehrere dumpfe Knaller und schliesslich eine verheerende Explosion, dessen Verkörperung in Form einer aufsteigenden Feuerkuppel zu sehen war. Egal was da in die Luft gejagt wurde, es musste etwas Grosses gewesen sein.

Der Boden bebte leicht und obwohl auch Gidian vom Anblick der Zerstörung gebannt war, nutzte er die Gelegenheit, um einen der abgelenkten Runner zu seiner Rechten mit einem gezielten Seitenhieb zu enthaupten. Der Stille war bei der Explosion etwas in die Hocke gegangen, was von einer soliden Reaktionsfähigkeit zeugte – Verlor jedoch kurz darauf das Interesse, nahm eine entspanntere Haltung ein und schaute wieder Gidian’s Kampf zu – Äusserst fasziniert, den Kopf leicht schräg, als wäre der Ritter irgendein eigenartiges Exponat auf einer Ausstellung.

Die drei übrigen Runner quittierten den Tod ihres Artgenossen mit einem Angriff von allen Seiten. Gidian wich schnell zurück und zerfetzte das Gesicht eines Feindes, indem er sein Schwert wie ein Fallbeil auf diesen niederliess. Die restlichen zwei waren aber zu schnell, um noch mal agieren zu können. Sie preschten geradewegs in den Ritter hinein und rissen ihn gemeinsam zu Boden. Gidian liess von seiner Waffe ab. Er stiess beide Angreifer mit seinen Unterarmen von sich weg – Biss die Zähne zusammen – Keuchte – Drückte und rang damit, sie auf Abstand zu halten. Aber ihre gierigen Münder voller fauler Zähne kamen seiner schlecht gepanzerten Halsbeuge immer näher.

Leise Schritte hinter ihm liessen ihn nach oben schauen. Der Stille stand ruhig über ihm, des Ritters Schwert in seiner linken. – Er sah zwischen seinen untoten Kameraden hin und her und schliesslich wieder zu Gidian. Dann hielt er das Schwert mit beiden Händen hoch. Gidian entfuhr ein Schrei der Überanstrengung als die Klinge nieder sauste. Er schloss seine Augen. Nun konnte er schlafen.. Endlich vorbei.

Sein rechter Arm fühlte sich auf einmal leichter an und der Runner – Ein dürrer Mann in einem gelben Jogging-Anzug – sackte zur Seite. Offenbar mit Gidians Schwert im Kopf, wie dieser nach einem kurzen blinzeln feststellen konnte. Auch der Angreifer, den er sich mit dem linken Arm vom Leib hielt zuckte gurgelnd zusammen, als der nächste Schlag auf ihn nieder krachte. Gidian stiess ihn bei Seite, schnellte hoch und besah sich seinen seltsamen Retter mit erstauntem Blick. Der Stille stocherte nämlich tollwütig im Körper seines zweiten Opfers herum, bis er sich schliesslich gerade hinstellte und Gidian mit seinen ausdruckslosen Augen musterte.

Der Stille machte dieser Bezeichnung alle Ehre, denn bis jetzt kam ihm noch kein einziges Geräusch über die Lippen. „Was zur.. Warum.. Hilfst du mir?“ Keine Reaktion. Aber plötzlich begann er irritiert in der Gegend herum zu schnuppern. Gidian verstand sofort, denn als er zum alten Haus hinüber sah, schoss mindestens ein dutzend Runner um die Ecken des Gebäudes. Bunt gemischt, fauchend und geifernd – Angelockt von der kürzlichen Explosion und daher direkt auf Gidian zu.

Nun gab es keinen Grund mehr sich etwas vor zu machen. Gidian war ohne Schwert – Erschöpft und sowas von in der Unterzahl. Er dachte nicht weiter nach. Seine Beine bewegten sich schnell und wie von selbst in die entgegengesetzte Richtung, wo die Scheune stand. Der Stille verfolgte seine Flucht reaktionslos, bis er schliesslich von der vorbei rasenden Menge verschluckt wurde.

Gidian sauste durch die offenen Tore. Sofort machte er sich daran sie zu schliessen, bevor er das Gottesgeschenk von einem Balken, das an der nahen rechten Wand lehnte, in die Halterungen sinken liess. Die Runner prasselten gegen die leider nicht sehr solide wirkenden Tore wie ein, aus einer Kanone gezielt abgefeuerter Hagelsturm. „Von *keuch* dem einen Alptraum in den nächsten was.. *Erschöpftes lachen*..“, scherzte er und sah sich im grossen Raum um.

Viel war hier nicht zu finden. Einige verpackte Heuballen – Eine höher gelegene Ebene, deren Gehweg an den Seitenwänden entlangführte – Gerade mal zwei Meter breit. Ein paar Stützbalken – Ein verrostetes Gerät zur Holzzerkleinerung und jede Menge aufgestapelter Plunder. Was sollte Gidian jetzt nur machen? Vielleicht könnte er irgendwie hinten raus, aber dafür müsste er auf die zweite Ebene gelangen, denn im Erdgeschoss fehlte jede Möglichkeit zur weiteren Flucht. Diese war aber ziemlich hoch.. Gab es hier denn keine verdammte Leiter, verdammt nochmal?! Schritte unterbrachen seine aufsteigende Wut, erstickten sie im Keim und gaben ihr einen Tritt in den Hintern. Gidian hob den Kopf.

Da schlenderte doch tatsächlich dieser Stille auf der zweiten Ebene herum – Das Schwert noch immer in seiner Rechten. War er die Wand hoch geklettert und durch ein Fenster in die Scheune gelangt? Lässig sprang er auf einen der Heuballen und schliesslich ganz nach unten. „Was willst du denn noch von mir?!“, brüllte Gidian. Die Wut war zurück. Aber den Stillen störte das nicht. Er blieb still, löste den Blick von dem Ritter und liess ihn durch den Raum schweifen. Bei einer Kommode nahe der halb zugedeckten Maschine verweilte er.

Gidian war schon beeindruckt wie normal sich diese Kreatur bewegte, als sie zu der Kommode hin lief und im kaputten Deckel herumwühlte. Nach einigem Werkzeug-Geklimper kam der Stille wieder zurück und warf Gidian einen Gegenstand vor die Stiefel. Es war eine rostige Machete. „Hm.. Du.. Du willst mit mir kämpfen?“

Und da sah Gidian, was er wahrscheinlich nie wieder sehen würde. Der Stille.. Dieser hässliche Untote – Seit Jahren vor sich hin modernd.. grinste wie ein Junge auf einem Kindergeburtstag. Er entblösste eine Reihe fauliger, spitzer Zähne. „*Schnauben* Das ist doch verrückt..“, kommentierte der Ritter – Hob die Waffe jedoch auf. So ein kurzes Ding fühlte sich ungewohnt an, doch es musste reichen.

Der Stille hatte ja gefallen an seinem Schwert gefunden und würde es wohl kaum wieder her geben. „Du wirst dich noch wundern, wie schwer ein Zweihänder zu führen ist, Kumpel“, dachte Gidian. Andererseits hatte er selbst in seiner Laufbahn kaum Einhandschwerter geführt und würde nach all der Anstrengung lieber ins Bett gehen, als sich mit einem untoten Psychopathen anzulegen, der die Achtsamkeit scheinbar mit dem Löffel gefressen hatte.

Kaum in Stellung gegangen sausten Gidian mehrere Schwinger um die Ohren. Er stolperte zurück – Duckte sich – Sprang nach rechts und konterte einen kraftvollen Seitenhieb, seitens des Stillen. Dieser hatte wie es schien einen Riesenspass und war zu Gidians Pech voller Energie und Enthusiasmus. „Mach *Schingg* mal *Schingg* halblang Junge! *Schingg Schingg*“, rief der Ritter, stets in Bedrängnis, bis auch er einige Male zuschlagen konnte. Ein Streich von oben, zwei von der Seite – Mehr schlecht als recht vom untoten Widersacher pariert und dann ein heftiger Tritt in den Bauch.

Der Stille riss zornig den Mund auf, doch entfuhr seiner Kehle nicht einmal ein Schmerzenslaut. Er stürzte sich mit erhobenem Schwert auf Gidian, schnitt durch die Luft – Verfehlte und geriet durch den eigenen Schwung ins Taumeln. Der Ritter nutzte die Lücke in der Deckung sofort. Durch einen schnellen Streich der Machete zerriss der Pullover des Stillen quer über seinen Rücken. Dieser kanalisierte seine ganze Kraft in einen Rundum-Hieb und obwohl Gidian schnell nach hinten sprang, traf ihn die Klinge seines eigenen Zweihänders in die Rippen. Zu seinem Leidwesen genau an einer Stelle die von der Brustplatte ungeschützt war. Es knackte, Gidian gab mit zusammen gebissenen Zähnen einen Stöhner von sich und hielt sich die Seite.

Er versuchte seinen Gegner mit zwei unkontrollierten Schwüngen auf Abstand zu halten, während er sich ein wenig zu erholen versuchte – Doch diese Freude machte ihm der Stille nicht. Genau so stark wie zuvor zischte die Klinge durch die Luft und liess dem Verletzten keine Ruhe. Er musste handeln – Oder er würde den Kampf verlieren. Statt weiter zurück zu weichen, machte er bei dem nächsten Angriff einen Schritt auf seinen Feind zu, duckte sich unter dem Schwert hindurch und rammte dem Stillen die Machete in die untere Bauchgegend – Genau über dem rechten Hüftbein. Gidian schaute hoch in sein Gesicht. Sein Feind war kurz wie erstarrt, verzog jedoch keine Miene. Dann fixierte er Gidian mit weit aufgerissenen Augen, als könnte er ihn damit aufspiessen.

Er liess den Zweihänder fallen und bretterte dem Ritter seine Linke gegen den Helm, so dass dieser von Gidians Kopf rutschte und davon schepperte. Dann griff er mit beiden Händen nach Gidians Hals. Dieser ruderte unbeholfen mit den Armen, liess seine Machete los und wurde nun bereits zum dritten mal innerhalb einer halben Stunde flach gelegt. Die Kraft des Stillen war enorm. Viel stärker als selbst beim stärksten Mann den Gidian in seinem Leben getroffen hatte.

Er drückte fester und fester zu – Seine Augen verströmten eine unheimliche Gleichgültigkeit, während sein Opfer unter starker Atemnot nach etwas tastete, das ihm helfen könnte. Der berühmte Stein vielleicht? Ein Rohr? Ein Holzstück?! Nichts war da, das ihm aus seiner misslichen Lage helfen konnte. Doch der letzte Strohhalm steckte noch immer im Körper des Feindes.

Statt weiter den Boden abzusuchen, schnellte seine Hand an den Griff der Machete – Und er begann sie nach links und rechts zu drücken und zu drehen und zu winden. Doch der gewünschte Effekt trat kaum ein. Im Gegenteil.. Sein Feind schloss die Finger nur noch härter um Gidians Kehle, während das Gesicht des Mannes langsam an Farbe verlor. Die Geräusche von den gegen die Tore polternden Runnern wurden undeutlicher.

Der Drang Luft zu holen unerträglich. Er wollte atmen – Er MUSSTE atmen. Mit letzter Kraft ruckte er die Machete aus dem Bauch des Stillen und schob seine ganze Hand in die Wunde. Er tastete nach den Gedärmen, umklammerte sie und riss daran so fest er konnte. Er hatte sie schon halb aus der Wunde heraus geholt, da begann der Stille zu wanken. Obwohl sein Körper nicht mehr wie früher funktionierte, passte es ihm ganz und gar nicht wenn man Innereien entfernte, was eine gewisse physische Irritation mit sich brachte.

Gidians Faust donnerte von unten ans Kinn des Untoten und er plumpste bei Seite. Die Luft die danach in des Ritters Lungen strömte war die Befriedigung seines Lebens. Noch ein Atemzug.. Und noch einer. Er kam wankend auf die Beine, während der Stille sich benommen die Gedärme zurück in den Bauch zu schieben versuchte. Gidian griff nach dem Zweihänder und holte schon aus, da krachte es hinter ihm und zwei Runner drückten sich durch eine Lücke im Holz in die Scheune hinein. „Daaas gibts doch nicht *hust hust* Lasst mich.. Lasst mich endlich in Frieden!“

Die kreischenden Runner – Zwei männliche Jugendliche – waren schnell bei ihm und schleuderten ihm ihre Fäuste entgegen. Der erste fiel durch einen Hieb in die Halsbeuge, was seinen Kopf wie einen Klappdeckel zur Seite knicken liess, bevor er sich gleich einem Wurm auf dem Boden wand – Hoch kam er nicht mehr, denn sein Kopf und sein Körper hatten gewissermassen unterschiedliche Pläne. Der andere wurde von Gidian auf Brusthöhe aufgespiesst und ebenfalls zu Boden gerungen. Auch dieser war zwar nicht ganz tot, zuckte aber immer noch, als hätte er einen schweren epileptischen Anfall.

Gidian sah sich um.. „Scheisse *Keuch*! Wo ist er hin?!“ Der Stille war wie vom Erdboden verschluckt. „Verdammt! Was mache ich hier überhaupt!“ Weitere Runner pressten ihre Körper durch die Lücke im Tor. Gidian war mit seinen Kräften am Ende. Ein Ausgang war nirgends zu sehen und selbst wenn er auf die Heuballen steigen würde, könnte er den zweiten Stock nicht erreichen. Einer der Runner schaffte es, sich in die Scheune zu zwängen. Die kleine Frau stürzte sich sofort auf Gidian, welcher nach den letzten Kraftreserven in seinem müden Körper suchte.

Er wartete bis die Frau zwei Armlängen entfernt war und schlug ihr mit einem einzigen Streich die Beine weg. Sie krachte mit dem Kopf voran gegen die Tischkante, auf der die Maschine stand und blieb mit gebrochenem Genick, sowie eingedrückter Visage daran hängen. Der Triumph war jedoch von kurzer Dauer. Drei Runner hatten die Bruchstelle im Tor vergrössert und zwängten sich in die Scheune. Gidian rannte zu dem höchsten Heuballen, den er finden konnte und stützte sich hoch. Noch einmal blickte er sich nach einer Fluchtmöglichkeit um, bevor er voller Verzweiflung den Kopf hängen liess.

Mindestens zwei seiner Rippen waren gebrochen und schmerzten bei jeder Bewegung. Immer wieder trat er nach einem der Runner, die nun ebenfalls versuchten auf den Heuballen zu klettern. Und als zwei weitere durch die Lücke schlüpften, schloss er mit seinem Leben endgültig ab.

Er fiel auf seine Knie – Legte den Zweihänder vor sich hin und faltete die Hände zum Gebet. „Herr ich.. Ich habe es versucht! Ich.. Ich lasse ab von diesem Kampf! Ich lasse ab von meinen Wünschen und akzeptiere das Schicksal, das DU für mich vorgesehen hast! Hörst du, Herr!? Wenn es dein Wunsch ist, mich von einer Horde Kreaturen fressen zu lassen, dann sei es so! HOERST DU VATER!? ICH! ERGEBE! MICH!“

*Gewehrschüsse* Neue Geräusche gesellten sich zu dem Stimmengewirr der Runner. Es waren die selben, die Gidian schon vor der grossen Explosion gehört hatte. Nur waren sie weit weg gewesen. Ein leises, dumpfes Geknattere. Diese Geräusche hier waren viel klarer. Und je länger er ihnen zu hörte, desto leiser wurde es vor dem Tor. Gidian richtete sich erstaunt auf. Auch die Runner liessen von ihrem Vorhaben ab, zu Gidian zu gelangen. Als sich alle den Toren zu gewandt hatten, erblickten sie zwei vermummte Gestalten, die durch die Tür schlüpften und ohne Furcht oder Vorsicht auf sie zu stapften.

Die Runner brüllten den Eindringlingen ihren Hass entgegen, bis ihre Kehlen und Torsi von etlichen Geschossen gelöchert wurden. Ihre Körper sackten binnen Sekunden zusammen. Gidian hatte keinen Schimmer was hier vor sich ging. Die beiden mit Gasmasken maskierten Fremden trugen seltsam geformte Eisen in ihren Händen. Ihre Einsatzkleidung war durchgehend schwarz und voller Taschen und Panzerungen. Auf Gidian wirkten sie wie Ritter aus einer fernen Zukunft. „Hey du da! Krasse Rüstung!“, rief der eine. Der rauen Stimme nach ein Mann. „Hehe ja finde ich auch!“, rief die andere Person. Definitiv eine weibliche Stimme. „Gut, dass du so laut geschrien hast, sonst wären wir wahrscheinlich an den Runnern vorbei gezogen! Ich bin Cona – Das ist Whip! Nennst du uns deinen Namen?!“

Gidian war wie erstarrt. Noch vor einer Minute war er dem Tod so nahe und jetzt waren stattdessen die Feinde alle tot und er konfrontiert mit anderen Menschen. Richtigen, lebendigen Menschen.. Die Stimme des Anstands – Bei Rittern eine der wichtigsten Eigenschaften – Verleitete ihn dazu, sich aufzurichten und seinen Titel zu nennen. Mit spärlichem Erfolg. „Mein.. Name ist.. Sir. Gidi..“, stammelte er, bevor er das Bewusstsein verlor und wie ein nasser Sack vom Heuballen kippte. Und wenn er irgendwann wieder erwacht, würde er die Wege des Schicksals.. nie wieder.. in Frage stellen.

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