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Ricky

Vor drei Jahren starb mein Hund Ricky, den ich wirklich sehr geliebt habe.

Als ich noch in die Grundschule ging, brachte mein Vater eines Tages einen Hundewelpen mit nach Hause. Als ich das kleine Fellknäuel erblickte, war es sofort um mich geschehen: Ich verliebte mich blitzartig in den Hund, um den ich mich fortan verantwortungsvoll sorgte.

Es vergingen einige glückliche Jahre und wir wuchsen beide heran. Wenn wir nicht kuschelnd auf dem Sofa saßen, dann tobten wir gemeinsam über die Felder und Wiesen. Bald besuchte ich das Gymnasium und wiederum einige Jahre später würde ich mein Abitur machen.

Dann wurde Ricky müde. Er wollte jetzt gar nicht mehr viel toben. Auch essen wollte er kaum noch. Der Tierarzt stellte fest, dass mein tierischer Freund schwer krank sei, nicht ungewöhnlich in seinem hohen Alter.

Schweren Herzens fasste ich also die Entscheidung Ricky von seinen Leiden zu erlösen und ihn einschläfern zu lassen.

Ricky merkte, was nun passieren würde, als ihn der Arzt mit der todbringenden Spritze erwartete. Er knurrte kurz, ergab sich dann aber seinem Schicksal.

Ich streichelte ihn durch sein lichtes Fell, während sein Herz immer langsamer pochte. Irgendwann stoppte es ganz und pumpte kein Blut mehr durch den Körper des Tieres. Das war der Moment, in dem ich zu weinen begann. Ich weinte wie ein Schlosshund und war untröstlich.

Kurz darauf begannen die Träume, die mich fortan immer wieder in den Nächten aufsuchen sollten: Ricky sprintete auf mich zu und wedelte dabei erfreut mit dem Schwanz. Als er mich erreichte, sprang er an mir hoch und schleckte mit seiner langen Zunge über meine Arme. Wir tollten dann ganz wie früher über die farbenfrohen Wiesen, auf denen zahlreiche Blumen wuchsen. So lange bis ich dann irgendwann erwachte.

Ich vermisste Ricky so sehr.

Nach einem Jahr, ich war nun für das Studium in eine andere Stadt gezogen, begannen sich die Träume zu verändern: Ricky erschien mir weiterhin, doch rannte er nicht mehr freudig auf mich zu, er trottete eher und holte sich ein paar Streicheleinheiten ab. Dann verschwand er wieder. Auch die Wiesen mit den farbenprächtigen Gewächsen schienen immer schlichter und öder zu werden. Von Traum zu Traum merkte ich, wie das Fell des Hundes auch immer lichter wurde. Zahlreiche kahle Stellen offenbarten auf einmal Wunden und Ricky schien allgemein in keiner guten Verfassung zu sein.

Das ging eine Weile so bis ich eines nachts wieder von Ricky träumte. Diesmal hingen dunkle Wolken über unserer Wiese, die jetzt besonders trostlos wirkte. Der Rasen war verdorrt und es standen nur noch ein paar vereinzelte Halme büschelweise umher.

Dann kam Ricky. Er sah elend aus: Neben den kahlen Stellen im Fell und den vielen Wunden, war er auch voller Schlamm und Nähte zierten seinen abgemagerten Körper.

„Mein Gott, wie siehst du denn aus?!”, fragte ich ihn erschrocken, „Du siehst ja aus wie vom Friedhof der Kuscheltiere!”

Zu meinem Erschrecken antwortete Ricky mir mit tiefer Stimme: „Was erwartest du denn, wenn ich dich immer wieder besuchen muss? Solange du mich nicht gehen lässt, kann ich nirgendwo hin und muss immer wieder zu dir kommen.”

Dann schreckte ich aus dem Schlaf. So hatte bisher noch keiner meiner Träume geendet.

Ich dachte intensiv über seine Worte nach. Ich lag mehrere Stunden hellwach in meinem Bett und sinnierte, bis ich schließlich in Tränen ausbrach, denn ich hatte es nun verstanden: Ich hatte Rickys Tod nie verarbeiten und ihn gehen lassen können.

Ich dachte ein letztes Mal an meinen treuen Begleiter seit Kindertagen und erinnerte mich an all die schönen Momente, die wir zusammen erlebt hatten. Dann ließ ich ihn los. Ich ließ einfach los.

Seither ist mir Ricky nie wieder in einem Traum erschienen und ich bin mir sicher, dass er nun im Hundehimmel angekommen ist. Einen neuen Hund habe ich mir aber bislang nicht zugelegt.

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