
ACHTUNG: VERSTÖRENDER INHALT
Bitte beachten Sie, dass es sich bei dem folgenden Text um eine Creepypasta handelt, die verstörende Themen beinhalten kann, wie zum Beispiel Gewalt, Sexualisierung, Drogenkonsum, etc. Creepypastas sind fiktive Geschichten, die oft dazu gedacht sind, Angst oder Unbehagen zu erzeugen. Wir empfehlen Ihnen, diesen Text nicht zu lesen, wenn Sie sich davon traumatisiert oder belästigt fühlen könnten.
Sie hatte sich nur eine Sekunde weggedreht. Eine Gott verdammte Sekunde, mehr war es nicht gewesen! Panisch drehte sie sich im Kreis.
„Bill?“, flüsterte sie erst, dann schoss das Adrenalin durch ihre Adern und ließ ihre Stimme anschwellen.
„Bill!“, kreischte sie und fuhr sich mit den Fingern durch die Haare, „Bill!“. Sie sah die Leute an, musterte jedes Gesicht. Besonders die Kinder, sie sah jedem Kind beinah beängstigend intensiv in die Augen. Sie suchte blauen Augen. Ein paar Eltern zogen ihre Kinder an der Hand von ihr weg, zischten etwas. Umstehende Leute schauten in ihre Richtung, aber nur kurz. Dann verflog das Interesse. Er war weg, einfach weg!
„Bill!“, sie drängte sich durch die Leute hindurch. In der Ferne sah sie einen Stand mit Luftballons, vielleicht war der kleine Junge dahin gegangen. Ja, so musste es ein! Er liebte Ballons, besonders die roten. Er würde da sein, sie würde seine Hand nehmen, mit ihm schimpfen und dann würde er ein Eis bekommen! Ein Eis, oder zwei, was immer er wollte. Bitte Gott, lass Bill-
Doch auch hier fehlte jede Spur von Bill. Scheiße, wieso hatte sie nicht besser aufgepasst? Wo konnte er sein? Er war doch so klein! Hatte ihn jemand mitgenommen? Herr im Himmel, bitte nicht, bitte nicht, nicht Bill!
„Haben Sie einen kleinen Jungen gesehen?“, keuchte sie, aber der Mann, der wie ein Clown geschminkt war, verdrehte die Augen.
„Nein Misses. Ich habe den ganzen Tag keine Kinder gesehen. Wissen Sie, nur Erwachsene wollen Ballons“, er zügelte seinen Sarkasmus, als er sah, wie aufgelöst die junge Frau vor ihm war, „Wie sieht er denn aus?“
„Er ist vier. Er hat blonde Haare, blaue Augen und er trägt einen roten Pullover mit 101 Dalmatiner drauf!“ Der Clown überlegt kurz, schüttelt dann aber den Kopf. Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, dreht sie sich um.
„Bill!“, jetzt merkte sie, dass die Leute ihr doch mehr Aufmerksamkeit schenkten, sie tuschelten, aber niemand fragte, was los war. Obwohl ihr Gehirn von Panik überflutete wurde, schaffte es ein klarer Gedanke zu lokalisieren. Geh zur Polizei.
Also rannte sie los. Sie rannte aus dem Einkaufscenter, die Straße entlang. Ihr Lunge schrie nach mehr Luft, obwohl sie hektisch atmete. Sie konnte hören, wie ihre Füße auf den Asphalt schlugen. Kurzzeitig wunderte sie sich, warum ihre Sicht so schlecht war. Du weinst, dachte sie, du bist kurz vor einem Nervenzusammenbruch.
Die Polizeistation war kurz nach dem Einkaufscenter gebaut worden. Früher war dort ein großes Feld mit Sonnenblumen gewesen, aber es gab zu viele Einbrüche und andere Delikte, sodass der Bürgermeister entschied, dass es eine bessere Kontrolle und einen kürzeren Weg für die Polizei geben musste.
Keuchend, schwitzend und völlig am Ende erreichte sie die großen Flügeltüren. Obwohl sie schwer aussahen, ließen sie sich einfach öffnen.
Am Eingang, vorn bei der Anmeldung, saß ein junger Mann, der sie skeptisch ansah.
„Kann ich Ihnen helfen?“
Sie nickte und wollte etwas sagen, dann brach sie aber in Tränen aus. „Bill. Bill“, schluchzte sie und versuchte etwas anderes zu sagen. Aber mehr kam nicht dabei raus.
„Detectiv“, rief er junge Mann nach hinten, ohne den Blick von ihr abzuwenden, „können Sie mal kurz kommen?“
Ein Mann trat nach vorn. Er war Mitte vierzig, stand kurz vor seiner Beförderung und hatte den Ruf weg, der empathischste Mitarbeiter von Wache 61 zu sein. Er durfte alle weinenden und hysterischen Menschen betreuen.
„Ma’m?“, sagte er leise und versuchte ihr ins Gesicht zu sehen, „Ma’m, was ist passiert?“
„Bill, er ist weg!“, heulte sie auf, und hätte der Mann nicht so schnell reagiert, wäre sie zu Boden gefallen.
„Kommen Sie, kommen Sie“, murmelte er und führte die junge Frau in ein Befragungszimmer. Als sie auf dem harten Stuhl saß, kam sie wieder zu sich. Sie fühlte sich plötzlich sicher und geerdet. Aber Bill, ist Bill sicher?
„So, mein Name ist Detectiv Blum. Wer sind Sie und was ist passiert?“
Seine Stimme ist warm und ruhig. So beruhigend.
„Suzie“, schluchzte sie, „mein Name ist Suzie Carter.“
Detectiv Blum nickte, notierte sich ihre Daten.
„Ich war im Einkaufscenter. Mit Bill. Er ist erst vier, wissen Sie, er ist doch erst vier! Jemand hat ihn mitgenommen!“, wieder kamen ihr die Tränen, sie wischte sie beiseite.
„Bill ist Ihr Sohn?“
Jetzt lachte sie ganz leicht, auch wenn es mehr ein Schluchzen war.
„Nein, für ein Kind bin ich zu jung. Er ist mein Babysitterkind. Ich passe jeden Dienstag, Donnerstag und Freitag auf ihn auf. Er wollte unbedingt zu diesem kleinen Fest, eine Art Kirmes.“
„Und er ist Ihnen weggelaufen?“
„Nein, ich hatte ihn an der Hand. Wir kamen an einem kleinen Stand vorbei, der Schmuck angeboten hat. Ich habe mich kurz dahin gedreht, ich habe seine Hand losgelassen, um eine Kette hochzunehmen. Dann hat mich irgendein Geräusch abgelenkt. Ich weiß nicht mehr was. Ich habe nach rechts gesehen, und als ich mich wieder umdrehte, war er weg!“
Jetzt heulte sie laut auf, ihr Make-Up lief ihr übers Gesicht. „Oh es ist meine Schuld. Ich konnte ihn nicht mehr finden! Ich war bei den Ballons. Er liebt sie so sehr, aber er ist nicht da. Er ist weg!“
„Haben Sie dem Personal Bescheid gegeben?“
Sie schüttelte den Kopf, dabei flog ihr Pferdeschwanz von links nach rechts. Dem Detectiv wurde es seltsam flau im Magen. Sein Herz klopfte schnell. Aber warum? Warum brachte ihn diese Bewegung so aus der Fassung?
„Nur dem Clown mit den Ballons. Er hat ihn nicht gesehen.“
„Okay, ich brauche seinen ganzen Namen, eine Beschreibung und am besten ein aktuelles Bild.“
Sie nickte, zog die Nase sehr undamenhaft hoch und steckte die Hand in ihre Jackentasche.
„Er ist vier. Ganz klein noch. Er ist blond, hat blaue Augen. Er wollte heute unbedingt seinen neuen roten Pullover tragen. Da ist 101 Dalmatiner drauf, von Disney.“
Als sie das Bild aus der Tasche gezogen hatte, schniefte sie und reichte ihm ein Bild über den Tisch, „Das ist er.“
Als der Detectiv das Bild sah, klopfte sein Herz nicht schnell, es schien einige Schläge auszusetzen. Einen kurzen Moment dachte er, dass sie ihm ein Bild seines Sohnes Richard gegeben hätte. Aber er war es nicht, sein Sohn hatte die Nase seiner Mutter geerbt. Dieser kleine Junge hatte seine Nase.
Himmel, das war… nein, das war nicht möglich.
Er hatte vage mitbekommen, dass sie etwas gesagt hatte. Er sah hoch.
„Ist das ein Scherz?“
Die Frage schien sie offensichtlich zu verwirren und zu treffen. Geschockt blickte sie ihn an.
„Wie bitte?“
Er klopfte mit dem Zeigefinger auf das Bild, legte den Kopf leicht schief.
„Woher haben Sie dieses Bild?“
„Ich- Es ist ein Bild von Bill! Seine Mutter hat es mir gegeben. Falls, naja…“
Ihr Kummer, ihre Sorge und die panische Angst waren so real, so greifbar. Er konnte sich nicht vorstellen, dass sie das in irgendeiner Weise witzig fand.
Bei Gott, kann das wahr sein, aber wie?
Irgendwas in seinem Hinterkopf wollte nach vorn. Eine alte Erinnerung.
„Wie heißt der Junge?“, fragte er erneut.
„Bill. Also nein, ich nenne ihn immer nur Bill. Es ist ein kleiner Scherz zwischen uns. Sein eigentlicher Name ist Markus. Markus Carmichael.“
Detectiv Blum war sich sicher, dass er kurz davor war, ohnmächtig zu werden. Sein Atem ging nur stoßweise und er starrte die junge Frau an.
„Sind Sie sich-“, begann er und dann passiert es. Sie strich sich durch die Haare und entblößte ein Stück Haut hinter ihrem Ohr. Der Penny, der in seinem Kopf umherrollte und fiel, landete mit einem sehr lauten RUMMS und unsanft in seinem Gedächtnis. Sie hatte ein kleines Tattoo hinterm Ohr. Ein Stern, selbst gestochen. Keine Linien, sondern Punkte.
„Wie sagten Sie, heißen Sie?“, er hörte selbst, dass seine Stimme heiser klang. Sie schien das zu verunsichern. „Suzie Carter, das habe ich doch gesagt. Hören Sie, was sollen die Fragen? Bitte suchen Sie nach Bill!“
Langsam, sehr langsam stand Detectiv Blum auf.
„Ich komme gleich wieder, Bitte bleiben Sie hier!“
Während Suzie alleine war, begann sie eine alte Gewohnheit wieder aufzunehmen. Sie knabberte ihre gepflegten Fingernägel bis aufs Blut ab. Als sie beim Mittelfinger der linken Hand angekommen war, öffnete sich die Tür geräuschlos und der Detectiv kam zurück. In seiner Hand hielt er ein Blatt Papier. Er setzte sich wieder ihr gegenüber.
„Darf ich Ihnen eine Geschichte erzählen?“, fragte er mit rauer Stimme.
Sie runzelte die Stirn.
„Ich weiß nicht, es geht doch um Bill! Sie müssen ihn suchen!“
Er hob die Hand und versuchte zu lächeln, es war mehr eine angstverzerrte Grimasse.
„Es hat mit Bill zu tun. Ich kann sie beruhigen, er wurde gefunden.“
Sie lachte, schluchzte, schrie und keuchte. Alles gleichzeitig. Wieder liefen ihr die Tränen über die Wangen.
„Darf ich zu ihm?“
„Bitte, lassen Sie mich erst meine Geschichte erzählen.“
Er sah auf das Dokument vor sich und seufzte leise.
„Wissen Sie, als ich Sie vorhin sah, hatte ich die vage Idee, dass ich Sie schon einmal gesehen habe. Ich wusste nicht woher und wieso, aber es war ein komisches Bauchgefühl. Ich habe Ihnen ja meinen Namen genannt vorhin. Er ist Blum. Das ist aber der Name meiner Frau, ich habe ihn angenommen. Mein Geburtsname ist Carmichael. Genauer gesagt, Markus Carmichael.“
Sie sah ihn ungläubig an. Er hob den Hintern leicht an und holte seinen Ausweis heraus. Dort stand es schwarz auf weiß. Sie hielt den Ausweis in ihren Händen und blickte abwechselnd von dem Stück Plastik zu seinem Gesicht und dann zurück auf das Kinderbild.
„Aber, das muss ein Zufall sein! Sie sind 40 Jahre älter als mein Bill“, rief sie, ließ den Ausweis fallen, als ob sie sich die Finger verbrannt hätte.
„Durchaus möglich, ja. Die Namen sind nicht sonderlich außergewöhnlich. Nur wie erklären Sie sich, dass ich im Alter von drei bis vier Jahren eine Babysitterin hatte, die ich sehr geliebt habe. Das hat mir meine Mutter zumindest oft erzählt. Das ist jetzt aber über vierzig Jahre her.“
Er beobachtete Suzie genau, sie schien seine Worte nicht wirklich begreifen zu können.
„Es war kurz nach meinem vierten Geburtstag. Meine Babysitterin, auch sie hieß Suzie, wollte mich zu einem kleinen Fest bringen. Im Einkaufszentrum, das hier früher stand.“
„Wieso stand?“, unterbrach sie ihn, „ich komme gerade von da! Bitte, ich will zu Bill!“
Er sah sie sehr lange an, etwas sehr trauriges erschien in seinem Gesicht.
„An dem Tag, an dem ich mit meiner Suzie da war, gab es eine furchtbare Explosion. Man weiß bis heute nicht, was genau passierte. Aber die oberen zwei Etagen wurden fast vollständig zerstört, an sehr vielen Stellen stürzte das Dach ein. Man fand mich bewusstlos einige Meter neben einem Stand mit Luftballons. Aber sie hatte weniger Glück.“ Er rieb sich die Augen.
„Die Explosion war direkt neben ihr. Es hatte sie einige Meter nach vorn geschleudert. Sie war sofort tot. Sie hatte nicht mal mitbekommen, was passiert war. Sie starb also ohne Schmerzen.“
Er reichte ihr das Dokument, welches er die ganze Zeit in der Hand gehalten hatte. Sie schaute es an, sagte aber nichts. Es vergingen mehrere Minuten. Suzie liefen stumme Tränen über die Wange. Mit dem Zeigefinger fuhr sie über das Bild auf dem Papier. „Du hast deinen kleinen Bill wiedergefunden. Alles ist gut.“, flüsterte er sehr sanft. Suzies Lächeln war nur eine Andeutung. Sie schien gedanklich sehr weit weg zu sein.
Langsam stand Markus Blum auf und verließ den Raum. Er schloss die Tür hinter sich und atmete tief durch.
Er würde gleich rüberlaufen. Er hatte den Blumenstrauß schon den ganzen Tag im Schließfach. Jedes Jahr am Jahrestag legte er für seine Babysitterin einen Blumenstrauß mit weißen Rosen an der Ruine des Einkaufszentrum ab. Er war sich sicher, dass, wenn er nachher wiederkam, nur die Todesanzeige von Suzie Carter noch im Befragungsraum sein würde.