KreaturenMittel

So eisig die Nacht – Part 2

Warnung vor Creepypasta

ACHTUNG: VERSTÖRENDER INHALT

Bitte beachten Sie, dass es sich bei dem folgenden Text um eine Creepypasta handelt, die verstörende Themen beinhalten kann, wie zum Beispiel Gewalt, Sexualisierung, Drogenkonsum, etc. Creepypastas sind fiktive Geschichten, die oft dazu gedacht sind, Angst oder Unbehagen zu erzeugen. Wir empfehlen Ihnen, diesen Text nicht zu lesen, wenn Sie sich davon traumatisiert oder belästigt fühlen könnten.

18. 12.
4: 36 Uhr

Als Tasha in die Nacht hinaustrat, Stunden, bevor die Leiche des bemitleidenswerten Pflegers der Nachtschicht gefunden werden würde, schlug ihr beißend eisige Luft entgegen.
Unwillkürlich machte sie einen tiefen Atemzug; sie war sich dessen gar nicht wirklich bewusst, doch es tat so gut, diese Frische, die durch ihren Körper strömte, so vollkommen anders als die trockene Luft des Gebäudes, aus dem so nun endlich entkommen war…
Wie lange war es her, dass sie frische Luft eingeatmet hatte? Wieder diese Frage, und noch immer keine Antwort darauf. So, wie Tasha sich fühlte, in Anbetracht der Faszination, mit der sie verharrte und zuerst den klaren Nachthimmel, und dann die dünne Schneedecke auf den Boden betrachtete, konnten es Jahre gewesen sein.
Das Erstaunen auf ihrem Gesicht glich dem eines Kindes, so unschuldig und naiv, begeistert von einer solchen Selbstverständlichkeit wie einer kalten Winternacht, und ihre kleine, zierliche Gestalt und das einem Kleid ähnliche Krankenhemd verstärkten eben diesen kindlichen Eindruck noch.
Lediglich die dunkelroten Flecken auf dem weißen Stoff störten das harmlose Bild.
Eine ganze Weile stand sie so da, vollkommen regungslos, und obgleich eine kleine hartnäckige Stimme in ihrem Hinterkopf sie anbrüllte, sie solle sich endlich bewegen, dass sie, wenn sie noch lange hierblieb entdeckt und zurückgeschleift werden würde, in ihre Zelle (oh ja, das war es, kein Zimmer, wie sie es bisher immer genannt hatte, sondern eine Gefängniszelle), und dort würde sie dann ihre Strafe für das bekommen was sie diesem Mann, der auf ihr wahnsinniges Gekreische reagiert hatte, angetan hatte.
Doch Tasha kümmerte das nicht. Sie war zu überwältigt von dem Anblick der Außenwelt, als dass sie ihren Weg sofort hätte fortsetzen können, und überhaupt – sie hatte nicht die geringste Ahnung, wo sie eigentlich war. Oder wohin sie wollte.
Als ihr diese Tatsache bewusst wurde, überkam sie eine Welle der Panik. Einige Sekunden lang war sie unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen; was tat sie hier eigentlich, was hatte sie vor, und noch viel wichtiger – was hatte sie getan?
Sie hatte einen Menschen ermordet. „Sei nicht albern!“, fauchte Augenblicklich eine weitere Stimme, und instinktiv hielt Tasha sich die Ohren zu, selbstverständlich ohne Erfolg, denn die Stimme kam aus ihrem Kopf, ebenso wie die, die sie noch immer dazu bringen wollte, sich endlich zu bewegen. „Das kann nicht sein! Das ist alles ein schlechter Traum. Du hast niemanden getötet, Tasha, das kannst du doch gar nicht…“
Wie gerne hätte Tasha der Stimme geglaubt. Dort drinnen, in dieser Zelle, nachdem sie die kalte Stange des Bettgestells in die Hand genommen hatte, war sie wie betäubt gewesen. Nichts von dem, was sie tat, schien ihrer Kontrolle unterlegen zu haben, viel eher war sie sich wie eine Beobachterin vorgekommen… und doch waren es ihre Hände gewesen, die die Schläge ausgeführt hatten, die sich um die Stange geklammert und zum finalen Stoß angesetzt hatten…
Und es war ihr Hemd und ihre Haut, an denen das Blut klebte.
„Du bist eine Mörderin.“, schoss es ihr durch den Kopf, und dieses Mal war es keine Stimme, sondern ein einfacher Gedanke, klar und nüchtern. Und ohne jede Reue.
Es tat ihr nicht leid. Vielleicht war es der Schock, vielleicht ein langfristiger psychischer Ausnahmezustand, aber was spielte das schon für eine Rolle, denn nun war sie frei…
Aber wohin wollte sie?
„Ganz ruhig, Tasha.“ Diese Stimme kam ihr nun sehr bekannt vor. Sie wandte sich um, und dort stand er, ihr Begleiter, dem sie ihren Ausbruch wohl erst zu verdanken hatte und dessen Anwesenheit sie skurrilerweise kurzfristig vergessen hatte.
Der Wendigo betrachtete sie aus der leere seiner Augenhölen, hob eine seiner krummen, deformierten Arme und streckte unter morschem Knacken seine Krallenfinger. Hier draußen wirkte er größer, und, so seltsam es klang, klarer. Als sei er dort drinnen bloß ein Schatten seiner selbst gewesen. Tasha vermochte nicht zu sagen, was genau sich an ihm verändert hatte, doch eines wusste sie: Hier draußen hatte sie diesem Wesen nichts mehr entgegenzusetzen. Dort drinnen hätte sie es vielleicht gekonnt, auch, wenn sie auch das bezweifelte. Aber hier, in der Kälte der Nacht (Er IST die Kälte, Tasha! Das ist er, das ist sein Zuhause!), war er stärker.
„Hier komme ich nicht mehr raus“, schoss es ihr durch den Kopf, und ihr Herz machte einen kleinen Sprung. „Ich weiß nicht, was er von mir will, aber jetzt ist es zu spät um mich umzuentscheiden… hier draußen… hat er mich…“
Sie hatte vergessen, dass der Wendigo ihre Gedanken lesen konnte, und so erschrak sie, als er mit seiner unmenschlichen Stimme erwiderte: „Das stimmt. Aber du brauchst dir keine Gedanken, zu machen, Tasha. Du wirst keinen Grund haben, dich umzuentscheiden!“ Ein kurzes, kratzenden Geräusch ertönte, das vielleicht ein Kichern war, doch es schwang keinerlei Amüsment darin. „Ich will dir nichts Böses. Ich werde dich zu deiner Familie bringen, so, wie ich es dir versprochen habe! Du willst sie doch wiedersehen, oder, Tasha?“
Tasha nickte, und gleichzeitig schrie die Stimme, die sie zuvor dazu hatte bringen wollen sich zu bewegen, in schrillem Tonfall: „Nein, verdammte Scheiße, das will ich nicht, ich will einfach nur weg, weit weg, irgendwo hin wo ich alleine bin und…“ An dieser Stelle verlor die Stimme sich in vollkommen unverständlichem Gebrabbelt, und Tasha nickte noch einmal, mechanisch wie ein Roboter.
Und der Wendigo, obgleich natürlich unfähig zu einer solchen Reaktion, schien zu lächeln.
„Wunderbar! Dann folge mir, Tasha!“
Und Tasha gehorchte.

Der Schlüssel lag unter dem Blumentopf hinter der Eingangspforte, so, wie er es immer getan hatte, solange sie in diesem Haus lebten. Nicht, dass Tasha sich daran erinnert hätte – sie erinnerte sich nicht einmal an das Haus – aber der Wendigo hatte es ihr gesagt, und als sie dort nachgeschaut hatte, hatte sie den Schlüssel gefunden.
„Ich kann auch einfach klingeln.“, murmelte sie halbherzig, als sie nun vor der Haustür stand und das Schloss betrachtete, doch sie wusste selbst, dass sie das nicht tun würde. Es war früher Morgen, und wenn sie klingelte würde sie wahrscheinlich das ganze Haus aufwecken; Tommy, Alana und Mike, und natürlich Kenneth.
Dieser Gedanke gefiel ihr nicht. Sie konnte nicht sagen, weshalb, vielleicht einfach, weil es unhöflich wäre, ihre Familie aus dem Schlaf zu reißen, die morgen womöglich früh aufstehen und zur Schule oder zur Arbeit gehen musste. Welcher Wochentag mochte es wohl sein?
Letztlich war der Grund für diese Entscheidung jedoch irrelevant, wichtig war, dass sie nicht klingeln würde. Und, dass sie den Schlüssel hatte.
Das Klicken des Schlosses klang gleichermaßen vertraut wie befremdlich, angenehm und erschreckend. Die Tür öffnete sich ohne ein Geräusch (hatte sie nicht früher immer geknarrt?) und gab den Blick frei auf das Wohnzimmer, das dunkel dalag, und nicht mehr erkennen ließ als die Silhouetten der Möbel, die dort standen.
„Es sieht anders aus.“, schoss es Tasha durch den Kopf, während sie eintrat und die Tür hinter sich zuzog. „Ich weiß nicht mehr, wie es ausgesehen hat… aber nicht so.“ Vielleicht stimmte das, vielleicht auch nicht.
Aus den Augenwinkeln sah Tasha den Wendigo wieder neben sich. Er war nicht durch die Tür hereingekommen, da war sie sich sicher, aber das musste er wohl auch nicht. Nun jedenfalls stand er hier und betrachtete den Raum, dann streckte er einen Arm aus und deutete auf eine Stelle hinter Tasha. „Na los, mach das Licht an.“
Sie musste seiner Anweisung Folge geleistet haben, denn einen Augenblick später flammte das Licht auf, und sie sah, dass sie vor der Wand stand, eine Hand auf dem Schalter, doch konnte sie sich nicht erinnern, sich in Bewegung gesetzt zu haben.
Egal. Vollkommen egal. Hör auf, so viel nachzudenken!
Sie drehte sich wieder um, ließ den Blick über die Einrichtung des Raumes wandern… und ja, es stimmte. Das hier hatte nichts mehr mit dem Raum gemein, den sie nach Diagnose ihrer Krankheit verlassen hatte, nichts davon war gleich; nicht die Möbel, nicht die Regale an der Wand, nicht die Dielen. Sie wusste nicht, wie es ausgesehen hatte. Aber nicht so.
Unschlüssig machte sie ein paar Schritte in den Raum hinein. Ein eisiger Windhauch fuhr durch ihr Haar und ließ sie frösteln – in diesem Moment dachte sie sich nichts dabei, doch die Tür hatte sie hinter sich geschlossen und keines der Fenster war geöffnet. Mit einer Mischung aus Neugierde und Argwohn musterte sie das Inventar. Sie sah nicht, wie der Wendigo sie dabei beobachtete, aber sie konnte seine Blicke spüren; sie schienen sich in ihr Fleisch zu brennen und verursachten körperliche Schmerzen, und grade wollte sie sich zu ihm umdrehen um ihm zu sagen, dass er damit aufhören sollte, als sie mit dem Schienbein gegen etwas stieß und das Gleichgewicht verlor. Der Versuch, sich abzufangen, blieb erfolglos, und so stürzte sie mit einem Schrei nach vorne, wobei sie noch etwas mitriss, das mit einem lauten Klirren auf dem Boden zerschellte, einen Augenblick, bevor Tasha selbst direkt daneben aufschlug. Einige Sekunden lang blieb ihr die Luft weg.
Großartig. Ganz, ganz großartig.
Reglos blieb sie liegen, lauschte auf ein Geräusch, und grade, als sie erleichtert aufatmen wollte, bereits dabei war, sich wieder aufzurappeln, hörte sie etwas.
Schritte.
Leise zunächst, doch dann immer näher kommend, und Tasha begriff, dass sie die Treppe hinabkamen, die sich zu ihrer Rechten befand, und auch die Stufen knarrten nicht mehr, so wie sie es ganz sicher früher getan hatten.
„Ist das hier überhaupt mein Haus?“, schoss es ihr durch den Kopf, während sie zurückwich, darauf bedacht, nicht noch einmal zu stolpern. Aber das musste es sein, der Schlüssel hatte doch dort gelegen, wo sie gedacht hatte… nein, wo der Wendigo es ihr gesagt hatte. Und legten nicht eine Menge Leute Schlüssel an solche Orte? Oder war das bloß in Geschichten der Fall? Und wieso zerbrach sie sich darüber ausgerechnet jetzt den Kopf, wo sie doch grade entdeckt worden war und…
Dann trat der Urheber der Schritte hinter der Ecke hervor, und alle Zweifel fielen von Tasha ab.
Kenneth. Das war eindeutig ihr Ehemann!
Er war älter geworden, die grauen Strähnen, die sein Haar durchzogen, waren mehr geworden als bei seinem letzten Besuch, aber vielleicht lag das auch bloß am Licht, zumindest versuchte sie, sich das einzureden. Doch auch die Falten auf seinem Gesicht schienen mehr geworden zu sein, er stand seltsam schief und gebückt da, und dann erst erblickte Tasha das Gewehr, das er auf Brusthöhe in seiner rechten Hand hielt.
Es war seine uralte Winchester, und ganz kurz freute Tasha sich tatsächlich darüber, denn zumindest das war gleichgeblieben.
Dann jedoch lief ihr ein Schauer den Rücken hinab.
„Kenneth…“, begann sie und machte einen Schritt auf ihn zu. Den Ausdruck in seinen Augen konnte sie sie recht deuten, er wirkte verschlafen, vielleicht ein wenig verärgert und gleichzeitig nervös… natürlich, schließlich musste er einen Einbrecher erwartet haben. Hier nun seine Frau vorzufinden war mit Sicherheit verwirrend…
„Was zur…“ Kenneths Stimme klang dünn und brüchig. Er starrte Tasha an, scheinbar unfähig, sich zu bewegen, doch dann schien dieser Bann zu brechen und er hob die Winchester, richtete den Lauf nach vorne…
Tasha klappte der Mund auf. Nun war sie es, die wie erstarrt dastand, in die dunkle Mündung der Waffe blickend. Er… er zielte auf sie. Er… erkannte er sie denn nicht?
Doch dann wurde es ihr klar. Es war nicht sie, vor der er sich fürchtete. Es war der Wendigo. Er stand noch immer hinter Tasha, oder zumindest war das das, was sie annahm, als sie sich umdrehte… aber dort war nichts. Dort nicht, und auch sonst nirgendwo in ihrem Sichtfeld.
Der Wendigo war verschwunden.
Ein weiteres Mal setzte sie an, nun mit ebenfalls brüchiger Stimme, doch sie kam ohnehin nicht weiter als „Kenneth, was…“, bis er sie unterbrach: „Ich weiß nicht, was zur Hölle du bist, aber ich geb dir drei Sekunden Zeit, dich zu verpissen!“
Die Winchester zitterte in seinen Händen, er schwankte, und nun bemerkte Tasha den Geruch. Beißend und brennend schlug er ihr entgegen, und obgleich sie es tief im Inneren besser wusste, wusste, dass Kenneth sie ganz genau erkannte, konnte sie in diesem Moment glauben, dass eben dieser Geruch den Grund für sein seltsames Verhalten offenlegte.
Kenneth war betrunken.
Auch das war neu. Früher hatte er nur selten einen Tropfen Alkohol angerührt, und Tasha war diejenige gewesen, die sich des Öfteren mal ein Glas zu viel gegönnt hatte. Und nun stand ihr Mann hier vor ihr und erkannte sie nicht, versuchte, mit ungeschickten Bewegungen, die Winchester zu entsichern, während er Mühe hatte, sich auf den Beinen zu halten.
Das war falsch. Das alles war falsch. Falsch, falsch, falsch!
Ein weiteres Mal öffnete Tasha den Mund, doch brachte sie keinen Ton heraus, ihr Hals fühlte sich an wie ausgetrocknet, und das einzige, was sie zu tun vermochte, war Kenneth dabei zu beobachtet wie er schließlich und endlich die Sicherung löste…
„Er wird mich erschießen!“, schoss es ihr durch den Kopf, und der stumpfe und zugleich angsterfüllte Blick ihres Ehemannes, der nun mit der Waffe direkt auf ihren Kopf zielte, bestätigte diese Annahme noch. Aber das ergab doch einfach keinen Sinn…
Paradoxerweise verspürte Tasha keinerlei furcht. Sie war verwirrt, verunsichert, aber nicht verängstigt, ganz im Gegensatz zu Kenneth, der am ganzen Körper zitterte, und das wohl nicht bloß aufgrund des Alkohols.
„Verschwinde!“, nuschelte er in verwaschener Aussprache, und schaumiger Speichel lief ihm aus dem Mundwinkel. „Mir Scheiß egal was du bist, aber verpiss dich! Ich brauch keinen verfickten Geist der mich heimsucht oder was auch immer! Verpiss dich, hast du mich verstanden?“
Langsam schüttelte Tasha den Kopf. Nein. Nein sie verstand nicht. Sie verstand nicht das Geringste; Kenneth redete komplett wirres Zeug… wie viel Alkohol hatte er wohl konsumiert? Oder war es vielleicht nicht bloß Alkohol gewesen.
Ein weiteres Mal versuchte sie, zu sprechen, und dieses Mal gelang es ihr, wenngleich ihre Stimme auch heiser und kratzig klang :“Kenneth, Schatz, was ist los mit dir? Ich bin es! Tasha! Wir… wir sind verheiratet! Seit sieben Jahren… oder zumindest waren es sieben als ich… krank geworden bin. Ich war krank, erinnerst du dich? Krebs! Darum bin ich…“
Der Schuss, der sich aus der Winchester löste, brachte sie abrupt zum Schweigen. Verblüfft starrte sie Kenneth an, der durch den Rückstoß der Waffe zurückgestolpert war und nun verzweifelt versuchte, sein Gleichgewicht zu halten. Die Kugel hatte ihr angedachtes Ziel um beinahe zwei Meter verfehlt. Steckte in der Wand neben dem Fernseher, schimmernd im grellen Licht der Deckenbeleuchtung. Einen Augenblick lang starrte Tasha sie fasziniert an. Noch immer war da keine Furcht, sie hatte sich noch nicht einmal erschrocken. Alles, was sie spürte, war… Verblüffung. Gemischt mit einer langsam, aber stetig anwachsenden eisigen Leere.
Und dann begann Kenneth zu schreien. Seine ersten Worte waren unverständlich, seine Aussprache zu verwaschen, doch dann wurden sie deutlicher, während sich mit jeder Silbe ein Regen aus Speichel auf den Teppich vor ihm ergoss. „…dein Maul! Halt dein Maul! Du bist nicht meine Frau! Meine Frau ist tot! Am Krebs verreckt, vor zwei Jahren! Die Urne mit ihrer Scheiß Asche steht auf dem Kamin, und ich kann dir auch den beschissenen Totenschein zeigen, wenn du dich dann verpisst! Oder ich jag dir einfach eine Kugel durch den Kopf, du Missgestalt!“

Zwei Dinge kamen Tasha in diesem Moment in den Sinn, und keines davon passte objektiv betrachtet sonderlich gut zu dieser Situation. Das erste war die Frage, seit wann Kenneth eine derart vulgäre Ausdrucksweise an den Tag legte. Die zweite, wie es ihm gelang, in seinem Zustand des Betrunkenseins derart komplexe Sätze zu bilden, wenn er sie auch bloß undeutlich hervorbrachte.
Undeutlich, aber doch klar genug, dass Tasha ganz genau verstanden hatte, was er gesagt hatte.
Dass sie seit zwei Jahren tot wäre.
Hatte zuvor doch bereits nichts mehr einen Sinn ergeben, so schien diese Sinnlosigkeit nun noch einmal gesteigert worden zu sein.
Sie war nicht tot! Sie stand doch hier, ein Mensch aus Fleisch und und, sie atmete, sie… ihre Gedanken wurden von einem weiteren lauten Knall aus der Winchester unterbrochen, und dieses Mal schlug die Kugel in den Wohnzimmertisch, einen halben Meter von Tasha entfernt. Holz splitterte, es knirschte, und dann folgte ein stumpfer schlag und ein wütendes „Verdammte Scheiße“ – vermutlich, denn Kenneths Aussprache war wieder reichlich undeutlich geworden.
Er lag auf dem Rücken, und die Waffe war ihm aus der Hand gerutscht und lag nun einen guten Meter von ihm entfernt. Mit stumpfem und zugleich verängstigtem Blick versuchte er, sich aufzurappeln, doch seine Bewegungen waren fahrig und ungelenk und seine Ellenbogen knickten unter seinem Gewicht weg, als er sich daraufstützte.
Tasha betrachtete ihn. Sie spürte nicht das Geringste, obwohl sie doch im mindesten verunsichert, und im Extremfall vollkommen hysterisch hätte sein sollen.
Kenneth hatte ihr gesagt, dass sie tot sei. Dass der Krebs sie umgebracht hatte, vor zwei Jahren bereits. Aber das war einfach nicht richtig.
Sie hatten den Krebs bekämpft, hatten die Ärzte ihr gesagt; Dr. Armstrong hatte ihr die MRT-Aufnahme des Tumors gezeigt; die alte und die Neue, und es war deutlich zu erkennen gewesen dass das Gewächs von der Größe einer Zitrone auf die einer Erdnuss geschrumpft gewesen war. Noch immer da, und deshalb hatte sie auch bleiben sollen, aber kleiner. Und sie hatten ihr Hoffnungen in Aussicht gestellt…
„Und das war auch die Zeit, in der Kenneth aufgehört hat, dich zu besuchen!“
Um ein Haar hätte Tasha geschrien. Sie hatte nicht erwartet, die Stimme des Wendigos zu hören, nicht , solange Kenneth da war, aus welchen Grund auch immer. Doch da war sie gewesen; dieser unmenschliche Klang, obgleich Tasha ihren Urheber nirgendwo ausmachen konnte.
Und Kenneth schien ihn ebenfalls gehört zu haben. Sein Gesicht, zuvor gerötet, wurde bleich. Er riss die Augen auf, klappte den Mund auf und zu, was ihm ein für die Situation vollkommen unpassendes Lächerliches Aussehen verpasste. „Ich…“, krächzte er, dann musste er husten.
Tasha betrachtete ihn stumm. Sie wartete darauf, dass da endlich etwas kam, eine Emotion, in welcher Form auch immer – Wut, Zorn, Trauer, Verzweiflung. Vollkommen gleich…
Aber da war nichts. Nichts außer dieser betäubenden Kälte.
Sie musste sich bewegt haben. Es war ganz ähnlich, wie zuvor, als sie plötzlich vor dem Lichtschalter gestanden hatte, und nun war sie Kenneth ein guten Stück nähergekommen, während der Wendigo von irgendwo hinter ihr unentwegt flüsterte: „Los, Tasha! Du weißt, was du tun musst! Du weißt, was sein Verhalten für ihn bedeutet! Du weißt es, Tasha!“
Und das stimmte. Sie wusste es.
Später, in einem ihrer wenigen, klaren Momente, würde sie sich selbst sagen, dass sie nicht wirklich begriffen hatte, was sie tat. Dass sie unter irgendeinem Bann gestanden hatte, der sie dazu brachte, zu tun, was sie tat, dass sie es aus freien Stücken niemals getan, niemals gekonnt hätte… doch wahrscheinlich waren diese Ausflüchte nichts als reiner Selbstschutz.
Hier und jetzt zögerte Tasha keine einzige Sekunde. Sie war Kenneth wieder nähergekommen, ohne es zu merken, und ein eisiger Luftzug fuhr über ihre Haut, ihre Härchen stellten sich auf, doch sie fröstelte nicht. Die Kälte schien im Augenblick alles zu sein, was sie umgab, schien ihren Körper auszufüllen, sie zu umarmen… die Kälte war alles was zählte.
Die Kälte, und nicht Kenneth.
Kenneth, der behauptete, sie wäre tot…
Tashas Finger legten sich um die Vase, die auf der Anrichte an der Wand stand. Es war eine klobige, hässliche Vase, niemals hätte Tasha sich so etwas ins Haus gestellt.
Kenneth, der offensichtlich das komplette Wohnzimmer, wenn nicht das gesamte Haus umgestaltet hatte…
Ihr Mann starrte sie an, versuchte erneut, sich aufzurappeln, doch ohne Erfolg, zu benommen war er durch die Wirkung des Alkohols.
Kenneth, der kein einziges Erinnerungsstück an Tasha zurückbehalten zu haben schien, kein Foto, nichts…
„Tu es, Tasha!“, flüsterte der Wendigo.
Kenneth, der sich nicht gefreut hatte, sie nach so langer Zeit wiederzusehen, kein Stück.
Tasha hob die schwere Vase, stand nun direkt über ihrem Ehemann, der nun dalag wie er starrt, keinerlei Versuche mehr unternehmend, sich zu erheben.
Kenneth, der versucht hatte, sie zu erschießen.
„Tu es, Tasha!“, wiederholte der Wendigo, und nun schrie er, und Kenneths Augen weiteten sich, entsetzt im Angesicht seines offensichtlichen Todes.
„Tu es, Tasha! Tu es! Tu es!“
Und Tasha schlug zu.

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