
Der Ruf der Spottdrossel
ACHTUNG: VERSTÖRENDER INHALT
Bitte beachten Sie, dass es sich bei dem folgenden Text um eine Creepypasta handelt, die verstörende Themen beinhalten kann, wie zum Beispiel Gewalt, Sexualisierung, Drogenkonsum, etc. Creepypastas sind fiktive Geschichten, die oft dazu gedacht sind, Angst oder Unbehagen zu erzeugen. Wir empfehlen Ihnen, diesen Text nicht zu lesen, wenn Sie sich davon traumatisiert oder belästigt fühlen könnten.
Ich war acht Jahre alt und lag im Krankenhaus. Meine Mutter streichelte meine Schulter, die vertraute Sorge war in ihr Gesicht eingebrannt. In dem weißen Zimmer, in dem wir uns befanden, roch es nach in Franzbranntwein getauchten Blumen. Neben meiner Mutter stand der Arzt und beugte sich zu mir, um die letzten Stiche an meiner Fingerkuppe zu nähen, die ich mir dummerweise mit einem Dosendeckel aufgeschnitten hatte.
Es schmerzte. Selbst nach den Spritzen, die ich bekam, hat es noch weh getan.
Aber hinter dem leichten Ziehen und den heftigen Schmerzstößen nahm ich etwas wahr, das sich im Raum bewegte – eine kleine, körnige Gestalt, die neben dem Kopf des Arztes schwebte. Eine Murmel, wie eine Schneekugel.
Ziellos trieb sie im Raum umher, wie eine hilflose Blase, die in einer unsichtbaren Strömung gefangen war. In ihrem Inneren wimmelte es von Lichtflecken, die mich an Glühwürmchen erinnerten. Auf einmal verdichteten sich die Flecken in der Mitte der Kugel, pulsierten hell mit einem Lichtstoß und schwärmten anschließend in ihre verschiedenen Richtungen weiter. Dies geschah in einem konstanten Tempo.
Klopf, klopf – klopf, klopf.
Genau wie der Puls in meinem Finger.
„Mom?“, fragte ich schließlich. „Kannst du die Fee sehen?“
Sowohl sie als auch der Arzt tauschten verwirrte Blicke aus.
An diesem Tag habe ich sie zum ersten Mal gesehen.
Das zweite Mal war im Haus meines Freundes in der siebten Klasse. Es war ein schulfreier Abend, an dem wir zwischen Gruselfilmen und Reaktionsvideos hin und her wechselten. Was für mich mit einem leichten Schmerz in der Schläfe begonnen hatte, entwickelte sich bald zu einer rasenden Migräne. Die Kopfschmerzen setzten mir absolut zu. Mir graute es vor dem Heimweg, deshalb erlaubte mir der Vater meines Freundes, auf seiner Couch zu schlafen, bis mich die Schmerztabletten beruhigt hätten.
In der stillen Finsternis seines Treppenhauses bemerkte ich eine weitere Kugel in meinem peripheren Blickfeld. Ihr verschwommener, lichtdurchfluteter Körper schwebte an der Treppe vorbei. Die gleichen verstreuten Flecken. Die gleichen rasenden, unbeholfenen Bewegungen.
Aber eine Sache war anders.
Diesmal konnte ich den starken, muffigen Geruch eines Aschenbechers wittern. Als die Schmerztabletten wirkten, verschwanden sowohl die Kugel als auch ihr Geruch.
Erst Ende desselben Monats erfuhr ich, dass mein Freund seine Mutter an Lungenkrebs verloren hatte, verursacht durch ihre Lieblingszigaretten.
Es ist ein unheimlicher Trost, wenn man erkennt, im Grunde genommen nicht verrückt zu sein, und dass die Dinge, die man sein ganzes Leben lang bemerkt hat, nicht nur Hirngespinste waren. Schmerz – das ist der Auslöser. Nur so kann ich die Geister, Entitäten, oder dergleichen, wie auch immer man sie nennen möchte, wirklich sehen. Ich betrachtete das immer als einen Segen. Ohne meine Endorphine, die als Abschaltmechanismus fungierten, würde ich sie überall sehen, sie würden überall herumschwimmen und wie Kadaver von Quallen übereinander prallen.
Ich versuchte, sie zu berühren, versuchte sogar, sie mit einem Gefäß zu fangen. Ohne Erfolg. Sie sind allesamt körperlos.
Nicht alle von ihnen weisen einen bestimmten Geruch auf. Fragt mich bitte auch nicht, woran das liegt. Manchmal, wenn ich nahe genug an ihnen bin, vermag ich etwas zu erkennen, das von ihrer transparenten Oberfläche reflektiert wird, einen flüchtigen Abglanz von Lippen, von Haar, vielleicht von einem Auge, das mir entgegenschaut.
Ich erachte mich weder als Medium noch als etwas Vergleichbares, noch spreche ich mit irgendjemandem über diese Art von Dingen. Aufmerksamkeit ist nichts, was ich suche. Um ehrlich zu sein, bin ich einfach nur jemand, der daran gewöhnt ist, aus dem Rahmen zu fallen.
Ich wurde mit einem Iriskolobom, oder auch dem Katzenaugensyndrom in meiner linken Pupille geboren, einer Anomalie, die ihre Form verlängert. Anders als der Name vermuten lässt, sieht meine Pupille eher aus wie ein Tintenklecks, der an meiner Iris entlang gleitet, und nicht wie das Auge meiner grauen Katze. Da sich die Pupille nicht von selbst erweitern kann, reagiere ich auch besonders empfindlich auf grelle Lichtquellen.
Im Großen und Ganzen habe ich mich daran gewöhnt, dass die Leute mich zweimal ansehen, erst noch einmal einen Blick riskieren und dann rasch wegschauen. In der Schule hat sich diese Toleranz noch verstärkt. Die Kinder nannten mich Zyklop und verbreiteten gerne das Gerücht, ich sei mit einer schrecklichen Krankheit infiziert. Ob das der Grund dafür ist, dass ich die Dinge wahrnehmen kann, die ich sehe, weiß ich nicht, aber eines ist sicher: Mein linkes Auge kann sie im Dunkeln viel deutlicher erkennen.
Eines Donnerstagabends, mitten im Sommer, rief mein Onkel meinen Vater an und fragte, ob ich ihn für ein paar Tage besuchen wolle. Er benötigte in letzter Minute Hilfe bei der Renovierung eines neuen Hauses, in das er einziehen wollte, und bot mir die Möglichkeit, etwas Geld dazuzuverdienen. In Anbetracht der Tatsache, dass er den Flug nach Mississippi übernehmen würde, nahm ich das Angebot an. Als frisch gebackener High School-Absolvent war ich gerade dabei, mein Geld für das College zusammenzukratzen.
Die Reise von Los Angeles nach Delta, Mississippi, dauerte fast fünfeinhalb Stunden, und Onkel Davin war bereits am Abholort. Ich war nicht nur wegen des Jobs dort. Ihn zu sehen, war allein schon den Flug wert. Niemals wird man einem so fröhlichen Charakter begegnen wie ihm, der trotz seiner privaten Engpässe stets lächelte und uns eine helfende Hand reichte. Und wenn er nicht gerade in seiner Kirche predigte, gab er der Gemeinde etwas zurück, egal wo, egal wie.
„Fang dir den Geist des Südens ein“, stand auf einem verbeulten Schild, das uns in Holmes County willkommen hieß. Was auch immer das war, ich hoffte, es war nicht ansteckend.
Wir erreichten das Haus, in dem ich die nächsten Tage wohnen würde: ein Farmhaus, in das problemlos eine fünfköpfige Familie passen würde. Onkel Davins Hinterhof führte zu einem großen Feld mit hohen Bäumen am Wegesrand. In weiter Ferne befand sich die verfallende Ruine einer leerstehenden Scheune. Die nächstliegenden Nachbarn waren meilenweit entfernt, zwischen riesigen Baumwollfeldern und Zypressensümpfen.
Wenn jemand meinen Onkel fragte, warum er sich für die Hinterwäldler von Mississippi entschieden hatte, zuckte er nur mit den Schultern und sagte: „Wir hatten wohl genug von all dem Lärm.“
Ironisch, wenn man die unverschämt vielen Spottdrosseln bedenkt, die sein Grundstück umgaben. Man konnte keine zwei Schritte aus seiner Haustür machen, bevor man sie von der Waldkante aus rufen hörte. Sogar nachts sangen die einsamen Männchen.
Bestimmt brauchte mein Onkel Hilfe bei der Renovierung, aber wahrscheinlich wollte er nur etwas Gesellschaft. Tante Rosie, seine Frau, war vor nicht allzu langer Zeit an einem Herzleiden verstorben. Sie waren vor einiger Zeit gemeinsam dorthin gezogen, in das Land der flachen Wiesen und der Bluesmusik, nur damit einer von ihnen ganz allein zurückbleiben konnte.
Ich hatte Tante Rosie ein paar Mal getroffen, und bei jedem Besuch war sie überaus herzlich und zuvorkommend gewesen. Leider hatten wir es nicht zur Beerdigung geschafft, weil mein Vater die Flugtickets schlecht geplant und die Termine verwechselt hatte. Dennoch hegte Onkel Davin keinerlei Missgunst gegenüber seinem Bruder.
Bei Einbruch der Dunkelheit räumte ich im Gästezimmer meine Sachen aus und wartete darauf, dass mich die einsamen Lieder der Vögel in den Schlaf wiegen würden.
Anderntags machten wir uns nach dem Frühstück an die Arbeit. Wir verbrachten den ganzen Nachmittag damit, die Zimmer zu entrümpeln, Teppiche zu entfernen und Hartholzböden abzuschleifen. Am Ende des Tages hatten wir es geschafft, einige Zimmer fertig zu stellen und mit den Fliesen im Badezimmer anzufangen. Ich war vollkommen erschöpft.
Auf dem langen Weg zurück zum Haus meines Onkels klopfte er mir kräftig auf die Schulter. „Danke für die Hilfe, Kumpel, und überhaupt, dass du vorbeigekommen bist.“
„Kein Problem“, gähnte ich ein wenig und lächelte meinen Onkel an.
Er wandte seinen Blick wieder auf die Straße und begann die Melodie von „Home on the Range“ zu pfeifen.
„Das war ihr Lieblingslied, wusstest du das?“, fragte er überlegend. „Das gleiche, dass sie immer nach der Kirche gesungen hat. Selbstverständlich haben die kleinen Schnabelviecher es gelernt, sodass ich es immer noch in der Einfahrt hören kann.“ Ein schwerer Seufzer entwich aus seiner Nase. „Es ist schwer, ehrlich zu sich selbst zu sein, nicht wahr?“
„Was meinst du?“, fragte ich ihn und blickte ihn von der Seite an, geduldig auf die Antwort wartend.
„Hmmm.“ Er schürzte seine Lippen. „Ich meine, dass man akzeptieren muss, dass sich die Dinge ändern, egal was man tut oder wie man es hätte tun können. Es ist gut, das Leben zu umarmen und die Tatsache zu akzeptieren, dass es sowohl grausam als auch schön sein kann.“ Ich bemerkte, wie sich sein Nacken leicht in Richtung des fahlen Orangestichs des Himmels drehte. „Du kannst Gott danken, dass du noch Augen hast, die den Sonnenuntergang sehen können, aber er wird nie wieder so schön aussehen wie früher.“
Dann schaltete er das Radio ein und wir fuhren den Rest des Weges schweigend.
In dieser Nacht schlief ich nicht, sondern fertigte ein paar Skizzen auf dem Schreibtisch in meinem Zimmer an. Ich bin kein Künstler, aber es war eine willkommene Ablenkung von Onkel Davins langen, gemächlichen Schnarchlauten, die durch den gesamten Korridor drangen.
Plötzlich stach mir etwas in die Nase – ein anhaltender Duft von Blumen und Zitrusfrüchten. Parfüm. Ich sah mich im Zimmer um und erspähte eine Regung an meiner Tür. Eine kleine, tanzende Kugel. Ihr Zentrum schien zu glitzern, als sie meine Aufmerksamkeit erregte. Die Lampe auf dem Schreibtisch züngelte leicht.
Doch ich hatte keine Schmerzen. Ich fühlte mich sogar gut. Eine eiskalte Besorgnis kroch mir in den Nacken. Hatte ich irgendwo Schmerzen und hatte es nicht einmal bemerkt?
Die Kugel näherte sich mir behäbig und kehrte anschließend zur Tür zurück. Ich hatte noch nie eine solche Bewegung gesehen. Interessiert wandte ich mich ihr zu und beobachtete, wie sie sich auf die Treppe zubewegte und dort stehen blieb und wartete. Es wollte, dass ich ihm folge.
Eine weitere Erkenntnis sprang in mir auf: Das war Tante Rosies Parfüm.
Ich folgte der Kugel die Treppe hinunter und bemerkte, wie sie durch die Tür in den Hinterhof sank. Ich schnappte mir meine Jacke und meine Schuhe und trat in die Kälte nach draußen. Die scharfe Luft reizte meine Wangen. Aus dem Unterholz ertönten zirpende Zikaden, die das Zwitschern der Spottdrosseln untermalten.
Die Kugel befand sich auf dem Feld und blinkte wie eine entlegene Laterne. Als ich sie schließlich erreichte, sank sie zu Boden und tauchte in ein totes Fleckchen Gras ein.
Daraufhin begannen die Vögel laut zu krächzen.
Ein weißes Licht quoll aus dem Boden. Es beschien die umliegende Grasnarbe, die sich immer noch aufblähte wie ein überdimensionaler Ballon, der kurz vor dem Bersten stünde.
Ich erhob eine Hand, um meine Augen vor dem intensiven Leuchten zu schützen. Es war riesig, ein gewaltiger runder Klumpen aus vibrierendem, oszillierendem Licht.
Klopf, klopf – klopf, klopf.
Und im weiß verputzten Zentrum des Dunstes erschienen schwarze, sich windende Formen. Vage, schattenhafte Objekte, die sich wie Tintenkleckse auf einer Leinwand bildeten.
Was siehst Du? Fragte Rorschach einmal.
Hände. Finger. Sie alle formten sich aus dem weißen, milchigen Dunst und krallten sich in sein Inneres. Gepeinigte, winselnde Mienen drückten sich gegen die sich ausdehnenden, aber unnachgiebigen Innenwände der Kugel. Ihre konturierten Münder reckten sich in lautloser Agonie auf.
Der Schein ließ meine linke Pupille schmerzen, aber ich wagte nicht, den Blick abzuwenden. Ich fühlte einen Schwindelanfall, als müsste ich mich an etwas festhalten, um ein Stückchen Realität in meine Hände zu pressen.
Aber da war nichts.
Nur ich, das Feld und die Kugel voller schrecklicher, sich windender Gestalten.
Ein Spielplatz der blanken Hysterie.
Dann tauchte aus der sich windenden Leere das Gesicht einer Frau auf. Das Gesicht von Tante Rosie, ihre Züge so klar wie der Tag. Ihre Augen zeigten den elenden Blick einer hilflosen Person. Ihre Haut war pastös und schlaff, wie schmelzendes Wachs. Ihr Haar wies einen wirren Schopf auf und war mit dunklen Schlammklumpen durchsetzt.
Ich betrachtete ihre farblosen Lippen, die sich öffneten und schlossen, um zu sprechen, aber keine Worte drangen zu mir durch. Meine Beine zitterten und ich wankte zurück. Ich kam mir vor wie jemand, der auf Stelzen balanciert und im Begriff ist, sich auf dem Bürgersteig das Genick zu brechen. Ich war dabei, eine Ohnmacht zu erleiden. Ehe mich die Benommenheit überkam, reckte ich den Hals in Richtung Haus. Die Lampe in meinem Zimmer flackerte rapide.
Und dann: nichts.
Wie lange ich bewusstlos war, ist nicht bekannt, aber als ich wieder zu mir kam, waren die Kugel und das Gesicht meiner Tante verschwunden. Selbstverständlich war an Schlaf in dieser Nacht nicht zu denken. Hin und wieder schaute ich aus dem Fenster und fragte mich, ob ich das Leuchten auf dem Feld wieder sehen würde.
Als der Morgen endlich anbrach, dauerte es nicht lange, bis mein Onkel bemerkte, wie ausgelaugt ich war.
„Alles in Ordnung, Kumpel?“, fragte er, als ich auf dem Beifahrersitz eindöste.
„Ja, ich habe nur nicht viel Schlaf bekommen. Mir geht’s gut.“ Nein, beim besten Willen nicht.
Teilweise hätte ich ihm gerne die Wahrheit gesagt – dass seine verstorbene Frau vor einigen Stunden irgendwie mit mir Kontakt aufgenommen hatte. Dass sie verzweifelt aussah, als ob sie Hilfe bräuchte. Aber was würde das für ihn bedeuten? Er hatte ohnehin schon genug durchgemacht.
Nein. Ich musste noch etwas darüber nachdenken.
Ein weiterer harter Arbeitstag liegt hinter uns und wir haben einen großen Teil des Hauses fertiggestellt. Um das zu feiern, aßen wir auswärts und sahen uns bis spät in die Nacht Stand-up-Shows an.
Zweieinhalb Stunden später saß ich an meinem Schreibtisch und starrte immer noch auf das Feld. Ich war mir nicht sicher, was mich erwartete oder wie ich die Informationen, die ich bereits besaß, verdauen sollte. Und dann, gerade als ich das Gefühl hatte, mich zu entspannen, schwebte die kleine Kugel vorbei, deren zartes Licht mich anblitzte.
Parfüm wehte mir ins Gesicht. Doch es gab keinen Schmerz.
Ich schluckte schwer. „Tante – Tante Rosie, bist du das?“
Keinerlei Antwort, nur ein weiteres Abschweifen.
Also versuchte ich es erneut. „Wenn du das bist, gib einen Laut von dir. Geh in den Flur. Gib mir ein Zeichen oder so etwas.“
Als ich das sagte, flackerte die Lampe auf meinem Schreibtisch. „Kannst du das noch einmal machen?“, fragte ich erneut, meine Augen regelrecht auf den Lichtorb fixiert und in Erwartungen erfüllt.
Erneut flackerte das Licht.
„Ich muss wissen, ob du Hilfe brauchst.“
Als wäre sie von meiner Stimme gesteuert worden, begann die Lampe wieder zu blinken. Sie stoppte, begann von neuem und wiederholte das identische, exakte Muster noch zweimal. Die Impulse waren sowohl kurz als auch lang und unverwechselbar. Ohne zu überlegen, schnappte ich mir ein Blatt Papier und begann zu schreiben. Für die meisten war es ein durcheinandergewürfeltes, scheinbar zufälliges Flackern.
Aber für mich war es ein Signal.
Dafür sollte ich meiner Zeit als Pfadfinder danken. Damals buchstabierten wir mit unseren Taschenlampen Schimpfwörter für die benachbarte Truppe. Ich ordnete die Sequenz zu, die der Orb reproduzierte.
…. .. .-.. ..-. .
Hilfe.
Das war’s – wir kommunizierten miteinander.
„Du musst mir mehr erzählen“, sagte ich aufgeregt und panisch zugleich. „Warum brauchst du Hilfe?“
Die Lampe blinkte wieder ununterbrochen und fügte dem Muster ein weiteres hinzu.
…. .. .-.. ..-. / ..- -. …
Hilf uns.
Ich drehte meinen Kopf in Richtung der Kugel, die jetzt wie ein berauschter Geist durch den Raum kreiste. Sie rief nach mir, flehte um Hilfe. Aber es war nicht nur Tante Rosie. Da waren noch mehr von ihnen. Wir waren da.
Noch ehe ich eine weitere Frage stellen konnte, änderte sich die Nachricht.
. .-. — — .-. -.. . –
Ermordet
Ich verspürte einen scharfen Stich der Angst. Warum dieses Wort? Warum dieses schreckliche, schreckliche Wort? Ein kaltes, schroffes Wort, das wie kaltes Metall auf mich einschlug. Sein Klang war schmerzhaft, als würde es mir überschüssige Flüssigkeit aus der Brust entziehen und versuchen, sich selbst vor dem Ertrinken zu retten. Ich wagte es nicht, die nächste Frage zu stellen. Auch die Antwort war für mich unerträglich. „Wer hat dich getötet?“
. …. . — .- -. -.
Ehemann
Nein, nein, nein, nein!
Ich durchstrich das Wort, als hätte es auch nur einen Hauch von Macht. Das war unmöglich. Mein Onkel war ein Heiliger, der selbstloseste Mann, den ich kannte. Er kümmerte sich um Menschen. Er hielt Predigten in der Kirche. Er hätte nie jemandem wehgetan, schon gar nicht der Liebe seines Lebens. Mein Gehirn lehnte den Gedanken ab. Es war falsch. Es musste aber so sein.
Die Lampe blinzelte eine weitere Sequenz, hielt aber inne, weil die Glühbirne zu erlöschen drohte. In dem Moment, in dem der letzte Rest an Energie verpuffte, erhielt ich die letzte Nachricht.
-… .- … . – . -. –
Keller
Als ich nach der Kugel sah, war diese ebenfalls verschwunden. Erloschen.
In Gedanken versunken, machte ich mich leise auf den Weg zur Kellertür. Die Stufen erbebten unter meinen Füßen. Es musste vier, vielleicht fünf Uhr morgens gewesen sein. Ich wusste es nicht und es machte mir auch nichts aus. Schlaf war das Letzte, was ich in meinem überlasteten Gehirn gebrauchen konnte.
Der Keller war kalt und weiträumig, mit Betonwänden, grauen Schränken und einer Arbeitsplatte an der Wand. Darüber hinaus gab es nur ein kleines quadratisches Fenster zum Hinterhof. Unschlüssig schritt ich durch den Raum, ohne zu wissen, wonach ich überhaupt suchte. An der rechten Seite des Raumes befand sich eine Tür, die nur einen Spalt breit geöffnet war. Als ich sie ganz aufzog, offenbarte sich ein kleiner Schrank mit einem Stuhl in der Mitte. Der Stuhl verfügte über dicke Lederriemen für Handgelenke und Knöchel. Die Stuhlbeine waren fest in den Boden genagelt. Er ähnelte einem Stuhl für Hysteriepatienten in einer psychiatrischen Klinik.
Die hölzernen Armlehnen waren von tiefen Rillen durchzogen, in denen sich scheinbar Fingernägel eingekratzt hatten. Um den Stuhl im Schrank herum verlief ein grober Salzkreis, der mit Reihen von geschmolzenen Kerzen gesäumt war.
Der Gedanke, festgeschnallt zu sein, ließ mich innehalten und mich daran erinnern, dass ich atmen musste. Der Gedanke, in diesem kleinen, vertikalen Raum festgeschnallt zu sein, verursachte bei mir ein Gefühl des Erstickens. Ich kehrte in mein Schlafzimmer zurück, wo der Schlaf nie wieder zu mir zurückfinden würde.
Ehe ich mich versah, waren mein Onkel und ich auf der letzten Fahrt, um die restlichen Zimmer zu renovieren. Den ganzen Tag über herrschte eine offensichtliche Unbehaglichkeit zwischen uns. Der Stuhl war ein ständiger Oberton in meinen Gedanken. Ich dachte an tausend Möglichkeiten, ihn darauf anzusprechen. Es fühlte sich wie eine sehr gefährliche Frage an, wie eine, die ich mir für später aufheben sollte. Für ein Telefonat. Aber selbst dann, was würde das bringen?
Auf der Rückfahrt zu seinem Haus konnte ich es nicht mehr zurückhalten. Ich musste etwas sagen. „Onkel Davin …“
„Hm?“ Er neigte seinen Hals zu mir.
„Es tut mir leid, dass ich das frage, aber es nagt schon eine Weile an mir. Wie genau ist Tante Rosie gestorben?“
Etwas rührte sich in seinen Augen, ein Hauch von Überraschung, der sich aber schnell wieder in den Winkel schlich, in dem er sich versteckt hatte. „Tut mir leid.“ Er hustete. „Mit so einer Frage habe ich nicht gerechnet. Sie hatte Herzprobleme. Hatte ich dir und deinen Eltern das nicht schon gesagt?“
„Nein, mir nicht“, log ich. „Du hast es aber wahrscheinlich meinen Eltern gegenüber erwähnt.“
„Ah, ja. Da hast du wahrscheinlich recht. Was hat dich so neugierig gemacht?“ Er warf mir einen fragenden Blick zu.
Nur der Stuhl in deinem Keller, überlegte ich. Ja, nur der Stuhl mit den Lederriemen und den angenagelten Stuhlbeinen.
Wofür war der?
„Ach … Nur so.“ Ich zuckte mit den Schultern. „Ich hatte nur einen schlechten Traum, letzte Nacht.“
Das Gespräch verebbte daraufhin und flammte für den Rest des Abends nicht mehr auf.
Ich saß am Schreibtisch und kaute meine Nägel bis auf die Grundfesten ab. Die Glühbirne, die ich ersetzt hatte, war noch nicht aufgeblitzt oder hatte geflattert. Mein Flug ging morgen, und ich wusste nicht, ob ich mich davor fürchtete oder mich danach sehnte. Ich rief bei meinem Vater an, ohne Erfolg, und bei meiner Mutter landete der Anrufbeantworter auf der Mailbox. Ich wollte einfach nur reden, eine andere Stimme in meinem Kopf hören als meine eigene.
Es klopfte an der Tür.
„Komm rein“, rief ich und wandte meinen Kopf zur Seite.
Mein Onkel stieß die Tür leicht auf, ein Glas mit dunklem Whisky in der Hand. „Hey, Kumpel.“ Ein Seufzer entfuhr ihm. „Es ist dein letzter Abend hier oben. Willst du mit mir einen Film anschauen?“
„Nein, danke. Ich bin eigentlich ziemlich müde.“
Sein Gesicht erhielt einen sorgenvollen, fahlen Ausdruck. „Was läuft da zwischen uns? Ich habe das Gefühl, du bist verärgert.“
„Nein, das bin ich nicht. Tut mir leid. Ich habe im Moment nur viel um die Ohren.“
„Du warst im Keller, nicht wahr?“
In meiner Kehle bildete sich ein Klumpen Panik. „Was?“
Schwer seufzend schritt er auf das Bett zu und fiel praktisch hinein, um sich daraufzusetzen. Da wurde mir klar, wie betrunken er bereits war.
„Deshalb hast du gefragt, hm?“, murmelte er. „Weil du, äh, besorgt bist?“
Mir war nicht klar, was ich sagen sollte. Das war nicht Onkel Davin, der mir gegenüber saß, sondern eine billige Kopie von ihm, die sich dumm gesoffen hatte und Geheimnisse vor anderen Menschen verbarg.
„Ich werde dir mal was erzählen“, erklärte er trocken. „Etwas, das ich nicht mit dem Rest der Familie geteilt habe. Um ehrlich zu sein, war ich ziemlich … befangen, was das angeht.“ Sein Blick wanderte zu dem Whisky in seinen Händen. „Ich war mal ein Exorzist. Du weißt, was das ist, oder?“
Ich nickte mit dem Kopf.
„Guter Junge – das dachte ich mir.“ Er gluckste nervös. „Ich verstehe, wenn solche Themen für dich wie Feenstaub sind, aber wenn du gesehen hättest, was ich erlebt habe, würdest du es vielleicht verstehen. Frauen, die ihren eigenen Körper missbrauchen und mich mit Stimmen anschreien, die nicht zu ihnen gehören. Augen, die in ihren Höhlen zurückrollen. Der Schaum, der aus ihren Mündern quoll. Die Leute suchten Rat bei mir. Ja, sie kamen zu mir. Und ich habe ihnen geholfen.“ Wiederholte er mürrisch: „Ich habe ihnen allen geholfen.“
„Aber … Was hat das mit Tante Rosie zu tun?“
Er drehte das Glas in seiner Hand und verschüttete dabei etwas Schnaps auf den Boden. „Dieses Haus hat mich nie gemocht, es hat mich von Anfang an gehasst. Irgendetwas stimmte damit nicht. Irgendetwas war zuerst hier, im Keller. Rosie hat es gefunden und es hat sie dazu gebracht, sich seltsam zu verhalten.“ Er verschluckte das Ende des Satzes und hielt inne, um sich eine Träne von der Wange zu wischen.
„Sie wollte mir wehtun. Sie wollte sich selbst verletzen. Ich musste es tun, ich musste es aus ihr herausholen – und das habe ich getan. Aber ihr Herz …“ Sein Körper sackte ihm in den Schoß. „Es war schon so schwach – ihr Herz. Sie hat es nicht geschafft. Da kann ich nicht mehr runter, ich kann nicht! Deshalb hast du mir geholfen, das neue Haus zu renovieren, weil ich nicht mehr hier sein kann. Es ist zu viel für mich.“ Der Rest der Worte ging in einem unzusammenhängenden Schluchzen unter. „Es tut mir leid, Kumpel.“ Weinte er vor sich hin. „Es tut mir leid …“
Ich half ihm aus dem Bett und führte ihn den Flur entlang in sein Zimmer. Sein Atem stank nach verdautem Alkohol.
„Hab’s versucht. Bin ihn nicht losgeworden“, murmelte er, als ich ihn ins Bett brachte. „Musste es begraben …“
Mit einem Klicken fiel die Tür hinter mir zu. Ich konnte es nicht mehr ertragen. Es war zu viel, um zusammenzubrechen. Meine Beine brachten mich in die Garage. Genug war genug. Meine Ungewissheit, bis zum letzten Tropfen, hatte sich zu einer brennenden Klarheit entwickelt.
Die Wahrheit finden.
Mit der Schaufel in der Hand stapfte ich durch den Hinterhof. Die Kälte kam nicht bis zu mir durch. Die Spottdrosseln pfiffen und sangen von den Bäumen herab. Ich marschierte auf das tote Stück Gras auf dem Feld und begann zu graben.
Das schrille Kreischen des Vogelchors erklang in hohen Tönen.
„Seid still!“, schrie ich sie an und stieß die runde Klinge tiefer in die Erde. Dann vernahm ich das leise Kratzen, als es auf etwas traf. Ich fiel auf die Knie und harkte den nassen Dreck beiseite. Es sah aus wie eine Weinkiste, die komplett mit einer roten, wächsernen Substanz überzogen war. Im Inneren des Kastens schepperte etwas herum.
Das war sie, die Wahrheit. Ich brach das Siegel auf und schaute hinein. Darin befanden sich alte Pfennige, eine mit einer Kordel zusammengebundene schwarz-braune Haarlocke und ein einzelner Kerzenhalter.
Dann, Licht.
Eine Welle des Lichts brach aus der Box hervor. Es strömte über meine Handgelenke und glitt in meine Ärmel wie brennendes Eis. Es kroch meine Arme hinauf und sprudelte aus dem Kasten wie Blut aus einer Arterie. Der Lichtstrahl wuchs und dehnte sich aus, bis er über mir die runde Form einer großen Kugel annahm.
Mein Körper wurde gefühllos. Die Welt verschmolz zu verschwommenen, wirbelnden Bildern. Ich konnte immer noch die Schreie der Spottdrosseln hören, die sich zu einer durchdringenden, rhythmuslosen Tonlage vereinigten.
Lauter. Immer lauter.
Es drang in meine Ohren und löschte alle Sinne und den Verstand aus; es ertränkte mich von innen heraus. Jetzt konnte ich nicht mehr atmen. Ich konnte die kalte Luft nicht mehr schmecken. Meine Füße spürten den Boden unter mir nicht mehr. Ich fiel in einen tiefen, luftleeren Schacht. Kein Licht mehr, nur eine endlose, gierige Dunkelheit. Die Muskeln in meinem Arm spannten sich schmerzhaft an. Eine Stimme, die nicht die Meine war, begann zu schreien.
Als ich wieder zu mir kam, lag ich in einem dunklen Raum. Das Schreien war verstummt. Mein Herz hämmerte gegen meine Rippen wie ein eingesperrtes Tier. Der Schweiß klebte an mir. Was immer ich in der Hand hielt, klapperte plötzlich auf den Boden – ein Küchenmesser, nass von Blut. Das Grauen verschlang meine Gedanken. Mein Blick wanderte durch den Raum – das Zimmer meines Onkels – und legte sich auf das Bett, auf dem ein Bündel unter der Decke ruhte.
Eine Leiche.
Die Laken waren rot gefärbt und stark zerrissen, mit neu entstandenen Schlitzen. Meine zitternden Hände waren damit bedeckt.
Hilfe, mein zerrissener Verstand schaffte es, sich zusammenzureißen. Wir müssen Hilfe holen. Ich drehte mich zur Tür und blieb stehen. Eine Blutspur, die in groben, nassen Buchstaben an die Wand geschmiert war, zeigte:
D A N K E
Ich habe die Polizei verständigt, aber mein Onkel war schon lange tot, bevor sie eintrafen. Ich wurde mitgenommen und verhaftet, weil ich der Einzige im Haus war. Der Einzige, der die Mordwaffe bei sich hatte. Meine Fingerabdrücke waren überall am Tatort zu finden.
In Kürze werde ich wegen Totschlags angeklagt werden. Laut meinem Pflichtverteidiger ist es das Beste, wenn wir auf Unzurechnungsfähigkeit plädieren.
Was auch immer in der Kiste war, hat sich meinen Körper angeeignet und ganze zwanzig Mal auf Onkel Davin eingestochen. Ich werde mir nie verzeihen, dass ich das zugelassen habe. Danke, hatte es mir gesagt, nachdem ich es hinausgelassen hatte.
Es tut mir leid, Onkel Davin. Es tut mir so leid, was ich dir angetan habe, und dass ich dich durch die Hölle geschickt habe.
Verzeih mir.
Bitte, verzeih mir.
Original: “Cry of the Mockingbird” von Michael Paige