LangePsychologischer Horror

ʘ‿ʘ

Warnung vor Creepypasta

ACHTUNG: VERSTÖRENDER INHALT

Bitte beachten Sie, dass es sich bei dem folgenden Text um eine Creepypasta handelt, die verstörende Themen beinhalten kann, wie zum Beispiel Gewalt, Sexualisierung, Drogenkonsum, etc. Creepypastas sind fiktive Geschichten, die oft dazu gedacht sind, Angst oder Unbehagen zu erzeugen. Wir empfehlen Ihnen, diesen Text nicht zu lesen, wenn Sie sich davon traumatisiert oder belästigt fühlen könnten.

Guten morgeeeeeeeeeen! °˖✧◝(⁰▿⁰)◜✧˖°

Hast du gut geschlafen?

Die grellen Worte auf dem Flachbildschirm schienen mich zu verspotten, doch nach meiner gesamten Zeit hier hatte ich gelernt, dass ihm sämtliche Gefühle abgesehen von Langeweile vollkommen fremd waren und Anstoß an seiner unpassenden Begrüßung zu nehmen somit sinnlos wäre. Ich verübelte ihm die strahlend weißen Buchstaben, die so grob durch die vorherrschende Dunkelheit schnitten, obwohl ich es eigentlich besser wissen müsste; nur aufgrund des Ortes, an dem sie so medisant prangten. Der kahle, dreckige Raum war ein krasser Kontrast zu dem sicher nicht ganz billigen Gerät, dessen Durchmesser meine gesamte Körperlänge übertraf. Und ich saß genau davor. Umgeben von Abfall, konfrontiert mit Luxus.

Auch wenn er sich nicht über mich lustig machte: Diese ganze Situation schien einen einzigen, humorlosen Witz darzustellen, und das machte mich verdammt nochmal wütend.

Ich war an einen einfachen Holzstuhl gefesselt, meine Glieder wund von dieser schon vor Stunden eingenommenen Position und meine Gelenke aufgescheuert von den Kabelbindern, die mich an diesem Platz hielten. Es gab keine einzige Stelle an meinem Körper, die nicht geschunden war und meine Nahrungsverweigerung hatte mich immer dünner werden lassen. Man konnte bestimmt meine Rippen sehen, wenn man den Verband löste, unter dem eine meiner schlimmsten Verletzungen ruhte. Ich atmete ein und fühlte, wo genau sie sich befand, da bei jedem einzelnen Atemzug ein brennender Schmerz durch mich jagte, der erst tief in meiner Brustgegend endete. Oder zu enden schien. Er verschwand nie gänzlich.

Vom Schreien, Betteln und um Hilfe rufen war meine Stimme mittlerweile rau, fast gebrochen. Das „Fick dich“, das ich ihm am liebsten mit einer Granate an den Kopf geworfen hatte, war nun höchstens ein mitleidserweckendes Röcheln. Aber er kannte kein Mitleid und ich verfluchte mich für meine eigene Schwäche.

Der Bildschirm wurde kurz schwarz.

Dann leuchteten neue Zeilen auf.

Du bist so eine Spaßbremse, das ist ja unerträglich.

So eine richtige, menschliche Personifikation von Periodenkrämpfen.

Ich hätte jemand anderen entführen sollen. ( -ε – )

Ja, verdammt. Er hätte jemand anderen entführen sollen.

Am liebsten hätte ich mich jetzt wieder gekrümmt nach vorne fallen lassen – zumindest so weit es meine Knebel mir erlaubten, um mich dann noch eine Weile ausruhen zu können. Doch ich zwang mich dazu, meinen Kopf in den Nacken zu legen und mein Bewusstsein aufrechtzuerhalten. Egal wie sehr meine Augen vor Erschöpfung brannten, ich durfte meinen Blick nicht von dem Display abwenden. Es endete nie gut, wenn er das Gefühl hatte, dass man ihm keine Aufmerksamkeit schenkte.

Ok, du hasst mich, du kannst mich nicht ausstehen, blablabla.

Das ist doch nur verständlich, schließlich bist du ja noch mitten in der Pubertät, Kleines. (ಡ艸ಡ)

Aber ich geb‘ dir etwas Schönes (deiner Definition nach), wenn du sagst, dass du mich liebst.

Hmmm, wie klingt das? ԅ(≖‿≖ԅ)

Früher hätte ich ihm mit einem schier endlosen Strang an Beleidigungen und Verwünschungen geantwortet, aber ich hatte dazugelernt. Nun wusste ich es besser. Trotzdem musste ich mir meine Zähne in die Unterlippe bohren, bis ich Blut schmeckte, bevor ich die Worte tatsächlich aus meiner geschundenen Kehle brachte, die mich noch mehr anwiderten, als ich mich selbst.

„Ich liebe dich.“

Es klang erschreckend ehrlich.

Warum klang es so verdammt ehrlich?

Wieder veränderten sich die Buchstaben vor mir und ich zwang mich, meine Gedanken in die hinterste, bis zum zerbersten gefüllte Ecke meines Verstandes zu schieben, um mich später damit zu befassen. (Es wurde nie später.)

(。• . •。)

Lass uns lieber Freunde bleiben.

Ich wollte weinen.

(ノ^∀^)ノ Lol, siehst du, was du gekriegt hast? Eine Abfuhr! Das ist doch witzig!

Es waren keine Tränen mehr übrig.

Meine Stirn war gerunzelt, während ein kleines Rinnsal von Blut sich den Weg von meinem Kinn hinab bis zu meinem Hals bahnte, und sich dort dann in einem der zahlreichen Verbände verfing. Ich hatte mich an den metallischen Geschmack gewöhnt, doch er schien jedes Mal eine neue Reaktion auf meine Wunden zu zeigen. Dieses Mal erschien es mir beinahe wie Reue. Wenn ich ihn durch mein Ausgeliefertsein nicht schon so gut gekannt hätte, wäre ich vielleicht sogar darauf hereingefallen.
Ich biss noch fester in das weiche Fleisch zwischen meinen Zähnen.
In Sekunden erschienen die nächsten Worte auf dem Bildschirm.

Ok, ok. Entspann dich. Du bekommst dein Geschenk ja schon.

Sei mal nicht so hysterisch. (╥_╥)

Irgendwo hinter mir öffnete sich etwas. Da er stets dafür sorgte, dass ich mich nur dem Bildschirm und nicht meiner gesamten Umgebung zuwenden konnte, wusste ich nicht genau, worum es sich handelte. Es knarrte definitiv, schien sich jedoch nicht um eine herkömmliche Tür zu handeln, obwohl jemand definitiv den Raum betrat. Vielleicht eine Falltür? Wäre nicht unwahrscheinlich, die Wände hier waren aus Stein geschlagen worden und es gab keine Fenster. Noch dazu war die Luftfeuchtigkeit hoch genug, um das Atmen zu erschweren, da der schwere, kühle Sauerstoff sich wie eine zweite Schicht auf meine Lungen gelegt hatte.

Er trat hinter mich und legte seine Hand in einer intimen Geste auf meine Schulter. Vor ein paar Wochen hätte ich noch versucht, sie ihm mit Hilfe meiner Zähne abzureißen. Jetzt wusste ich, dass es keinen Zweck hatte. Ich war am Stuhl befestigt. Der Stuhl war auf dem Boden befestigt. Meine letzte Gegenwehr gegen ihn hatte mich einen weiteren Finger gekostet.

Ich fühlte, wie etwas meinen rechten Unterarm hinabstrich und sich immer weiter meinem auf der Sitzlehne festgebundenem Handgelenk näherte, woraufhin meine angeborene Reaktionsweise das Zurückzucken verlangte und sich eine Gänsehaut über meinen Rücken hinweg ausbreitete. Nur unter Anstrengung konnte ich meinen Körper daran hindern, auf Geheiß eines Instinkts zu reagieren, der mich von noch mehr Gliedmaßen trennen würde. Nächstes Mal wäre gleich mein ganzer Arm weg, hatte er versprochen.

Ein Gegenstand wurde zwischen den Kabelbinder und meine Hand geschoben. Spätestens, als der Schmerz und eine dickflüssige Masse meinen Arm hinabrannen, wusste ich, dass es sich um sein Lieblingsspielzeug handelte: Ein Messer.

Er befreite meine Hand, indem er den in jeglichem Baumarkt erhältlichen Knebel mit einer an Ironie grenzenden Leichtigkeit löste, und das nun natürlich unbenutzbare Material achtlos hinter sich auf den Boden fallen ließ. Meine Hand ballte sich automatisch zu einer Faust und wollte sich ihm schon nach Sekunden der Freiheit in die Visage bohren, doch derselben Hand fehlte bereits ein Mittelfinger, der Anderen zudem Zeige- und Ringfinger. Ich wollte nicht noch mehr verlieren.

Meine Nägel waren mir schon in den ersten paar Tagen, die ich hier hatte verbringen müssen, genommen worden, also konnte ich sie mir nicht mehr fest genug in die Haut drücken, um mich durch den Schmerz abzulenken. Meine bereits aufgesprungene Lippe musste weiterhin herhalten. Und dann verfingen sich mein Blick an dem grausamsten seiner Streiche, die mir hier jemals widerfahren waren: Der Tatsache, dass meine Wunden sauber und ordentlich umsorgt, sogar verbunden worden waren, sobald ich mal wieder aus einer meiner Ohnmächte erwachte, egal wie beschmutzt er mich zuvor zurückgelassen hatte.

Es war stets die Ohnmacht, nie der Schlaf.

Ich konnte nicht mehr schlafen.

Ich durfte nicht mehr schlafen.

Meine Augen wären zugeklappt, wenn er mir davor nicht irgendeinen merkwürdig geformten Gegenstand in den Schoß gelegt hätte. Ich wollte ihn nicht ansehen, also hielt ich meinen Kopf stur geradeaus auf den derzeit deaktivierten Bildschirm gerichtet. Sein Anblick war in seiner lächerlichen Normalität beinahe schlimmer als das, was er mir antat, also konnte ich mich nicht dazu bringen, ihn aus eigenem Willen zu betrachten. Er sprach nie auf herkömmlichem Wege mit mir. Die einzige Form der Kommunikation, die ich von ihm gewöhnt war, war ein Haufen von Buchstaben gebildet aus einem Haufen von Pixeln, oder ein kurzer Körperkontakt, der nicht so beruhigend sein sollte, wie er zuweilen war.

Die Hand löste sich von meiner Schulter und seine Silhouette wanderte neben den Bildschirm. Er lehnte sich locker dort gegen die Wand, als die nächsten Worte aufloderten und ich versuchte zu ignorieren, wie ich sein Gewicht auf mir bereits vermisste.

Wer von uns war der wahre Psychopath?

Du hast 5 Versuche.

Du solltest dafür sorgen, dass sie zählen. (づ ̄ ³ ̄)づ

Dieser eher kryptische Satz verweilte einige Zeit über auf dem Display, sodass ich Zeit hatte, um mich und meine wirren Gedanken, sowie das unbestimmte Bedürfnis meinen Kopf sporadisch gegen eine Wand zu schlagen, wieder ein wenig zu sammeln. Ich nahm den Gegenstand aus meinem Schoß in die Hand. Das Material war eiskalt, obwohl es vor Sekunden noch in seiner Hand gelegen hatte.
Ich starrte das Objekt verwirrt an.

Worauf wartest du? ╮(─▽─)╭

Sie ist entsichert.

Meine Hand zitterte, während mir Tränen in die Augen stiegen, die ohnehin nicht hervorkommen würden. Es war so grausam, wieder Hoffnung zu fühlen, wenn man diese gerade erst aufgegeben hatte, da das klaffende Loch in meinem Inneren, welches jetzt so prompt wieder gefüllt wurde, nicht genug Platz für eine derart starke Empfindung bereitstellen konnte. Die Wärme, die dem Gegenstand in meiner Hand fehlte, flammte prompt in meiner Brust auf.

Und die Waffe, die in dem dimmen Licht des Raumes glänzte, raunte mir heimliche Versprechen zu.

Ich legte sie kurz abermals ab, um meine von ihm frisch gewaschenen Haare aus meinem Blickfeld zu streichen, nahm die Glock jedoch in Sekunden wieder an mich und presste sie fest gegen meinen Oberkörper, aus Angst, er würde mir diese schleichende Hoffnung wieder nehmen, gehässig wie er war. Es lag ein wenig fremd zwischen meinen fehlenden und vorhandenen Fingern, weswegen ich das merkwürdige Gewicht erst ein wenig wog, bevor ich die Pistole anständig ergriff. Eines der seltsamsten Gefühle, die ich je verspürt hatte, war definitiv das Fehlen meines Mittelfingers neben meinem Zeigefinger, die normalerweise immer mal wieder aneinandergestoßen wären.

Ich richtete den Lauf auf das einzige, logische Ziel, nur leider musste ich ihn dazu auch ansehen.

Ein vollkommener Durchschnittstyp mit braunen Haaren, dessen halbes Lächeln in den Schatten selbst einem Toten die Gänsehaut über den Rücken gejagt hätte, sah mir mit einem irren Funkeln in den Augen entgegen, das man nicht bemerkt hätte, wenn man es nicht schon so gut kennen würde. Er war ein ziemlich gutaussehender, aber dadurch irgendwie gewöhnlich wirkender junger Mann, was in einem so scharfen Kontrast zu seinem tatsächlichen Wesen stand, dass ich mich manchmal fragte, ob ich mir seine Schönheit nur im Delirium eingeredet hatte. Damals, als ich noch ein normales Mädchen mit normalen Problemen gewesen war, wäre er genau mein Typ gewesen. Und nun musste ich mich fragen, ob er das auf eine verquere Weise nicht noch immer war.

Mein Ziel war seine Stirn.

Natürlich wäre es zudem möglich, auf den Bildschirm zu schießen, doch wie gesagt: Er mochte es nicht, wenn diese Art der Kommunikation ihm nicht mehr zugänglich war, und wirklich bringen würde es mir ohnehin nichts. Außerdem war ich kaum rational genug, um eine andere Lösungsmöglichkeit auch nur zu überdenken oder überhaupt in Betracht zu ziehen. Mir wäre in der kurzen Zeit, die mir zur Verfügung stand, ohnehin keine bessere Vorgehensweise eingefallen. Also hob ich den Arm und drückte eher unzeremoniell ab.

Wow, ich dachte, du wärst Pazifistin.

Es ist nicht gut, dass du so bereitwillig mit einem Menschenleben spielen kannst.

Fühl dich ermahnt. (。。;)\(-_- )

Ich hatte noch nie in meinem Leben – weder dem Vorherigem noch dem Jetzigem – eine Waffe bedient, weswegen der Abstand zwischen der Einschussstelle und seinem Körper einige Zentimeter betrug. Außerdem hatte mich der Rückstoß so überrascht, dass mir meine Waffe beinahe aus der Hand gefallen wäre, was nicht nur peinlich, sondern womöglich auch tödlich hätte enden können. Seine Leichtsinnigkeit überraschte mich nach einer kurzen Weile des Überlegens beinahe. Natürlich hatte ich ihn verfehlt, dieses Ergebnis war bei meinem ersten Versuch zu erwarten, doch tatsächlich war nicht so viel Zwischenraum übrig, wie ich es eigentlich erwartet hätte. Außerdem war ich im Vorteil, denn jetzt wusste ich, dass ich ein wenig höher und weiter nach links zielen musste. Warum handelte er so entgegen sein eigenes Interesses? Es wäre doch schön blöd, wenn-

Mein Blick verschwamm, Hunger und Schmerz trafen mich vollkommen unangekündigt, sodass sich mein Körper automatisch in die Richtung dieser unangenehmen Empfindungen krümmte. Zeitgleich mit meinem Finger. Der nächste Schuss verfehlte sein Ziel um einiges weiter, als sein Vorgänger, und als ich wieder halbwegs bei mir war, verfluchte ich mich schon für dieses idiotische Verschwenden einer wertvollen Kugel.
Er lächelte weiterhin stoisch.

Dieses Mal war ich wieder in Kontrolle. Mit gestrafftem Rücken, bei dem sich meine Verletzungen unangenehm meldeten, und mit zusammengebissenen Zähnen schoss ich abermals auf meinen lebenden Übungsdummy, der keine der gewöhnlichen Reaktionen eines Lebewesens aufzubieten hatte. Ich verfehlte mein Ziel um eine Haaresbreite. Das neue Loch prangte neben seinem fast liebenswürdig verwuschelten Haarschopf, doch er zuckte nicht einmal einen einzigen Millimeter zurück. Verdammt, er blinzelte ja nicht einmal. Auch das allgegenwärtige Lächeln blieb in seine Gesichtszüge gemeißelt.

Uh, das wird ja richtig spannend. (。ŏ_ŏ)

Ob du das nächste Mal wohl wirklich einen Treffer landen kannst?

Langsam begann der rationale Teil meines Verstandes wieder zu arbeiten, woraufhin sofort sämtliche deaktiviert geglaubte Alarmglocken in meinem Inneren in lautstarkes Schellen verfielen. Warum sollte er mich so etwas bereitwillig tun lassen? Er war wahnsinnig und dadurch stets auf irre Beschäftigungen gekommen, doch er handelte stets in seinem eigenen Interesse. Selbstzerstörung war einfach nicht sein Stil, weswegen mich diese ganze Situation eigentlich von Anfang an hätte stutzig machen müssen; besonders, da er mir bis jetzt nicht einen einzigen, anständigen Gefallen getan hatte. Das umsorgen meiner Wunden könnte nämlich auch nur eine elegantere Lebenserhaltungsmaßnahme darstellen.

Ich hätte die Waffe beinahe sinken lassen, doch neue Worte, die mir durch die Dunkelheit hinweg entgegenleuchteten, hinderten mich an dieser Handlung – er hatte mein Zögern wohl bemerkt. Wir kannten uns gut. Auf eine schrecklich düstere Weise.

Ein Schuss in den Kopf ist ein Schuss in den Kopf.

Das überlebt niemand.

Nicht einmal jemand, der so gutaussehend ist, wie ich, lol. (。•̀ᴗ-)✧

Er hatte mir soeben unmissverständlich mitgeteilt, dass er trotz all der seltsamen Umstände, die ihn stets umgaben, sterblich war. Er war nicht menschlich, und es gäbe wohl keine Person, die weiter von einem Menschen entfernt wäre, doch er konnte allem Anschein nach dennoch das zeitliche segnen. Mehr Motivation benötigte ich ehrlich gesagt nicht, obgleich mir klar war, dass man seine Worte meist nicht auf eine goldene Wage legen konnte.

Ich schoss, und ich traf.

Sein Lächeln blieb.

Seine Haltung blieb.

Das Einzige, das sich änderte, war die Farbe seines grauen Oberteils, als sich eine Fläche um ein Loch in der Gegend seiner linken Schulter verdächtig dunkel färbte. Tatsächlich schämte ich mich erst eine ganze Weile später über das Erfolgserlebnis, das mich nach diesem Moment gepackt und beinahe in eine weitere Ohnmacht gerissen hätte. Doch es fühlte sich so an, als wäre ich meiner Freiheit nicht nur einen Schritt, sondern einen ganzen Kilometer nähergekommen; so als könnte ich um die nächste Ecke laufen und mich in dem Haus und den Armen meiner Eltern wiederfinden…, die die Suche nach mir womöglich schon längst aufgegeben hatten.

Zwei Jahre waren eine lange Zeit.

Uh, niceeeeeeee! Ich gebe 7/10. °˖✧∩(◎ヮ◎∩)✧˖°

Er war nicht menschlich. Er konnte über einen Bildschirm kommunizieren, ohne es mit irgendeinem anderen technischen Gerät zu verbinden. Er konnte eine Masse an Kraft aufwenden, der selbst massive Betonpfeiler nicht trotzen konnten, egal wie durchdacht sie konstruiert worden waren. Er war ein Wesen, das schon lange durch die Weltgeschichte torkelte, sodass unser alltäglich regelkonformes Leben ihn irgendwann nicht zu Tode, sondern zu Morde gelangweilt hatte; zumindest hatte er es mir so erklärt und immer wieder durch seine unfassbaren Taten bewiesen, wenngleich es an sich eine eher bescheuerte Entstehungsgeschichte hinter einem so kaltblütigen Psychopathen ruhen ließ.

Aber ein Schuss in den Kopf war ein Schuss in den Kopf.

Die Chancen, dass ich ihn tatsächlich derart tödlich erwischen würde, standen entsetzlich gering und deutlich zu seinen Gunsten. Sobald ich ihn verfehlte, war auch dieses kleine Spiel vorüber, woraufhin sich womöglich nie wieder eine derart verlockende Möglichkeit bieten würde, und ich ihm wieder ohne eine einzige Möglichkeit der Gegenwehr in die Hände viel. Ohne meine Hoffnung, die dieses Mal mehr als nur ein Loch in mir zurücklassen würde.

Es war seltsam, doch meine Hoffnung starb in diesem Moment nicht. Sie veränderte sich nur, ging einher mit einer Resignation, die ich nie von einem Sturkopf wie meinem gekannt, nicht einmal in tausend Jahren erwartet hatte.

Ich konnte ihn nicht töten.

Ich würde ihn nicht töten.

Sein Lächeln verrutschte zum ersten Mal, als er sah, wozu ich ansetzte, und seinen Kopf hastig schüttelte. Er machte mit einem beinahe panischen Funkeln in den Augen einen Schritt auf mich zu und wollte seinen Arm mit der verletzten Schulter ausstrecken, die ihn jedoch prompt an dieser Bewegung hinderte. Ohnehin war er zu weit weg, um mich aufzuhalten, wenngleich seine übermenschliche Art es ihm erlaubte, mich binnen einer Millisekunde schon fast erreicht zu haben.

Der Lauf war von den Schüssen gewärmt und beinahe heiß an meiner Schläfe.

Ich drückte ab.

Ein Klicken erklang.

Es breitete sich ein dumpfes Rauschen in meinen Ohren, binnen Sekunden in meinem ganzen Körper aus. Meine Hand fiel schlaff an meine Seite und die Waffe kam mit einem leisen Klacken auf dem Boden auf, das in der abrupt aufgetretenen Ruhe des Raumes aber beinahe ohrenbetäubend war. Eine Flüssigkeit lief meine Wangen hinab, während sich meine Körperspannung in das Nichts auslöste, aus dem ich eines Tages einmal entstanden war, und sich die Welt für eine kurze Weile nicht mehr zu drehen schien.

Der Bildschirm wurde schwarz.

Nur für einen Moment.

(°ㅁ°)‼

Oh…

ヾ((●>□<)ノ*:..。o○SOЯЯЧ○o。..:*ヽ(>□<●))ノシ

Es tut mir wirklich, wirklich total Leid, Kleines.

Ich…

Ach du Schande.

..

.

Ich hab‘ mich versehentlich verzählt. (~ ̄▽ ̄)~

„Scheint so.“, bestätigte ich.

Meine Hand zitterte, meine Tränen, die so lange hinter meinem Brustbrein geruht hatten, schienen mich regelrecht zu verbrühen. Ich begann, bitterlich zu weinen, während das alte Grinsen wieder auf seinen Gesichtszügen Platz nahm. Er strich mir sanft, beinahe liebevoll über den Kopf (wobei ich mich aus irgendeinem kranken Impuls in die Berührung lehnte), als er nach vollendeter Arbeit wieder hinter mich trat und wieder irgendetwas öffnete. Ich erwischte mich dabei, wie ich ihn anbetteln wollte, nur ein einziges Mal zu bleiben. Wir könnten so tun, als würde er mich nicht gegen meinen Willen festhalten, und als hätte ich noch genug Menschlichkeit übrig, um niemals eine geladene Waffe auf etwas Lebendiges richten zu können. Doch er hatte mich schon wieder gebrochen. Es war nicht das erste Mal. Ich war es gewöhnt.

Die Sätze auf dem Bildschirm verlangten wieder meine gesamte Aufmerksamkeit.

Ruh dich nicht zu lange aus, Kleines.

Ich bin gleich wieder zur Stelle. ( ̄▽ ̄人)

*

Man gewöhnt sich an die Schläge. Man gewöhnt sich auch an die Folter. Doch ich hatte mich nie an seine Spielchen gewöhnt. An den kranken Humor, den er nur mit sich selbst teilte. Den physischen Schmerz konnte man mit genug Übung beinahe verdrängen, sodass nur noch ein dumpfes Pochen zurückblieb. Doch das, was er mit seinen Worten anrichten konnte, blieb immer wieder aufs Neue vernichtend, denn jedes Mal aufs Neue ging ein Stück meiner Selbst abhanden.

Wo hättest du den Schnitt heute gerne? 「(゚ペ) ??

Er hatte sein T-Shirt gewechselt, doch es wirkte nicht so, als wäre seine Schulter unterhalb des ziemlich dünnen Materials verbunden. Ohnehin schien er sich mittlerweile wieder ohne die geringste Einschränkung zu bewegen, während ich schon nach einem kleinen Schnitt kaum mehr gerade sitzen konnte und mittlerweile fast dauerhaft an einem IV hing, wenn es ihm mal wieder in den Sinn kam, diesen auszuwechseln. Ich schluckte und versuchte mich daran zu erinnern, wo nochmal die wenigsten Nerven waren. Wo genau man nochmal am wenigsten Schmerz empfinden konnte, ohne dass wichtiges Gewebe unwiderruflich verletzt wurde. Dieses Spiel hatten wir schon eine ganze Weile nicht mehr gespielt.

Mach hinne!ヽ(#゚Д゚)ノ┌┛Σ(ノ´Д`)ノ

Sonst muss ich wieder einen Ort aussuchen, und dann heulst du den ganzen Tag rum.

Ich erinnerte mich an den Schnitt zwischen meinen Rippen, der mit jedem Atemzug brannte, weswegen mein erster Impuls war, einfach irgendein Körperteil hervorzuwürgen, das mir auf die Schnelle in den Sinn kam, um einer möglichen Bestrafung von seiner Seite zu entgehen. Doch meine Kehle verweigerte mir den Dienst, wenngleich man ihm mittlerweile ansehen konnte, dass er immer ungeduldiger wurde. Und das war gefährlich. Seine Launen waren nur schwer zu überleben, und wenn sie ihn überkamen blieb der Bildschirm normalerweise unbenutzt. „Los“, befahl ich mir selbst, „Sag endlich irgendetwas. Zum Beispiel Schienbein – dort müsste der neuste Schnitt schon vernarbt sein.“

„Nicht heute.“, sagte eine Stimme stattdessen, die so viel fester klang, als die, die ich eigentlich für meine Eigene gehalten hatte.

„Ich hab‘ heute keinen Bock auf den Dreck. Verpiss dich doch einfach.“

Für eine Sekunde schien ich meine verlorenen Finger wieder zu spüren, so als wollte mich mein Körper daran erinnern, was mir meine Respektlosigkeit bereits abverlangt hatte. Aber einen anderen, viel müderen Teil meiner Selbst interessierte das nicht im Geringsten. Dieser Teil saß dem Bildschirm kerzengerade gegenüber, wartete auf das Urteil und hoffte beinahe, dass er endlich – wenn auch leidend – sterben würde.

Σ(‘◉⌓◉’) ??

Es ist eine Sache der Höflichkeit, anständig auf eine Frage zu antworten, meinst du nicht auch?

Ich spuckte meine Worte regelrecht aus, in einer Lautstärke, die ich gar nicht mehr für möglich gehalten hätte.

„Na dann schlitz dir doch deine eigene Kehle auf, du gottverdammtes Stück Scheiße.“

Natürlich folgte diesem Ausbruch von meiner Seiten sofort eine noch viel lautere Stille, die so schwer auf mir lastete, dass ich regelrecht fühlen konnte, wie mir die Luft und der Mut wieder ausgingen. Woher auch immer ich diese plötzliche Kraft geschöpft hatte: nach der Provokation war sie aufgebraucht und ich wieder auf mich alleine gestellt. Ein kleines Mädchen, das womöglich nicht einmal mehr von selbst stehen konnte, hatte sich soeben mit ihrem mutmaßlichen Entführer, den selbst ein Schuss in die Schulter nicht weiter aus der Ruhe brachte, angelegt. Das erste Mal seit Monaten. Das letzte Mal vor Monaten. Ich wartete äußerlich ruhig und gesammelt, innerlich jedoch schon der Panik verfallen auf seine Reaktion.

Dann geschah etwas, das mein Herz kurzzeitig einfach aussetzen ließ.

Er lachte.

Es war ein fröhliches, ehrliches Lachen.

Die Sorte, bei der man den Kopf zurückwarf, seinen Oberkörper umklammerte, da man das Gefühl hatte, sonst auseinanderzubrechen, und irgendwann vor Sauerstoffmangel nicht einmal mehr einen anständigen Ton hervorbrachte, deswegen stumm die Luft aus seinem sperrangelweit geöffnetem Mund fließen ließ. Ich bereitete mich darauf vor, ihn mit allem was ich noch hatte zu bekämpfen, falls er mich umbringen sollte. Egal wie dringend ich sterben wollte: Kampflos würde ich ihm mein Leben niemals überlassen.

Er sah mich aber einfach nur an und lächelte.

Die Liebe in seinen Augen war unmissverständlich und blendete mich.

Dein Wunsch sei mir Befehl, Prinzessin.

Bibidi-babidi-bu✩°。⋆⸜(ू˙꒳˙ )

Er schnitt mit einer einzigen Bewegung sauber durch seinen eigenen Hals und stürzte eher antiklimaktisch zu Boden, wo sich Momente später bereits eine kleine Lache seines eigenen Bluts gesammelt hatte.

Der Bildschirm wurde schwarz.

In den nächsten Minuten, die ich brauchte, um nicht einfach aufzuhören zu atmen, flammte er nicht wieder auf.

So ein faszinierender Anblick. Doch ich ertrug ihn nicht Länger und wandte betreten den Blick ab, während ich verzweifelt versuchte zu realisieren, was sich da gerade vor meinen Augen abgespielt hatte.
Ich fragte mich, ob ich mein Leiden schon von der ersten Sekunde an hätte beenden können. Ob ich beim ersten Durchlauf dieses „Spiels“ schon hätte entkommen können, und welche anderen Möglichkeiten sich noch geboten hatten, um ihn zu solch einer scheinbaren Verzweiflungstat zu bewegen. Oder ob er erst in letzter Zeit auf diese Idee gekommen war und so vielleicht für seine Verbrechen büßen wollte? Dann gab ich diese Gedanken jedoch schon wieder auf. Es hatte keinen Sinn.

Die Kabelbinder durch meine eigene Anstrengung aufzutrennen nahm so viel Zeit in Anspruch, dass ich ihn langsam verwesen riechen konnte. So wie sie gegen mich gescheuert hatten, scheuerten sie auch gegen den Stuhl, sodass es nur eine Frage der Zeit und meines Durchhaltevermögens war, wann und ob sie sich lösen würden. Obwohl ich einige Male dabei in Ohnmacht fiel schaffte ich es in einer gefühlt recht kurzen Weile. Meine innere Uhr versprach mir, dass nicht mehr als ein Tag vergangen war, wenngleich sein Geruch dieses Versprechen lügen strafte, jedoch war es im Grunde genommen auch vollkommen unwichtig. Mit einer befreiten Hand war es einfacher, auch die andere von ihren Fesseln zu trennen. Mit zwei befreiten Händen dauerte es kaum mehr eine Minute, bis ich das Messer an mich genommen und meine restlichen Knebel endlich gelöst hatte. Und wirklich: Es war ein seltsames Gefühl, keinen Druck mehr um meine Gelenke zu verspüren, die nun lediglich von kühler Luft umschlossen waren. Außerdem war es bereits längst Zeit zu gehen.

Ich hatte recht gehabt. Es handelte sich um eine Falltür. Sie war in der Decke eingelassen worden und in einem sehr guten, sogar geölten Zustand verblieben. Es war anstrengend, die steile Wendeltreppe, die als einzige empor führte, zu erklimmen. Ich musste mich auf allen Vieren hochhieven, was ich aus irgendeinem bescheuerten Grund als völlig inakzeptabel und unter meiner Würde erachtete, welche die letzten Monate über nicht einmal für eine einzige Stunde existiert hatte. Doch der Gedanke, endlich diese Hölle hinter mir lassen zu können, trieb mich weiter voran als jedes noch so potente Dopingmittel es je gekonnt hätte.

Ich ignorierte die nagende Stimme, die mir erklärte, dass diese Hölle nun ein Teil von mir war, und schob sie in den hintersten, nun über das Zerbersten hinweg gespannten Teil meines Verstandes. Ich hatte Glück: Er hatte nach seinem Eintreten nicht abgesperrt.

Endlich brach ich aus dem ewigen Dunkel meines Lebens in gleißende Helligkeit, und atmete einmal tief durch.

Die Sonne begrüßte mich als Erste.

Ich hatte sie vermisst.

*

Ein Körper, der sich abrupt aufsetzt.

Ein Bildschirm, der aufflackert.

ʘ‿ʘ

Dann taucht der Raum wieder in bodenlose Dunkelheit.

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