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Mottenlicht

Die Sonne taucht hinter den Baumwipfeln unter und tunkt alles in ein rot-oranges Licht. Der Motor meines Autos brummt vor sich hin. Genervt fummle ich am Radio herum, um Empfang zu bekommen, doch es gibt nur ein Rauschen von sich.

Seit ungefähr einer Stunde bin ich unterwegs, um eine bestimmte Tankstelle mitten im Wald aufzusuchen, die interessante Schlagzeilen bei Zeitungen und Magazine schlägt.

Es gibt dort bereits an die fünfzehn Vermisstenfälle, von Familien, Reisenden oder Wanderern. Der Besitzer der Tankstelle scheint auch keinen blassen Dunst zu haben, was dort abgeht.

Langsam bremse ich ab, als ein angejahrtes Gebäude in Sicht kommt. Die Holzfassade ist bereits morsch und die gelbe Farbe abgewaschen. Das Blechdach liegt lose darüber, sodass man das Gefühl bekommt, es könnte jeden Moment herunterrutschen.

Ich steige aus und nähere mich einer der Tankzapfen. Nervös begutachte ich die Umgebung um mich herum.

An die zehn Autos stehen am Straßenrand verlassen und kalt herum. Die Scheiben sind zerbrochen und die Oberflächen verbeult, als wären sie gegen ein solides Objekt gekracht. Mein Blick bleibt kurz an einem eigenartigen Wasserturm hängen, nur dass anstatt einem Behälter, eine durchsichtige Kugel den Platz einnimmt.

Ich nähere mich dem baufälligen Haus und klopfe an die Tür. Geduldig warte ich, während ich es von innerhalb fluchen höre: »Verdammt nochmal. Ich will hier keine weiteren Journalisten, Touristen oder scheiß Geisterjäger. Ich habe bereits gesagt, dass ich von nichts weiß!«

Schwungvoll öffnet ein etwas älterer Herr die Tür. Er trägt ein schlampiges Hemd und eine Mütze bedeckt seine braunen Haare. »Was wollen sie?!«, faucht er mich an.

Ruhig richte ich meine Jacke. »Nachforschungen über die Vermisstenfälle beginnen.«

Der Mann funkelt mich entnervt an, als ich hinzufüge: »Und mein Auto auftanken.«

Er beruhigt sich wieder etwas, knurrt aber dennoch: »Ich kann Ihnen wenigstens mit dem behilflich sein.«

Immer noch aufgebracht trottet er zu einer Zapfsäule.

»Einfach einmal volltanken, bitte.«
Ich bekomme keine Antwort, fange aber trotzdem an, zu reden. »Also, sie wissen nach wie vor nichts darüber?«

Der Mann schüttelt den Kopf.

»Gut, gut. Und sie kannten keinen der Vermissten persönlich?«

»Ich weiß, worauf Sie hinauswollen. Ich bin nicht schuld dran.«

»N-nein, ich wollte …«

»Von wegen!«, brüllt er mich an. »Ihr Journalisten kommt doch immer aus dem gleichen fucking Grund hierher.« Mit zittrigen Händen zieht der Mann den Hahn raus und murmelt undeutlich: »Das macht 45,26 €.«.

Mit einem Seufzen greife ich in meine Jackentasche und gebe ihm zögernd das Geld. »Wieso stehen die Wagen noch hier, Herr …?«

»Henry Blossom, mein Name. Und um auf ihre Frage einzugehen, ich habe keine Ahnung. Anscheinend kümmern sich die Verwandten zu wenig, um sie abzuholen. Ist aber verständlich. Ich würde auch nicht so weit fahren, nur um eine Schrottlaube mitzuschleppen. Alle Autos hier sind nicht mehr fahrtüchtig. Nicht mal meins.«

Teilnahmslos lehne ich mich an meinen Wagen und ziehe eine Zigarettenschachtel raus.

»Rauchen ist hier verboten.«

Ich schlucke, als ich sie hastig wieder wegstecke. »Wie auch immer, könnte ich über Nacht hierbleiben? Morgen möchte ich den Wald genauer untersuchen.«

»Sie werden nichts finden, aber aufhalten will ich Sie auch nicht. Ich habe ein Zimmer. Aber wehe, Sie bleiben länger als eine Nacht. Ich will hier keinen hochnäsigen Gast bewirten.«

»Passt für mich«.

Das ging einfacher als gedacht. Ich habe mich schon darauf vorbereitet, im Auto zu schlafen.

Die Sonne verschwindet vollends. Die Schatten wachsen und hüllen alles in ihren unheilsamen Schleier. Das Innenleben des Gebäudes sieht genauso aus, wie draußen. Verwildert und alt.

Henry führt mich die Treppe hoch zu einem spartanisch eingerichteten Zimmer. Ich kneife meine Augen zusammen, als ein grelles Licht aus dem Fenster zu uns hineinströmt. Es flimmert leicht. »Was zum Teufel soll das?«

Ich sehe zu Henry rüber, nur um sein Schmunzeln zu bemerken. »Ein Mottenlicht. Sie gehen zur Lichtquelle und verbrutzeln dort.«

»Sie meinen wohl Mücken? Etwas groß geraten, nicht?«

Er lacht, als er die Tür langsam hinter sich schließt: »Ganz und gar nicht.«

Verwirrt über seine Antwort, hocke ich mich auf meinem Bett nieder und blicke aus dem Fenster. Der leuchtende Ball draußen ist auf einem eisernen Gerüst befestigt. Es illuminiert alles um sich herum in sein beißendes, blaues Licht.

Erschöpft falle ich auf die Matratze. Einschlafen wird sicher lustig.

Ich schließe meine Lider und versuche mich zu entspannen, bis plötzlich etwas gegen die Scheibe klopft. Verdattert schüttle ich den Kopf und schaue hoch. Ein weiteres Klopfen folgt daraufhin. Müde schlurfe ich zum Fenster, doch ich kann die Ursache nicht finden.

Mit einem Schulterzucken will ich schon wieder zurück ins Bett. Wie aus dem Nichts kracht etwas lauthals gegen das Glas. Ich falle zu Boden und sehe, wie sich feine Risse wie Spinnennetze über die Glasscheibe spannen.

Meine Augen weiten sich, mein Puls beschleunigt sich und hallt in meinen Ohren wider. Das Mottenlicht flimmert. Ich rechne fest damit, es würde bald ausgehen. Die Realität stellt sich jedoch weitaus grausamer heraus.

Etwas verdeckt die Lichtquelle.

In Panik geraten, rapple ich mich hoch und trete vorsichtig zur Tür zurück. Blind greife ich nach dem Knauf und drehe ihn.

Mit einem Sirren im Kopf taumle ich zum Gang hinaus, bleibe aber wie angewurzelt stehen. Ich kann mich nicht vom Fenster losreißen. Ich gerate ins Stocken. Der Kopf eines Kindes lugt zu mir rein und lächelt mich an.

Ein Schrei entkommt meiner Kehle und ich stürme los. Verzweifelt hämmere gegen jede Tür, die ich finden kann, in der Hoffnung Henry zu finden.

»Was ist hier los!«, ruft er durch den Gang.

Außer Atem knie ich mich vor ihm nieder. »Etwas ist draußen. Etwas …«.

»Verdammt. Diese scheiß überdimensionalen Motten.«

Ich runzle meine Stirn. »Motten?!«

»Tut mir leid. Ich glaube wirklich, dass du ein netter Mensch bist, aber du lässt mir keine andere Wahl.«

»Was reden Sie …«, Henry lässt mich nicht aussprechen. Der Mann holt aus und ein stechender Schmerz breitet sich auf meiner Schläfe aus. Bewusstlos sacke ich zusammen.

Eine Stimme tritt undeutlich an mich heran. Ich öffne mühsam meine Augen. Eine Silhouette zehrt mich die Treppen hinunter, einen soliden Baseballschläger in seine rechte Hand gepresst. »Henry?«, lalle ich wie ein Betrunkener.

»Schlaf weiter.«

Benommen falle ich wieder in Ohnmacht.

Mit einem Seil um mich gebunden, wache ich wieder auf. »W-was machen sie da?«

»Die Motten füttern«, spricht es Henry banal aus, als wäre es nichts Besonderes. Er öffnet behutsam die Eingangstür. Schatten bewegen sich draußen. Henry zieht mich über den Boden. Die rauen Dielen reiben an mir. Schiefer verfängt sich im Seil. »Das stimmt so glaube ich nicht«, grunze ich.

»Wieso? Ein Leben für ein Leben.«

»Nein, das meine ich nicht!«

»Ach, komm schon. Nimm es nicht persönlich.«

»Das meine ich auch nicht!«

Henry wirft mich vor die Tür. Meine Miene erfriert zu einem stummen Schrei, als ich die sogenannten Motten sehe. Groteske Figuren, die ihre Köpfe urplötzlich gleichzeitig zu mir drehen. Ihre zerfetzten Flügel sind ledrig und dünn, ihre Körper verformt. Ehrfürchtig wimmere ich: »Es stimmt nicht.«

»Halt dein verficktes Maul!«

»Du verstehst es nicht. Es sind keine Motten.«

«Bist du high? Brabbele nicht so viel wirres Zeug.«

»Es sind keine Motten.»

Ich blicke zum wutverzerrten Gesicht von Henry hoch.

»Mir egal«, brummt er.

Er will bereits ins Haus verschwinden, als ich ihn anflehe. »Nein! Wirklich! Das ist kein Scherz! Es sind Menschen! Menschen! Menschen! MENSCHEN! DIE VERMISSTEN!«

Ihre vernarbten Köpfe begutachten mich eindringlich, die lidlosen Augen auf meinen wehrlosen Körper gerichtet. Immer wieder entflieht ihnen ein schrilles Kreischen, welches mein Blut gefrieren lässt.

»Ich verstehe nicht, was du meinst«, spricht Henry aufgebracht, dennoch mit Neugier zerfressen. »Ich weiß nicht …«, er schreitet zu mir, kann aber seinen Satz nicht beenden.

Die Kreaturen springen alle auf ihn los und packen ihn. »Was? Ihr scheiß Huren! Verfickte …«, Henry wehrt sich, während ich wie eine Raupe ins schützende Haus hinein krieche.

»Ihr solltet ihn nehmen! ICH BIN EUER HERR! WIESO ICH! MEINETWEGEN LEBT IHR! BLEIBT …«.

Diese humanoiden Wesen vergraben ihn unter ihren zusammengeflickten Körper und Flügel. Mit Tränen in den Augen kämpfe ich mich die Treppen hoch zu meinem Raum. Mit Agonie gefüllte Schreie hallen durch das Gebäude. Mit letzter Kraft schließe ich die Zimmertür mit meinem Kopf.

»HILF MIR! HILF …«, urplötzlich verstummt Henry. Nur das Herumfuchteln und Reißen der Motten ist zu hören. Ich schnaufe tief ein und aus. Der Geschmack von Galle liegt auf meiner Zunge.

Doch als ich zur Lichtkugel blicke, verliere ich jede Hoffnung. Urplötzlich wird es dunkel, als hätte man das Licht abgestellt. Oder so sieht es jedenfalls aus. Das zerbrochene Glas liegt auf dem Boden und reflektiert das sanfte Licht des Mondes.

Eine von Schatten verzehrte Gestalt bedeckt das Mottenlicht. Sie schreitet sachte näher.

»Ich will eigentlich nicht sterben«, flüstere ich zu mir selbst. Ich mache mich auf meinen Tod gefasst, als die Tür aufgeht. Verwundert sehe ich zu, wie jemand auf die Kreatur losstürzt. Die Gestalt holt aus und drischt seinen Schläger auf die schreiende Abscheulichkeit. Rot spritzt durch die Luft und rinnt in die Holzritze.

Es geht so einige Sekunden weiter, bis die zerschmetterte Figur wie eine zerbrochene Puppe daliegt, das kindliche Antlitz auf mich gerichtet.

»Wo sind die Wagenschlüssel!?«, schreit Henry mich an.

»I-in meiner Jackentasche«, stottere ich verwirrt.

Hektisch durchwühlt der Mann sie und holt triumphierend einen Schlüsselbund heraus. Derweil krieche ich wie ein verletztes Tier in eine Ecke. Henry ist von Schnitt- und Bisswunden übersät. Er humpelt auf mich zu, ein Taschenmesser in seiner linken Hand.

»Bitte«, keuche ich verängstigt. Henry hält die Klinge an meine Kehle. Sein Atem rasselt.

Zu meiner Überraschung schneidet er die Seile los.

»Komm mit.«

Benommen stehe ich auf und folge ihm. Er verschwendet keine Zeit und taumelt die Treppe runter. »Es kommen gleich mehr. Du musst fahren. Ich kann nicht«, krächzt er erschöpft.

Als wir ins Freie treten, sehe ich wie drei Kadaver auf den kalten Asphaltboden ruhen. Bei dem Versuch, sie zu ignorieren, schreite ich entschlossen zu meinem Auto. Henry wirft mir die Schlüssel zu, die ich schlampig fange. »Los. Fahr«, zischt Henry zwischen zusammengebissenen Zähnen.

Ich steige ein und starte den Motor. Figuren formen sich aus dem Schatten heraus. Gelbe Augen blitzen auf, als ich die Scheinwerfer anschalte. »DRÜCK DRAUF, DU NUTZLOSES VIEH!«

Das Fahrzeug schleudert ruckartig nach vorne. Schweiß rinnt meine Stirn runter. Besorgt sehe ich in den Rückspiegel. Diese Kreaturen scheinen keine Anstalten zu machen, uns zu verfolgen. »Henry, was ist hier …«

»Nicht jetzt«, erwidert er.

Das Mottenlicht ist immer noch deutlich sichtbar. »Bitte erklär mir was hier …«

»Drück auf die Bremse, Du Hure!«

Zu spät, begreife ich, was er meint. Ich sehe nur, wie Flügel sich vor uns ausbreiten und wir gewaltsam nach vorne geschleudert werden. Die Frontscheibe zerbricht und die Airbags preschen hervor. Rauch kommt aus der Motorhaube und vermischt sich mit der bitterkalten Nachtluft.

Meine Ohren dröhnen. Die Zeit scheint stehen zu bleiben. Benommen steige ich aus und strauchle über die Straße zum Wald hin, aber viel zu langsam, um noch rechtzeitig zu entkommen.

Mit einem Stöhnen drehe ich mich um und lege mich auf meinen Rücken. Sorgfältig beobachte ich den Himmel und präge mir jeden einzelnen Stern ein. Es sieht wunderschön aus.

Schreie unterbrechen die Stille der Nacht. Ich kann nicht sagen, ob sie menschlich sind oder nicht.

Steine knirschen, näherkommende Fußschritte sind zu hören. Das zusammengeflickte Gesicht einer Frau bewegt sich in mein Sichtfeld.

 

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5 Kommentare

  1. Hi Matze,

    habe es mir auch hier erlaubt einige Korrekturen vorzunehmen. Mir ist aufgefallen, dass du oft “…,als” schreibst und ich habe einige Stellen, wo das der Fall war, ausgemerzt, weil es sich für meinen Geschmack zu häufig wiederholt hat. Unteranderem ist mir auch aufgefallen, dass du manchmal gewisse Dinge zu “poetisch” oder “ausgefallen” schreiben möchtest, was teilweise in der Geschichte etwas fehl am Platz wirkt. Ist meiner Meinung nach gar nicht nötig.

    Ansonsten hat mir die Geschichte gut gefallen, ich mag die Idee hinter den Motten, war mal was anderes und es bleibt auch gegen Ende ein Mysterium.

  2. Ich habe es mal wie Pale gemacht und auch einiges verbessert, weil es doch hier und da vermehrt Form- und Rechtschreibfehler gab

    Das formale Sie wird immer großgeschrieben, nicht klein ;D
    Und wenn der Satz / Dialog bereits mit einem Punkt endet, brauchst du nicht noch einen Punkt neben den Anführungszeichen zu setzen,
    also >>Hier ist ein Satz.<<. ist hier falsch platziert, da reicht der Punkt oder das Komma im Dialog aus

    Aber an sich waren das nur die zwei Sachen, die gestört haben, ansonsten eine ganz solide Story ^^

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