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Wahrsager

Warnung vor Creepypasta

ACHTUNG: VERSTÖRENDER INHALT

Bitte beachten Sie, dass es sich bei dem folgenden Text um eine Creepypasta handelt, die verstörende Themen beinhalten kann, wie zum Beispiel Gewalt, Sexualisierung, Drogenkonsum, etc. Creepypastas sind fiktive Geschichten, die oft dazu gedacht sind, Angst oder Unbehagen zu erzeugen. Wir empfehlen Ihnen, diesen Text nicht zu lesen, wenn Sie sich davon traumatisiert oder belästigt fühlen könnten.

Der E&B Stahl fühlt sich unangenehm an. Ich richte das Hemd noch
einmal. Unruhig bewege ich mich auf meinem Platz. Um mich herum kurze
Gespräche, Leute, die sich setzen, Leute, die aufstehen. Alles grau.

Ich sitze in der zweiten Reihe. Nah genug an der Bühne. Seit einer
knappen Stunde bin ich hier, einer der ersten beim Einlass. Der
Wahrsager Maurizius, der unfehlbare Wahrsager Maurizius ist in der
Stadt.

Vor nicht einmal einem Jahr schleppte mich Julia in sein Zelt und ich
ließ mir die Zukunft vorhersagen. Er hatte mir eine Zeit lang in die
Augen gesehen und dann gesagt, dass mich meine Frau betrügen und mein
Leben in die Brüche gehen würde. Als hätte er mir vom Wetter erzählt. Am
Ende sagte er noch großspurig, dass ich die 30 Euro, die er
normalerweise nahm, ruhig behalten könnte; ich könnte sie besser
gebrauchen.

Ich glaubte nie an so etwas und tue es auch heute nicht, aber ein
Zweifel keimte trotzdem in mir auf. Missverständnisse,
Überinterpretationen und eine daraus resultierende übermäßige Angst
sorgten für den Rest. Ich trieb meine Frau in die Arme eines anderen.

Der Wahrsager sät Zweifel, zerstört Leben. Es ist keine zwei Wochen her,
als ich betrunken aus der Spielhalle zurückkam, und im Radio seine Show
angekündigt wurde. Er hatte es weit gebracht. Von Weihnachtsmärkten zu
einer eigenen Show. Und ich von einem guten Leben in eine ranzige
Einzimmerwohnung, in der ich mein Geld vertrank.

Ein paar Gespräche hier und da und es dauerte nicht lange, bis ich eine
Waffe organisiert hatte. Wenn man etwas will, bekommt man es auch.
Immer.

Ich probierte sie in einem Waldstück aus, unweit meiner ehemaligen
Wohnung. Alte Zeiten. Ich denke an die Zeit mit Julia und Justus, meinem
Sohn. Wir sind früher häufig zu Bühnenshows gegangen, Musicals,
Theaterstücke. Und dieses Arschloch hat alles zunichte gemacht – alles,
was ich geliebt habe, zerstört, alles, was ich aufgebaut habe, zerstört,
alles, was ich bin, zerstört.

Vor einem Jahr im November saßen wir noch auf der Veranda. Ich las, wie
so oft, Julia redete mit mir und wir schauten ab und an zu Justus, wie
er Ball spielte. Ich kann noch fast die kalte Herbstluft spüren, die
stechend aber dennoch angenehm war.

Die Lichter im Saal gehen aus, alle Plätze sind belegt, ausverkauft.
Einen guten Schnitt wird der Wahrsager machen. Ich einen sauberen. Der
Wichser wird nicht damit rechnen; jeder wird sehen, dass er ein
Scharlatan ist. Der gefeierte, immer Recht habende Wahrsager. Ich würde
sein Leben zerstören. Musik setzt ein. Die Bühne ist noch leer. Zwei
Frauen bringen einen Tisch herein, stellen ihn auf. Kurz darauf zwei
Stühle. Einen auf jeder Seite. Ich warte. Der Moment ist noch nicht
gekommen. Noch nicht.

Keine zwei Minuten später kommt der Wahrsager auf die Bühne. Applaus.
Die Show beginnt. Der Wahrsager verbeugt sich. Die Lichter gehen an. Am
Rand der Bühne Kameras. Dass die Show auch aufgezeichnet wird, habe ich
nicht erwartet, aber sei’s drum. Die ganze Welt darf sehen, was heute
Nacht passiert.

Ich greife noch einmal zur Waffe, kontrolliere, ob sie da ist. Der
Wahrsager lächelt ein breites Lächeln, die Musik stoppt und er lässt den
Blick durch die Runde schweifen.

„Ich freue mich, dass Sie so zahlreich zu meiner ersten Show erschienen
sind! Ich bin kein Freund großer Reden, also fangen wir gleich an. Wer
möchte zuerst?“ Dutzende Dummköpfe melden sich. Leben, die zerstört
werden. Wenn sie wüssten. Eine junge Frau wird aufgerufen. Vielleicht 15
oder 16. Ich streiche über die Waffe. Sie kommt auf die Bühne. Eine
Mitarbeiterin steckt ihr ein winziges Mikrofon an den Kragen; dann
verschwindet sie wieder. „Wie heißt du?“, fragt der Wahrsager. „Lara“,
sagt sie und lächelt debil. „Setzen wir uns, Lara.“ Sie setzen sich und
er sieht sie eine ganze Zeit lang an. „Ich sehe, du hast Angst Lara.“
Sie nickt. „Deine Eltern sind gerade nicht hier und auch sonst niemand
den du kennst.“ „Ja, das stimmt“, sagt sie etwas überrascht. „Wir können
hier ganz offen sein. Du machst dir Sorgen wegen deinem Outing, dass
deine Familie nicht akzeptiert, dass du lesbisch bist.“ Erst ist sie
überrascht, dann kullern Tränen über die Wangen. „Woher wissen Sie das?“
„Ich habe es gesehen, Lara. Und weißt du, was ich auch sehe? Sie stört
es gar nicht. Anfangs werden sie etwas irritiert sein, aber das wird
sich bald legen. Mach dir keine Sorgen.“ Sie ist erleichtert. Er steht
auf und nimmt sie in den Arm. Was für ein billiger Fake. Kinoreife
Momente müssen schon sein, wenn’s im Fernsehen kommt, denke ich bitter.

Der nächste Kandidat ist eine ältere Frau. „Nach dem Herzinfarkt im
Januar frage ich mich, ob ich dieses Weihnachten noch erlebe“, sagt sie.
Wieder hält der Wahrsager einen Moment inne. „Mach dir keine Sorgen
Martha, du wirst noch viele Weihnachten erleben. Aber Finger weg von den
Sahnetörtchen.“ Er lächelt ein breites, weißes Lächeln und sie ist auch
glücklich. Es wird Zeit. Gerade soll ein anderer ausgesucht werden, die
Dummköpfe melden sich wieder. Mein Herz schlägt schneller. Jetzt oder
nie. Jetzt oder nie!

Ich stehe auf, steige über die erste Reihe und springe halb auf den
Boden. Dann ziehe ich meine Waffe und rufe: „Jetzt bin ich dran!“ Ich
sehe, dass Securities in der Nähe sind und schon ihre Waffen ziehen.
„Alle Waffen runter, sonst erschieße ich wen!“, schreie ich und fahre
mit der Pistole durch das Publikum, bevor ich sie wieder auf den
Wahrsager richte. „Macht, was er sagt.“ Ich mache eine Handbewegung und
zeige dem Wahrsager so, dass er sich setzen soll. Ich setze mich auch,
die Waffe auf ihn gerichtet. „Gib mir das Mikrofon“, sage ich und er
zieht es ab und legt es mir in die offene Hand. Ich lasse es auf den
Boden fallen und zertrete es. Dieser Moment ist nur für uns. „Was bringt
die Zukunft, Maurizius? Komm erzähl“, sage ich. Er hält den Kopf schief
und starrt mir tief in die Augen. Er macht nicht wirklich den Eindruck
Angst zu haben. „In nicht einmal drei Minuten wirst du dir die Waffe an
den Kopf halten und dich erschießen“, sagt er trocken. Es dauert einen
Moment, doch dann springe ich über den Tisch, packe ihn und werfe ihn
auf den Boden, die Waffe auf ihn gerichtet. „Du Arschloch, du verdammtes
Arschloch.“ Mein Finger presst sich leicht gegen den Abzug und ich
halte die Pistole auf seinen Kopf gerichtet. Noch einmal nehme ich einen
tiefen Atemzug. Vor meinem inneren Auge all das was er mir genommen
hat.

Mein Finger drückt fester gegen den Abzug, doch in dem Moment, in dem
ich abfeuern will, löst sich der Druck wieder und mein Arm hebt sich,
hebt die Waffe an meine Schläfe. Was passiert hier? Ich presse das
Metall fest gegen meine Schläfe und kann nichts dagegen tun. Panik
steigt in mir auf, ich sehe mich um. Wie kann das passieren? Wie? Ich
starre den Wahrsager an, der immer noch vor mir liegt. Die Haare nicht
mehr in Form, der Anzug nicht mehr ganz glatt, aber gelassen. Noch
fester drückt meine Hand die Pistole gegen meine Schläfe und ich bin
paralysiert, unfähig irgendetwas zu tun.

Der Wahrsager steht auf; lächelnd vor mir. Ein paar Sekunden sieht er mich nur an. Dann sagt er:

„Ich bin der Beste. Ich bin unfehlbar. Aber nicht weil ich Zukunft voraussage. Ich erschaffe sie.“

Ich drücke ab.

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